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Nummer 7: Das Aschenputtel

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im dritten Dreieck 
zum Thema Selbstwertsicherheit

Titelbild: Annette Greiner

Verlorene Yin-Kraft

Wie immer in der Märchenlektüre ist bereits der Beginn des Märchens absolut bedeutsam. Der zu Beginn des Märchens noch reiche Mann ist nicht nur im Außen reich an Gütern und materiellem Besitz, sondern er ist reich in seinem Innern. Dieser Reichtum manifestierte sich im Außen, wandelt sich aber mit der Krankheit der Ehefrau. Wenn wir das Individuum als Ganzheit denken und die als getrennt auserzählten Figuren als integrale Bestandteile des Individuums sehen, wäre der Anfang des Märchens so zu lesen, dass einem vormals reichen, weil vollständigen Manne die Yin-Qualitäten des Mitgefühls und der Wertschätzung kranken und verlorengehen. Von den Konsequenzen dieses Verlustes erzählt das Märchen und von der Wiedererlangung der Vollständigkeit in der nächsten Generation. Es erzählt davon, was passiert, wenn einem reichen Manne die Frau krank wird, wenn also einem vormals vollständigen Mann etwas geschieht, dass sein Yin in allen Aspekten von Präsenz, Mitgefühl und Wertschätzung krankt und blockiert wird. Eine kaltherzige neue Ehefrau wird einziehen, die mit dem nun ganz anders vorliegenden äußeren Wohlstand und der zugleich nun vorherrschenden inneren Leere in Resonanz gehen wird. Andererseits wird die innere Leere des Mannes ihn seiner Präsenz und seines Mitgefühls für die Vorgänge in seinem Haus, also in seinem Innern, vollständig berauben. Diese mangelnde Präsenz, die in der Märchenforschung als Abwesenheit des Vaters bezeichnet wird, macht die verhängnisvollen Geschehnisse erst möglich. Der in seiner Aufmerksamkeit und Wahrnehmung abwesende Vater, dem in der Folge auch Unterscheidungsvermögen, Konsequenz und Fürsorge in voller Würdigung und Angemessenheit der jeweiligen Situation fehlen, ermöglicht es dem Schatten erst, sich im Haus auszubreiten. Das vormals von Fülle gekennzeichnete Haus des reichen Mannes verwandelt sich durch den Verlust der internalisierten Mutterliebe und Yin-Kraft in die Ärmlichkeit einer reinen Materialansammlung. In den Fokus der Erzählung und damit ins Bewusstsein gelangt nur die Herdstelle mit der kalten Asche. Der Asche ist das Feuer ein vergangenes Element. Wo Asche ist, war einmal ein Feuer, aber es ist erloschen. Fortan fehlen die Liebe und die Wärme und stattdessen halten Neid, Missgunst, Eifersucht und Habgier Einzug und sind Kompensationsversuche gegenüber dem Mangel an Liebe und Wärme. Das alles geschieht dem reichen Manne, dem die Frau krank wird. Erzählt wird die Geschichte seines (inneren) Kindes, das infolge der nun nicht mehr an die Yin-Kraft angeschlossenen und darum fehlgeleiteten Yang-Kraft der reinen Rationalität leidet, sich aber auch über den Mangel erhebt, ihn überwindet und in die eigene Vollständig (zurück) findet. Übertragen werden kann die Geschichte dieses Kindes auf die Menschheit und die Erde: Dem Menschen ist die Yin-Kraft abhanden gekommen, so dass die fehlgeleitete Yang-Kraft der reinen Rationalität Zerstörung und Gier ins eigene Haus gebracht hat. Derzeit erzählt die Menschheit noch die Geschichte der Stieftöchter, die sich in ihrer Selbstentfremdung Zehen und Fersen abhauen und sich den Schmerz verbeißen, statt sich ihm zu stellen. Zu hoffen ist aber, dass sehr bald genügend Menschen die Geschichte des Aschenputtels erzählen, sich mit ihrem Yin wieder verbinden, das Feuer wieder entfachen und die Erde wieder in ihre Obhut nehmen. 

Das Problem von „fromm und gut“ und seine Auflösung

Von heutigen jugendlichen Märchenlesern wird das letzte Gespräch zwischen Mutter und Tochter, von dem der Märcheneingang berichtet, als äußerst problematisch empfunden. In der modernen Auffassung der Begriffe „fromm und gut“ wird die Bedingtheit der Gottesliebe als Grund allen folgenden Übels empfunden.

„Fromm und gut“ wird aber auch innerhalb der Märchenerzählung nicht im religiös-dogmatischen Sinn verwendet. Gemeint ist nicht die widerspruchslose Unterordnung unter eine göttliche oder auch menschliche Willkürherrschaft. Tatsächlich wird die Mutter, die hier im letzten Gespräch verspricht, die Tochter mit ihrem Geist zu umgeben, den Widerstand des Mädchens aktiv unterstützen. Sie wird die kritische Instanz in Aschenputtel sein, die den inneren Widerstand und die innere Stärke am Leben erhält, damit eine spätere Emanzipation überhaupt möglich wird. Sie wird die Quelle der Resilienz sein, die das Mädchen in sich selbst verankert hält. An dieser internalisierten Mutter wird das Mädchen sich auch dann regulieren können, wenn ihr lebendiges Nervensystem, ihr Körper, nicht mehr zur Regulation zur Verfügung steht. Es fallen die Tränen auf das Grab, an dem gebetet wird, und es wird ein Bäumchen auf das Grab der Mutter gepflanzt. Tränen und Bäumchen gehen gleichermaßen in die Opposition zu den realen Verhältnissen, während das Gebet das Mädchen mit seinem Urvertrauen in eine höhere Macht verbindet und ihm das Gefühl gibt, dass alles gut ist. Unter anderem wird das Bäumchen die Kleider liefern, mit denen der Widerstand gegen die Unterdrückung abgeschlossen und das endgültige Aufdecken der wahren Identität möglich gemacht wird. Das Bäumchen wird den inhärenten Wert des Mädchens im Außen sichtbar machen, während die Anwesenheit des Bäumchens, die Tatsache also, dass es das Bäumchen gibt, Aschenputtel in der Selbstregulation hilft.

