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Rapunzel – Märchenmeditation

 

„Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind.“ Am Anfang des Märchens wird atmosphärisch das Thema skizziert: Dem vergeblichen Warten (Passivpol) auf ein Kind, das innere Leere verursacht, steht ein prächtiger Garten gegenüber (Dreiecksfläche; Innerlichkeit).

 

 

 

 

 

 

Mangel und Fülle. Im Bild der Fülle wird das Motiv des Vorenthaltens, des erzwungenen Verzichts, also wieder das Bild des Mangels, zugleich integriert.

Dem gegenüber steht wieder das andere Extrem, die Gier:

Üppigkeit und Gier treffen einander. Weil die Üppigkeit im Außen nicht auf innere Fülle trifft, was rein die Anerkennung und Wertschätzung der gesichteten Fülle zur Folge hätte, ohne, dass ein Verlangen entstehen würde, entsteht das Gefühl von Gier und damit Leid im Gefühl des Mangels. Die Rapunzeln zu verspeisen ist nicht nur eine Präferenz der Frau, ein nice to have, sondern wird, aufgrund der inneren Leere und des Mangelempfindens, das offenbar von der Hoffnung auf ein Kind noch nicht getilgt werden konnte, zum must have, zum allergrößten und mächtigen Verlangen:

Die Frau fällt ab, sieht blass und elend aus, weil sie nicht bekommt, wonach sie verlangt. Das sind Symptome der Sucht. Die Sucht, selbst wenn die Substanz oder die Idee noch nicht einverleibt wurde, aber bereits zur Fixiertheit wurde, ist die stärkste Form der Gier und des Versuchs, einen als eklatant empfundenen inneren Mangel zu kompensieren. Im Alles oder Nichts liegt das Wesen der Sucht:

In der Leben-oder-Tod-Haltung manifestiert sie sich und findet ihren emotional destruktiven Höhepunkt. Bis hierher gab es in der Märchenerzählung ein reines Pendeln zwischen den Extremen:

Ganz Krieger im Aktivpol und koste es, was es wolle, wiederum im Extrem also denkend und handelnd, beschließt der Ehemann, seiner Frau die Rapunzeln zu beschaffen. Er muss den Einbruch und den Diebstahl wählen, um das extreme Mangelempfinden seiner Frau auszugleichen, jetzt ein manifestes Extrem also, das er gegenüber dem als extrem empfundenen Mangel für gerechtfertigt hält:

„Es mag kosten, was es will“, ergänzt die Pendelkette zwischen den Extremen um das Verbrechen:

Dass die Frau die gestohlenen Rapunzeln voller Begierde isst, wird im Märchen explizit benannt. Wie es mit einer Sucht aber nun einmal ist, die nicht nur eine Präferenz ist, vermag der Genuss der Substanz sie nicht zu befriedigen, sondern verstärkt die Begierde. Das Motiv wird schon im Märchen “Von dem Fischer und seiner Frau” in seiner extremen Ausprägung auserzählt.

Die Frau des Fischers will an dieser Stelle ein noch größeres Haus, einfach, weil es möglich ist, sich im Außen zu verschaffen, von dem man hofft, dass es die innere Leere, die echte Sehnsucht, das, worum es eigentlich geht, erfüllen könnte.

Beim nächsten Diebstahl wird der diebische Ehemann vom Zorn der Zauberin getroffen, und der wiederum als extrem empfundene Raub wird mit seinem Gegenpol, dem extremen Verlust, bestraft, auch wenn er in der Maske des Tauschs und der Gnade erscheint. Die Zauberin gewährt dem Mann, so viel Rapunzeln mitzunehmen, wie er will, im Tausch gegen das Kind, das die Frau bald auf die Welt bringen wird. Sie verspricht, das Kind zu lieben und ihm eine gute Mutter zu sein. In seiner Todesangst stimmt der Mann der Bedingung zu.

