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Was durch die Angst hindurchschimmert

Angst mag lähmen, aber sie verweist auch auf ein noch unentdecktes Potenzial

Angst in der Welt

Angst, egal in welcher der sieben großen Varianten an Urangst sie sich präsentiert, motiviert uns zu irrationalem, lieblosem Verhalten, das uns voneinander trennt. Manchmal werden ganze Familienfehden daraus, in denen ohne ersichtlichen Grund alle Mitglieder sogar über Generationen hinweg miteinander verfeindet sind und manchmal werden Nationen miteinander in ernsthafte Konflikte oder sogar in Krieg und Terror hinein verwickelt. Die Grundlage sind immer verletzte Gefühle und die Wahrnehmung von Verletzung basiert darauf, dass in der persönlichen Wahrnehmung ein Grundbedürfnis und damit ein Grundwert missachtet oder verletzt wurde. Das Nervensystem gerät in Aufruhr, der Mensch in Angst, und statt auf vernünftigem, erwachsenem, von der Angst emanzipiertem Weg nach einer Lösung zu suchen, Verantwortung für seine Gefühle zu übernehmen und konstruktive Vorschläge zu machen und entgegenzunehmen, reagieren die meisten Menschen emotional, unreif, dysfunktional im Hinblick auf ihr Ziel, eigentlich Frieden, Sicherheit und Harmonie herstellen zu wollen.

Trennung als Konsequenz der Angst

Die Angstmerkmale sind es, die uns dann voneinander trennen, besonders die in den Aktivpolen ausagierten Angstmerkmale Beweiszwang, Wut, Neid, Eifersucht, Gier, Hochmut und Ungeduld. Mit ihnen verursachen wir Verletzungen, Irritationen und Verwirrung. Manchmal ist es schon die Ratlosigkeit darüber, wie man mit dem gezeigten Verhalten umgehen könnte, ohne Öl ins Feuer zu gießen, die ein Beziehungsgefüge empfindlich stören kann. Wenn uns gegenüber jemand wütend auftritt, ohne den Vorfall später verantwortungsvoll klären zu wollen, bleiben Ratlosigkeit und Irritation bestehen. Schon allein, um der Unberechenbarkeit und weiteren Verletzungen zu entgehen, geht man dem Menschen fortan aus dem Weg. In einem Alltagskontext, einem nicht-therapeutischen Kontext also, sind Rückzug und Abgrenzung sehr legitim. Das gilt für den Fall, dass es kein Gesprächsangebot gibt. In diesem Fall ist die mitfühlende Distanzierung das einzig mögliche Mittel der Selbstfürsorge. Um ein Gespräch zu bitten ist nur unter sich nahestehenden Menschen möglich, unter Kollegen wünschenswert, aber unter einander fremden Menschen, wie in einer zufälligen Nachbarschaft, in der Regel undenkbar. Dort geht man sich anschließend wortlos aus dem Weg.

Drei Verhaltensweisen

Für den Fall, dass man allerdings weiter miteinander in Interaktion steht, wie es in einer Familie oder am Arbeitsplatz der Fall ist, bieten „Ausfälle“ der oben aufgezählten Art eine Chance. Wir haben drei Möglichkeiten, auf „Ausfälle“ zu reagieren. Ganz grob könnte man das Dreieck der Möglichkeiten skizzieren als „spiel mit – ändere das Spiel – spiel gar nicht“.

  • „Spiel mit“ hieße, sich unterzuordnen. Der Wut gegenüber macht man sich klein, nimmt die Schuld auf sich, lässt sich zum Sündenbock machen, der zu biblischen Zeiten in die Wüste geschickt wurde, um dort zu sterben. Man spielt das Spiel des wütenden Anderen mit und wird dessen Gegenspieler im Passivpol.
  • „Ändere das Spiel“ ist ein Versuch, der es darauf anlegt, den Anderen durch die schlagenderen Argumente, die lautere Stimme, den höheren Machtfaktor zu ändern. Der Andere soll seine Sichtweise und am besten noch seine Persönlichkeit, auf jeden Fall aber sein Verhalten ändern. Man spielt mit dem Wütenden zusammen im Aktivpol.
  • „Spiel gar nicht“ dagegen steigt aus der Dualität aus. In der Haltung, das duale Spiel nicht mitspielen zu wollen, geht man mit dem evolutionären Potenzial einer Konfliktsituation in Resonanz. In dem Fall, dass der Wütende zu keinem Gespräch bereit ist, kann dieses Potenzial allein auf energetischer Ebene ausgesendet werden.

Wozu hinter die Angst schauen?

In dem Fall, dass Gesprächsbereitschaft besteht, haben Heilung und Wachstum eine Chance, sich erfahrbar zu entfalten. Dazu ist es hilfreich, wenn man die Klaviatur der Urängste auf ihre Werte hin kennt. Indem man sich konsequent auf den Wert einschwingt, den man zu vertreten beabsichtigt – per Mantra, per Affirmation oder per Meditation – stellt man sicher, dass die eigenen Handlungen und Aussagen von diesem Wert geführt werden.

Durch jede Angst hindurch schimmert ein Wert, von dem das ängstliche Individuum bisher nicht erkannt hat, dass er hinter seiner Persönlichkeit schwingt oder der bisher nicht ausgelebt und stattdessen verleugnet und unterdrückt wurde. Verleugnung, Verstecken, Unkenntnis über den eigenen Wert und die eigenen Werte wie auch das Gefühl des Getrenntseins von Anderen und ein grundsätzliches Mangelgefühl verursachen, genau wie Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit, unendlichen Schmerz. Wenn der Schmerzkörper aktiviert wurde, entlädt sich der Schmerz, aber durch ihn hindurch spricht das Unbewusste des Menschen von einem Potenzial, das lichtvoll ist und vom Kern des Menschen ausgeht. Somit verweist der Schmerz und sein Ausdruck auf diesen Kern. In einem langen Text wie auch im gesprochenen Monolog voller Vorwurf, gibt es dem Gesetz der Polarität nach auch den einen Satz, der die Wahrheit sagt. Dieser Satz liegt jenseits aller von Verletzung zeugenden und neue Verletzungen produzierenden Ausdrücken. Er fällt spontan, impulsiv, überraschend und an unerwarteter Stelle. Ihn müssen wir finden, markieren, herausstellen und sagen: „Lass uns hierüber sprechen.“ Indem wir den Schmerzausdruck übergehen und uns auf den Lichtausdruck fokussieren, holen wir unser Gegenüber auf die Ebene des integrierenden Potenzials, der Vernunft oder auf die Ebene des inneren Erwachsenen.

Gehen wir die Schmerzpotenziale einmal für die sieben Ängste durch, um das Auffinden des Potenzials zu erleichtern. Denn zugegebenermaßen braucht es eine hohe Konzentration, um im Wust des Schmerzausdrucks den feinen Ausdruck der Wahrheit zu erkennen. Es sei denn, unser inneres Hören ist geschult und gut trainiert. Dann ist es sogar ein Kinderspiel. Gehen wir sie durch, um unsererseits zu Meisterinnen und Meistern des Lichtsehens zu werden. Das ist der Grund, aus dem es sich lohnt, durch die Angst hindurch zu sehen, weil dahinter das Licht auf seine Entdeckung wartet.

Ich stelle jeweils pro Angst das nach außen projizierte Angstmerkmal dar, das Potenzial hinter der Angst und gebe einen kurzen Handlungsvorschlag, der hinausführen könnte aus der dualistischen Sichtweise hinein in Heilung und Wachstum.

Eins

Angst vor Unzulänglichkeit und Angst vor Kompetenz

Projektion nach außen:

  • Wenn diese Angst passivisch nach außen projiziert wird, halten Außenstehende den Angstträger für minderbemittelt. Oft genug nehmen sie sich sogar heraus, es ihm zu sagen, wobei die unbewusste Haltung des Angstträgers ihnen die implizite Erlaubnis zu einer derartigen Grenzüberschreitung gibt. Kindern gegenüber erlauben sich unreflektierte Erwachsene viel zu leichtfertig, ihnen mangelnde Intelligenz zu unterstellen und sogar Dummheit zu suggerieren, aber auch Erwachsenen, die sich im Passivpol, im Pol der Selbstverleugnung befinden, begegnet ihre Angst im Außen, indem andere ihnen ihre Kompetenz absprechen und ihre Leistungen abqualifizieren.
  • Im Aktivpol versuchen die Angstträger sich dann zu beweisen, versuchen sich selbst und anderen zu beweisen, dass die ihnen entgegengebrachten Vorurteile nicht stimmen und geraten nicht selten in einen regelrechten Beweiszwang hinein. Die aktivische Projektion bewirkt aber auch die Abqualifizierung Anderer. „Du bist nicht gut genug“ oder „du bist ein Versager“ meint eigentlich: „Ich fühle mich nicht gut genug“ oder „ich fühle mich wie ein Versager“.

