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Wofür ist es gut, wenn etwas schlecht ist?

Vor kurzem bekam ich die – wie sich im Nachhinein herausstellte – gute Gelegenheit, einen Konflikt zwischen zwei Freunden beobachten zu können. Eigentlich hatte ich versucht, zu vermitteln und damit zu schlichten, weil beide Freunde sich ratsuchend an mich gewandt hatten, aber ich musste meinen Versuch wegen Unvermittelbarkeit aufgeben, blieb Beobachterin und unternahm lediglich das, was unter Schriftstellern als Psychosozialstudien bekannt ist. Das Material diente mir zu diesem Artikel über Hochsensibiltät und Intuition und die Frage, was man mit dem Material tun sollte, das die hochsensible Intuition einem durchgibt.

Diese Geschichte handelt von zwei Männern, Luai und Ibaa (die Namen wurden für diesen Artikel geändert), beide Anfang dreißig und seit frühester Kindheit miteinander befreundet. Einer der beiden, Ibaa, ist hochsensibel, der andere, Luai, meint von sich, er sei es nicht. Bei dem Streit der beiden Freunde ging es um Folgendes: Luai befand sich in Damaskus zu Besuch bei seiner Familie und beging von dort aus zwei Fehler: Der erste bestand darin, dort in seiner tausende Kilometer entfernten Heimat mit seiner Ex-Freundin auszugehen. Der zweite war der, seinem derzeit in Berlin lebenden besten Freund Ibaa davon zu erzählen. Den Freund aus Kindertagen befiel augenblicklich Panik über Luais fatalen Fehler, mit der Ex-Freundin auszugehen – wobei er nur den einen Fehler sah, das Ausgehen mit der Ex-Freundin. Aus Sicht Ibaas waren bereits 5 Jahre von Luais Leben verschwendet worden in einer Zeit, die seiner Meinung nach die beste Zeit im Leben eines Mannes zu sein habe. Denn diese Frau wurde nicht geheiratet und es wurde keine Familie gegründet und keine Zukunft aufgebaut.

Die beiden Freunde sind Syrer. Ibaa ist der Hochsensible und seine intuitive Menschenkenntnis verdankt er einer extrem ausgeprägten und starken Empathie. Aus dieser Empathie heraus empfand er es schon lange als seine Aufgabe, seine Umgebung vor jeglichem drohenden Unbill zu beschützen. Er warnt seine Freunde vor den negativen Eigenschaften und Motivationen anderer Menschen – und wie sich herausgestellt haben soll, soll er bisher mit seiner Intuition zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz richtig gelegen haben. Ich hatte eine Großmutter, die das auch konnte und ich weiß, dass man lernt, diesen Menschen zu glauben und ihren Vorhersagen zu vertrauen.

Worin besteht jetzt der Zankapfel, könnte man fragen? Die meisten Könige sollen Berater auf ihren Gehaltslisten gehabt haben, die sie vor Feinden und deren dunklen Absichten zu warnen hatten. Eine hochsensible Persönlichkeit zum Freund zu haben, die einen vor den Energien warnt, die sie wahrnimmt, müsste doch also ein Grund sein, sich zu freuen und sich besonders sicher zu fühlen.

Aber die Antwort liegt wie so oft keineswegs in der Mitte, sondern in der Synthese aus zwei polaren Sichtweisen: Ja und nein.

Luai, der sich zum Zeitpunkt des Streits in Damaskus befand, erzählt, dass er sich sein gesamtes Leben lang auf Ibaas Intuition verlassen habe. Er habe sich auf sie verlassen, statt seine eigene Intuition auszubilden. Ibaa, sagte mir Luai, habe immer gewusst, was das Beste für ihn sei. Da seine eigene Intuition aber nicht ausgebildet war, habe er sich sogar abhängig von der Intuition des Freundes gefühlt und habe dessen Urteil blind vertraut und vertrauen müssen. Er selbst habe es ja nicht überprüfen können und in den meisten Fällen, in denen er sich über die Warnung hinweggesetzt habe, habe der Freund am Ende Recht behalten. Aber, sagt Luai, in Wirklichkeit habe ihn das arm gemacht. Wenn er jemanden kennenlerne, sagt er, wisse sein hochsensibler Freund schon, wie die Geschichte ende und dann finde keine Geschichte mehr statt. Nur ganz selten treibe ihn etwas, sich trotzdem einzulassen. Da sei dann etwas Starkes, sagt der in diesem Fall Abenteuerlustige oder vielleicht auch Tollkühne. Etwas Starkes ziehe ihn an, es dennoch zu versuchen, obwohl die Prognose mehr als negativ ausfiele und die Warnung eindringlich formuliert worden sei. Wenn der hochsensible Freund mit seiner intuitiven Einschätzung allerdings dann Recht behielte und die Geschichte Ibaas Prophezeiung gemäß ihren Lauf nähme, gerate Ibaa in eine Wut des Unverständnisses. Wieso hörst du nicht auf mich?, laute der bittere Vorwurf und weitere mehr, in denen es um Fehler und falsche Entscheidungen und mangelnden Respekt ginge. Diese negativen Erfahrungen seien, nach der Meinung des Hochsensiblen, vollkommen überflüssig. Und vermeidbar. Er habe es doch kommen sehen und er habe Luai gewarnt. Der Beobachtung nach knüpft Ibaa seine Ehre und seinen Selbstwert daran, seinen Freunden mit seinen empathischen und intuitiven Fähigkeiten zu dienen. Das führt leider dazu, dass er sie ihnen aufdrängt und ihnen keine Wahl lassen kann, sie zu nutzen oder eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Erfahrungen zu machen. “So tell me”, sagte der hochsensible Mann zu mir, “what is the bad good for if I should leave him alone?” Wofür also sollte eine negative Erfahrung gut sein, wenn er sie nicht verhindern könne und offenbar sogar aufgefordert sei, sich nicht einzumischen? Er wolle seine Freunde doch nur davor bewahren, verletzt zu werden, sagt Ibaa, ob das vielleicht schlecht wäre?

