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Vom Aschenputtel

Eine Märchenmeditation


Verlorene Yin-Kraft

„Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank…“. Wie immer in der Märchenlektüre ist bereits der Beginn des Märchens absolut bedeutsam. Der zu Beginn des Märchens noch reiche Mann ist nicht nur im Außen reich an Gütern und materiellem Besitz, sondern in seinem Innern. Dieser Reichtum manifestierte sich im Außen, wandelt sich aber mit der Krankheit der Ehefrau. Wenn wir das Individuum als Ganzheit denken und die als getrennt auserzählten Figuren als integrale Bestandteile des Individuums sehen, wäre der Anfang des Märchens so zu lesen, dass einem vormals reichen, weil vollständigen Manne die Yin-Qualitäten des Mitgefühls und der Wertschätzung kranken und verlorengehen. Von den Konsequenzen dieses Verlustes erzählt das Märchen und von der Wiedererlangung der Vollständigkeit in der nächsten Generation. Es erzählt davon, was passiert, wenn einem reichen Manne die Frau krank wird, wenn also einem vormals vollständigen Mann etwas geschieht, dass sein Yin in allen Aspekten von Präsenz, Mitgefühl und Wertschätzung krankt und blockiert wird. Eine kaltherzige neue Ehefrau wird einziehen, die mit dem noch vorhandenen äußeren Wohlstand und der zugleich schon vorherrschenden inneren Leere in Resonanz gehen wird. Andererseits wird die innere Leere des Mannes ihn seiner Präsenz und seines Mitgefühls für die Vorgängen in seinem Haus, also in seinem Innern, vollständig berauben. Diese mangelnde Präsenz, die in der Märchenforschung als Abwesenheit des Vaters bezeichnet wird, macht die verhängnisvollen Geschehnisse erst möglich. Der in seiner Aufmerksamkeit und Wahrnehmung abwesende Vater, dem in der Folge auch Unterscheidungsfähigkeit, Konsequenz und Fürsorge in voller Angemessenheit der jeweiligen Situation fehlen, ermöglicht es dem Schatten erst, sich im Haus auszubreiten. Das vormals von Fülle gekennzeichnete Haus des reichen Mannes verwandelt sich durch den Verlust der internalisierten Mutterliebe und Yin-Kraft in die Ärmlichkeit einer reinen Materialansammlung. In den Fokus der Erzählung und damit ins Bewusstsein gelangt nur die Herstelle mit der kalten Asche. Der Asche ist das Feuer ein vergangenes Element. Fortan fehlen die Liebe und die Wärme und stattdessen halten Neid, Missgunst, Eifersucht und Habgier Einzug und sind Kompensationsversuche gegenüber dem Mangel. Das alles geschieht dem reichen Manne, dem die Frau krank wird. Erzählt wird die Geschichte seines (inneren) Kindes, das infolge der nun nicht mehr an die Yin-Kraft angeschlossenen und darum fehlgeleiteten Yang-Kraft der reinen Rationalität leidet, sich aber auch über den Mangel erhebt, ihn überwindet und in die eigene Vollständig (zurück) findet.


Das Problem von „fromm und gut“ und seine Auflösung

Von heutigen jugendlichen Märchenlesern wird das letzte Gespräch zwischen Mutter und Tochter, von dem der Märcheneingang berichtet, als äußerst problematisch empfunden. In der modernen Auffassung der Begriffe „fromm und gut“ wird die Bedingtheit der Gottesliebe als Grund allen folgenden Übels empfunden.

„Fromm und gut“ wird aber auch innerhalb der Märchenerzählung nicht im religiös-dogmatischen Sinn verwendet. Gemeint ist nicht die widerspruchslose Unterordnung unter eine Willkürherrschaft. Tatsächlich wird die Mutter, die hier im letzten Gespräch verspricht, die Tochter mit ihrem Geist zu umgeben, den Widerstand des Mädchens aktiv unterstützen. Sie wird die kritische Instanz im Mädchen sein, die den inneren Widerstand und die innere Stärke am Leben erhält, damit eine spätere Emanzipation überhaupt möglich wird. Sie wird die Quelle der Resilienz sein, die das Mädchen in sich selbst verankert hält. Es fallen die Tränen auf das Grab und es wird das Bäumchen auf das Grab der Mutter gepflanzt. Tränen und Bäumchen gehen gleichermaßen in die Opposition zu den realen Verhältnissen. Unter anderem wird das Bäumchen die Kleider liefern, mit denen der Widerstand gegen die Unterdrückung abgeschlossen und das endgültige Aufdecken der wahren Identität möglich gemacht wird.

