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Vom Tapferen Schneiderlein

Eine Märchenmeditation


Passiv- und Aktivpol in Herabwürdigung und Überhöhung

Das Märchen beginnt interessanterweise statt mit der üblichen Märchenformel mit einer konkreten Zeitangabe, die eine bestimmte Atmosphäre erzeugt: „An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster…“. Der Stil erinnert mehr an eine realistische Erzählung, was ich als eine interessante Beobachtung empfinde, ohne sie in einer Bedeutungszuschreibung festlegen zu wollen. Meine Idee wäre: Dieses Märchen hier wurde von der Wirklichkeit erzählt. Das Schneiderlein, so heißt es weiter, sei guter Dinge und nähe aus Leibeskräften. In diese idyllische Szenerie hinein tritt eine Händlerin auf, die Mus feilbietet. Die äußeren Umständen und die explizite Einladung, drei Stockwerke hinaufzusteigen, um ihre Ware loszuwerden, lassen die Frau vermuten, dass sie hier ein gutes Geschäft zu erwarten habe. Stattdessen kauft der Schneider ihr gerade mal so viel Mus ab, wie es für eine einzige Scheibe Brot reicht. Im Märchen erfolgt eine wiederum für die übliche Flächenhaftigkeit des Märchens fast untypische emotionale Einordnung des Geschehens aus der Perspektive der Händlerin:

Der Schneider ist sich der Diskrepanz aus Erwartungserzeugung und Erwartungserfüllung offenbar nicht bewusst. Er ist sich auch seines Geizes sich selbst gegenüber nicht bewusst. Sofort macht er sich eine Scheibe Brot mit dem Mus zurecht, stellt es aber neben sich und will zuerst „den Wams fertig machen, eh ich anbeiße“. Bis zum Schluss dieser Märcheneinleitung stehen die Ereignisse in einem deutlichen Kontrast zur atmosphärischen Leichtigkeit des Eingangs. Und so wird die wahre Haltung des Geizes auch manifest, indem die Fliegen sich über das Mus hermachen und den Gegenpol der Gier besetzen. Gier und Geiz sind unter anderem Manifestationen der Selbstbildkonstruktion der Wertlosigkeit.

Als das Schneiderlein sich dann der gierigen Fliegen erwehrt und sie getötet hat, verfällt er sogleich in die äußerste Bewunderung sich selbst gegenüber:

Er verfällt sogar in Hast, so eilig hat er es, das konstruierte Selbstbild des tapferen Kerls in die Welt hineinzutragen, „weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit.“ Er überhöht seine Tat und seinen konstruierten Selbstwert, mit dem er seinen wahren Wert ab jetzt gänzlich ignorieren wird. Das Bild der Tapferkeit soll seinen Wert beweisen, wenn es ihn nicht sogar erst zu begründen hat. Die Hochstilisierung einer kleinen Tat zur Heldentat soll den nicht empfundenen Selbstwert erschaffen und sichern.

Schon in der ersten Begegnung, die dem Schneider widerfährt, nachdem er die Stadt verlassen hat, zeigt sich der gewünschte Effekt. Der Riese, der sich von einem Schneider zum gemeinsamen Wandern eingeladen sieht, zeigt sich verächtlich. Dem hat der Schneider nichts an Selbstwertschätzung und an Konsequenz entgegenzusetzen. Er verbittet sich keineswegs auf erwachsene Art die vorurteilsbeladene Geringschätzung, sondern er geht in den Aktivpol der Selbstwertunsicherheit und versucht seinen Wert durch seinen inneren Kritiker und über die Anstrengung und den Kampf sichern zu lassen. Er präsentiert seinen Gürtel unter Weglassung der entscheidenden Information, auf welchen Gegenstand sich der Zahlenwert der Sieben beziehe. Die Informationslücke wird vom Riesen automatisch gefüllt, vermutlich in Form einer Projektion, mindestens aber in Form eines jetzt wiederum positiven Vorurteils, einer Illusionsbildung also. Und siehe da: Der Schneider erhält den ersehnten Respekt, dem auch die weitere Stärke-Überprüfung durchaus dient.

In dieser Prüfungabfolge kann der Schneider durch eine dreifache List glänzen und bestehen und seinen Selbstwert weiter sichern. Sie bietet ihm jeweils die Gelegenheit, sich selbst zu überhöhen (Überhöhung, weil der Schneider sich für eine nicht tatsächlich erbrachte, sondern nur fingierte Leistung auf eine höhere Stufe stellt). Zugleich äußert er sich dem Riesen gegenüber verächtlich und schickt ihn durch die Herabwürdigung der durch den Riesen erbrachten Leistung in den Passivpol rüber.

