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Märchenmeditation: Warum der Schlaf in Wahrheit gut war.

Es war einmal… und das war ich, eine Rose zuerst, zart und fein und lieblich. Ich war ein Wunschkind. Sehr gewünscht. Man munkelt, meine endliche Zeugung habe mit einem Frosch zu tun. Er sei der Königin im Badeteich begegnet, heißt es, aber was eben so alles geredet wird. Vor allem, wenn der gute Ruf ihrer Königin auf dem Spiel steht. Dann lieber den des Froschs opfern. Auf den kommt’s ja nicht so an. Und heraus kam dann also jedenfalls ich, Rose, das Wunschkind.

Nachdem der Kinderwunsch nun endlich erfüllt war, sollte das Fest, das meine Eltern zu geben gedachten, prächtig sein und ihrer grenzenlosen Freude Ausdruck verleihen. Ob die Freude dann so grenzenlos doch nicht war oder ob ihnen die Freude den Verstand verwirrt hat, das weiß der Himmel. Die Gästeliste jedenfalls war Sache meines Vaters gewesen. Nun, neben der üblichen Verwandtschaft auch die Feen einzuladen, ist ja auch eine gute Idee gewesen. Mein Vater mag nicht, wenn ich Fee sage. Kind, sagt er, sprich nicht so von ihnen, das sind weise Frauen. Zwölf hat er eingeladen, so viele Frauen, wie er goldene Teller hatte und es kam nicht in Frage, die Dreizehnte von Steingut essen zu lassen. Essen darf ich auch nicht sagen, das sei nicht fein, sagt mein Vater, speisen sei das richtige Wort. Und Gold oder gar nicht, sagte mein Vater, also gar nicht, und die Dreizehnte war sauer. Ging ja nicht anders, das hätte man sich auch denken können. So was geht doch nie gut. Gibt immer Stunk so was. Stunk ist kein Wort, das ich sagen darf. Missstimmigkeiten nun also. Ein dreizehnter Teller wurde aber auch nicht angefertigt, vermutlich wegen der Unglückszahl im Schrank danach. Warum dann nicht ein vierzehnter…? Aber lassen wir das.

Zu feiern haben sie dann wenigsten ganz gut verstanden und nach dem, was ich später bei den Hofmalern zu sehen bekommen habe, muss es ausgelassen und prächtig zugegangen sein und niemand ist zu kurz gekommen in gar nichts. Bis auf die Dreizehnte, die aber in allem. Und die stand dann ausgerechnet in der Tür, als es die Geschenke geben sollte. Die von der zwölften Fee, die fehlten gerade noch und auf ihre Gabe war ich besonders gespannt, denn was hätte noch kommen sollen außer Reichtum, Schönheit, Klugheit, und so weiter, was die Elf davor schon überreicht hatten. Dann funkt die Dreizehnte dazwischen und bringt es doch glatt fertig, mich zu verfluchen. Spindel und stechen und tot umfallen mit fünfzehn, kreischt sie. Wieso denn mit fünfzehn?, heißt es, wieso Spindel, wieso tot umfallen? Ist keineswegs einzusehen, sagt die Zwölfte und verwandelt den Tod in Schlaf. Hundertjähriger Schlaf, gegen den ich dann auch nichts einzuwenden haben würde. Zum Schlafen würde es dann so gut an der Zeit sein wie später wieder zum Aufwachen, prophezeit sie.

So wie mein Vater mir dauernd zu sagen versucht, was ich zu sagen und nicht zu sagen habe – obwohl es heute schon viel besser geworden ist mit ihm – schreibt er mir damals  auch vor, was ich zu tun und nicht zu tun habe. Meine Tochter tut so was nicht, sagte mein Vater ständig und meinte: Erwachsen werden. Einen Mann ansehen. Von einem Mann angesehen werden. Sich ansehen lassen. Zulassen, dass man gesehen wird. Viel zu früh, viel zu jung, sagte er und tat alles, um das Heranwachsen seiner kleinen Tochter zu verhindern. Meine Mutter blieb lässig. Natürlich darf ich lässig nicht sagen. Sie sagte: Nein, natürlich tut sie das nicht, und lächelte sanft und wissend.