Mit „fromm und gut“ ist also Vertrauen gemeint, Urvertrauen sogar. Wenn das Mädchen sich der höheren Macht anvertraut, kann die höhere Macht in seinem Leben wirken. Hier wird das Kind also nicht in den Passivpol der Angepasstheit geschickt, wie die moderne Lektüre es vermutet, sondern es wird in sein Selbstvertrauen und sogar in sein Urvertrauen, in sein ihm inhärentes Geliebt- und Gehaltensein hineingeführt. Das sind die Dreiecksflächen des vierten und sechsten Dreiecks mit den Themen Bindung und Transzendenz. Die Mutter will dazu die Yin-Kraft repräsentieren, und sie überantwortet Gott die Yang-Kraft, die dem Kind beistehen soll. Ihr Kind auf diese Art sicher, geborgen und geschützt wissend, verlässt die Mutter mit ihrem Körper die Erde und das Leben. Wenn das Mädchen nun jeden Tag hinaus zum Grab der Mutter geht, weint und dabei „fromm und gut“ bleibt, leistet es vertrauensvolle Trauerarbeit und Integration des Schmerzes in der Verbindung zwischen seinem Geist und dem Geist der Mutter. 

Die gesamte Atmosphäre dieses Trauerjahres bleibt friedvoll und rhythmisch. Es wird jenes Einssein mit der Natur erzählt, das auch im Märchen “Die zwölf Brüder” die essenzielle Heilung herbeiführt. 

Unterschiedliche Arten der Trauerbewältigung

Am Ende des Trauerjahres zeigt sich dann, wie unterschiedlich die innere Entwicklung und die Bewältigung der Trauer bei Tochter und Vater vonstatten gegangen ist. Unbewältigtes und Verdrängtes zieht nun als Schattenmanifestation und Gegenpol ins Haus ein. Die Töchter, die die neue Frau mitbringt, sind zwei, die äußerlich schön erscheinen, innen aber leer und hohl sind. 

Statt sich von der Trauer berühren und verwandeln zu lassen, hat der Vater nur die Zeit vorübergehen lassen, bis er die Lücke neu füllen konnte. Äußerlich mag den Sitten gemäß Trauer getragen worden sein, aber innerlich wurden die Gefühle verdrängt und so der Schatten genährt, statt das innere Kind mit Achtsamkeit zu versorgen. Dem Kind wurden Präsenz, Mitgefühl und die Wertschätzung seiner Gefühle versagt. Um eine Allianz zwischen Vater und Kind herzustellen, hätte der Vater die eigene Yin-Kraft reaktivieren müssen, die aber nunmal verloren gegangen war. Zum Schatten der Schuld- und Wertlosigkeitsgefühle geht die neu eingezogene Herrschaft der kaltherzigen Frau und ihrer beiden garstigen Töchter in klare Resonanz. Wenn die Bosheit einzieht, haben die innere Kälte und die Verwahrlosung des inneren Kindes die Erlaubnis dazu gegeben. Der Strafe und Herabwürdigung im Aktivpol steht der Passivpol des Schuldgefühls und der Selbstabwertung gegenüber. Es ist der Vater, dessen abwesende Yin-Kraft in Form von Präsenz und Selbst-(Empathie) und dessen fehlgeleitete Yang-Kraft in Form eines passiven Nichtstuns (statt eines aktiven Nicht-Tuns) den garstigen Töchtern erlaubt, sein Kind herabzuwürdigen. Exakt diese Position wird auch im Märchen “Die zwölf Brüder” erzählt, in der die passive Mutter die Flucht ihrer Kinder und das Aufkeimen der Rache in ihnen zu verantworten hat. Die Yin-Kraft kann also in beiden biologischen Geschlechtern verlorengehen.

Hier wird ein Helfersyndrom konditioniert: Aus “Wer Brot essen will, muß es sich verdienen” wird im wahren Leben der Glaubenssatz: “Ich muss erst etwas leisten, bevor ich annehmen kann.” Alle erdenkliche Art von Herabwürdigung findet unter den verschleierten Augen des Vaters statt. Es ist der Schleier fehlender Wachheit oder der Schleier des Egos, das alles Geschehen innerhalb der Schattenfärbungen verdreht. Indem man den Faden rückwärts aufspult, gelangt man zum Beginn des Knäuels, dessen beide Enden jeweils das schutzlose Kind im Passivpol und die garstigen Schwestern im Aktivpol in den Händen halten, so dass vordergründig eine Täter-Opfer-Geschichte erzählt wird.