 

Das Böse, sagt die Philosophin Hannah Arendt, sei immer extrem, aber es könne nie radikal sein. Nur das Gute, sagt sie, könne radikal sein. Man könnte auch den Begriff des Absoluten einsetzen anstelle von Radikalität. Demnach hat das Gute keinen Gegenpol, weil es aus der Balance, aus der Überwindung der Polarität heraus entsteht. Das macht es absolut. Das Böse dagegen entsteht immer im Verhältnis zu den menschlichen Ängsten und hat jeweils einen Gegenpol, ist also immer relativ, in dieser Relativität aber sogar extrem, weil das Böse destruktiv agiert und anderen Lebewesen schadet. Der Gegenpol zur Feigheit, in dem der Mann potenziell aus Angst, und nicht aus wohlweislicher Überlegenheit, nicht über die Mauer gestiegen wäre, war dann nicht sein Mut, sondern die Tollkühnheit. Genau in die ist er hineingegangen. In das andere Extrem gegenüber der Feigheit. Mutig wäre es gewesen, der Frau zu sagen, aus welchen vernünftigen Gründen er diese Beschaffungskriminalität gar nicht erst beginnen wird, und ihr zudem beigestanden hätte, die eigenen Emotionen zu klären, die zu ihrer Sucht geführt haben. Der Mann aber steigt über die Mauer, wird zum Komplizen und geht in die Co-Abhängigkeit hinein. Es ist in dann der Widerstand gegen die Übermacht der Zauberin (Tollkühnheit im Aktivpol), der sich angesichts der Lebensgefahr durch diese Übermacht sofort in sein Gegenteil, die Kollaboration mit der Übermacht verkehrt hat. Er gibt das Kind ab, um sein eigenes Leben zu retten, landet also wieder im gegenüberliegenden Extrem, sobald die Gegnerin stärker erscheint als er selbst. Hannah Arendt sagte, im Kontext auf das politische System, auf das ihre Theorie sich bezog, nämlich den Antisemitismus und den Nationalsozialismus, dass Widerstand in terroristischen Regimen nur selten möglich ist, die Kollaboration aber nicht die Lösung sein könne. Später brachten ihr auch die Begriffspaare der inneren Emigration im Passivpol und der Assimilation im Aktivpol innerhalb einer Gesellschaft, die einem jüdischen Individuum keinen Platz zugestand, keine zufriedenstellende Lösung. Das gesellschaftlich nicht anerkannte Individuum, sagt sie, dürfe nicht nur wählen zwischen den Polen, sich entweder selbst und die eigenen Talente aus der Gesellschaft herauszuhalten oder sich komplett anzupassen und die Individualität der Talente verloren gehen zu lassen. Es müsse stattdessen einen dritten Pol geben, der vom einem innerlich freien Individuum aufgesucht werden könne, von wo aus es seine Talente quasi „trotz allem“ einbringt und eine Veränderung jener Gesellschaft bewirken könne, die ihm keinen Platz zubilligt, weil sie emotional und mental noch nicht in der Lage dazu ist. So ein Individuum nennt Hannah Arendt eine „göttliche Frechheit“. Die göttliche Frechheit basiert auf wahrem Mut. Mut wäre hier im Märchen eine ausgeglichene Position gewesen, die weder kollaboriert noch in den Widerstand gegangen wäre. Wir werden ihn in der Figur der Rapunzel erleben. Im Vater allerdings erleben wir ihn nicht. Die Frage an dieser Stelle ist eine theoretische: Wäre die fatale Kette bis zum Kindsverlust zu verhindern gewesen, wenn die Frau sich auf ihre eigene Frucht besonnen hätte, statt die Frucht im nachbarlichen Garten zu begehren? Wäre sie eine göttliche Frechheit gewesen, hätte sie sich dann auf ihr Kind als schöpferischen Ausdruck ihres Selbst in der Welt besinnen können? Von dieser Frucht als Ergebnis der Schöpferkraft des Paares ist bis zu diesem Zeitpunkt der Erzählung nicht mehr die Rede gewesen. Erst die Zauberin nimmt die Schwangerschaft der Frau wieder ins Visier, indem sie, wie Rumpelstilzchen, per Machtmissbrauch das Kind fordert.

Rapunzel dann, nachdem es in die Fänge der Zauberin geraten war, steigt von Anfang an aus dem Bösen und seinen Extremen aus. Ihre Schönheit, die im Märchen explizit betont wird, steht für ihre Erhabenheit jenseits der Dualität.

Alles an dem Kind ist so üppig und im Überfluss geraten, wie es vorher vom Garten der Zauberin berichtet wurde:

Der Königssohn wird einen Gesang vernehmen, “der war so lieblich, daß er still hielt und horchte.”

