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Nummer 9: Schneeweißchen und Rosenrot

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im dritten Dreieck zum Thema Selbstwertsicherheit


Titelbild: Annette Greiner

Frieden

Schneeweißchen und Rosenrot kann für meine Begriffe als Schlüsselmärchen zum Dreieck der Selbstwertthematik gelesen werden. Wenn Aschenputtel mit dem Herabgesetztwerden des Selbstwertes den Passivpol zur Selbstwertunsicherheit besetzt und Das tapfere Schneiderlein mit seiner Selbstüberhöhung den Aktivpol, dann erzählt das Märchen Schneeweißchen und Rosenrot uns davon, wie der Narzissmus und sein passiver Gegenpol überwunden werden können. Es ist die Vereinigung des inneren Kindes mit dem erwachsenen Selbst in der persönlichen Glückseligkeit, die sich in einem heilen und heiligen Leben voller Sinn und Bedeutung manifestiert, und zugleich die Überwindung der Dualität und des inneren Kampfes bedeutet. Der Mensch ist sich seines Wertes und seiner wahren Identität bewusst, die jenseits der Identifikation mit Rollen, Funktionen und äußerem Material liegt.

Es mutet seltsam an, dass ein Drittel des Märchentextes darauf verwendet wird, die Idylle dieses Familienlebens zu beschreiben. Zwei fromme und gute Kinder, so unverdrossen und arbeitsam, dass das Hüttchen der Mutter vor Ordnung und Reinlichkeit strahlt. Familienidylle den ganzen Tag über, die in einer vertraulichen abendlichen Gemütlichkeit gipfelt. Und die Kinder selbst haben einander so lieb, dass nichts sie je trennen könnte. Das Entscheidende ist: Es trennt sie auch tatsächlich nichts und die gesamte Idylle ist Spiegel ihres inneren Nichtgetrenntseins, Spiegel also ihrer inneren Verbundenheit mit sich selbst, Spiegel ihres inneren Einsseins also. In diesem erzählten Raum herrscht keine Dualität, sondern es fließt die Polarität aus Yin und Yang, in deren Mitte das innere Kind sich glückselig und konsistent fühlt und von Zeit zu Zeit aufbricht, um seiner Lebenslust Ausdruck zu verleihen.

Zwei Kinder, eines mit der Farbe Weiß und eines mit der Farbe Rot konnotiert. Weiß steht für die Unschuld, die Tugend, das Erhabene wie auch für den Tod oder in einem großen Schwung für alles Rückwärstgerichtete oder Stillstehende, aber auch für das Empfangende, das Weibliche. Rot steht für die Lebenskraft, die Leidenschaft, die Macht oder im größeren Schwung für alles Vorwärtsgerichtete oder sich Bewegende, aber auch für das Erschaffende, das Männliche. Beide Pole sind nicht biologisch gedacht, sondern energetisch.

Die beiden Kinder repräsentieren die fruchtbare Polarität, die strukturelle Spannung, die sich aus den Werten unterschiedlicher Frequenz ergibt: Einstellungswerte und schöpferische Werte, Yin und Yang, Animus und Anima. Die Figurenbeschreibung schildert die beiden Kinder, wie sie die beiden Pole, den aktiven und den passiven, den empfangenden und den schöpferischen lebendig besetzen: 

Schneeweißchen ist in seiner Introvertiertheit die Verkörperung der weiblichen Kraft (stiller, sanfter, daheim sitzend, der Mutter helfend, vorlesend und zulassend, dass nichts zu tun ist), Rosenrot verkörpert in seiner Extrovertiertheit die männliche Kraft (herumspringend, Blumen suchend, in den Wiesen und Feldern seiend). Und keins von beidem wird höher oder niedriger geschätzt als das Andere. Jedes Kind übernimmt im Jahresverlauf seine Aufgabe ganz nach seinem persönlichen Temperament, ohne, dass eine Tätigkeit über- oder eine andere unterbewertet würde: 

Und Gold, natürlich, das Symbol des Göttlichen und Reinen, des Lebens, der Liebe. Beide Kinder werden ihrem individuellen Wesen nach unendlich geliebt und sie lieben auch einander, worin sie jeweils den Wert der Anderen vollkommen anerkennen: 

