loading please wait..

Wie spricht man eigentlich über Hochsensibilität?

Vor allem über die eigene? Das ist die eigentlich Frage. In meiner kleinen Umfrage zu diesem Artikel erntete ich Antworten wie: “Ja, lieber gar nicht.” “Ich vermeide es, damit ich mich nicht auch noch zusätzlich lächerlich fühlen muss.” “Das versteht doch sowieso keiner.” “Ach was, die Leute sagen dann höchstens, das sei aber wissenschaftlich gar nicht belegbar. Und dann bin ich schon wieder schachmatt, wo ich eigentlich für mich einstehen wollte.” Wie also steht man für sich ein, dort, wo man es ganz einfach als richtig empfindet, ein oder zwei erläuternde Worte zu seiner eben erfolgten Grenzsetzung zu geben, ohne sich dem Risiko auszusetzen, sich lächerlich zu machen? Dieser Artikel ist eine Versuchssammlung.

img_0236

Fotografie: Sama Bee

Ist das wieder so eine Modeerscheinung?

Wenn ich versuche, jemandem gegenüber von meiner Hochsensibilität zu sprechen, handele ich mir in den meisten Fällen eine Reaktion ein, die von verstehender und verständnisvoller Akzeptanz so weit entfernt ist, wie der Mars von der Erde. Man hat vielleicht schon davon gehört, aber Genaueres weiß man nicht und will man eigentlich auch gar nicht wissen. Wenn man selbst nicht “betroffen” ist, dann erst Recht nicht. Das ist die Haltung, die viele von uns kennen, weil sie uns so oft entgegen geschlagen ist. Übrigens sogar dann konnten wir es schon erleben, wenn der Andere durchaus “betroffen” war, es aber selbst noch nicht wusste. Meine Erfahrung ist die: Im besten Fall gibt ein Interesse heuchelndes “ach so?”. Im mittelguten Fall erreicht mein Ohr ein verlegenes Lachen als sei meine Aussage irgendwie lächerlich und man versuche mir gerade, die Peinlichkeit zu ersparen, darauf zu reagieren. Im worst case nehme ich erstaunt wahr, wie jemand sagt: “Ist das wieder so eine Modeerscheinung?”

Welche Art von Hochsensibilität?

Tatsächlich spreche ich – wie die meisten Hochsensiblen – selten über meine Hochsensibilität. Ich bin vor allem empathisch-hochsensibel und weniger sensorisch-hochsensibel. Um genau zu sein, ist vielleicht meine sensorische Hochsensibilität vorhanden, bewegt sich als Phänomen aber nur selten im Bereich des Problematischen.

img_0136

Die visuelle Hochsensibilität kommt mir im Gegenteil sehr zu Gute. Mehr zu sehen in einem gegebenen Ereignisraum, lässt mich Zusammenhänge manchmal wie aus einer höheren Perspektive erkennen. Wir gehen zum Beispiel zu zweit an einer Stadt-Szene vorbei und jeder von uns deutet sie auf eine andere Art. Die unterschiedliche Deutung kommt nicht nur durch unsere unterschiedliche Haltung und Lebenseinstellung zustande, sondern auch durch unsere unterschiedliche Wahrnehmungsbreite. Und die Szene beschreibt sich wie folgt: Eine Frau führt einen Hund vor dem Bahnhof entlang. An der Mauer sitzt eine Obdachlose mit zwei Hunden auf einer Decke. Die Obdachlose beugt sich zu einem ihrer Hunde hinunter und küsst ihn auf den Kopf. Das war’s. Mein Begleiter und ich sind beide Hundebesitzer. Er, mein Begleiter, regt sich beim Anblick der Szene über die Obdachlose auf, die seiner Meinung nach ihren Hund instrumentalisiere und ihn jetzt nur geküsst habe, damit sie Geld bekäme. Ich bin visuell-hochsensibel und habe bemerkt, dass die Obdachlose ihren Hund in genau dem Moment geküsst hat, als die andere Hundebesitzerin mit ihrem Hund an der Leine auf gleicher Höhe mit der Decke war, wenn auch zwei Meter von der Decke entfernt. Ich hatte die Gleichzeitigkeit der Ereignisse im Blick und erläutere das Bild noch einmal anders: Die Hundebesitzerin auf der Decke hat den anderen Hund vermutlich gesehen und sie konnte sich vielleicht nicht sicher sein, ob ihr eigener, etwas weiter vorne liegender Hund die Decke als sein Territorium von dem fremden Hund bedroht sehen könnte, wenn der fremde Hund der Decke zu nahe gekommen wäre. Indem die Frau auf der Decke ihren Hund auf den Kopf küsst, sorgt sie für Entspannung und Beruhigung und signalisiert ihrem Hund, dass sie die Situation erkannt hat und übernimmt. Mein Begleiter muss zugeben, dass ihm dieses Szenario auch einleuchtet. Er habe die andere Hundebesitzerin gar nicht gesehen. Gut, vielleicht habe ich die Frau auf der Decke jetzt auch um ihr Geld gebracht, falls es doch darum ging.