Interessant ist, dass Rapunzel ihre Einsamkeit in dem Turm, in den die Zauberin sie gesperrt hat, wahrnimmt, ihr gegenüber aber selbst kein Extrem aufsucht, sondern mit ihrem Gesang für einen Ausgleich zu ihrer Isolation sorgt:

Statt in die innere Isolation und Leere zu gehen und ihre Talente brach liegen zu lassen, wählt Rapunzel den persönlichen Ausdruck in der Kunst des Gesangs. Es ist, als habe sie die Pendelbewegung der Suche nach Sinn und Fülle zwischen den Extremen beendet, indem sie Sinn und Fülle in sich selbst findet. Auch wenn sie zunächst ihr eigenes Publikum ist, ist ihr Gesang so authentisch und vollendet, dass er einen anderen Menschen, dessen Herz offen ist, zu berühren und zu motivieren vermag, still zu halten und zu lauschen. So verbindet ihr Gesang nicht nur sie selbst, sondern auch einen anderen Menschen mit der Transzendenz, in der jede Suche und jedes Extrem endet. Hier ist das Gute, von dem Hannah Arendt sagt, dass es alleine radikal sein könne. Und hier ist die göttliche Frechheit, die sich selbst für sich selbst zum Ausdruck bringt und von hier aus die Gesellschaft in kleinen Schritten erreicht, und sei es nur in der Person eines einzigen anderen Menschen.

Die Begegnung zwischen Rapunzel und dem Prinzen findet in Reinheit, Bedingungslosigkeit und im Geist absoluter Liebe statt. Sie überwindet wiederum das Extrem der Abhängigkeit und der Verlustangst der Zauberin, deren Ergebnis das Böse, nämlich die Freiheitsberaubung und damit Rapunzels Isolation hervorgebracht hat.

Im Märchen symbolisiert die Hochzeit, die normalerweise am Ende des Märchens stattfindet, das Erreichen der inneren Ganzheit. Dass die Hochzeit hier in der Mitte des Märchens angetragen wird, zeigt, dass Rapunzel und der Prinz, beide, bereits in innerer Balance sind, selbst wenn sie dazu keinen Ruf vernehmen und keine Reise unternehmen mussten. Angesichts der limitierenden Situation, in der Rapunzel einsam in einen Turm gesperrt wurde, verhalten die beiden Individuen sich kooperativ und einander unterstützend. Sie wählen ihren persönlichen Ausdruck, um ihre Liebe zu manifestieren:

Nicht der Prinz nimmt ihre Hand und würde damit wiederum eine Geste der Abhängigkeit vollführen, sondern er bietet Rapunzel seine Hand an, bietet sie dar, so dass sie frei entscheiden kann, ihre Hand in seine zu legen. Damit wird das Extrem der Unfreiheit, in der Rapunzel und mit ihr der Prinz sich befinden, innerhalb der Paarkonstellation überwunden.

Rapunzel, die ihre innere Freiheit gegen jedes Extrem bewahrt und ihre Ganzheit jenseits der aufgezwungenen Beschränkungen gefunden hat, will jetzt ihre Seele auf die Erde kommen lassen. Sie will nicht länger in einem Turm eingesperrt für sich selbst leben und sich nur selbstbezogen ausdrücken, sondern sie will ihre Liebe und ihre Schönheit in der Welt wirksam werden lassen. Indem sie den Prinzen trifft, wird angezeigt, dass die Zeit reif ist und die Welt bereit, Rapunzel zu empfangen. Deshalb verabredet Rapunzel mit dem Prinzen, er möge ihr abendlich einen Seidenstrang mitbringen, aus dem sie eine Leiter flechten könne. Die Emanzipation ist ein langsamer Prozess, der, wenn er stabil und nachhaltig sein soll, Schritt für Schritt stattfindet. Jedenfalls findet er auch nicht alleine und in Isolation statt, sondern bereits mit einem beiderseits entwickelten Herzchakra in der Anerkennung der Interdependenz zwischen Rapunzel und dem Prinzen. Die Emanzipation wird von beiden Energien kooperativ eingeleitet. Das männliche Prinzip schafft das Material heran, aus dem das weibliche Prinzip die Leiter zur Freiheit herstellt. Rapunzel würde sich nicht selbst an ihrem Haar den Turm herablassen können. Für ihre Befreiung ist die Einsicht notwendig, dass nur gegenseitige Fürsorge und Kooperation in die Freiheit führt. Allerdings können im emanzipierten Individuum die beiden Kräfte vereint wirken, die hier im Märchen auf zwei Figuren aufgeteilt sind. In der erfolgreichen Emanzipation wird entweder, wie hier von Rapunzel, aktiv und bewusst um ein Pferd gebeten oder es wird der innere Prinz aktiviert, mit dem Pferd zu erscheinen.