Mit „fromm und gut“ ist , wie schon im „Sterntaler-Märchen“, Vertrauen gemeint, Urvertrauen sogar. Wenn das Mädchen sich der höheren Macht anvertraut, kann die höhere Macht in seinem Leben wirken. Hier wird das Kind also nicht in den Passivpol der Angepasstheit geschickt, wie die moderne Lektüre es vermutet, sondern es wird in sein Selbstvertrauen und sogar in sein Urvertrauen hineingeführt. Das sind die Dreiecksflächen des vierten und sechsten Dreiecks. Die Mutter will dazu die Yin-Kraft repräsentieren, und sie überantwortet Gott die Yang-Kraft, die dem Kind beistehen soll. Ihr Kind auf diese Art sicher, geborgen und geschützt wissend, verlässt die Mutter mit ihrem Körper die Erde und das Leben. Wenn das Mädchen nun jeden Tag hinaus zum Grab der Mutter geht, weint und dabei „fromm und gut“ bleibt, leistet es vertrauensvolle Trauerarbeit und Integration des Schmerzes in der Verbindung zwischen seinem Geist und dem Geist der Mutter.

Die gesamte Atmosphäre dieses Trauerjahres bleibt friedvoll und rhythmisch.

Unterschiedliche Arten der Trauerbewältigung

Am Ende des Trauerjahres zeigt sich dann, wie unterschiedlich die innere Entwicklung und die Bewältigung der Trauer bei Tochter und Vater von statten gegangen ist. Unbewältigtes und Verdrängtes zieht nun als Schattenmanifestation und Gegenpol ins Haus ein. Die Töchter, die die neue Frau mitbringt, sind zwei, die äußerlich schön erscheinen, innen aber leer und hohl sind.

Statt sich von der Trauer berühren und verwandeln zu lassen, hat der Vater nur die Zeit vorübergehen lassen, bis er die Lücke neu füllen konnte. Äußerlich mag den Sitten gemäß Trauer getragen worden sein, aber innerlich wurden die Gefühle verdrängt und so der Schatten genährt, statt das innere Kind mit Achtsamkeit zu versorgen. Dem Kind wurden Präsenz, Mitgefühl und die Wertschätzung seiner Gefühle versagt. Zum Schatten der Schuld- und Wertlosigkeitsgefühle geht die neu eingezogene Herrschaft der Frau und ihrer beiden garstigen Töchter in klare Resonanz. Wenn die Bosheit einzieht, hat die innere Kälte die Erlaubnis dazu gegeben. Der Strafe und Herabwürdigung steht der Pol des Schuldgefühls und der Selbstabwertung gegenüber. Es ist der Vater, dessen abwesende Yin-Kraft in Form von Präsenz und Empathie und dessen fehlgeleitete Yang-Kraft in Form eines passiven Nichtstuns (statt eines aktiven Nichttuns) den garstigen Töchtern erlaubt, sein Kind herabzuwürdigen.

Alle erdenkliche Art von Herabwürdigung findet unter den Augen des Vaters statt. Indem man den Faden rückwärts aufspult, gelangt man zum Beginn des Knäuels, dessen beide Enden jeweils das schutzlose Kind im Passivpol und die garstigen Schwestern im Aktivpol in den Händen halten.

