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Winter, Herbst, Frühling, Sommer

Bildgabe mit sehr freundlicher Genehmigung der Künstlerin Kathrin Kühn, www.kathrin-kuehn-art.de

 

Winter, Herbst, Frühling, Sommer… Spätsommer. Meine Idee ist folgende:

Winter (hinter diesem Link verbirgt sich das Stück “Winter” nach Antonio Vivaldi in einer Transskription durch den Komponisten Max Richter.)

Natürlich ist es so, dass jeder Mensch, jede Geburt, jedes neue Leben ein Aufbruch ist. Jede Kindheit ist ein Neuanfang. Jede Kindheit sollte mit dem Frühling assoziiert werden. Jede Kindheit sollte voller Jubel sein, voller Entdeckungen, voller saftigem, aufspringendem Grün und klarem Sonnenlicht. Und das junge Leben sollte wie ein zartes Pflänzchen behandelt werden, gehegt und gepflegt von der Wärme der lockenden Frühlingssonne und genährt vom erquickenden Frühlingsregen. Es sollte wachsen dürfen, das Pflänzchen, ganz im eigenen Tempo und nach der eigenen Wesensart. So sollte es werden dürfen, was es in seinem Kern ist: eine Fichte, ein Gänseblümchen, ein Grashalm oder ein Kraut. Und Eines sollte dem Anderen gleichwertig sein. Das Wesen, das da voller Neugier in sein Leben aufgebrochen ist, sollte von den anderen Wesen, die es liebevoll begleiten, gespiegelt bekommen, welche Art von Pflanze es ist und was seine Besonderheiten sind, worin sein unermesslicher Wert liegt. Es sollte im Du erfahren dürfen, was sein Ich in der Welt ausmacht. Die Welt sollte ihm, dem kleinen Wesen, sagen, was sie in ihm an Licht sieht und von seinem Wunder sollte die Welt ihm erzählen, so dass das junge Wesen nach und nach eine Vorstellung davon erhält, was in ihm steckt und wer es ist. Nach und nach sollte es von seinem göttlichen Kern erfahren dürfen und lernen, ihn in der Welt zum Ausdruck zu bringen. Jeder Mensch ist schließlich, wie Hannah Arendt es ausdrück, eine neue Hoffnung für die Welt, ein Neuanfang. So sollte jeder neue und junge Mensch auch behandelt werden: geliebt und gefördert und angespornt, sein Wesen zu zeigen, seiner Seele zu lauschen, seine Essenz zu leben.

Aber: Es ist nur eine Idee.

In einer menschlichen Welt, in der junge Wesen sich möglichst schnell eingliedern, anpassen und mithalten müssen im Vergleich mit den anderen jungen Wesen, in der sie in die Obhut von erwachsenen Wesen kommen, die sich in ihrem Innern von Ängsten, Zweifeln und Illusionen gequält fühlen, findet kein Frühling statt. In so einer Welt wird ein junges Wesen in einen Bewusstseinszustand hineingeboren, der sich anfühlt wie Winter. Mir kommt dazu Vivaldis “Winter” in den Sinn: Schwer und dunkel. Der Komponist Max Richter formt diesen Winter nach Vivaldi noch einmal deutlicher aus in seiner Schwere und Dunkelheit.

Natürlich gibt es außer ein paar Statistiken über den prozentualen Anteil der Menschheit, der unter bedingungsloser Liebe oder unter absoluter Lieblosigkeit oder in einer Mischung aus beidem aufwächst, keinen Beweis für diese These. Wir haben nur unsere Erfahrung. Es gibt nur die Einladung, sich umzusehen, zuzuhören, hineinzufühlen in den Zustand der Welt. Mir persönlich kommt es nicht so vor, als befände die Menschheit sich psychisch, geistig, seelisch überwiegend in einem Gemütszustand, der sich mit Frühling assoziieren ließe. Mir kommt es wie Winter vor oder vielleicht noch wie eine Pendelbewegung zwischen Winter zu Herbst und zurück in den Winter.

Denn was geschieht da, wenn ein Kind auf die Welt gekommen ist? Natürlich mutet es auf die meisten Außenstehenden an wie pures Glück. Viele Eltern berichten von dem unermesslichen Druck, der auf ihnen lastet, bloß bitte zu Protokoll zu geben, wie unermesslich groß ihr Glück sei. Hinter vorgehaltener Hand erzählen sie aber von ganz anderen Zuständen, um die es mir hier allerdings nicht im Kern geht. Das sind vorübergehende Phasen: Alleinsein, Genervtsein, Überforderung, alles-ist-anders-als-man-es-sich-vorgestellt-hat. Was keine vorübergehende Phase ist, ist das, was dann Erziehung genannt wird. Was da Erziehung genannt wird, hat ganz viel mit der eigenen Dunkelheit, den eigenen Ängsten, den eigenen Zweifeln, den eigenen Illusionen, dem beschränkten Horizont zu tun, in dem so viele Menschen sich selbst fühlen. Mehr und häufiger, als dass diese Erziehung mit bedingungsloser Liebe, Empathie, interessierter Offenheit und Neugier, fließender Flexibilität und Großmut  zu tun hätte, hat sie mit beengten und beengenden geistigen Räumen zu tun und einem Denken, das bereits der eigenen Konditionierung entspringt und als Konditionierung weitergegeben wird. Die Selbstbilder ranken sich um das Gefühl von Inkompetenz, um Emotionslosigkeit zugunsten von Regelhaftigkeit, um das Gefühl von Wertlosigkeit, von Liebesunwürdigkeit, von Mangelgefühlen, innerer Leere, Unzufriedenheit, Schmerz und Widerstand.