Wie bei allen Befreiungs- und Wachstumsplänen kommt es in der Regel darauf an, sie unter Geheimhaltung zu beschützen, damit feindliche Kräfte das Feuer nicht austreten und den Plan vereiteln können. Rapunzel an ihr Erwachsenwerden zu verlieren, käme für die Zauberin nicht in Frage zu akzeptieren. Sie betrachtet Rapunzel als ihren Besitz und ihre Projektionsfläche. An Rapunzel übt die Zauberin ihre Fürsorge aus, für die sie sich in der Welt nie passende Abnehmer gesucht hat. Dort immerhin war sie eine gefürchtete Zauberin, mit der niemand es gewagt hätte, Umgang zu pflegen. Sie übt also an Rapunzel zugleich jene Fürsorge aus, die die Eiskönigin in der Figur der Zauberin uneingestandenermaßen so dringend bräuchte.

Man könnte sich in der überraschenden Wende des Märchens fragen, ob Rapunzel sich in der Zauberin hoffnungslos täuscht, ob sie sich Illusionen über deren großzügige Akzeptanz und soziale Kompetenz gemacht hat oder ob sie sich in noch zu kindlicher Naivität und Unschuld zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lässt, mit der sie das Vorhaben sabotiert. In Rapunzels Geständnis der Zauberin gegenüber stehen sich zunächst die beiden Archetypen des Unschuldigen und des Verwaisten gegenüber. Der Unschuldige besetzt entweder den Pol der Illusion, weil er es unbedingt braucht, an das Gute im Menschen zu glauben. Oder er besetzt in der erlösten Form den Pol des grenzenlosen Vertrauens, der keine Rücksicht mehr auf die Befindlichkeiten Anderer nimmt, sondern sie konsequent für kompetent hält, mit den eigenen Emotionen angemessen umzugehen. In dieser Variante nimmt der Archetyp des Unschuldigen negative Konsequenzen in Kauf, sollte er sich in seiner Einschätzung geirrt haben. Dennoch bleibt der Archetyp in seiner erlösten Form in dem, was Hannah Arendt das radikal Gute genannt hat, und bleibt sich selbst radikal treu. Somit vertritt Rapunzel im Bewusstseins des eigenen Erwachsenseins ihr Recht auf die bevorstehende Freiheit und die Liebe, ohne auf negative Konsequenzen zu achten, die aus der Inkompetenz ihres Gegenübers heraus entstehen könnten. Sie zieht die mögliche Inkompetenz nur insofern ins Kalkül, wie sie die Konsequenzen bereit ist zu tragen. Der Archetyp des Verwaisten besetzt den Pol des Zweifels und des Misstrauens, archetypisch auserzählt im Märchen „Der Eisenofen“. Seine innere Isolation hat ihn von der Welt getrennt, so wie die Zauberin sich selbst und auch Rapunzel von der Welt isoliert hält. Sein erlöster Pol würde bedingungslose Liebe bedeuten, die den Anderen frei sein lässt und ihm die Möglichkeit bietet, sich selbst lebendig zu entdecken und auszudrücken. Der Weg dorthin führt, wenn er wiederum über den Weg der Emanzipation beschritten werden wollte, über die weibliche Energie der Entspannung und die männliche Energie von Wärme und Humor, verkörpert im Archetyp des weisen Narren. Hier im Märchen stehen einander aber das radikal Gute, die innere Freiheit – oder nach Hannah Arendt die „göttliche Frechheit” – und der Archetyp des innerlich Verwaisten in seinem dysfunktionalen und extremen Schatten gegenüber.