Am Ende des Fadens steht die namensgebende Herabwürdigung. Sie nennen die neue Schwester Aschenputtel. In den Schritten davor steht die aktive Demütigung, das Entwenden der Kleider, das Vorenthalten eines würdevollen Schlafgemachs, die zur Schikane auferlegten Aufgaben im Haushalt. Wenn man die spiegelnde Sprache der Schwestern beachtet, die Aschenputtel vorwerfen, eine stolze Prinzessin zu sein, wird die Projektion sichtbar, die bereits mit der Einführung der Schwestern als „schön und weiß von Angesicht (…), aber garstig und schwarz von Herzen“ offenbart wurde. Sie behandeln ihre Stiefschwester so, wie sie sich in ihrem Innern fühlen, projizieren ihre uneingestandene Angst, von dem neuen Vater nicht wertgeschätzt zu werden, auf die leibliche Tochter. In der grundsätzlichen mentalen Abwesenheit des Vaters wird die Angst vor der Wertlosigkeit leicht aktiviert. Sie könnte aber auch schon vorher in der ebenso lieblosen Erziehung der Mutter angelegt worden sein, während die Schwestern offenbar bereits einen eigenen Vaterverlust haben verkraften müssen, sonst hätte die Mutter ja jetzt keinen Witwer heiraten können. Wo Präsenz fehlt, fehlen auch alle weiteren Yin-Qualitäten. Die Schwestern erfahren den neuen Vater als kalt und wenig zugewandt und dürften den Mangel auf sich beziehen und auch die Ursache und die Schuld für diesen Mangel bei sich sehen. So bleibt der Kreislauf des Wertlosigkeitsselbstkonstrukts aufrechterhalten. Da die Töchter schon mit diesem dunklen Wesen im Haus ankommen, dürfte davon auszugehen sein, dass sich ihr bedauerlicher Mangel an Kinderstube aus vorherigen Wert- und Lieblosigkeitserfahrungen plus den Forderungen nach prestigefördernder äußerer Ansehnlichkeit und Vorzeigbarkeit zusammensetzt. Vermutlich basiert die Imitation der mütterlichen Wertbekundung auf dem äußeren Bild der Töchter, weshalb es den Schwestern gerade so wichtig erscheint, die Stiefschwester der äußerlichen Schönheit zu berauben. In der Ansehnlichkeit und Vorzeigbarkeit konkurrieren die drei jungen Frauen um die Wertschätzung des neuen Elternpaars, ohne zu ahnen, dass beide Elterninstanzen keine Quelle der Wertschätzung sind. Beide Elternteile nehmen das jeweilige Leid ihrer Kinder nicht wahr, die Angst vor der Wertlosigkeit bei den beiden Stiefschwestern und das Erduldenmüssen der Angstprojektion auf der Seite des leiblichen Kindes des Vaters, das am Ende also zu einem Aschenputtel wird. Angst, Projektion und Leid finden unter dem leeren Blick des Elternpaars völlig unkommentiert statt.


Die Bedeutung des Bäumchens

Das Bäumchen, das für Aschenputtel zum späteren Wunschbäumchen wird, steht für die Manifestations- und Heilkraft des Kindes, die sich aus seiner Herzensverbindung mit der Yin-Kraft der verstorbenen Mutter speist. Es gelangt in Aschenputtels Besitz, als die Schwestern, nach ihren Wünschen befragt, wieder mit materiellen Werten antworten, von denen sie sich die Kompensation ihrer Minderwertigkeitsgefühle erhoffen müssen. Aschenputtel aber fühlt sich nicht minderwertig und braucht keine Kompensation. Ihre Antwort spiegelt ihre Verbundenheit mit dem Kosmos und seiner Manifestation, der Natur, wider. Sie will einen Haselreis und erhält ihn auch vom Vater, weil er ihm auf seiner Reise tatsächlich an den Hut gestoßen ist.

Die Emanzipation Aschenputtels beginnt bereits jetzt. In ihrem Innern macht Aschenputtel sich unabhängig von dem, was ihre Familie ihr zu geben bereit oder nicht zu geben bereit ist. Ihre Verbindung mit dem Kosmos ist stabil und wurde all die Jahre von ihr gepflegt. Jetzt kann sie aufblühen und erste Früchte tragen:  

