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Vorwort zu den Märchenhelden im Schreibspiel

Flächenhaftigkeit des Märchens als Einladung

Für gewöhnlich wird das rasante Tempo im Märchen angepriesen, die Flächenhaftigkeit der Figuren ist Konsequenz der Rasanz und es kann auch gar nicht anders sein, denn die Märchen wurden mündlich weitergegeben, heißt es wenigstens, für ausufernde Dreidimensionalität war da wenig Raum. Im Märchen geht es um Handlung, darum, was den Figuren widerfährt oder was sie selbst tun. Es geht nicht darum, wie sie die Dinge wahrnehmen, was Begegnungen ihnen bedeuten, was das alles, was ihnen geschieht, mit ihnen macht. Das subjektive Erleben der Figuren ist nicht Teil des Märchens. Nichts wird gedeutet, von individuellem Bewusstsein ist nie die Rede. Sie sind ja nicht mal Individuen, haben nie Eigennamen, jedenfalls keinen außer Hans, Heinrich und Marie.

Einladung  zur Tiefgründigkeit

Autoren, die Märchen bearbeiten oder sie noch einmal erzählen, belassen es für gewöhnlich dabei, verteidigen die Märchenstrukturen, als wären Märchen in Stein gemeißelt und als würde nicht gerade die Flächenhaftigkeit der Figuren dazu einladen, auf der freien Fläche zu spielen: mit eigenen Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen und Erfahrungen. Vom Spiel führt der Weg zu den ersten Liebhabern der Märchen: den Kindern. Kindern ist das Spiel noch so nah und das Märchen nicht heilig. Kinder fragen genau nach, und weil ihnen die Erfahrung fehlt oder leider manchmal auch der Dialogpartner mit Erfahrung, bleibt ihnen die Frage unbeantwortet, die ihnen unter den Nägeln gebrannt hätte: Wie hat Aschenputtel sich eigentlich gefühlt bei der fiesen Stiefmutter? Oder: Was denkt die Prinzessin sich, als sie den Frosch schließlich doch an die Wand wirft? Oder: Warum ist die Pechmarie so faul und blöde, wo sie das Geheimrezept zu ihrem Glück doch eigentlich schon kennt?

Intuitives Lesen

Kinder, wenn sie nicht das ihnen so wünschenswerte Glück einer abendlichen Märchenstunde mit Fragerunde haben, bleiben mit dem Märchen und den Fragen alleine. In einer gemeinsamen Märchenarbeit konnte ich ihren Fragen lauschen und hatte mich an einigen Antworten versucht, hatte versucht mir vorzustellen, was Aschenputtel denken mag, wieso Dornröschen eigentlich schläft und was der kluge Heinrich da eigentlich zu sagen versucht. Aber es blieb ein Versuch. Darauf habe ich die Märchenhelden in mein Schreibspiel eingeladen. Das Besondere an meinem Schreibspiel ist, dass ich mich mit dem Text intuitiv und fühlend verbinde. Ich lese den Text, den Text dazwischen und den Text dahinter und hindurch schimmert die Figur, der Held oder die Heldin der Geschichte in ihrer Not, ihrer Sehnsucht, ihrer Angst, ihrer Liebe.

Märchen werden zum Spiegel, der sieht

Gesehen zu werden ist unsere größte Sehnsucht als Menschen und wahrhaft zu sehen ist unsere Quelle der Erfahrung und Weisheit. Darum begegnen wir einander überhaupt. Darum machen wir uns die Mühe. Und doch gelingt das Sehen so selten, weil so vieles unseren Blick verstellt. An den Märchenhelden übe ich dieses Sehen. Je öfter ich das wahrhafte Sehen übe, desto leichter fällt es mir auch jenseits der Märchen immer wahrhaftiger zu sehen.

Und vielleicht inspiriert das Teilen der Übung Andere zu eigenem Sehen, vor allem sich selbst gegenüber. Denn die Frage steht immer wieder im Raum, bei jeder neuen Märchenlektüre wie auch jeder neuen Begegnung und bei allem, was uns im Leben geschieht: Aus welchem Grund…? Und der Dialog, der zu einer Antwort führen mag, könnte beginnen mit: Also ich fühle es so… Und du?

Posted on 13. September 2016 in Märchenhelden im Schreibspiel

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