Das auserzählte Yin- und Yangsymbol. In der Verbindung der beiden Kinder liegt das Ideal der Ambivertiertheit vor, wie sie uns als psychologische Begrifflichkeit von C. G. Jung vorgeschlagen worden war. Was Rosenrot hat, soll in Schneeweißchen lebendig sein dürfen, denn auch Schneeweißchen liebt es, in den Wald zu gehen, und was Schneeweißchen liegt, das beherzigt auch Rosenrot, denn im Sommer bewirtschaftet sie das Haus. Die Schöpferkraft (Yang) und die Künstlerschaft (Yin) halten einander an den Händen, bilden ein Gleichgewicht zueinander und das Band, das so geknüpft wird, produziert inneren Frieden und Stabilität: “Alles ist gut”, kommuniziert die Atmosphäre dieser Märchenwelt. Der Rückzug ist ein lebendiger, aus dem heraus aktiv dem inneren Leben von allem gelauscht wird, und die Lebendigkeit ist eine zurückhaltende, die das Leben in Angemessenheit genießt, ohne sich aufzudrängen, anhänglich oder fordernd zu sein. Indem das, was das eine hat mit dem anderen geteilt wird, sind beide Extreme in Balance, und zwar nicht im Nullpunkt der Dualität nach erfolgter Kontrolle oder Kompensation, sondern auf der integrativen Ebene der inneren Einstellung, der Mentalität, und der Schöpferkraft, der Rationalität.

Von diesem Frieden wird im ersten Drittel des Märchens ausführlich erzählt, indem die Resonanz auserzählt wird, in der die Kinder mit der belebten Natur stehen: das Kohlblatt fressende Häschen, das grasende Reh, der lustig springende Hirsch und die singenden Vögel, alles spielt sich in direkter Nähe der Kinder ab, denen nie etwas zustößt, wann immer sie sich draußen aufhalten. Man fühlt sich erinnert an das Bild eines klaren Waldteichs, der so still daliegt, dass alle Arten von Tieren herankommen und an ihm trinken mögen. “Kein Unfall traf sie”, heißt es im Märchen explizit, selbst wenn die Kinder durchaus in Gefahr geraten. Vor der Gefahr an sich, vor dem lauernden Abgrund, dem sie einmal zu nahe kommen, ist also auch die personifizierte Friedlichkeit nicht gewahrt, aber ihr Vertrauen in die Welt, in das Leben, in das Gehaltensein manifestiert sich im tatsächlichen Gehaltensein. Wenn die Kinder sich im Wald verspäten, verbringen sie regelmäßig die Nacht im Moos schlafend. Einmal geraten sie gefährlich nah an einen Abgrund, in den sie in der Dunkelheit hätten stürzen können, wären sie noch einen Schritt weiter gegangen. Vor diesem Schritt zu viel aber werden sie von einem Schutzengel bewahrt, was die Mutter am nächsten Morgen mit der Aussage quittiert: “Das müßte der Engel gewesen sein, der gute Kinder bewahrt”.

Gute Kinder? Fromm und gut?