Die Wunscherfüllung ist das Wirksamwerden des Selbstvertrauens, das die leibliche Mutter vor ihrem Tod in das Kind gepflanzt hatte. Indem Aschenputtel das Bäumchen pflanzt, aktiviert sie die innere Ressource ihrer eigenen Yin-Kraft und sorgt wirksam für sich selbst, lange bevor es zu den drei wichtigen Wünschen kommt, die über Aschenputtels Zukunft entscheiden. Vermutlich ist es Aschenputtels Sensibilität, die im Gegensatz zu der der Stiefschwestern lebendig und hoch geblieben ist, die den Zugang zu ihrer Yin-Kraft ermöglicht, denn immerhin ist die Sensibilität die Manifestation der Yin-Kraft. Wird die Sensibilität und Empfindungsfähigkeit nicht getötet, schneidet der Mensch sich auch nicht von seiner Yin-Kraft ab und umgekehrt. Sich von seiner Yin-Kraft abzuschneiden tötet die Empfindungsfähigkeit, gerade so, wie es dem Vater geschehen war. Aschenputtel aber weint und betet. Das Weinen ist Ausdruck ihrer Empfindsamkeit. Was Aschenputtel zutiefst empfindet und durch die Tränen zum Ausdruck bringt, ist eine innere Opposition zum Geschehen im Haus ihres Vaters. Sie identifiziert sich nicht mit der erlittenen Herabwürdigung, der Name wird also nicht Teil ihrer Identität, sondern jener Teil ihrer Empfindsamkeit, der Präsenz, Empathie und Selbstwertschätzung ist, bildet eine kritische Instanz der Bewertung und Distanzierung. Aschenputtel spaltet die Erfahrung allerdings nicht ab. Stattdessen schafft sie im Gebet eine Verbindung zu ihrem höheren Selbst und kann in dieser, von der Mutter für sie erhofften inneren Geborgenheit, auf Distanz zum äußeren Geschehen gehen. Wenn hochsensible Menschen ihre hohe Sensibilität also richtig anzuwenden lernen, indem sie echten Gefühlsausdruck und die Integration von Erfahrung zulassen, sind sie in der so entstandenen natürlichen inneren Ruhe weit besser geschützt vor äußeren Einflüssen als jedes sprichwörtliche dicke Fell, das ihnen so oft geraten wird, sich zuzulegen, ihnen je an Schutz gewähren könnte.


Beginn der Emanzipation

Nach der königlichen Einladung wird im erzählten Geschehen deutlich, dass Aschenputtel schon lange nicht mehr das Aschenputtel ist, für das man sie hält oder zu dem man sie erklärt hat – falls sie es überhaupt je war. Wir dürfen es hoffnungsvoll bezweifeln. Dem Aschenputtel-Typ der psychologischen Märchenrezeption würde man jedenfalls nicht den Mut der Hartnäckigkeit zutrauen, wie Aschenputtel ihn in den Bitten gegenüber der Stiefmutter zeigt.

Ihr Bewusstsein für ihren Wert lässt sie auch nach der ersten Absage nicht einknicken. Sie bittet also ein erstes Mal, ganz in dem Selbstwertgefühl, ebenfalls ein Recht auf den Ballbesuch zu haben. Darauf versucht die Stiefmutter sie durch Herabwürdigung in die Asche (den Passivpol) zurückzuschicken. Jetzt kommt ein erstaunlicher Zug an den Tag, der nur zu einem Menschen passt, der um seinen Wert weiß, sich darin sicher fühlt und sich aus dieser Sicherheit heraus für den eigenen Wert einsetzt:

Worauf die Stiefmutter sie einmal mehr zu schwächen versucht, und zwar aus dem Schatten der eigenen Angst heraus, ihre Töchter könnten in ihrem Wert herabgesetzt erscheinen, wenn sie sich von Aschenputtel begleiten ließen.

Aber Aschenputtel lässt sich nicht schwächen. Ohne jeden Kommentar, ohne jede Bewertung des Verhaltens der Stiefmutter, ohne weiteres Gerangel und Gezanke, macht sie einfach, was sie für richtig hält. Konsequent. Kein Zögern. Kein Hadern. Keine Selbstzweifel. Es ist die Umsetzung des Wunsches der Mutter, der liebe Gott möge ihr beistehen, selbst wenn Gott keine anderen Hände als die unseren hat in dieser Welt und wir die Hintertür schon selbst öffnen müssen:

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ steht für Aschenputtels erwachsenes Unterscheidungsvermögen: Meine Verantwortung zu mir, deine Verantwortung zu dir. Sie wird sich keinen Schuh mehr anziehen lassen, der nicht passt.