Manchmal sind da unbewusste Rachegelüste, mit denen ein Kind sabotiert wird, weil man es selbst schließlich auch nicht besser hatte. Oder es erhebt sich mit den ersten erlebbaren kindlichen Talenten die Idee, dass das Kind ausleben müsse, was man selbst nicht geschafft hat. Manchmal wirken auch einfach unreflektierte Automatismen, die einem selbst angeblich auch nicht geschadet haben. Manche Eltern agieren wie dressierte Äffchen und sagen: “Wieso, das hat meine Mutter auch so gemacht!” oder “Mein Vater hat immer gesagt…”.

Wie auch immer sich die Ängste und Konditionierungen dann auf der Handlungsseite, im Aktivpol des jeweiligen dysfunktionalen Schattens, manifestieren – und sie manifestieren sich! – auf der empfangenden Seite, im Passivpol, steht ein Kind. Eigentlich ist es ein zartes Kind in seinem Frühling, aber es wird getroffen vom rauen Wind des elterlichen Winters. Das eigene Empfinden wird auf das Kind projiziert, die eigene Angst vor dem Leben, die Angst, nicht gut genug zu sein und die gesamte mangelnde Selbstliebe. Das Kind in seinem zarten Frühlingsdasein wird Opfer des elterlichen Beweiszwangs (“mein Vater war ein elender Besserwisser und hat mir alles kaputtgeredet”), Opfer der elterlichen Sabotage (“ich durfte mich nur in Rufreichweite zum Haus aufhalten und Fahrradfahren sollte ich lieber nicht lernen”), Opfer der elterlichen Kritiklust (“jetzt heb bloß nicht ab, so toll war deine Leistung jetzt auch nicht, hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mich über eine gute Note gefreut habe”), Opfer der elterlichen inneren Isolation (“lass das Kind schreien, sonst hast du hinterher ein völlig verzogenes Kind, sagt meine Mutter heute bei meinen Kindern wieder und es soll mir angeblich auch nicht geschadet haben, im dunklen Zimmer alleingelassen worden zu sein”), Opfer des elterlichen Mangelempfindens (“Bei uns zu Hause war nie genug da, dass man mal richtig hätte satt werden können!”). Und dann gibt es noch die Kinder, die Opfer von all dem zusammengenommen werden und den Eltern als Freundes-, Partner, Therapeutenersatz zur Verfügung stehen müssen (“Wenn ich daran denke, wie ich mich für den Frieden im Haus geistig prostituieren musste, wird mir schlecht”). So eine Kindheit fühlt sich nicht nach Frühling an, nach Blumen, nach Sonne und Wasser, um wachsen zu können und die oder der zu werden, die oder der im Kern eigentlich angelegt ist. So eine Kindheit fühlt sich nach Winterschlaf an. Sie fühlt sich danach an, die Blätter und Knospen und Triebe lieber versteckt zu halten, damit sie in der Kälte der sie umgebenden Welt nicht erfrieren. Wenn die Triebe doch einmal austreiben wollen, was sie unweigerlich und glücklicherweise wollen, weil das Austreibenwollen im Kern jedes Pflänzchens enthalten ist, dann fegt nicht selten ein eisiger Wind über sie hinweg: “Musst du wieder auf Diva machen?”, “Wie immer hast du mich wieder enttäuscht!”, “Du bist auch wirklich zu nichts zu gebrauchen und machst nur noch mehr Arbeit, wenn du mal was machst.”, “Wozu schicken wir dich eigentlich in die Schule, wenn du doch nie was weißt?”, “In diesem Aufzug siehst du aus wie ein Papagei, wirklich lächerlich!”.

So vergeht die Kindheit und sie hat sich angefühlt wie Winter mit einigen warmen Frühlingstagen, die sich hineinmogeln konnten. Hoffentlich konnten sie das.

Diese paar Frühlingstage werden unsere Rettung gewesen sein und sie werden zu unseren Ressourcen geworden sein. Sie werden diesen engen Raum der Angst geweitet und ihn ein wenig mit Licht und Wärme gefüllt haben, die eine Kindheit eigentlich permanent braucht. Diese Wärme wird eine Mischung aus Präsenz gewesen sein (Achtsamkeit, Zuhören, Dasein) und Angemessenheit (Schutz, Anleitung, Aktivität). Manchmal gab es diese besondere Freundin, eine Großmutter oder einen Großvater, eine Tante oder einen Onkel, ein Tier, ein Hobby, eine tiefe Leidenschaft, die uns ein Frühlingstag waren, wannimmer wir sie trafen.

