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Über den Selbstwert

 

Uns fehlt eine Information. Eine ganz entscheidende Information fehlt uns. Da schreiben Millionen von Teenagern jeden Tag in ihre Tagebücher: “Ich fühle mich so wertlos!”, “Ich bin es nicht wert geliebt zu werden!”, “Ich wüsste gerne, worin mein Wert im Leben und für diese Welt bestehen sollte!”, “Kommt die Welt nicht auch gut ohne mich zurecht? Würde sie es überhaupt merken, wenn es mich nicht mehr gäbe? Oder wenn es mich nie gegeben hätte, hätte dann überhaupt etwas gefehlt?”, und sie erhalten nie eine Antwort. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die tiefgreifendste pathologische Manifestation dieser Empfindung. Diese Menschen wissen nichts über ihr Selbstbild. Sie spüren sich nicht, sehen sich nicht, hören sich nicht. Ihr Handeln scheint keinerlei Wirkung in ihrer Welt zu haben, so dass sie absolut keine Selbstwirksamkeit erfahren, sie vielleicht schon seit ihrer Kindheit nie erfahren haben. Sie verletzen sich selbst, um sich selbst überhaupt einmal spüren zu können, zumindest den Schmerz. In dem Glauben, für die Welt absolut keinen Wert zu haben, töten sie sich selbst und bringen sich so zum Verschwinden, weil die Welt und das Leben, in dem sie sich unsichtbar fühlen, auch für sie keinen Wert besitzen.

Es ist eine verzweifelte Krankheit. Sie ist voller Dunkelheit und Trauer, voller Selbstwertunsicherheit und fehlendem Existenzberechtigungs-empfinden. Tatsächlich leiden viel, viel mehr Menschen, als klinisch diagnostiziert sind, an diesem Gefühl und leben ihr Leben in einer Wirklichkeits- und Selbstwahrnehmung, die dem Krankheitsbild vorausgeht, auch ohne je pathologisch zu werden. Die Information, die uns fehlt, ist die über unseren Wert an sich, unseren Wert als Menschen. Wir besitzen sie einfach nicht. Deshalb sind wir uns unseres Wertes unsicher. Wir laufen herum wie Zombies, die nichts von ihrem Licht wissen und stattdessen nur innere Dunkelheit fühlen. Niemand hat uns gegenüber je von Licht gesprochen und schlimmer noch: Oft wurde uns gegenüber explizit sogar von Dunkelheit gesprochen, von Bösartigkeit und einer schwarzen Seele. Wir waren schon Kinder von Zombies, die auch von ihrem eigenen Wert nichts wussten und die ihr Wertlosigkeitsempfinden, statt Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen, auf unser kindliches Ich projiziert haben. Niemand hat uns je gesagt: “Liebes Kind, du bist das Wertvollste in meinem Leben, aber ganz unabhängig davon bist du absolut wertvoll, einfach, weil es dich gibt.” Kinder, die so etwas vielleicht doch gehört haben (“einfach weil es dich gibt”), könnten mit ihrem kritischen Verstand leicht eingewendet haben: “Hitler, Stalin und Franco hat es auch gegeben, was ist mit ihrem Wert?”

Die Generationen vor uns waren unbestreitbar nicht sehr spirituell aufgestellt und wirksam mit sich selbst verbunden. Viele Menschen unserer eigenen Erwachsenengeneration sind es ja noch nicht, während ich bei den Kindern eine andere Tendenz wahrzunehmen meine. Die meisten Erwachsenen also kämen auf so einen kindlichen Einwand hin in Erklärungsnot, was aber auch der Grund ist, weshalb uns die entscheidende und wichtigste Information über uns fehlt. Wir haben gelernt, den Wert eines Menschen an seinem Tun und dann an seinem Einkommen festzumachen, wobei das Einkommen als Gradmesser des Selbstwertes der unerbittlichste Maßstab von allen ist. Soviel, wie ein Mensch monatlich verdient, so viel scheinen der Mensch und seine Arbeit wert zu sein. Verdient er nichts obwohl er arbeitet, nun, dann scheint seine Arbeit nicht besonders wertvoll zu sein, richtig? Das ist doch eine ganz einfache Rechnung, haben wir gelernt: Der Wert deiner Arbeit entspricht deinem Einkommen. Und was ist mit den Millionengehältern der Banker und dem mickrigen Einkommen von Erziehern und Pflegekräften? Dieser Diskrepanz gegenüber gerät wohl jeder vernünftig fühlende Mensch wiederum in Erklärungsnot. Aber wir haben gelernt, diese Frage mit ein paar schnippischen Kommentaren gekonnt zu übergehen. Auch die Frage nach der Existenzberechtigung und dem Wert unserer Gottesvorstellung pressen wir munter in dieses Muster. Die Frage der Theodizee lautet darum: Was ist das für ein Gott, der kleine Kinder hungern und sterben lässt? Und dann blieb es bisher bei dem, wie es war. Gott ist schlecht, die Menschen sind schlecht und am Ende ist eben eines des anderen Wert. Naja. Kinder erfuhren auch weiterhin nichts über den wahren Wert ihres Menschseins und auch die Erwachsenen von heute flüchten sich in vage Aussagen, die vielleicht aber immerhin schon lauten, dass der Wert eines Menschen nicht an den materiellen Werten abzulesen ist, die er einfährt, sondern an den höheren Werten, für die er steht und die er ins Leben einbringt. Das könnte dann auch ein etwas anderes Licht auf die Frage nach Gott werfen. Soweit so gut. Aber lässt sich das fühlen?