Am Ende des Fadens steht die namensgebende Herabwürdigung. Sie nennen die neue Schwester Aschenputtel. In den Schritten davor steht die aktive Demütigung, das Entwenden der Kleider, das Vorenthalten eines würdevollen Schlafgemachs, die zur Schikane auferlegten Aufgaben im Haushalt. Wenn man die spiegelnde Sprache der Schwestern beachtet, die Aschenputtel vorwerfen, eine stolze Prinzessin zu sein, während sie sie in Sack und Asche sehen wollen, wird die Projektion sichtbar, die bereits mit der Einführung der Schwestern als „schön und weiß von Angesicht (…), aber garstig und schwarz von Herzen“ offenbart wurde. Sie behandeln ihre Stiefschwester so, wie sie sich in ihrem Innern fühlen, projizieren ihre uneingestandene Angst, von dem neuen Vater nicht geschätzt und geliebt zu werden, auf die leibliche Tochter. In der grundsätzlichen mentalen Abwesenheit des Vaters wird die Angst vor der Wertlosigkeit leicht aktiviert, denn sehr vermutlich mangelt es im Haus an einem respektvollen Umgang miteinander. Die Angst könnte aber auch schon vorher in der ebenso lieblosen Erziehung im Haus der Mutter angelegt worden sein, während die Schwestern offenbar bereits einen eigenen Vaterverlust haben verkraften müssen, sonst hätte die Mutter ja jetzt keinen Witwer heiraten können. Wo Präsenz fehlt, fehlen auch alle weiteren Yin-Qualitäten. Es ist also anzunehmen, dass sie, genau wie Aschenputtel, ein Verlusttrauma und ein symbiotisches Trauma erlitten haben, das sie nun zu kompensieren versuchen, während Aschenputtel ihr Trauma zu kontrollieren versucht. Die Schwestern erfahren den neuen Vater als kalt und wenig zugewandt und dürften den Mangel auf sich beziehen und auch die Ursache und die Schuld für diesen Mangel bei sich sehen, wie Kinder es eben tun, wenn sie sich in einem neuen Familienkreis nicht angenommen und nicht willkommen fühlen. So bleibt der Kreislauf des Wertlosigkeitsselbstkonstrukts aufrechterhalten und wird die Angst weiter genährt. Da die Töchter schon mit diesem dunklen Wesen im Haus ankommen, dürfte davon auszugehen sein, dass sich ihr bedauerlicher Mangel an Kinderstube aus vorherigen Wert- und Lieblosigkeitserfahrungen plus den Forderungen nach prestigefördernder äußerer Ansehnlichkeit und Vorzeigbarkeit zusammensetzt. Vermutlich fokussiert die Imitation der mütterlichen Wertbekundung ausschließlich das äußere Bild der Töchter, weshalb es den Schwestern gerade so wichtig erscheint, die Stiefschwester der äußerlichen Schönheit zu berauben. In der Ansehnlichkeit und Vorzeigbarkeit konkurrieren die drei jungen Frauen um die Wertschätzung des neuen Elternpaars, ohne zu ahnen, dass beide Elterninstanzen keine Quelle echter Wertschätzung sind. Beide Elternteile nehmen das jeweilige Leid ihrer Kinder nicht wahr, die Angst vor der Wertlosigkeit bei den beiden Stiefschwestern und das Erduldenmüssen der Angstprojektion auf der Seite des leiblichen Kindes des Vaters, das am Ende also zu einem Aschenputtel wird. Angst, Projektion und Leid finden unter dem leeren und damit der Spiegelung unfähigen Blick des Elternpaars völlig unbezeugt und unkommentiert statt.

Die Bedeutung des Bäumchens

Das Bäumchen, das für Aschenputtel zum späteren Wunschbäumchen wird, steht für die Manifestations- und Heilkraft des Kindes, für seine Resilienz also, die sich aus seiner Herzensverbindung mit der Yin-Kraft der verstorbenen Mutter speist. Es gelangt in Aschenputtels Besitz, als die Schwestern, nach ihren Wünschen befragt, wieder mit materiellen Werten antworten, von denen sie sich die Kompensation ihrer Minderwertigkeitsgefühle erhoffen müssen. Aschenputtel aber fühlt sich nicht minderwertig und braucht keine Kompensation, selbst wenn es derzeit noch den empfangenden Passivpol besetzt, wo es zu kontrollieren versucht, was mit ihm geschieht, weil es noch keine Grenzen setzen kann. Aschenputtels Antwort spiegelt seine Verbundenheit mit dem Kosmos und seiner Manifestation, der Natur, wider. Das Mädchen will einen Haselreis und erhält ihn auch vom Vater, weil er ihm auf seiner Reise tatsächlich an den Hut gestoßen ist. 

Die Emanzipation Aschenputtels beginnt jetzt. In seinem Innern macht Aschenputtel sich unabhängig von dem, was seine Familie ihm zu geben bereit oder nicht zu geben bereit ist. Seine Verbindung mit dem Kosmos, die bereits all die Jahre durch Aschenputtels Gebete gepflegt worden war, wird durch das Bäumchen stabilisiert. Jetzt kann sie aufblühen und erste Früchte tragen:  

Die Wunscherfüllung ist das Wirksamwerden des Selbstvertrauens, das die leibliche Mutter vor ihrem Tod in das Kind gepflanzt hatte. Indem Aschenputtel das Bäumchen pflanzt, bestätigt und aktiviert es die innere Ressource seiner eigenen Yin-Kraft und sorgt wirksam für sich selbst, lange bevor es zu den drei wichtigen Wünschen kommt, die über Aschenputtels Zukunft entscheiden. Vermutlich ist es Aschenputtels Sensibilität, die im Gegensatz zu der der Stiefschwestern lebendig und hoch geblieben ist, die den Zugang zu seiner Yin-Kraft ermöglicht, denn immerhin ist die Sensibilität die systemimmanente Manifestation der Yin-Kraft. Wird die Sensibilität und Empfindungsfähigkeit nicht durch die Selbstentfremdung getötet, schneidet der Mensch sich auch nicht von seiner Yin-Kraft ab und umgekehrt. Sich von seiner Yin-Kraft abzuschneiden indem man sich von sich selbst entfremdet, tötet die Empfindungsfähigkeit, gerade so, wie es dem Vater geschehen war und wie es die Schwestern später im Abschneiden ihrer Körperteile Zehe und Ferse manifest werden lassen. Aschenputtel aber weint und betet. Das Weinen ist Ausdruck ihrer Empfindsamkeit und ihrer Präsenz für ihren Schmerz, den es sich nicht verbeißt und von dem es sich nicht abgeschnitten hat. Was Aschenputtel zutiefst empfindet und durch die Tränen zum Ausdruck bringt, ist eine innere Opposition zum Geschehen im Haus ihres Vaters. Sie identifiziert sich nicht mit der erlittenen Herabwürdigung, der ihr zugeteilte Name wird also nicht Teil ihrer Identität. Stattdessen bildet jener Teil ihrer Empfindsamkeit, der Präsenz, Empathie und Selbstwertschätzung ist, eine kritische Instanz der Bewertung und Distanzierung. Aschenputtel spaltet die Erfahrung eben nicht ab, sondern lässt sie voll und ganz zu und schafft im Gebet eine Verbindung zu ihrem höheren Selbst, um über die Erfahrung hinaus zu gehen. So  kann es in dieser, von der Mutter für das Kind erhofften inneren Geborgenheit, auf Distanz zum äußeren Geschehen gehen. Wenn hochsensible Menschen ihre hohe Sensibilität also richtig anzuwenden lernen, indem sie echten Gefühlsausdruck und die Integration von Erfahrung zulassen, sie zugleich aber transzendieren (was die gegenteilige Richtung zum Verdrängen ist), sind sie in der so entstandenen natürlichen inneren Ruhe weit besser geschützt vor äußeren Einflüssen als jedes sprichwörtliche dicke Fell, das ihnen so oft geraten wird, sich zuzulegen, ihnen je an Schutz gewähren könnte. Es ist die aktive Stille, die so entsteht, in der das innere Kind zuhause sein kann und sich wertvoll fühlt, egal, was im Außen geschieht.