Illustration: Julia

Aber das Turmzimmer, das gab es nicht ohne Grund, denn wer an den Frosch im Badeteich glaubte, der glaubte auch sonst jedes Märchen und darum lächelte meine Mutter, aber das wurde mir auch erst später klar.

Ich war also fünfzehn und meine Eltern waren nicht zu Hause. Letzte Geschenke für meinen Geburtstag kaufen, typisch mein Vater, auch wenn typisch kein Wort ist, das mein Vater hören wollen würde. Aber permanent bewachen konnten sie mich also auch nicht, selbst wenn mein Vater nichts weniger als das versucht haben mag. Was aber tun fünfzehnjährige Mädchen, wenn sie alleine zu Hause sind? Sie suchen nach den Weihnachtsgeschenken und treffen dabei auf Turmzimmer.

Wendeltreppen kommen mir ganz intuitiv verdächtig vor oder bilde ich mir da was ein? Ich jedenfalls dachte mir: Wendeltreppe, Wendeltreppe, wohin führst denn du, wenn nicht an einen nun wirklich geheimen Ort? Und ich hatte außerdem die Intuition, dass meine Mutter diesen Ort wohl besser kennen musste als sonst jemand hier.

Der verrostete Schlüssel im Schloss, nun ja, in fünfzehn Jahren setzt Eisen eben Rost an…

Ich betrat das Zimmer und sah mich um und besah alles ganz genau, das Bett, die Kommode, das Spinnrad, eine heimliche und wenig vornehme Leidenschaft meiner Mutter, im Schloss selbstverständlich von meinem Vater verboten. Ich stellte mir mein nunmehr altes Mütterchen an diesem Spinnrad vor, wie es mit Wonne spinnt und in Gedanken fragte ich sie, was sie da bloß tat und was genau sie vor Jahr und Tag hier getan hatte. In Gedanken antwortete sie mir, was sie jetzt tat und was sie damals getan hatte und klärte mich auf, dass mich das Gleiche erwarten würde, so sehr mein Vater sich auch mühen wollte, den Tag zu verhindern, an dem sein kleines Mädchen eben doch zur Frau werden würde. Ich sah das Lächeln meiner Mutter, wie ich es kannte, warm und gütig und wissend und doch hatten meine Gedanken, die ich mit ihr tauschte, etwas Beängstigendes. Ich dachte an die Spindel, die tanzte, mag gedacht haben, dämliche Spindel, ja, dämlich, und mag dann oder Tage später oder früher oder eben dann zu bluten angefangen haben und hätte nun wirklich lieber die Augen verschlossen vor dem, was ich da zu hören bekam, was sich abspielen würde, wenn die Zeit reif wäre. Mein Vater hatte Recht, dachte ich, ich war doch noch so jung, noch überhaupt nicht bereit, den Frosch in mein Gemach zu lassen, und das Lächeln meiner Mutter verfolgte mich, dieses Wissen in ihm, dem Lächeln, mit dem sie sagte, es habe auch noch Zeit, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen.

Ich beruhigte mich und streckte mich aus auf dem Lager, das ich bis dahin noch gar nicht bemerkt hatte, streckte mich aus und versank in mir selbst, versank vor dem, dem ich mich nicht gewachsen gefühlt hätte, noch nicht, nicht jetzt. Schlaf. Ich wollte nichts mehr sehen, schloss die Augen zum Schlaf und vor der Welt und sah nichts mehr und meinte, die Welt müsse wohl ebenfalls die Augen geschlossen haben und sähe mich so wenig, wie ich sie, die Eltern und die Hofleute und wer auch immer dort draußen war und werkelte und lebte und liebte und meine Aufmerksamkeit wollte. Nur noch um mich sollte es gehen, um mich kreisen, alles, nur im Innern bleiben, kein Blick, kein Gedanke für das Außen mehr und das Sein der Anderen. Ich bin fünfzehn. Die Welt sollte sich mal schön um sich selbst kümmern. Nicht meine Sache, der Wind, der fegt und der Bäume entwurzelt und Regen, der Landstriche verwüstet und Blitz und Feuer, die Heime zerstören, kann mir alles gestohlen bleiben. Nicht meine Sache. Alles nicht meins, die Tiere, die vom Antlitz der Erde verschwinden oder Menschen, die einander die Hölle sind. Sollen sie. Ich schlafe, schließe die Augen, habe zu mehr nicht die Kraft, nicht den Sinn. Ich bin fünfzehn. Mein Herz ist beschäftigt. Ich sage einfach heraus, ohne alles erst groß zu drehen und zu wenden, sage, was ich denke oder auch nur sagen will, um es zu sagen, auch ohne, dass ich es denke, nur um zu probieren, wie es sich anhört und welche Wirkung es hat. Ich achte nicht auf Scherben, achte nicht auf Schmerzen, die sich wie Spindelstiche anfühlen mögen für andere, achte nicht auf blutende Herzen. Ich meine, die Welt bewege sich nur, wenn ich mich bewege. Sie schläft, wenn ich schlafe. Sie existiert, wenn ich es tue. Und dreht sich um mich. Und Schlaf breitete sich über das ganze Schloss aus.