Aus dem Jahr 1985 gibt es einen Film von Sydney Pollack, der eine Figur skizziert, die uns ein interessantes Vorbild zum Thema Selbstwert sein könnte, wenn wir uns nicht nur auf den Liebesplot konzentrieren. In dem Film “Jenseits von Afrika” ist mir aufgefallen, dass es thematisch um den Selbstwert geht und um den gelebten Wert in der Freiheit, wobei Freiheit als Wert an sich gilt, als verkörperter Selbstwert. Wenn man den Roman dazu liest, der unter anderem Vorlage für das Drehbuch war, erhebt sich das Thema bereits in der Eingangsbeschreibung der afrikanischen Natur: “Alles in dieser Natur strebte nach Größe, Freiheit und hohem Adel.” (Karen Blixen: Jenseits von Afrika). Gegen Ende des Films wird es angesichts des völligen existenziellen Verlustes der Farm eine Replik der Protagonistin geben, auf die alles hinausläuft: “Ich will jetzt etwas wert sein.” Die Information, die der Protagonistin Baronin von Blixen (gespielt von Meryl Streep) fehlt, ist die, um welchen Wert es sich in Wahrheit handelt, wenn sie von Wert spricht. Ihr Filmpartner Denys Finch Hatton (gespielt von Robert Redford) antwortet darauf: “Was willst du tun?” Wenn man die Figur dieses Dialogpartners bis hierhin kennengelernt hat, versteht man, dass er damit sagen will: Wie willst du diesem Wert Ausdruck verleihen?

Die Filmhandlung bis hierhin, wie sie die Protagonistin Karen betrifft, ist eigentlich relativ kurz erzählt. Karen heiratet den verarmten Baron von Blixen. Er heiratet sie wegen des Geldes, sie heiratet ihn wegen des Titels. Da die beiden Freunde sind, ist sich jeder des Wertes bewusst, den der Andere in die Ehe bringt. Die Vereinbarung unter den Freuden verläuft offen und transparent. Die Ehe wird in Afrika geschlossen, wo Baron von Blixen von Karens Geld eine Farm kauft, mit der er Karen anschließend alleine lässt. Karen meistert dieses Alleingelassenwerden und schafft es, eine Kaffeeplantage aufzubauen. Das Ehepaar lebt sich sehr schnell auseinander und jeder geht wieder seinem eigenen Leben nach, obwohl Karen eine romantischere Version von Ehe für sie beide vorschwebt. Sie akzeptiert aber, dass die Vereinbarung auf anderen Füßen steht und lässt ihren Ehemann gehen.

In Karens Leben tritt anschließend der Großwildjäger Denys Finch Hatton. Die Geschichte ist im Grunde eine Hommage an diesen außergewöhnlichen Mann, erzählt aus der Perspektive der Protagonistin, Ich-Erzählerin und Autorin Karen Blixen.

Der Konflikt, der sich zwischen den beiden Liebenden auftut, ist der, dass Denys darauf besteht, seinen Wert und den Wert anderer niemals an Bedingungen zu knüpfen, während Karen gerade den Liebesbeweis braucht, um ihren Wert bestätigt zu sehen. Sie versucht Denys an sich zu binden, seine Anwesenheit auf der Farm zu erzwingen, ihn zu erpressen. Damit ignoriert sie, wer Denys in Wahrheit ist, während sie ihn doch genau für das, was er ist, liebt. Sie lebt ihre Liebe aus den Schattenpolen der Angst vor dem Verlassenwerden heraus, der Einsamkeit und der Abhängigkeit, während Denys die Liebe aus der Bedingungslosigkeit heraus lebt. Für ihn bedeutet Freiheit keineswegs, sich nicht um andere zu kümmern. Denys gibt sehr viele Beispiele, in denen er sich liebevoll um Karen sorgt, sie unterstützt, ihr Leben erleichtert und bereichert. Umgekehrt nimmt er ihre Großzügigkeit in Anspruch, kein eigenes Zimmer mehr zu unterhalten, sondern wann immer es ihm passt, ihre Gastfreundschaft und ihre Geschichten zu genießen. Freiheit ist für ihn gegenseitige Fürsorge. Interdependenz. Das aber bedingungslos und eben freiwillig.

Die Bedingungslosigkeit basiert auf seinem absoluten Wissen um seine Identität und seinen Wert. Mit diesem Wissen erfasst er auch die Identität und den Wert anderer höchst empathisch und respektiert beides zutiefst. Während eines Streits, bei dem Karen nicht bekommt, was sie will, nämlich quantitativ mehr Zeit mit Denys und bei dem Denys seine Freiheit reklamiert, wirft Karen ihm vor, dass es in einer Welt, die er erfinden würde, gar keine Liebe gäbe. Worauf Denys antwortet: “Oder in ihrer besten Art: die, die wir nicht beweisen müssten.” Nach Denys Auffassung muss der essenzielle Wert eines Menschen, der niemals in Frage gestellt werden kann, jedem Menschen die existenzielle Freiheit verschaffen, sein Leben ganz und gar nach seinen essenziellen Impulsen zu gestalten und zu realisieren. Der wichtigste Dialog in diesem Konflikt ist der, in dem Denys Karen zu erklären versucht, was er unter einer emanzipierten Liebes- und Lebensauffassung versteht:

Karen hält es nicht für fair, weil ihre Liebes- und Lebensauffassung zu diesem Zeitpunkt noch die eines bedürftigen Kindes ist, das einen Vater in seinem Leben braucht, der immer da ist, der es in den Arm nimmt und tröstet und ihm sagt, dass es die Dinge gut macht und der Rest von alleine wieder gut wird. Sie setzt Denys Bedingungen vor, die er erfüllen soll, um ihr seine Liebe und damit ihren Wert zu beweisen. Denys aber erfüllt ausdrücklich keine ihrer kindischen Bedingungen und verbittet sich, in ihr kindisches Muster hineingezogen zu werden. Denys ist jemand, der so sehr mit sich identisch ist, dass er auch Karens Erpressungsversuch an dieser Stelle, dann möge er sich eine andere Bleibe suchen (wenn er ihre Bedingung nicht erfüllt), stoisch und respektvoll beantwortet. Er versucht sie nicht von ihrer Unvernunft zu überzeugen oder zur Vernunft zu bringen. Er blickt sie lange an, ein Blick, mit dem er schon einmal in einer früheren Szene ihren Schmerz erfasst hat, als sie über den Selbstmord ihres Vaters gesprochen hatte, bei dem sie erst zehn Jahre als gewesen war, und antwortet: “In Ordnung.” Nichts weiter. Er wird ihre Bedingungen akzeptieren, ebenso wie seine eigenen.