Herbst

Wir kommen dann in die Jugend, werden junge Erwachsene ohne einen nennenswerten Frühling im Gepäck, in unserer Schwingung zu haben. An was halten wir uns jetzt? Wer waren unsere Vorbilder? An was orientieren wir uns, wenn wir in die Phase starten, sagen, zeigen, leben und lieben zu wollen, wer wir wirklich sind? Die Vorbilder hätten uns helfen sollen, unseren Kern zu erfassen und sie hätten uns zeigen sollen, wie man das macht, ganz man selbst zu sein. Sie hätten uns zeigen sollen, wie man diesen Kern beschützt in die Welt bringt, ohne ihn von der Welt zertrümmern zu lassen. Stattdessen betreten wir diese Welt randvoll angefüllt mit den Glaubenssätzen, die uns beigebracht wurden:

“Es ist nicht genug für alle da.”

“Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben.”

“Ich bin nicht gut genug.”

“Alle anderen mögen etwas Besonderes sein, aber ich nicht!”

“Mir steht es nicht zu, glücklich zu sein.”

“Wo soll das nur hinführen, wenn ich das wagen würde?”

“Das Leben ist doch kein Wunschkonzert. Du musst nehmen, was übrig bleibt.”

“Mach mal die Augen zu, was du dann siehst, das gehört dir und sonst gar nichts.”

“Du musst erst mal was leisten, bevor du Ansprüche stellen kannst.”

“Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben.”

Und so weiter.

Und so weiter.

Und so weiter.

Als hätte die Menschheit seit Jahrhunderten keinen eigenständigen Gedanken mehr entwickelt, damit dieser unreflektierte Blödsinn von Generation zu Generation weitergegeben werden kann und ja nicht verloren geht.

Die meisten jungen Menschen starten dann mit dem schwerwiegendsten Glaubenssatz von allen in ihr aktives Leben: “Schuster, bleib bei deinen Leisten!” Schusterkind, glaub nicht, dass es dir auch nur erlaubt sei, darüber nachzudenken, ob etwas Anderes besser zu dir passen könnte als das, was die Welt in dir sehen will und von dir erwartet. Etwas Höheres womöglich. Die, die sich zu Höherem berufen fühlen, werden spätestens jetzt zurechtgestutzt wie ein junger Baum, für den nicht genug Platz im Garten ist. Dabei wird übersehen, dass nicht ein Garten der Referenzort für einen Baum ist, sondern die ganze Erde. Der ganze Planet wäre eigentlich der Ort, der zur Entfaltung des Baums zur Verfügung steht. Die jungen Menschen aber, die jetzt versuchen den beengten und beengenden Raum ihrer Kindheit zu erweitern, die sich eigentlich in ihrem Sommer fühlen müssten, voller Schöpferkraft, Bewegungsdrang, Lust auf Erfahrung, Begegnung und das Leben, erfahren neue Grenzen. Es ist die Angst der Personalchefs, zu viel zahlen zu müssen, die Leute nicht mehr loszuwerden, Ausfälle finanzieren zu müssen, nicht rentabel zu sein. Und es ist auch die Angst der Unternehmer, sich Konkurrenz ins Haus zu holen, ihr Selbstwertgefühl bedroht zu erleben, ihre Kompetenz in Frage gestellt zu sehen, vom Thron verstoßen zu werden, sich auf dem Abstellgleis wieder zu finden, die selbstgeschaffenen Illusionen über die eigene Marktbedeutung nicht halten zu können. Vorgeschoben und als Grenzen verwendet werden der Bildungsabschluss, der Notendurchschnitt, die Studiendauer, der Studienort, das Geschlecht, die Herkunft, das Alter, Auslandserfahrung, Anzahl der Praktika, Renommé bisheriger Arbeitgeber. Wonach so gar nicht gefragt wird, ist das Talent, die Begabung, die Begeisterung, die ganz persönlichen Leidenschaften. Oder doch: Gefragt wird danach in den Vorstellungsgesprächen, aber zugehört wird nicht. Gehört wird nur danach, ob die erwartete Antwort gegeben wurde, ob der Bewerber nicht zu hoch träumt und nicht bald wieder weg sein oder womöglich nach dem eigenen Stuhl trachten wird und Schwierigkeiten machen könnte mit allzu revolutionären Gedanken. Nach der Einstellung – wenn alles schön fein gepasst hat – ereilt die junge Pflanze wieder das, was sie schon kennt:

“Bleiben Sie mal lieber auf dem Teppich, so innovativ war Ihre Idee jetzt auch nicht, als dass nicht Andere die auch schon gedacht hätten. Aber es geht nicht!”

“So etwas brauchen wir hier nicht.”

“Das müsste eigentlich schneller gehen.”

„Wissen Sie, es warten zehn Andere hinter Ihrem Stuhl, wenn Sie den Job nicht wollen.”

“Wir arbeiten hier eigentlich grundsätzlich bis zehn Uhr und wenn Sie hier was werden wollen, dann halten Sie sich besser daran.”

“Ehrlich gesagt beschweren sich auch schon Andere über Sie.”

“Wenn Sie sich nicht anpassen können, können Sie gehen.”

Und so weiter.

Und so weiter.

Und so weiter.

