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Zuhause sein in seinen Gaben

Der innere sichere Ort

In der Bindungstheorie heißt es, dass Erwachsene das Gefühl eines sicheren Ortes in sich trügen, an den sie sich innerlich zurückziehen könnten, sofern sie so einen Ort in ihrer Kindheit als Realität kennengelernt hätten. Es sei die Erinnerung an Mutter oder Vater oder an eine andere Person, die sich uns gegenüber so verhalten habe, dass wir gelernt hätten, anderen Menschen zu vertrauen, die die Grundlage zu diesem sicheren Ort bilde. Sind wir in der Lage, anderen Menschen zu vertrauen, ermöglicht dieses Vertrauen uns, in Beziehungen Geborgenheit  zu finden. Ein fragloses Angenommensein war in unserer Kindheit die Voraussetzung, uns geborgen zu fühlen und dieses Gefühl ist auch für Erwachsene die Basis, um das Gefühl der Verbundenheit zu erfahren. Hier spielt die gesunde Balance aus Freiheit und Verbindlichkeit eine entscheidende Rolle. Die Erinnerung, so heißt es in der Bindungstheorie, trage uns auch dann, wenn die Personen nicht mehr in unserem Leben seien. Es handelt sich also um eine positive, hilfreiche Konditionierung, die unser Unterbewusstsein für uns aufruft, um in uns das Gefühl von Sicherheit und Eingebundensein aus uns selbst heraus – also ohne Zutun von außen – zu erzeugen. Solche Menschen wirken auf ihre Umwelt zuversichtlich, optimistisch, ausgeglichen. In ihrer höchsten Ausprägung wirken sie in sich selbst ruhend und mit sich selbst identisch.

Das Fehlen eines inneren sicheren Ortes

Was aber ist, wenn diese Bezugspersonen in unserer Kindheit gefehlt haben oder wenn sie aus ihrem eigenen Temperament heraus nicht für das spezielle Sicherheitsbedürfnis eines sensiblen oder auch hochsensiblen Kindes sorgen konnten oder wollten? Wenn Kinder nicht die Erfahrung eines realen sicheren Ortes machen konnten, was ist dann mit ihnen als Erwachsenen?

Die Psychologin und Wissenschaftlerin Dr. Elaine Aron weist auf Untersuchungen hin, nach denen nur 50% der Menschheit einen sicheren Bindungsstil entwickelt haben sollen. Über einen sicheren Bindungsstil zu verfügen bedeutet, dass jemand sich in einer Beziehung angenommen, geliebt und zugleich sicher fühlt, dass der ihm nahestehende Mensch ihn nicht grundlos verlassen würde. Nur 50%. Oder kann man sagen: Immerhin 50%? Die anderen 50% verteilen sich auf drei Arten unsicherer Bindungsstile, um die es mir hier allerdings nicht im Detail geht. Sie sind zum Beispiel nachzulesen in: Elaine Aron: “Hochsensibilität in der Liebe”.

Konsequenzen für Hochsensible

Worum es mir geht, ist Folgendes: Aron schreibt, dass das persönliche Bindungsverhalten in keinem Zusammenhang mit einem hochsensiblen Temperament stünde, sondern allein von unseren kindlichen Erfahrungen mit unseren Bezugspersonen geprägt würde. Die Konsequenzen der Bindungsstile allerdings unterschieden sich sehr wohl abhängig vom individuellen Temperament, also auch in Abhängigkeit von der Ausprägung unserer Sensibilität. Und zwar berichtet Elaine Aron von einer Studie mit Kindern, bei der die Kinder einer beunruhigenden und ungewohnten Situation ausgesetzt worden seien. Die normalsensiblen kindlichen Teilnehmer der Studie sollen sich ohne zu zögern in die neue Situation hineingestürzt haben. Die vorher als hochsensibel identifizierten Kinder sollen sich alle zunächst wachsam verhalten haben. Die anfängliche Wachsamkeit ist ein typisches Merkmal eines hochsensiblen Temperaments, egal um welche Art oder Spezies es sich handelt. Hochsensible Tiere verhalten sich genauso wachsam zu Beginn einer ungewohnten Situation wie hochsensible Menschen. Die Kinder mit einer sicheren Bindung zu ihrer im Raum anwesenden Mutter sollen aber lediglich innegehalten haben, um die Situation auf ihr Gefahrenpotenzial hin zu überprüfen. Danach sollen sie sich, genau wie die normalsensiblen Kinder, an die Erkundung der neuen Situation begeben haben. Hochsensible Kinder allerdings, die sich in der Anwesenheit ihrer Mütter nicht sicher gefühlt hätten, sollen eine ernsthafte Angstreaktion gezeigt haben, die durch einen Anstieg des Cortisolspiegels nachzuweisen gewesen sei. Cortisol ist ein Stresshormon und wird ausgeschüttet, wenn wir uns bedroht fühlen.