Im Moment der Not allerdings ist er wieder zur Stelle, denn auch ihr kindisches Verhalten hat ihren Wert in seinen Augen nicht verringert, selbst wenn er Karen gegenüber darüber zu sprechen versucht, welche Empfindungen ihre Rede in ihm auslöst. Da Karen selbst aber ganz Empfindung ist und ihre Empfindungen ungefiltert selbst sprechen lässt, statt über ihre Empfindungen zu sprechen, ist sie nicht in der Lage, mit Denys über dessen Empfindungen zu sprechen und ihm überhaupt zuzuhören. Und Denys akzeptiert das. Er liebt bedingungslos, ohne dass für ihn der Wert eines Menschen durch dessen Verhalten in Frage gestellt würde, selbst wenn das Verhalten des Anderen ein erwachsenes Zusammenleben unmöglich macht und er erwachsene Konsequenzen zieht, die ganz seiner Würde und Souveränität entsprechen.

Wer aber ist Denys?

Auf die direkte Frage würde er vermutlich sagen: Ich bin Licht und Liebe, wie jeder, und als göttlicher Aspekt bin ich Freiheit. Im Roman heißt es über ihn, er habe nicht recht in die Zeit gepasst. Die Autorin sieht ihn besser im England des Elisabethanischen Zeitalters lebend, wo er ihrer Meinung nach von den Menschen geliebt worden wäre, weil er für sie das Bild der Antike heraufbeschworen hätte, eines Athens, schreibt sie, von dem sie geträumt und gedichtet hätten. Der historische Denys soll ein hervorragender Sportler gewesen sein und er soll ein feines Gespür für Musik und Kunst gehabt haben. Er soll selbst Künstler gewesen sein und ein großer Jäger. Im Film betätigt er sich zunächst als Großwildjäger, später leitet er Safaris, das aber in einer der respektvollsten Haltungen den Tieren und der Natur gegenüber, die man sich vorstellen kann. Ihm sind die Tiere im Grunde lieber als die Menschen, sagt er, weil Tiere nie großtäten und sich selbst erhöhten, wie es an den Menschen zu beobachten sei. Zu beobachten an Menschen, die eben nicht wissen, wer sie in ihrem Kern sind und deren Angeberei und Großspurigkeit über den eklatanten Mangel an Selbstgewissheit hinwegtäuschen soll. Auf die Frage, weshalb Denys Safaris für fremde Menschen anböte, zu denen er keine Beziehung habe, antwortet er: “Ich kann nicht nähen.” Damit erweist er sich einmal mehr als Meister seines Lebens. Er spielt mit den Rollen, die er im Leben einnimmt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren oder sich in ihnen aufzulösen. Er benutzt sie als Material, um seine Wahrheit facetten- und variantenreich zum Ausdruck zu bringen. So spricht er über das Abenteuer seiner ersten bevorstehenden Safari als interessantes Experiment, das zwei Monate oder eineinhalb Stunden dauern könnte.

Karen stellt fest, dass er allerdings nicht immer auf Safari geht, wenn er sich von ihr verabschiedet, sondern dass er oft einfach geht, um für sich zu sein. Allein. Ob er nie einsam sei, fragt sie ihn. “Manchmal”, antwortet er darauf. Und ob er nie darüber nachdenke, dass sie einsam sein könnte, will Karen wissen. “Nein”, sagt Denys darauf, daran denke er nie. Karen versteht nicht, was er damit sagen will, nämlich, dass er sie für kompetent hält und sich dem enthält, sie durch Gedanken an Ohnmacht und Hilflosigkeit zu schwächen. Sie versteht ihn nicht und bohrt weiter, ob er sich denn überhaupt Gedanken um sie mache, was er mit “oft” beantwortet. “Aber nicht genug, um zu mir zurückzukommen”, nörgelt das Kleinkind in ihr. Indem Denys sie konsequent ernst nimmt, sagt er darauf: “Aber ich komme zurück. Jedes Mal wieder. Was hast du?” Konsequent bemüht er sich darum, die Erwachsene in ihr anzusprechen und sie einzuladen, sie möge mit ihm darüber sprechen, worum es hier wirklich geht. Aber das schafft sie nicht. Aus ihr spricht das abhängige Kind, nicht die unabhängige Erwachsene, die Interdependenz liebevoll annimmt.

Denys hat ein unendliches Gespür dafür, was die Wesen um ihn herum brauchen. Sein Respekt gilt bedingungs- und unterschiedslos jedem Lebewesen. Er verabscheut Besitzdenken und kritisiert Karen dafür, dass sie der Nennung von Menschen, zum Beispiel der Gruppe der Eingeborenen, deren Grund und Boden die Europäer annektiert hatten und den Karen der Regierung für ihre Farm abgekauft hat, ein Possesivpronomen voranstellt: “Meine Kikuyu”. Sie meint es liebevoll, denn sie will “ihren” Kikuyu Lesen und Schreiben beibringen und später dafür sorgen, dass sie ein Stück Land erhalten, auf dem sie frei leben können. Und doch ist Denys Kritik harsch:

Karens Gegenkritik lautet, er mache sich das Leben verdammt einfach, worauf er antwortet: “Vielleicht verlange ich weniger vom Leben als Sie.”

