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Yin und Yang in den Drama-Dreiecken

Wenn eine Beziehung gerade dabei ist zu scheitern und die Beziehungspartner einander noch mit all ihren Forderungen gegenüber stehen, tritt am deutlichsten zutage, wonach wir elementar in unserem Leben suchen. Wir suchen es am falschen Ort, nämlich im Außen und bei anderen Menschen, aber wir suchen nach dem Gefühl von Gehaltensein und danach, dass unsere emotionalen Bedürfnisse erfüllt werden. Emotional bedeutet: Die Wünsche und Sehnsüchte unseres inneren Kindes. Wir suchen vor allem nach der Anerkennung unseres Selbstwerts und nach der Bestätigung unseres Selbstvertrauens. Vielleicht suchen wir auch nach der Befreiung unserer Vitalität oder nach der Erlaubnis, unsere Talente leben zu dürfen, und wenn wir von “bessere Hälfte” sprechen, suchen wir nach Fülle, die unsere innere Leere aufpolstern soll. Aber vor allem Anderen soll unser Selbstwert und unser Selbstvertrauen gefüttert werden, wie es hätte in unserer Kindheit geschehen sollen. Es sollen unser Solarplexus und unser Herz genährt werden. Eigentlich wäre das die Aufgabe unserer Eltern gewesen.

Essenzielle und existenzielle Bedürfnisse

Damals wäre es die Aufgabe unserer expliziten Eltern gewesen und heute ist es Aufgabe unserer impliziten Eltern, uns zu füttern. Damals hätten unsere essenziellen Bedürfnisse erfüllt werden müssen, indem unsere Eltern uns in ihren Armen gehalten hätten, solange und so viel wir es gebraucht hätten. Heute ist es unsere Präsenz (Yin) für uns selbst, die uns das Gefühl von Halt verschaffen sollte. Damals hätten unsere expliziten Eltern unsere existenziellen Bedürfnisse in angemessenem Umfang und zur für uns angemessenen Zeit erfüllen sollen. Heute ist es unsere Konsequenz (Yang), die dafür sorgt, dass realisiert wird, was wir brauchen. Unser Yin und unser Yang. Unser eigener innerer oder impliziter Erwachsener. Nicht der implizite Erwachsene eines Anderen. Nicht der unseres Partners oder unserer Partnerin. Nicht der unseres Chefs oder unserer Chefin. Nicht der unserer Freunde. Nicht der egal welcher Person, die zufällig unseren Weg kreuzt und als zuhörende oder fürsorgliche Instanz instrumentalisiert werden könnte, weil sie sich freundlicherweise in einer der beiden Kategorien für einen Moment angeboten hat. Denn wir selbst sind vollständig. Und wir sind gut. Wir brauchen keine bessere Hälfte.

Yin, Yang und das innere Kind

Wenn wir uns ein aristotelisches Drama-Dreieck* dazu einmal exemplarisch anschauen, kann man erkennen, dass die beiden Hälften des Dreiecks auf drei Stufen ineinander greifen: auf der Schattenebene, auf der Vernunftebene und auf der kreativen Ebene.

Von unten nach oben betrachtet vereint sich die weibliche und die männliche Energie in Formen von Empfänglichkeit über Präsenz bis Inspiration (Yin, linke Seite) und Aktivität über Konsequenz bis Ausdruck (Yang, rechte Seite). An den Dreiecksseiten bzw. auf der mentalen Ebene, der Ebene der Intelligenz, steht das weibliche und das männliche Prinzip je für den inneren oder impliziten Erwachsenen.

Mit unserer weiblichen Energie sind wir hoch sensibel, präsent, mitfühlend, verstehend und verständnisvoll. Mit unserer männlichen Energie zeigen wir ein gesundes Urteilsvermögen, Angemessenheit in unserem Handeln und Selbstverantwortung. Diese beiden Komponenten lassen sich an Menschen, die als intelligent oder vernünftig wahrgenommen werden, in harmonischer Verbindung miteinander beobachten.