Potenzial:

Wenn wir von der Angst an der Dreiecksbasis eine Linie bis hoch in die Spitze des Dreiecks ziehen, führt der Weg der Betrachtung über eine sehr große Kompetenz sogar hinein in eine Genialität auf einem Spezialgebiet. Möglicherweise wurde bisher entweder das große Talent oder das Spezialgebiet noch nicht erkannt oder sogar beides. Die Angst besteht eigentlich vor dem Talent, für das es zum Beispiel im persönlichen Umfeld keine Vorbilder gibt, weshalb man die Tragweite des Talents nicht einschätzen kann. Vielleicht fühlt man auch, dass man implizite oder explizite Erwartungen der Familie oder anderer Menschen enttäuscht, wenn man sich zu einem der Familie unbekannten Talent bekennen würde. Viele Menschen fürchten Ausgrenzung und Ablehnung, wenn sie sich mit einem besonderen Talent oder einer hohen Intelligenz offenbaren würden. Sie fürchten Neid und Missgunst, von denen sie unter Umständen sogar schon die Erfahrung gemacht haben, dass diese Emotionen mit aggressiven Mitteln an sie herangetragen wurden. Das einzige Mathegenie unter den Geschwistern kann von den anderen Geschwistern entweder verehrt oder verachtet werden. Hier würde die Sorge mitschwingen, andere Familienmitglieder potenziell in den Schatten zu stellen und deren Selbstwertgefühl empfindlich zu verletzen, falls dieses Selbstwertgefühl mit einer vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Begabung zusammenhängt. Mitunter repräsentiert die spezifische Intelligenz, die sich von der der anderen Familienmitglieder unterscheidet, auch einen als misslich empfundenen Umstand wie das Fremdsein des Kindes für die Eltern, nachdem das Kind aufgrund eines ehelichen Fehltritts gezeugt wurde oder weil sich ein Teil der Familienmitglieder nicht akzeptiert fühlt, nachdem zwei Familiensysteme zusammengeführt wurden. Das Mathegenie, das nur deshalb ein Mathegenie sein kann, weil sein Vater nicht der gleiche Vater wie der Vater der anderen Kinder ist, könnte es schwer haben, sich im Familiensystem akzeptiert zu fühlen. Einige Menschen mögen auch Angst vor der Tragweite haben, die die vollständige Talenterschließung mit sich bringen könnte. Sie könnten schlicht Angst vor dem Erfolg und den nachfolgenden Erwartungen haben. Plötzlich könnte von dem Mathegenie ein eins-a-Studium plus Promotion und grandioser Karriere erwartet werden. Und was dann, wenn man doch eigentlich immer ein Mauerblümchen war? In der Dreiecksspitze durchfließen den Organismus andere Kräfte, spirituelle Kräfte, die auszuhalten eines Moments der psychischen und manchmal auch der physischen Gewöhnung bedürfen kann. Ganz zu schweigen von einem äußeren Erfolg, der sich einstellen könnte und mit dessen Wucht an Ruhm und Würdigung umzugehen ebenfalls der Gewöhnung bedarf – und in manchen Fällen auch nicht gelingt, sondern in Überforderungsgefühlen endet. Wir fragen uns, weshalb die Stars, die doch alles zu haben scheinen und denen alles gelingt, Drogen, Alkohol und Selbstmord erliegen können? Einer der möglichen Gründe (unter vielen anderen) könnte ein uneingestandenes Überforderungsgefühl sein.

In Kürze:

Wenn wir der Angst vor Unzulänglichkeit begegnen, egal ob das Angstmerkmal passivisch als Selbstverleugnung oder aktivisch als Beweiszwang ausgedrückt wird, offenbart uns lichtvolles Sehen eine noch nicht entdeckte große Kompetenz, ja sogar ein Genie auf einem Spezialgebiet. Die emanzipatorischen Qualitäten der Ermutigung (Yin) und eines Angebotes der Kompetenzförderung (Yang) wären diejenigen Wege, die von außen beschritten werden könnten, um das evolutionäre Potenzial des Angstmerkmals zu heben, sobald es im Ansatz entdeckt wurde. Selbstverleugnung und Beweiszwang stellen implizit die Frage: „Bin ich auch gut genug, das Leben zu meistern?“ Die dualistische Antwort ohne Entwicklungspotenzial lautet: „Nein, bist du nicht“ und projiziert wiederum die eigene Angst vor Unzulänglichkeit auf den sich anbietenden Spiegel. Die Antwort „ja, vermutlich liegt hier sogar eine große Begabung vor“- und sei sie, die Antwort, nur energetisch, durch die eigene Haltung vorgetragen, indem man der Schatteneinladung zur Herabqualifizierung des Anderen nicht folgt, stößt Heilung und Wachstum an. Über den Schritt, der negativen Einladung nicht zu folgen, geht man hinaus, indem man in irgendeiner Variante fragt: „Was brauchst du, um in deine Kraft zu kommen? Wie kann ich helfen?“

Zwei

Angst vor Lebendigkeit und Angst, nicht lebendig zu sein

Projektion nach außen:

  • Ganz viele Kinder erfahren von gestressten Erwachsenen, dass ihre Lebendigkeit abgelehnt wird. Sie werden als vorlaut verurteilt, als nervig abgestempelt, als zu neugierig, zu wild, zu aufdringlich, zu laut. Ihr lebhaftes Verhalten wird eingedämmt bis hin zu, dass das Individuum metaphorisch oder wörtlich eingesperrt wird. Im Akt des Einsperrens wird die Angst aktivisch auf andere projiziert. Hier wird anderen der Mund verboten und werden Gefühle und eigene Meinungen zu haben abgesprochen oder ihre Relevanz bezweifelt und ihr Ausdruck untersagt. Um der (Schein-)Harmonie willen werden Konflikte unter den Teppich gekehrt und niemals angesprochen. Jedes Maß an unkonventionellem oder spontanem Verhalten wird gemaßregelt oder lächerlich gemacht, und die Nörgelei an dem, was aus der Reihe tanzt, ist allgegenwärtig. Ein ganz ein Stereotyp der Angst vor Lebendigkeit wäre der Hausmeister, der den Kindern das Ballspielen im Hof verbietet, indem er mit drohender Faust hinter ihnen her schreit. Die internalisierte Sabotage des lebendigen Ausdrucks durch andere wird im Erwachsenen dann zur Selbstsabotage.
  • Passivisch ausgelebt ist die Angst als ein Verstecken der eigenen Person erlebbar. Das Phänomen der Selbstablehnung ist eine Folge der erfahrenen Projektion in der Kindheit. Wenn jemand für seinen vitalen Ausdruck Ablehnung erfährt, konditioniert sich das Muster der Selbstablehnung. So jemand hat scheinbar nie eine eigene Meinung und fühlt keine Emotionen oder würde sie zumindest nicht äußern, und zwar aus Angst vor der Überreaktion, die zumeist eine berechtigte Sorge ist. Denn wenn der angemessene Umgang mit den eigenen Emotionen nicht geübt wurde, gerät er im Eifer auch schon mal außer Kontrolle. Dann wird plötzlich für eine Nichtigkeit herum gebrüllt. Emotionen werden nicht wahrgenommen und darum wird ganz einfach behauptet, man sei niemals wütend, obwohl es im Untergrund brodelt, was von feinsinnigen Wesen deutlich wahrgenommen werden kann. Von hier aus wird dann wiederum eine aktivische Projektion eingeleitet, denn nur Wesen, die sehr klar bei sich und zentriert sind, können dem bewusst widerstehen, die unbewusste Aggression eines anderen aufzunehmen und auszuagieren. Eher unbewusste, aber sensible Wesen fühlen sich plötzlich wütend und merken nicht, dass sie die Emotionen anderer aufgenommen haben. Tiere können es jedenfalls nicht unterscheiden und darum kommt es immer wieder dazu, dass Menschen scheinbar ohne jeden Grund von einem Hund verknurrt, verbellt oder gemieden werden.