Akustisch-hochsensibel zu sein kann dagegen anstrengen. Ich erwähnte es ja schon in “Neulich: Im Zug.” Aber: Ich bin seit neulich im Zug auch einen Schritt weiter gekommen. Meine Noise Cancelling Kopfhörer kommen JEDEN TAG zum Einsatz. Und den Artikel “Umgang mit Geräuschen” hatte ich auch verstanden, bevor ich ihn geschrieben habe. Oder umgekehrt. Oder beides zur gleichen Zeit. Das geht jedenfalls so halbwegs. Ist handlebar und es geht ja auch auf den Winter zu und die Nachbarskinder müssen alle drinnen spielen.

Taktil-hochsensibel bin ich auf problematische Art nur im Fall von Wolle und bei jeder Art von Medizinern. Manchmal bin ich das auch prophylaktisch, zum Beispiel beim Zahnarzt. Das ist aber ja auch überlebensnotwendig.

Olfaktorisch-hochsensibel zu sein ist nur problematisch für meinen Hund, der selbst empathisch-hochsensibel ist und sofort erfasst, wenn sich aus der olfaktorischen Überreizung heraus in mir die Absicht zu bilden beginnt, den Hund in die Badewanne zu stecken. Die Badewanne hasst er. Den See nicht. Den Sand auch nicht. Den Schlamm, der sich aus See und Sand ergibt sowieso nicht. So ein Sensibelchen ist er dann auch wieder nicht.

img_1250

Affektiv-hochsensibel: Dazu gehören auch Freudentränen

Ich also bewege mich mehr im Bereich der emotionalen Hochsensibilität. Hier liegt ein viel größeres problematisches Potenzial. Affektiv-hochsensibel zu sein lässt mich bei Disneyfilmen genauso in Tränen ausbrechen wie auf Hochzeiten. Ich lasse mich emotional tief berühren und bin im gleichen Maße zu leidenschaftlichen Freudentränen fähig. Meine Schwiegermutter schenkte mir die erste digitale Bibliothek und bevor es e-reader gab war eine CD-ROM mit der deutschen Literatur von Lessing bis Kafka eine unglaubliche Errungenschaft für mich, die meiner Freudentränen würdig war. Kinder können ihre Eltern wirklich nervös machen, wenn sie ihr Geburtstagsgeschenk auspacken und nach dem ersten Streifen Geschenkpapier, der den Blick auf das heiß ersehnte Glubschi freigibt, in Tränen ausbrechen. “Jetzt guck doch erst mal genau hin”, stammelten Mutter und Großmutter als mein kleines Patenkind genau diese Performance hinlegte, sobald es eines winzigen Stückchens bunten Plüschs gewahr geworden war.