Die guten Körnlein in die Schüssel

Das ist der göttliche Beistand, um den die leibliche Mutter für das Kind gebeten hatte. Die Yang-Kraft verwirklicht sich in den Tauben, die auf Aschenputtels Bitte hin aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen. Sie aktivieren die Ressourcen der heranwachsenden jungen Frau in der Symbolik, die guten Körner in die Schüssel zu sammeln. Im Geburtshoroskop wird die rechnerische Größe des aufsteigenden Mondknotens als eine umgekehrte und daher noch leere Schale dargestellt. Dieser aufsteigende Mondknoten zeigt das Potenzial eines Menschen an, das er in dieser Inkarnation (ausgehend von einem Entwicklungsstand aus einer vorherigen Inkarnation) entwickeln kann, darf, will und soll. „Die guten Körnlein in die Schüssel“ meint also, dass das Entwicklungspotenzial nun realisiert wird, indem die notwendigen erwachsenen Ressourcen aktiviert werden. Aschenputtel bietet diese Ressourcen der Stiefmutter dar (eigentlich bietet sie sie dar, um die Stiefmutter und den von ihr verkörperten Schatten der Wertlosigkeit zu überwinden), muss aber feststellen, dass sie noch nicht stabil genug ausgebildet sind.

Im Sprichwort, das zu diesem Dreieck hier passt, würde es heißen: „Übung macht den Meister.“ Mit dem Hinweis auf das, was vermeintlich noch fehlt, verweist die Stiefmutter Aschenputtel wieder auf ihren Platz im Passivpol. Sie hat keine Kenntnis von der vorhandenen Ressource der Stieftochter und nicht die Fähigkeit, ihre weitere Ausbildung auf andere Art zu ermutigen als durch die Hindernisbildung.


Wir wachsen an unseren Herausforderungen

Die Hindernisse, die die Stiefmutter ihrer Stieftochter in den Weg stellt, werden gewichtiger. Zwei Schüsseln Linsen jetzt, und wieder in dem sprichwörtlich stiefmütterlichen Gedanken, die Konkurrenz wirksam von ihren leiblichen Töchtern fernzuhalten. Aschenputtel aber benutzt wieder die Hintertür zum Garten, bittet um Hilfe, statt in einen unsinnigen Kampf einzusteigen. Damit scheut sie keineswegs die Konfrontation, sondern entledigt sich des Seilendes, das sie als Kind in die Hand gedrückt bekommen hatte und das sie weiterhin im Konflikt halten will. Indem sie die Hintertür zum Garten öffnet, aktiviert sie ihre Yin-Kräfte und öffnet ihren Geist, hier vor allem für die Akzeptanz. Indem sie die Tauben ruft, aktiviert sie ihre Yang-Kräfte, hier vor allem die Selbstfürsorge. Dass ihre Kräfte gerade an den bereitgestellten Hindernissen wachsen, wird durch die auf die Hälfte verminderte Zeit symbolisiert, die die Tauben für die doppelte Menge an Linsen brauchen.

Auch die zweite Präsentation ihrer erstarkten Ressourcen bringt Aschenputtel keinen Erfolg im Sinne des Ansinnens, ebenfalls auf den Ball gehen zu dürfen. Ihr Erstarken wird ignoriert und es wird weiter auf ihre vermeintlichen Schwächen und Mängel verwiesen. Man will sie gar nicht erstarken lassen, um die Konkurrenz um die mögliche und zugleich limitierte Wertschätzung von Außen – durch den Vater, der für die Vergangenheit steht und jetzt auch durch den Königssohn, der für die Zukunft steht – kleinzuhalten.


Spirituelle Fähigkeiten und fehlende Antennen

Jetzt aktiviert Aschenputtel  mehr als nur ihre erwachsenen Ressourcen. Sie setzt ihre spirituellen Fähigkeiten der Meisterschaft ein. Sie gestaltet ihre Welt und ihr Leben mit allem Material, das sich ihr bietet. Und ihr bietet sich eine spirituelle Verbindung zu einer Geisteskraft, deren Quelle ganz offenbar jenseits der manifesten und erfahrbaren Welt liegt.