Potenzial:

In Wahrheit liegt dem manifesten Phänomen der Lebendigkeit eine hohe Schwingungsfrequenz zugrunde, mit der man in der Lage ist, seine Wirklichkeit kreativ zu verändern. Kreativität ist das Potenzial hinter der Selbstablehnung und der Selbstsabotage.

Wenn wir von der Dreiecksfläche aus, in der die Kreativität und das Selbstbewusstsein angesiedelt sind, eine Linie nach oben ziehen, landen wir bei der charismatischen Fähigkeit der Manifestations- und Heilkraft. Die Angst besteht vor der inneren Kraft, vor der kulturell übertragene Vorurteile noch immer bestehen, die als Spinnerei und als nicht existent abgetan wird. Wer glaubt schon jemandem, der von sich sagt, er habe heilende Hände? Und selbst in der dritten Person vorgetragen, “er oder sie braucht einen nicht mal berühren, aber man spürt, dass Energie fließt”, schlägt der Erzählung eher Skepsis entgegen. Der Träger der Kraft sieht sich nicht selten als Lügner oder Fantast verurteilt. Die Aggressivität der Verurteilung erschreckt den Träger der Kraft, so dass er sich lieber zurücknimmt oder die Begründung der Verurteilung sogar für sich übernimmt. “So etwas gibt es überhaupt nicht.” In der Angst vor der Lebendigkeit und vor seiner Kreativität lehnt der Ängstliche sein kreatives Potenzial ab, um sich mit der Gemeinschaft, in der die Abwesenheit von Kreativität die Norm darstellt, auf eine Ebene zu stellen. So versucht er, sich eine Position zu erschaffen, aus der heraus er sich nicht als Außenseiter erfährt. Er lehnt sich selbst in seinem Sosein ab, um von anderen angenommen zu werden – und schafft damit genau das Gegenteil zu seiner Intention. Die Selbstablehnung wird im Außen als Ablehnung gespiegelt. So jemandem wird kommuniziert, man fühle sich irgendwie nicht richtig wohl mit ihm in der Runde. Bedauerlicherweise wird es allerdings oft nicht dem Betreffenden selbst kommuniziert, sondern anderen hinter seinem Rücken. Er wird lediglich nicht mehr eingeladen.

Einem mit Heilkräften ausgestatteten Menschen könnte es aber auch passieren, dass seine Kräfte ausgenutzt werden, ohne, dass er zugleich den fürsorglichen Respekt im Umgang mit seinen Ressourcen erfährt. Hier wäre wieder die Gefahr der Überforderung gegeben. Wer im Ruf steht, ein Wunderheiler zu sein, führt kein leichtes Leben, wenn es ihm nicht auch gelingt, den Ruf so zu gestalten, dass er ein angesehener und fürsorglich behandelter Teil der Gemeinschaft bleibt, indem er seine Kräfte zum Wohl anderer einsetzt, sie aber auch zu seinem eigenen Wohl zu dosieren weiß.

In Kürze:

Wenn uns von einem Gegenüber eine Überreaktion in Form von Wut, Beleidigungen und unangemessenem Verhalten oder eine unangemessene Nichtreaktion in Form von Verstecken, Verschweigen, Unterlassen erreicht, könnte uns klar werden, dass ein großer Schmerz der erfahrenen Ablehnung wie Schlamm über einem noch nicht gehobenen Schatz an kreativer Kraft, möglicherweise sogar an Manifestations- und Heilkraft liegt. Die Frage, die von Selbstablehnung und Selbstsabotage implizit gestellt wird, lautet: „Darf ich…?“. Die dualistische Antwort aus eigener Angst vor Lebendigkeit lautet: „Nein, du darfst keinesfalls!“ Die erlöste und erlösende Antwort, explizit ausgesprochen oder implizit über die Haltung transportiert, könnte lauten: „Sei ganz du selbst.“ Hier könnten Fragen nach den (tiefer liegenden) Emotionen gestellt werden oder danach, worum es bei einem unangemessenen Verhalten tatsächlich geht, falls das konkrete Beziehungsverhältnis es zulässt.

Drei

Angst vor Wertlosigkeit und Angst, vor der eigenen Wahrheit

Projektion nach außen:

  • Passivisch projiziert erfährt ein Mensch mit der Angst vor Wertlosigkeit, dass andere ihn als wertloses Element einer Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft oder auch in ihrem persönlichen Lebenskontext hinstellen. Man will dem Menschen keine Zeit und keine Aufmerksamkeit schenken, weil man ihn im eigenen Leben für wertlos hält. Dem angstvollen Menschen wird jede Form von Wertschätzung verweigert, was sich im Extremfall in Mobbingsituationen manifestiert. Ein Mobbingopfer ist jemand, der die Angst vor der eigenen Wertlosigkeit tief in sich trägt, ja sogar das Gefühl der bereits bestehenden Wertlosigkeit als Schwingung nach außen fühlbar werden lässt. Das gänzlich unbewusste Außen bestätigt wie ein zuverlässiger Spiegel dieses Minderwertigkeitsgefühl und wertet den Menschen ab.
  • Aktivisch projiziert erklärt ein Mensch einem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen deren Wertlosigkeit und meint eigentlich seine eigenen Gefühle sich selbst gegenüber. Narzissten sind zum Beispiel die pathologischen Vertreter eines aktivisch projizierten Minderwertigkeitsgefühls. Die Projektion versucht die Angst und den Schmerz zu kompensieren. Es werden andere abgewertet und terrorisiert, um das Ego und innere Kind von seinem Schmerz abzulenken, das den eigenen Selbstwertüberhöhungen nicht zu glauben droht. Aussagen wie: “Außer mir wird dich nie jemand lieben” meinen eigentlich: “Ich habe Angst, dass mich nie jemand liebt, weil ich für niemanden wertvoll bin.”

Potenzial:

Das Gefühl von Wertlosigkeit entsteht, wenn ein Mensch nicht weiß, wer er ist. Ein Mensch, der seine innere Wahrheit und damit seine eigenen Werte, auf die er sich berufen kann, nicht kennt, fühlt sich selbst wertlos. Das Gefühl wird dadurch bestätigt und gesteigert, dass keine auf solchen Werten basierende Aktivität von dem Individuum ausgeht, so dass der Wert für andere erfahrbar würde und gespiegelt werden könnte. Das Handeln erscheint ziellos und zufällig, zumeist allein den Launen und Emotionen unterworfen und bleibt oft genug sogar aus. Für sich selbst kann man der Identitätslosigkeit entgegenwirken, indem man die Yin-Qualitäten der Dreiecke abklopft und herausfindet, mit welchen Qualitäten man sich identifiziert. Der höchste Wert, mit dem man in Resonanz steht, schließt die vorherigen Werte mit ein. Der Wert der Freiheit also im siebten Dreieck umfasst automatisch die Werte Achtsamkeit, Akzeptanz, Mitgefühl, Wertschätzung, Präsenz und Anerkennung. Diesen Werten lassen sich die entsprechenden Yang-Qualitäten dann zuordnen, wie das Verzeihen als performativer Akt des Mitgefühls oder auch Treue und Loyalität oder die Konsequenz und Hilfestellung als Akt der Wertschätzung oder die Dankbarkeit und Güte als Akt der Akzeptanz, die Gelassenheit als Akt der Achtsamkeit und so weiter.

Meditativ klopft man die Begriffe einzeln ab, indem man sich selbst im eigenen Leben beobachtet und reflektiert, entweder per Präsenz im aktuellen Augenblick oder per Andacht in der späteren Introspektion. So erfährt man etwas über seine Wahrheit und seine Identität.

Von der Dreiecksfläche dieses Dreiecks aus, in der die Identität und die Selbstwertsicherheit abgebildet werden, verweist eine nach oben gezogene Linie auf die charismatische Fähigkeit der Komplexitätsreduktion.

Hier an dieser Stelle spricht dieser Artikel nun über sich selbst. Die Kunst des Reframings ist es, die einerseits ein Geschehen von allem Überflüssigen befreit, um den Kern und die Wahrheit offenzulegen, und die andererseits in allem Sein dessen Wert erkennt und durch eine passende Gestaltung, eine Neukontextaktualisierung (=Reframing), sichtbar macht. Man gibt dem Geschehen einen neuen Rahmen, wie wir es hier tun, indem wir uns von der Angst abwenden und stattdessen nach dem Licht sehen. Das ist ein Teil der Schöpferkraft. Indem mit allem, was sich einem im Leben bietet, auf neue Art umgegangen wird, erfüllt sich die Intention, den in allem enthaltenen Wert jenseits komplexer Schattendynamiken sichtbar zu machen. Dazu wird das Geschehen um die dualistische Komplexität reduziert. Wir könnten es getrost Meisterschaft gegenüber den Algorithmen des Lebens nennen.