Grenzen

Ja, ich kann die Motivation hinter unangemessenem Verhalten verstehen, aber nein, ich erlaube Anderen nicht, über meine Grenzen zu gehen, sondern fordere sie auf, sofern es in der Situation angemessen ist, diese Grenzsetzung zu akzeptieren, Verantwortung für ihre Emotionen zu übernehmen. Ich fordere, wenn möglich, eine angemessene Art ein, mit mir umzugehen. Ansonsten trete ich aus der Resonanz aus und verlasse den Handlungsraum. Für das Eine oder das Andere entscheide ich mich, nachdem ich unter Aufbietung meiner Präsenz erfasst habe, welche Optionen möglich und welche die angemessenste ist. Das entspricht dem Dreieck aus “liebe es – verändere es – oder lass es los”.

Habe ich es in einer Konfliktsituation mit fremden Menschen, bei denen es nicht darum geht, eine nachhaltige und gesunde Beziehung aufzubauen, nur mit der vollen Emotionalität innerer Kinder zu tun, würde meine Aufforderung, Verantwortung für die Emotionen zu übernehmen, reichlich unangemessen geraten. Sie würde auf die angstvollen und daher wütenden oder hochmütigen oder fordernden inneren Kinder des Gesprächspartners belehrend und maßregelnd wirken und emotional ein noch unangemesseneres Verhalten bewirken. Es ist nicht meine Aufgabe, in der Welt herumzulaufen und nicht erbrachte Kinderstube nachzuholen. Verantwortung übernehmen kann nur der innere Erwachsene, nicht aber das innere Kind. Ist kein innerer Erwachsener präsent, kann keine Veränderung herbeigeführt werden. Dann müssen wir die Resonanz verlassen, um bei uns selbst zu bleiben.

Zu lieben allerdings ist natürlich jederzeit möglich und eigentlich sollte da kein “oder” stehen. Lieben in einer Konfliktsituation bedeutet, die Dynamik zu erkennen. Zu erkennen, dass man nicht selbst gemeint ist, sondern dass es die Angst ist, die das unangemessene Verhalten steuert. Lieben bedeutet, unser eigenes inneres Kind zu lieben und es liebevoll aus der Schusslinie zu nehmen. Zu entscheiden, dass wir dennoch nicht auf der Ebene des impliziten Kindes antworten, macht uns als Erwachsene aus. Wir verstehen, wir setzen Grenzen, wir schützen uns und nehmen uns aus Situationen heraus, die nicht zu ändern sind. Wir reichen Hände und bieten Unterstützung oder Versöhnung an. Oder wir fordern dazu auf, für sich selbst zu sorgen und sich um destruktive Emotionen zu kümmern. Wir gehen aus ihrer Schusslinie. Wir treten aus der Wirkung des bipolaren dysfunktionalen Schattens heraus, treten zur Seite wie ein Torero und lassen die wütenden Stiere vorbeirennen zur Not, indem wir einfach beobachten und schweigen.

Die weibliche Präsenz

In unserer Kindheit ging es an zwei Stellen um Elementares. Einer der elementaren Aspekte ist die Nähe zu unseren Bezugspersonen, das Gehalten- und Getragenwerden und beides hätte unser Selbstvertrauen gestärkt.