Ich höre dem heimgekehrten Luai zu und er berichtet mir von seinem Zustand der wachsenden Verwirrung, die damit zu tun habe, dass er im Grunde gar nicht wüsste, wer er selbst eigentlich sei. Das sei für ihn der Kern des Problems. “Der Weg, herauszufinden, wer man in Wahrheit ist”, sagt Luai, “geht doch über die Erkenntnis dessen, was ich nicht bin. Dazu brauche ich die Erfahrung und zwar jede Erfahrung, die ich machen kann.” Er glaubt, manchmal sei das, was andere für das Beste für ihn hielten, gar nicht das Beste für ihn. Er sagt, er gelange immer mehr zu der Meinung, dass er sich nicht durch die Intuition Anderer und deren Sicherheitsbedürfnis den Weg abschneiden lassen dürfe, der eigentlich sein eigener Weg sein sollte und auf dem er selbst bestimmen sollte, welche Erfahrung auf ihm liege und welche nicht.

Ich stimme ihm zu. Ich selbst habe einen Haufen negativer Erfahrungen gemacht, viele Erfahrungen, die mir in Verlauf und Ausgang genau so vorhergesagt worden waren, wie sie hinterher eingetreten sind. Hinterher erntet man dann nur zu leicht den Kommentar: “Na, was hast du erwartet?”

Ich frage mich, ob diese Frage tatsächlich eine relevante Frage ist, wenn es um Erfahrungen geht. Heißt es nicht, wir kämen auf die Welt, um Erfahrungen zu machen? Dient die Inkarnation, der Prozess, sich das Leben zu geben, nicht dem, eine menschliche Erfahrung zu machen? Und wie läuft das so, mit der menschlichen Erfahrung?

 

Wir kommen auf die Welt. Wir erwarten das Paradies und wir erleben das Paradies, die Kindheit, egal wie es aussehen mag, dieses Paradies. Selbst in der dunkelsten Kindheit, findet sich für kleine Kinder Paradiesisches: der Sand, die Blume, der Schmetterling, der Wind, das Wasser, die Tiere, Schokoladenkuchen und Waldmeistereis, Opas Garten und Omas Bügelzimmer und die verbotenen Räume des Dachbodens.

Dann machen wir andere Erfahrungen. Sie brechen mitten ins Paradies hinein und entsprechen nicht mehr unseren Erwartungen. Sie sind dunkel und schwer und unmöglich zu bewältigen. Sie müssen gespeichert werden. Für später. Denn jetzt können wir sie nicht dekodieren. Wir können ihre Bedeutung nicht entschlüsseln. Und fehlt der Schlüssel. Wir erwarten Liebe und Wärme und Wertschätzung und erfahren etwas ganz und gar Anderes. Wäre jemand Kompetentes in unserer Nähe, uns bei der Entschlüsselung zu helfen oder würde er uns helfen, die Erfahrung zu tragen, müsste sie nicht gespeichert werden, sondern könnte sich sogleich auflösen. In diesem Fall würde nur das Verständnis abgespeichert. Es wäre die in Weisheit verwandelte Erfahrung. Aus ihr würde die Erwartung entstehen, auch die nächste Herausforderung meistern zu können. So aber ist es das Trauma, das entsteht, weil wir alleine sind mit unserer Erfahrung, die zu groß für uns ist, zu schwer, zu schlimm, zu schmerzhaft. Würden wir jetzt versuchen, uns mit der Erfahrung auseinanderzusetzen, würden wir an ihr zerbrechen. Wir können sie nicht meistern.

Der Bereich, in dem die nicht verarbeitbare und also nicht gemeisterte Erfahrung abgespeichert wird, hat den Namen “Schatten” erhalten. Orte des Schattens sind all das, wo Unbewusstes gespeichert werden kann, von der unbewussten oder impliziten Erinnerung über die Konditionierungen, Muster und Glaubenssätze bis zum Körpergedächtnis. Und was abgespeichert wird, sind die psychischen und physischen Verletzungen, sind Wesenszüge, für die man sich als Kind abgelehnt fühlte und es sind unsortierte Beobachtungen, aufgeschnappte Bemerkungen, manchmal auch Emotionen, zu denen die Originalbilder fehlen oder es sind Bilder ohne Emotionen.

 

Illustration: Martina Danneberg

So, wie es jetzt dort im Schatten vorliegt, ist es keine Weisheit. Nichts wurde transformiert. Aber alles lauert dort im Hinterhalt wie eine Großfamilie Kobolde, die darauf warten, zuzuschlagen und die sich davon ernähren, dass weitere Erfahrungen gleicher Art gemacht werden. Es scheint, als könnte das Bild des Kobolds ein passendes Bild für das Resonanzgesetz sein, das besagt, dass Schwingungen in uns korrespondierende Schwingungen an Erfahrungen anzögen, wenn die Schwingung auch nicht zwangsläufig für das Ereignis an sich verantwortlich sein muss. Kann, aber muss nicht. Der einzelne Kobold aber braucht Nahrung, die zu seinem Wesen passt. Zur Not hilft er nach, dass sie passend gemacht wird, indem er kurzerhand Fokus und Wahrnehmung lenkt. Der wütende Kobold lenkt den Blick seines menschlichen Wirtes auf die Wut in der Welt, so dass weitere Emotionen der Wut produziert und am besten nicht verarbeitet werden, so dass er, der Kobold der Wut, sich dick und rund futtern kann.

Erfahrung ist nicht das Gleiche, wie Ereignis oder Erleben. Zwei Menschen, die ein Erlebnis miteinander teilen, machen in der Regel völlig unterschiedliche Erfahrungen. Die persönliche und sehr individuelle Erfahrung hängt von der Beschaffenheit der Kobolde ab, die sich in der Kindheit eingenistet haben. Und bereits die Unterschiede in dem, was uns in der Kindheit überhaupt beeindruckt hat, was wir auf welche Art bewertet haben, wovon wir uns haben erschüttern lassen, hing von unserer Persönlichkeitsstruktur und von unseren individuellen Themen ab. So kommt es zu jenem Phänomen, über das Geschwister so sehr staunen, wenn sie sich im Erwachsenenalter über ihre Kindheitserinnerungen austauschen: Jeder hat eine ganz und gar eigene Kindheit erfahren. Erlebt dagegen haben alle Kinder in einem Haushalt die gleiche Kindheit. Aber erfahren haben sie sie unterschiedlich. Manchmal so unterschiedlich, dass man meinen könnte, es habe sich keineswegs um den gleichen Haushalt gehandelt.

Und dann leben wir weiter, wachsen weiter, lassen unsere unbewussten Schatten wachsen und hoffentlich auch unsere bewussten Erinnerungen, unser Licht. Im Unbewussten und im Bewussten liegt jeweils beides: Gutes und Schlechtes. Wir entdecken unsere Talente. Vielleicht werden wir gefördert. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kommen wir ohne Förderung aus, leben unsere Talente dennoch und nähren damit ein Gefühl von Aufgehobensein. Vielleicht auch nicht. Vielleicht lassen wir sie verkümmern und füttern mit ihnen die Schatten. Dann liegen im Schatten Talente, die eigentlich etwas Gutes sind. Nur die Tatsache, dass sie im Schatten liegen, ist nicht gut. Nicht gut in dem Sinne, dass sie uns nicht dienen können. Ihr Verdrängtsein wird sich über kurz oder lang bemerkbar machen. Wir mögen uns unausgeglichen fühlen, unglücklich, innerlich leer. Ständig nagt ein Gefühl des Mangels an uns. Etwas fehlt. Es gibt Momente, in denen wir das Nagen spüren können. Das sind Momente der inneren Stille, die manchmal ganz unwillkürlich entstehen können. Die meisten Menschen versuchen diese Momente zu überspielen: Kühlschrank auf, Fernseher an, Musik laut, Arbeiten, sich schnell irgendwo nützlich machen, sich in anderer Leute Angelegenheiten einmischen, Disco, Party, die Netzwerke checken, in Bewegung bleiben. Wenn es zwanghaft geschieht, um die Leere zu kompensieren, kommentieren wir es mit Worten wie: “Eigentlich sollte ich nicht so viel Zeit verplempern mit…, aber ich kann nicht anders.” Im Fall der konsequenten Nichtbeachtung des Schattens erleben wir, dass die Schatten auf die Körperebene absinken. Wir werden krank, werden von Allergien befallen, erleiden Unfälle, Depressionen, Burnout.

Irgendwann sind wir erwachsen. Uns bieten sich weiterhin Gelegenheiten, um Erfahrungen zu machen. Und wir stellen fest: Ich lande immer und immer wieder bei dem gleichen Typ Mensch. Freund. Lehrer. Arbeitgeber. Beziehungspartner. Irgendwie scheine ich diese Menschen anzuziehen, die alle so sind wie…

Wie wer, das wissen wir für gewöhnlich nicht. Und was die Gemeinsamkeit zwischen dem Typ Mensch, dem wir immer wieder begegnen und diesem Wer ist, das erkennen wir auch nicht. Aber irgendwie reagieren wir allergisch auf diesen Typ Mensch und was er macht und wie er spricht und wie er riecht und geht und sich gibt. Und was er alles zu sagen hat, dieser Typ Mensch! Genau wie… Aber uns fehlt der Zugang. Im alltäglichen Leben geht alles zu schnell. Wir parieren die Unverschämtheit der Freundin und quittieren die Freundschaft. Wir setzen den Partner an die Luft, bevor es noch unerträglicher wird mit ihm. Wir reagieren schockiert über die Anmaßungen des Chefs und die Distanzlosigkeit der Kollegin und suchen das Weite, schmeißen den Job hin, sobald wir können. Wir werden wütend. Wir schreien. Wir streiten uns heftig. Wir hören nicht zu. Auf keinen Fall tun wir das. Das hören wir uns nicht länger an. “Pass mal auf”, rufen wir aus, “du bist nicht mein Vater!” Oder wir brüllen: “Du klingst wie meine Mutter!” Und wir wissen höchst selten, was wir da eigentlich gesagt haben, solange wir Anfang, Mitte, Ende zwanzig und dreißig sind. Da klingt der Chef wie der Vater und das geht ja wohl gar nicht. Und da erinnert die Partnerin an die Mutter und das braucht man nun wirklich nicht. Und man reagiert und reagiert und reagiert. Das läuft alles automatisch. Der Schatten wächst, denn der Kobold, der dort sitzt, fühlt sich sehr gut genährt. Er wird dick und rund. Je nachdem, um welches Lebensprinzip es sich handelt, das vom Kobold betroffen ist, werden wir das auch. Wir füttern nicht nur den Schatten, sondern auch unsere Körper. Wir futtern, um die Defizite zu kompensieren, um eine Leere zu füllen, von der wir nicht wissen, wieso sie überhaupt da ist. Haben wir nicht alles, was wir zum Leben brauchen? Haben wir nicht sehr oft sogar viel, viel mehr als das? Und doch sagen wir Dinge wie: “Es ist nie genug, es reicht nie.” Oder: “Das Leben ist eben kein Zuckerschlecken.” Oder: “Geschenkt bekommt man im Leben gar nichts.” Und also müssen wir uns nehmen, was wir nicht geschenkt bekommen. Müssen uns den Zucker zuführen, den das Leben uns nicht schlecken lässt. Müssen irgendwie versuchen, noch mehr zu bekommen, damit es irgendwann mal reicht, um satt zu sein. Nehmen und nehmen und nehmen und bedauerlich oft vergessen, auch mal danke zu sagen oder etwas zurückzugeben. Der Solarplexus lässt grüßen. Was wir dann tun ist: Dinge verteidigen. Geizig sein. Gier zeigen. Vielleicht bestehlen wir, belügen, betrügen. Manchmal andere, manchmal uns selbst. Wir verstecken, enthalten vor, rücken nicht raus. Manchmal Dinge, manchmal uns selbst und unsere Wahrheit. Manchmal handelt es sich um eine Kritik und manchmal auch um ein Kompliment, beides trauen wir uns nicht zu äußern. Das Kehlkopf-Chakra lässt grüßen. Manchmal gehen wir gar nicht erst los, verweigern die Erfahrung, halten unsere Sinne geschlossen, sagen, wir haben nichts mitbekommen. War da was? Grüße vom Sakral-Chakra. Dass das Sakral-Chakra blockiert, kann auch Hochsensiblen passieren, die mit ihren fünf Sinnen eigentlich sehr verbunden sind. Wenn wir nicht bei uns sind, strömt zwar weiterhin alles auf uns ein, aber wir bekommen nichts mehr sortiert und fühlen uns am Ende des Tages komplett verwirrt und erschöpft. Und am lautesten sagen wir: Ich finde einfach meinen Platz im Leben nicht. Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen für mich gibt. Und wir geben auf, es mit der nächsten Gelegenheit wieder zu versuchen. Das Leben ist ohnehin nur ein ständiger Kampf. Traurige Grüße vom Herz-Chakra in Blockadehaltung. Oder vom Wurzel-Chakra im Fluchtmodus. Wir fühlen uns alleine in der Welt, einsam und verloren. Die Grüße, die Stirn- und Kronen-Chakra uns permanent zu schicken versuchen, nehmen wir nicht wahr.

Das alles sind nicht wir. Dieses gesamte Verhalten ist nicht, wer wir in Wahrheit sind. Das ist es, was Luai meinte, als er sagte, er wisse gar nicht, wer er in Wahrheit sei. Aber das ist auch, wovor sein hochsensibler Freund Ibaa ihn schützen wollte. Denn in diesen Gefühlslagen treffen wir auf Menschen, die uns nicht gut tun. Wir geraten an Tyrannen, an Schwächlinge, an Manipulatoren, an illoyale Menschen, solche, die uns ausbeuten, im Stich lassen oder verraten und nach kürzester Zeit stehen wir vor riesigen Scherbenhaufen von verletzten Gefühlen. Dieser Kreis wiederholt sich solange, bis wir – oft in der Mitte unseres Lebens – sagen: Es muss sich etwas ändern. Dieser Zeitpunkt und die Phase, die danach folgt oder folgen kann, wird mit den Begriffen Selbstfindung und Selbstverwirklichung in manchen Kreisen auch als lächerlich hingestellt. Midlife-Crisis wird der Moment auch genannt und der Versuch der Ridikülisierung zeigt die Angst der Umwelt vor der potenziellen Veränderung an, die sich da ankündigt. Wird er danach noch so leicht manipulierbar sein? Wird sie noch so großzügig und fürsorglich sein und sich für alle aufopfern? Wird es womöglich ein Ende haben, dass wir ihr alles Mögliche einreden können…, …dass wir mit ihm umspringen können, wie es uns passt? Warum geht es nicht auch ohne Veränderung? Es war doch alles gut so, wie es war! Zumindest war es herrlich bequem.

Nein, war es nicht. Da waren die Erfahrungen. Eine Erfahrung nach der anderen hat davon erzählt, dass nichts gut so war, wie es war und bequem auch nur für die anderen. Eine dunkle Erfahrung nach der anderen hat auf etwas hingewiesen, was nicht gut und nicht bequem war. Eine Erfahrung nach der anderen hat gesagt: Das bist nicht du. So bist du nicht. Wenn das hier deinem Kern entspräche, würde es sich leicht anfühlen. Es würde sich gut anfühlen, schwungvoll, lichthell. Aber so hat es sich nicht angefühlt. Und das ist es, wofür die dunklen Erfahrungen gut sind: Vor der Dunkelheit wird Licht erst erkennbar. Mitten in der Dunkelheit leuchtet auf, was wirklich das Beste für uns ist, jenseits dessen, was Andere uns einzureden versucht haben, was das Beste für uns sein solle.

Illustration: Christiane Rösch

In dem Märchen “Das hässliche Entlein” von Hans-Christian Andersen weist der vollendete Schwan auf dieses Phänomen hin, wenn er von seiner Dankbarkeit spricht, zu der er sich erst dadurch fähig fühlt, dass er die Dunkelheit, also die Abwesenheit von Liebe, erfahren habe. Erst vor dem Hintergrund dessen, was er nicht ist, kann er erfahren, was er in Wahrheit ist, auch wenn man ihm seine Sehnsucht nach dem, was die Anderen nicht kannten, auszureden versucht hat.

Und das also ist es, wofür es gut ist, schlechte Erfahrungen zu machen oder what the bad is good for. Wenn wir soweit sind, dass wir zur Selbstreflexion fähig sind, werden wir nicht mehr betrogen, belogen, bestohlen und so weiter, ohne, dass wir uns fragen: Was hat unsere Reaktion auf den Betrug, die Lüge, den Diebstahl mit uns selbst zu tun – oder auch das Auftreten der Phänomene? Hier tritt der Betrug, die Lüge, der Diebstahl in unseren Dienst ein und leistet einen tiefergreifenden Dienst als der königliche Berater, der dem König mit hochsensiblen Fähigkeiten das Übel vom Hals hält. Unsere emotionale Reaktion auf das Übel bringt uns mit unseren Schatten in Kontakt und eröffnet uns jetzt die Möglichkeit, sie uns bewusst zu machen und zu integrieren. Es geht darum, Verantwortung für die Schatten zu übernehmen. Wir übernehmen zuerst Verantwortung für unsere Gefühle – statt sie auf unsere Mitmenschen zu projizieren – und übernehmen dann Verantwortung für die Verletzungen, die alt sein mögen und deren Ursachen vielleicht lange zurückliegen. Hier kommt das innere Kind ins Spiel und unbedingt auch der innere Erwachsene. Die Transformation der Schatten geht ehrlich gesagt über den Schmerz und manchmal sogar über das erneut somatisierte Leid. Das ist das Wesen der Schattenarbeit. Indem wir das innere Kind erzählen lassen, woran es sich durch die aktuelle Situation erinnert fühlt, und indem wir ihm mit dem Herzen des inneren Erwachsenen vorbehaltlos zuhören, wirklich, wirklich zuhören, bezeugen wir zunächst sein Leid von damals. Wir bezeugen es mit unserem Geist, unserem Herzen, unserem Mitgefühl und manchmal sogar noch einmal mit unserem Körper. Das ist ein so wichtiger Schritt und an dieser Stelle geht es schon lange nicht mehr um den Betrüger, den Lügner, den Dieb in unserem aktuellen Erleben. Es geht um das Kind in uns, das damals um die Loyalität des Vaters betrogen wurde und sich seitdem nicht mehr sicher fühlt. Es geht um das Kind, dem von der Mutter ständig die eigenen Gefühle abgesprochen wurden, bis es sie selbst verleugnet hat. Oder es geht um das Kind, dem von Lehrern das Selbstvertrauen gestohlen wurde und das jetzt seinen eigenen Fähigkeiten nicht mehr traut und sich noch immer für unfähig hält.

Dem inneren Kind von damals den Stift zu leihen, ist die einfachste und sicherste Möglichkeit, ihm eine Stimme zu geben. Das Schreiben geht intuitiv, aber langsam und bedächtig. Während des Schreibens verfertigen sich die Gedanken nur ganz allmählich aus den Gefühlen, die wir im Grunde protokollieren. Die Langsamkeit schützt uns, während der meditative Zustand des Fließenlassens uns einen ungeahnten Zugang zu den Tiefen unseres Unbewussten verschafft. Das ist der Vorteil des therapeutischen Schreibens, selbst wenn es uns nicht davor beschützt, Zeuge der eigenen Gefühle zu werden.

Bei diesem Vorgang darf das innere Kind in all seinen Facetten, vom Kritiker über den Wächter bis zum Rebellen, jede Tonart wählen, um von sich zu erzählen. Wir hören nur zu. Wir akzeptieren seine Erfahrung und bezeugen sie. Ja, so war das damals. So haben wir es wahrgenommen. Und so ging es uns damit all die Jahre.

Wenn wir diese Arbeit mit Ende dreißig oder Anfang vierzig leisten, ist da ein innerer Erwachsener, der zuhören kann. Dem Aura-Modell nach soll der innere Erwachsene mit 21 ausgebildet sein, es handelt sich um unsere Vernunft, aber manchmal dauert es noch einige Zeit, bis er auch wirklich präsent ist und konsequent auftritt. Man muss aktiv versuchen, ihn kennenzulernen und es lohnt sich, ihm ein paar Fragen zu stellen: Wer bist du eigentlich, du Erwachsener in mir? Wie reagierst du eigentlich in Stresssituationen, wenn ich in eine hineingerate? Auf welche Art bist du da präsent? Und auf welche Weise bist du konsequent? Wie ist dein Stil und deine persönliche Note? Wie muss ich mir dich vorstellen? Und wie kann ich mich an dich wenden und inwiefern kann ich mich auf dich verlassen? Wieso sollte ich dir vertrauen?

Und dann ist der Erwachsene aufgefordert, sich einzumischen. Das Kind, das mit seiner Erzählung zu Ende gekommen ist, hält ihm den Stift hin und fordert den Erwachsenen jetzt auf, ihm, dem Kind, bitte beizustehen, indem die Geschichte um eine Komponente erweitert wird. Ein kompetenter Erwachsener wird in die Szenerie hineingeschrieben. Die Beteiligten von damals bleiben wie sie sind. Sie verhalten sich genauso unaufmerksam, nachlässig, destruktiv oder sogar gewalttätig, wie sie sich damals in der Wahrnehmung des Kindes eben verhalten haben. Nicht die Fakten werden verändert, nicht der tatsächliche Hergang. Und auch das Kind kann sich nicht anders verhalten, als es ihm damals aufgrund seiner kognitiven, emotionalen und mentalen Entwicklung möglich war. Was verändert wird, ist die Energie der Szene, indem wir die Komponente der Vernunft hinzufügen.

Die Vernunft entspricht unserer mentalen Reife in ihrer vollendeten Form. Mit dem Teil der weiblichen Energie, das, was unter dem Begriff des Yin oder der Anima bekannt ist, haben wir Präsenz bewiesen und dem inneren Kind zugehört. Mit dem Teil der männlichen Energie, des Yang oder des Animus, lassen wir jetzt Konsequenz walten. Es dreht sich darum, sich schützend vor das innere Kind zu stellen, es in seiner Not nicht mehr nur zu sehen, sondern es jetzt zu verteidigen. Der Moment der Verteidigung verleiht unserem Selbst emotional Wert. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, man befände sich in einer Lage der Bedrängnis und ein Dritter bezöge Position für uns, ginge in unsere Verteidigung hinein. Wir fühlen uns wertvoll, wenn jemand so etwas für uns tut. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: “Du weißt erst, ob jemand wahrhaft dein Freund ist, wenn er dich in deiner Abwesenheit vor Dritten verteidigen musste.” Wir begründen also Freundschaft zwischen dem inneren Kind und dem inneren Erwachsenen. Wir etablieren Vertrauen. Wir schaffen eine energetische Basis, eine neue innere Erfahrung, auf der das innere Kind nach und nach lernen kann, sich dem inneren Erwachsenen anzuvertrauen. Diesem Erwachsenen bin ich es wert, von ihm verteidigt zu werden, lautet der Gedanke dieser neuen Energie, die sich mit jedem integrierten Schatten weiter und weiter in uns ausbreitet. Wenn wir das Modell verlassen, bedeutet es, dass wir durch die neue Erfahrung der wirksamen Verantwortungsübernahme in der Lage sein werden, eine stressige Situation zunächst von unserer Vernunft dirigieren zu lassen und die Emotionen solange zu beruhigen, bis wir Zeit und Raum finden, uns ihnen zu widmen.

Tatsächlich aber werden die Gelegenheiten immer weniger, in denen wir überhaupt in eine emotionale Resonanz mit negativen Ereignissen gehen und daher negative Erfahrungen machen. Jeder integrierte Schatten wurde am Solarplexus in Weisheit verwandelt und wird im Herzen als Mitgefühl gespeichert und steht dem Sakral-Chakra für den Fokus der nächsten Sinneserfahrungen mit der Welt zur Verfügung. Auf diese Art können wir unsere Mitte stärken, was zur Konsequenz haben wird, dass unsere Haltung sich aufrichtet. Menschen mit königlicher Haltung werden von nicht allzu vielen Schatten geplagt. In ihnen wohnen nur wenige Kobolde. Und die, die dort wohnen, sind bekannte Gesellen, die unter Beobachtung stehen. Für gewöhnlich aber mussten Menschen mit königlicher Haltung daran arbeiten, ihre Mitte so zu stärken, dass sie diese Haltung erlangen konnten, und während die Tänzer des europäischen klassischen Balletts für ihre königliche Haltung an ihren Körpern arbeiten, arbeiten die Tänzer des chinesischen Balletts an ihrem Inneren, um das gleiche Ergebnis an Haltung zu erlangen. Beide Wege sind möglich. Der Körper hat ebenso Einfluss auf unseren Geist, wie unser Geist auf unseren Körper.

Über die innere Arbeit der Schattenintegration findet nach und nach das statt, was Luai zu Beginn der Geschichte reklamiert hatte: Es ist das Kennenlernen des eigenen Selbsts. Wer ich eigentlich bin, erfahre ich über den Umweg, zu beobachten, wer ich nicht bin. Wenn ich offenbar keine Ente bin, muss ich mich irgendwann auf den Weg machen, herauszufinden, was ich stattdessen bin. Ich muss dazu meine Spiegel überprüfen, mir andere Vorbilder wählen und der Wandel geschieht automatisch, während sich meine Resonanz verändert. Dann verschwinden die alten Spiegel und es tauchen neue auf, die nicht mehr verzerren und deren Winkel verändert sind, so dass sie eine andere Perspektive spiegeln können. Aus dieser Perspektive erkennt das hässliche Entlein sich plötzlich als Schwan.

Da der Wissensbrunnen eines Menschen, der möglichst viele Erfahrungen durch die Bewusstseinsarbeit integriert hat, gut gefüllt ist, wird auch seine vorher schwach ausgeprägte Intuition jetzt in seinem eigenen Dienst stehen. Er braucht keine Berater und keine Vermittler mehr. Autark zu sein in einem gesunden Urteilsvermögen, ist der wichtigste Schritt zur Emanzipation von den Kindheitsmustern. Ja, wir spüren dann selbst schon zu Beginn eines Kennenlernens, wie die Geschichte mit diesem Menschen enden wird. Ich hatte das schon unzählige Male. Aber die Beobachtung geht noch weiter.