Die Angst besteht nun darin, dass Andere den sichtbar gemachten Wert dennoch verkennen und einen für die Wertdeklaration verächtlich machen. So haben wir es in der Schule erlebt: Wer sich dem Außenseiter gewidmet hat, wurde anschließend selbst ausgegrenzt. Die Angst vor der eigenen Wahrheit ist dann die, sich mit dem Falschen gemein zu machen und für unzurechnungsfähig oder ebenso wertlos gehalten zu werden, wie das von der Mehrheit als wertlos empfundene Objekt, über dessen Wert man sich vermeintlich geirrt hat. Zu manchen historischen Zeiten konnte die Falschbewertung im Sinne der herrschenden Ideologie fatale Konsequenzen haben, weshalb das Mitläufertum als der sicherere Weg galt. Mitläufer aber entbehren ihrer Identität und ihrer Wahrheit derart, dass sie sich selbst für wertlos halten, wobei hier wiederum die aktivische Projektion eingeleitet wird, das Gefühl auf andere zu projizieren und sie für wertlos zu erklären. Sehr viele Täter in den schlimmsten Gräueltaten sind “nur” Mitläufer gewesen.

In Kürze:

Wenn uns ein Verhalten begegnet, das wir in einem bestimmten Kontext als wertlos empfinden, werden wir im Grunde aufgefordert, die implizite Frage zu beantworten: „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ Die dualistische Antwort bestätigt das schmerzhafte und negative Gefühl eines solchen Menschen, fatalerweise besonders häufig Kindern gegenüber, worauf der Mensch wiederum mit dem eigenen Handeln das Gefühl bestätigt. Kinder und Jugendliche, die für wertlos gehalten werden, werden zum Klassentyrannen, sabotieren ihre Schulkarriere oder begehen sogar Straftaten. Wertlosigkeit und Selbstsabotage gehen eine Verbindung miteinander ein, was dazu führt, dass die Handlungen desjenigen, sich selbst als wertlos empfindenden Menschen in einem gegebenen Kontext auch wirklich wertlos, weil unpassend erscheinen. Ein Verbrecher, der nur Gutes tut, ist für ein Verbrechersyndikat genauso wertlos wie ein Arzt für ein Krankenhaus wertlos ist, der Patienten schädigt. Eine Antwort aus der erlösten Haltung heraus könnte nach dem Ziel (und dem verfolgten Wert) des Menschen fragen: „Kommt darauf an, was du erreichen willst.“ Nur im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel und einen der eigenen Intention nach vertretenen Wert ist ein Verhalten oder eine Aussage als passend oder unpassend zu bewerten. „Sag mir, wo du hinwillst, dann kann ich dir sagen, ob du auf dem richtigen Weg bist.“ Eine solche Aussage macht den Weg an sich nicht gut oder schlecht, selbst wenn er mit anderen Intentionen und deren Wegen kollidieren mag. Sie weist ihn nur als passend oder unpassend im Hinblick auf das angesteuerte Ziel aus. Hilfreich wäre es in diesem Zusammenhang, sich auf gemeinsame Ziele und gemeinsame Werte zu verständigen, um Wertekollisionen zu vermeiden. Indem wir zum Beispiel diesen Artikel hier anwenden, üben wir uns selbst in der Komplexitätsreduktion mit der Intention, Wert und Werte durch die Dunkelheit der Angst hindurch sichtbar zu machen.

Vier

Angst vor Unberechenbarkeit und Bindungsangst

Projektion nach außen:

  • Passivisch projiziert manifestiert sich die Angst vor der Unberechenbarkeit im Erleben von Verlust und Unberechenbarkeit. Auch hier gehen Verlustangst und Selbstsabotage eine unheilige Allianz ein, und der eifersüchtig klammernde Mensch treibt gerade den Menschen, dessen Verlust er am meisten fürchtet und um dessen Bleiben er sich nach Kräften bemüht, in den Abschied. Passivisch wird die Angst als Verlassenwerden, als Ungeliebtsein, als Illoyalität und als Treulosigkeit erfahren. Kinder erfahren sich als vernachlässigt und ignoriert. Später überbieten solche Menschen die internalisierten Erfahrungen noch und gehen ihrerseits eine Allianz mit Rückzug und Einsamkeit ein. Sie stehen für Freundschaften und Beziehungen nicht zur Verfügung und deklarieren diese Deprivation als Bindungsangst. Die Angst vor der Bindung ist in Wahrheit die Angst vor dem potenziellen Verlust, der bereits in frühester Kindheit als extrem schmerzhaft empfunden wurde. Ihnen gegenüber stehen dann Menschen, die sie gerade mit allen Mitteln zu binden versuchen.
  • Aktivisch projiziert ein Mensch seine Verlustangst auf diejenigen Menschen, auf die er eifersüchtig ist. Er versucht andere aus Beziehungen herauszudrängen, versucht bestimmte Menschen für sich einzunehmen, drängt sich auf und scheut sich auch nicht, die Mittel der Manipulation und der Bevormundung einzusetzen. Eine übertriebene Sorge um andere ist so eine Projektion, wie sie sich im Archetyp der überfürsorglichen Mutter wiederfindet. Der überfürsorglichen Mutter ihrerseits steht der Typus des bedürftigen Kindes im Passivpol gegenüber und die beiden gehen eine kongruente Partnerschaft ein, die durchaus eine Weile zu funktionieren scheint.

Potenzial:

Der Grund, weshalb solche Passivpol-Aktivpol-Beziehungen des vierten Dreiecks eine Weile ganz gut funktionieren, ist der, dass hier tatsächlich eine extrem hohe Liebesfähigkeit auf den Grund des Sees aus Schmerz und Leid abgesunken ist, von dort aber ausstrahlt.

Wenn man eine Linie von den Ängsten an der Dreiecksbasis in die Dreiecksfläche hinein zieht, landet man zunächst bei den Begriffen Selbstvertrauen und Liebe. Für den starken Ausdruck an Fürsorge und Zärtlichkeit gab es aber bisher einfach keinen passenden Abnehmer, denn dass bedürftige Kind im Passivpol ist ein Konsument, aber kein Abnehmer im Sinne von „empfangen, annehmen“. Am bedürftigen Kind wird die Liebe nicht gespiegelt, sondern versickert im ausgetrockneten Boden. Der Grund, weshalb die Liebe eines anderen Erwachsenen nicht richtig wirksam wird, ist der, dass das bedürftige Kind im Erwachsenen nicht nach der Liebe eines anderen erwachsenen Menschen verlangt, sondern derzeit noch nach der Liebe der Eltern. Solange dieses Bedürfnis nicht integriert wurde, das bedürftige Kind also nicht angenommen wurde, kann die Liebe eines anderen Menschen nicht nährend wirken, sondern stopft nur Löcher der emotionalen Bedürftigkeit. Das Gleiche gilt auch für die anderen Ausdrucksformen der Liebe wie die Anerkennung und die Wertschätzung.

Zieht man die Linie noch weiter bis hoch in die Dreiecksspitze, landet man bei einem so tiefen Verständnis für das menschliche Sein, dass das Verstehen des Anderen, das oft ohne die Notwendigkeit eines verbalen Ausdrucks abläuft, als telepathisch bezeichnet werden kann. Die Fähigkeit basiert auf einem tiefen Gefühl des Verbundenseins aufgrund gemeinsamer Erfahrung des Menschseins. Wir sitzen nicht nur als Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, Nachbarn oder unter sonstiger Etikettierungen im selben Boot, sondern als Menschen an sich. Die Hilfs- und Liebesbereitschaft, die unter dem Vorzeichen der Angst noch unbeholfen aufgedrängt oder unbeholfen zurückgehalten wird verweist auf ein tief verankertes Bewusstsein für unsere innerweltliche Interdependenz, die alle weltlichen Wesen miteinschließt, Tiere und Pflanzen genau wie Menschen. Die Telepathie geht über das Erfahrungsverständnis der Empathie hinaus und begreift alles menschliche Verhalten in seiner Tiefe, erkennt Dynamiken und Algorithmen von höherer Perspektive aus und setzt damit jede Art von Verurteilung automatisch aus. Das Menschsein wurde derart tief verstanden, dass Liebe die natürliche Antwort auf alles ist.