Und so wird aus dem, was der junge Mensch für den Beginn des Frühlings oder des Sommers und für den Aufbruch oder sein Reifen gehalten haben mag doch wieder nur ein matschiger Herbst, durch den man mit feinen Büroschühchen zu laufen versucht. Der Baum wirft seine Blätter ab, um sich an den kommenden Winter anzupassen und nicht zu erfrieren. Am Ende seines Berufseinstiegs steht mancher junge Mensch wohl mit einem Bewusstseinszustand da, bei dem er viele Blätter lassen musste. Wie viele Menschen haben wohl das Glück, in den ersten Arbeitsstellen an Visionäre, Pioniere, Mentoren zu geraten und nicht an selbstwertgestörte Menschen, die dem jungen, “noch formbaren” Menschen gegenüber zum Narzissten aufdrehen, einfach, weil es scheinbar möglich ist? In der Arbeit unter einem narzisstischen Chef muss ein junger Mensch besonders viele seiner Blätter abwerfen, um sich halten zu können. Zu beobachten ist, dass manche der jungen Menschen anschließend sogar eine Therapie brauchen, um vielleicht doch noch zu sich selbst zu finden, bevor sie vollends in den Winter zurückgleiten, in Burnout und Depression versinken. Bei denjenigen nämlich, bei denen der innere Kern, die Essenz, noch nicht gänzlich betäubt wurde, meldet sich eine innere Stimme, die nach Sinn und Bedeutung ihres Tuns und nach Rechtmäßigkeit und Angemessenheit dessen fragt, wie man mit ihnen umgeht. Diese innere Stimme kann laut und hartnäckig werden und sie kann penetrant auf die fatale Diskrepanz zwischen innerer Wahrheit und äußerer Realität hinweisen. Es scheint, als sei irgendwann ein aushaltbarer Dezibelbereich im Innern überschritten, ab dem das System auf andere Kanäle ausweicht. Jetzt kommt es zu Symptomen. Je sensibler der Mensch, desto früher scheint der ertragbare Dezibelbereich überschritten. Logisch. Depression, Burnout und alle Formen des Zusammenbruchs führen vom Herbst des Bewusstseins zurück in den Winter. Alles, was im Winter davor “gelernt” wurde, hat sich als wahr erwiesen:

“Ich bin nicht gut genug.”

“Ich bin nicht belastbar und nicht dafür gemacht…”.

“Ich bin es nicht wert…”

“Jeder kämpft doch letztlich für sich allein.”

“Es ist nicht genug für alle da.”

Und so weiter.

Und so weiter.

Und so weiter.

Das Gehalt ist mager geblieben, ungerecht in Höhe, Zusammensetzung und Verteilung. Die Karrierechancen sind ausgeblieben oder an einem vorbeigegangen zugunsten des anderen Geschlechts, des anderen Hintergrunds, der anderen persönlichen Verbindung. Der Arbeitsinhalt ist sinnentleert und bedeutungslos geblieben, egal, wie oft man die Firma gewechselt hat. Die Ausführungsvorgaben haben den eigenen moralischen und ethischen Maßstäben widersprochen. Und scheinbar ist man gescheitert. Jedes Mal wieder.

Wenn man nur die Wahl hat zu pendeln zwischen einem beschränkten Raum der Kindheit, in dem purer Stillstand herrscht und dem Versuch, den Raum zu erweitern, bei dem man die Federn der Würde und Integrität lassen muss, wie soll einen Menschen das nicht krank machen? Wie soll da nicht die Seele rufen: “Das  habe ich mir anders vorgestellt!” und ihre Sprache wählen, die deutlicher und deutlicher werden muss, weil sie nicht gehört wird, nicht gehört werden kann oder weil sie gehört wird, aber keine Konsequenzen gezogen werden, nicht gezogen werden können?

Im Pendeln zwischen Winter und Herbst sieht man nur Dunkelheit. Manche Menschen ergreifen dann noch einen wie auch immer gearteten Fluchtversuch: die übliche Familiengründung mit ihren erwartbaren Dynamiken aus einer erwarteten Anzahl von Kindern, dem Vorstadthäuschen, dem Autowaschen am Samstag und dem Einkauf am Freitagnachmittag, zwei Urlauben pro Jahr, einem davon nach Holland, der Hund, mit dem dreißig Minuten Gassigehen zur langweiligen Pflichtübung wird. Oder die langfristige Krankschreibung, die hoffentlich in die Frühverrentung mündet. Die Arbeitslosigkeit. Drogen- und Alkoholabhängigkeit. Der Selbstmord. Irgendwo dazwischen wird vom Aussteigertum geträumt ohne sich klar zu machen, woraus man eigentlich genau aussteigen will und wie also ein gelungenes und wirksames Aussteigen aussehen könnte. Die gänzliche Anpassung an das System, bei der die innere Stimme zum Schweigen gebracht wird und nur noch nachplappert, was das System vorgibt, ist ebenfalls so ein Fluchtversuch. Es ist der Versuch, in die innere Anpassung, in ein Mimikry hinein zu fliehen. Fatalerweise stellt man sich allerdings nicht nur tot, im Innern ist man es auch. Man merkt es nur nicht, weil alles so gut zu laufen scheint, dort im Aktivpol des dysfunktionalen Schattens. Die Erzählungen dieser Menschen über ihren Beruf, die vor Selbstwertunsicherheit triefen, langweilen dann diejenigen zu Tode, die noch einen Funken Leben und diese innere Stimme in sich haben, die ihnen beim Zuhörenmüssen zuflüstert: “Hier stimmt was nicht!”