Eine der charakteristischsten Szenen, die Denys absoluten Respekt für die Freiheit des Anderen ausdrückt, ist die, in der er Karen seinen Kompass schenkt. Karen hat sich auf eine gefährliche Reise begeben, um ihrem Mann einiges an benötigtem Kriegsmaterial in irgendein weit entlegenes Gebiet zu bringen. Sie verirrt sich und wird von einem Carrier-Trupp von Männern eingeholt, der unter anderem von Denys und dessen Freund angeführt wird. Die Anführer des Trupps, die also auch Karens Freunde sind, versuchen Karen zur Vernunft und zum Umkehren zu bringen. Als Karen sich weigert, wird Denys aufgefordert: “Sprich du mit ihr.” Und darauf Denys: “Nein.” Die Kameraführung fängt hier Karens Überraschung ein, in dem sie auf ihr Gesicht zoomt. Der andere Sprecher beharrt: “Sie könnte sich verletzen oder schlimmer noch.” Und Denys bleibt völlig gelassen: “Ich nehme an, sie weiß das.” Dann steigt er vom Pferd und überreicht ihr seinen Kompass:

Mit diesem Geschenk nimmt er ihre Absicht absolut ernst, nimmt ernst, was sie sagt, wer sie sei und was sie zu tun versuche, auf welche Art sie ihr Selbst ausdrücken will, und stattet sie andererseits mit der Freiheit aus, ihre Absicht realisieren zu können. Er unterstützt damit fraglos ihre Emanzipation von der unerträglichen Bevormundung durch andere Menschen, ein Thema, das sich durch den ganzen Film zieht. Die Regierung und die Banken bevormunden die Siedler, die Siedler bevormunden die Eingeborenen, die Männer die Frauen, Karen versucht Denys zu bevormunden und so weiter. Denys ist die Figur im Film, die der Bevormundung ein Ende setzt. Als metafiktionaler Kommentar zum Thema dient seine Erläuterung der Integrität und der Würde der Massai. Die Massai, erklärt er Karen bei einem Abendessen in der Wildnis, die gerade im Begriff ist, vom Menschen zerstört zu werden, lebten nur im Jetzt, womit Denys zugleich über sich selbst und seinen Freiheitsbegriff spricht:

Die Ursache des Untergangs liegt darin, dass die Massai die Unreife der sie umgebenden Europäer nicht im Blick haben und deren Gier und zerstörerische Gefahr nicht erkennen. Sie leben für sich und verpassen es, ihre Grenzen zu verteidigen, weil sie selbst nie auf die Idee kämen, die Grenzen anderer zu verletzen.

Dass Denys in dem Moment tödlich verunglücken wird, in dem er Karen zugesagt hat, bei seiner Rückkehr mit ihr in Mombasa zu bleiben, scheint der Dramaturgie nach nur folgerichtig. Zu seinem Wesen passt die in der Filmsprache gewählte Symbolik, dass ein Löwenpaar es sich auf Denys Grab auf einem Hügel in der Steppe gemütlich gemacht hat und von dort offenbar einen hervorragenden Überblick über das gesamte Geschehen hat.

Denys Finch Hatton verkörpert im Film eine Individuation der Liebe im Aspekt der Freiheit. Jeder einzelne Mensch, wenn er für die Inkarnation das Absolute verlässt und in die Relativität eintritt, verkörpert einen persönlichen göttlichen Aspekt. Wir sind nicht das Absolute, nach dem wir uns zurück sehen, sondern ein Teil von ihm. Wir sind Teilaspekte des Absoluten. Gott ist wir und nicht wir sind Gott. Die Liebe in Form von weißem Licht umfasst alle Aspekte der Göttlichkeit. Der einzelne Mensch aber mit seinem persönlichen Farbspektrum personifiziert einen Teilaspekt, eine bestimmte Frequenz des Lichts. Das Problem mit dem Selbstwert ist nun aber, dass wir unseren Aspekt und unsere Frequenz nicht kennen. Dass wir nicht wissen, wer wir in unserem Kern, in unserer Essenz sind, das ist das Problem. Die meisten von uns, die ihr Leben lang gesagt bekommen haben, dass sie schwierig und kompliziert und anspruchsvoll und anstrengend und dämlich und unnütz und was nicht alles seien, wissen nicht einmal, dass sie in Wahrheit eine Individuation der Liebe sind und darum per se wertvoll. Sie wissen auch nicht, dass sie einen bestimmten Aspekt der Liebe verkörpern, geschweige denn, welcher das sein soll und was er im gelebten Leben bedeuten könnte. Wir wissen nicht von dieser Möglichkeit, weil es uns niemand gesagt hat. Als wir noch Kinder waren, ist man mit uns umgegangen, als seien wir nicht besonders viel wert, als sei es ziemlich gleichgültig, ob wir nun da seien oder nicht und als seien wir höchstens dazu da, die Wünsche, Forderungen und Erwartungen Anderer zu erfüllen. Wie oft wird Kindern in unterschiedlichen Kontexten ihrer Kindheit eingebläut, dass sie absolut nichts Besonderes seien, dass sie sich bloß nichts einbilden sollten und dass ihre Leistungen gerade mal mittelmäßig zu nennen seien! So bilden sich destruktive Selbstbilder und Glaubenssätze, die ihren fatalen Charakter zweifellos noch offenbaren werden. Statt die Kinder in den Bedürfnissen ihrer Individualität  zu sehen, werden sie darauf konditioniert, sich wertlos zu fühlen. Und dieses Wertlosigkeitsempfinden, das irgendwann ganz tief sitzt, arbeitet aus dem Unbewussten heraus hart daran, sich selbst zu manifestieren. So ein Mensch verhält sich in der Regel unfehlbar auf eine Art, die dem gegebenen Kontext und dem Bedarf einer Situation ganz sicher nicht dient, so dass er von anderen Beteiligten tatsächlich als wertlos betrachtet wird. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Im Film gilt die Szene, in der Denys Karen mitten in der Wildnis die Haare wäscht, als Schlüsselszene innerhalb des Liebesplots. Denys erfasst empathisch sensibel, was Karen braucht und bietet ihr an, es ihr zu geben. Damit erweist er ihrem Wert und ihrer Individualität aktiv die Ehre. Er lässt sie spüren, welchen Wert sie für ihn hat und wie sehr er ihre Individualität respektiert, indem er ihr zeigt, dass es ihm wichtig ist, dass sie sich wohlfühlt. Das ist sein Ausdruck von Wertschätzung. Nie allerdings würde er eine Handlung gezwungenermaßen oder per Konvention erbringen. Über Denys heißt es an anderer Stelle, er mache gerne Geschenke, aber nicht zu Weihnachten und so schenkt er ihr einfach so ein Grammophon mit der Erklärung: “Sehen Sie! Endlich hat man eine wirklich nützliche Maschine erfunden.” Denys schenkt aus Freude und weil er jemand Anderen an dieser Freude teilhaben lassen will und aus absolut keinem anderen Grund.