Die Angst besteht darin, dass dieses immense Liebespotenzial nun entweder von anderen ausgenutzt wird und man sich unversehens in der Rolle der immer gebenden Mütterlichkeit sieht (die auch Männer betreffen kann) oder dass andere sich von diesem immensen Liebespotenzial erschreckt fühlen, weil sie es nicht gewohnt sind und nicht beantworten können. Vor kurzem hatten wir einen Handwerker im Haus, der unserem Hund gegenüber (ein Meister des Ausdrucks an bedingungsloser Liebe und Freude) sagte: „Ach du je, bedingungslos geliebt zu werden, das bin ich gar nicht gewohnt, damit kann ich gar nicht umgehen“, worauf der Mann die Flucht ergriff und seine Arbeit zwischen sich und den Hund schob. Dafür, dass andere Menschen mit dem eigenen Liebespotenzial überfordert sind, hat man im Leben vermutlich viele Belege sammeln können. Als Konsequenz wird die Liebeskraft selbst manipuliert und heruntertransformiert, um sie gesellschaftsfähig zu machen. Die Unterdrückung der eigenen Liebesgefühle dient aber auch dem Schutz vor aggressiven und ausbeuterischen Tendenzen. Wie bei der Lebendigkeit wird die Kraft versteckt und wirkt als Angst vor der Liebe, obwohl in Wahrheit eine unendliche Sehnsucht nach dem Ausleben der Liebe und einem persönlichen Liebesausdruck vorliegt.

In Kürze:

Vor allem, wenn uns Eifersucht begegnen, kann uns sogleich klar sein, dass hier jemand mit vollen Händen geben will und nicht kann. Entweder halten ihn die negativen Erfahrungen ab oder er findet keine passenden Gelegenheiten, um seine Liebe in die Welt zu bringen. Vordergründig scheint die implizite Frage der Eifersucht zu lauten: „Bin ich liebenswert?“ Die dualistische Antwort lautet, wiederum traurigerweise vor allem Kindern gegenüber so oft: „Nein, bist du nicht.“ Wie viele Kinder müssen sich sogar von ihren Eltern anhören, sie seien böse Kinder, weil die elterlichen Manipulationsstrategien, die oft auf die Lebendigkeit der Kinder zielen, an ihnen nicht aufgehen? In Wahrheit aber geht es bei der Frage darum, zu erfahren: „Wohin mit meiner Liebe?“ Und darauf könnten die Antworten so vielfältig sein, wie die Welt groß ist. Ein Tierheim könnte ein Ort sein, an dem man seine Liebe bedingungslos und mit beiden Händen verströmen kann, wie eine Bildungspatenschaft für ein Kind, ein Umweltschutzprojekt im heimischen Wald oder das Kochen einer Mahlzeit für jemanden, der gerade andere Sorgen hat. Die Antwort müsste eine Gegenfrage sein: „Was würde dir denn wirklich Freude machen?“ Denn Freude ist die erste Yang-Qualität der Liebe. Davon abgesehen könnte die Liebe sich an die Seite der Wertschöpfung stellen und aus dem Herzen heraus dasjenige Sehen liefern, das der Solarplexus braucht, um Wert sichtbar zu machen. Den motorischen Kortex unter die Herrschaft der Großhirnrinde zu stellen, Yang unter die Führung von Yin, ist eine ganz eigene Lebensaufgabe, die unsere ganze Aufmerksamkeit benötigt. Mit ihr wird in jedem einzelnen Augenblick gefragt: „Was würde die Liebe (Yin) jetzt tun (Yang)?“ Aber diese Frage gilt zuerst uns, wenn wir einen Menschen aus seinem Schmerz heraus agieren sehen, und erst im zweiten Schritt den anderen.

Fünf

Angst vor Mangel und Angst vor dem Zuviel

Projektion nach außen:

  • Jede Art von Mangelempfinden, von Hunger über Geldmangel bis zu einem emotional empfundenen Mangel an Zuwendung und Kontakt, an Bewegungsmöglichkeiten, Entwicklungschancen und Freiheit wird aktivisch als Phänomen der Gier kompensiert. Man will weiter wachsen, mehr Umsatz und Gewinn generieren, ein höheres persönliches Einkommen erzielen, die Karriereleiter immer weiter hinaufklettern, den persönlichen Besitz vergrößern, vergrößern, vergrößern. Die aktivische Projektion nach außen macht den von Mangelempfinden betroffenen Menschen zu einem Opfer von Diebstahl und Betrug. Die Gier und die Angst manifestieren sich in den Projektionsflächen der Diebe und Betrüger, mit denen einen die Angst vor Mangel in Resonanz bringt.
  • Passivisch ausgelebt ist das Mangelempfinden als Geiz erfahrbar. Man selbst hält das bisschen zusammen, das man überhaupt besitzt, versucht so sparsam wie möglich zu leben, gönnt sich so gut wie nichts. In einer Projektion auf andere erlebt man andere als geizig, während man den Geiz bei sich nicht wahrhaben will. Arbeits- und Produktionsleistungen werden einem nicht abgenommen oder nicht angemessen ausgeglichen. Das Gefühl von Unterbezahlung, das im Niedriglohnsektor angesichts der niedrigen Höhe des Mindestlohns durchaus ein Fakt ist, bringt Menschen mit Angst vor Mangel mit diesem Niedriglohnsektor und dessen Konsequenzen für Einkommen und Rente in Resonanz. Das niedrige Einkommen wird angstvoll und leidvoll erfahren.

Potenzial:

Der innere Überfluss! Aufgrund der eingefahrenen materiellen Wert- und Erfolgskategorien wagt man es nicht, sich für den inneren und immateriellen Reichtum zu öffnen, der in einer der unterdrückten Grundkräfte liegt, eventuell auch in der unterdrückten Selbstverwirklichung schlechthin. Die Grundkräfte, die wir bisher besprochen haben, sind die konkreten Elemente, die von der Medialität gespeist werden und in der Verwirklichung des Seelenplans umgesetzt werden. Die Medialität ist Herkunft und die Souveränität ist das Ziel der vier Urkräfte Genialität, Manifestations- und Heilkraft, Wertschöpfung, Telepathie. Ohne sich der Medialität geöffnet zu haben liegt dennoch der Reichtum aus Kompetenz, Kreativität, Identität und Liebe in uns. Mit der Anerkenntnis des inneren Reichtums stellt man Konsistenz her zwischen dem existenten Erleben und der essenziellen Intention. Das Mangelempfinden allerdings unterlässt den Blick auf die essenzielle Intention, setzt an seine Stelle den Blick auf den äußeren Vergleich mit anderem existenten Erleben und erfährt das eigene existente Erleben als mangelhaft, wenn der Nachbar ein größeres Haus oder Auto zu seinem Erleben zählt.

Zugleich läuft das Individuum, das sich anschickt, den inneren Reichtum anzuerkennen, Gefahr, von der Gesellschaft als naiver Sonderling betrachtet zu werden, der nirgendwo mehr hineinpasst. Jemand, der von seinem inneren Reichtum überzeugt ist, lässt sich von Prunk und Materialüberfluss nicht mehr beeindrucken. Ihm müsste man schon mit eigenen inneren Werten kommen, mit eigenem inneren Reichtum, um als inspirierender Dialogpartner wahrgenommen zu werden. Solange man sich diesen Reichtum aber nicht erschlossen hat, kehren sich die Rollen leicht um. Der innerlich Reiche schwingt energetisch höher als der nur äußerlich Reiche und wird mit aggressiven Kräften des Neids und der Missgunst manchmal sogar gewaltvoll konfrontiert, z. B. in der Zerstörungswut oder der Diskriminierung. So manche Autotür wurde schon zerkratzt, einfach weil jemand die Ausstrahlung von Zufriedenheit eines anderen nicht ertragen konnte und ihr einen Dämpfer verpassen wollte.