Inhaltlich erzählt die Frage natürlich bereits eine Menge über die Qualität der unterschiedlichen Liebesarten. Die emotionale Abhängigkeit der Zauberin ist viel schwerer zu ertragen als die Leichtigkeit wahrer Liebe. Den von Frau Gotel empfundenen Betrug zu untersuchen, dürfte interessant sein. Wie kann sie sich betrogen fühlen, wenn sie selbst aus purer Verlustangst die Bedingungen der Unfreiheit diktiert, denen Rapunzel nie zugestimmt hat, sie zu akzeptieren? Das Verhältnis zwischen den beiden basiert auf der emotionalen Abhängigkeit der Zauberin, auf Bevormundung und auf ihrer Angst, Rapunzel zu verlieren. Sie erhebt dem Kind gegenüber Besitzansprüche, wie sie es vorher der gleichnamigen Pflanze gegenüber getan hatte. Und auch ihre Schutzmaßnahme ist die gleiche: Sie umgibt das, was vermeintlich ihr gehört, mit einer Mauer. Hier verbindet sich das fünfte mit dem vierten Drama-Dreieck und der empfundene Betrug wird für die Zauberin zum Verlust, basierend auf Rapunzels Versuch der Selbstbefreiung. Wie eine betrogene Ehefrau oder ein gehörnter Ehemann führt die Zauberin sich auf, die doch in Wahrheit keinerlei Ansprüche an Rapunzel gehabt hätte. An ihre Eltern vielleicht, weil sie die Rapunzel aus dem Garten gestohlen hatten, aber  nicht an das Kind der Diebe. Frau Gotels Wut aber ist so unermesslich wie die Wut eines eifersüchtigen Menschen eben ist, der nicht kompetent ist, für sich selbst zu sorgen:

In ihrer Zerstörungswut vernichtet sie das Utensil der Verbindung zur unerwünschten Außenwelt. In einer besitzergreifenden Beziehung wird an dieser Stelle der Kontaktabbruch und die vollkommene Unterwerfung verlangt, zum Beispiel, indem alle Intimitäten der betrügerischen Beziehung offengelegt werden müssen unter dem Vorwand, auf diese Weise das Vertrauen wieder herstellen zu wollen. In Wahrheit geht es um einen übergriffigen Voyeurismus, der dem Haareabschneiden gleichkommt. Hatte Frau Gotel nicht dem Vater des Kindes versprochen, es solle dem Kind gut gehen bei ihr und sie wolle für es sorgen wie eine Mutter? Nun, es gibt solche Mütter, die ihre Kinder einzig als Projektionsfläche ihrer uneingestandenen Ängste und ihres Mangelempfindens benutzen und in einem unseligen Rollentausch von ihnen verlangen, die Liebe zu erhalten, die sie sich selbst und auch dem Kind nicht geben können. Es gibt derer alle Arten von Erwachsenen, die von den Kindern ein Entgegenkommen und eine Würdigung erwarten, zu denen sie selbst keinerlei Vertrauensbasis gelegt haben. Es gibt aber auch Freundschaften und Partnerschaften dieser Art und auch in diesen vermeintlich erwachsenen Beziehungen werden Türme errichtet und Haare abgeschnitten.

Rapunzel jedenfalls fühlt sich absolut nicht geliebt, was auch ihr  Beweggrund war, die Hand des Prinzen anzunehmen:

Frau Gotel befindet sich nicht in der Liebe, sondern pendelt nur zwischen den Extremen ihrer Verlustangst, zwischen der Isolation und der Abhängigkeit. Da sich Ängste in der Regel manifestieren, weil das innere Muster nach der Verwirklichung drängt, erlebt Frau Gotel nun die Verwirklichung ihrer Angst, nämlich ihren Verlust. Weil sie einen Schuldigen braucht und sich weigert, Verantwortung für ihre Realität zu übernehmen, interpretiert sie den Verlust als Betrug, mit Rapunzel als Betrügerin, geht ihm gegenüber in den Aktivpol des dritten Dreiecks und setzt in ihrem Zorn das Mädchen in seinem Wert herab. Wenn sie nicht bekommt, was sie will, hat sie kein Problem damit, Rapunzel zu verstoßen. Soll das Liebe sein? Die Liebe einer Mutter?