Der bestimmte Artikel, mit dem der Vogel bezeichnet wird, der das erste Kleid herunterwirft, deutet daraufhin, dass die beiden, Aschenputtel und der Vogel, einander gut bekannt sind. Ohne jede Hemmung oder Scheu und ohne Angst oder Selbstzweifel legt Aschenputtel das dargereichte Kleid an und geht zur Hochzeit. Weshalb Stiefmutter und Stiefschwestern sie dort nicht erkennen, liegt nicht etwa an einer gelungenen Maskierung durch das Kleid, sondern im Gegenteil an der neuen Authentizität der jungen Frau, für die die bisherige Familie in ihrem Schattendasein keine Antennen hat. Die Stieffamilie sieht nur durch die Brille der limitierten und limitierenden Selbstbildkonstruktionen und deren Projektionen. Sobald sie die Wahrheit präsentiert bekommen, sehen sie nichts mehr.  

Die Schwingung von Aschenputtels Wahrheit ist so hoch, dass sie für die niedrige Schwingung der Stieffamilie unsichtbar ist. Wir erkennen in anderen nur, was wir in uns selbst erkannt haben: Dieser Satz gilt für verdrängte Schwächen wie für verdrängte Stärken. Selbst wenn sie Aschenputtel erkennen wollten, sie könnten es nicht. Das ist mit dem Verb „kannten es nicht“ gemeint. Ganz davon abgesehen natürlich, dass in der üblichen selektiven Sichtweise eines durch Vorannahmen limitierten Geistes nicht sein kann, was nicht sein darf.




Resonanz und Synchronizität: „Das ist meine Tänzerin.“

Was wie eine besitzergreifende Anmaßung wirken könnte, erzählt in Wahrheit von Resonanz und jener Synchronizität, die zwei gleiche Schwingungen just aufeinandertreffen lässt, wenn die Zeit reif ist. Hier verbinden sich zwei Pole an Synergiepotenzial miteinander zu etwas Neuem, in diesem Fall dem Tanz, der Seinesgleichen sucht. Darum wird Aschenputtel zu „das ist meine Tänzerin“. Ein Königssohn, dessen Wert im Märchen außer Frage steht, begegnet Aschenputtel auf Augenhöhe und ohne jeden Zweifel an deren Wert. So begegnen einander ein äußerer und bereit anerkannter König, der also bereits mit sich selbst identisch ist, und eine innere Königin, die gerade im Begriff ist, ihre Würde in Gold und Silber zu kleiden und sichtbar werden zu lassen.

Noch ist es allerdings ein Stück Weg zu gehen bis zur vollständigen Integrität im Bezug auf die Identität Aschenputtels. Die Identität und der innerste Kern finden sich nicht über Nacht. Was in der Märchenforschung manchmal als Koketterie oder als Wertschätzungsprüfung ausgelegt wird, das dreimalige Entwischen Aschenputtels vor dem Königssohn, könnte ebenso als ein letzter Teilabschnitt des Weges der Identitätsfindung gedeutet werden. Hier tritt jeweils der Vater maßgeblich wie unangemessen auf. An seinem Verhalten sieht Aschenputtel sich aufgefordert, ihre Werte, Ideale und Prioritäten festzulegen und sie dann auch verbindlich und sich selbst gegenüber loyal und verlässlich zu vertreten, wenn sie sich in ihnen stabil eingerichtet fühlt. Zu diesem Zeitpunkt aber verwirren die Forderungen und Wertvorstellungen der Herkunftsfamilie noch Aschenputtels eigene Bestimmtheit und Klarheit. Der Vater ist noch Teil des energetischen Gefüges des Kindes, das noch nicht vollständig zu sich selbst gefunden hat. Sie lässt sich also noch von ihrem Weg ablenken.

Wäre Aschenputtel noch im Taubenhaus – oder auch später auf dem Birnbaum – gewesen, wäre es ihr wohl äußerst schlecht ergangen. Wie kann das sein? Der Vater hat eine Eingebung darüber, sich zumindest zu fragen, ob es sich bei dem fraglichen Mädchen, nach dem er von dem Königssohn befragt wird, um sein leibliches Kind handeln könnte und er reagiert derart überzogen und destruktiv? Mit seinem Verhalten würde er dreimalig das Glück der einzigen Tochter seiner verstorbenen Frau verhindern, wären nicht andere Kräfte noch außer seinen am Werk. Zu dieser Dynamik muss man den Mechanismus der Selbstwertlosigkeitskonstruktion verstehen.