Verlauf der Emanzipation

Nach der königlichen Einladung wird im erzählten Geschehen deutlich, dass Aschenputtel schon lange nicht mehr das Aschenputtel ist, für das man es hält oder zu dem man es erklärt hat – falls es das überhaupt je war. Wir dürfen es hoffnungsvoll bezweifeln. Dem Aschenputtel-Typ der psychologischen Märchenrezeption, die das Cinderella-Syndrom benannt hat, würde man jedenfalls nicht den Mut der Hartnäckigkeit zutrauen, wie Aschenputtel ihn in den Bitten gegenüber der Stiefmutter zeigt.

Diese Skizze widerspricht nun dem Mythos, dass wir das Verhalten anderer durch unser eigenes Auftreten beeinflussen könnten. Das können wir nur bedingt, wenn überhaupt. Wenn im Dialogpartner kein Erwachsener aktiviert ist, kann er auch nicht angesprochen und wirksam erreicht werden. Unsere erwachsene Ansprache wird dennoch mit einer kindlichen Reaktion bedacht, solange der andere Mensch in seiner Unbewusstheit sich selbst gegenüber verharrt. Durchaus wäre die Stiefmutter zu einer mitfühlend zurückweisenden Antwort berechtigt, wenn die Umstände eine Zurückweisung des an sie herangetragenen Ansinnens rechtfertigen würden. Erwachsen würde ihre Antwort aber nur dann ausfallen, wenn sie sowohl ihre Einstellungswerte als auch ihre schöpferischen Werte eingebracht hätte und dann sagen müsste: “Es tut mir Leid, ich kann oder möchte dir jetzt nicht helfen.” Damit würde sie Aschenputtel aber die Freiheit lassen, sich selbst zu helfen. Die aber gesteht die Stiefmutter der Stiefmutter gerade nicht zu.

Aschenputtels Bewusstsein für seinen Wert lässt es auch nach der ersten Absage nicht einknicken. Es bittet also ein erstes Mal, ganz aus dem Selbstwertgefühl heraus, ebenfalls ein Recht auf den Ballbesuch zu haben. Darauf versucht die Stiefmutter es aber durch Herabwürdigung in die Asche (in den Passivpol) zurückzuschicken. Sie selbst antwortet aus dem Aktivpol, aus der Selbstüberhöhung heraus. Jetzt kommt bei Aschenputtel ein erstaunlicher Zug an den Tag, der nur zu einem Menschen passt, der um seinen Wert weiß, sich darin sicher fühlt und sich aus dieser Sicherheit heraus für den eigenen Wert einsetzt: 

Aschenputtel lässt sich nicht in den Passivpol schicken. Worauf die Stiefmutter es einmal mehr zu schwächen versucht, und zwar aus dem Schatten der eigenen Angst heraus, ihre Töchter könnten in ihrem Wert herabgesetzt erscheinen, wenn sie sich von Aschenputtel begleiten ließen.

Wenn-Dann… Das ist der Prototyp der bedingten Liebe und die Konditionierung des Aufschiebens von allem, vor allem von Glück. Die so wirksam alles verhindernde Formel “Erst-wenn-ich…dann-werde-ich…” wurde eingeführt mit der scheinbar erzieherischen Formel “erst-wenn-du-xy-getan-hast-darfst-du”, und “darfst du” repräsentierte das Geliebtwerden. Von einem anderen Menschen werden wir erst geliebt und für wert erachtet, etwas tun zu dürfen, wenn wir seinen Vorstellungen entsprechen. Wirklich bedingungslos ist nur unser eigenes Bewusstsein für unseren uns inhärenten Wert und unser uns inhärentes Geliebtsein zu haben. Genau dieses Bewusstsein zeigt Aschenputtel, indem es sich den Bedingungen nicht widersetzt, aber auch nicht unterordnet, sondern mit ihnen mitschwingt, um sie zu gestalten. Auch diesmal lässt Aschenputtel sich in seiner mentalen Haltung der Selbstwertschätzung nämlich nicht schwächen. Ohne jeden Kommentar, ohne jede Bewertung des Verhaltens der Stiefmutter, ohne weiteres Gerangel und Gezanke, macht es einfach, was es für richtig hält. Konsequent. Kein Zögern. Kein Hadern. Keine Selbstzweifel. Das Mädchen ergibt sich nicht in der Rolle des Opfers in sein Schicksal, sondern fügt sich, in den Fluss des Moments gehend, dem, was sich an Momentqualität bietet und nutzt seine sich trotz der äußeren Limitierung offenbarenden inneren und äußeren Ressourcen. Es ist die Verwirklichung des Wunsches der Mutter, der liebe Gott möge ihrem Kind beistehen, selbst wenn Gott keine anderen Hände als die unseren hat in dieser Welt und wir die Hintertür schon selbst öffnen müssen:

„Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ steht für Aschenputtels erwachsenes Unterscheidungsvermögen: Meine Verantwortung zu mir, deine Verantwortung zu dir, was ohne Schuldzuweisung geschieht, in der einfachen Haltung der Selbstverantwortung. Es wird sich keinen Schuh mehr anziehen lassen, der nicht passt. Oder umgekehrt: Das Märchen erzählt davon, wie man lernt, sich nur noch Schuhe anzuziehen, die passen. Und es öffnet die Tür, geht in den Garten hinaus, in die Freiheit also, und bittet um Hilfe.

Die guten Körnlein in die Schüssel

Das ist der göttliche Beistand, um den die leibliche Mutter für das Kind gebeten hatte. Die Yang-Kraft verwirklicht sich in der Hilfsbereitschaft der Tauben, die auf Aschenputtels Bitte hin aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen. Sie aktivieren die Ressourcen der heranwachsenden jungen Frau in der Symbolik, die guten Körner in die Schüssel zu sammeln. Im Geburtshoroskop wird die rechnerische Größe des aufsteigenden Mondknotens als eine umgekehrte und daher noch leere Schale dargestellt. Dieser aufsteigende Mondknoten zeigt das Potenzial eines Menschen an, das er in dieser Inkarnation (ausgehend von einem Entwicklungsstand aus einer vorherigen Inkarnation) entwickeln kann, darf, will und soll. „Die guten Körnlein in die Schüssel“ meint also, dass das Entwicklungspotenzial nun realisiert wird, indem die notwendigen erwachsenen Ressourcen aktiviert werden. Das verwirklichte Potenzial ist die Ernte, wie sie später im Frau-Holle-Märchen im Goldregen und in der Heimkehr thematisiert wird. Das aktivierte Potenzial steht bereit, um in der Welt wirksam zu werden. Aschenputtel bietet diese Ressourcen der Stiefmutter dar (eigentlich bietet es sie dar, um die Stiefmutter und den von ihr verkörperten Schatten der Wertlosigkeitsempfindung zu überwinden), muss aber feststellen, dass Werte noch nicht stabil genug ausgebildet sind und die Transformation noch nicht abgeschlossen ist. 

Hier wird ein Mensch konsequent an seiner Selbstverwirklichung gehindert und in seinen Möglichkeiten des authentischen Ausdrucks limitiert. Kleider, Schuhe und Tanz gehören hier zum Instrumentarium des Ausdrucks und des Sichtbarwerdens in der Welt. Im Sprichwort allerdings, das zu diesem Dreieck hier passt, würde es heißen: „Übung macht den Meister.“ Innerhalb des aristotelischen Spannungsbogen befinden wir uns im zweiten Akt, dem Scheitern eines Lösungsversuchs. Die Heldin ist explizit aufgefordert, es nicht einfach nur den Stiefschwestern im Aktivpol gleichzutun, das Leben nicht nur zu konsumieren und vorübergehen zu lassen, sondern es zu meistern. Es braucht eine höhere Konzentration von Kraft und Anstrengung, um das eigene Potenzial vollständig zu aktivieren, so dass man mit sich selbst identisch wird, sich also selbst vollkommen verwirklicht. Mit dem Hinweis auf das, was vermeintlich noch fehlt, verweist die Stiefmutter Aschenputtel vordergründig wieder auf seinen Platz im Passivpol und in der Asche. Hintergründig wird aber darauf verwiesen, dass ein noch größeres Potenzial auf seine Aktivierung wartet, selbst wenn die Stiefmutter keinerlei Kenntnis von den vorhandenen mentalen und spirituellen Ressourcen der Stieftochter hat, um die es hier geht, und nicht die Fähigkeit besitzt, ihre weitere Ausbildung auf andere Art zu ermutigen als durch die Hindernisbildung. Gerade in ihrem Wesen des Hindernisses aber wird die Stiefmutter vom Schicksal zum Helfer gemacht und Aschenputtel aufgefordert, über den Aktivpol und damit über den Schatten in seiner Gesamheit hinauszugehen.

Wir wachsen an unseren Herausforderungen

Die Hindernisse, die die Stiefmutter ihrer Stieftochter in den Weg stellt, werden gewichtiger. Zwei Schüsseln Linsen jetzt, und wieder in der sprichwörtlich stiefmütterlichen Motivation, die Konkurrenz wirksam von ihren leiblichen Töchtern fernzuhalten. Aschenputtel aber benutzt wieder die Hintertür zum Garten, nutzt wieder die innere Freiheit ihres Vorstellungsvermögens, bittet um Hilfe, statt in einen unsinnigen Kampf einzusteigen. Damit scheut es keineswegs die Konfrontation, sondern entledigt sich des Seilendes, das es als Kind in die Hand gedrückt bekommen hatte und das es weiterhin im Konflikt halten will. Indem es die Hintertür zum Garten öffnet, aktiviert es seine Yin-Kräfte und öffnet seinen Geist, hier vor allem für die Akzeptanz und für die Freiheit. Indem es die Tauben ruft, aktiviert es seine Yang-Kräfte, hier vor allem die Selbstfürsorge und die Schöpferkraft. Dass seine Kräfte gerade an den bereitgestellten Hindernissen wachsen, wird durch die auf die Hälfte verminderte Zeit symbolisiert, die die Tauben für die doppelte Menge an Linsen brauchen.

