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Nummer 8: Das tapfere Schneiderlein

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im dritten Dreieck 
zum Thema Selbstwertsicherheit

Titelbild: Annette Greiner

Passiv- und Aktivpol in Herabwürdigung und Überhöhung

Das Märchen beginnt interessanterweise, statt mit der üblichen Märchenformel “Es war einmal…”, mit einer konkreten Zeitangabe, die eine bestimmte Atmosphäre erzeugt: „An einem Sommermorgen …“. Der Stil erinnert mehr an eine realistische Erzählung, was ich als eine interessante Beobachtung empfinde, ohne sie in einer Bedeutungszuschreibung festlegen zu wollen. Meine Idee wäre: Dieses Märchen hier wurde von der Wirklichkeit selbst erzählt. Das Schneiderlein, so heißt es weiter, sei guter Dinge und nähe aus Leibeskräften. In diese idyllische Arbeits-Szenerie hinein – oder ist sie gar nicht so idyllisch?, geschieht das Nähen aus Leibeskräften aus Freude an der Tätigkeit oder aus einem anderen Grund? –  tritt eine Händlerin auf, die Mus feilbietet. Die äußeren Umständen und die explizite Einladung durch den Schneider, drei Stockwerke hinaufzusteigen, um ihre Ware loszuwerden, lassen die Frau vermuten, dass sie hier ein gutes Geschäft zu erwarten habe. 

Stattdessen kauft der Schneider ihr gerade mal so viel Mus ab, wie es für eine einzige Scheibe Brot reicht. Im Märchen erfolgt eine wiederum für die übliche Flächenhaftigkeit des Märchens fast untypische emotionale Einordnung des Geschehens aus der Perspektive der Händlerin: 

Der Schneider ist sich der Diskrepanz aus Erwartungserzeugung und Erwartungserfüllung offenbar nicht bewusst und scheint die kognitive Dissonanz, den brummigen Ärger der Händlerin, wie es im Märchen heißt, nicht wahrzunehmen oder ignoriert sie. Er ist sich seines Geizes sich selbst gegenüber, wie auch der Händlerin gegenüber nicht bewusst. Er äußert sich großspurig, “wenns auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an”, aber die Menge, über die gesprochen wird, reicht nur für eine Scheibe Brot. Die Großspurigkeit steht also in keinem Verhältnis zum realen Gewinn der Händlerin. Hat der Schneider keinen Wertmaßstab, mit dem er einen angemessenen Ausgleich für die Mühe der Händlerin von einem unangemessenen Ausgleich unterscheiden könnte? 

Sofort macht er sich diese Scheibe Brot mit dem Mus auch zurecht, stellt sie aber neben sich und schiebt die Freude auf, auch auf die Gefahr hin, dass das frische Mus verdirbt oder verdorben wird.

Geduld? Aufschub von Lusterfüllung? Pflichtbewusstsein? Vielleicht. Und “nicht bitter schmecken” ist eine andere Bewertung als “wird mir gut schmecken”. Die Wertschätzung in der bloßen Negation der Abwertung gelingt energetisch nur schlecht. Bis zum Schluss dieser Märcheneinleitung stehen die Ereignisse nun also in einem deutlichen Kontrast zur atmosphärischen Leichtigkeit des Eingangs. Vor der Leinwand des emsig genutzten Sommermorgens finden Großspurigkeit, Geiz, Ärger, Aufschub und Negativität statt, alles ein wenig verkleidet und nicht gleich erkennbar, anstelle von Spontaneität, Großzügigkeit, Freude und Lebens- und Sinneslust. Der Anschein stimmt also mit dem tatsächlichen Geschehen nicht überein. Und so wird die wahre Haltung des Geizes noch manifester, indem die Fliegen sich über das Mus hermachen und den Gegenpol zum Geiz, den Pol der Gier besetzen. Die Fliegen wollen sich aneignen, was ihnen nicht zugestanden und nicht angeboten wurde, was ihnen im Gegenteil vorenthalten werden soll. Dabei werden die Fliegen zu Repräsentanten für die Mitmenschen, denen der Mensch, der mit den Fliegen und ihrem Treiben in Resonanz geht, geizig gegenübergetreten ist, statt sie einzuladen. Denn so spricht der Schneider nun tatsächlich die Fliegen an: 

