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Märchenmeditation: Wie das mit dem Froschkönig war und warum ich nicht anders konnte.

 

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Illustration: Christiane Rösch

Es war einmal… und das war ich, die Königstochter. Des Königs Jüngste. Schön und alles, aber das tut nichts zur Sache, wenn ich daran denke, wie es gewesen ist. Ich weiß nicht, ob die Sache anders ausgegangen wäre, wäre ich weniger schön gewesen. Die Sonne selbst soll sich gewundert haben, heißt es, aber sei‘s drum. Schönheit vergeht und wie alles und in der Erinnerung, war die Kugel sehr golden.

Ich hatte ausgerechnet sie verloren, die Kugel, die goldene, die ich liebte. Sie war mein Lieblingsspielzeug: Hochwerfen und fangen, hochwerfen und fangen. Was wir Prinzessinnen halt so gut finden. Gut fanden, damals. Und dann war sie auf einmal weg, meine schöne goldene Kugel. Ich sehe sie noch auf den Brunnen zu fliegen, aber ich konnte nichts machen, konnte sie nicht festhalten. Weg war sie und ich untröstlich. Die Kugel, aus Gold und liebstes Spielzeug, in den Brunnen gefallen. Und meine Kindheit, schien mir, gleich hinterher. Oder war es umgekehrt gewesen? Vielleicht deshalb die Tränen so übermäßig, wo es der goldenen Kugeln doch mehr als genug gegeben hätte auf der Welt, um diese zu ersetzen.

Und als nächstes war da der Frosch, wohnte wohl im Brunnen oder was weiß ich. Vom Frosch hatte ich nichts Gutes gehört. Alter Wasserpantscher nannte ich ihn und dachte, er soll mir weg bleiben, er soll doch weiter den anderen Mädchen nachlaufen. Aber er fragt mich nach meinem Unglück und ich klage es ihm und er sagt, er könne die Kugel zurück bringen. Gut, denke ich mir, gut, sehr gut, ja, warum nicht, für einen Frosch wird das keine große Sache sein, und will gerade ja sagen und danke und sehr freundlich, da fragt der alte Wasserpantscher nach einer Belohnung. Belohnung? Dafür? Meinetwegen, denke ich, will ich nicht knauserig sein, es ist mein liebstes Spielzeug und mir viel wert und ich biete Kleider und Perlen und meine Krone und denke, das muss reichen, so viel Mühe macht ihm das Tauchen im Brunnen nicht. Interessiere ihn alles nicht, könne er alles nicht brauchen, sagt der Froschkerl und ich dachte, das hätte ich mir ja denken können, natürlich, der wohnt im Brunnen, was will der mit Kleidern. Aber mehr habe ich nicht anzubieten. Der Frosch aber, ganz unverfroren, hat klare Vorstellungen und so ist ja auch sein Ruf: Er will mit mir spielen, essen von meinem Teller, trinken aus meinem Becher und in meinem Bett schlafen. Erst denke ich: Bitte? Für so wenig? Aber dann denke ich an den Glanz der Kugel, das Gold, die Schwere, die perfekte Größe in meiner Hand und mein liebstes Spiel und ich will sie nicht verloren geben, die Kugel, ich will nicht und denke, was soll‘s, der Frosch lebt hier im Brunnen und ich droben im Schloss, da trifft man sich ja doch nicht und so machen wir Mädchen das eben. Egal wie frech er ist mit seiner Forderung, zum Einlösen kommt er ja doch nicht. Ich verspreche ihm also, was er will und kriege dafür, was ich will. So machen wir das, wir Mädchen. Mit dem Frosch hatte ich die Rechnung aber nicht gemacht.