Gaslighting im Märchen

Dem Phänomen der Selbstwertüberhöhung mit seiner pathologischen Ausprägung des Narzissmus wird eine Verhaltensweise nachgesagt, die im psychologischen Jargon den Namen Gaslighting erhalten hat. Der Begriff und dessen Herkunft kann inzwischen gut dargestellt bei Wikipedia nachgelesen werden. Typischerweise wird bei diesem Kommunikationskonstrukt die Wahrnehmung eines anderen Menschen manipuliert oder umgedeutet, so dass der Andere seinen eigenen Sinneswahrnehmungen nicht mehr zu trauen vermag. In der Kirschbaumepisode im Märchen erfährt der Riese eine derartige Manipulation seiner Wahrnehmung durch den Schneider. Der Riese biegt in friedlicher Absicht die Baumkrone so herab, dass der von seiner Statur her kleine Schneider die reifen Früchte aus den oberen Baumbereichen erreichen kann. Im Glauben an die soeben demonstrierte Stärke hält der Riese die Baumkrone nicht fest, sondern gibt sie dem Schneider in die Hand. Die Erzählinstanz des Märchens gibt klare Auskunft darüber, was mit dem Schneider an dieser Stelle passiert:

Der Kommentar des Riesens zeigt, dass er die Begebenheit richtig beobachtet und angemessen einschätzt, selbst wenn er sie in abwertendem Ton kommuniziert:

Der Schneider muss fühlen, dass er über diese Bewertung in den Passivpol geschickt werden könnte und sieht seinen Selbstwert bedroht, den er ja an die Demonstration von Stärke geknüpft hatte. Jetzt lässt er eine manipulative Umdeutung des Geschehens hören, deren erneutes Grandiositätskonstrukt das Eingeständnis von Schwäche unmöglich macht:

Im Versuch, der Bewertung durch den Schneider standzuhalten und ihn wiederum zu übertrumpfen, landet der Riese unversehens erneut in der Abwertung seiner Fähigkeiten. Den manipulierten Wettbewerb kann er nicht gewinnen. Er bleibt in der Baumkrone hängen. Im Märchen heißt es explizit, dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behalten habe. Darum, die Oberhand zu behalten, geht es dem Typus des Tapferen Schneiderleins im erlebbaren Alltag, und darum muss es auch dem tapferen Schneiderlein im Märchen essenziell und existenziell gehen. Die Oberhand zu behalten sichert ihm nicht nur sein Selbstwertempfinden, sondern rettet ihm auch ganz handfest das Leben, das von dem Riesen und seinen Kumpanen durchaus bedroht wird. Dem Mordversuch in der Höhle der Riesen entgeht der Schneider wiederum nur durch eine List. Die Oberhand zu behalten ist das wichtigste Ziel der psychischen Schutzinstanz des inneren Kritikers, der Schuld entweder zu kontrollieren versucht und sie freiwillig auf sich nimmt oder sie abzuwehren und auf andere zu projizieren trachtet, um Verletzungen für Geist und Leib abzuwenden. Dazu dient einem vom inneren Kritiker geleiteten Menschen unter anderem das Kommunikationsintrument des Gaslightings, um das Bedrohungspaar aus Schuld und Strafe zu kontrollieren.

Co-Narzissmus: Den König machen die Anderen

Der zweite Teil des Märchens leitet sich wieder mit unbestätigten positiven Vorannahmen ein, die den Schneider ohne sein weiteres Zutun überhöhen. Am Königshof wird der schlafende Schneider nur aufgrund seiner kryptischen Gürtelinschrift zum Kriegshelden stilisiert. Diese Hochstilisierung dient der Selbstwerterhöhung der Anderen ebenso, wie sie dem tapferen Schneiderlein dient. Sie brüsten sich wohl lieber damit, einen Kriegshelden im Hof gefunden zu haben als von der Entdeckung eines simplen Schneiders berichten zu müssen. Die Entdeckung eines Kriegshelden immerhin verspricht ihnen Belohnung und Ruhm. So erweist es sich ihnen als dienlich, dem schlafenden Fremden ihre positive Vorverurteilung vorauszuschicken:

Wieder nutzt das Schneiderlein die Unklarheit wie auch die Kombination aus fehlender Präsenz und fehlendem Urteilsvermögen seines Publikums zu seinen Gunsten und bestätigt einfach nur den ihm völlig voreilig vorgetragenen Antrag:

Die Umwelt macht es Narzissten eben auch leicht, weil sie selbst davon zu profitieren hoffen, dass sie sich im Glanz eines großen Menschen sonnen und spiegeln dürfen. Der ehrenvolle Empfang überhöht den Schneider insofern, als er sich nicht für seine tatsächliche Existenz ehren lässt, für die ihn auch niemand würde ehren wollen, sondern für ein Trugbild der vorgespielten Existenz eines großen Kriegsherrn. In diesem Fall allerdings wurde ihm der Boden des Betrugs bereitwillig bereitet, ganz wie das Sprichwort sagt: “Den König machen die Anderen.”

Fehlende Sympathie: Den Schneider mag niemand.

Obwohl das Märchen in den Interpretationen zuweilen auch als positives Helden- und Erfolgsmärchen gedeutet wird, das dieser Interpretation nach einen Helden zeige, der sich durch kluge List aus einfachsten Verhältnissen bis ins höchste Amt des Landes zu manövrieren wisse, gibt das Märchen selbst in der Figurenperspektive eine andere Bewertung des Geschehens vor. Der Schneider und Held des Märchens wir als Antiheld präsentiert. Er wird in Wahrheit von niemandem respektiert und schon gar nicht geliebt. Sowohl die Kriegsleute des Königs als auch der König selbst und später die Königstochter wünschen sich, den Schneider, den sie für einen Kriegshelden halten, wieder loszuwerden. Sie fürchten sich allerdings vor der Tyrannei der Drohung, wie sie den Schneider ständig umweht:

Sie erbitten vom König allerdings nicht die Entlassung des fremden und als übermächtig empfundenen Kriegsherren, sondern wollen sich selbst opfern. Sie gehen freiwillig in den Passivpol. Dieser Rückzug geschieht aus Angst, nicht aus einer wohlüberlebten Abwägung heraus. Sie lassen nicht das Seilende los, sondern bedienen weiter ihre eigenen Wertlosigkeitsgefühle. Auch den König selbst treibt die Angst vor dem Ruf des vermeintlichen Kriegshelden.

Auch hier ist die Entscheidung, das Schneiderlein nicht abzusetzen, nicht das Ergebnis einer reifen Überlegung, sondern allein das Ergebnis von Furchtsamkeit. In Wahrheit wird der Kriegsherr nicht respektiert und wertgeschätzt, sondern nur gefürchtet. Diese mangelnde Wertschätzung im Außen ist ein Spiegel der Haltung des Schneiderleins sich selbst gegenüber. Er wertschätzt sich selbst und andere nicht, sondern ergeht sich in einem System aus Lüge und Betrug in der dualistischen Dynamik aus Abwertung und Überhöhung. Er selbst erzeugt Furcht, um zu verhindern, dass man ihm zu nahe kommt und dass der Betrug, der vor allem ein Selbstbetrug ist, aufgedeckt werden könnte. Deshalb lehnt er jede Hilfe und Begleitung ab, die der König ihm zur Unterstützung bei seinen drei Aufträgen anbietet, das Königreich von verschiedenen tyrannischen Plagen zu befreien. An späterer Stelle dient die Eichhörnchenmetapher der Illustration dieses Vertuschungsmanövers:

Flüchtig, schwer zu fassen, kaum dingest zu machen.

Selbstbildkonstruktionen

Weshalb der König ohne Not sein halbes Königreich und seine einzige Tochter als Belohnung aussetzt, ist nicht bekannt (und geschieht wahrscheinlich, weil es im Märchen so üblich ist), denn immerhin bereut der König sein voreiliges Versprechen später bitter. Der Schneider allerdings hat der Angemessenheit der Belohnung gegenüber keinerlei Bedenken. Er muss sich die Sache ja nicht selbst bewilligen, wie im Fall einer Portion Mus, für die er bezahlen und die er sich selbst zum Geschenk machen muss. Das Angebot des Königs dient ihm außerdem nicht als Geschenk, das er annehmen könnte, sondern als Selbstaufwertung. Königreich und schöne Königstochter sind Statussymbole und Wertobjekte, aber keine geliebten Subjekte von Wert für den Schneider.

Ein Mann wie er? Auf welchen Mann bezieht er sich? Den Schneider, der er tatsächlich ist und den er selbst nicht für Wert hält, vertreten zu werden oder die Selbstbildkonstruktion des Kriegsherrn, der in der Realität nicht existiert?