Teil unseres fatalen Individuationsprozesses ist es allerdings, dass wir von unserem lichtvollen Aspekt nichts wissen und auch nichts erfahren. Es ist nicht so, dass es eine Notwendigkeit wäre, dass wir unwissend darüber blieben, wer wir in Wahrheit sind. Unser Licht zeigt sich, sobald wir auf der Welt sind. Es strahlt aus allem heraus, was wir tun und sagen und nicht tun und nicht sagen. Es strahlt bereits aus dem Blick und dem Lächeln eines Neugeborenen und auch daraus, dass es den Blick abwendet und nicht lächelt. Es strahlt später aus dem, wofür wir uns interessieren und nicht interessieren, was wir unternehmen und nicht unternehmen, womit wir uns gerne beschäftigen und womit wir es ablehnen, uns zu beschäftigen. Es gibt nichts, was nicht Licht wäre. Es strahlt aus unseren Hobbys, aus unseren Leidenschaften und wenn wir uns etwas mit Hingabe widmen, dann strahlt es aus dieser Hingabe. Aus unserer Liebe zu anderen Menschen strahlt es, wenn wir uns klar machen, dass wir oft im Anderen in Form einer positiven Projektion bewundern, was wir selbst noch im Unbewussten liegen haben. Aus unserer Fürsorge für andere Lebewesen strahlt es und aus der besonderen Art, wie wir diese Fürsorge leben und wie sie von der Welt der Tiere und der Natur und auch der Menschen beantwortet wird. Unsere Kunst und unsere Lebenseinstellung sprechen über unser Licht und wenn wir häufiger darüber befragt würden, was wir da genau fühlen in dem, was wir tun, würden wir aus dem Kern unseres Tuns heraus auch auf unseren Kern schließen können. Würden wir gefragt, ob wir die Kunst ausbauen wollen, ob wir mehr darüber erfahren und lernen möchten, ob wir mehr oder anderes Material brauchen oder würden wir gefragt, wie wir uns fühlen, wenn wir mit den Tieren zusammen sind, auf welche Art wir mit den Tieren kommunizieren und ob wir merken, wie wir den Tieren helfen und sie manchmal sogar heilen oder würden wir gefragt, welche Themengebiete uns interessieren, indem uns von Themen, die die Erwachsenen beherrschen, erzählt und wir in ihre Welt einbezogen würden, würden wir nach und nach entdecken können, wo unsere Interessen liegen, was unseren Kern zum Klingen bringt und was uns also ausmacht. Selbst unsere Schatten sprechen auf verdrehte Art, die entschlüsselt werden müsste, über das in ihnen enthaltene Licht. Aber es gibt kaum jemanden, der uns dieses Licht spiegeln würde. Unser einziger verbreiteter Wert- und Spiegelmaßstab, den die Gesellschaft in Ermangelung einer Alternative für gültig erklärt hat, ist das Geld und die Höhe von Honorar und Einkommen. Was uns fehlt, sind die Liebeserklärungen unserer Eltern, die davon sprechen, welche Funken an Licht sie an uns wahrgenommen haben, als wir uns mit diesem oder jenem beschäftigt haben.

Fatalerweise aber kann man nur wahrnehmen und spiegeln, was man selbst in sich trägt und wessen man sich bewusst ist. Darum sprechen so viele Menschen nur über ihre Ängste und ihre Mangelgefühle und wenn sie andere Menschen für dumm, ungenügend, wertlos oder der Liebe unwürdig erklären, sprechen sie dem gewöhnlichen Spiegelmechanismus nach über sich selbst. Auf der Empfängerseite aber stehen Kinder, deren Ohren und Herzen keine Filter haben. Je weniger Filter, desto sensibler und sie nehmen das Gesagte als ihre Wahrheit auf und kommen zu dem fatalen Schluss, sie seien dumm, wertlos, ungenügend und der Liebe unwürdig. So kommt es, dass uns eine extrem wichtige Information fehlt, die wir im Laufe unserer Individuation erhalten müssten: Wer bin ich eigentlich wirklich und worin besteht mein Wert?

In jeder Art von Unwissenheit aber regiert die Angst. Wie Ertrinkende, die nicht wissen, ob sie es ans rettende Ufer schaffen können, reagieren Menschen, die nicht wissen, wer sie sind, auf Bedrohungen für ihr Selbstbild. Im Passivpol des jeweiligen dysfunktionalen Schattens gehen sie in die Defensive und versuchen, sich von allem fern zu halten und im Aktivpol greifen sie alles an, was sie potenziell in ihrem Selbstwertgefühl in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte. Wann aber fühlt sich ein Mensch potenziell in Schwierigkeiten im Hinblick auf seinen Selbstwert? Ein Mensch, der weiß, wer er ist und der darunter nicht seinen Namen und seinen Beruf versteht oder sich mit “ich bin ich” um eine Antwort zu drücken versucht, sondern den Kern seiner Essenz meint, fühlt sich nicht so schnell in Schwierigkeiten, selbst wenn sein Selbstwert potenziell angegriffen wird. Seine Schwierigkeiten würden eher in dem Konflikt bestehen, die Verletzung in Kauf zu nehmen oder die eigenen Grenzen wahren zu wollen, ohne den anderen Menschen, dessen niedriges Selbstwertgefühl eine Grenzsetzung nur schwer aushält, zu verletzen.