Vor diesem inneren Reichtum aber herrscht allgemein Angst in zweifache Richtung. Es ist wie der Trick, den man dem Hund beizubringen versucht, sich vom Futter abzuwenden und nicht zu betteln. Er erhält Futter nur, wenn er sich ruhig verhält. Instinktiv entsteht im Stammhirn die Furcht, sich von einer lebensnotwendigen Ressource abzuschneiden und nicht überleben zu können. „Niemand kann von Licht und Liebe leben“, lehrt uns die empirische Erfahrung, zu der es sonderbare Ausnahmen geben mag, eben von Sonderlingen erbrachte Beispiele, die wir kaum glauben können. Die Angst besagt, dass man fürchtet, der innere Reichtum reiche nicht aus, das Überleben zu sichern. Andererseits strahlen die innerlich Reichen eine Macht aus, die auf ihrer Unabhängigkeit vom Außen basiert. Mit dieser inneren Haltung der Unabhängigkeit tritt so ein Mensch im Wirtschaftsleben ganz anders auf und lässt sich keinesfalls mehr versklaven. In einer reinen Gewinnorientierung eckt er an oder versetzt Menschen in Misstrauen und Angst, wenn sie von bedingungsloser Großzügigkeit profitieren dürfen. Bedingungslose Großzügigkeit als Ausdruck des inneren Reichtums UND der inneren Unabhängigkeit von dem, was andere glauben, sich leisten und daher ausgleichen zu können, wird von den meisten nicht verstanden. „Da müssen Hintergedanken versteckt sein.“ Die Großzügigkeit wird misstrauisch wie ein Köder beäugt, an dessen Ende der Tod drohen könnte. Das ist die Angst vor dem Zuviel. Dieses Zuviel versetzt die Empfänger in ein Gefühl von Schuld, und niemand will anderen etwas schuldig bleiben, weil man immer fürchten muss, die Schuld wird im ungünstigsten Moment und auf ungünstige Art eingefordert. Was an diesem Zuviel nicht verstanden wird, ist, dass der innerlich Reiche sich sagt: „Ich mache mich in meiner Selbstverwirklichung doch nicht davon abhängig, was die von Mangelgefühlen geplagten Mitmenschen mir durch ihre Zahlungsbereitschaft erlauben.“ Zugleich besteht im Nichtverstehen die Gefahr der Ausbeutung. Indem man einen Hintergedanken vermutet, geht man beim Nehmen ohne Ausgleichsleistung davon aus, dass sich das Geben für den Anderen wohl dennoch rechnen wird, sonst würde er es ja nicht tun. Über allem schwebend steht die Angst vor dem Verurteiltwerden, wenn man z. B. das materielle Begehren der Familie, des Partners oder des Unternehmens nicht bedienen will oder kann, weil man sich mit diesem materiellen Begehren nicht identifiziert.

Die Linie, die sich von der Dreiecksfläche der Konsistenz, der Integrität und der inneren Ganzheit, also der Übereinstimmung zwischen Essenz und Existenz nach oben zieht, führt in eine Vereinigung von höchster Kunst, als immateriellem Wert in Form einer der vier Grundkräfte, und Wissenschaft als materielle Ausführung und empirisch erfahrbarer Ausdruck. Höchste Kunst und Wissenschaft. Aus dem inneren Reichtum schöpfend werden Projekte mit absoluter Hingabe und Sorgfalt ausgeführt und verbürgen sich für eine extrem hohe Qualität. Dieser erfahrbaren Qualität mag im Außen die Angst gegenüberstehen, sich diesen hohen Anspruch nicht leisten zu können. Der innere Reichtum aber findet dieser Angst gegenüber kreative Wege des Ausgleichs und wird sie in Zukunft sogar vermehrt finden müssen, wenn die Grenzen des materiellen Wachstums am Ende doch erreicht sein werden.

In Kürze:

Wenn uns Geiz und Gier als im Alltag leicht erlebbares Kontinuum begegnen – ein Gieriger ist logischerweise auch geizig und umgekehrt, auch wenn Geizige am liebsten weit von sich weisen, auch gierig zu sein, könnten wir mit milder Güte gegensteuern. Die Frage, die Gier und Geiz und Angst vor Mangel implizit stellen, lautet: „Werde ich satt werden und überleben können?“ Die dualistische Antwort erfolgt in der Regel nicht verbal von einem Gegenüber, sondern mit dem Blick auf den Kontostand oder den Lohnzettel. Die nicht dualistische, sondern integrative Antwort müsste diesen Blick darauf lenken, dass das essenzielle Überleben wesentlich ist, das existenzielle Überleben aber nur ein Weg, um die Essenz zum Ausdruck zu bringen. „Was würde dich innerlich satt machen?“, müsste wiederum die Gegenfrage lauten. „Welcher Reichtum ist in dir, den du noch nicht erschlossen hast?“ Eine rein energetische Antwort würde ein Lächeln und ein Zwinkern produzieren und ein unerwartetes Geschenk ausgeben, bei dem es nicht um das Material des Geschenks gehen wird, sondern um das Unerwartete und damit die Bedingungslosigkeit als Variante der inneren Unabhängigkeit von äußeren Umständen wie Daten oder Erwartungen. Jemand, der schenkt, wann immer er schenken will, ist ein wohlhabener Antwortgeber auf das große Mangelempfinden in der Welt.

Sechs

Angst vor Verletzung und Angst vor Unberührtheit

Projektion nach außen:

  • Menschen, die Angst haben, verletzt zu werden, wurden und werden seltsamerweise oft verletzt: misshandelt, angegriffen, provoziert, herabgewürdigt, abqualifiziert, betrogen, ignoriert, vernachlässigt und so weiter. Ihre Erfahrung scheint die zu sein, dass sie Recht haben, ihre Wunden besonders gut zu beschützen. Die Grundängste eins bis fünf werden bedient, wenn die Angst vor Verletzung passivisch auf andere projiziert wird. Das überempfindliche Gebaren reizt ein unreflektiert agierendes Gegenüber dazu, genau die Angst zu bedienen, die es, das unreflektierte Gegenüber, als erwartungsvolle Schwingung wahrnimmt. So heißt es oft, man dürfe nicht daran denken, dass ein Hund einen beißen könnte, weil er dann beiße. Die Angst vor der Verletzung wird zur subtilen Aufforderung, eine Verletzung zu erzeugen, wenn die Schwingung stark genug ist – weshalb noch lange nicht jeder Hund den bloßen Gedanken daran, er könnte beißen, tatsächlich beantwortet. Aber es könnte passieren. Waren die Franzosen sich in ihrer Sprachentwicklung dieser Umstände womöglich bewusst? Oder weshalb wird der Ausdruck „gebissen werden“ im Französischen selbstreflexiv ausgedrückt und heißt: „se faire bouffer par un chien“, „sich selbst dazu bringen, von einem Hund gebissen zu werden“? Nachvollziehbarer wird die Konstruktion im Ausdruck: „Sich die Haare schneiden lassen“, der übersetzt wird mit: „se faire couper les cheveux“, und wörtlich meint: „Jemanden veranlassen, einem die Haare zu schneiden“. Wer weiß.
  • Diese verquere Subtilität liegt darin begründet, dass die Angst in ihrem Aktivpol zugleich die Angst mitschwingen lässt, nicht berührt zu werden und die Trennung des Inkarniertseins im Körper nicht überwinden zu können. Das will das menschliche Individuum aber eigentlich. Um die Überwindung der Trennung geht es auf Herzebene im Grundbedürfnis nach Bindung. Zugleich aber traut man dem Körper nicht, dass er die Integrität der Seele schützen kann. Je sensibler der Mensch ist, desto weniger vertraut er und desto verletzlicher fühlt er sich. Der Hochmut, der vom Aktivpol als Kompensationsinstrument ausgeht, will sich vermeintlich alles potenziell Verletzende vom Hals halten, mischt sich aber zugleich aufdringlich und übergriffig in Bereiche der Mitmenschen ein, die ihn gar nichts angehen, weil die Trennung eigentlich den Sinn hat, dass jeder seine eigene Erfahrung in seinem eigenen Tempo machen kann. Hier geben sich der Hochmut aus dem sechsten und der Beweiszwang aus dem ersten Dreieck die Hand. Eine aktivische Projektion bringt uns alle Arten von Missionare in unseren Raum, die ihre Sätze gerne mit „du weißt ja wohl, dass…“ beginnen und uns meistens irgendetwas vermiesen.