Dem Königssohn ergeht es durch die Rache der verletzten Frau nicht besser. In seinem Schmerz stürzt er sich allerdings selbst vom Turm und zersticht sich in den Dornen die Augen. Die Radikalität des Guten nimmt zuweilen keine Rücksicht auf die Verletzlichkeit der Materie. Unter die Herrschaft der Zauberin jedenfalls wird sich der Prinz nicht ducken, das dokumentiert sein Opfer. Es ist der Verlust der Liebe, der das Tor zu seiner Seele sich verschließen lässt, aber ohne Liebe will er die Welt eben nicht sehen.

Getrennt voneinander erfährt das Paar wieder den extremen Pol von Verzicht und Isolation, indem beide unter Hunger und Elend in der Welt sind und das mehrere Jahre lang. Manchmal gerät das Leben in eine Schieflage und dem fünften Dreieck gemäß stellt sich dann nicht so sehr die Frage danach, was man getan haben könnte, um die missliche Lage herbeigeführt zu haben, sondern vielmehr, welchen Ausdruck man wählt, um mit der misslichen Lage authentisch, das heißt der inneren Wahrheit gemäß, umzugehen. Wie schafft man es, seiner Wahrheit, angesichts von Unglück und Elend, treu zu bleiben? Wie schafft man es vielleicht sogar noch, Kraft und Licht für Andere zu sein, obwohl die Zeiten um einen herum dunkel geworden sind? Wie schafft man es, in düsteren Zeiten eine göttliche Frechheit zu bleiben? Im Fall von Rapunzel und dem Prinzen war diese Wahrheit die Liebe und ihre göttliche Frechheit war die innere Freiheit. Wie können sie den Archetyp des Unschuldigen und des Liebenden weiter verkörpern? Im Angesicht der Dunkelheit, dessen, was sie nicht sind, sind die beiden Liebenden nun aufgefordert, ihr Selbst authentisch zum Ausdruck zu bringen und auf diese Weise einmal mehr und klarer zusagen, wer sie in Wahrheit sind. Und sie sind Könige. Der Prinz nimmt sein Schicksal ergeben an, verbindet sich mit der Natur und ernährt sich von Wurzeln und Beeren. Rapunzel bringt Zwillinge zur Welt und hat nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder zu sorgen. Die Tatsache, dass die beiden Erwachsenen einander wiederfinden, deutet darauf hin, dass keiner von ihnen in eines der Angstextreme abgeglitten ist. Nur so konnte das Band zwischen ihnen erhalten bleiben und die Resonanz sie wieder zueinander führen. Nur, indem beide in der Liebe geblieben sind, ist ihre Schwingung einander ähnlich geblieben und konnte zum inneren Kompass werden. Die Liebe ist immer ein Kompass, aber die Angst ist es nie. Die Liebe führt Liebende selbst durch Blindheit und Wüstenei zusammen.

Schließlich sind es Rapunzels Tränen als authentischer Ausdruck der Dankbarkeit, wie es vormals ihre Stimme war, die den Prinzen erreichen und seine Heilung bewirken. Die Dunkelheit weicht liebendem Mitgefühl.

Rapunzel jetzt in sein Reich zu führen ist jene Rückkehr, bei der die Helden zwar keinem Ruf gefolgt, sondern vertrieben worden waren, die ihnen dennoch äußeren und inneren Reichtum bringt nach bestandener Prüfung. Indem die beiden ihrer Wahrheit treu geblieben sind, haben sich nicht nur Yin und Yang miteinander verbunden, sondern im authentischen Ausdruck in der Dunkelheit haben sie sich an ihr inneres Licht angeschlossen. Indem sie die Dunkelheit transzendiert haben, wurde ihr Licht, symbolisiert durch das Überwinden der Blindheit, fest in ihrer Persönlichkeit integriert. Sie kehren darum zurück mit dem göttlichen Kind in ihrer Obhut, einem Jungen und einem Mädchen, kehren zurück als vereinte Familie mit einem klaren Bewusstsein für ihren lebendigen göttlichen Aspekt, der sich nun in purer Freude äußert. Freude ist die Natur des Göttlichen, die Natur der göttlichen Frechheit, die aus sich selbst heraus und für sich existiert, so die eigene Seele in die Welt bringt und hoffentlich wenigstens eine andere Seele berührt und zum Ausdruck eines göttlichen Aspekts wird.

Posted on 23. April 2018 in Märchenmeditationen

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