Jemand der weiß, wer er in seinem Kern ist, hat einen Maßstab in sich, einen Kompass, an dem er sich sehr sicher orientieren und bestimmen kann, ob seine Richtung noch stimmt. Für so jemanden ist es leicht, sich jeden Morgen einen Punkt am Horizont zu suchen und ihn anzusteuern. Selbst kurzfristige Kursabweichungen und Verirrungen kann so jemand schnell wieder ausgleichen. Wenn ich weiß, dass ich im Aspekt der Großzügigkeit, des Großmuts, des Vertrauens eine Individuation der Liebe bin, kommt mir so schnell nichts in die Tüte, was dieser Essenz zuwiderlaufen würde. Ausgenutzt, betrogen oder ausgebeutet zu werden hätte nichts mit dieser Essenz zu tun und würde meinen Kompass schnell verrückt spielen lassen. Er würde anzeigen, dass ich drohe, in ein Extrem zu verfallen und ich wäre aufgefordert, zum Ausgleich gegenzusteuern. Ist mein Prinzip, unter dem ich mir vorgenommen habe, das Leben zu betrachten, Frieden, Aufbruch, Neugierde, Begegnung, Fülle, Zufriedenheit bewege ich mich zwar in allen Polen, die zu meinem Lebensthema gehören, aber mir ist auch sonnenklar, welche Situationen mir im Hinblick auf mein Ziel dienen und welche nicht. Zu den Polen der Dualität gehören immer zwei, die dem eigenen Thema nach gleichermaßen aufgesucht werden. Freiwillig oder unfreiwillig. Wenn ich materiellen Verlust zu erforschen scheine (weil das Phänomen sich vielleicht auffallend häufig wiederholt), kann ich leicht in einem Drama-Dreieck ablesen, dass ich auch den Gewinn in Betracht ziehen sollte und es letztlich um die Zufriedenheit gehen muss, wer ich als Liebesindividuation bin. In der Zufriedenheit hätte ich die Balance zwischen den Polen hergestellt und die Dualität überwunden. Hier wäre mein Zuhause, denn das ist, wer ich in Wahrheit bin. Ist es der emotionale Verlust, mit dem immer wieder die Einsamkeit und die Angst vor dem Verlassenwerden in mein Leben hereinbricht, dann müsste die Frequenz, die zu mir gehört und die meine essenzielle innere Wahrheit bildet vielleicht die Bedingungslosigkeit oder die Fürsorge oder die Vergebung sein. Vergebung zu lernen und es andere zu lehren ist eine Liebesindividuation, die in dem Kinderbuch “Ich bin das Licht” von Neale Donald Walsch sehr niedlich dargestellt wird. Gott tanzt und hüpft und lacht dort mit der kleinen Seele zusammen, als sie herausfindet, dass ihre Art, ihr Licht zu erfahren, die Vergebung sein soll.

Es sind die Ausprägungen der Liebe, die unseren Wert als Mensch abbilden: Vergebung zu sein, Heilung zu sein, Freiheit, Güte, Wertschätzung, Mitgefühl, Würde, Vertrauen, Loyalität, Interesse, Loslassen, Weisheit, Schöpferkraft. Wir können unseren Wert erfahren, indem wir uns unserer Werte bewusst werden, die wir für unser Leben gelten lassen und für die es uns wichtig ist, ihnen Geltung zu verschaffen. Wenn ich weiß, dass meine göttliche Frequenz die der Wertschätzung ist, werde ich die Begegnung mit der Gleichgültigkeit und dem Desinteresse zwar mit Forschergeist betrachten und dabei sowohl Gleichgültigkeit ernten als auch austeilen, ebenso wie ihren Gegenpol der Lobhudelei bespielen, aber in einem bestimmten Reifestadium meiner geistigen Entwicklung wird es einer meiner Grundwerte sein, den Menschen Wertschätzung entgegenzubringen. Darin, diesen Wert konsequent zu vertreten, egal, wie viel Ignoranz mich umgibt, wird mein Wert als Mensch liegen. Ich werde auch die Lobhudelei und Schmeichelei unter die Lupe nehmen und werde ein Vertreter der Meinung sein, dass übertriebenes Lob Menschen manipuliert und nicht das Gleiche ist, wie echte Wertschätzung. So werde ich vor allem zum Vorbild und damit zum Lehrer für wahre Wertschätzung und darin liegt mein Wert für die Welt. Als Lehrer und Vorbild für die Wertschätzung bin ich immun gegenüber manipulativen Schmeicheleien, weil ich weiß, wer ich bin, und ich bin immun gegenüber der Ignoranz, weil ich weiß, wer ich bin und weil ich weiß, wie sich echte Dankbarkeit anfühlen muss, wenn man sie aussendet oder empfängt. Die Meisterschaft und höchste Kunst, mit dem Leben umzugehen, besteht dann darin, in jeder Situation, auch wenn sie de facto unangenehm verläuft, bei mir zu bleiben und konsequent meinen Wert zu vertreten. Das Leben dient so einem Meister als Material und als Bühne, um zu spielen.

Sobald ich weiß welches Thema meines ist, welcher Wert mit meinem Thema verbunden ist und was mein schöpferisches Prinzip ist, mit dem ich mein Licht und meine Liebe, die beiden anderen Aspekte meines Seins, zum Ausdruck bringe, bin ich unabhängig davon, dass andere mir meinen Wert spiegeln und bestätigen. Auch in dem, was ich nicht bin, kann ich mich dann finden und erkennen. Ich kann Gleichgültigkeit und manipulative Überhöhung dann beim Anderen lassen und muss mich in meinem Selbstwertempfinden nicht aus der Balance bringen lassen, sondern erteile mir selbst die Wertschätzung für das, was ich vollbracht habe. Gleichgültigkeit ist vielleicht nicht mehr, was ich bin, aber ich erkenne die Erfahrung wieder und weiß um die Angst, die zur manipulativen Dankbarkeit führen kann. Und doch bin ich jetzt Wertschätzung und ich lasse dieser Erkenntnis Taten folgen, indem ich die Erfahrung von Gleichgültigkeit wertschätze als Erfahrung dessen, was ich nicht mehr bin, um vor diesem dunklen Hintergrund das Licht noch besser erkennen zu können, das ich jetzt bin.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir uns selbst gut genug beobachten müssen, um über unsere uns wiederholt ereilenden Themen, wie auch über die Beobachtung unserer Gedanken, unserer emotionalen Reaktionen, unserer intuitiven Impulse Aufschluss darüber zu gewinnen, wer wir sind und was uns ausmacht. Unsere Werte sprechen darüber, die sich in unseren Gedanken, Emotionen und Impulsen zeigen. Wenn wir zum Beispiel immer wieder Konfrontationen mit Unfreiheit haben, mit Einengung, Beschränkung und Bevormundung, Verboten und Selbstverleugnung, dann könnte Freiheit unser Thema sein. Aber es ist schwer, alleine aus unserer eigenen Präsenz heraus dingfest zu machen, wer wir im Kern sind. Darum geschieht ja eigentlich die Relativität, darum treten wir in sie ein, wenn wir uns inkarnieren, damit wir einander begegnen und helfen, uns gegenseitig an uns selbst zu erinnern. Darum werden wir einander zu Spiegeln. Nur wie soll das geschehen, wenn alle Individuen vergessen haben, woran es sich da zu erinnern gilt und immer nur das Dunkle gespiegelt wird? Wenn alle Welt nur von Angst geleitet ist und nur die Angst sich zu manifestieren beliebt in allen möglichen Einzelängsten von der Angst, nicht gut genug zu sein bis zur Angst, das Leben zu versäumen oder des Lebens gar nicht erst wert zu sein, wie soll dann ein Mensch dem anderen gegenüber von Licht sprechen und es ihm spiegeln können? Wenn wir alle glauben, Angst sei der einzig mögliche Zustand, den man im Leben einnehmen könne und dieser Glaube sei höchst gerechtfertigt oder sogar alternativlos, wie soll dann Licht gespiegelt werden? Wir können im Anderen nur sehen und daher spiegeln, was wir auch in uns schon sehen und für uns reflektiert haben. Wo kommen Erhellung und Durchleuchtung dann her?

Ich glaube, wir brauchen dazu nicht länger bei denjenigen suchen, die uns in ihrem Schattendasein zwar einen Hinweis auf unseren wahren Wert gegeben haben, das aber so verdreht und entstellt, dass wir erst mal den ganzen Schmutz von der Spiegeloberfläche putzen und die Kratzer und Sprünge glätten und ausbessern müssen, bevor wir sehen können, was von dem Schmutz, den der Spiegel dann noch zeigt, in unser Inneres abgesunken und zu einem Teil unseres Wesens geworden ist. Der Narzisst, der uns mit seiner Selbstüberhöhung in unsere Selbsterniedrigung geschickt hat, mag auf verquere Art über unsere Würde, unsere Ritterlichkeit, unsere Eleganz, unseren Adel und unsere Integrität als unseren wahren Wert gesprochen haben, aber bei diesem Sprechen ist viel zu Bruch gegangen und zerschlagen worden. Wir brauchen jetzt Begegnungen, um die Wunden zu reinigen und sie dann, wie es bei kostbaren chinesischen Vasen gemacht wird, mit einem kräftigen Gold zu verschließen. Dazu können wir alle Arten von Begegnungen mit unseren kosmischen Helfern haben. Ich würde jede dieser Begegnungen unter Bildung laufen lassen oder jede Bildung als eine kosmische Begegnung ansehen: Buchbegegnungen, Bildbegegnungen, Musikbegegnungen. Die Märchenbegegnungen würde ich extra herausstellen als Teil unseres kulturellen Gedächtnisses, auf das wir im Lesen und Zuhören so intuitiv zugreifen können. Alle Orte, an denen man sich selbst begegnen kann: Tanz, Theater, Film, Malerei, Poesie. Das Geburtshoroskop ist eine Begegnung der besonderen Art und jede Art von Material, das zur Selbstreflexion und Introspektion anleitet, wie die verschiedenen Darstellungen von Archetypen, in denen wir uns finden und spiegeln können. Und dann gibt es noch die Menschen und manchmal auch unsere Haustiere.

Selbst die halbreifen Kinder, die mit ihren wütend-rebellischen Texten an die Öffentlichkeit gehen und wieder nur von ihren Schatten erzählen, spiegeln uns unsere eigenen Schatten nun auf einem höheren Niveau, indem diesmal der Modus des Angriffs und der Aggression gegen unsere Persönlichkeit und unseren Wert fehlt. Während meines Literaturstudiums hatte ich eine Zeit lang einen Lehrer für kreatives Schreiben, der sagte, ihn störe an der zeitgenössischen jungen Literatur, dass sie nur die Dunkelheit darstelle, aber keinen Ausweg anböte, als ginge es den Autoren nicht darum, dass irgendjemand sich hinterher besser fühlen könnte, sondern nur darum, dass es nach der Lektüre allen anderen genauso schlecht ginge wie dem Autor. Vielleicht hat er den Wert dieser Literatur – wie ich selbst auch eine Weile – unterschätzt. Indem wir unseren eigenen Schmerz in ihren Werken erkennen, bekommen wir die Chance, ihn wirklich wahrzunehmen und ihn zu reflektieren. So kommen wir uns selbst ein Stückchen näher, indem wir uns im Werk eines Anderen wiedererkennen und gespiegelt fühlen: “Genauso ist es mir auch ergangen! So fühle ich mich auch!”, führt ein erstes Licht der Selbsterkenntnis mit sich, die ohne diesen wutschäumenden Spiegel vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre. Für die Heilung müssen wir zuerst den Schattenplot erzählen, bevor wir den Transformationsplot angehen können. So erzählt diese Kunst erst mal von Schmerz und Widerstand und von Resignation und Aggression und wir wachen auf und sagen: “Das bin ja ich! Endlich hat es jemand in Worte/in ein Bild/in Musik/in ein Drehbuch gefasst!” Und am Ende dieser Begegnung, die den Schattenplot erzählt hat, sagen wir: “Und jetzt?” Dann kommen andere Menschen ins Spiel.