Der Vater der Märtyrer

Der Vater befindest sich seit dem Tod der Ehefrau im Passivpol der Selbstwertlosigkeitsempfindung. Nur darum konnte eine narzisstische neue Frau mit ihm in die Gegenpolresonanz gehen. Über die Identifikation mit den eigenen Kindern wird das eigene Wertlosigkeitsempfinden auf die Kinder ausgedehnt. Wenn solche Menschen sich selbst keine Zuwendung egal welcher Art gönnen, weil sie meinen, sie nicht verdient zu haben, sind sie aus dem Identitätsgefühl heraus auch nicht in der Lage, ihren Kindern etwas zu gönnen. Die Motivation ist nicht Neid, wie aus dem Aktivpol heraus. Aus Neid soll die Stieftochter es nicht besser haben als die eigenen Kinder. Vielmehr ist die Motivation aus dem Passivpol heraus eine Form von Askese und Deprivation. Was man meinem Kind tut, das tut man mir. Wenn ich mich deiner Aufmerksamkeit als nicht würdig erachte, dann gilt das auch für mein Kind. Wir brauchen nichts. Wir tragen ohnehin schon genug Schuld, wir wollen nicht noch mehr Schuld auf uns laden. Die Wir-Konstruktion des Passivpols verbindet die Opfer untereinander, damit sie sich etwas gestärkt und getröstet, aber auch in ihren Empfindungen und Wertungen legitimiert fühlen können. Zur Not stilisiert der Legitimationswunsch ein Kind zum Opfer, damit die Wir-Konstruktion möglich wird. Sich aus einer derart sanftmütigen Bescheidenheitspose zu befreien ist für Kinder ungleich schwerer als dem offensichtlichen Neid und seiner aggressiven Energie gegenüber irgendwann in die Opposition zu gehen.

Aus diesem Grund nimmt Aschenputtel noch zweimal ihren zugewiesenen Platz in der Asche ein, kehrt also in die alte Identität zurück, mit der sie mit dem Vater eine Art von solidarischem Raum bewohnt. Sie gibt das Kleid jeweils dem Vogel zurück und legt den grauen Kittel ihrer alten Selbstbildkonstruktion wieder an, selbst wenn es ein übergestülptes Selbstbild war. Jedes Mal legt Aschenputtel die schönen Kleider wieder aufs Grab, übergibt diese neue Identität also vorerst noch dem Tod. Noch hat sie ihre neue Schwingung nicht vollständig in Besitz genommen.


Kleider machen keine Königinnen, aber machen sie sichtbar

Interessanterweise fragt Aschenputtel am nächsten Tag gar nicht mehr nach der Erlaubnis zum Ball gehen zu dürfen. An sich hat sie ihren Weg gefunden und braucht keine Erlaubnis mehr, ihn zu gehen. Vielleicht ist das Kleid, das der Vogel diesmal hinabwirft, darum „ein noch viel stolzeres Kleid (…) als am vorigen Tag.“

Das Kleid des dritten Tage übertrifft dann alles:

Golden sind die Pantoffeln, nicht aus Glas. Nicht zerbrechlich und unbestimmt und durchsichtig, sondern golden. (Die Beschaffenheit aus Glas ist allerdings auch in der französischen Version des Märchens nicht einwandfrei belegt, wo das Wort in einer missverständlichen Schreibweise aufgeführt wird – man konnte Perraults Handschrift nicht entziffern – zugleich aber die Quelle der Glas-Rezeption ist.) Gold steht für die höchste Schöpferkraft. Aschenputtel ist zur Schöpferin ihres Lebens geworden. Und der Pantoffel, der auf der pechbestrichenen Treppe hängen bleibt, ist der linke, der Pantoffel der Yin-Körperseite, der Künstlerschaft und Gestaltungskraft. Die Existenz des Schuhs verdankt sich Aschenputtels Schöpferkraft. Das „Verlieren“ des Schuhs verdankt sich ihrer Gestaltungsmacht. (Die Märchenforschung streitet sich nämlich darüber, ob Aschenputtel den Schuh wirklich verliert oder absichtlich fallen lässt, da es in der französischen und älteren Version des Märchens „laisse tomber“ heißt, was mit „fallenlassen“ übersetzt werden müsste.) Aschenputtel integriert die Kräfte der Polarität in sich. Sie hat das männliche und weibliche Prinzip in sich aktiviert, wie der Schuh dem Prinzen kommuniziert:  