Gier und Geiz sind unter anderem Manifestationen der Selbstbildkonstruktion der Wertlosigkeit. Ein Mensch hält andere Menschen für so wertlos, wie er sich selbst als wertlos empfindet und wird sich hüten, sie einzuladen. Was nicht heißt, dass man lästigen Fliegen nicht die Tür weisen darf. Unter Berücksichtigung des Resonanz- und Synchronizitätsgesetzes aber wäre anzumerken, dass lästige Fliegen sich von wahrhaftiger Großzügigkeit fernhalten. Vielleicht tauchen sie als Fliegen auf, aber nicht mehr als lästig und schon gar nicht so, dass sie ein Gefühl erzeugen, als sei einem eine Laus über die Leber gelaufen.

Als das Schneiderlein sich dann der gierigen Fliegen erwehrt und sie getötet hat, verfällt er sogleich in die äußerste Bewunderung sich selbst gegenüber: 

Er verfällt sogar in Hast, so eilig hat er es, das konstruierte Selbstbild des tapferen Kerls in die Welt hineinzutragen… 

Er überhöht seine Tat und seinen konstruierten Selbstwert, mit dem er seinen wahren Wert ab jetzt gänzlich ignorieren wird. Allerdings ist eher anzunehmen, dass er diesen Wert an sich bisher gar nicht wahrgenommen hat. Vermutlich identifiziert der Schneider sich mit seinem Beruf, also der Funktion des Schneiders, und leitet von ihm ein als minderwertig empfundenes Selbstbild ab, nur ein Schneider zu sein. Das Bild der Tapferkeit soll seinen Wert nun mindestens beweisen, wenn es ihn nicht sogar ganz frisch und neu erzeugen soll. Die Hochstilisierung einer kleinen Handlung zur Heldentat soll den nicht empfundenen Selbstwert erschaffen und sichern und damit die bisherige Selbstwertunsicherheit kompensieren.

Ein Held muss die Stadt verlassen. Während ein gewöhnlicher Märchenheld die Stadt verlässt, um ein Problem zu lösen, verlässt der Schneider die Stadt nur, um Kunde von seinem vermeintlichen Ruhm zu geben. Ist sein Problem also, sich zu wenig ruhmreich zu fühlen? 

Schon in der ersten Begegnung, die dem Schneider widerfährt, nachdem er die Stadt verlassen hat, zeigt sich der gewünschte Effekt, man möge seine Größe erkennen. Der Riese, der sich von dem Schneider zum gemeinsamen Wandern eingeladen sieht, zeigt sich verächtlich. Dieser Verachtung hat der Schneider nichts an Selbstwertschätzung und an Konsequenz entgegenzusetzen. Er verbittet sich keineswegs auf erwachsene Art die vorurteilsbeladene Geringschätzung oder ginge dem Riesen einfach aus dem Weg, sondern er geht in den Aktivpol der Selbstwertunsicherheit und versucht seinen Wert durch seinen inneren Kritiker und über die Anstrengung und den Kampf sichern zu lassen. Er versucht dem Riesen ein Adelsprädikat abzuringen, das der Riese ihm freiwillig nicht verleihen will, weil er in der Gegenwart des fremden Mannes keine Bereicherung für sein Leben sieht. Darauf präsentiert der Schneider seinen Gürtel unter Weglassung der entscheidenden Information, auf welchen Gegenstand sich der Zahlenwert der Sieben beziehe. Die Informationslücke wird vom Riesen automatisch gefüllt, vermutlich in Form einer Projektion, mindestens aber in Form einer Illusionsbildung also. Und siehe da: Der Schneider erhält den ersehnten Respekt, dem auch die weitere Stärke-Überprüfung durchaus dient. 

In dieser Prüfungsabfolge kann der Schneider durch eine dreifache List glänzen und bestehen und seine Selbstwertillusion weiter ausbauen. Die Situation bietet ihm jeweils die Gelegenheit, sich selbst zu überhöhen (Überhöhung, weil der Schneider sich für eine nicht tatsächlich erbrachte, sondern nur fingierte Leistung dem Riesen gegenüber auf eine höhere Stufe stellt). Zugleich äußert er sich dem Riesen gegenüber verächtlich und schickt ihn durch die Herabwürdigung der zugleich durch den Riesen erbrachten Leistung in den Passivpol rüber.