Die anderen Menschen, das sind solche, die um die wahre und bedingungslose Liebe wissen und dass jeder Mensch Teil dieser Liebe ist und sie jedem zusteht. Das sind Menschen, die sich dieses Wissen erarbeitet haben, meistens aus der Erfahrung ihrer Biografie heraus, aber auch innerhalb einer humanistischen Bildung, die sie als nie abgeschlossen betrachten. Sie setzen ihr vorläufiges Wissen zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl anderer ein. Sie fungieren als jene Spiegel, die nicht dunkel sind und fest montiert sind, sondern die auch gedreht und gewendet werden können, um das Licht aus möglichst vielen Perspektiven heraus aufzufangen und zu reflektieren. Sensible Menschen sind das, manchmal extrem sensibel und manchmal auch sehr fein und verletzlich. Manchmal geht ihre Sensibilität, die ihrer eigenen Liebe und ihrem Gereinigtsein von den Schattenschmerzen entspringt, bis in die tiefste Wahrheit eines Menschen hinein. Manchmal hören sie zwischen den Tönen, lesen zwischen den Zeilen, fühlen Unterschwelliges. Ihre Basis ist ein erhöhtes Bewusstsein, das sie im Laufe ihre Lebens entwickelt haben mögen. Sie sind über die Zweifel, dass es nichts weiter gebe und das Leben endlich und sinnlos sei genauso hinausgegangen wie über ihre Illusionen, dass der Mensch von dunklen Mächten und schlechtem Karma beherrscht sei und nur einige Auserwählte mit den Engeln und höheren Mächten im Bunde stünden. Wo sie gelandet sind, ist das Vertrauen, dass entweder alle Menschen mit der kosmischen Intelligenz verbunden sind oder niemand, dass Erleuchtung einen nicht zum Guru machen sollte, sondern zu jemandem, der in besonderem Maße zum Heilen befähigt ist und der das in Dankbarkeit tun sollte, statt im Hochmut und in der Eitelkeit der Gabe gegenüber zu schwelgen. Er sollte andere ermutigen, die Kraft in sich zu finden und sollte zur Not bei der Durchleuchtung helfen, damit der Weg beschritten werden kann, den eigenen Wert zu finden. Es sind Wesen, die realistisch davon erzählen können, wie sich die allmächtige Liebe in der Inkarnation überhaupt erleben lässt, wie sie fühlbar wird und tatsächlich erfahrbar ist, damit andere wissen, wonach sie Ausschau halten müssen, während ihr Leben immer leichter wird. Die Seele dieser Wesen widmet sich ganz ihrem Wachstum, indem sie anderen in eigener Dankbarkeit hilft zu wachsen. Die Seele dieser Menschen weiß, dass sie bei jedem Helfen selbst etwas Neues erfährt, das sie vorher nicht wusste, und es weiß auch der Mensch mit vollem Bewusstsein, was ihn so wertvoll macht. Denn was er weiß, dieser Mensch, ist, dass er seinen Wert lebt.

Und das ist der Clou, der die Wende bereits eingeleitet hat: Es mögen zu Anfang der zunehmenden Spiritualität der Erde wenige Geschöpfe gewesen sein, die wie die ersten Schneeflocken auf die noch warme Erde gefallen sind, Geschöpfe, die uns mit ihren Werken inspiriert haben, während sie zu ihren Lebzeiten ignoriert und erst viel später gewürdigt wurden. Aber es werden doch immer mehr. Noch findet die Begegnung weiterhin vereinzelt nur statt, so scheint es uns zumindest im ganz normalen Alltag, aber es gibt spezielle Räume, in denen eine Häufung zu beobachten ist. Vor allem digitale Communities schaffen es, diese Wesen über weite räumliche Entfernungen hinweg miteinander in Kontakt zu bringen. Es verbreiten doch mehr und mehr Menschen Licht, je mehr Seelen die Durchleuchtung ihrer Essenz gelungen ist, je mehr Menschen den Zugang zu ihrem Wesen gefunden und sich ihres absoluten Wertes bewusst geworden sind.

So sehr Denys Finch Hatton bei sich bleibt und sich von seinem Weg nicht abbringen lässt, selbst, wenn er sagt, er wolle sowieso nicht immer wissen, wohin er gehe, ist er es, der den Kompass verschenkt. Menschen wie er werden zum Vorbild dafür, wie man die Richtung hält: “Suchen Sie sich jeden Morgen einen Punkt am Horizont und steuern Sie ihn an.” Was für eine Metapher! Wissend, wer wir sind und worin unser immer gültiger Wert besteht, was ein und dasselbe ist, haben wir unseren Punkt am Horizont, den wir jeden Morgen ansteuern können und sollten. Unsere Essenz ist dann unser Norden und unsere Liebe ist in Form von Intuition, Instinkt und Inspiration unser Kompass, der uns über die Freude anzeigt, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Alles andere ist unser Weg und was auf ihm geschieht ist purer Ausdruck unseres Lichts, selbst wenn es sich kurzfristig in der Dunkelheit abspielen sollte.

Posted on 10. April 2018 in Allgemein, Die Drama-Dreiecke

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