Auch die zweite Präsentation seiner erstarkten Bewusstheit für seine Ressourcen bringt Aschenputtel keinen Erfolg im Sinne des Ansinnens, ebenfalls auf den Ball gehen zu dürfen und in der Welt sichtbar und wirksam zu werden. Aschenputtels Erstarken wird ignoriert und es wird weiter auf seine vermeintlichen Schwächen und Mängel verwiesen. Man will es gar nicht erstarken lassen, um die Konkurrenz um die mögliche und zugleich limitierte Wertschätzung von Außen – durch den Vater, der für die Vergangenheit steht und jetzt auch durch den Königssohn, der für die Zukunft steht – klein zu halten.

Spirituelle Fähigkeiten und fehlende Antennen

Jetzt aktiviert Aschenputtel mehr als nur seine erwachsenen Ressourcen. Es setzt seine spirituellen Fähigkeiten der Meisterschaft und der Manifestationskraft ein, mit der es seine Wirklichkeit aktiv gestaltet. Es gestaltet seine Welt und sein Leben mit allem Material, das sich ihm bietet. Und ihm bietet sich eine spirituelle Verbindung zu einer Geisteskraft, deren Quelle ganz offenbar jenseits der manifesten und erfahrbaren Welt liegt und deren Macht und Kreativität jede individuelle Vorstellungskraft noch überbietet. 

Der bestimmte Artikel, mit dem der Vogel bezeichnet wird, der das erste Kleid herunter wirft, deutet darauf hin, dass die beiden, Aschenputtel und der Vogel, einander gut bekannt sind. Ohne jede Hemmung oder Scheu und ohne Angst oder Selbstzweifel legt Aschenputtel das dargebotene Kleid an und geht zur Hochzeit. Weshalb Stiefmutter und Stiefschwestern es dort nicht erkennen, liegt nicht etwa an einer gelungenen Maskierung durch das Kleid, sondern im Gegenteil an der neuen Authentizität der jungen Frau, für die die bisherige Familie in ihrem Schattendasein keine Antennen hat. Die Stieffamilie sieht nur durch die Brille der limitierten und limitierenden Selbstbildkonstruktionen und deren Projektionen. Sobald sie die Wahrheit präsentiert bekommen, sehen sie nichts mehr. Vor allem aber sind sie blind für eine höhere Frequenz als sie selbst sie verkörpern. 

Die Schwingung von Aschenputtels Wahrheit ist so hoch, dass sie für die niedrige Schwingung der Stieffamilie unsichtbar ist. Wir erkennen in anderen nur, was wir in uns selbst tragen: Dieser Satz gilt für verdrängte Schwächen wie für verdrängte Stärken. Selbst wenn sie Aschenputtel erkennen wollten, sie könnten es nicht. Das ist mit dem Verb „kannten es nicht“ gemeint. Ganz davon abgesehen natürlich, dass in der üblichen selektiven Sichtweise eines durch Vorannahmen limitierten Geistes nicht sein kann, was nicht sein darf.

Resonanz und Synchronizität: „Das ist meine Tänzerin.“

Was wie eine besitzergreifende Anmaßung wirken könnte, erzählt in Wahrheit von Resonanz und jener Synchronizität, die zwei gleiche Schwingungen just aufeinandertreffen lässt, wenn die Zeit reif ist und die Geist-Körper-Systeme sich synchronisiert haben. Hier verbinden sich zwei Pole an Synergiepotenzial miteinander zu etwas Neuem, in diesem Fall dem Tanz, der Seinesgleichen sucht. Darum wird Aschenputtel zu „das ist meine Tänzerin“. Ein Königssohn, dessen Wert im Märchen außer Frage steht, begegnet Aschenputtel auf Augenhöhe und ohne jeden Zweifel an dessen Wert. So begegnen einander ein äußerer und bereits anerkannter König, der also bereits mit sich selbst identisch ist, und eine innere Königin, die gerade im Begriff ist, sich von ihren Schatten zu emanzipieren, ihre Würde in Gold und Silber zu kleiden und sichtbar werden zu lassen. Der im Königssohn verkörperte Animus bestätigt und unterstützt die weibliche Metamorphose, indem er die in Aschenputtel nun sich verkörpernde Anima ergänzt.

Noch ist es allerdings ein Stück Weg zu gehen bis zur vollständigen Integrität im Bezug auf die Identität Aschenputtels. Die Identität und der innerste Kern finden sich nicht über Nacht. Was in der Märchenforschung manchmal als Koketterie oder als Wertschätzungsprüfung ausgelegt wird, das dreimalige Entwischen Aschenputtels vor dem Königssohn, könnte ebenso als ein letzter Teilabschnitt des Weges der Identitätsfindung gedeutet werden. Hier tritt jeweils der Vater maßgeblich wie unangemessen auf. An seinem Verhalten sieht Aschenputtel sich aufgefordert, seine Werte, Ideale und Prioritäten festzulegen und sie dann auch verbindlich und sich selbst gegenüber loyal und verlässlich zu vertreten, wenn es sich in ihnen stabil eingerichtet fühlt. Zu diesem Zeitpunkt aber verwirren die Forderungen und Wertvorstellungen der Herkunftsfamilie noch Aschenputtels eigene Bestimmtheit und Klarheit. Der Vater ist noch Teil des energetischen Gefüges des Kindes, das noch nicht vollständig zu sich selbst gefunden und sich darum noch nicht von den alten patriarchalen Wertmaßstäben emanzipiert hat. Es lässt sich also noch von seinem eigenen Weg ablenken.

Wäre Aschenputtel noch im Taubenhaus – oder auch später auf dem Birnbaum – gewesen, wäre es ihm wohl äußerst schlecht ergangen. Wie kann das sein? Der Vater hat eine Eingebung darüber, sich zumindest zu fragen, ob es sich bei dem fraglichen Mädchen, nach dem er von dem Königssohn befragt wird, um sein leibliches Kind handeln könnte und er reagiert derart überzogen und destruktiv? Mit seinem Verhalten würde er dreimalig das Glück der einzigen Tochter seiner verstorbenen Frau verhindern, wären nicht andere Kräfte noch außer den seinen am Werk. Zu dieser Dynamik muss man den Mechanismus der Selbstwertlosigkeitskonstruktion verstehen. 