Tiefe Berührbarkeit irritiert

Normalerweise habe ich kein Problem damit, vor einer größeren Gruppe Menschen zu sprechen, einen Sachverhalt zu erläutern oder ein Anliegen zu vertreten. Wenn ich aber die Biografie von Marie Curie oder Gandhi vor einer kleinen Schulklasse – sagen wir, wir sind alle Achtklässler – präsentieren sollte oder eine berührende Hochzeitsrede halten, dann breche ich unter Garantie in Tränen aus. Die emotional berührenden Fakten (das Paar liebt sich so sehr und wird es für immer tun und es heiratet in einem Kloster, das von einem Herzog von Tassilo erbaut wurde, der von einer weißen Hirschkuh gerettet wurde, nachdem er sich verlaufen hatte, Gandhi steht für gewaltfreien Widerstand und ist mit Sicherheit einer von uns und Marie Curie war die erste Professorin an der Sorbonne) berührt mich nochmal so tief, wenn ich den Fakten meine Stimme leihe. Den Fakten meine Stimme zu leihen bringt meine affektive Hochsensibilität zum Ausdruck. So ist es eben. Und genauso gut rührt mich ein Songtext zu Tränen, eine Melodie, ein Gemälde, ein Buch. Solche Reaktionen irritieren außenstehende Beobachter zutiefst. Zum Beispiel Galeriebesitzer, in deren Galerie jemand hinein spaziert, schnurstracks ein Bild ansteuert, als ginge von diesem Bild ein Sog aus (sonst hätte man die Galerie vermutlich auch nicht betreten, oder?) und im nächsten Moment in Tränen ausbricht. Klosterbibliotheksangestellte treibt so eine emotionale Berührtheit gar die Sorge auf die Stirn, der Besucher könne trotz Baumwollhandschuhen eine allergische Reaktion auf die Sporen an dem uralten Buch zeigen, das sie gerade unter größter Sorgfalt und eben noch zur offensichtlichen Freude der Besucherin aus der Glasvitrine geholt hatten. Unter Tränen versichert zu werden, es handele sich nur um den Ausdruck höchster Überwältigung verschiebt leider nur die Sorge des Gastgebers auf meinen Geisteszustand, löst sie aber nicht auf. Es ist auf seinem Gesicht zu lesen und es ist zu spüren, als er mir das Buch hastig aus der Hand reißt und in die Vitrine zurück sperrt, dass er denkt: “Die ist nicht ganz bei Trost.” Und da bin ich auch schon bei: empathisch-hochsensibel.

Besonders begabt im Schlussfolgern

Ich bin empathisch-hochsensibel, das aber sage ich wirklich nicht oft. Manchmal ist es eine Antwort auf die Frage: “Woher weißt du denn das?” Und auch nur, wenn der Andere gesteht, dass meine Ahnung oder Schlussfolgerung der Wahrheit entspricht. In der Regel handelt es sich übrigens um eine einfache Schlussfolgerung, die sich aus dem ergibt, was vorher erzählt wurde. Aber ich habe festgestellt, dass die Antwort: “Das hast du doch eben alles gesagt, ich habe nur zugehört” oft nicht ausreicht. “Du hörst ja gut zu”, ist wiederum eine Entgegnung, die manchmal erfolgt, aber selten. “Du bist aber feinfühlig” kommt mittelhäufig. “Nee, habe ich eigentlich nicht gesagt, auch wenn es stimmt”, ist das, was meiner Antwort (ich sei empathisch-hochsensibel) am häufigsten vorausgeht. “Doch, hast du”, ist nämlich eine Antwort, die nur mittelgut wäre, weil sie zu nichts führt. Auf “ich bin eben hochsensibel, empathisch-hochsensibel (erkennst du die Formel wieder? Bond, James Bond. Genau.) hat mir schon mal jemand geantwortet: “Das hättest du doch gleich sagen können!” Der Zusatz lautete, dann wäre er rücksichtsvoller mit mir umgegangen. Mal abgesehen von der Absurdität des Zusatzes: Wie hätte ich das denn “gleich” machen sollen? Wie sagt man so was “gleich”? Und da sind sie also, die Probleme mit der Kommunikation über die Hochsensibilität.

“Tut mir Leid, ich kann so spät keinen Kaffee mehr trinken.”

Am liebsten wäre es uns wohl, wir könnten über unsere Hochsensibilität informieren, wie wir über unsere Linkshänderschaft sprechen oder darüber, dass wir abends keinen Kaffee mehr trinken. Über beides sprechen wir nur, falls es dazu eine Notwendigkeit gibt, wie zum Beispiel eine Linkshänderrückschulungstherapie machen und Donnerstagnachmittag deshalb keine Zeit haben oder den Kaffee nach dem Abendessen, der uns hartnäckig angeboten wird und zu dessen Vermeidung ein höfliches Nein, danke nicht ausgereicht hat. (Möglicherweise übersehend, dass der Knigge vorschreibt, dass ein Abendgast sich 15 Minuten nachdem der Kaffee gereicht und getrunken wurde höflicherweise verabschiedet. Aber Hochsensible brauchen dazu keinen Kaffee, sie spüren auch so, wann es Zeit ist zu gehen. Wirklich.) Wenn wir also den Kaffee ablehnen und auch nicht auf Tee ausweichen wollen, dann bringen wir zur Erklärung: “Wenn ich so spät noch Kaffee trinke, liege ich die ganze Nacht wach.” Das sagen wir mit der größten Selbstverständlichkeit und mit ebenso großer Selbstverständlichkeit wird unsere Ablehnung akzeptiert. 95% der Menschen können die Aussage aus eigener Erfahrung nachvollziehen. 5% können es nicht. Sie akzeptieren es aber trotzdem, weil es ein Allgemeinplatz ist, dass Koffein eine anregende Wirkung hat und spät nicht mehr konsumiert werden sollte. Es hat eine anregende Wirkung, es sei denn, es hat sie nicht. Das liegt dann nicht am Koffein, sondern am Konsumenten.

