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Transzendenz

Oder: Der Mensch ist einfach mehr als Körper und Psyche

Sehr geehrter Herr Hemingway,

von Ihnen wird erzählt, Sie hätten den legendären Satz gesagt: “Heute war ein guter Tag: Ich habe einen Satz geschrieben!” Nun, wenn das stimmen sollte, dann wird das meine Klienten sehr interessieren, denn immerhin haben Sie den Literatur-Nobelpreis erhalten. Also haben Sie ein Werk geschaffen, auch wenn sie scheinbar nicht mehr als einen Satz pro Tag geschrieben haben?! Aber Sie sind ein Meister. Ein Meister zeichnet sich dadurch aus, dass er mit dem Material, das ihn umgibt, auf eine Art, die ihm entspricht, souverän, ja brillant umzugehen versteht. Und dann spricht der Literatur-Nobelpreis natürlich von Ihrem Genie. Kaum ein Künstler kommt ohne Genie aus. Genie ist diese Behauchtheit, Sie wissen schon, mit der Sie nicht nur auf ihren eigenen gut gefüllten Wissensbrunnen zugreifen können, sondern auch auf das kollektive Gedächtnis und auf Ihre Verbindung zur kosmischen Intelligenz. Genies sagen Dinge wie “ich schreibe nicht, ich werde geschrieben!” Und vielleicht schreibt sich da wirklich nur ein Satz am Tag, aber der ist jeweils ein Geniestreich.

Ich glaube ja, wahre Genies sind mit allem verbunden: mit der ganzen Menschheit, der Natur und mit der Transzendenz. Selbst wenn diese Genies in Einsamkeit leben und vorgeben, die Menschheit nicht ausstehen zu können, so würden ihre telepathischen Fähigkeiten doch mehr als ausreichen, um die ganze Menschheit in ihren Absichten und Emotionen zu verstehen. Ohne diese Fähigkeiten, sich in Andere derart tief hineinzuversetzen, würden keine Meisterwerke entstehen. Die echten Meisterwerke sind ohnehin eine Mischung aus höchster Kunst, die auf all dem basiert, was man der Transzendenz zuordnen mag, und Wissenschaft, dem tatsächlich Erlebten, Erfahrenen und Reflektierten. Aber wie diese Wissenschaft zustande kommt, das ist schon wieder transzent, finden Sie nicht? Ist das nicht auch Ihre Erfahrung? Da landet immer genau zur richtigen Zeit die richtige Lektüre in unseren Händen und es ereilt uns stets im passenden (oder manchmal auch unpassenden) Augenblick ein Gedankenblitz, der das Geschehen, an dem wir gerade nicht weiterkamen, den entscheidenden Schritt voranbringt. Auch wenn wir sagen, wir würden nicht meditieren, tun wir es in Wahrheit doch. Unser Leben ist Meditation, finden Sie nicht, Herr Hemingway? Ist das nicht Ihre Erfahrung? Sie sollen ihm mit ein wenig trancefördernder Substanz auf die Sprünge geholfen haben, was man so hört, aber ist es nicht dieses urteilslose Lauschen, das uns eben jene Informationen heran bringt, die wir im entscheidenden Moment benötigen? Absinth jetzt mal hin oder her?

Menschen wie Sie, die solche Sätze sagen können, sind umweht vom Geist der Freiheit und ihrer eigenen Vision, mit der ihre Seele sich auf den Weg gemacht hat. Sie haben wohl auch gar nichts weiter zu tun, als zu vollbringen, wozu die Seele auf die Erde kam. Es wird einige meiner Klienten ermutigen, zu hören, dass es kein eilendes Tempo dazu braucht, dass es Satz für Satz geht und dass vielleicht, falls dieser Satz nicht nur Ihrer persönlichen Legendenbildung diente, sogar ein einziger Satz pro Tag reicht, wenn wir ihn aus unserem Genie heraus schreiben. Und dass das für jedes Werk gilt, das wir mit unseren Talenten erstellen, das dürfte meine Klienten beruhigen.

Jetzt kommt es wohl nur darauf an, herauszufinden, auf welchem Weg der jeweilige Mensch den Zugang zu seinem höchsten Potenzial erhält. Da, lieber Herr Hemingway, würde ich Sie lieber nicht mehr als Vorbild heranziehen wollen. Absinth ist irgendwie nicht mehr state of the art, wenn es um die Verbindung zur Transzendenz geht. Und doch ist es eine Kunst, eine ganz persönliche, die es zu erschließen gilt, falls es dem Menschen ein Anliegen ist, sich mit der kosmischen Intelligenz zu verbinden. Ich würde da lieber auf mein eigenes Werk verweisen, auch wenn es noch im Entstehen begriffen ist. Aber auch im Schreibspiel habe ich gesündere Wege entwickelt, um den Menschen den Zugang zu ihrer höheren Intelligenz zu ermöglichen als über Absinth.

Übrigens mochte ich “Paris. Ein Fest fürs Leben” tortzdem sehr gerne, lieber Herr Hemingway, auch wenn es darin ziemlich viel um Absinth geht. Lassen Sie mich Ihnen für heute für unseren kleinen Austausch danken und mich einstweilen verabschieden

mit freundlichen Grüßen,

Ariela Sager

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