Frühling

In der Transskription von Max Richter findet sich im Stück “Frühling” im Hintergrund ein Instrument mit einem tiefen Klang, der mich sofort daran denken lässt, dass dieses Frühlingserwachen von der kindlichen Kreativität zwar eingeleitet wird, aber unbedingt begleitet gehört von der Präsenz und dem Schutz eines Erwachsenen. Wie uns um Beispiel Biologen wie Peter Wohlleben (“Das geheime Leben der Bäume”) oder Clemens G. Avary (“Der Biophilia-Effekt”) erklären, wachsen Bäume – außer, sie sind Pioniere – in aller Regel in einem Netzwerk von anderen Bäumen auf und werden von den älteren Bäumen geschützt und genährt. Die Pflanzen versorgen sich gegenseitig mit Informationen über potenziellen Schädlingsbefall und kommunizieren über ihre Wurzeln miteinander. Sie können sogar einen kranken Baum so versorgen, dass er wieder gesundet und erstarkt.

In Vivaldis Stück “Frühling” würde ich die hellen Streichinstrumente im Vordergrund mit dem Erwachen assoziieren, mit dem Erwachen von etwas, das leicht und lichthell anmutet. Das dunkle Instrument im Hintergrund erlaubt dagegen eine Assoziation mit dem Erwachsenwerden. Ein Element von Erdung liegt darin, von Verbindung mit den Wurzeln. Vernunft. Wie viele Menschen mögen diesen wahren Frühling ihres Lebens wohl erreichen, jene Phase, in der sie sich von der indoktrinierten Dunkelheit befreien, sich emanzipieren von subtil und dann selbst auferlegten Schuldgefühlen, von Unzulänglichkeitsgefühlen, von Gefühlen der Wertlosigkeit? Wie viele mögen sich lossagen von der emotionalen Abhängigkeit von anderen Menschen und Dingen und Zahlen?

Der Frühling wird eingeleitet von einem Lauschen. Man lauscht der Natur, den ersten Frühlingsboten. Sehr sensible Menschen berichten davon, dass sie beinahe das Aufknacken der Knospen hörten. Sie fühlen die Kräfte des Aufbruchs, des Wachsenwollens, und das manchmal kräftezehrend in sich selbst. Viele sensible Menschen müssen sich im Frühling mehr Ruhe gönnen, um sich zu regenerieren, während sie Zeugen des kräftezehrenden Wachstums im Außen sind, das sich in ihnen spiegelt. Zur Natur gehört auch der Mensch, auch wenn er das längst vergessen hat und alles Mögliche dafür tut, dass es ihm auch nicht wieder in Erinnerung gerät. Aber eigentlich sind wir Teil der Erde und sollten auch Teil des Lauschens und Wachsens sein. In unserer Sehnsucht und unserer Begierde, von Anderen wahrgenommen zu werden, kommt dieses Wissen auch zum Ausdruck. Der arme Mensch, der sich, egal in welcher Situation, zum aufmerksamen Zuhören anbietet, hat es in der Regel schwer, sich aus den Klauen, die ihn dann verzweifelt zu halten versuchen, wieder zu befreien. Selbst wenn es nur eine Zugfahrt mit einem Fremden war und man an der nächsten Haltestelle aussteigen muss. Es geht darum, dass jede Seele sich danach sehnt, die eigene Essenz zeigen zu dürfen. Es ist wunderbar, dass die Menschen jetzt zu Therapeuten gehen, um ihren persönlichen Frühling einzuläuten. Wenn es gute Therapiestrategien sind, machen die Menschen dort nicht nur eine neue Beziehungserfahrung, in der sie sich so, wie sie sind, angenommen fühlen und das helle Instrument zu spielen lernen, sondern dann lernen sie zugleich das tiefere Instrument zu spielen und lernen, wie man sich selbst beisteht, sich selbst in jeden neuen Frühling eines neuen Impulses hinein begleitet.

Frühling bedeutet Befreiung. Befreiung von allen Beschränkungen und von allen Abhängigkeiten. Der beschränkte Raum wird nicht mehr nur gedehnt, sondern er wird verlassen. Neue Räume werden geschaffen, die zu unserer Persönlichkeit auch wirklich passen. Also gehört zum Frühling, diese Persönlichkeit kennenzulernen. Ich habe schon von vielen Menschen gehört, dass sie dem Frühling mit großer Nervosität gegenüber stünden. Von Frühjahrsdepression ist da die Rede, von Schmerz. Die Allergie bildet ihren Gegenpol, den Widerstand.

Wobei der Schmerz hinter dem Widerstand jederzeit in eine Depression umschlagen kann, in unendliche Müdigkeit und Erschöpfung. Manchmal handelt es sich um eine fatale Verknüpfung zwischen zwei Erfahrungen, von denen eine unangenehm oder sogar traumatisierend und nicht zu bewältigen war. Sie wirkt als unbewusster Automatismus aus den Schatten heraus. Manchmal aber handelt es sich auch um die Angst vor dem Nichts. Wenn man all seine Schatten, seine Beschränkungen, seine Abhängigkeiten aufgegeben hat, sich nicht mehr über sie definiert, wer ist man dann? Und die Antwort der Übergangszeit, des Frühlings, der Freiheit, ist: Nichts. Dieses Nichts macht unendliche Angst. Sartre sagte dazu, wir Menschen seien zur Freiheit verdammt und diese Freiheit kann uns so sehr überwältigen, dass wir ihr lieber nicht begegnen mögen. Im Theaterstück “Geschlossene Gesellschaft” entscheiden die drei Menschen sich auch gegen diese Freiheit und bleiben in der Hölle ihrer eigenen Schatten, mit denen sie sich einander weiter gegenseitig zumuten und zu dem Schluss kommen: “Die Hölle, das sind die Anderen”.

Der Frühling aber, das ist die offene Tür. Das ist die Provokation, die von jenen Menschen ausgeht, die ihre Lebendigkeit leben und lieben und feiern. Ihr gegenüber sagen die Nichtfrühlingsmenschen: “Was fällt dir ein? Wenn sich jeder so benehmen würde! Das gehört sich nicht!” Es ist die gleiche Provokation, die jede Lebendigkeit dem eingesperrten inneren Kind gegenüber darstellt. Ein Mensch, der sich in purer Nonchalance Freiheiten des Selbstausdrucks herausnimmt, löst den gleichen Schmerz und den gleichen Widerstand aus wie der Frühling. Es ist die schmerzende Trauer und der wütende Widerstand dem eigenen Ungelebten gegenüber. Das Unterdrückte meldet sich selbst und höchstpersönlich. Es klopft. Es schreit. Es rasselt mit den Ketten. Es tritt gegen die Verliestür. Und sein Ausdruck ist der Neid, die Eifersucht, die Missgunst, die Verurteilung, die Kritik der angeblichen Unangemessenheit gegenüber. Dabei ist das einzig Unangemessene der Neid, die Eifersucht, die Missgunst, die Verurteilung und die Kritik. Ihr steht die Wahrheit gegenüber, die ausgedrückt höchst angemessen wäre. Es ist die unermessliche Lebensfreude, die Kreativität, das Leuchten, das Strahlen, das Lachen, die Talente und Begabungen, die dort im eigenen Schatten liegen und bisher unbeachtet geblieben sind. Sie hätten im physischen Frühling, der in den psychischen Winter gestürzt wurde, ans Licht kommen sollen. Sie hätten in jener Zeit in die Welt hinein geboren werden sollen. In der Geborgenheit eines Repräsentanten für das tiefe Instrument im Hintergrund hätten sie entdeckt und gefördert werden sollen, wie das Kind das Laufen und Sprechen entdeckt. Lernen findet eigentlich erst später statt. Das erste, was geschieht, ist eigentlich eine Entdeckung. Das Kind entdeckt, dass man sich mit Armen und Beinen fortbewegen und mit dem Mund Laute von sich geben kann. Was würde wohl geschehen, wenn das Kind mit dem Entdecken nicht aufhören müsste, nachdem es laufen und sprechen kann? Wenn die weiteren Talente nicht im Keller liegen blieben, weil “das nichts für uns ist” oder weil “das zu viel Krach macht” oder weil “kein anderer in der Familie sich für sowas interessiert”. Wenn allen Kindern das Recht und die Möglichkeit zugestanden würde, sich zu entfalten, was wäre dann? Wenn es konsequent in jeder Kindheit Erwachsene gäbe, die das Kind nicht nur bei der Entdeckung von Fortbewegung und Sprache unterstützten, sondern auch dabei, im physischen Frühling zu entdecken, wer dieser kleine Mensch in Wahrheit ist? Ist meine These gewagt, dass es dann weniger Erwachsene gäbe, die an Frühjahrsdepression oder -allergie litten? Vielleicht. Ein Experiment gefällig?

Angenommen, wir wären uns selbst diese Erwachsenen, was wäre dann? Angenommen, wir würden unsere Neidgefühle, unsere Missgunst, unsere Aggressivität und auch unsere Müdigkeit, Erschöpfung und Traurigkeit an die Hand nehmen, direkt so, wie sie da sind, ohne den Umweg über das Konstrukt des inneren Kindes, sondern gleich die Traurigkeit und die Aggressivität, und wir würden ihnen zuhören, was hätten sie uns wohl zu sagen? Worüber würden sie sprechen, was da so alles unbeachtet und ungeliebt im Schatten liegt, im Unbewussten und noch gelebt werden will und schreit vor Schmerz des Nichtgelebtseins?

Frühlingserwachen. In den meisten Individuationen wird er nach hinten verschoben, der Frühling, bis die eigene Präsenz sich des eigenen Erwachens annehmen kann und die eigene Konsequenz das eigene Erwachsen heraus aus den alten Beschränkungen in die Wege leitet. Wenn wir mit dem Wissen von heute nur in der Lage wären, dem Kind von damals, das sich durch den es umgebenden Winter um seinen Frühling betrogen gesehen hatte, eine Botschaft zukommen zu lassen. Allerdings ahne ich, dass es dem Kind kaum helfen würde, nicht zu verzweifeln. Meine Großmutter hatte mir immer gesagt: “Das kommt alles noch, das hast du alles in dir.” Aber ich wusste nicht, woher sie das hätte wissen wollen und konnte es ihr darum nicht glauben. Dabei stellt sich jetzt heraus, dass sie Recht hatte. Sie hätte mir einfach sagen können, dass sie eben hellsehen konnte und es keine Spekulation war (wie ich dachte), sondern eine Prophezeiung (wie sich herausstellt). Dann hätte ich gewusst, woher sie das so genau wissen will und wäre beruhigt gewesen.

Sommer

“Komm schon! Spring über deinen Schatten!”, sagen wir, wenn wir jemanden zu einem neuen Verhalten ermutigen wollen. Wenn wir ihn ermutigen wollen, etwas zu wagen, etwas zu riskieren, um zu gewinnen. “Gib dir einen Ruck! Spring über deinen Schatten!” Was der Schatten ist, über den wir springen sollen, das wissen wir inzwischen. Gemeint ist: “Tritt aus dem beengten Raum des Winters heraus, der dich alles zusammenziehen und dich klein machen lässt!” Aber springen, wohin? Indem wir nur vom Winter in den Herbst springen, vom Passivpol in den Aktivpol, geraten wir zwar von der Traurigkeit in die Wut, von der Einsamkeit in die Anhänglichkeit, vom Geiz in die Gier, wir werden vom armen Aschenputtel zum Tapferen Schneiderlein, vom Eisenofenprinzen zum Froschkönig und von Dornröschen zu Schneewittchen, aber das ist noch keine Transformation. Das ist noch nicht die Metamorphose des Schmetterlings. Es ist nur die Verpuppung der Raupe. Es ist noch immer der alte Raum, nur etwas ausgedehnter und von der Atmosphäre her etwas milder. Das war aber noch kein Sprung. Und da ist auch nichts Neues, in dem wir landen. Ein Sprung ist groß und mit einem Sprung werden große Strecken überwunden. Etwas wird rigoros zurückgelassen. Wir lassen es hinter uns, dieses Nichts des Übergangs und landen… bei uns! Wir landen in der Freiheit. Im Licht. In der Wärme. Im Duft von Kirschen und reifen Pfirsichen. (Die Allergie gegen Steinobst ist wieder nur eine Form von Widerstand.) Wir landen in der Leichtigkeit. Im Sommer.

Die meisten Menschen, selbst wenn sie Schwierigkeiten mit Hitze haben sollten, assoziieren den Sommer mit Aktivität, Fluss, Beisammensein, Entspannung, Spiel, Experiment, Fröhlichkeit, längeres Tageslicht und mehr Zeit für alles. Lauscht man Vivaldis “Sommer”, kommt einem der Gedanke an Großartigkeit. Etwas Furioses spielt sich da ab in der Musik und auch in der Natur. Es reifen Früchte, die Menschen und Tiere nähren können. Was für ein Wunder! “Spring über deinen Schatten!” meint: Lass hinter dir, was dich begrenzt und werde, wer du wirklich bist. Lebe deine Wahrheit. Finde das, wofür du brennst! Der Bereich der Schatten, das ist nicht unsere Wahrheit, das Unterdrückte und Weggesperrte. Das ist nur die Wahrheit darüber, wie schwer wir es hatten, als wir noch dem ausgesetzt waren, dass andere Menschen ihre Schatten auf uns projiziert haben. Unsere Wahrheit aber war von diesen Projektionen verschüttet worden. Wenn wir jetzt über diese Schatten hinweg springen, was wir mit der in unserem Frühling gesammelten Kraft schaffen, dann landen wir in unserem Sommer, der unsere Wahrheit ist. Wir werden vielleicht in einem Gebiet landen, das uns noch unbekannt ist und das wir erst entdecken müssen. So ist das mit dem Springen. Das ist kein sehr präziser Vorgang, aber einer voller Mut und Kraft. Mit diesem Mut und dieser Kraft aber können wir weitermachen und das Gebiet erforschen, können es uns zu eigen machen, das Land fruchtbar machen, es zu unserem Königreich machen. Machen ist der Begriff, um den es im Sommer geht. Aktivität. Das Königreich liegt dem Schattenreich gegenüber. Wir sagen, was dort wachsen soll und dann pflanzen wir es an. Dort werden wir, wenn wir einmal gesprungen sind, zu jener “göttlichen Frechheit”, von der Hannah Arendt spricht als Gegengewicht zu den Polen des Ausgeschlossenseins aus der Gesellschaft, die unsere Talente nicht würdigt oder seinem Gegenpol der Angepasstheit an die gesellschaftlichen Beschränkungen, in der wir ohne unsere Talente existieren. Die göttliche Frechheit lässt sie sich nicht tatsächlich sehr leicht mit Vivaldis “Sommer” assoziieren? Hannah Arendt sah darin einen Menschen, der seine Talente trotz allem und gegen jeden Widerstand und unbehelligt von der gesellschaftlichen Erwartung lebte. Eine Art von erlöstem Rebell. Die personifizierte Nonchalance. Für mich war sie selbst so jemand.

Spätsommer

Die alte chinesische Weisheit nimmt für die Entwicklung des Menschen wie für jede Entwicklung fünf innere Jahreszeiten an. Zu den vier Hauptjahreszeiten zählt sie eine Phase der Reife, der Integration, aber auch des Abkühlens, der Ernüchterung, der Beruhigung. Nach dem Hoch und der Hitze des Sommers ist diese Phase notwendig, um die Essenz nicht vor der Zeit zu verbrennen. Assoziiert werden hier die reifen Feldfrüchte, Ruhe, Milde, Üppigkeit, Fülle, Großmut.