img_0137

5% der Bevölkerung, so fand man heraus, haben eine Rezeptorvariante zu jenem Rezeptor im Gehirn, der für die Bindung des Koffeins verantwortlich ist. Ein anders ausgeprägtes Gen sorgt für die Rezeptorvariante, mit der bei 5% der Bevölkerung Koffein überhaupt keine Wirkung zeigt. Sie werden nicht gestört, profitieren aber auch nicht von der Wirkung. Ich gehöre dazu. Ich trinke meinen Milchkaffee für die Wärme im Körper und für den kräftigen Geschmack, aber meine Magisterprüfungsvorbereitungen hat Kaffee nicht weiter unterstützt.

Und wo liegt jetzt der Bezug zur Hochsensibilität? 

In den Genen! Nur, dass wir genau da noch nicht sind. Für die Hochsensibilität und ihre vielen Varianten konnte eben wegen der Variantenvielfalt noch kein Gen identifiziert werden, das für das Auftreten der Hochsensibilität verantwortlich gemacht werden könnte. Es müssen zwangsläufig viele Gene in Frage kommen, denn immerhin sind mindestens fünf Sinne betroffen plus der strittige 6. Sinn. Ist die Hochsensibilität also vielleicht eine Ansammlung von Rezeptorvarianten? Wenn wir versuchen, dem Phänomen auf die Schliche zu kommen, treffen wir auf einiges, das die Hypothese stützen könnte, mit der wir wiederum jenen Menschen antworten könnten, die behaupten, Hochsensibilität sei bloße Einbildung oder schlimmer: So etwas wie Hochsensibilität gäbe es gar nicht.

Die neueste Hirnforschung konnte mittels bildgebender Verfahren zeigen, dass es Unterschiede zwischen den Gehirnen von hochsensiblen Menschen und allen anderen Menschen gibt. Sie existieren und man kann sie sichtbar machen. Demnach reagierten die Regionen des Neokortex, die für die Aufmerksamkeit und die Verarbeitung von Sinneseindrücken zuständig sind, bei hochsensiblen Personen hochaktiv auf jede Art von Stimulierung. Auch die Regionen, die auf Belohnung oder auf Angstauslöser spezialisiert seien, reagierten bei HSP stärker auf Reize als bei anderen Menschen, heißt es in der Zeitschrift “Psychologie heute” von September 2015. Dort wird berichtet, dass das Phänomen der Hochsensibilität derzeit in Hamburg an der Bundeswehruniversität untersucht werde. Man wolle dort eine Validierung des Konstrukts herbeiführen, das heißt, man versucht die so oft gestellte Frage zu beantworten: “Ist das denn auch wissenschaftlich anerkannt?” In den FAQ auf der Institutsseite wird die dieser Frage zugrunde liegende Vorstellung erfrischend forsch pariert, es ließe sich überhaupt klar beantworten, wann etwas als wissenschaftlich anerkannt zu gelten habe und wann nicht. Es gebe keine Institution, heißt es dort, die über diese Einordnung wache und entscheide. Wissenschaftliche Anerkenntnis erfolgt auf dem Weg des Diskurses zu einem Phänomen. Und das dauert. Das bewegt sich jahrelang in einem hermeneutischen Zirkel (eigentlich in einer sich nach oben bewegenden Spirale) von Hypothese zu Überprüfung, Veröffentlichung, Diskussion, Widerlegung, verändertem Forschungsaufbau, neuer Hypothese, neuen Forschungsergebnissen und so weiter. Der Begriff immerhin, darauf wird in den FAQ der Professur für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik verwiesen, existiere als wissenschaftlicher Terminus seit einer grundlegenden Veröffentlichung im – wissenschaftlich hoch angesehenen – “Journal of Personality and Social Psychology” aus dem Jahre 1997. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Studien. Und dass Menschen unterschiedlich und manche besonders stark auf Reize reagierten, heißt es auf den Universitätsseiten – und es klingt in meinem inneren Ohr wohltuend spöttisch in Richtung der allgegenwärtigen Skeptiker -, dürfte als gesichert gelten. Die Verwendung des Begriffs sei damit aus wissenschaftlicher Sicht, heißt es weiter, nicht unzulässig. “Nicht unzulässig” erscheint fett gedruckt.