In unserer heutigen Märchenlektüre haben wir mit den Begriffen fromm, gut, fleißig, brav und tapfer unsere Schwierigkeiten, was nicht an den Begriffen selbst liegt, weil eine Bezeichnung ja nie die bezeichnete Sache ist, sondern an der Bedeutungszuschreibung. Fromm und gut wurde von der Kirche gekapert und mit einer Energie aufgeladen, die einen frommen und guten Menschen wie ein naives Schäfchen oder in der weiteren Rezeption auch wie einen Heuchler dastehen lässt, sobald aufgedeckt wird, dass “fromm und gut” doch nur als Fassade zu haben war. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Begriffe immer arbiträr, also willkürlich gewählt sind, weil der Begriff eben nicht die bezeichnete Sache selbst ist (“Das ist keine Pfeife”, schrieb der Maler René Magritte unter das Bild einer Pfeife), dann können wir fromm und gut zu jeder Zeit neu belegen. Die Kirche des Mittelalters hat die Begriffe mit dem Schäfchendasein eines Menschen verbunden, der sich gehorsam (gegenüber der Kirche) gezeigt hat, nach den (kirchlichen) Geboten und Verboten gelebt hat, seinen (Kirchen)Zehnten gezahlt und gegen nichts aufbegehrt hat (was die Kirche an Forderungen an seine Lebensgestaltung zu stellen beliebte). Wenn wir fromm und gut aber in einen spirituellen Kontext setzen, können wir die Bedeutungszuschreibung neu wählen. Die Brüder Grimm benutzen zwar die Begriffe, schreiben ihnen aber keine explizite Bedeutung zu. Das Buch, aus dem die Mutter den Mädchen vorliest, ist nicht mal explizit eine Bibel, sondern einfach nur ein großes Buch. Der Verweis auf die Bibel wird als explizit vermieden. Wir sind also frei, uns einen Menschen vorzustellen, der mit sich selbst im Frieden lebt, der nicht verstrickt ist in die Schattenkämpfe seiner Psyche von Neid, Eifersucht, Abhängigkeit und aller Arten von Ängsten, der um seine eigene göttliche Macht weiß und ihr vollends vertraut. So würde ich fromm definieren. Und unter gut würde ich jemanden sehen, der an sich selbst Sensibilität, Präsenz und Mitgefühl genauso zu schätzen und zu leben weiß wie seinen Großmut, seine Kooperationsbereitschaft und seine Handlungsfähigkeit. Fromm ist für mich die Intaktheit des inneren Kindes oder des Gefühlslebens und gut wäre für mich die Ausgereiftheit des inneren Erwachsenen oder der Vernunft. Im Märchen allerdings, wenn es um Kinder geht, ist fromm und gut in der Regel auf zwei Instanzen aufgeteilt. Wenn fromm für das kindliche Anvertrauen steht, dann wird gut von einer höheren Instanz besetzt, die entweder die Eltern (lebend oder verstorben) sein können oder eine göttliche Instanz, die als höheres Selbst fungiert. “Gute Kinder” sind also solche Kinder, die von einer höheren Macht beseelt sind und diese Macht in ihrem Leben wirken lassen, statt sich ihr mit dem unerlösten Ego, das aus dem Kampf zwischen den Polen der Dualität entsteht, in den Weg zu stellen. Eine solche Figur ist explizit im Märchen “Die zwölf Brüder” in der Figur der Schwester zu finden, die einen Stern auf der Stirn trägt. Die weiteren Symbole der inneren Idylle sind hier im Märchen das Lämmchen für die Unschuld und die Taube für den Frieden. Zwei eindeutige Symbole für denjenigen Leser, dem die Bedeutung der ausufernden Eingangsbeschreibung vielleicht bisher entgangen sein sollte.

Einbruch des Fremden

“Eines Abends…”. Jetzt geht die Handlung erst los. Die Friedlichkeit ist nicht davor bewahrt, dass das Fremde in seine Welt hereinbricht. Von Schneeweißchen und Rosenrot ist es aber auch gar nicht gewünscht, dass das Fremde draußen bliebe. Ihre Lebenslust, ihr Einssein mit sich selbst, verankert sie in gesunder Neugier und dem festen Vertrauen, fremde Situationen meistern zu können, selbst wenn sie sie zunächst beängstigend und wie einen Einbruch empfinden. 

Ein Bär klopft nun eines Abends an die Tür. Die Mutter hält den Klopfenden für einen verirrten Wandersmann und gibt die Anweisung, die Tür zu öffnen. Übrigens wird Rosenrot von der Mutter aufgefordert, die Tür zu öffnen, während Schneeweißchen zuvor aufgefordert wurde, die Tür für den Abend zu verriegeln. Draußen steht ein Bär, der die Mädchen in Angst und Schrecken versetzt. Es ist das Fremde, das, was anders ist als sie selbst, das sie zunächst ängstigt. Was jetzt geschieht, ist, dass die Kinder zuschauen und lernen dürfen. Die Mutter macht den Kindern vor, wie intuitives Zuhören, Mitgefühl und Großzügigkeit aussehen, wenn sie von einer echten Erwachsenen ausgehen. Sie lauscht den Worten des Bären mit ihrem Herzen und kann die Mädchen daher mit absolutem Vertrauen in das Gehörte darüber unterrichten: 

So sieht echtes, gelebtes und erlebbares Vorbild aus. Statt das eigene Unbewusste auf das Fremde zu projizieren, wird aktiv zugehört und achtsam lauschend erfasst, was das Fremde ausmacht, wie man es einzuordnen hat, welche Identität an Wesenhaftigkeit also vorliegt und wie man mit ihr umzugehen hat: Dem Bär gegenüber spricht die Mutter, ihrerseits ganz die Verkörperung aus Wertschätzung und Hilfsbereitschaft, die Einladung aus: 