Erst war ich ihm noch entkommen. Aber am Abend des nächsten Tages hat der Geselle seinen Weg auch geschafft und steht vor dem Schloss, klopft kühn an die Tür und begehrt Einlass. Bekommt er natürlich nicht. Ich gehe zur Tür und sage ihm: “Komm schon, das muss dir doch klar gewesen sein. Es war nur wegen der Kugel.” Und gehe zurück an meinen Platz, versuche mich unauffällig zu verhalten, ruhig zu wirken, aber es gelingt mir schlecht. Dieser Frosch regt mich auf. Mein Vater merkt das, merkt zumindest, dass was ist und fragt, wer an der Tür war (ein Frosch) und was der Frosch von mir wollte (mich). Keine Ahnung, ob er nicht richtig zugehört hat oder ob es wieder das Ding mit der Gerechtigkeit ist, aber er hält es jedenfalls nicht für gerecht, den Frosch draußen zu lassen, hält es für gerechter, mich zu zwingen, mein albernes Versprechen zu halten. „Was du versprochen hast“, donnert er, „musst du auch einhalten.“ Ich will ihm noch erklären, dass das Versprechen Blödsinn war, dass es nur wegen der Kugel war und ich ja auch nie damit gerechnet hätte…, aber mein Vater, der versteht da keinen Spaß und hört auch wieder nicht zu, hört mich nicht, sieht mich nicht und Gerechtigkeit ist für ihn nun mal nicht verhandelbar oder das, was er für Gerechtigkeit hält, denn hätte er mir mal beigebracht, goldene Kugeln selbst aus dem Brunnen zu holen, wäre es wohl gar nicht so weit gekommen. Der Frosch darf rein, sagt er, und dann geht der Ärger erst richtig los.

Da sitzt der Frosch an meinem Stuhlbein und verlangt, hinauf gehoben zu werden. Das kann er nämlich nicht alleine, dazu ist er zu klein. Ach was! Vom Stuhl will er auf den Tisch. Auch gehoben werden natürlich. Dann will er, dass ich meinen Teller heranrücke, Tellerlein, sagt er dazu, wenn ich das schon höre, und zusammen essen will er mit mir. Ihm schlägt das weniger auf den Appetit, als mir, wer hätte das gedacht! Ich bekomme keinen Bissen mehr herunter und alle sehen mich an, als wäre es nicht das Ekligste, das man sich vorstellen kann, mit einem schleimigen Frosch – wo der wohl vorher überall gewesen sein mag – von einem Teller essen zu müssen, nur, weil man mal was Unbedachtes dahergeplappert hat, um eine Kugel wieder zu bekommen, wie Mädchen das nun mal machen.

Inzwischen hat der Frosch aufgegessen. Der Teller ist leer, aber nicht, dass der jetzt Ruhe gibt. Jetzt ist er müde. Oooh, kleiner Frosch sooo müüüde. Will ins Bettlein gehen. Natürlich, das Bettlein. Ich halt‘s nicht aus, denke ich und will das auch sagen, aber fange statt dessen wieder an zu weinen. Breche also in Tränen aus, die meinen Vater überhaupt nicht erweichen, denn er fordert noch immer, dass eingehalten werden muss… und so weiter. „Wer dir geholfen hat, als du in Not warst, den sollst du hernach nicht verachten“, sagt er. Dabei versteht er doch gar nicht, was hier los ist. Der Frosch nervt und das ist seine Masche und wieso das keiner sieht, das verstehe ich überhaupt nicht. Mit seinem Tellerlein und Becherlein und Bettlein kommt der wahrscheinlich überall durch, immer der kleine niedliche Frosch, und landet immer, wo er hin will, oder was? Immer in den Betten der Prinzessinnen? Ja? Was man so hört jedenfalls schon…

Ich habe keine Wahl, so läuft das mit der Erziehung, da hat der Vater immer Recht und der Froschkerl kommt mit auf mein Zimmer. Kommt mit ist gut. Tragen muss ich ihn, wegen der hohen Stufen. Ich würde ja sagen: Einer, der die hohen Stufen nicht erklettern kann, kann sie halt nicht erklettern. Und die zum Schloss hat er ja auch geschafft, warum also die hier nicht mehr? Aber unten an der Treppe steht mein Vater. Ich nehme das eklige Tier mit zwei Fingern, schleimig und glitschig wie es ist und oben setze ich es in eine Ecke und hoffe, es gibt Ruhe. Ich sag‘s ihm auch, dass ich‘s hoffe. Und gehe zu Bett.