Die neuerliche Episode um zwei Riesen geht unter dem Einsatz von List und Tücke wieder wie gewünscht aus. Anstatt sich aber für den geschickten Einsatz von List und Tücke zum Wohl des Königreichs ehren zu lassen, ein Einsatz, der zur Erfüllung der Verhandlungsbedingung allemal ausgereicht hätte, manipuliert das Schneiderlein seiner Selbstbildkonstruktion entsprechend wieder die überprüfbaren Fakten und deren Wahrnehmung. Das Bild der Zerstörung, das sich den königlichen Reitern bietet, erhält vom Schneiderlein und unzuverlässigen Berichterstatter eine neue und manipulative Bildunterschrift:

Diese Selbstbildkonstruktion lässt kein Tiefstapeln oder auch nur Bescheidenheit mehr zu. Es muss jetzt zwingend der Superlativ zitiert werden. Selbstbildkonstruktionen verpflichten eben.

Große Pracht und kleine Freude

Nach zwei weiteren erfüllten königlichen Aufträgen sieht der König sich gezwungen, sein Versprechen zu halten. Wer jetzt noch an ein glückliches Ende  glauben oder es aus dem Märchen herauszulesen versucht, sieht sich enttäuscht oder liest nicht sorgfältig genug. Im Text heißt es explizit:

Absolut niemand mag die Person des Schneiders, der ein Aufschneider und Hochstapler ist, was die junge Königin dann auch herausfindet, als der Schneider im Schlaf spricht und unbewusst sein Geheimnis offenbart. Sie bittet ihren Vater um Hilfe, der ein Komplott schmiedet, um den Betrüger auf ein Schiff zu verfrachten und ihn loszuwerden. Da aber zeigt sich, dass Menschen vom Typ Tapferes Schneiderlein, trotzdem ihnen genau das fehlt, um das sie so sehr kämpfen, dennoch ihre Anhänger mit ganz eigenen Motiven haben.

Das Komplott wird vereitelt, indem das Schneiderlein seinen üblichen Terror der Angst verbreitet. Er rezitiert sein vorbereitetes Sprüchlein, mit dem er seine vermeintlichen Heldentaten aufzählt. Die Diener lassen sich von der Aufschneiderei, die sie als solche nicht erkennen, ins Bockshorn jagen und lassen furchtsam von ihrem Auftrag ab.

Das Märchen endet mit der schlichten und in ihrer Schlichtheit vielsagenden Tonalität der reinen Quittierung der Fakten:

Keine weitere Märchenformel à la „und sie lebten glücklich und zufrieden“ oder dergleichen schmückt das Märchenende. Wir müssen davon ausgehen, dass dieses Ende ein unglückliches Königreich markiert, das von einem ignoranten König ohne jeden Funken Mitgefühl und Liebe für seine Untertanen oder für seine Frau regiert wird. In seinem Herzen mag dieser angemaßte König sich des Selbst- und Fremdbetrugs bewusst sein, aber seine Selbstwertunsicherheit verlangt den höchsten Posten im Land, verlangt eine Frau, die als Statussymbol zu dienen vermag, verlangt zur Schau getragene Grandiosität und Reichtum. Der Erfolg des Betrugs basiert auf Angst. Das Schneiderlein und alle anderen Figuren sind über den Schatten der Angst vor der eigenen Wertlosigkeit miteinander verbunden. Eine emanzipierte Instanz fehlt in diesem Märchen, wie sie im Umfeld von wahrhaften Narzissten in der Regel auch fehlt. Vor emanzipierten Instanzen in echter Selbstwertsicherheit müssen Tapfere Schneiderlein sich ständig fürchten. Sie fürchten, der (Selbst)Betrug könnte von den echten Königinnen und Königen aufgedeckt werden. Darum werden die emanzipiert-erwachsenen Instanzen so bald wie möglich aus der Szenerie entfernt, wozu auch fähige Therapeuten zählen. Alle Instanzen dagegen, die sich vom Tapferen Schneiderlein manipulieren lassen, dürfen bleiben. Aschenputtel- und Cinderella-Typen sind ihm dabei die liebsten. Hier funktioniert sein System aus Herabwürdigung und Einschüchterung, ohne dass er mit einem nachhaltigen Widerstand rechnen müsste, wie das Märchen es an mehreren Stellen auserzählt. Dieses System würde von einer authentischen und souveränen Selbstwertsicherheit außer Kraft gesetzt, wie es wiederum im Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ als einem Märchen der Erlösung erzählt wird.

Posted on 5. April 2019 in Märchenmeditationen