Unsicherheit und Stress

Wenn wir nun die Erfahrung eines sicheren Ortes in unserer kindlichen Realität nicht gemacht haben, fehlt uns als Erwachsenen das Gefühl eines sicheren Ortes im Innern. Diese Beobachtung kann ich aus meiner Arbeitserfahrung mit hochsensiblen Erwachsenen bestätigen. Und wenn wir so einen inneren Rückzugsort (noch) nicht entwickelt haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir uns überdurchschnittlich häufig gestresst, weil bedroht und unsicher fühlen, wenn wir zugleich hochsensibel sind. Es kann sogar vorkommen, dass wir uns in der Kombination Hochsensibilität plus unsicherer Bindungsstil im Alltag permanent latent gestresst fühlen. Ein permanent hoher Cortisolspiegel führt auf die Dauer zu verschiedenen Symptomen wie Fettleibigkeit, Schlafstörungen, Immunschwächen. Allergien sind zum Beispiel ein Ausdruck dafür, dass der Körper glaubt, er müsse sich übermäßig verteidigen. Fettansammlung kann ein Versuch des Körpers sein, dem System gegenüber für zusätzlichen Schutz zu sorgen.

Berechtigte Hoffnung bei HSP: Wandel

Ein unsicherer Bindungsstil, schreibt Elaine Aron, beeinflusse hochsensible Menschen das gesamte weitere Leben lang. Aber Aron liefert zugleich einen Lichtblick: Gerade unter den HSP habe sie viele Ausnahmen zu der Regel gefunden, dass unsichere Kinder auch unsichere Erwachsene würden. Forscher sollen dafür einen Namen gefunden haben: “Menschen mit erworbener sicherer Bindung” (Elaine Aron: “Hochsensibilität in der Liebe”). Aron schreibt, es gebe gute Gründe zu der Annahme, dass HSP ungewöhnlich stark dazu neigten, ihre Unsicherheit in Sicherheit umwandeln zu können. Der Hauptgrund liege in ihrer Fähigkeit zur Reflexion, einer der vier Aspekte der Hochsensibilität. Abgrenzung und Individuation sind die Strategien, die sie benennt. Mit Individuation ist der Prozess der Selbstwerdung gemeint. Das Schreibspiel begleitet zum Beispiel so einen Prozess der Selbstfindung, in diesem Fall über den Weg der Entwicklung eines klaren Ziels und der Instanzen der aktiven und der sensitiven Vernunft (innerer Erwachsener), der Bewusstmachung von Ressourcen und kreativem Potenzial, wie auch der Schattenintegration (inneres Kind). Am Ende des Prozesses ist der Klient sich darüber im Klaren, wer er selbst in Wahrheit ist, worin seine Gaben bestehen. Er fühlt sich ermutigt, sich weiter in den Fluss seiner Visionsfindung und -realisierung hinein zu begeben. Er hat also einerseits gelernt, seine Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen, sie zu formulieren und für ihre Einhaltung zu sorgen. Andererseits aber hat er seine Gabe freigelegt, ins Licht gehoben und für sich verwertbar gemacht. Es gibt sehr viele verschiedene Wege der Individuation, aber alle Wege führen mit unterschiedlichen Mitteln zu etwa diesen Zielen.

Illustration: Annette Greiner

Ich spreche an dieser Stelle der Arbeit gerne und etwas nonchalant von magischen Fähigkeiten, weil das Erwachen dieser bisher unbewussten Fähigkeiten regelmäßig wie ein alchemistischer Vorgang wirkt. Die Menschen haben am Ende des Prozesses das Licht ihres eigenen Seins entdeckt.

Magische Fähigkeiten

Ich meine damit nicht, dass wir jemals eine hochsensible Persönlichkeit mit einem Zauberstab oder einem Hexenbesen in der Hand erleben würden, die ein hübsches Eigenheim herbeizaubert oder einen nervigen Chef in eine Kröte verwandelt. Was wir aber an so einem, in seinen Kräften erlösten Menschen erleben können, ist ein Zustand, den man als Zuhausesein in seinen Gaben bezeichnen könnte. Und dieser Zustand hat eine Schwingung, die auf Andere magisch anziehend wirkt. So ein Mensch weiß, was er ganz besonders aus seinem hochsensiblen Temperament heraus kann, welche Fähigkeiten ihm ganz besonders seine besondere Sensibilität und Sensitivität zugänglich machen, welche Gaben so jemand persönlich besitzt, um mit ihnen sein Leben zu gestalten. Und das sagen Menschen, die sich heute als moderne Hexen bezeichnen, von sich: Hexen nehmen die Realität nicht einfach nur hin, sondern sie gestalten sie. Das Geheimnis der Hexe, so heißt es, sei die Anziehungskraft ihrer Schwingung, mit der sie Dinge und Chancen und Menschen und Tiere und Gesundheit und Wohlstand und Liebe anziehe. Die Schwingung, um die es geht, ist das In-sich-selbst-zuhause-sein.

Illustration: Annette Greiner

“DAS hier ist es.”

In dem Hollywood-Film “Centerstage” aus dem Jahr 2000 gibt es eine Szene, in der die ehemalige Primaballerina Juliette Simone (alias Donna Murphy), die in der American Ballett Academy unterrichtet, der Schülerin Eva Rodriguez (Zoe Saldana) erklärt, worauf es beim Tanzen ankomme. Eva kommt mit dem Company Direktor nicht zurecht und Juliette Simone beobachtet, wie Eva sich durch ihren Widerstand selbst im Weg steht. Sie tritt in dieser Szene mit einem großartigen Monolog als Mentorin der jungen Elevin auf:

“Du magst ihn nicht besonders, nicht wahr? Ich kann dich verstehen. Er ist unmöglich: dickköpfig, egoistisch, unnachgiebig, arrogant bis zum Geht-nicht-mehr.” (Sie macht eine bedeutsame Pause.) “Du wirst aber kaum einen anderen Choreographen oder Company Direktor finden, der nicht so ist wie er. Die dummen Tänzer geben denen die Schuld. Er mochte mich nicht. Sie war unfair. Ich hätte die Rolle kriegen müssen. Die Klugen wissen, woran sie sich zu halten haben, wenn es hart auf hart kommt. Das ist es nicht”. (Juliette legt sanft ihren Arm auf die Ballettstange.) “Das hier ist es. Was auch passiert, im Unterricht, bei einer Aufführung, letzte Woche, vor fünf Minuten – wenn du wieder hier vor stehst, dann bist du zuhause.”