Dass es hier ein ansehnlich liebreizendes Dornröschen gäbe, darüber ging ein Gerücht. Mancher wollte sich aufmachen, den sagenumwobenen Liebreiz der Prinzessin zu entdecken und scheiterte an der Dornenhecke, die sie umgab, die allen Liebreiz verbarg. Sie hielt jeden ab, der stören wollte, der den Schlaf der Erkenntnis unterbrochen hätte. Die Liebenswürdigkeit des Kindes, von der noch gesprochen wurde, war einmal, war im Begriff, sich zu wandeln und der Wandel duldete keine Ablenkung. Mit den Händen voll Dornen oder die Dornen als hätten sie Hände, wurde auf Abstand gehalten, wer immer sich nähern wollte. Es gab kein Dahinter. Es gab nur ein Davor, ein Außenvor, ein Draußen. Ich ließ sie sterben. Ich ließ die Dornenhecke arbeiten und bekam es nicht einmal mit.

Dann kam wieder ein Königssohn, Jahre später, kam und war gewarnt, aber war auch mutig und kühn und ließ sich nicht schrecken von Dornen und Hecken und hatte Glück: die Zeit, der Ort und beides war recht. Die Zeit war um. Hundert Jahre vergangen, einfach vorbei und die Hecke öffnete sich vor diesem Königssohn. Seine Unerschrockenheit wurde auf keine Probe mehr gestellt. Keine Probe mehr nötig. Er wurde bedingungslos akzeptiert.

Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch. Aber er ließ sich auch von dem nicht schrecken, was er vorfand in Schloss und Hof und Küche, ließ sich nicht abhalten, sondern schritt tapfer aus, stieg die Wendeltreppe hinauf, erreichte das Turmzimmer. Er wollte dahinter blicken, hinter die Hecke, die Tür, die geschlossenen Lider, wollte sehen, was es zu entdecken gebe hinter dem Schweigen und der Totenstille. Er näherte sich mir, küsste mich und ich schlug die Augen auf, sah die Welt oder meinte sie zu sehen in dem Königssohn, der über mich gebeugt stand und mich unendlich freundlich anblickte. Jetzt war mein Blick freundlich, was ich an seinem Blick sah. Ich blickte freundlich wie er und auch die Blicke meiner Mutter und meines Vaters waren verwandelt, ganz anders als zuvor, und auch alle übrigen sahen einander mit großen Augen an. Sie fuhren mit ihrer Arbeit fort, als hätten sie nicht eben hundert Jahre lang geschlafen. Alles war, als seien nicht gerade hundert Jahre dahin gegangen ohne Tun und Schaffen. Und wahrscheinlich waren sie auch gar nicht. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen ist doch nur die Welt, wie sie in unserem Innern vorliegt. Ich glaubte, die Welt schlafe? Ich war die, die geschlafen hat. Und es war recht. Es war meine Zeit des Schlafs, meine Zeit der Erkenntnis. Kein Fluch.

Ich heiratete den Königssohn und es war eine Märchenhochzeit, natürlich war sie das und wir leben glücklich, leben, solange wir einander erzählen.

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Posted on 13. Januar 2017 in Märchenmeditationen

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