img_0209

Und diese Vielzahl von Studien haben unter anderem so interessante Informationen hervorgebracht, wie, dass die emotionale Sensitivität nichts mit einem Dasein als Heulsuse oder Mimose zu tun hat, sondern ebenfalls auf bestimmte Gene zurückzuführen ist. Auf solche Gene, die mit der Produktion der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin zu tun haben. Die Anfälligkeit für Depression und Angst wird mit der Variante eines Serotonin-Transportergens in Verbindung gebracht. Mit Dr. Elaine Aron kommt hier eine weitere Perspektive ins Spiel. Diese Genvariante scheint auch erhebliche kognitive Vorteile mit sich zu bringen. Die deutlich bessere Entscheidungsfähigkeit in kritischen Situationen (nicht unbedingt in alltäglichen Entscheidungssituationen) wird von ihr genannt. Wir sind entscheidungssicherer, wenn wir mehr Informationen aus einer gegebenen Situation herausziehen konnten, egal über welchen unserer Sinne die Information in unser Bewusstsein gelangte. Egal auch, welcher Art die Informationen sind. Das kann auch ein emotionaler Reiz sein, der das neuronale System erreicht, wo alles besonders intensiv ausgewertet wird.

Das Manko der fehlenden wasserdichten Diagnoseverfahren

Der Grund, weshalb man noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse und wasserdichten Diagnoseverfahren vorliegen hat, ist der, dass je nach Kombination der Sinne, die hochsensibel reagieren – ich habe den, wie ich finde, treffenden Ausdruck gelesen “die scharf gestellt sind” -, unterschiedliche Gene beteiligt sind. Einerseits. Andererseits spielen auch alle anderen Anlagen, Eigenschaften, Geerbtes und Gelerntes, Erfahrungen und der persönliche Stand der Erfahrungsverarbeitung eine bedeutende Rolle für die spezifische Ausprägung in der Besonderheit der Reizverarbeitung des jeweiligen Individuums.

Die Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal auszuweisen, sei übrigens nicht ganz präzise, erläutert die Diplom-Psychologin Sandra Konrad am Hamburger Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut Schmidt Universität (Universität der Bundeswehr). Elaine Aron hatte die Hochsensibilität dem Temperament zugeordnet. Demnach ist sie eine Temperamentsvariante und das Temperament ist ein Teil der Persönlichkeit, ist selbst also ein Persönlichkeitsmerkmal.

img_0208

Das Temperament aber betrifft unsere ins Leben mitgebrachte Konstitution, unser Wesen also. Teil der Persönlichkeit werden aber auch unsere Erfahrungen und Prägungen. Unsere Persönlichkeit verändert sich darum im Laufe unseres Lebens und manchmal sogar erheblich. In unserem Temperament aber werden wir “nur” immer mehr, wer wir in Wirklichkeit sind.

Hochsensibilität im Unterschied zur Überempfindlichkeit

Deswegen ist die Hochsensibilität von der Überempfindlichkeit im Grunde leicht zu unterscheiden. Empfindlichkeit ist eine gelernte Reaktionsweise, in der wir zum Beispiel unsere kindlichen Anteile all unsere unbewussten und unbearbeiteten Verletzungen ausagieren lassen. Die emotionale Überreaktion ist eine Folge der Überempfindlichkeit, nicht aber der Hochsensibilität. Wir sind gelernt dünnhäutig. Das kann phasenweise so sein, zum Beispiel, wenn wir gerade eine Krise durchleben. Oder es kann zu unserer Persönlichkeit geworden sein, auf jeden Reiz von außen automatisch auf eine bestimmte Art überzureagieren, zum Beispiel, weil wir uns aus unseren unbewussten Mustern heraus ständig bedroht und angegriffen fühlen.

img_0147

An dieser Stelle ist zwar die Gegenreaktion unserer Umwelt: “Sei doch nicht so empfindlich” immer noch nicht wirklich hilfreich – hilfreich wäre hier eine Arbeit mit dem inneren Kind – aber sie ist nachvollziehbar. Da reagiert jemand ständig wie ein unreflektiertes Kleinkind, heult, tobt auf, mimt auf hilflos, beleidigt andere, und das nervt irgendwann.