Der Vater als Märtyrer

Der Vater befindet sich seit dem Tod der Ehefrau im Passivpol der Selbstwertlosigkeitsempfindung. Nur darum konnte eine narzisstische neue Frau mit ihm in die Gegenpolresonanz gehen. Über die Identifikation mit seiner Vaterrolle einerseits als Rolle und mit den eigenen Kindern wird das eigene Wertlosigkeitsempfinden auf die Kinder ausgedehnt. Wenn solche Menschen sich selbst keine Zuwendung egal welcher Art gönnen, weil sie meinen, sie nicht verdient zu haben, sind sie aus dem Identitätsgefühl heraus auch nicht in der Lage, ihren Kindern etwas zu gönnen. Die Motivation ist nicht Neid, wie aus dem Aktivpol heraus. Aus Neid soll die Stieftochter es nicht besser haben als die eigenen Kinder. Vielmehr ist die Motivation aus dem Passivpol heraus eine Form von Askese und Deprivation. Was man meinem Kind tut, das tut man mir. Wenn ich mich deiner Aufmerksamkeit als nicht würdig erachte, dann gilt das auch für mein Kind. Wir brauchen nichts. Wir tragen ohnehin schon genug Schuld, wir wollen nicht noch mehr Schuld auf uns laden. Die Wir-Konstruktion des Passivpols verbindet die Opfer untereinander, damit sie sich etwas gestärkt und getröstet, aber auch in ihren Empfindungen und Wertungen legitimiert fühlen können. Zur Not stilisiert der Legitimationswunsch ein Kind zum Opfer, damit die Wir-Konstruktion möglich wird. Sich aus einer derart sanftmütigen Bescheidenheitspose zu befreien ist für Kinder ungleich schwerer als dem offensichtlichen Neid und seiner aggressiven Energie gegenüber irgendwann in die Opposition zu gehen.

Aus diesem Grund nimmt Aschenputtel noch zweimal seinen zugewiesenen Platz in der Asche ein, kehrt also in die alte Identität zurück, in der es mit dem passiven Vater eine Art von solidarischem Raum bewohnt. Es gibt das Kleid jeweils dem Vogel zurück und legt den grauen Kittel seiner alten Selbstbildkonstruktion wieder an, selbst wenn es ein übergestülptes Selbstbild war. Jedes Mal legt Aschenputtel die schönen Kleider wieder aufs Grab, übergibt diese neue, zunächst nur geliehene Identität also vorerst noch dem Tod. Noch hat es seine neue Schwingung nicht vollständig in Besitz genommen.

Kleider machen keine Königinnen, aber machen sie sichtbar

Interessanterweise fragt Aschenputtel am nächsten Tag gar nicht mehr nach der Erlaubnis zum Ball gehen zu dürfen. An sich hat es seinen Weg gefunden und braucht keine Erlaubnis mehr, ihn zu gehen. Vielleicht ist das Kleid, das der Vogel diesmal hinab wirft, darum „ein noch viel stolzeres Kleid (…) als am vorigen Tag.“ 

Das Kleid des dritten Tage übertrifft dann alles: 

Golden sind die Pantoffeln, nicht aus Glas. Nicht zerbrechlich und unbestimmt und durchsichtig, sondern golden. (Die Beschaffenheit aus Glas ist allerdings auch in der französischen Version des Märchens nicht einwandfrei belegt, wo das Wort in einer missverständlichen Schreibweise aufgeführt wird – man konnte Perraults Handschrift nicht entziffern – zugleich aber die Quelle der Glas-Rezeption ist.) Gold steht für die höchste Schöpferkraft. Aschenputtel ist zur Schöpferin ihres Lebens geworden. Und der Pantoffel, der auf der pechbestrichenen Treppe hängen bleibt, ist der linke, der Pantoffel der Yin-Körperseite, der Künstlerschaft und Gestaltungskraft. Die Existenz des Schuhs verdankt sich Aschenputtels Schöpferkraft. Das „Verlieren“ des Schuhs verdankt sich seiner Gestaltungsmacht. (Die Märchenforschung streitet sich nämlich darüber, ob Aschenputtel den Schuh wirklich verliert oder absichtlich fallen lässt, da es in der französischen und älteren Version des Märchens „laissa tomber“ heißt, was mit „fallenlassen“ übersetzt werden müsste.) Aschenputtel integriert die Kräfte der Polarität in sich. Es hat das männliche und weibliche Prinzip in sich aktiviert, wie der Schuh dem Prinzen kommuniziert:  

Klein und zierlich = Yin, und ganz golden = Yang. Dieser Schuh kann nur einer Person passen, nur der rechtmäßigen Besitzerin und über diese Einmaligkeit ist der Königssohn sich völlig im Klaren. 