Was mache ich mir immer für Illusionen, denke ich mir kaum ein paar Sekunden später. So kennt er es doch: Kommt angekrochen und verlangt, ins Bett gelassen zu werden. Erst die Tour wieder, das Betteln. Als ich den Kopf schüttele und zurück auf die Ecke zeige, sagt er: „Oder ich sag‘s deinem Vater.“ Darauf ich: „Jetzt reichts‘s. Du willst mich erpressen? Du willst Liebe und drohst,  ich sag‘s deinem Vater, wenn du sie mir nicht gibst? Was für eine Liebe soll das werden? Was hat das mit Liebe zu tun? Du willst sie erpressen, schacherst um sie, statt sie dir zu verdienen? Statt so zu sein, dass man sie dir schenken will? Du willst es also meinem Vater sagen, so dass er mir befiehlt, dich in mein Bett zu lassen? Und was hast du davon? Und welcher Vater würde das tun? Du machst mich wütend, Frosch, mit deinen kindischen Gängeleien und Forderungen, und du hast nichts getan, als nur eine Kugel aus dem Wasser geholt. Und weißt du was, Frosch, hättest du nichts dafür verlangt, hättest du alles bekommen, denn dann wärest du ein echter König gewesen und nicht nur ein Froschprinzlein. Aber ich kann dich nicht leiden. Deinen Anblick ertrage ich nicht. So sieht‘s aus. Werd erwachsen, mein Gott!”

Um genau zu sein: Ich hatte ihn erst an die Wand geworfen und ihm dann das alles gesagt, dem Frosch, der zerschmettert am Boden lag, diesem ekligen, räuberischen Tier, das ich schleunigst wieder los werden wollte aus meinem Leben. Und dann, als ich fertig war mit dem, was zu sagen war, fängt der Frosch an, sich aufzulösen. Verschwindet vor meinen Augen. Erst war’s mir recht. Dann war’s mir unheimlich. Und dann steht da ein Mann, wo der Frosch eben aufgeschlagen und verschwunden war. Jung. Strahlend schön. Sehr charmant. Und er erzählt mir, er sei der Frosch von vorher, erzählt vom bösen Zauber, von Fesseln, die ihn gehalten haben sollen, von Fremdheit und einem Willen, der nicht seiner gewesen sei. “Von wem dann?”, will ich wissen und er blickt mir lächelnd in die Augen und antwortet: “Du weißt es doch selbst, du hast sie doch auch eben abgelegt, die Fesseln der Anderen. Du hast doch nicht nur mir soeben es reicht gesagt.” Was bleibt mir, als den Kopf zu senken und zu zuzugeben, dass ich weiß, wovon er spricht und den Schmerz auszuhalten, was nicht leicht ist. Ich muss mich hinlegen und will die Augen schließen, erst mal schließen und nichts mehr sehen und es macht mir nichts aus, dass der Frosch, der jetzt ein Prinz ist, sich zu mir legt, dass er die Arme um mich legt und in der Erinnerung ist sein Körper so warm.

Die Frage an meinen Vater ist die letzte, die ihm gestellt wird, und es frage nicht ich, es fragt der Prinz und um meine Hand und dann lerne ich Heinrich kennen. Heinrich oder der treueste Diener von allen. Heinrich, der Weise. Wie wir mit ihm in der Kutsche nach Hause fahren, da gibt es einen Lärm, als würde die Kutsche auseinanderfallen und als wir fragen, winkt Heinrich ab und sagt: “Ich will‘s nur noch mal gezeigt haben. Das waren die Eisenbänder, von denen ein jeder erlöst wurde.” Heinrichs Worte waren viel blumiger, irgendwas mit Schmied und anfertigen lassen und Kummer und ums Herz gelegt. Naja. Heinrich stellte sich auch sonst als etwas sentimental heraus, als er meinte: „Denn Eisen ist stärker als Kummer“, wozu der Prinz, ehemals Frosch nur nickte. Ich weiß, welches Eisen gemeint ist. Es ist das, das verhindert, dass der Kummer länger gefühlt werden muss. Es ist das Eisen, das weiteren Kummer nicht ran lassen will. Das aber auch alle anderen Gefühle ausschließt. Das ist das Eisen. Und dann sagte Heinrich noch: „Und Liebe ist stärker als Eisen“, und dazu blieb mir nichts Anderes, als zu nicken und den kauzigen weisen Heinrich in mein Herz zu schließen.

Ob wir glücklich bis an unser Lebensende gelebt haben werden, weiß ich noch nicht zu sagen, wir leben ja noch. Solange wir erzählen, leben wir.

Posted on 30. September 2016 in Märchenhelden im Schreibspiel, Märchenmeditationen

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