Im Fall der Hochsensibilität dagegen ist der Satz völlig unangemessen. Hochsensible Personen trifft der Satz aber auch dann, wenn sie durchaus auf erwachsene Weise ihre Grenzen zu wahren versuchen. Wenn sie zum Beispiel einen unangemessen scharfen Ton wahrnehmen, einen unterschwelligen Vorwurf, latente Aggressivität oder auch subtile Aufdringlichkeit und wenn sie dann ihre Wahrnehmung ausdrücken, vielleicht auch einen Schritt zur Seite treten, um die Distanz zu erhöhen, eine ironische Bemerkung fallen lassen, die dem Anderen bewusst machen soll, was der da gerade tut oder indem sie sich ein bestimmtes Verhalten ganz einfach verbitten, ernten sie nicht selten die gleiche Replik wie der überreagierende Überempfindliche: “Hach, sei doch nicht so empfindlich! Du übertreibst ja maßlos!” Diese Maßregelung hat allerdings eine andere Energie als die im Fall der tatsächlich ausagierten Überempfindlichkeit. Hochsensible erkennen den Unterschied sofort. Im ersten Fall ist das Opfer des Überempfindlichen genervt und quittiert das übergriffige Verhalten mit der Aufforderung, der Andere möge bitte Verantwortung für seine Gefühle übernehmen. Im zweiten Fall handelt es sich um eine Maßregelung, die die Peinlichkeit, bei einer, von einem selbst begangenen, Übergriffigkeit erwischt worden zu sein, überspielen soll. In einer hochsensiblen Person werden an dieser Stelle die Alarmglocken schrillen und sie wird das Weite suchen. Ein überempfindlicher Mensch wird dagegen weiter im vorherigen Muster agieren.

Ich will allerdings nicht das Missverständnis aufkommen lassen, dass Hochsensible keine unbeachteten und unerlösten inneren Kinder oder eben unbeachteten Gefühle in sich beherbergten. Hochsensible können auch und zusätzlich überempfindlich reagieren. Aber die Überempfindlichkeit ist nur eine Reaktionsweise, die auch abgelegt werden kann, während die Hochsensibilität zum Menschen und seinem Sein gehört und nicht abgelegt werden kann. Die Reaktionsweise ist das Ergebnis aus der Summe unserer Erfahrungen. Die Hochsensibilität liegt in unseren Genen und gehört schon immer zu uns.

Zur bisherigen Forschung und die Zahl 20

Also noch einmal zusammengefasst: Bisher existiert keine neurophysiologische Theorie, mit der die Ursache der Hochsensibilität erklärt werden könnte. Dennoch wurde und wird eine große Zahl von Studien durchgeführt, seitdem zum ersten Mal bemerkt wurde, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt, die äußere Reize unterschiedlich wahrnehmen. Man geht derzeit von einer genetisch bedingten Konstitution aus, bei der die neuronalen Systeme äußere Reize intensiver auswerten als es bei der Mehrheit der Menschen der Fall ist.

Es war übrigens Iwan Pawlow, dem die Unterschiedlichkeit zum ersten Mal auffiel. Im Rahmen einer Forschungsarbeit zur Erregung und Belastbarkeit des Nervensystems erhielt er das für ihn überraschende Ergebnis, dass sich die Belastbarkeit in seiner Forschungsgruppe nicht gleichmäßig verteilte. Etwa 15% der Versuchsteilnehmer waren schnell an der Grenze ihrer persönlichen Belastbarkeit angelangt. 85% erreichten diese Grenze erst sehr viel später. Zwischen den beiden Gruppen gab es, nach Pawlows Beobachtung, aber keinen fließenden Übergang. Jerome Kagan ist ein Psychologe, der sich seit mehr als 50 Jahren mit der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Seiner Forschung nach zeigen sich etwa 20% der von ihm untersuchten Säuglinge im Alter von vier Monaten empfindlicher Fremdem und Neuem gegenüber. Von Kagan wurde das Phänomen noch als Schreckhaftigkeit und Ängstlichkeit gedeutet, bis es 1996 von der Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Elaine Aron aufgenommen und in den Kontext einer erhöhten Sensibilität gestellt wurde. Die weiteren weltweiten Forschungen zur Hochsensibilität konnten Arons Forschungsergebnisse bis jetzt alle bestätigen.