Wem der Schuh passt – und wem er nicht passt

Die bedauerlichen Selbstverstümmelungen der Stiefschwestern auf Geheiß ihrer unbarmherzigen Mutter erzählen davon, wohin blinder Ehrgeiz, Angst und Selbstentfremdung einen Menschen – und die Menschheit – treiben kann. Weiter in den Passivpol als sich selbst Gewalt anzutun oder es anderen zu gestatten, einen zu verletzen, kann ein Mensch in seinem Wertlosigkeitsempfinden nicht gehen. Weiter als in den Betrug und den Selbstbetrug, eine unpassende und daher unglückliche Beziehung und Ehe einzugehen und in ihr zu verharren, kann auch die Manifestation der Selbstbildkonstruktion der Wertlosigkeit nicht führen. Weiter in den Abgrund geht es nicht und doch ist diese seelische Selbstverstümmelung, von der Ferse und Zehe im Märchen erzählen, trauriger Alltag so vieler Menschen. Diese sich selbst verstümmelnde Selbstentfremdung in Karrieren und Lebensweisen und Beziehungen, die nicht passen, die zu klein und zu eng sind (denn interessanterweise ist der Schuh keiner der Schwestern zu groß, sondern er ist beiden Schwester zu klein), die zerstörerisch und verletzend wirken, führt dazu, dass die Menschen nicht nur sich selbst Gewalt antun, sondern auch ihrer Umwelt, ihren Partnerinnen und Partnern, ihren Kindern, den Tieren, der Erde. Das Messer wird von der eigenen Mutter gereicht, der von sich selbst entfremdeten Yin-Kraft, die in der modernen Welt ihren eigenen Henker in ganz verschiedener Gestalt wählt vom destruktiven Politiker bis zum schädlichen Umgang mit dem eigenen Geist und Körper in der Wahl von minderwertigen Lebensmitteln, im Konsum von minderwertiger Unterhaltung, in der Bewegungslosigkeit, in der Versklavung durch digitale Dienste und so weiter. Und das Messer wird weitergegeben, von der sich selbst entfremdeten Elterngeneration an die Kinder und Kindeskinder…

Es ist der verdrängte Schmerz, der verbissene, der sich, wie das Blut im Schuh, an allen Ecken der Erde dennoch Bahn bricht und von sensiblen Wesen als erstes bemerkt wird. Wieder richtet das Haselnussbäumchen die Dinge und sind höhere Kräfte am Werk, der liebende Geist aus Gott und Mutter, verkörpert in den hilfreichen und sensiblen Tauben. Sie richten mit dem bekannten und von den Kinder so geliebten Reim über Lüge und Wahrheit:  

Verleumdung im Spiegel der Selbstverleumdung und sein Zerbrechen 

In der Verleumdung der (eigenen) Tochter, womit ihr Glück potenziell verhindert werden könnte, was vom Vater billigend, von der Stiefmutter zustimmend in Kauf genommen wird, erfährt das Märchen seinen Höhepunkt der Wertlosigkeitsthematik. Das Elternpaar projiziert die eigenen Wertlosigkeitsgefühle auf die (Stief-)Tochter und würde sie den Preis dafür zahlen lassen, dass diese beiden erwachsenen Menschen sich ihrem Schmerz bisher nicht gestellt haben. Heutige erwachsene Menschen, die sich ihrem Schmerz bisher nicht gestellt haben, lassen ihre Kinder, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Tiere und die Erde den Preis zahlen. 

Indem der Königssohn auf der Sichtung der dritten Tochter besteht und sein eigenes Urteilsvermögen und seine eigene Werteinschätzung einzusetzen gedenkt, wird die Kette vom Vater zur Tochter unterbrochen und wird die Angst vor der Wertlosigkeit überwunden. Ich entscheide selbst, was mir gemäß ist, lautet die implizite Aussage des Königssohns und muss die explizite Aussage der ganzen nächsten Generation lauten. Ab jetzt sind es fürsorgliche Hände, die waschen und kämmen und herrichten und goldene Schuhe reichen und anlegen und schwere Holzschuhe abstreifen und hinter sich lassen. Und es sind Köpfe, die sich in Respekt und Wertschätzung voreinander neigen und Körper, die sich in die Höhe richten und Augen, die die neuen Spiegel bilden. Vor allem, sind es Augen, die einander ins Gesicht sehen und wahrhaft sehen, nicht nur den äußeren Anschein oder die eigene Projektion, sondern die innere Wahrheit des anderen Menschen. Es sind Augen, die durch den Schmerz hindurch zu sehen vermögen und die den wahren Wert des Menschen, dessen man sich jenseits aller Selbstbildkonstruktionen absolut sicher sein kann, zu spiegeln in der Lage sind.

Dass die beiden boshaften Schwestern, die sich am Ende bei dem Paar einzuschmeicheln versuchen, um von dessen Glanz zu profitieren, mit Blindheit gestraft werden, ist letztlich keine neue Bestrafung, sondern nur ein nachfolgendes und konsequentes Symptom. Es ist die Manifestation derjenigen Blindheit, die echten Wert ohnehin nicht sieht. Die beiden Tauben rechts und links auf Aschenputtels Schulter stehen für den in Aschenputtel vereinigten Geist der überwundenen Dualität und integrierten Polarität. Nicht die Heirat macht Aschenputtel vollständig, sondern die Heirat ist die Manifestation seiner Vollständigkeit und Integrität, wie die Blindheit und Verstümmelung der Schwestern die Manifestation ihrer Unbeweglichkeit und ihres Wachstumsunwillens ist. Blindheit und Verstümmelung lassen sie weiter abhängig sein von einem Außen, das ihnen Wert verleihen möge, weshalb sie die Schmeichelei beim jungen Königspaar nötig haben. Sie versuchen das Königspaar zu einer Wertschöpfung zu instrumentalisieren, zu der sie sich aus ihrer eigenen Reife heraus nicht fähig fühlen. So bleiben sie nicht nur an Füßen und Augen verstümmelt, sondern sind es vor allem in ihren Herzen und an ihrer Psyche. Das aber ist der Ort, an dem die Menschheit gerade steht, wo sie sich derzeit noch den Schmerz der Selbstentfremdung und Selbstverstümmelung verbeißt. Es deutet sich allerdings hoffnungsvoll an, dass die nächste Generation das dargereichte Messer zurückweist und eine andere Geschichte sich zu erzählen beginnt. Hoffentlich wird es die von Aschenputtel sein, an dessen Ende das Feuer der Yin-Kraft wieder entfacht sein wird. So würde die Nachhaltigkeit das Kind aus Achtsamkeit (Yin) und Rücksichtnahme (Yang) werden können.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein