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Märchenmeditation: Wo die Federn fliegen

Es war einmal, und das war ich, die, die sie später die Pechmarie nannten, viel später, als das Alles längst vorbei war und die Leute, vielleicht weil das so in ihrer Natur liegt, noch immer über das Pech redeten, das an mir haftete und das einfach nicht abgehen wollte. Ich glaube, viel mehr als über die Tugend meiner Schwester, redeten sie über mein Unglück und darüber, was ich alles auf mich genommen hatte, aber wie glücklos ich war und wie ich dennoch mit leeren Händen da stand. Solche Geschichten mögen die Leute, weil sie dann selbst nur noch wie halbe Unglücksraben wirken. Aber sie haben schon Recht. Ich habe wirklich einiges auf mich genommen. Ich hatte es meiner Mutter Recht machen wollen und darin hatte ich mir nun wirklich Mühe gegeben. Sie konnte es nicht ertragen, dass die Andere schon wieder den Vorteil hatte. Mir war das eigentlich egal gewesen. Sollte sie doch. Sie war nun mal die Schönere und fleißig war sie auch, weil‘s ihr aber auch nichts ausmachte. Wenn das Brot nun mal fertig war, musste es eben heraus geholt werden und sie tat, was nötig war und fertig. Und wenn die Äpfel reif waren, gut, dann waren sie eben reif und dann wurde der Baum eben geschüttelt. Ich glaube, sie hat nie so richtig darüber nachgedacht, ob sie darauf jetzt Lust habe oder nicht. Darauf, dass sie dauernd irgendwie helfen konnte, hatte sie scheinbar immer Lust, und am Abenteuer schien sie auch ihre Freude zu haben. Oder was weiß ich. Ich meine, das mit der Spule und dem Brunnen war doch schon so ein komisches Ding. Wer springt denn in einen Brunnen, um eine Spule wieder herauf zu holen, wo die Welt voll von Spulen ist? Vielleicht dachte sie, sie habe keine Wahl. Die Mutter hatte es befohlen. Mutter hatte echt keine Geduld mit ihr. Gerade von diesem Schönen und Guten und Braven war sie total genervt, weil sie meinte, sie und ich müssten noch schlechter daneben aussehen. Ich dachte zwar, mich soll sie da raus halten, aber gesagt hab ich‘s auch nicht. Darin war ich genauso wie meine Stiefschwester. Sie hat wie ein Lämmchen einfach alles hingenommen, hat nicht mal anständig rumgezickt oder so und zuletzt dann ab mit ihr in den Brunnen und ich dann später noch hinterher, da war ich auch nicht viel besser, das geb ich mal zu, aber bei meiner Mutter haben Widerworte auch gar keinen Sinn. Bei meiner Mutter tut man, was Mutter sagt, das getan wird, oder man kann was erleben. Und das will man eigentlich lieber nicht.

Dass sie auf einer Blumenwiese landet, hätte sie sich wohl nicht träumen lassen, meine schöne Stiefschwester. Darum war das schon irgendwie mutig, Abenteuer eben oder der Mut der Verzweiflung, haben die Leute später gesagt. Ich wäre nie gesprungen, nicht als erstes, ohne zu wissen, was kommt und auch als zweites nicht ohne, dass Mutter es unbedingt wollte. Aber meine Schwester ist eben anders.

Illustration: Julia

Illustration: Julia

Ihr kam das sicher alles wie im Paradies vor, was mich dann zu Tode gelangweilt hat: frisches Brot, duftende Äpfel, Zauber von Sommer, von Herbst und dann diese Holle, die über das Wetter zu bestimmen schien und allem hätte man da unten helfen können und dienlich sein und ganz aufgehen in dem ganzen Frieden mit sich und der Welt und so weiter, wenn man das gewollt hätte. Aber wer will das? Wer hat das Brot denn in den Ofen geschoben?, frage ich mich. Soll der es doch auch wieder herausholen. Und wem gehören die Äpfel? Meine Schwester legt natürlich alles hübsch fein auf einen Haufen zusammen. Das ist so typisch für sie: Damit der Baumbesitzer nicht so viel Arbeit hat. Aber was geht der mich an? Seine Bäume, seine Äpfel, seine Sache, sie zu ernten.

Na, glücklicherweise wusste ich mit dieser alten Frau dann schon Bescheid. Die hatte aber auch wirklich Zähne, Mann, mit denen konnte sie ganz schön zubeißen und die hat auch kein Blatt vor den Mund mit den Hauern genommen, ganz und gar nicht.

Am ersten Tag hab ich mir das ja noch bieten lassen, da wollte ich ja noch was von ihr, oder besser: meine Mutter. Ich frage mich im Nachhinein, ob sie nicht besser selbst hätte gehen sollen. Die wäre mit der Holle schon fertig geworden, die hätte mit kleinen spitzen Zähnen zurückgebissen. Mir war das alles zu anstrengend. Was die mir dauernd zu sagen hatte! Ich konnte gar nichts richtig machen, aber ich hatte auch keine Energie in mir, es überhaupt zu versuchen. Und dann dieses Betten machen! Schwerer ging das Federbett wohl nicht mehr zu befüllen. Nein, nein, da leg ich mich lieber hinein, statt es zu schütteln, bis mir die Arme lahm werden. Und was interessiert mich der Schnee in der Welt? Dann gibt es eben mal einen warmen Winter.

Also nach drei Tagen war die Sache vorbei und ich war froh. Das war nichts für mich und diese ganzen angeblichen Wahrheiten der Holle, was bildet die sich eigentlich ein? Denkt wohl, sie kennt mich besser als ich mich selbst. Ich wollte das alles gar nicht wissen. Hab sie nicht danach gefragt jedenfalls. Die Holle kündigt mir also und das war ganz gut so und ich denke mir noch, ich komm wieder nach Hause mit Gold, wie meine Schwester, ich hab’s schließlich so gut gemacht, wie ich es eben konnte und das, obwohl ich’s gar nicht wollte, aber wie das ausging am Ende, das hängt heute noch an mir.

Sind eine paar Jahre vergangen und ich überlege, ob ich noch mal in den Brunnen springen soll und mehr nach der Anleitung meiner Schwester vorgehe: Brot raus, Äpfel runter, Federn durch die Gegend gepustet. Aber wozu? Ich sehe immer noch nicht ein, warum das nicht auch ein Anderer machen kann. Und vielleicht bringt das so nichts. Vielleicht gehört das so nicht. Vielleicht muss das mehr so wie bei meiner Schwester sein. Die war ja im Grunde vorher schon eine Goldmarie, auch wenn außen kein Gold klebte. Vielleicht bin ich eben auch vorher schon eine Pechmarie gewesen, auch ohne Pech am Kleid und die ganze Holle-Sache hat nur Innen nach Außen gebracht. Dann brauche ich aber auch nicht noch mal in den Brunnen springen und denken, dass sich was ändert. Ich will nämlich gar nicht, dass sich was ändert und meine Mutter soll mich in Ruhe lassen oder selber gehen, wenn sie was will. Sollte ich noch mal gehen, dann nur, wenn ich will, aber ich glaube nicht, dass ich will. Ich meine: Was geht mich der Brunnen an?

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Posted on 9. Dezember 2016 in Märchenhelden im Schreibspiel, Märchenmeditationen

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