 

Illustration: Annette Greiner

Ich lerne jemanden kennen, schüttle ihm vielleicht die Hand, stelle mich vor und ein Gefühl oder mehr eine Ahnung überfällt mich kurz. Manchmal ist es ein ungutes Gefühl, eines, das mir sagt, dass ich von diesem Menschen lieber Abstand halten will oder sollte. Aber das Gefühl ist sofort wieder weg. Es ist extrem flüchtig. Und inzwischen weiß ich aus Erfahrung, dass es in so einem Fall, in dem die Intuition sich nicht packen lässt, genau darum geht. “Sei am Ende nicht zu überrascht und in der Zwischenzeit: Genieße die Reise.” Ich hatte schon Liebesbeziehungen, bei denen man bei späterem Hinsehen vorher hätte sagen können, dass das nichts gibt. Und es hat auch nichts gegeben, außer ein paar guter Momente, die man später an einer Hand abzählen konnte und nicht mal alle Finger brauchte. Aber es war alles notwendig, vom überraschenden Anfang bis zum vorhersehbaren Ende. Es wurden so viele Schatten ans Licht geholt und in späterer innerer Arbeit integriert. Es wurden sogar Fähigkeiten entdeckt, die ohne diese Beziehungen im Dunkeln geblieben wären. Und im späteren Trotz lag sogar der Mut, die Fähigkeiten endlich anzunehmen. Mag sein, dass am Ende das schockierte Schweigen bleibt und man es lange nicht abgeschüttelt bekommt. Es mag auch sein, dass man sich jetzt, am Ende, daran erinnert, dass man doch am Anfang dieses Gefühl hatte. Dann sagt man sich gerne: Hätte ich doch darauf gehört! Aber die Wahrheit ist: Es ging nicht darum, darauf zu hören. Es ging darum, die Geschichte zu erleben und eine Erfahrung zu machen. Wenn es darum geht, durch unsere Intuition geschützt und von einer Erfahrung abgehalten zu werden, meldet sie sich hartnäckiger. Wir können sie immer noch ignorieren, aber in der Regel ist uns dann auf irgendeiner Ebene klar, dass wir sie ignorieren aus welchem Grund auch immer wir das tun.

Wir müssen uns also fragen: Wie wohlmeinend und hilfreich sind hochsensible Freunde eigentlich wirklich, wenn sie uns ihre hochsensiblen Vorahnungen aufdrängen und uns so das Leben vorenthalten? Unsere eigene Intuition würde sich offenbar nicht so verhalten, es sei denn, es ist unbedingt notwendig. Unsere eigene Intuition gibt uns einen Hinweis (“Sei am Ende nicht zu überrascht…”), aber löscht den Hinweis sofort aus unserem bewussten Gedächtnis (“…und genieße die Reise”). Wir sollen reisen. Wir sollen und wollen Erfahrungen machen. Wir sind hier, um herauszufinden, wer wir in Wahrheit sind und wir finden es nicht heraus, wenn wir dem Leben keine Gelegenheit geben, es uns zu zeigen. Mit einem hochsensiblen Freund an seiner Seite, der einen vor jedem Unbill zu bewahren versucht, ist man also nur scheinbar reich. Man läuft leicht Gefahr, arm an Erfahrung zu bleiben. Denn auch wenn wir hochsensibel oft am Anfang schon das Ende erahnen können, entgeht uns in der Ahnung zumeist der Mittelteil. Der aber will gelebt werden. Hier soll gelebt, geliebt und, ja, auch gelitten werden. Manchmal schon währenddessen, manchmal erst am Ende.

Der Fehler liegt also manchmal ganz anders, als man zu Beginn des Artikels hätte meinen können. Er lag nicht darin, dass Luai mit der Ex-Freundin ausgegangen ist und auch nicht darin, dass er Ibaa davon erzählt hat. In dieser Geschichte liegt er darin, dass Ibaa dem Leben nicht vertraut, weil er bisher nicht verstanden hat, wozu es gut ist, schlechte Erfahrungen zu machen. Manchmal braucht es statt des Rates eines unerfahrenen und übervorsichtigen Freundes vielleicht doch den Rat eines erfahrenen Reisenden. Luais Vater jedenfalls soll die Erzählung seines Sohnes mit den Worten kommentiert haben: “Sohn, das ist Leben.” Und Luai erzählt, dass er so langsam verstehe, auf welchen Wegen seine eigene Intuition mit ihm in Kontakt trete. Er sei überrascht, wie erstaunlich oft er richtig damit liege, seiner Intuition zu vertrauen. Aber dazwischen läge eben Leben, ganz wie sein Vater ihm geraten habe und vieles davon sei pure Schönheit, selbst wenn es ganz oft auch unschön ende.

Über die Autorin:

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

 

Posted on 21. Juli 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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