Evas Körperhaltung bleibt zwar in einer Trotzhaltung, denn im Moment will sie sich ja noch selbst im Weg stehen, aber ihre Gesichtszüge im Close-Up verraten, dass sie verstanden hat. Und um dieses Zuhausesein muss es für uns gehen, wenn wir mit unserem hochsensiblen Temperament in einer lauten und auf Schnelligkeit und Übererregung basierenden Welt physisch und psychisch gesund bleiben wollen. Der innere sichere Ort. Das innere Zuhause. Das Gefühl, willkommen zu sein, einen Platz in der Welt zu haben, eingebunden zu sein, unabhängig von dem, was im Außen geschieht und unabhängig davon, was in der Vergangenheit geschehen ist, letzte Woche, vor einem Monat, in unserer Kindheit und Jugend.

Sicherheit finden in der Gabe

Evas Gabe ist das Tanzen und Eva ist tatsächlich die Figur im Film, die in einer äußerlich für sie als unsicher erfahrenen Welt ihre innere Sicherheit findet. Dorthin, in den Tanz, rettet sie sich aus der Welt, der gegenüber sie bisher eine Strategie der größtmöglichen Gleichgültigkeit an den Tag gelegt hat, den unsicheren Bindungsstil im Typ gleichgültig-vermeidend, von dem laut Elaine Aron etwa 25% der Menschheit betroffen sein soll. Mit der Strategie der Gleichgültigkeit hat Eva bzw. ihr innerer Wächter, versucht, sie den Schmerz nicht spüren zu lassen, der darüber entstanden ist, dass sie ihren Platz in der Welt bisher nicht finden konnte. Die Welt war unfair. Sie mochte sie nicht. Sie hätte Rollen kriegen müssen. Vielleicht eröffnet sie auch lieber einen Bunny-Club, erklärt sie ihren Freunden, statt sich im klassischen Ballett der Konkurrenz zu stellen, wo sie das Stipendium ihrer Meinung nach jedem vergeben, weil die doch sonst überhaupt keine Leute finden würden.

Es muss wirklich das Eigene sein

Im Film geht es um nur eine Gabe, nämlich das Tanzen, aber in drei Varianten der Ausprägung. Eva ist höchst begabt, aber sie ist sich noch nicht bewusst, dass ihre Begabung ihr ein inneres Zuhause bieten könnte. Indem sie nicht erkennt, dass sich über ihre Gabe ihre Essenz ausdrückt, führt sie eine Existenz, in der sie ihre Gabe zwar trainiert, sie aber nicht kultiviert, weil sie sie nicht als etwas Besonderes anerkennt. Maureen, ihre Gegenspielerin, ist ebenfalls extrem begabt und gilt als die beste Tänzerin an der Akademie, aber sie findet auf keinen Fall eine innere Heimat in ihrer Begabung. Sie lebt mit ihrem Tanz nur den Traum ihrer Mutter und erst dann, wenn sie sich von der mütterlichen Projektion emanzipieren wird, indem sie den Abschlussworkshop verweigert, erschafft sie für sich die Chance, herauszufinden, welcher konkrete Ausdruck zu ihrer Begabung passt. Jody, die Heldin des Films, ist dagegen in ihrem Talent komplett zuhause. Sie geht in den Bewegungen auf und ihre Freude beim Tanzen bringt ihr die begehrte Aufnahme in der Akademie der American Ballett Company ein, wo sie dann aber den technischen Anforderungen nicht mehr genügen kann. Ihr wird nahegelegt, ihren Traum aufzugeben, was sie in eine existenzielle und sogar essenzielle Krise stürzt. Denn im Tanzen ist Jody mit sich selbst identisch, was sich eben in der Energie der Freude zeigt, die sie beim Tanzen ausstrahlt.