Klein und zierlich = Yin, und ganz golden = Yang. Dieser Schuh kann nur einer Person passen, nur der rechtmäßigen Besitzerin und über diese Einmaligkeit ist der Königssohn sich völlig im Klaren.




Wem der Schuh passt – und wem er nicht passt

Die bedauerlichen Selbstverstümmelungen der Stiefschwestern auf Geheiß ihrer Mutter erzählen davon, wohin blinder Ehrgeiz und Angst einen Menschen treiben kann. Weiter in den Passivpol als sich selbst Gewalt anzutun oder es anderen zu gestatten, einen zu verletzen, kann ein Mensch in seinem Wertlosigkeitsempfinden nicht gehen. Weiter als in den Betrug und den Selbstbetrug einer unpassenden und daher unglücklichen Beziehung und Ehe einzugehen und in ihr zu verharren, kann auch die Manifestation der Selbstbildkonstruktion der Wertlosigkeit nicht gehen. Weiter in den Abgrund geht es nicht und doch ist diese seelische Selbstverstümmelung, von der Ferse und Zehe im Märchen erzählen, trauriger Alltag so vieler Menschen.

Und wieder richtet das Haselnussbäumchen die Dinge und sind höhere Kräfte am Werk, der liebende Geist aus Gott und Mutter, verkörpert in den hilfreichen Tauben. Sie richten mit dem bekannten und von den Kinder so geliebten Reim:  

Verleumdung im Spiegel der Selbstverleumdung und sein Zerbrechen

In der Verleumdung der (eigenen) Tochter, womit ihr Glück potenziell verhindert werden könnte, was vom Vater billigend, von der Stiefmutter zustimmend in Kauf genommen wird, erfährt das Märchen seinen Höhepunkt der Wertlosigkeitsthematik.

Indem der Königssohn auf der Sichtung der dritten Tochter besteht und sein eigenes Urteilsvermögen und seine eigene Werteinschätzung einzusetzen gedenkt, wird die Kette vom Vater zur Tochter unterbrochen und wird die Angst vor der Wertlosigkeit ein für alle Mal überwunden. Ab jetzt sind es fürsorgliche Hände, die waschen und kämmen und herrichten und goldene Schuhe reichen und schwere Holzschuhe abstreifen. Und es sind Köpfe, die sich in Respekt und Wertschätzung voreinander neigen und Körper, die sich in die Höhe richten, die die neuen Spiegel bilden. Und vor allem, sind es Augen, die einander ins Gesicht sehen und wahrhaft sehen, nicht nur den äußeren Anschein oder die eigene Projektion, sondern die innere Wahrheit des anderen Menschen. Es sind Augen, die den wahren Wert des Menschen, dessen man sich absolut sicher sein kann, zu spiegeln in der Lage sind.

Dass die beiden boshaften Schwestern, die sich am Ende bei dem Paar einzuschmeicheln versuchen, um von deren Glanz zu profitieren, mit Blindheit gestraft werden, ist letztlich keine neue Bestrafung, sondern nur ein nachfolgendes Symptom. Es ist die Manifestation derjenigen Blindheit, die echten Wert ohnehin nicht sieht. Die beiden Tauben rechts und links auf Aschenputtels Schulter stehen für den in Aschenputtel vereinigten Geist der integrierten Polarität. Nicht die Heirat macht sie vollständig, sondern die Heirat ist die Manifestation ihrer Vollständigkeit und Integrität, wie die Blindheit und Verstümmelung der Schwestern die Manifestation ihrer Unbeweglichkeit und ihres Wachstumswiderwillens ist.

Posted on 13. April 2019 in Märchenmeditationen

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