Auch wenn die Frage nach der Ursache der Genvarianten noch nicht geklärt wurde, weder annähernd noch abschließend, und damit auch nicht, weshalb die Varianzen nur bei einer zahlenmäßigen Minderheit der Menschen weltweit auftreten, kursiert aus eben jenen Studien heraus die Prozentzahl 15-20. Sie bezieht sich auf die jeweiligen Gruppen der Studienteilnehmer und wird auf die Gesamtbevölkerung als Schätzung übernommen. Elaine Aron weist außerdem auf Forschungen hin, die belegen, dass die Zahl auch in der Tierwelt nachgewiesen werden konnte. Dort erwiesen sich 15-20% der Tiere einer Population von der Fruchtfliege über den Fisch bis zum Reh (insgesamt sind 100 Tierarten mit den gleichen Ergebnissen untersucht worden) als hochsensibel. Bei der Fruchtfliege allerdings konnte das Gen identifiziert werden, das für die Hochsensibilität verantwortlich ist. Es ist das “Futtersuch-Gen” und die passiveren Fliegen, so schildert es Aron, besäßen ein sensibleres, höher entwickeltes Nervensystem. Sie sind die, die abwarten,ob die forscheren, weniger sensiblen Fliegen die Futtergabe überleben.

img_0210

Es muss bisher bei der Beobachtung bleiben, dass hochsensible Persönlichkeiten Reize offenbar weniger gefiltert aufnehmen und dass sie darum mehr wahrzunehmen scheinen als andere Menschen. Demnach haben sie mehr Informationen auszuwerten und können von eben dieser hohen Informationsdichte leicht überflutet und überfordert werden.

Strittig ist noch, ob ihr Nervensystem mehr Reize als relevant einstuft – wie bei dem Phänomen des Ammenohrs – oder ob bestimmte Neuronenverbünde weniger stark ausgeprägt sind und weniger Reize abhalten, ins Bewusstsein zu gelangen. Eine erhöhte Aktivität des Thalamus wird, wie schon gesagt, als eine mögliche Ursache diskutiert. Für diese Hypothese spricht, dass Phänomene wie ein erhöhter Kortisolspiegel, eine stärkere Sensibilität gegenüber Schlafmangel, Koffein, Durst- und Hungergefühlen hirnorganisch mit dem Hypothalamus in Verbindung stehen.

Nach dem derzeitigen Stand der Forschung allerdings fehlen diagnostische Instrumente, die das Vorliegen einer Hochsensibilität dingfest machen könnten. Die Fragebögen, die im Netz und in der Ratgeberliteratur kursieren, beruhen auf der persönlichen Selbsteinschätzung und liefern nur Anhaltspunkte. In Hamburg allerdings wird derzeit unter der Federführung von Sandra Konrad an einer Validierung des Originalfragebogens von Elaine Aron gearbeitet.

Und in der Zwischenzeit…

img_0211

…sagen wir vielleicht Dinge wie: “Ich bin akustisch- und empathisch-hochsensibel. Also ja, ich habe gehört, dass du glaubst, ich sei nur überempfindlich oder wolle mich interessant machen. Und ich spüre auch, dass du dich mit der Existenz dieses Phänomens, das du nicht greifen kannst, gerade unwohl fühlst. Wie kann ich dazu beitragen, dass du die Information, dass ich hochsensibel bin, leichter akzeptieren kannst? Vielleicht kann ich dir davon erzählen, was es für mich bedeutet?”

Denn das ist im Grunde alles, worüber wir uns derzeit unterhalten können, wenn wir über Hochsensibilität sprechen wollen: Darüber, was sie für uns, die wir hochsensibel sind, bedeutet. Wir können nichts über ihre Ursache und nichts über ihren Sinn sagen. Aber eine Menge darüber, wie es ist, mit ihr zu leben.

Über die Autorin:

Posted on 16. Dezember 2016 in Hochsensibilität im Alltag

Share the Story

About the Author