Zwischen der Familie und dem Bären entsteht eine Freundschaft. Freundschaft im aristotelischen Sinn der wahren Freundschaft auf der Basis von Gleichwürdigkeit, von Wertschätzung, von Hilfsbereitschaft, von Güte und von Großmut. Der Bär wird in die Idylle und in den Frieden der Familie integriert. Integriert, aufgenommen also, aber nicht von ihr absorbiert und nicht unfreiwillig von ihr umgewandelt. Der Bär bleibt, wer er ist. Er findet Frieden im Außen, Liebe und Wertschätzung und es wärmt auch sein Gemüt, aber die inneren Schatten können niemals allein von einem Außen verwandelt werden. Ein Außen kann wie eine wärmende Decke wirken, das Aufräumen aber, die Integration des eigenen Unbewussten, müsste vonstatten gehen, wie der Märcheneingang es beschreibt: im eigenen Hüttchen. Und doch geschieht etwas in der Wärme des vorübergehenden Aufgehobenseins. Die Wärme wird zum Katalysator für Wandel, indem sie dem Selbst zum Motivator wird, sich gegenüber dem Ego zu erheben und nach Verwirklichung zu drängen. Das Selbst drängt darauf, das Ich möge sich der erwiesenen Freundlichkeit würdig erweisen. Es drängt auf eine Synchronisierung des Erfahrenden mit dem Erfahrenen, die dem inneren Potenzial nach absolut möglich ist. 

Abschied zur inneren Arbeit

Wenn der Frühling naht, wir der Bär sich verabschieden und seine Erklärung, weshalb er sich zurückzieht und den Sommer über fernbleiben wird, gibt er der lauschenden, empfangenden Schneeweißchen:

Das kommt uns sehr bekannt vor, oder? In der Metapher der gefrorenen Erde liegt das Bild der Dissoziation, der Abspaltung und des Verdrängens. Das gefrorene Gemüt gibt alles Abgespaltene und Verdrängte nicht wieder her. Erst eine Gemütsbewegung, und sei es eine, die durch die innere Hitze der Aufregung verursacht wird, bringt die Zwerge, die hier für alles Dämonen- und Schattenhafte wie für die konditionierten und instinktiven Schutzinstanzen stehen, an die Oberfläche, wo sie zu greifen und zu kompensieren, zu kontrollieren und zu manipulieren, zu stehlen und zu betrügen versuchen. Aber auch in der Wärme echten Mitgefühls brechen nicht selten die Schleusen und steigen die Schatten herauf, verschaffen die Kobolde und Dämonen sich Zugang zum denkenden Ich und bemächtigen sich durch destruktives Verhalten der Schätze eines Menschen. Hier kommt das Bild  zum Tragen, das ich so oft in der Arbeit des Schreibspiels bemühe (ich weiß, aber ich kenne kein treffenderes als das!), dass erwachsene Menschen einem anderen Erwachsenen ihr inneres Kind über den Gartenzaun setzen, weil derjenige doch so gut mit Kindern umgehen könne. Gut ist in diesem Fall das Gut von oben und meint: erwachsen. Wenn wir erwachsen mit anderen Menschen umgehen, sind wir, wie die Mutter im Märchen es vorlebt, präsent für die Gefühle der ängstlichen Kinder, für die vielleicht seit ewigen Zeiten niemand mehr oder ohnehin noch nie jemand präsent war. Wir hören achtsam zu, stellen Fragen voller Interesse, ohne aufdringlich zu sein, und unser Lauschen ist ein aktives, ohne je ignorant, überstülpend oder besserwisserisch zu wirken. Die Menschen fühlen sich – vielleicht  zum ersten Mal in ihrem Leben – wirklich gesehen und fangen dann auch an, sich selbst zu sehen. In dieser Wärme schmilzt die Kälte der Maske und das anerzogene, das Erwachsensein nur imitierende Wohlverhalten fällt ab. Jetzt taut die Erde auf in dieser Sonne der Liebe und böse Zwerge drängen an die Oberfläche. Im therapeutischen Kontext wird dieses Phänomen als “Erstverschlechterung” beobachtet. Das Ego soll loslassen und gehen und es will nicht. Die Zwerge wollen die gehorteten Schätze beschützen. Das ist der Moment, in dem in Beziehungen die ersten Konflikte auftreten. Ein inneres Kind verlangt jetzt von seinem Gegenüber, diese Fürsorge weiter und ausgedehnter zu erhalten. Auf einmal wird der Andere für das eigene Glück und Wohlbefinden verantwortlich gemacht. Die Ängste und inneren Bedürfnisse drängen wie grauer Qualm in den Raum hinein und verstellen allmählich die Sicht auf das, was vorher so angenehm und liebenswürdig wirkte. An dieser Stelle zerbrechen die Beziehungen. Es ist entweder ein anderes inneres Kind, das sich gänzlich überfordert fühlt von den Forderungen nach Glück und Wohlbefinden des Anderen oder es ist ein innerer Erwachsener, der vermutlich eine Weile schon vergeblich versucht hat, den anderen inneren Erwachsenen wirksam anzusprechen. Wenn es ihm nicht gelingt, wird er eine Grenze setzen und das hilflose Kind loslassen, damit es in einer anderen Erfahrung weiter wachsen kann und zwar um den Teil des inneren Erwachsenen, um den Teil der gestohlenen und vergrabenen Schätze, um den Teil seiner inneren Werte.

Der Bär wählt eine andere Lösung. Er wählt eine erwachsene Lösung, indem er selbst die Verantwortung für diese hervordringenden Zwerge übernimmt, statt sich seinen Gastgebern mit der Qual, die die Zwerge ihm verursachen, zuzumuten. Er überlässt nicht ihnen die später notwendige Entscheidung, sich zu trennen, sondern trifft sie aktiv und rechtzeitig. Er sagt, er müsse sich um seine Schätze kümmern, die die Zwerge stehlen würden und das ist genau das, was er tatsächlich zu tun hat. Zwerge, Dämonen und alle Arten von Schatten stehlen nach und nach das, worauf Schneeweißchen beim Abschied einen flüchtigen Blick werfen kann. Der Bär bleibt in der Tür hängen und die Haut reißt ein Stückchen auf. Schneeweißchen ist sich nicht ganz sicher, aber sie meint, sie habe es darunter golden schimmern sehen. 

Somit konnte dem Rückzug, von dem sich noch wird erweisen müssen, ob er dem passiven Pol der Dualität oder der erwachsenen Selbstverantwortung der Polarität zuzuordnen ist, das Gegengewicht des vollen Wertes an Leben entgegengestellt werden, und der Moment ist wieder ausgeglichen: Rückzug, Verlust und Traurigkeit und ein Blick auf den tiefen Wert des anderen Wesens und damit auf den Wert des entstandenen Dritten, der Freundschaft.

Auseinandersetzung und Integration

Jetzt beginnt der dritte Teil des Märchens, die Auseinandersetzung zwischen dem Frieden und dem Aufruhr. Tatsächlich ist es nicht die Auseinandersetzung zwischen dem Schweigen und dem Aufruhr oder dem Rückzug und dem Angriff, sondern die Mädchen, die ganz erlöste Polarität sind, ganz innerer Frieden, treten zwischen den Rückzug des Bären und den Angriff durch seine Schatten in Form eines garstigen Zwergs.

Ab jetzt erzählt das Märchen davon, wie der elende Narzissmus überwunden und all die Inhalte des Unbewussten ins Bewusstsein integriert werden können. Der Zwerg begegnet Schneeweißchen und Rosenrot vier mal. Jedes Mal steckt er in einer misslichen Lage, aus der er von den mitfühlenden und hilfsbereiten Mädchen gerettet wird. Seine Reaktion ist jedes Mal eine voller Ignoranz und Respektlosigkeit, Herabwürdigung und Beleidigung. Die Mädchen dagegen bleiben in ihrer stoischen Freundlichkeit. Sie fragen ihn: “Was hast du angefangen, kleines Männchen?”, bieten an, Hilfe zu holen, zücken ein kleines Scherchen, um selbst Hand anzulegen, legen sich mit den Kräften der Natur an, um den wütenden Zwerg zu retten. Im inneren Frieden der Mädchen kann keine der Schmähungen und Beleidigungen des Zwerges sich verfangen. Sie bleiben stoisch bei sich selbst, bleiben in ihrer Freundlichkeit, weil das ihre Wahrheit ist, wie sie sie von der Mutter vorgelebt bekommen haben. Nichts von ihrem Wesen musste als Konsequenz auf eine seelische Verletzung in den Schatten verbannt werden, wo es als offene Wunde klaffen und vom Angriff des Zwerges schmerzlich berührt werden könnte. Indem die Mädchen einander niemals verlassen haben und das erwachsene Vorbild der Mutter von ihrem eigenen Erwachsensein abgelöst wurde, sind sie ganz und vollständig geblieben und darum die Verkörperung puren Friedens. Aus diesem Frieden heraus üben sie sich im Loslassen dessen, was nicht zu ihnen gehört und bleiben in ihrer Selbstwertsicherheit zentriert und bei sich: 

Der Zwerg und der Bär aber sind ein und dieselbe Person. Sie verkörpern nur zwei Pole des Schattens der Angst vor der Wertlosigkeit.

Indem den Zwerg also die Freundlichkeit der Mädchen trifft, und zwar immer und immer wieder, ganz gleich, wie der Zwerg sich verhält, wird der Zwerg geschwächt und der Bär, bzw. das wahre Wesen des Bären, offenbar gestärkt. Beide Instanzen scheinen dadurch näher in die Mitte  zu rücken. Dem Zwerg, dessen Bart als Symbol seiner bösen Macht („das machst du immer so“, sagen wir und die Lüge hat längst einen langen Bart bekommen), immer weiter gekürzt wird, unterlaufen immer mehr Fehler, bis ihm der größte Fehler passiert, dass er sich seiner selbst etwas zu sicher fühlt und seine gestohlenen Schätze in der Abendsonne ausbreitet. Die Mädchen kommen auf ihrem Rückweg von der Stadt an dieser Stelle vorbei. Zugleich findet sich aber auch der Bär dort ein, der mit schwindender Macht des Zwerges seinen Rückzugsort verlassen kann. Der garstige Zwerg will gerade verschwinden, als der Bär ihn bereits stellt und ihm den Fluchtweg abschneidet. Es genügt ein einziger Schlag mit der Tatze, ein einziges konsequentes Grenzensetzen, um den letzten Versuch des Zwerges, die Mädchen herabzuwürdigen und seine Hilflosigkeit auf sie zu projizieren, zu beenden. 

Auf diese Art emanzipiert der Bär, eigentlich der Königssohn, sich von der Dominanz des Zwerges. Die Freundlichkeit der Mädchen hat dem Königssohn in der verwunschenen Doppelgestalt aus Bär und Zwerg konsequent dessen Wert gespiegelt, den der Bär in den Klauen des Zwerges gestohlen und verloren wähnte. Die letzte Entscheidung aber oblag ihm, dem Königssohn, sich aus der Deckung des Waldes heraus zu wagen, der zum Lebensraum des Bären geworden war, sich also aus dem Reich des Unbewussten in die Bewusstheit dem eigenen Wesenskern gegenüber zu begeben und die Macht wieder an sich zu nehmen. Nur das Selbst des Königssohns, dessen innerer Erwachsener, konnte aktiv werden und die Selbstherabwürdigung beenden mit dem Ziel, fortan seinen Wert zu verkörpern. Damit erweist sich der Rückzug des Bären aus dem friedlichen Hüttchen der Mädchen als ein erwachsener, integrativer Akt, ein Akt der Selbstverantwortung, denn offenbar wurde die notwendige innere Arbeit geleistet, die durch die Wärme der Liebe als notwendig angestoßen worden war.

Jetzt kann die Metamorphose stattfinden und den Königssohn zu dem werden lassen, der er in Wahrheit ist. Seine eigene Vollständigkeit, mit der er jetzt an Schneeweißchen und Rosenrot vermählt werden soll, muss zur Folge haben, dass es von ihm, dem Königssohn, eine doppelte, gegenpolare Ausführung gibt. Sie wird in der alten Mutter, die noch viele Jahre bei ihren Kindern lebt, noch einmal benannt: Es ist Ruhe und Glück. So heiratet Schneeweißchen den ehemaligen Bären und Rosenrot dessen Bruder. Der spirituelle Wert, der in den gelebten und verkörperten Werten verwirklicht wird, ist die Meisterschaft, das Leben durch Künstlerschaft und durch Schöpferkraft aktiv zu gestalten. Für diese Schönheit stehen die beiden Rosenbäumchen: 

Posted on 16. November 2019 in Allgemein