Potenzial:

Das Potenzial der hochmütigen Besserwisserei ist die Medialität und ein tatsächliches inneres Wissen. Es ist das Wissen darüber, dass man zwar in einem menschlichen Körper inkarniert ist, der uns von unseren Mitwesen trennt, damit wir individuelle Erfahrungen machen können, dass die Seele aber nicht von dieser Welt ist und darum mit anderen Seelen verbunden bleibt. Man erkennt seinen eigenen  göttlichen Ursprung, wie den göttlichen Ursprung aller anderen Mitwesen, und erkennt auch, welche Konsequenz der seelischen Unverletzlichkeit dieser Ursprung haben muss. Man ist in der Lage durch alle verletzenden Phänomene, die nur die Psyche und den Körper betreffen können, nicht aber die Seele, hindurch zu sehen und Ursachen, wie auch die Potenziale jenseits der Phänomene zu sehen. Zu diesem Punkt führt eine Linie, die von der Dreiecksbasis in die Dreiecksfläche gezogen wird, in der Urvertrauen und innerer Frieden herrschen.

Die Angst besteht vor dem Anderssein, sobald man sich nicht mehr mit den weltlichen Konflikten identifiziert. Auf die Art macht man nicht mehr mit im Spiel aus „mitmachen“ oder „verändern“ und nimmt scheinbar nicht mehr richtig am Leben teil. Dieses Seinlassen wirkt nicht nur für Außenstehende beängstigend, sondern auch für einen selbst. Da die allermeisten Beziehungen auf dualistischen Algorithmen beruhen und uns bisher selten ein Synergiepotenzial angeboten wird, ist die Einsamkeit, die sich aus der Gelassenheit des Seinlassens ergibt, zunächst eine Konsequenz, die aus menschlicher Sicht schwer auszuhalten ist. Die Nichtteilnahme an den dualistischen Konflikten scheint einen zunächst vom Leben, von der Lebendigkeit und vom Kontakt mit anderen abzuschneiden. Wenn aber Lebendigkeit nicht nur im konflikthaften Drama zu finden sein soll, muss man sich auf die Suche nach den fruchtbaren Potenzialen der Polarität machen, nach Synergiemöglichkeiten –  und erscheint darin als Sonderling, der andere grenzenlos überfordert. Die Verletzbarkeit und Berührbarkeit innerhalb der Dualität hat Resonanz garantiert und passende Partner des Gegenpols angezogen. Hier sind die Verstrickungsangebote reichlich vorhanden. Diese Anziehungskraft fällt weg, sobald man sich der ewigen Integrität der Seele bewusst geworden ist. Einer Provokation gegenüber spielt man automatisch nicht mehr mit. Und was dann? Wie kommen dann noch Lebendigkeit und Kontakt zustande? Resonanz müsste jetzt auf der Ebene fruchtbarer, inspirierender Polarität stattfinden. Ziehen wir die Linie von der Dreiecksfläche weiter nach oben bis in die Dreiecksspitze hinein, landen wir bei der Medialität. Es handelt sich um den eigenen Kontakt mit dem eigenen höheren Selbst, über den Inspiration fließt.

Einem überempfindlichen Sensibelchen oder missionarisch Hochmütigen gegenüber – und gerade dann, wenn wir selbst es sind, die die implizite Frage stellen: „Und was machen wir, wenn wir einander nicht mehr verletzen und kein Drama mehr erzeugen?“, lautet die dualistische Antwort, wie wir sie viel zu oft hören: „Vergiss es, guck dir die Welt doch an, es herrscht überall Krieg, Konflikt und Verletzung! Der Mensch ist nichts anderes als ein emotional bedürftiges und rachsüchtiges Wesen!“ Die integrative Antwort aber könnte lauten: „Dann tun wir uns mit dem zusammen, was jeder von uns kann, und schaffen Synergiepotenziale, mit denen wir den Frieden immer weiter ausdehnen, bis er irgendwann die ganze Welt umspannt.“ Hier könnte sich eine skeptische weitere Frage anschließen: “Und wie sollen wir das machen?” Die Antwort müsste lauten: “Indem wir anfangen, uns selbst und einander wirklich zuzuhören.”

In Kürze:

Diese Art von Verletzbarkeit, die in einem Kontroll- oder einem Kompensationsmechanismus in Schach gehalten werden soll, begegnet uns vor allem bei hochsensiblen Menschen, von denen es der Forschung nach 20 Prozent auf der Erde geben soll. Ihr Schattenanteil begegnet uns zwar auch in traumatisierten und schwer verletzten Menschen, hat dort aber nicht das gleiche Potenzial. Wenn eine Traumatisierung geheilt wird, verblassen die Überempfindlichkeit und die aggressive Selbstverteidigung, wie sie sich als posttraumatische Belastungsreaktionen zeigen, es wird aber nicht automatisch ein spirituelles Urvertrauen in eine höhere Intelligenz freigelegt, bei der gefühlt wird, dass man ein Teil von ihr ist. Natürlich ist, sofern man diesem Mythos folgen kann, jeder Mensch ein Teil dieser höheren Intelligenz, aber das Bewusstsein dafür ist nicht in jedem Menschen freigelegt bzw. nicht jeder Mensch zieht einen spirituellen Gewinn aus dem Befolgen dieses Mythos, der mit vielen anderen Mythen konkurriert. In hochsensiblen Menschen aber ist die Sehnsucht nach Transzendenz sehr häufig wahrnehmbar, und wenn sie ihr Bewusstsein von ihren unbewussten Schatten befreien, gelangen sie auch in die Überlegung der praktischen Konsequenz gegenüber. Wenn sie daran glauben, und oft ist dieser Glaube eher ein Pantheismus statt ein Monotheismus, dass sie Teil eines großen Ganzen sind, dessen Wesen absolute Liebe ist, und dass sie selbst eine Individuation dieser Liebe sind, muss das zur Folge haben, dass sie medialen Zugriff auf diese höhere Intelligenz haben. Aus dem Geist öffnenden Glauben heraus erfahren sie empirisch und persönlich erlebbar einen inspirierenden Zugang zu ihrem höheren Selbst, das seinerseits dem eben skizzierten Mythos des Einsseins mit dem großen Ganzen nach jener Teil ist, der eins ist mit der höheren Intelligenz oder dem Geist der Liebe. Sie fühlen sich in ihrem Leben gehalten und geführt.

Geholfen werden kann den ängstlichen Menschen nur, indem man ihnen hilft, ihre Blockaden zu lösen und in den Fluss zu kommen. Sobald die Schatten und ihre Wächterinstanzen, allen voran der innere Kritiker, erlöst sind, kann der Geist sich der Möglichkeit öffnen, dass über die Achtsamkeit und die Meditation ein Zugang zum eigenen höheren Selbst und damit zur höheren Intelligenz möglich sein könnte. Diese Einweihung in das höhere Selbst kann allerdings nicht im Alltag geleistet werden, sondern bedarf eines stillen Raumes, in dem man sich einander in tiefem Lauschen auf die tiefer gelegenen Emotionen und auf die höheren Wahrheiten widmen kann. Im Ergebnis wird die Sehnsucht nach Transzendenz erfüllt und werden die Grundfähigkeiten (der Dreiecksflächen) in ihr spirituelles Potenzial (in den Dreiecksspitzen) überführt.


Sieben

Angst vor Versäumnis und Angst vor Überforderung

Projektion nach außen:

  • Die Angst vor Versäumnis richtet sich auf den Seelenplan. Nicht jedes Individuum fühlt diesen Seelenplan bewusst in sich, aber die Glücksgefühle, die sich niemals in der Tiefe durch materiellen Wohlstand herstellen lassen, wohl aber durch ein Leben im Licht der eigenen Essenz, sprechen von diesem Seelenplan. Streben nach Glück (wie es in der amerikanischen Verfassung als Grundrecht verankert steht) meint die Selbstverwirklichung des Individuums (in das sich der Staat, der Verfassung gemäß, nicht einzumischen hat). Im Aktivpol besteht nun die Angst darin, dieses Ziel nicht zu erreichen. Das Angstmerkmal ist die Ungeduld. Aktivisch nach außen projiziert begegnen einem überall Hindernisse. Überall wird man behindert, ausgebremst, lahmgelegt, keiner arbeitet zuverlässig und zügig, überall Verzögerungen, man begegnet nur trägen Menschen und ausgemachten Faulpelzen, die alles Mögliche versprechen und nichts halten, die ihre Visionen nicht leben – und unsere nicht unterstützen. Es wird viel geredet, aber nichts, rein gar nichts umgesetzt. So begegnet einem die Angst, sein Inkarnationsziel nicht zu erreichen, gespiegelt im Außen.
  • Zugleich muten Begriffe wie Vision und Inkarnationsziel und Seelenplan derart monströs an, dass die Psyche lieber gleich einpacken würde. Wer könnte sich in einer Welt wie dieser, die doch voller Hemmnisse an Reglementierungen und Einschränkungen ist und voller Gefahr zu scheitern, selbst verwirklichen? Wenn die Angst passivisch ausgedrückt wird, steht hier die Disziplinlosigkeit und die Prokrastination an erster Stelle. Die Hoffnungslosigkeit und die Langeweile folgen ebenso, wie die Unzufriedenheit und die Nostalgie einer vermeintlich viel besseren Vergangenheit gegenüber, in der man es wohl versäumt hatte, aktiv zu werden, sei es aus eigener Trägheit oder weil die Zeit noch nicht reif war und man selbst zu jung oder noch gar nicht geboren oder wo der Erfolg tatsächlich einfacher zu erringen war. Der Anspruch, sein Glück selbst verfolgen zu müssen, indem man den Einflüsterungen seiner Seele lauscht und folgt, statt den Erwartungen der äußeren Welt, kann zur lähmenden Überforderung werden. Passivisch projiziert begegnet man ständig Menschen, die einen drängen und gängeln und wissen wollen, wofür man im Leben steht und wozu man hier ist und was man im Leben erreichen will und was man leisten kann und wann man endlich damit anfangen will. Manchen Kindern ist die Frage, was sie später mal werden wollen, von Anfang an unangenehm.

Potenzial:

Das Potenzial ist hinter der viel häufiger um sich greifenden Disziplinlosigkeit und Trägheit schwerer zu erkennen als hinter der eher seltener auftretenden Ungeduld und dem übereifrigen Aktionismus. Unerträglich ist beides, sowohl für Außenstehende als auch für die Angstträger. Die Seele erzeugt einen Druck, sich verwirklichen zu wollen, der der Psyche nicht verborgen bleibt und bei anhaltender Ignoranz (von innen oder außen) auf die Körperebene absinkt. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass statistisch gesehen heute mehr Menschen an Übergewicht, Diabetes und an Selbstmord sterben als an Krieg, Krankheit und Hunger. Die Zahlen dazu sind frappierend. Und doch ist eine hohe Visions- und Transformationskraft das Potenzial hinter der Angst, für die bisher noch nicht der geeignete Ort gefunden wurde, weil die Persönlichkeit noch nicht reif genug ist. Die eigene Persönlichkeit und/oder die Persönlichkeit der Welt. Viele Visionäre (im Aktivpol) hatten es extrem schwer, ihre Ideen in die Welt zu bringen, wurden zu späteren Zeiten aber als eben jene Visionäre erkannt und gewürdigt, die ihrer Zeit weit voraus waren. Für viele Visionen braucht es Kooperation mit anderen, die oft gar nicht erst angeboten wird oder schon in ihren Anfängen an den Schattenverstrickungen erstickt.

Die Angst besteht darin, sich für die vorliegenden Bedingungen der Inkarnation zu viel vorgenommen zu haben. Man meint, der richtigen Bedingungen zu entbehren und überblickt den Gesamtplan nicht. Man erkennt die einzelnen Reifungsschritte und ihre Notwendigkeit zur Vorbereitung nicht und dass zu einem bestimmten Zeitpunkt x eben noch nicht aller Tage Abend ist. Man denkt, die Zeit laufe ab und man habe keine Chance bekommen, vielleicht wird man auch von außen mit Zeitdruck belegt, im Leben etwas erreichen zu sollen, sich ein Einkommen zu verschaffen, für die Alterssicherung zu sorgen, und man hat kein Vertrauen in das Gesamtbild, weil man es nicht erkennen kann. Scheinbare Bewegungslosigkeit macht das Bild umso schwerer erkennbar. Gesellschaftliche Anforderungen an Status und Absicherung schüren die Angst, weil man ihnen keine Argumente entgegensetzen kann, mit denen man um Geduld und Zeit bitten könnte. Viele Visionäre brauchten Mäzene, die heutigen Investoren oder sie liegen anderen auf der Tasche und haben nicht die Mittel, für ihr Alter vorzusorgen. Die implizite Frage hinter der Prokrastination wie hinter der Ungeduld lautet: „Werde ich es schaffen?“ Aber es gibt keine Antwort darauf und das ist das Problem. Ob man „es“ schafft, hängt davon ab, was „es“ ist. Bei manchem Lebensrückblick hat sich schon ergeben, dass „es“ nur vordergründig die Erschaffung eines bestimmten Gegenstandes war, woran man möglicherweise sogar gescheitert ist, weil man keine Investoren gefunden hat oder keine Abnehmer oder weil die technischen oder geistigen Voraussetzungen noch nicht erfüllt waren. In manchen Erleuchtungssituationen ist aber zu erfahren, dass es um den konkreten Gegenstand gar nicht ging, sondern um die Erfahrung dahinter und dass sie wiederum den Seelenplan zu hundert Prozent erfüllt hat.

Wenn man im Dreieck der Selbstverwirklichung von der Dreiecksfläche aus, der Souveränität, eine Linie nach oben in die Spitze zieht, dann erreicht man etwas, das sich mit der Metapher Brückenbauen beschreiben ließe. Dahinter steht die Idee, die Polarität zu überwinden, was sich in irgendeiner Art von Verbindungschaffen manifestieren könnte. Aber Verbindungen werden nicht nur von Eisenbahnnetzen und Telefonleitungen geschaffen (als zwei frühe Versionen von Verbindung schaffenden Visionen), sondern auch von Büchern, die Menschen mit sich selbst oder mit anderen, mit Wissen und mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verbinden oder von Blumen, die eine Verbindung zur Schönheit (und zu sich selbst) schaffen oder von Pilgerwanderungen zu heiligen Stätten, die die Verbindung mit dem Göttlichen (und mit sich selbst) schaffen sollen oder von Ritualen, die mit den Menschen der Vergangenheit verbinden wollen (und mit sich selbst) oder die Lehrerschaft, die Vorstellungskraft, die Meditation, die Musik, der Tanz, die Dankbarkeit und wo weiter.

In Kürze:

In der Ungeduld wie auch in der Prokrastination können wir einander leider nicht konkret helfen. Die Yin-Kraft in diesem Dreieck ist die Freiheit und die Yang-Kraft ist die Selbstverwirklichung. An beiden Kräften hat nicht ein anderer Mensch etwas zu tun, außer, die Freiheit nicht zu beeinträchtigen. Die Freiheit zu nutzen aber, obliegt alleine dem Individuum. Manche fühlen sich zur Freiheit verdammt, wie der französische Philosoph Jean-Paul Sartre es formulierte, und drohen unter ihrer Last zusammenzubrechen. Andere nutzen sie bis zur Neige aus und gehen auf die Barrikaden, sobald sie sie auch nur im Ansatz bedroht sehen. Letztlich muss jeder selbst aufstehen und sagen, wer er ist, wofür er steht und welchen Wert er anzubieten und einzubringen hat in das Leben. Jeder muss selbstständig und in seiner Zeit aus dem Dornröschenschlaf aufwachen, was aus Sicht des ungeduldig Ängstlichen derzeit noch selten geschieht. Selbst wenn wir das Potenzial durch die Angst hindurchschimmern sehen, können wir nicht am Gras zupfen, um es schneller wachsen zu lassen. Vielleicht ist die großmütterliche Beruhigungsformel „kommt alles noch, es ist doch noch nicht aller Tage Abend“, wie ich sie von meiner Großmutter stoisch erhalten habe, noch die beste Hilfestellung. Denn wenn wir einander in unseren Sehnsüchten und Wünschen zuhören und über das Erzählendürfen uns selbst zuhören, dann erkennen wir, dass unsere Wünsche und Sehnsüchte auf unsere Visionen hindeuten. Das beantwortet die zweite implizite Frage, die vor allem von der Prokrastination gestellt wird: „Wozu bin ich denn hier? Was soll ich denn tun?“ Das, was uns immer schon Freude gemacht hat, womit wir uns liebendgerne beschäftigt haben seit wir ein Kind waren, verweist auf das, was unsere Seele will. Diesem sonnengelben Faden zu folgen, dazu müssten wir einander ermuntern und würden somit den Kreis vom siebten zum ersten Dreieck schließen, so dass sich Selbstverwirklichung und Genie treffen können, würden aber zugleich zum vierten Dreieck ausgreifen mit dem so oft gehörten Rat: “Hör auf dein Herz. Es sagt dir, wo es hin will”.

Posted on 22. Mai 2019 in Allgemein