Die meisten Kinder werden nach der Geburt nicht sehr lange getragen. So wird der Schrecken oder sogar das Trauma der Geburt, unter dem vor allem sehr sensible Kinder leiden, fortgesetzt. Nach dem Verlassen des Raums aus Stille und Frieden erfährt der Säugling so häufig Alleinsein, Kälte und Langeweile. Die Stille wird nicht mehr als friedlich empfunden, weil jetzt etwas Anderes gebraucht würde. Diese Erfahrung, nicht teilhaben und nicht beobachtend lernen zu können, sondern stattdessen alleine zu sein, einsam, wirkt sich auf das Selbstvertrauen des Kindes aus. Es kann sich nicht gesund und im eigenen Tempo entwickeln. Statt langsam in die Welt hineinwachsen zu dürfen, sich nach und nach im eigenen Tempo mit ihr vertraut machen zu können, bleibt die Neugierde des Säuglings unbeantwortet. Nur ganz selektiv wird ihm die Welt präsentiert, in begrenzten Räumen und anhand von selektiertem Material. Ein großer Teil der erfahrbaren Welt wird gar nicht hereingelassen. Das Kind sieht sich abgelegt und ausgeschlossen und am meisten entbehrt es das Gefühl von Wärme und dem festen, beruhigenden Gehaltensein von Armen oder der Nähe eines Körpers, der ihm Sicherheit geben könnte. Ihm fehlt weibliche Präsenz, die nicht durch eine Frau geleistet werden muss, sondern ebenso durch die Anima eines Mannes erbracht werden kann. Die weibliche Präsenz ist ein elementares Prinzip, das die Basis eines ebenso elementaren Gefühls von Selbstvertrauen ist. Das Prinzip wird erbracht durch die Anima in jedem Menschen oder durch dessen Yin-Energie.

Das fehlende Gefühl von Gehaltensein führt zu einem mangelnden Urvertrauen, das sich sowohl in einem Mangel an Vertrauen in sich selbst als auch in den Anderen manifestiert. Solche Menschen pendeln in den Schattenpolen zwischen den beiden Formen eines unsicheren Bindungsstils. Es herrscht die Angst vor, den Anderen und die Liebe, die er einem gibt, wieder zu verlieren. Und es herrscht die Angst, sich selbst nicht vertrauen zu können, dass man die Welt meistern kann.

Die männliche Konsequenz

Das andere elementare Prinzip wird durch den Animus oder die Yang-Energie im Elternteil erbracht, egal ob Vater oder Mutter. Das Prinzip trägt zu einem stabilen Selbstrespekt bei, indem die Bedürfnisse des Kindes respektiert werden: Schlaf, Nahrung, Wohlbefinden.

Wenn das Kind dagegen erfährt, dass seine Selbstwahrnehmung im Außen keine Rolle spielt und keine Resonanz erfährt, dass stattdessen entgegen des individuellen Rhythmus gegessen wird, wenn es eben Zeit ist zu essen und geschlafen wird, wie es in den elterlichen Tagesablauf oder den der Krippe passt, und dass das Weinen nicht durch eine Beseitigung der Störquelle beantwortet wird, findet eine fatale Verknüpfung statt. Die Hilflosigkeit wird auf diese Weise erlernt. Es wird verinnerlicht, dass der eigene Ausdruck irrelevant und wirkungslos ist. Diese erlernte Hilflosigkeit hat die Ignoranz sich selbst und den eigenen Gefühlen und Impulsen gegenüber zur Folge. Konditioniert wird sowohl eine Selbstwertunsicherheit – “ich bin es nicht wert, dass man sich um mich kümmert” –  als auch eine Resignation den eigenen Erwartungen gegenüber – “es ändert sich ohnehin nichts”. Das Selbstvertrauen wird beschädigt.

Ein Kind, dem gegenüber kein Animus oder Yang-Prinzip Verantwortung für dessen kommunizierte Bedürfnisse übernimmt, landet im 3. Dreieck (Selbstwert) im Passivpol. Es nimmt die Opferhaltung der Selbstbestrafung oder des Märtyrers ein: “Erwarte nichts und sei gefasst, noch weniger vorzufinden.” Und die unbewusste Begründung lautet: “Du bist es ohnehin nicht wert.” Zur Kompensation drängt das innere Kind im Laufe der Individuation des Menschen dann in den Aktivpol rüber und versucht diese Selbstwertunsicherheit zu kompensieren.

Oft wird die passive Haltung von Erziehungsberechtigten, Coaches, Therapeuten und Partnern sogar noch bestärkt, indem den Menschen suggeriert wird, sie dürften keine Erwartungen an Andere stellen. Wie bequem für die Menschen, die auf diese Art sicher sein können, dass von ihnen nie etwas erwartet wird, das man mit Angemessenheit betiteln könnte. Aber das ist eine falsch verstandene Erwartungslosigkeit. Ein grobes Missverständnis gegenüber der Erwartungslosigkeit als Tugend.

Die Angemessenheit von Erwartungen

Was okay ist und Gültigkeit hat, ist, dass wir uns gegenseitig nicht in unsere Drehbücher hineinschreiben und dann erwarten, dass der Andere, der unfreiwillig Hineingeschriebene also, die von uns zugeteilte Rolle spielt und so für unser Wohlbefinden sorgt. Wenn wir allerdings einen erwachsenen Menschen vor uns haben, dürfen wir mit gutem Recht erwarten, dass derjenige Verantwortung für seine Gefühle und seine Handlungen übernimmt. Wir dürfen bei einer erbrachten Leistung um einen Ausgleich bitten, ihn vorab verabreden und erwarten, dass dieser verabredete Ausgleich erbracht wird. Wenn wir eine Verabredung treffen, ist es gänzlich unsinnig, nicht zu erwarten, dass die Verabredung inklusive vereinbarter Zeit auch eingehalten wird. Und wenn jemand eine bestimmte Selbstinszenierung geliefert hat, um ein bestimmtes Image von sich selbst zu erzeugen, muss er auch damit rechnen, dass dieses Image Erwartungen an seine zugesagte Kompetenz weckt, deren Nichteinhaltung zu Desillusionierung und Enttäuschung führen.

Wird die Erwartung in diesen Fällen nicht erfüllt, ist Yin oder die weibliche Präsenz in uns nicht aufgerufen, die Erwartung von Angemessenheit zurückzunehmen, sondern Yang oder unser gesundes Urteilsvermögen ist aufgefordert, eine angemessene Konsequenz zu ziehen. Wie lange ist man bereit, auf jemanden zu warten, bevor man um die Vereinbarung eines neuen Termins bittet? In manchen Unternehmen ist es die gängige Praxis bei Bewerbungsgesprächen, den Bewerber entweder mürbe machen zu wollen oder seinen Selbstrespekt zu testen, indem man ihn absichtlich überdimensional lange warten lässt, obwohl die Gesprächspartner im Haus sind. Welche Konsequenz hat das Zuspätkommen eines Anderen für das eigene Wohlbefinden und den eigenen Termindruck? Dafür ist Yin zuständig. Nicht für das vorauseilende Verständnis für die Angewohnheit des Anderen, sein Zeitmanagement nicht auf die Reihe zu kriegen oder das Zuspätkommen als respektlose Pose zu inszenieren. Was Yin zu tun hat, ist, die Entscheidung des Anderen zu akzeptieren, seinen inneren Antreiber zwischen den Schattenpolen Scheintotsein und Zappelphillipsyndrom wandern zu lassen, ohne ihn dafür zu verurteilen. Es ist ein inneres Kind, das sich überfordert fühlt und entweder in Prokrastination verfällt oder in Hektik. Für gewöhnlich eilt diesem überforderten Antreiber der Saboteur zur Hilfe. Aber es ist nicht unser inneres Kind im Zustand der Überforderung. Die kindliche Disziplinlosigkeit hat nichts mit uns zu tun. Nicht wir, nicht unser innerer Erwachsener hat dem inneren Rebellen, Saboteur, Wächter, Kritiker des Anderen gegenüber Verantwortung, sondern der innere Erwachsene, der zu diesem überforderten Kind gehört.

Erwartung und Grenzen

Vor kurzem sah ich in einer Serie eine Szene, in der es um dieses Grenzensetzen einem anderen inneren Kind gegenüber ging. Eine junge Journalistin wurde von ihrem Chef gemaßregelt und unflätig beschimpft. Darauf sagte die Journalistin: “Behandeln Sie mich nicht, wie ein kleines Mädchen. Behandeln Sie mich wie eine Erwachsene.” Der Chef antwortete postwendend und ziemlich vorhersehbar, seiner Wahrnehmung nach sei sie nicht mehr als ein kleines Mädchen, und dann warf er sogar ein noch unflätigeres Schimpfwort hinterher, das ihn zur Genugtuung der Zuschauer glücklicherweise seinen Job kostete, weil die Journalistin sofort öffentlich, per Twitter, über ihr Gewahrsein gesprochen hatte.