Am Ende des Films “Ocean’s Eleven”, wenn alle ihren Gewinn eingefahren haben und voller Selbstzufriedenheit noch einen Blick auf ihr Glück werfen, der Springbrunnen des Casinos im Hintergrund wunderschön illuminiert, wird Claude Debussys “Clair de lune” eingespielt. Dieses Stück könnte ich mir auch als Soundtrack für diese innere Entwicklungsphase vorstellen. Ein klares Mondlicht. Und ich glaube, wir haben nicht ohne Grund den Begriff des Altweibersommers oder im Angelsächsischen den des indian summer im Wortschatz. Wenn wir im Alter von 49 Jahren unsere sieben Individuationszyklen abgeschlossen haben, warum sollten wir dann noch an den Dramen der Welt teilnehmen und uns in ihnen verstricken lassen? Warum sollten wir dann nicht, allein aus unserer Erfahrung heraus, in der Lage sein, mit klarem kühlen Licht die Dynamiken zu erkennen, zu verstehen und uns rauszuhalten, falls uns ein Mitmischen nicht dient? Unsere inneren Konflikte sind gelöst (werden gelöst sein), unsere Schatten integriert. Ich sehe keine andere Möglichkeit mehr, als dass sich auf diesem, durch konsequente Kompostierarbeit fruchtbar gemachten Boden Fülle manifestiert. Wir sind jetzt die Sterntaler-Menschen, die Kinder, die, den süßen Brei beherrschen, die Glückskinder, die Rapunzel, die Verbindung aus Schneeweißchen und Rosenrot. Aschenputtel hat sich längst das Gesicht gewaschen und die Haare gekämmt, und das Tapfere Schneiderlein, auch wenn es sich nicht aus dem Reich vertreiben lässt und als Betrüger im Bett der Prinzessin bleibt, kümmert uns nicht mehr. Der Frosch ist an die Wand geworfen und der Eisenofen ist hinter den gläsernen Bergen verschwunden. Wir wissen jetzt, wie man sich gruselt und wir kommen vom Weg ab, wannimmer wir vom Weg abkommen wollen und lassen uns nicht mehr sagen, dass wir kein Holz hacken könnten oder nur Aschekuchen im Gepäck hätten. Wir wissen im Gegenteil, wie man Stroh zu Gold spinnt und brauchen dazu kein Rumpelstilzchen mehr mit seinen unangemessenen Forderungen. Und die Prinzessin bringen wir allemal zum Lachen, indem wir einfach nur wir selbst sind. Wir haben unseren Platz gefunden. Innere und äußere Fülle ist unser Königreich und wir werden es regieren mit Leichtigkeit (Yin) und Souveränität (Yang). Von hier aus werden wir Einfluss nehmen in der Welt, ganz gleich, wie groß diese Welt räumlich sein mag. Wir nehmen Einfluss, ohne zu beeinflussen. Schönheit, Ausstrahlung, Weisheit und Mitgefühl werden diesen Einfluss nehmen. Ganz von selbst. Ganz anstrengungslos.

Im Spätsommer leuchtet alles von diesem satten Gold. Jede Farbe wirkt satt und kraftvoll. Bewegt wird sich nur, wenn Bewegung notwendig ist und dann auch nur im angemessenen Rahmen. Passivität und Aktionismus sind längst zugunsten einer fließenden Flexibilität überwunden worden, damals, als wir gesprungen sind. Und zugleich scheint alles von einem leichten Roséschimmer überzogen zu sein, weil die Erde schon diesen schrägen Stand zur Sonne einnimmt.

Wir können den Zustand des Spätsommers eigentlich jeden Tag in uns herstellen, jetzt schon, und müssen nichts weiter dazu tun, als dem roségoldenen Licht für seine Existenz danken. Wir können dazu Vivaldis “Winter” und “Herbst” anhören. Uns einmal am Tag kurz vorzustellen, dieses roségoldene Licht des Spätsommers strömte in unser Herz und reinigte unser ganzes System von unseren Schatten, bindet uns an unser Yin an. Während wir Vivaldis “Frühling” lauschen könnten wir uns vorstellen, dieses satte, kräftige Gold versiegelte unsere Haut und böte uns Schutz gegen die Schatten der Anderen. Es lässt uns unter unserer Yang-Energie den Raum, um unter Vivaldis “Sommer” nach dem kleinen violetten oder blauen Licht zu schauen, das unser Licht mit der kosmischen Intelligenz verbindet. Wir können sie dann machen lassen, was es machen möchte, diese kleine blaue oder violette Flamme in uns. Sie bewegt sich wie ein Kind in der Landschaft dieser üppigen Jahreszeit, die wir jetzt nach innen geholt haben. Und begegnen wir einem Kind im Außen, einem physischen Kind, warum sollten wir dann nicht in der Lage sein, seinen Frühling zu unterstützen, damit es nicht so lange warten muss? Das Interessante ist, dass unsere Winter jetzt klirrend kalt, aber sonnig und klar sind. Kaiserwetter. Und unsere Herbste sind bunt. Sie leuchten in allen Farben des Lichts und finden sich in unseren lebendigen Chakren. Ich meditiere es so: Roségold reinigt mich und erfüllt mein Herz mit heilendem Licht. Kräftiges Gold schützt mich. Und Violett verbindet mein Licht mit der kosmischen Intelligenz. Yin, Yang und das innere Kind.

Posted on 21. März 2018 in Die Drama-Dreiecke, Hochsensibilität im Alltag

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