Bewusstheit als Weg

Drei Varianten der Bewusstheit gegenüber der Qualität des eigenen Talents also: unbewusst, fehlbesetzt und bewusst. Was immer Jody fühlt, sie tanzt es aus sich heraus, setzt es in Tanz um. Tanz ist ihre Sprache, der Ausdruck ihrer wahren Persönlichkeit und sie ist sich ihres Talents als Ausdruck ihrer Essenz bewusst. Maureen kann ihre Gefühle nicht mit dem Tanz verbinden, weil der Tanz nicht ihr persönliches Ausdrucksmittel ist. Bei ihr sieht man den äußeren Kraftaufwand anstelle der inneren Bewegung. Sie ist in ihrem Talent fehlbesetzt. Eva dagegen tanzt, aber sie hat sich das Fühlen irgendwann untersagt. Sie hat zwar Zugang zu ihrer Begabung, aber keinen Zugang zu ihren Gefühlen und empfindet auch keine Verbindung zu sich selbst, die aus ihrer Begabung heraus resultieren würde oder sich in ihr ausdrücken könnte. Die Unbewusstheit hält für sie an, bis sie dahin findet, sich von den äußeren Vorgaben zu emanzipieren und herausfindet: “Ich mach das alles nicht mehr für die. Ich mach das für mich.” Maureens Schlusssatz nach der Verweigerung des Workshops und einer anders gearteten Emanzipation ihrer Mutter gegenüber lautet: “Ich hatte gehofft, etwas zu finden, das ich wirklich gern tue, statt etwas, das mir nur rein zufällig leicht fällt.” Und Jody: Sie dankt dem arroganten Ballettdirektor, von dem sie gar nicht wissen will, ob er sie dauerhaft in die Company aufnimmt oder nicht. Er habe sie zur besten Tänzerin gemacht, die sie sein könne, sagt sie und emanzipiert sich damit von allen Erwartungen und äußeren Vorgaben. Statt sich ihre Freude am Tanz durch die Nörgeleien und Forderungen einer elitären Institution vermiesen zu lassen, entscheidet sie sich für eine kleine, neugegründete Company, wo sie erstmal Solistin wird und ganz sie selbst sein kann.

Illustration: Annette Greiner

Die tiefere Verbindung mit der Hochsensibilität

Wird nicht allerorten so viel von der Hochsensibilität als Gabe gesprochen? Was ist Gabe anderes als Talent? Meiner Meinung nach aber ist nicht die Hochsensibilität an sich die Gabe. Sie ist dagegen das Temperament, mit der die persönliche Gabe ausgeführt wird. In Form von Präsenz ist sie Teil unserer Intelligenz (für meine Begriffe sogar die höchste Form von Intelligenz), die eine persönliche Gabe in ihr höchstes Potenzial führt. Angenommen, jemandes Gabe sei es, zu kochen. Es ist das, was man “ein Händchen für etwas haben” nennt. Eine hohe Sensibilität wird dazu führen, dass Koch oder Köchin einen intuitiven Zugang zu den Zutaten haben, ein feines Gespür für Gewürze, eine sensitive Kreativität für die Zusammenstellung von Kompositionen, ein Gefühl für Temperatur, Geruch und Zeit. Er oder sie mag sogar von der Schwingung der Zutaten sprechen, die dazu führt, dass manches zusammenpasst und manches sich nicht verträgt oder manches miteinander in ein interessantes Spannungsverhältnis eintritt und manches sich sehr harmonisch oder auch gänzlich reizarm und langweilig präsentiert. So eine Köchin und so ein Koch leben in ihrer Gabe, die sie mit ihrem persönlichen Temperament bereichern und auf unnachahmliche Art verwenden. Sie kochen auf hochsensible Art. Sie zaubern Geschmackserlebnisse und Sinnesfeste. Sie zaubern.

Illustration: Annette Greiner

Gaben und die Aspekte der Hochsensibilität

Sie zaubern, aber sie hantieren dennoch mit Kochlöffel und Schneebesen statt mit einem Zauberstab und sie lösen sich nur metaphorisch in Luft auf, wenn sie ihrem eigenen Perfektionsanspruch nicht zu genügen meinen. Und doch können wir bei Dr. Elaine Aron in ihrem Buch “Hochsensibilität in der Liebe” nachlesen, dass sie persönlich Schamanen und priesterliche Ratgeber von kriegerischen Königen vergangener Epochen für die hochsensiblen Persönlichkeiten ihrer Zeit hält. Ich würde sogar weitergehen als das. Hexen gibt es selbstverständlich nicht, aber die Menschen, die in der Historie gutwillig und wohlwollend dafür gehalten wurden (damit ist nicht die Hexenverfolgung durch die Inquisition der katholischen Kirche gemeint), müssen sensible und sensitive Gaben gehabt haben, mit denen sie sich in Menschen einfühlen konnten, als es noch keine medizinischen Geräte gab, um zu erfassen, was Kranken fehlte. Sie hatten mit Sicherheit nicht nur das tradierte Wissen, sondern auch ein tiefes und intuitives Gespür für die Heilkraft der Natur, die Schwingungen der Pflanzen und hochkreative Ideen, mit denen sie Heilmethoden neu- oder weiterentwickeln konnten. Zwei der vier Aspekte der Hochsensibilität sind nach Elaine Aron die Wahrnehmung von Feinheiten in der Umgebung (zum Beispiel im Hinblick auf Pflanzen) und eine größere Empathie als bei anderen Menschen (zum Beispiel im Hinblick auf Krankheitsbilder oder Gemütszustände von Menschen und Tieren).

Illustration: Annette Greiner

Für meine Begriffe sind die vier Aspekte der Hochsensibilität, wie sie von Elaine Aron formuliert werden, eine starke Voraussetzung, um außergewöhnlich begabte Menschen hervorzubringen. Außergewöhnlich. Nicht außersinnlich. Ich werde in meiner Behauptung an spiritueller Dimension nicht weiter gehen, als Elaine Aron es zulassen würde, die die Spiritualität in ihrer 2015 erfolgten Überarbeitung von “Hochsensibilität in der Liebe” explizit bestätigt und von der sie sagt, dass sie im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich belegten, aber derzeit noch nicht auf seine Ursache abschließend erforschten Phänomen der Hochsensibilität mitgedacht werden müsse. Elaine Aron schreibt dazu explizit: “Tatsächlich habe ich jedoch schon immer an spirituelle Praktiken und Erlebnisse geglaubt, nicht nur an vage spirituelle Gefühle oder Vorstellungen. (…) Es gibt so viele Wege, und wir finden irgendwann alle den richtigen” (Elaine Aron: “Hochsensibilität in der Liebe”).

Gabe und persönliche Entwicklung

Unter anderem berichtet Aron von ihrer meditativen Praxis und von ihrer Erfahrung mit “höheren Ebenen des Bewusstseins”, die, so wie sie für die Meditation versprochen seien, ihrer Erfahrung nach wirklich einträfen. “Aber sie entwickeln sich erst nach und nach über einen längeren Zeitraum” (Elaine Aron: “Hochsensibilität in der Liebe”). Das mag der Grund sein, weshalb die Idee von so vielen abgelehnt wird: Sie sind einfach noch nicht so weit. Immerhin ist der gleiche Zusammenhang für die Rezeption des Phänomens der Hochsensibilität selbst genauso zu beobachten: Die Mehrheit von 80 Prozent ist nicht hochsensibel und tut sich schwer damit, das Konzept der Hochsensibilität anzuerkennen. Aron kommentiert dazu lakonisch: “Üblicherweise lehnen Menschen eine Idee ab, weil sie sich davon in irgendeiner Weise bedroht fühlen” (Elaine Aron: “Hochsensibilität in der Liebe”). Und kennen wir dieses Phänomen nicht seit unendlichen Zeiten? Wurden Frauen und Männer mit besonderen Fähigkeiten, die oft, wenn nicht sogar immer, auf ihrer besonders ausgeprägten Sensibilität basierten, nicht diskriminiert, weil die Mehrheit schlicht Angst vor diesen ihnen persönlich unbekannten Fähigkeiten hatte?

Drei Welten des Bewusstseins

Elaine Aron aber nennt in dem Buch, das im Jahr 2000 erschienen ist, die drei Pfade der Schamanen: “die obere Welt, die ‘reale’ Welt und die untere Welt.” Die promovierte Psychologin und Wissenschaftlerin betrachtet Meditation als Weg in die obere Welt, das Vertiefen ihrer Beziehungen als Weg in die ‘reale’ Welt und die Rolle der archetypischen, unbewussten Schattenwelt (nach C. G. Jung) der menschlichen Psyche als den Weg in die untere Welt. Stellt sich hier nicht die spannende Frage: Was ist die obere Welt? Elaine Aron spricht bei sich selbst von der Wesensmischung aus “Intensität, Kreativität und Intuition”, die sie der oberen Welt zuordnet. Während sie rät, der Intuition dennoch nicht ohne das Hinzuziehen der Vernunft zu begegnen, Fakten zu überprüfen und Informationen einzuholen, bekräftigt sie dennoch, dass ihrer Beobachtung nach HSP über ein außergewöhnlich hohes Maß an Intuition verfügten. Außergewöhnlich. Nicht außersinnlich. Und doch ist die Frage nach der oberen Welt für mich noch nicht ganz beantwortet. Nach Meinung der führenden Hochsensibilitätsforscherin sind HSP “auf ideale Weise dafür geschaffen, unserer Familie und der Welt ein ungewöhnlich großzügiges Maß an Liebe zu geben.” Und Liebe ist der Kern von allem, der Motor, die Quelle. Das ist für mich die obere Welt.

Die Gabe als Verbindung zur Liebe

Für mein Empfinden ist unsere persönliche Begabung Ausdruck unserer individuellen Verbindung zu dieser Liebe und der oberen Welt. Das ist der Bogen. Und wie immer bediene ich mich einer zwar unwissenschaftlichen jedoch phänomenologischen Synthese aus allem Möglichen Gelesenen, Erfahrenen, Erarbeiteten und Beobachteten. Typisch hochsensibel also.

Ich würde zunächst gerne wieder einen Ausflug in die Chakrenlehre unternehmen und das bisher Reflektierte dort einbinden. Die Chakren sind die Energiezentren unterschiedlich schwingender Liebe in uns. Wenn Aron von drei Ebenen im menschlichen System spricht, während sie den Vergleich zu einem Haus heranzieht und von Erdgeschoss, erster und zweiter Ebene spricht, können wir Entsprechungen im Chakrensystem finden: Das Temperament siedelt Aron im Erdgeschoss an. Das Erdgeschoss entspricht dem Wurzelchakra. Hier liegt alles das, worüber wir “ich bin” sagen können: sensibel, intelligent, talentiert. Von den Hormonen wird hier auch unser Grad an verfügbarer Energie gesteuert. Aron nennt die Gesamtheit der im Erdgeschoss oder in der Wurzel angelegten Eigenschaften Charakterzüge. So sind wir. Das ist unsere Essenz. Mit ihr kommen wir auf die Welt. Nach Jean-Paul Sartre und dessen Philosophie, dem Existentialismus, ist es unsere Aufgabe, unsere Essenz mit unserer Existenz in Übereinstimmung und zum Ausdruck zu bringen. Unsere Sensibilität gehört also keineswegs verleugnet oder versteckt, sondern sinnvoll ins Leben eingebracht.

Im Laufe dieser Existenz kann es allerdings geschehen, dass wir von äußeren Einflüssen konditioniert werden, die unsere zweite Ebene betreffen. Im Chakrensystem betreffen die Erfahrungen, die unsere Ich-Konzeption und unseren empfundenen Selbstwert tangieren, den Solarplexus. Aron nennt die Ansammlung auf dieser Ebene Persönlichkeitsmerkmale und sie siedelt hier Merkmale an wie Schüchternheit, soziale Introvertiertheit, Bindungsverhalten, Lebenseinstellungen wie Optimismus oder Pessimismus. Dieser  teils beständige, teils wechselhafte Teil resultiert aus einem Zusammenspiel aus Temperament (“so bin ich”) und sozialen Einflüssen (“das sind meine Erfahrungen”). Die Erfahrungen liefen vorher über das Sakralchakra (“so habe ich mich gefühlt”). Aus den Erfahrungen, die nach Arons Forschungen für 50 Prozent der hochsensiblen Persönlichkeiten verunsichernd gewirkt haben müssen, entsteht also mit der zweiten Ebene offenbar mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent das Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit  im Leben.

Unsere Essenz definieren wir selbst

Was sich hier auf der zweiten Ebene zugetragen hat, findet seinen Ausdruck in der dritten Ebene, den Verhaltensweisen. Die dritte Ebene entspricht dem Kehlkopfchakra, unserem persönlichen Ausdruck. Es handelt sich um Angewohnheiten, Vorlieben und auch spontane Äußerungen und Handlungen. Von hier aus, aus dem Kehlkopfchakra heraus, bewegen wir uns und die Welt oder bewegen nichts, nicht uns und nicht die Welt. Wir drücken uns aus oder bleiben stumm. Wir bringen unsere Essenz ein in unsere Existenz, lassen Denken und Sprechen und Handeln übereinstimmen oder lassen zu, dass äußere Einflüsse uns von uns selbst entfremden. Das meint Sartre, wenn er sagt, dass wir unsere Essenz selbst definieren müssen, weil es sonst Andere für uns tun, was selten in unserem Sinn sein kann. Manchmal klopft (zumindest im Film) eine wohlmeinende Mentorin dann auf die Ballettstange und erinnert uns: “Das hier ist es.” Es gibt so viele andere Filme, in denen es andere Dinge sind: die Kunst der Patisserie (Chocolat), die Schneiderkunst (Die Schneiderin), das Klavierspiel (Der Pianist oder Das Piano), das Schreiben (Forrester – gefunden!), das Reiten (Ostwind). Einer der frühesten Tanzfilme, an die ich mich erinnere, bevor ich Flashdance gesehen habe, war die ZDF-Weihnachtsserie Anna, in der ein junges Mädchen nach einem Unfall, der sie gelähmt hatte, in ihr Zuhause, das Tanzen zurückfand, indem sie ihr Zuhause innerlich nie aufgab. Sie zog die Kraft, zum Tanzen zurück zu finden, aus dem Tanz selbst, der in ihrer Erinnerung des realen sicheren Ortes zu einem inneren sicheren Ort geworden war. Übrigens habe ich zur Zeit der Serie getanzt und in den Ballettschulen ging das Gerücht um, die Schauspielerin Silvia Seidel sei gar keine so gute Tänzerin gewesen, jedenfalls lange nicht die beste ihrer Klasse, so hieß es. Aber war es nicht sehr vermutlich ihre Freude beim Tanzen, ihre Ausstrahlung, im Tanz mit sich selbst identisch zu sein, die ihr die von vielen ganz offenbar neidvoll begehrte Rolle eingebracht hatte?

Ruhe und Gelassenheit finden

Vor kurzem sah ich in einer Folge der Serie “Shadowhunters” wie ein Zauberer seiner vor Nervosität unzurechnungsfähigen Kollegin deren Zeichenutensilien reichte und ihr empfahl, zu sich selbst zurück zu finden, indem sie sich dem widmen solle, was sie am meisten liebe. Das Zeichnen als inneres Zuhause. Mein Mann kaufte mir einmal mitten in einem chaotischen und stressigen Umzug einen neuen Schreibtisch, damit ich  mich aus dem Trubel zurückziehen und Kraft schöpfen könnte in dem, was ich am liebsten tue und was ich zugleich als meine größte Gabe erfahre, das lauschende Schreiben. Als ich die Anekdote später jemandem erzählte, wurde sie mit der Einschätzung kommentiert, dass es sich in diesem Akt um einen Ausdruck wahren Mitgefühls handele (und ich den Mann ruhig heiraten könne, was ich dann auch getan habe). Einen anderen Menschen in seiner Gabe zu sehen, zu respektieren und ihn im Ausdruck seiner Gabe zu unterstützen zeugt von Liebe. Meistens sind nur Menschen zu dieser Unterstützung fähig, die sich selbst in ihrer Gabe sehen und respektieren und lieben können. Als meine Stiefmutter ein Psychologiestudium beginnen wollte, bekam sie von meinem Vater täglich zwei Hemden zu waschen und zu bügeln hingelegt, so dass sie für sich selbst entschied, über die ihr aufgebürdete Hausarbeit keine Zeit für ihr Studium zu haben. Die Liebe fehlte in jedem der beiden zuerst für sich selbst und nur konsequenterweise auch für den Anderen. Mein Vater war im Zeichnen extrem begabt und hat nichts aus seiner Begabung gemacht, außer wunderbare Zeichnungen an den Seitenrand der Tageszeitung zu kritzeln.

Illustration: Annette Greiner

Wissen ist die Macht der Freude

Wir brauchen Kenntnis von unserer persönlichen Begabung und wir brauchen Selbstrespekt für sie, weil sie unsere Kraftquelle ist und sich als unser inneres Zuhause, unser sicherer Ort erweist, unabhängig davon, ob wir eine reale Erinnerung an einen existenten, sicheren Ort schaffen konnten oder nicht. Selbst wenn unser Bindungsverhalten instabil sein sollte oder das Bindungsverhalten unserer Partner, von denen wir uns eine Nähe und sichere Verbindlichkeit wünschen, die sie uns nicht geben können, können wir Zentrierung und (Selbst)Sicherheit über die Entspannung finden, die das Ausüben dessen, was wir lieben für das gesamte System bedeutet. Wenn man der verfilmten Biografie einer Gabrielle Chanel glauben darf, (“Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft”), deren vermeidender Bindungsstil eine Konsequenz aus ihrer Kindheit als verlassene Weise ist, dann ist es der Ausdruck ihres revolutionären Blicks fürs Detail, der die sensible junge Frau innere Heimat finden lässt. Auch wenn der Ausdruck unserer Gabe über das Kehlkopfchakra erfolgt, unser Sprechen und Handeln, ist jedes Energiezentrum energetisch betroffen, wenn Menschen in dem leben können, was sie lieben. Es ist die sinnliche Erregung während des Ausübens der Tätigkeit, der innere Jubel über den Flow, der anzeigt, dass wir ganz bei uns sind und das Loslassen am Ende der Tätigkeit, die ein insgesamt optimales Erregungsniveau produzieren, das zu innerer Gelassenheit und der unglaublich anziehenden Lebenshaltung der Nonchalance führen, aus der heraus wir präsent sein können, konsequent, mental vollständig erwachsen und vernunftbasiert handelnd. In dieser Haltung sind wir unendlich machtvoll, unser Leben und unseren Alltag nach unseren Wünschen und Vorstellungen, Bedürfnissen und Grenzen zu gestalten. Aus dieser Haltung heraus gelingt es uns übrigens, vielsagend zu grinsen, wenn jemand uns als Hexe bezeichnet, selbst, wenn er es beleidigend meint.

Die innere Freiheit der Ausgeglichenheit

Wir müssen unser Hobby dazu keineswegs zum Beruf gemacht haben und unseren Beruf auch nicht als unser Hobby ansehen (wie es manche Firmenchefs ganz gerne hätten). Schreiben war für mich nie ein Hobby, aber immer eine ernsthafte Tätigkeit, in die mein Talent floss und aus der ich manchmal ein Honorar bezog und manchmal nicht. Den Rat eines Freundes, mich doch lieber als Sekretärin zu verdingen, wo ich den ganzen Tag tippen könnte und dann in meiner Freizeit ein bisschen nebenher zu schreiben, ohne davon leben zu müssen, habe ich damals als bittere Beleidigung empfunden. Auch ohne Honorar bekam das Schreiben bei mir nicht den Status der lässlichen Freizeitbeschäftigung. Es war immer eine Notwendigkeit, wie das Atmen, entgegnete ich jenem Freund, auch wenn er nur milde lächeln konnte. Für mich aber gab es einen inneren Drang, den Stift in die Hand zu nehmen und zuzuhören. So schreibe ich auch heute meine Artikel zum Beispiel. Mit dem Stift in der Hand (nicht sofort mit der Tastatur) und zuhörend. Der Druck wird übrigens größer, wenn ich ihn zu ignorieren versuche, zum Beispiel, weil es gerade nicht passt, weil ich mitten in einem turbulenten Umzug stecke. Er nimmt aber auch ab und führt zu einem ausgeglichenen Nervensystem, wenn ich ihm nachgebe, zum Beispiel mitten in einem turbulenten Umzug.

Illustration: Annette Greiner

Worum handelt es sich bei diesem Drang eigentlich?

Hier würde ich auf Elaine Arons Begriff der oberen Welt zurückkommen wollen. Wenn die untere Welt unser Unterbewusstsein ist und die reale Welt, wie sie es nennt, unser manifestes Sein, unsere Existenz, wie wir sie in unseren Beziehungen leben, dann müsste die obere Welt unser Überbewusstsein sein. In den Grenzen von C. G. Jung gedacht würde es sich dabei  um unser kollektives Unbewusstes handeln, auf das wir als Individuen zum Beispiel über die Kunst Zugriff haben und das umgekehrt auf uns zugreift. Mystiker setzen neben den Begriff des kollektiven Unbewussten noch die Idee einer Quelle, die größer ist als das kollektive Unbewusste. Es sei eine höhere Intelligenz im Spiel, vielleicht ein Zusammenspiel aus unserem Astralkörper und einer außerkörperlichen Quelle. Die von Elaine Aron erwähnten Schamanen und priesterlichen Ratgeber an der Seite kriegerischer Könige jedenfalls würden ohne zu zögern den großen Geist als für ihr Genie verantwortliche Inspirationsquelle benennen. Jean-Paul Sartre übrigens implizit auch. Was vielleicht der wahre Grund sein mag, weshalb er 1964 den Nobelpreis für Literatur ablehnte. Was solle er sich dafür ehren lassen, ein Mensch zu sein?, soll eine seiner mündlichen Begründungen gewesen sein. Während ein Teil der Literaturwissenschaft und der damaligen Presse ihm diese Haltung als Arroganz oder Koketterie auslegten, zum Beispiel in einer der Interpretationen, Sartre würde annehmen, jeder Mensch sei zum Philosophen geboren, wenn er sich nur etwas mehr Mühe geben würde, war Sartres Haltung seinem Publikum gegenüber vielmehr über seine Werke hinweg und auch in seiner offiziellen schriftlichen Begründung eine wahrnehmbar bescheidene, demütige, warmherzige und solidarische Haltung. Es mache einen Unterschied, schrieb er, ob er seine Texte mit “Jean-Paul Sartre” oder mit “Jean-Paul Sartre, Literaturnobelpreisträger” unterschreibe. Letzteres stünde dem Geist der Freiheit des Lesers und seiner Auffassung von der Arbeit eines Schriftstellers entgegen.

Genie und geniale Geistesblitze sind nicht unsere Denkleistungen. Und schon gar nicht sind es Denkleistungen Anderer, die sich uns in Form einer Lehre oder Ehrung aufdrängen wollen, sei es in Form von Erziehung oder in Form von Preisen. Soweit ich sehe, war das allen wirklich großen Geistern der Geschichte der Menschheit klar, gleich, ob sie Nobelpreise angenommen haben oder nicht. Genie speist sich aus dem Zusammenspiel aus der Fähigkeit des Individuum, tief in sich hinein zu lauschen und dem (jetzt mal angenommenen) Inspirierungswunsch einer höheren Intelligenz gegenüber der Menschheit. Die Anwesenheit einer höheren Intelligenz lässt sich nur erspüren und nicht beweisen. Und dieses Lauschenkönnen liegt in unserer Sensibilität, mit der wir ihre Präsenz wahrnehmen können, ganz gleich, ob diese Sensibilität ein gewöhnliches Maß zeigt oder ein außergewöhnlich hohes. Es ist unsere Durchlässigkeit, die uns lauschen und vernehmen lässt. Unsere Leistung wäre dann der Mut und die Bereitschaft, mit der wir uns zur Verfügung stellen, dass sich etwas Größeres als unser Alltagsbewusstsein, das über unsere Essenz mit uns verbunden ist, durch unsere Gabe ausdrückt. Es ist unsere Ausdauer, unsere Beharrlichkeit, unsere Hingabe, das jeweilige Talent, wenn es uns gefunden hat, zu schulen, ihm eine fundierte Ausbildung zukommen zu lassen, die Techniken zu erlernen und uns in den notwendigen Fertigkeiten zu üben.

Muss man Talent wirklich üben?

In dem Roman Aus Leidenschaft von Mary Mackey habe ich einmal sinngemäß die Erläuterung einer Primaballerina gelesen, wie sich ihr Beruf für sie darstelle. Du übst und übst und übst und machst hundertmal die gleichen Bewegungen, trainierst tausend Mal die gleichen Muskeln und dehnst zehntausend Mal die gleichen Sehnen. Dann irgendwann, wenn du glaubst, du kannst nicht mehr, lässt du die Stange los und dann übst du nicht mehr, sondern tanzt. Ich war zwölf, als ich das Buch von meinem Großvater ausgeliehen bekommen hatte, dessen inneres Zuhause das Lesen war, weshalb er nie erlaubt hätte, ein Buch nicht zurück zu bekommen, und der Satz schwingt heute noch, zumindest seinem Sinn nach in mir, auch wenn ich die richtige Textstelle nicht mehr finden kann. Aber das ist für mich die Bedeutung von Zuhause-sein-in-seinen-Gaben: Nicht mehr zu üben, sondern zu tanzen. Zu malen. Zu schreiben. Zu kochen. Zu handwerken. Zu musizieren. Zu komponieren. Zu schwimmen. Zu laufen. Zu stricken. Zu entwerfen. Zu schneidern. Zu gärtnern … Und in all dem sein persönliches, inneres Zuhause zu finden, sich dort willkommen, geliebt und eingebunden zu fühlen, tief verbunden mit der Energie der Liebe einer oberen Welt. Menschen, die diesen sicheren Ort in sich gefunden haben und aus ihm heraus leben, ergeht es im Leben wie dem Helden im Märchen der Brüder Grimm “Der Teufel mit den drei goldenen Haaren”. Egal, wie wenig der innere König mit seinem Sitz im Solarplexus sich in seiner Kraft befindet und egal, wie sehr er wie der König im Märchen zum sabotierenden Gegenspieler zu werden versucht, das Schicksal in der Gestalt unserer Essenz erfüllt sich, je öfter wir mit ihr durch das, was wir gerne tun, Kontakt aufnehmen. Immer wieder erscheinen uns dann, wie dem Helden im Märchen in der Räuberbande und in der Großmutter des Teufels, unerwartete Helfer, die für die Erfüllung unserer Träume und Visionen sorgen. Und Scheitern kann als im Plan vorgesehen betrachtet werden, um zu anderen Ufern zu gelangen, alte Erkenntnisse zu vertiefen und neue, bisher unbekannte Talente durch das Überwinden des Hindernisses zu erschließen.

Posted on 22. September 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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