Was ich an dieser Szene interessant fand, war, dass hier ein ausgeglichenes Verhältnis von Yin und Yang in der jungen Journalistin auf ein inneres Kind allein zu Haus in dem älteren Mann getroffen ist. Wieso also, habe ich mich gefragt, sollte die Journalistin den Chef auffordern, sie nicht wie ein kleines Mädchen zu behandeln? Die Ansprache hätte lauten müssen: “Was in unserem Gespräch könnte gerade der Anlass gewesen sein, dass Sie sich jetzt wie ein wütender und hilfloser kleiner Junge benehmen müssen?”

Erwartungen. Von jemandem, der selbst und freiwillig die Rolle des Vorgesetzten übernommen hat, dürfen wir erwarten, dass er die entsprechende Reife und Souveränität konsequent an den Tag legt, deren es bedarf, um diese Rolle angemessen ausfüllen zu können. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, sollten wir um unserer Selbstachtung Willen auf das von uns wahrgenommene Defizit hinweisen dürfen. In einem Dialog wie dem vorgeschlagenen, wird bereits Verständnis signalisiert und dass man bereit ist, den eigenen Teil der Verantwortung an der Situation zu übernehmen. Durch irgendetwas in der Interaktion wurde die Emotion im Anderen ausgelöst, die zu jenem infantilen Verhalten geführt hat. Wir werden dabei keineswegs so übergriffig, nach der Ursache der Emotion zu fragen, die in der Kindheit des Anderen liegt, aber eben sehr wohl nach dem Auslöser, der in der Gegenwart liegt. Auf die Art wären unser Yin und unser Yang höchst angemessen präsent und konsequent. Wenn wir dann weiterhin eine infantile Antwort erhalten sollten: “Darüber werde ich mit Ihnen ganz bestimmt nicht sprechen”, dann dürfen wir unserer Erwartung Ausdruck verleihen, dass dann jetzt bitte augenblicklich Selbstverantwortung für die Emotionen übernommen wird und wir dürfen uns weitere Übergriffigkeiten rigoros verbitten. Nach dem Dreieck der Konsequenz von oben hätten wir dann dafür gearbeitet, die unangenehme Situation zu verändern. Sollte sie sich nicht verändern lassen, müssen wir sie verlassen und gehen. Die Liebe war präsent, in dem wir Verständnis angeboten und den inneren Erwachsenen des Anderen angesprochen hatten.

Zusammenfassung

Yin und Yang sind vor allem unsere impliziten Eltern. Mit ihnen beeltern wir unser implizites Kind, sorgen dafür, dass es sich gehalten fühlt und dass es bekommt, was es braucht. Nur dann kann es uns mit seiner Leichtigkeit, seinem Humor und seiner Kreativität zur Verfügung stehen. Yin und Yang fließen als Energie aber auch in unserem angstvollen Schatten und in unserem Licht der Kreativität. Yin und Yang in uns sind als kombinierte, als miteinander kooperierende Kräfte alles, was wir brauchen. Sie sind unsere passive und unser aktive Dunkelheit. Unsere liebevolle Präsenz und unsere angemessene Konsequenz. Unsere Inspiration und unser authentischer Ausdruck. Und so müsste der Ursprung des Universums theoretisch weiblich sein und einen kleinen Moment verzögert männlich, indem die Inspiration zur Schöpfung vor dem Ausdruck der Schöpfung, also der Manifestation der Inspiration liegen muss. Yin vor Yang. Aber die Inspiration würde wirkungslos bleiben ohne die Schöpfungskraft, weshalb es müßig und überflüssig ist, über Zeit zu diskutieren, zumal es Zeit ja eigentlich gar nicht gibt. So bleiben Yin und Yang das ineinandergreifende, sich miteinander fließend bewegende Prinzip in allem, was ist.


*Das von mir entwickelte Modell der aristotelischen Drama-Dreiecke, übertragen auf die menschliche Individuation und die inneren Instanzen, kann als interaktive und intermediale Textsorte auf Google Classroom kostenfrei zur Kenntnis genommen werden. Es handelt sich um einen Kurs bestehend aus sieben Einheiten, in dem die Dynamik von sieben menschlichen Grundkonflikten anhand von Märchen, Songs und Alltagsbeispielen skizziert wird. Die Hochsensibilität wird dort in einem eigenen Dreieck eingebettet, indem sowohl ihr Konfliktpotenzial der Schattenaspekte als auch ihr erlöstes Potenzial der in ihr liegenden Ressourcen geschildert wird.

Die grundsätzliche Skizze eines aristotelischen Drama-Dreiecks sieht so aus:

Die destruktiven Emotionen und deren Äußerungen gehen vom inneren oder impliziten Kind aus, das den bipolaren dysfunktionialen Schatten in uns bildet. Die Pole sind auf Passivpol und Aktivpol verteilt. Der Passivpol ist der Pol, an dem wir als Kind unsere Verletzungen empfangen und gespeichert haben. Die Erinnerungen aus Demütigung, Unterdrückung, Mangel, Ungerechtigkeit, Übergriffigkeit und Gewalt stehen heute als implizite Erinnerungen, Traumatisierungen, Konditionierungen, Glaubenssätze und unbewusste Reaktionsmuster bereit. Sind in unserem Körpergedächtnis bemerkbar. Beigebracht wurden uns diese Verletzungen von Erwachsenen, die ihrerseits weit von dem oben skizzierten erlösten Pol oder der Vernunft entfernt waren, während sie an uns gehandelt haben. Stattdessen befanden sie sich mit ihren eigenen inneren Kindern im Aktivpol ihres Schattens und reinszenierten ihre eigenen Verletzungen an uns. Der Aktivpol wird motiviert von den Themen Beweiszwang, (Selbst-)Sabotage, Narzissmus, einem unsicheren Bindungsstil, Bevormundung, Hochmut und Unduldsamkeit. Das von diesen Themen motivierte Agieren der Autoritätspersonen in unserer Kindheit bewirkt einen eklatanten Schaden an unserem Selbstwertgefühl und verursacht einen empfindlichen Mangel an Selbstvertrauen.

Solange wir uns unserer impliziten Erinnerungen nicht bewusst geworden sind, agieren wir unbewusst, unreflektiert, infantil aus der Angst vor Wiederholung heraus. Es sind die Schattenfiguren des inneren Wächters, des Saboteurs, des inneren Kritikers, des Rebellen, des Nimmersatts, der Prinzessin auf der Erbse und des inneren Antreibers, die sich der Außenwelt ungefiltert zumuten und dort nach Halt und Selbstbestätigung suchen. In diesem Agieren sind wir entweder passive Manipulatoren oder aktive Aggressoren.

Was zum Beispiel die Arbeit des Schreibspiels, aber auch jede andere Coaching-Arbeit, die sich der Individuation widmet, leistet, ist, zuallererst die Instanz des inneren Erwachsenen zu aktivieren. In der oberen Skizze sind das die Dreiecksseiten. Hier liegen die Qualitäten Präsenz für das, was gerade vor sich geht, die den Persönlichkeitsmerkmalen Sensibilität und Selbstreflexionsvermögen unterliegen, und Konsequenz, die der Präsenz nachgelagert ist und als Hauptkomponente die Angemessenheit mit sich führt.

Als direkte Konsequenz aus dem Wechsel in das, was man als den wahren Verstand jenseits des konditionierten Denkens betrachten könnte, ergibt sich eine Integration der Schattenanteile in der Transformation der Verletzungen zur Resilienz und eine gleichzeitige Befreiung des kreativen Potenzials.

Das Ergebnis ist die Balance oder das innere Gleichgewicht, das hier in der Dreiecksfläche dargestellt wird. In diesem Idealzustand nehmen wir so oft wie möglich aus unserer inneren Mitte heraus wahr und agieren aus dem Zustand der Zentriertheit und der Vernunft.

 

Posted on 7. Februar 2018 in Die Drama-Dreiecke

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