Gaslighting im Märchen

Dem Phänomen der Selbstwertüberhöhung mit seiner pathologischen Ausprägung des Narzissmus wird eine Verhaltensweise nachgesagt, die im psychologischen Jargon den Namen Gaslighting erhalten hat. Der Begriff und dessen Herkunft kann inzwischen gut dargestellt bei Wikipedia nachgelesen werden. Typischerweise wird bei diesem Kommunikationskonstrukt die Wahrnehmung eines anderen Menschen manipuliert oder umgedeutet, so dass der Andere seinen eigenen Sinneswahrnehmungen und Bedeutungsempfindungen nicht mehr zu trauen vermag. In der Kirschbaumepisode im Märchen erfährt der Riese eine derartige Manipulation seiner Wahrnehmung durch den Schneider. Der Riese biegt in neutraler bis friedlicher Absicht die Baumkrone so herab, dass der von seiner Statur her kleine Schneider die reifen Früchte aus den oberen Baumbereichen erreichen kann. Im Glauben an die soeben demonstrierte Stärke des Gegenübers hält der Riese die Baumkrone nicht fest, sondern gibt sie dem Schneider in die Hand. Die Erzählinstanz des Märchens gibt klare Auskunft darüber, was mit dem Schneider an dieser Stelle passiert: 

Der Kommentar des Riesen zeigt, dass er die Begebenheit richtig beobachtet und angemessen einschätzt, selbst wenn er sein Erstaunen in abwertendem Ton kommuniziert: 

Hier zeigt sich gut, wie sehr der Raum, der sich zwischen Aktiv- und Passivpol aufspannt, ein Kontinuum ist. Dominanz ist immer nur eine Momentbeschreibung. Wenn zwei Menschen sich in der gleichen Angst und im Wettkampf treffen, hat mal der eine und mal der andere in einem kontinuierlichen Wechsel die Oberhand. Der Schneider muss fühlen, dass er über diese Bewertung des Riesens seinerseits nun in den Passivpol geschickt werden könnte und sieht seinen Selbstwert bedroht, den er ja an die Demonstration von Stärke geknüpft hatte. Jetzt lässt er eine manipulative Umdeutung des Geschehens hören, deren erneutes Grandiositätskonstrukt das Eingeständnis von Schwäche unmöglich macht: 

Im Versuch, der Bewertung durch den Schneider standzuhalten und ihn wiederum zu übertrumpfen, landet der Riese unversehens erneut in der Minderbewertung seiner Fähigkeiten. Den manipulierten Wettbewerb kann er nicht gewinnen. Er bleibt in der Baumkrone hängen. Im Märchen heißt es explizit, dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behalten habe. Darum, die Oberhand zu behalten, geht es dem Typus des Tapferen Schneiderleins im erlebbaren Alltag unbedingt, und darum muss es auch dem tapferen Schneiderlein im Märchen essenziell und existenziell gehen. Die Oberhand zu behalten kompensiert nicht nur seine Selbstwertunsicherheit, sondern rettet ihm auch ganz handfest das Leben, das von dem Riesen und seinen Kumpanen durchaus bedroht wird. Dem Mordversuch in der Höhle der Riesen entgeht der Schneider wiederum nur durch eine List. Die Oberhand zu behalten ist das wichtigste Ziel der psychischen Schutzinstanz des inneren Kritikers, der Schuld entweder zu kompensieren, abzuwehren und zu projizieren versucht oder sie freiwillig auf sich nimmt, um die Schuldzuweisung kontrollieren zu können und Verletzungen für Geist und Leib und Wertempfindung abzuwenden. Dazu dienen einem vom inneren Kritiker geleiteten Menschen unter anderem eine extrem gute Beobachtungsgabe und das Kommunikationsintrument des Gaslightings, um das Bedrohungspaar aus Schuld und Strafe in Schach zu halten und jeder potenziellen Abwertung gegenüber die Oberhand zu behalten. Seinen Sitz im Leben hat der Aufenthalt in der Höhle der mordlustigen Riesen, wenn man sich ein Kind in der Obhut narzisstischer Eltern vorstellt. Um der ständigen Bedrohung narzisstischer Verletzung und Gewalt zu entgehen, muss das Kind eine innere Schutzinstanz ausbilden, den inneren Kritiker, der ihm auf Instinktebene beisteht, physisch, psychisch und seelisch zu überleben. Dieser innere Kritiker ist eine frühkindliche Konditionierung, zu deren Repertoire eine besondere Beobachtungsgabe ebenso gehört, wie die Überempfindlichkeit und die Tendenz zu Betrug, Lüge und Manipulation als Kompensationsstrategie oder die Tendenz zu einer märtyrerhaften und gefälligen Anpassung, wie sie sich im Helfersyndrom manifestiert als Kontrollstrategie.

Co-Narzissmus: Den König machen die Anderen

Der zweite Teil des Märchens leitet sich wieder mit unbestätigten positiven Vorannahmen durch Andere ein, die den Schneider ohne sein weiteres Zutun überhöhen. Am Königshof wird der schlafende Schneider nur aufgrund seiner kryptischen Gürtelinschrift zum Kriegshelden stilisiert. Diese Stilisierung dient der Selbstwerterhöhung der Anderen ebenso, wie sie dem tapferen Schneiderlein dient. Die Hofwachen brüsten sich wohl lieber damit, einen Kriegshelden im Hof gefunden zu haben als von der Entdeckung eines simplen Schneiders berichten zu müssen, was keinerlei Nachrichtenwert hätte. Die Entdeckung eines Kriegshelden aber verspricht ihnen Aufmerksamkeit, Belohnung und Ruhm. So erweist es sich ihnen als dienlich, dem schlafenden Fremden ihre Illusions- und Legendenbildung vorauszuschicken: 

Wieder nutzt das Schneiderlein die Unklarheit wie auch die Kombination aus fehlender Präsenz und fehlendem Urteilsvermögen seines Publikums, das zugleich auf die Kompensation eigener Minderwertigkeitsgefühle hofft, zu seinen Gunsten und bestätigt einfach nur den ihm völlig voreilig vorgetragenen Antrag: 

Die Umwelt macht es Narzissten eben auch leicht, weil sie selbst davon zu profitieren hofft, dass sie sich im Glanz eines großen Menschen sonnen und spiegeln darf. Der ehrenvolle Empfang überhöht den Schneider insofern, als er sich nicht für seine tatsächliche Existenz ehren lässt, für die ihn auch niemand würde ehren wollen, sondern für ein Trugbild der vorgespielten Existenz eines großen Kriegsherrn. In diesem Fall allerdings wurde ihm der Boden des Betrugs bereitwillig bereitet, ganz dem Sprichwort gemäß: “Den König machen die Anderen.”

Fehlende Sympathie: Den Schneider mag niemand.

Obwohl das Märchen in den psychologischen Interpretationen zuweilen auch als positives Helden- und Erfolgsmärchen gedeutet wird, das dieser Interpretation nach einen Helden zeige, der sich durch kluge List aus einfachsten Verhältnissen bis ins höchste Amt des Landes zu manövrieren wisse, gibt das Märchen selbst in der Figurenperspektive eine andere Bewertung des Geschehens vor. Der Schneider und Held des Märchens wir als Antiheld präsentiert. Er wird in Wahrheit von niemandem respektiert und schon gar nicht geliebt. Sowohl die Soldaten des Königs als auch der König selbst und später die Königstochter wünschen sich, den Schneider, den sie weiterhin für einen Kriegshelden halten, wieder loszuwerden. Sie fürchten sich allerdings vor der Tyrannei der Drohung, wie sie den Schneider ständig umweht. Die Erzählinstanz wählt mit dem Verb “aufsitzen” eine deutliche Bewertung des Geschehens: 

Sie erbitten vom König allerdings nicht offensiv die Entlassung des fremden und als übermächtig empfundenen Kriegsherren, sondern wollen sich selbst opfern. Sie gehen freiwillig in den Passivpol, nehmen die Position des Märtyrers ein. Dieser Rückzug geschieht aus Angst, nicht aus einer wohlüberlegten Abwägung heraus. Sie lassen nicht in der Verwirklichung echter Selbstwertschätzung das Seilende los, an dessen anderem Ende der angstvolle Schneider zieht, sondern sie bedienen weiter ihre eigenen Wertlosigkeitsgefühle und halten das Seilende ebenso ängstlich wie der Schneider weiter fest. Mit ihrem Rückzug versuchen sie den Schmerz zu kontrollieren. Zugleich versuchen sie aber zumindest unbewusst auch, den König zum Handeln zu erpressen. Er soll über den höheren Wert der Konfliktparteien entscheiden: Er oder wir. Aber auch den König selbst treibt die Angst vor dem Ruf des vermeintlichen Kriegshelden.

Auch hier ist die Entscheidung, das Schneiderlein nicht abzusetzen, nicht das Ergebnis einer reifen Überlegung und Wertschätzung des Schneiders, sondern allein das Ergebnis von Furchtsamkeit. Der Schneider hat den König in der Hand. In Wahrheit wird der Kriegsherr jedenfalls nicht respektiert, geliebt und wertgeschätzt, sondern nur gefürchtet. Diese mangelnde Wertschätzung im Außen ist ein Spiegel der Haltung des Schneiderleins sich selbst gegenüber. Er wertschätzt sich selbst und andere nicht, sondern ergeht sich in einem System aus Lüge, Betrug und Tyrannei in der dualistischen Dynamik aus Abwertung der Anderen und Überhöhung der eigenen Person. Er selbst erzeugt Furcht, um zu verhindern, dass man ihm zu nahe kommt und dass der Betrug, der vor allem ein Selbstbetrug ist, aufgedeckt werden könnte. Und so nährt sich der Schmerzkörper mehr und mehr: Er ist nur ein Schneider, mehr nicht, aber das darf niemand erfahren, denn in seinen eigenen Augen ist ein Schneider wertlos. 

Deshalb lehnt er jede Hilfe und Begleitung ab, die der König ihm zur Unterstützung bei seinen drei Aufträgen anbietet, das Königreich von verschiedenen tyrannischen Plagen zu befreien. An späterer Stelle dient die Eichhörnchenmetapher der Illustration dieses Vertuschungsmanövers durch das Schneiderlein:

Flüchtig, schwer zu fassen, kaum dingfest zu machen. So lässt sich das Stereotyp des Tapferen Schneiderleins wohl treffend beschreiben.

Selbstbildkonstruktionen

Weshalb der König ohne Not sein halbes Königreich und seine einzige Tochter als Belohnung aussetzt, ist nicht bekannt (und geschieht vielleicht, weil es im Märchen so üblich ist), denn immerhin bereut der König sein voreiliges Versprechen später bitter. Es geschieht aber vielleicht auch aus dem gleichen Grund, weshalb heutige Menschen ohne Not große Autos kaufen, sie in riesige Garagen stellen und mit ihnen einen immensen ökologischen Schaden anrichten, weshalb sie sich ohne Not Spracherkennungsdienste in ihre Häuser holen, obwohl sie um die datenschutzrechtlichen Bedenken wissen, weshalb sie ohne Not ständig gegen ihre innere Notwendigkeit verstoßen, Dinge mitmachen, die ihrem Gewissen und ihrer Vernunft widersprechen, weiter kaufen und konsumieren und erdulden und sich viel zu vielen Diktaten beugen, wo politisches und soziales Aufbegehren gefragt wäre: Es geschieht aus Angst. Es ist die Angst vor der Tyrannei des als mächtiger und wertvoller empfundenen Mitmenschen. Die Angst des Königs davor, der als mächtig wahrgenommene Schneider und vermeintliche Kriegsheld “möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen” ist eine innere Not, selbst wenn im Außen keine Not erkennbar ist, der der König sich beugt. Sie ist eine Metapher für die Angst, ohne Prestigebeweise keine Existenzberechtigung zu haben. Ein souveräner König, der sich seines Wertes und seiner Macht bewusst wäre, würde sich erheben und würde dem Schneider trotz der möglichen Gefahr die Stirn bieten, wie ein souveräner und sich seines Wertes bewusster Mensch frei entscheiden würde, welchen Trend er aus wohlüberlegten Gründen mitmachen will und welchem er sich verweigert. Dieser König aber ist ein Bettelkönig. Ihm fehlen die Ressourcen an innerer Einstellung und an Verwirklichungskraft, um sich dem Schneider entgegenzustellen. Er beugt sich der Tyrannei des Schneiders, wie ein moderner Mensch sich der Tyrannei des Kapitals und des Konsums beugt.

Der Schneider allerdings hat der Angemessenheit der potenziellen Belohnung gegenüber keinerlei Bedenken. Er muss sich die Sache ja nicht selbst bewilligen, wie im Fall einer Portion Mus, für die er bezahlen und die er sich selbst zum Geschenk machen muss. Das Angebot des Königs dient ihm nicht als Geschenk, das er empfangen und dankbar annehmen könnte, sondern als Selbstaufwertung. Königreich und schöne Königstochter sind für den Schneider Statussymbole und Wertobjekte, aber keine geliebten Subjekte von spirituellem Wert.

Ein Mann wie er? Auf welchen Mann bezieht er sich? Den Schneider, der er tatsächlich ist und den er selbst nicht für Wert hält, vertreten zu werden oder die Selbstbildkonstruktion des Kriegsherrn, der in der Realität nicht existiert?

Die neuerliche Episode um zwei Riesen geht unter dem Einsatz von List und Tücke wieder wie gewünscht aus. Anstatt sich aber für den geschickten Einsatz von List und Tücke zum Wohl des Königreichs ehren zu lassen, ein Einsatz, der zur Erfüllung der Verhandlungsbedingung allemal ausgereicht hätte, manipuliert das Schneiderlein seiner Selbstbildkonstruktion entsprechend wieder die überprüfbaren Fakten und deren Wahrnehmung. Das Bild der Zerstörung, das sich den königlichen Reitern bietet, erhält vom Schneiderlein und unzuverlässigen Berichterstatter eine neue und manipulative Bildunterschrift: 

Diese Selbstbildkonstruktion lässt kein Tiefstapeln oder auch nur Bescheidenheit mehr zu. Es muss jetzt zwingend der Superlativ eingesetzt werden. Selbstbildkonstruktionen verpflichten eben. In Wahrheit hatten die Riese sich mit den Bäumen gegenseitig erschlagen.

Große Pracht und kleine Freude

Nach zwei weiteren erfüllten königlichen Aufträgen sieht der König sich gezwungen, sein Versprechen zu halten. Wer jetzt noch an ein glückliches Ende  glauben oder es aus dem Märchen herauszulesen versucht, sieht sich enttäuscht oder liest nicht sorgfältig genug. Im Text heißt es explizit: 

Absolut niemand mag die Person des Schneiders, der ein Aufschneider und gesellschaftlicher Hochstapler ist, was die junge Königin dann auch herausfindet, als der Schneider im Schlaf spricht und unbewusst sein Geheimnis offenbart. Sie bittet ihren Vater um Hilfe, der ein Komplott schmiedet, um den Betrüger auf ein Schiff zu verfrachten und ihn loszuwerden. Das ist das einzige Mittel, das gegen Tapfere Schneiderleine eingesetzt werden kann, sie konsequent fallenzulassen. Da aber zeigt sich, dass Menschen vom Typ Tapferes Schneiderlein, trotzdem ihnen genau das fehlt, um das sie so sehr kämpfen, der Respekt nämlich, dennoch ihre Anhänger mit ganz eigenen Motiven haben. Diese Anhänger, die sich dem vermeintlich grandiosen Menschen andienen, hoffen ihrerseits auf Steigerung des eigenen Selbstwerts, indem das Schneiderlein sagen möge, sie seien ihm in ihrem Dienlichsein die einzig wertvollen Menschen. In dieser vermeintlichen Wertbekundung kann ihr Ego sich einen Moment sonnen und kann der Schmerzkörper der Wertlosigkeitsempfindung sich einen Moment entspannen. Tatsächlich verhindern diese scheinbar loyalen Menschen das Aufwachen der Tapferen Schneiderleine. Sie streuen ihnen zusätzlich Sand in die Augen und ketten sich selbst mit ihnen zusammen fester an die Angst und an den Schmerz. Das Tapfere Schneiderlein steht einfach in ihrem Drehbuch, so wie sie selbst im Drehbuch des Tapferen Schneiderleins stehen und keiner von beiden gedenkt, den anderen zu entlassen. Das steckt in Wahrheit hinter dem Gefühl des “Gewogenseins”:

Das Komplott wird vereitelt, indem das Schneiderlein seinen üblichen Terror der Angst verbreitet. Er rezitiert sein vorbereitetes Sprüchlein, mit dem er seine vermeintlichen Heldentaten aufzählt. Die Diener lassen sich von der Aufschneiderei, die sie als solche nicht erkennen, ins Bockshorn jagen und lassen furchtsam von ihrem Auftrag ab, den Schneider zu entführen und des Schlosses zu verweisen. 

Das Märchen endet mit der schlichten und in ihrer Schlichtheit vielsagenden Tonalität der reinen Quittierung der Fakten: 

Keine weitere Märchenformel à la „und sie lebten glücklich und zufrieden“ oder dergleichen schmückt das Märchenende. Wir müssen davon ausgehen, dass dieses Ende ein unglückliches Königreich markiert, das von einem ignoranten König ohne jeden Funken Mitgefühl und Liebe für seine Untertanen oder für seine Frau regiert wird. In seinem Herzen mag dieser angemaßte König sich des Selbst- und Fremdbetrugs bewusst sein, aber seine Selbstwertunsicherheit verlangt den höchsten Posten im Land, verlangt eine Frau, deren Schönheit als Statussymbol zu dienen vermag, verlangt zur Schau getragene Grandiosität und verlangt Reichtum und Macht. Der Erfolg des Betrugs basiert auf Angst und nicht auf Souveränität. Das Schneiderlein und alle anderen Figuren sind über den Schatten der Angst vor der eigenen Wertlosigkeit und der eigenen Verletzlichkeit miteinander verbunden. Eine emanzipierte Instanz fehlt in diesem Märchen, wie sie im Umfeld von wahrhaften Narzissten in der Regel ebenfalls fehlt. Vor emanzipierten Instanzen in echter Selbstwertsicherheit müssen Tapfere Schneiderleine sich ständig fürchten. Sie fürchten, der (Selbst-)Betrug könnte von echten Souveräninnen und Souveränen aufgedeckt werden. Darum werden die emanzipiert-erwachsenen Instanzen so bald wie möglich aus der Szenerie entfernt, wozu im wahren Leben auch fähige Therapeuten zählen. Alle Instanzen dagegen, die sich vom Tapferen Schneiderlein manipulieren lassen, zum Beispiel solche, die dieses Märchen hier als ein Erfolgsmärchen lesen, dürfen bleiben, auch die nicht ganz so fähigen Therapeuten, von denen so ein Tapferes Schneiderlein im Anschluss an jede Sitzung prahlen wird: “Ich weiß doch, was der hören will, da geb ich’s ihm einfach”. Aschenputtel- und Cinderella-Typen sind ihm aber die liebsten. Hier funktioniert sein System aus Herabwürdigung und Einschüchterung, ohne dass er mit einem nachhaltigen Widerstand rechnen müsste, wie das Märchen es an mehreren Stellen auserzählt. Dieses System würde von einer authentischen und souveränen Selbstwertsicherheit außer Kraft gesetzt, wie es wiederum im Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ als einem Märchen der Erlösung erzählt wird. Vor solchen kraftvollen Archetypen der Ritterlichkeit und Freundlichkeit aber nimmt ein Tapferes Schneiderlein sich in Acht und geht ihnen lieber aus dem Weg. Diese Archetypenvertreter sehen die bittere Wahrheit oft mit einem Blick, sehen die Angst hinter dem Gehabe, sehen das Gold, das in der Angst gebunden vorliegt und durch den Schmerzkörper hindurch schimmert und benennen oft beides, Angst und Potenzial, was ein Tapferes Schneiderlein nicht ertragen könnte. Indem die Ritter der Wertschätzung und Göttinnen der Freundlichkeit nämlich die Angst und das Potenzial benennen, decken sie unweigerlich auf, dass jetzt gerade nur ein Schneider auf dicken Gürtel zu mimen versucht. Würde ein Schneider die Tapferkeit aufbringen, sich dieser Wahrheit und diesem Schmerz zu stellen, wäre er sofort erlöst und könnte, wie “Schneeweißchen und Rosenrot” es erzählen wird, sicher auf seinen vergrabenen Wert zugreifen. Das aber geschieht solange nicht, wie der Schmerz verdrängt werden kann, weil es immer einen Waffenträger gibt, der dem tapferen Schneiderlein wohlgesonnen ist und der den Schmerzkörper nährt, um von ihm zu profitieren.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein