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Nummer 6: Die zwölf Brüder

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im zweiten Dreieck 
zum Thema Selbstbewusstsein und Lebendigkeit

Das waren aber lauter Buben…

Dieses „Aber“ muss einen sogleich stutzig machen, oder? Was soll die Einschränkung an dieser Stelle, wenn die Eltern doch angeblich in Frieden miteinander leben und sich über eine Nachkommenschaft von zwölf Kindern freuen könnten? Was für eine Art von Frieden soll das sein, der die Herabwürdigung der eigenen Kinder gestattet, und zwar aufgrund ihres biologischen Geschlechts? Welche Botschaft wird hier den Kindern vermittelt? Was empfangen sie von ihren Eltern über ihr Gewünschtsein in der Welt? Ein mögliches Unbehagen der einschränkenden Konjunktion gegenüber wäre sehr berechtigt, denn es kommt noch viel schlimmer.

Unter der Nachkommenschaft leben zwölf Verkörperungen des männlichen Prinzips, aber bisher noch keine Verwirklichung des weiblichen Prinzips. Die märchenjenseitige Welt, unsere moderne Wirklichkeit, die bisher nur vom männlichen Prinzip dominiert wird, befindet sich, zugegeben, unter dieser männlichen Dominanz in höchster Not. Zu Zeiten der Brüder Grimm, als das Märchen aufgeschrieben wurde, war die industrielle Revolution in vollem Gange. Zwei Jahrhunderte später sagen die Kinder der Welt vor ihren Parlamenten aus, dass das diese Welt, für die sie das Haus als Metapher wählen, in Brand stehe. Was der Welt eklatant fehlt und was die Kinder so dringend zu reklamieren versuchen, ist eine echte Präsenz für den Zustand der Welt, ist das Mitgefühl und das Verantwortungsbewusstsein, diesen Zustand heilen zu wollen. Es ist die tief gefühlt Verbundenheit mit der Welt und mit den Kindern und ihrem Wohlergehen, die fehlt. Es ist die Weisheit, die fehlt, um zu erkennen, dass Opfer ganz einfach notwendig sein könnten, nicht als Sündenbock erbracht, sondern als überpersonaler Liebesdienst, um der Welt die notwendige Fürsorge zukommen zu lassen, indem ihre System neue ausgerichtet werden. Es fehlen in der Welt die Liebe und das weibliche Prinzip als ihre Verkörperung. Es herrscht zu viel Yang-Energie, zu viel männliches Prinzip dominiert, das gelenkt wird nicht vom weiblichen Prinzip, sondern vom inneren Kind, vom Ego. Das innere Kind ist traumatisiert. Es ist abgetrennt von der Yin-Energie und der Weisheit und so ist das Weltenkind emotional, mental, rational und spirituell in einen äußerst schlechten, einen äußerst vernachlässigten Zustand geraten.

So sehen das auch der König und die Königin und pendeln, wie immer, wenn ein Prinzip im Extrem vorliegt, in den anderen, den ebenso extremen Gegenpol: 

Das nennt man das Kind mit dem Bade ausschütten. Ungewöhnlich, könnte man meinen, dass dem Weiblichen ein derart hoher Wert zugemessen wird, dass ihm allein das Königreich zufallen und der Reichtum sich bei ihm, dem Weiblichen, konzentrieren soll. Die Zersplitterung des Reichtums aber auf die verschiedenen Aspekte des Männlichen, die gerade nicht durch das Weibliche geeint erscheinen, dürfte dem Königreich bisher wenig Fülle beschert haben oder in Zukunft in Aussicht stellen. Stünde Fülle in der Repräsentation durch das zersplittert Männliche trotz allem in Aussicht, würde kein König sich gegen die Prosperität seines Reiches stellen und ein einzelnes Prinzip bevorzugen. Ein König, der in der Diversität Einigkeit erkennt, wird die Fruchtbarkeit der Diversität und die in ihr liegende Polarität fördern. Dualität allerdings, wie sie im männlichen Konkurrenzdenken vorherrscht, bringt Zerstörung, Krieg und Leid über ein Land. Demgegenüber setzt der König auf das einend Weibliche und lässt die zwölf Särge bereits anfertigen. Typisch männlicher Aktionismus im Aktivpol-Extrem: Das passt mir jetzt nicht mehr, also kommt es weg und zur Not reiße ich es mir aus dem Herzen. Was in unserer Welt nun für rationales Handeln gehalten werden könnte, ist in Wahrheit ein zutiefst emotionsloses und unbarmherziges Handeln, das wenig mit Ratio, aber viel mit dem primitivsten Überlebensinstinkt zu tun hat.

Die Mutter stellt zwar das ausgleichende weibliche Element dar. Da sie aber (dem Frauenbild der historischen Zeit gemäß) und auch innerhalb der Märchenerzählung vom Ehemann zum Schweigen und zum Nichthandeln verdammt wurde, besetzt sie nicht den integrativen Aspekt der Yin-Kraft, sondern den gelähmten und nicht handelnden Passivpol. Sie verhält sich in ihrer Trauer still und passiv. Entgegen des patriarchalen Verbots spricht sie zwar über die zwölf Särge, richtet aber nichts gegen den Plan aus, der ihre zwölf Kinder zu töten beabsichtigt. Benjamin dagegen, der mit seiner Nähe zur Mutter und seinem biologischen Geschlecht Sensibilität und Maskulinität zu vereinen scheint, geht über die dualistische Perspektive hinaus: 

Die Mutter nimmt den Impuls der scheinbaren Selbstverantwortung auf und entwickelt ihn nun zum Plan aus. Die Selbstverantwortung ist deshalb eine nur scheinbare, weil dem Kind die Kompetenz zur Selbstverantwortung fehlt. Die Aussage ist zwar eine erwachsene, überfordert das Kind aber, wie man später im Märchen sehen wird. Die Brüder möchten, so führt die Mutter den Plan weiter, vom Wald aus auskundschaften, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt brächte und entsprechend fernbleiben oder zurückkehren: 

Es kommt dann, wie es im Fall von Zurückweisung und Ausgeschlossensein kommen muss: Als das verabredete Zeichen der Fahne die Geburt einer Schwester anzeigt, geraten die Brüder in den kindlichen Zorn der Zurückgewiesenen und etwas Misogynes entsteht in ihnen. So wie in ihnen das gesamte Männliche abgelehnt und vertrieben wurde, lehnen sie nun das gesamte Weibliche ab und wollen es töten, wobei das Weibliche zur Projektionsfläche ihres Gefühls der erlittenen Zurückweisung wie auch der kindlichen Überforderung, der Angst und des Schmerzes wird: 

Die Schattenverstrickung, konkret die symbiotische Traumatisierung, die sich in den Emotionen Neid, Eifersucht, Zorn und Rache ihren Weg an die Oberfläche bahnt, wird durch die Wald- und Dunkelheitsmetapher wie auch durch das Verwunschene symbolisiert, dessen Wesen und Bedeutung sich in diesem Märchen erst später zeigen wird: 

Das Haus steht leer und bietet damit einerseits eine Zuflucht, andererseits symbolisiert die Leere des Hauses auch die Leere in den Herzen der zwölf Brüder, die ihre Familie verloren haben, selbst wenn sie einander Gesellschaft leisten. Das Verwunschene an dem Häuschen, das sich später als karmisches Wesen offenbaren wird, zeigt sich nicht sofort. Zehn Jahre leben die Brüder gänzlich unbehelligt dort, leben von der Jagd aus dem Wald und von Gemüse aus dem kleinen Garten. Das Verwunschene wächst in dem Garten mit, wenn auch durchaus nicht als Unkraut, sondern als stolze Lilien, die ein fragiles Gleichgewicht symbolisieren, das jederzeit zusammenbrechen kann. Der Fluch auf das Männliche und der Rachedurst gegenüber dem Weiblichen hat etwas in Unordnung gebracht, das in den Blumen gespeichert wird. Es ist in der Welt.

Die kleine Schwester

Die kleine Schwester der zwölf Brüder kommt als ein äußerlich erkennbar besonderes Kind auf die Welt:

Der goldene Stern wird noch mehrmals erwähnt, ohne, dass er eine explizite Funktion erhielte. Also muss er eine implizite Funktion haben. Dem Verhalten der Schwester nach könnte man vermuten, dass sie über diesen Stern (und ihren präfrontalen Kortex, auf den die Körperstelle, die Stirn hindeutet) vertrauensvoll mit ihren eigenen Sternen verbunden ist.

Über die Bedeutung des Sterns als besonderes Merkmal für Außergewöhnlichkeit

Es gibt einige Märchen, in denen die Heldinnen und Helden sich von den meisten anderen Märchenheldinnen und -helden unterscheiden. In unseren Dreiecken habe ich sieben von ihnen ausgewählt und in die Dreiecksspitzen gestellt: Der süße Brei, Die zwölf Brüder, Schneeweißchen und Rosenrot, Die Sterntaler, Rapunzel, Der treue Johannes, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Das Besondere an diesen erzählten Heldinnen und Helden ist, dass sie zwar anderen Märchenfiguren in ihrer Transformation von irgendeiner verwunschenen Gestalt zurück in ihre Ursprungsgestalt hilfreich zur Seite stehen indem sie als Lehrer oder Heiler dienen, dass sie selbst aber keine Transformation (mehr) zu durchlaufen haben. Heilung wird von ihnen herbeigeführt durch das, was man Vergebung nennen könnte: Sie sehen durch die verwunschenen Anteile ihres Gegenübers hindurch auf die gesunden, wahrhaftigen Anteile und behalten sie fest im Blick. Jenseits der verwunschenen Gestalt sehen sie, was das verwunschene Wesen in Wahrheit ist und adressieren immer nur diesen Teil. Sie selbst aber müssen keine Metamorphose vollziehen. Sie bleiben die ganze Märchenerzählung lang in ihrem Wesen gleich und bringen von Anfang ein Merkmal mit, das sie als bereits mit sich selbst identisch und mit einer höheren Macht verbunden kennzeichnet. Die anderen Märchenheldinnen und -helden, die Metamorphosen durchlaufen, bringen durchaus Liebreiz, Anmut, Fleiß, Schönheit, Liebenswürdigkeit und Geliebtsein mit in ihr Leben, aber diese Märchenheldinnen und -helden hier tragen ein zusätzliches Merkmal, das auf eine archetypische Kraft in ihnen hinweist. Das kann eine Glückshaube sein (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren) oder ein Stern auf der Stirn (Die zwölf Brüder). Es kann eine Gabe sein wie der authentische Ausdruck über den Gesang, der die innere Freiheit symbolisiert (Rapunzel) oder die Sprache der Tiere zu beherrschen (Der treue Johannes). Es kann Genialität sein (Der süße Brei) oder eine Wesenseigenschaft wie die gleichbleibende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft (Schneeweißchen und Rosenrot) oder ein unerschütterliches Vertrauen in den Kosmos und in sich selbst (Die Sterntaler). Diese Märchenheldinnen und -helden erweisen sich als archetypische Lehrer (Der süße Brei), Heiler (Die zwölf Brüder), Meister der Realitätsgestaltung (Schneeweißchen und Rosenrot), Herzensgebende (Sterntaler), Philosophen (Rapunzel), Propheten (Der treue Johannes) und Weise (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren). Ihre Anwesenheit bewirkt eine gesellschaftliche Transformation, selbst wenn sie im Märchen auf einen kleinen Kreis von anderen Figuren bezogen bleibt. Sie selbst aber nehmen Leid und Bewährungsproben nur stellvertretend auf sich oder quasi, um sich mit dem Leben vertraut zu machen, damit sie später mit ihren Erfahrungen anderen beistehen oder die erforderliche Probe bestehen können, mit denen andere erlöst werden.

In der Szene für moderne Spiritualität wird der moderne Mythos angenommen, diese Märchenfiguren hätten eine lebendige Entsprechung in unserer Lebenswirklichkeit. Dort wird der Begriff und Mythos der „Starpeople“ kolportiert und mit ihm auf sympathische Art angenommen, diese Menschen seien irgendwie mit ihren Sternen verbunden, von denen sie seelisch abstammten. Ein früherer Mythos sprach an dieser Stelle von Indigo-Kindern, Kristallkindern und Regenbogenkindern. Später wurde von „neuen Kindern“ gesprochen und die Konstitution der Hochsensibilität empirisch beobachtet, bevor mit Diagnosen wie Autismus, Asperger Syndrom, ADS und ADHS auf diese, als außergewöhnlich wahrgenommenen Kinder und Erwachsenen losgegangen wurde. Der Zen-Buddhismus kennt mit dem gleichen Konzept dahinter den Archetypus des Bodhisattvas, eine mythologische Figur, die dem Mythos nach aus Liebe zur Menschheit wieder und wieder inkarniert, statt nach der Vollendung seines persönlichen Inkarnationskreislaufes ins Nirvana aufzusteigen. Der Bodhisattva entscheidet sich trotz spiritueller Vollendung zur freiwilligen Wiedergeburt, um den anderen Wesen mit seinen nun vollständig aktivierten mentalen und spirituellen Anlagen in ihrer spirituellen Evolution beizustehen. In der Persönlichkeitstypologie ID16™©, wie sie von dem Psychoanalytiker C. G. Jung aufgestellt worden ist, entspricht dieser Typ Mensch dem Persönlichkeitstyp des Mentors mit dem universellen Buchstabencode INFJ und dem Lebensmotto „Die Welt könnte besser sein!“ Die statistische Angabe zu diesem Typ Mensch lautet, er würde mit 1% der Gesellschaft den seltensten Persönlichkeitstyp darstellen. 80% von ihnen seien wiederum Frauen, und das Land, das dem Profil des Mentors entspräche, sei Norwegen, das heißt, die norwegische Gesellschaft verkörpere als Ganzes viele charakteristische Eigenschaften des Typus des Mentors (vgl. Jaroslaw Jankowski: “Wer bist du wirklich? Ein Guide zu den 16 Persönlichkeitstypen ID16”). 

Diese Menschentypen üben in ihren verschiedenen Seelenrollen die beiden grundsätzlich hilfreichen Kräfte der Lehrerschaft und der Heilkraft auf ganz individuelle Art in ihrem persönlichen Leben aus. Dem modernen Mythos nach kommen diese Menschen von Karma befreit auf die Welt, bauen kein neues Karma auf und durchlaufen schwierige bis sogar traumatische Kindheiten und anstrengende Biografien psychisch relativ unbeschadet, weil sie ihnen lediglich als eine Art Briefing dienen, um sie über den Zustand der Welt zu informieren und sie in den notwendigen Erfahrungen zu unterrichten, die sie zur Verwirklichung der Werte Empathie, Akzeptanz, Toleranz und Freiheit und ihrer schöpferischen Entsprechungen wie Hilfsbreitschaft, Fürsorge und Rücksichtnahme benötigen. Sie sind vor allem in ihrer inneren Welt zuhause, über die sie in Kontakt stehen mit geistigen Dimensionen des Lebens. Viele von ihnen verbinden sich über die Literatur, die Musik und die Kunst, manche auch über die Meditation mit diesen höheren Dimensionen, fühlen sich auf diese Art sicher gehalten und geführt und sind ganz früh schon in der Lage, sich über ihr favorisiertes Medium selbst zu regulieren, auch wenn ihnen keine kompetenten erwachsenen Quellen zur Fremdregulation und als Vorbild zur Verfügung stehen.

Innerhalb dieser wenig anerkannten Mythen zu dem durchaus beobachtbaren menschlichen Phänomen der Außergewöhnlichkeit mancher Menschen heißt es unter anderem, dass die Vertreterinnen und Vertreter dieser erfahrbar spirituell hochentwickelten und verwirklichten Menschen ihre Aufgabe auf der Erde schon als Kinder deutlich fühlten. So sprächen manche dieser Kinder schon früh davon, dass sie Aufgaben von Bedeutung übernehmen wollten, dass sie die Welt retten wollten, und einige Kinder fangen sogar schon sehr früh damit an, ihre Ideen und Visionen umzusetzen. Allen Verkörperungen dieses Menschentyps gemeinsam ist die Mentalität, anderen Menschen in ihrer Entwicklung helfen und die Welt in ihrem spirituellen Aufstieg wirksam begleiten zu wollen. Es sei die Vorsehung, so scheint es wiederum der Erfahrung nach, die diese Menschen an denjenigen Platz stellt, an dem sie ihre gefühlte Aufgabe auch wirklich umsetzen könnten. Diese außergewöhnlichen Menschen trügen also, der Vorstellung nach, einen Stern in sich, von dem sie Führung, Hilfe und auch Trost erführen, manche auch doppelten Schutz für ihr hochsensibles Nervensystem oder doppelte Energie, um ihre Aufgabe gut ausführen zu können. 

Während die Kinder häufig Schwierigkeiten haben, mit ihren Gaben und Impulsen im gegebenen gesellschaftlichen System Anerkennung und Unterstützung oder auch nur Toleranz zu finden, ist das Leben der Märchenfiguren ebenso durchwachsen. Manchmal leben sie in harmonischen und friedlichen familiären Umfeldern bis sie zu ihrem Einsatz kommen (Schneeweißchen und Rosenrot), manchmal werden sie ignoriert (Der süße Brei) oder weggesperrt (Rapunzel) oder von klein auf bekämpft (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren) oder für ihren Einsatz verleumdet (Der treue Johannes). Es könnte auch sein, dass sie schwere Verluste erfahren, über die sie mit ihrem letztendlich erlösenden Einsatz hinausgehen müssen (Die Sterntaler, Die zwölf Brüder). In allen Fällen transzendieren sie zwar das Leid, bleiben aber von der Leiderfahrung selbst unberührt und machen keine eigene Transformation durch. Dennoch helfen sie anderen, ihre Transformationserfahrungen zu meistern. 

Wir könnten sagen: Während die meisten Märchenheldinnen und -helden auf der Welt sind, um sich selbst vollkommen zu verwirklichen und das ihre ganze Inkarnationsaufgabe ist, erzählen diese besonderen Märchenheldinnen und -helden von Menschen, die am Ende ihres Inkarnationszyklus als reine Verkörperung der Liebe auf der Welt sind und das mit der Aufgabe, die Anwesenheit der Liebe für alle fühlbar zu machen und die Menschheit in der Verwirklichung des uns allen inhärenten Geliebtseins zu unterstützen. Dazu ist essenzielle Heilung notwendig. Essenziell insofern, als die Essenz mit der Existenz in Übereinstimmung gebracht werden muss und dazu zunächst alle Entfremdungen, Abspaltungen, Trennungen und Traumatisierungen geheilt, überwunden und integriert werden müssen. Dieser Aufgabe widmen sich die Verkörperungen der außergewöhnlichen Märchenheldinnen und -helden.

Wiedervereinigung

Über die Entdeckung der zwölf hinterbliebenen Jungenhemden erfährt das Mädchen mit dem Stern auf der Stirn nun vom Schicksal ihrer älteren Brüder und folgt damit ihrem eigenen Schicksal. Voller Zuversicht verspricht das Mädchen seiner Mutter, die Brüder zu suchen, nicht, um die verschollenen Brüder heimzubringen, sondern um sich mit ihnen zu versöhnen und zu verbinden. Denn als die Schwester ihre Brüder gefunden hat, bittet sie sie nicht, heimzukommen, sondern sie bittet darum, mit ihnen leben zu dürfen. Am Ausgangsort, dem Elternhaus, hat sich also am Fluchtgrund nichts geändert und so muss das Leben, wenn neuer Frieden hergestellt werden soll, an einen anderen Ort verlegt werden, fern von der toxischen Atmosphäre der Verblendung und der Diskriminierung. Das Mädchen kehrt also dem unvollkommenen Königreich, dem nunmehr das wahre Männliche fehlt, weil der König nur das konditioniert männliche Stereotyp, nicht aber das archetypisch Männliche verkörpert, ebenfalls den Rücken. Es nimmt die zwölf Hemden als Wahrzeichen mit und begibt sich mitten in die Dunkelheit hinein, bis es zu dem verwunschenen Häuschen kommt. 

Als das Mädchen im Häuschen auf seinen Bruder Benjamin trifft, stellt er der noch unbekannten Schwester die wichtigste Frage zu jeder Unternehmung: 

Die Antwort des Mädchens ist noch interessanter und noch umfassender und macht deutlich, dass in der Frage und in der Antwort vom Sinn allen Lebens gesprochen wird: 

So weit der Himmel blau ist… Der blaue Himmel steht im Zen-Buddhismus als Symbol für die reine Natur des Geistes, seine Gelassenheit, seine Offenheit, seine vorurteilslose Unbewegtheit und Beständigkeit. Es ist die pure Präsenz, vor der Phänomene auftauchen und vergehen können, ohne festgehalten zu werden. Der reine Geist verstrickt sich nicht mit dem Zorn anderer, lässt die Emotionen anderer passieren, ohne sich über sie zu äußern. Diese Präsenz basiert auf einem ruhigen Nervensystem, das sich selbst zur Beruhigung Anderer zur Verfügung stellen kann, einfach, indem es da ist. Es ist das geheilte Nervensystem im Archetypus des geheilten Heilers, das Heilung bewirkt. An der Ruhe eines wirklich gelassenen Menschen regulieren sich die Stresspegel von Kindern, Erwachsenen, Tieren und Pflanzen. Gerade Kinder und Tiere synchronisieren ihr sensibles Nervensystem auf das Nervensystem ihrer nahen Bezugspersonen. Das Mädchen wird später im Märchen dazu Gelegenheit erhalten, durch sein urteilsfreies Schweigen, seine pure Präsenz aktiver Stille, Heilung herbeizuführen. Hier in der Antwort der Schwester wird diese Kraft bereits vorweggenommen und es wird erzählt, dass sie in der Schwester liegt, dass die Schwester diese Kraft bereits verkörpert und sie später verwirklichen wird.

Zunächst aber geht es um die Wiedervereinigung der Geschwister, die Reunion des Männlichen und des Weiblichen in der Brüder- und Schwesterlichkeit, in der Gleichheit also. Um Gleichheit zu erreichen, müssen alle Vorbehalte fallen, alles, was man sich an Vorurteilen zurechtgelegt, an Abneigung angenommen und an Rache vorgenommen hat. Nachdem die beiden jüngsten Geschwister einander ihre Sympathie bekundet haben, gibt Benjamin zu bedenken: 

Das Mädchen mit dem Stern auf der Stirn, das mit seinen Sternen im Bunde stehen mag, enthält sich jeder Bewertung dieses Schwurs. Stattdessen ist es bereit, das Leid auf sich zu nehmen, das den Brüdern widerfahren ist. Nicht als Opferlamm und selbsternannter Sündenbock würde die Schwester dieses Leid übernehmen, sondern als archetypische Heilerin, als Vermittlerin zwischen dem Leben und der Liebe, die in der Lage ist, das Leid zu transformieren, indem sie es auf sich nimmt. Nachdem das Märchen mit der Namensgebung Benjamins schon explizit auf die Bibel verweist, könnte ein Motivvergleich an dieser Stelle erhellend wirken: Benjamins Geschichte im Alten Testament ist eine, in der Benjamin zum Sündenbock für eine lange zurückliegende Ungerechtigkeit gemacht werden soll. Der ältere Bruder Josef, der von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft worden war, ist nun der Herrscher von Ägypten. Er will sich an den Brüdern rächen und will Benjamin für einen untergeschobenen Diebstahl ebenfalls mit der Sklaverei bestrafen. Als aber ein anderer Bruder für den jüngsten eintritt und sich selbst als Sklave an Benjamins Stelle anbietet, wird der Patriarch gerührt, erkennt, dass die vormals verräterischen Brüder sich geändert haben und gibt sich ihnen als ihr Bruder Josef zu erkennen, den sie vor Jahren in die Sklaverei verkauft hatten. Es folgen Verzeihen, Geschenke und Sicherheit in Ägypten für die von Hunger und Not bedrohte Familie. Das Motiv der Opferbereitschaft und das des Mitgefühls ist nun jeweils in der Bibel und im Märchen das gleiche, nur dass es einerseits vom Weiblichen verkörpert wird und andererseits an den Erlösungsmythos im Neuen Testament anschließt, in dem die Welt dadurch erlöst wird, dass Jesus das Leid auf sich nimmt. Jesus macht sich nicht, wie der Bruder Benjamins zum persönlichen Tausch- und Befreiungsobjekt, zum Sündenbock also, sondern erlöst die Menschheit durch eine überpersonale Liebe und Opferbereitschaft, die auf Wertschätzung, Hilfsbereitschaft und spiritueller Meisterschaft beruht. Im Tod Jesu wird die letzte Freiheit erreicht und das Leid überwunden. Das personale Eintreten und sich Aufopfern wird durch die überpersonale Liebe transzendiert, wodurch das elementar Weibliche, das dreizehnte Geschwister, das Jesus selbst im Kreis seiner Jünger war, wieder in die Welt einzieht: 

Dieses Liebesangebot genügt, um zunächst den persönlichen Rachegedanken zu besänftigen. Benjamin nimmt es auf sich, die Brüder in ihre Präsenz und in eine humanistische Angemessenheit zurückzuholen. Er bedient sich nun der Neugier, der Lebenslust also, ganz dem zweiten Dreieck gemäß, in dem es in der Verbindung des Männlichen und des Weiblichen auch um die Vitalität geht, die es nur innerhalb eines polaren Spannungsverhältnisses gibt. Er bedient sich der Neugier und der Spannung, um den Brüdern einen neuen Handel abzuringen. Erst spielt er damit, dass er etwas wüsste, was sie nicht wüssten, und als sie darauf drängen, die Neuigkeit erfahren zu wollen, er möge also endlich erzählen, handelt er einen neuen Vertrag mit ihnen aus. 

In ihrer Neugier (auf das Leben) antworten die Brüder: 

Benjamins Kalkül geht auf, denn das Erscheinen der Schwester ist ein neuer Aufbruch: 

Dieser neue Aufbruch oder der Einbruch des Weiblichen in die rein maskuline Welt läutet eine neue Ära ein. Es ist eine Ära der Liebe und Hilfsbereitschaft, der Interdependenz und der Kooperation. In dieser Ära zählt nicht mehr länger, wie viel jemand besitzt, dass also die Königstochter das ganze Königreich besitzt und die Brüder gar nichts, sondern es zählt, wie wert einer dem anderen ist durch das, was er ist. Das Weibliche ersetzt dabei nicht das Männliche, sondern ergänzt es: 

Das Rationale in der Welt, das auf Existenzsicherung – und in der modernen Welt unablässig auf Wachstum und Mehrung – aus ist, erhält das Mentale, das sich mit dem Augenmerk auf die Schönheit dem Essenziellen verschrieben hat, an die Seite gestellt. So wird aus dem rein rationalen Sein ein mental-rationales Bewusstsein, dem das Emotionale, das Geliebtsein und das Lieben, inhärent ist. Der innere Erwachsene aus Yin und Yang nimmt das innere Kind automatisch in seine Obhut, sobald er präsent ist. Angesichts eines gelebten Erwachsenseins in der Verkörperung humanistischer Werte fühlt ein Mensch sich automatisch aus sich selbst heraus geliebt, wenn er seine Werte sich selbst gegenüber verwirklicht, was sich in seinem Außen in Anmut, Würde und Eleganz spiegelt. Das inhärente Geliebtsein wird im Märchen erzählt in den Metaphern des guten Essens, das vom Männlichen bereitgestellt wird und der gemütlichen Betten, die vom Weiblichen bereitet werden, wie im Zusammensein der Geschwister “in großer Einigkeit”, was dem inneren Kind in Balance entspricht. Wohlstand, Schönheit und Frieden. Die beiden Sprichworte passen wohl nicht nur zufällig: „Wie man sich bettet, so liegt man“ und „Liebe geht durch den Magen“.

Karma verpflichtet

Aber: Nichts bleibt ohne Konsequenzen. Alles hat sein Karma. Es geht keine Energie verloren. Dass die Brüder voller Rachegedanken waren, mag vielleicht in Ermangelung einer Gelegenheit zur Ausführung der Rache ohne Folgen geblieben sein, wäre aber das erste Mädchen, das ihnen begegnet ist, nicht ausgerechnet ihre Schwester gewesen, hätte es für die zwölf Vertriebenen keinen Grund gegeben, ihre Rache auszusetzen. Dem Schwur nach hätte dann ein Mädchen sterben müssen. Mindestens eines. Die Gedankenenergie wurde gespeichert, im eigenen Nervensystem und im Nervensystem der Erde. Und nun offenbart sich das verwunschene Wesen des Häuschens. Die Energie wurde in zwölf Blumen des Gartens gespeichert. Vielleicht sind auch diese zwölf Blumen des Bösen erst wegen der negativen Gedanken gewachsen. Es sind Lilien, die die Schwester eines Tages aus dem Garten pflückt und jedem Bruder zu dessen Freude zum Essen schenken will. Die Lilie ist das Symbol der Unschuld und zugleich das Symbol des Todes. Sie wird nun von der Verkörperung der Unschuld gepflückt und trägt die Energie des Todes in sich:

Auch der Rabe ist ein ambivalentes Symbol: Einerseits ist er ein Symbol der Weisheit und der Fürsorge, andererseits ist er ein Symbol des Todes, des Bösen, der Sünde und des Dämonischen. (Quelle der Symboldeutungen: Günter Butzer, Joachim Jacob: „Metzler Lexikon literarischer Symbole“).

Den Sitz im Leben hat die Metapher des Abpflückens der Blumen darin, dass ein Mitmensch ganz unabsichtlich und unwissend an jemandes Schatten rührt. Der Angerührte mag sich der aufgespeicherten Energie nicht bewusst gewesen sein, aber nun setzt sich das unschuldig angerührte Dämonische frei und wird in irgendeiner Form manifest: als Fuchs, als Rabe, als Reh, als Frosch, als Bär, als Vogel, als Eisenofen, als Dornenhecke…

Wichtig ist, dass beide Symbole, Lilie und Rabe, ambivalent zu deuten sind. Die Entwicklungsrichtung des manifest gewordenen Schattens ist also nicht festgelegt. Er kann im dämonischen Dunkel bleiben und als das Böse verkörpert werden oder er kann angenommen und erlöst werden. Dann stünde sein Heilungspotenzial dem Leben zur Verfügung. Die Kraft der Liebe, wie sie von der Zahl 13 verkörpert wird, trägt die Bedingungslosigkeit mit sich. Diese Bedingungslosigkeit hat die Macht, den Ausschlag in Richtung Erlösung zu bringen, würde aber auch dem Verharren im Dämonischen Freiheit gewähren. Die Entscheidung liegt gewöhnlich beim Verwunschenen selbst, ob er die Kraft der Mentorenfiguren annimmt und zu seiner Transformation zu nutzen weiß. Diese Kraft wird von der Schwester, die einen Stern auf der Stirn trägt, verkörpert. Sie ist das dreizehnte Geschwister.

Interessant liest sich, dass eine alte Frau im Garten auftaucht, die dem Mädchen die Schuld an dem Unglück geben will: 

Es wiederholt sich also zunächst die Verkettung, ja Verdrehung von Ursache und Wirkung um die Geburt des Mädchens, die schon in die irrationalen Rachegedanken der Brüder geführt hatte. Die Brüder meinten ja, sie seien wegen der Schwester verbannt worden und waren bereit, die unterstellte Schuld auf alles Weibliche zu übertragen und alles Weibliche die Rechnung zahlen zu lassen, was zu entsetzlichen Verbrechen hätte führen können. Und stets hätten die Brüder im Geist mitgeführt, die Schwester sei Schuld. Noch interessanter aber liest sich nun die Reaktion der Schwester auf die Schuldzuweisung der alten Frau: 

Keineswegs lässt das Mädchen sich das Büßerhemd überziehen und versinkt in Scham und Selbstbestrafung, sondern es übergeht die unangebrachte Form der Aussage und fragt ausschließlich nach der möglichen Lösung für das identifizierte Problem. Das Mädchen hat dieses Problem nicht verursacht, wohl aber hat es es nun ausgelöst und an die Oberfläche gebracht. Dort ist es zur heilenden Mitverantwortlichkeit bereit, indem es mit dem Lösungs- und Heilungspotenzial in Resonanz geht und zu dienen bereit ist: „…gibt es denn kein Mittel…“.

Aktive Stille

Das Schweigen oder die Stille ist ein Symbol der Weisheit und der Gefühlsbeherrschung im Sinne eines selbstregulierten Nervensystems, nicht im Sinne einer Gefühlskontrolle. Hier im Märchen steht es einerseits für eine der schwierigsten Bewährungsproben, das ausgesetzte Urteil, andererseits für die Allverbundenheit und den stillen Einklang mit der Natur, der hergestellt werden muss, um dem Extrem der Entfremdung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip in den Racheplänen einen Ausgleich entgegenzusetzen, bzw. sie zu transzendieren. Es kommt darauf an, dass eine magische Zeit von sieben Jahren lang alles an Urteil ausgesetzt wird, selbst dann, wenn das Mädchen selbst für seinen Mutismus verurteilt und bedroht wird. Hier kann noch einmal der Anklang an die Bibel und an das Schweigen Jesu seinem Todesurteil gegenüber aufgebracht werden. Jesus willigt durch sein Schweigen in den Opfertod ein, der die Welt erlösen soll. Das Mädchen nun will sich im Schweigen selbst opfern, wiederum nicht als Sündenbock, sondern als Opferlamm: 

Die Verbindung mit dem Baum ist das Symbol für den notwendigen stillen Einklang mit der Natur. Das Spinnen könnte der Herstellung des inneren Gleichmuts dienen, der Selbstregulierung. Es steht symbolisch aber auch “für den kosmologischen, biologischen und soziologischen Zusammenhang, für das Schicksal und die Zeit.  Das Spinnen ruft als Symbol die archaischen Schöpfungsmythen auf, die Bilder der Weltenwebe, des Sternenmantels und des Himmelszelts” (Quelle: Metzler Lexikon literarischer Symbole). Über ihren eigenen Stern auf der Stirn ist die Königstochter mit eben jenem mystischen Himmelszelt so verbunden, dass die Aktivität des An-seinem-Faden-mitspinnens ihm Vertrauen und Kraft geben dürfte, um die Bewährungsprobe bestehen zu können. Das Mädchen reguliert sich also über das Nervensystem des Himmelszelts und über das Nervensystem von Mutter Natur, mit dem es sich jeweils über das Spinnen und über den Baum zum stillen Einklang verbindet. Das ist der Grund, weshalb das Waldbaden funktioniert, weil es tatsächlich möglich ist, sein eigenes Nervensystem mit dem stillen Nervensystem der Natur zu synchronisieren und sich so über die Natur zu regulieren. 

Leben ohne Urteil

Der weitere Märchenhergang erzählt davon, dass das Leben auch im Modus ausgesetzten Urteils, im Modus der Stille und der Weisheit lebendig weitergehen kann. Der Rückzug aus der Welt ist nicht notwendig – und vielleicht nicht mal förderlich, um Weisheit zu leben. Die Weisheit, das ist aktive Stille, aktives Nicht-Tun, aktives Zuhören, Lauschen, Präsentsein. Ein König kommt des Wegs und beendet den Rückzug, ohne die Weisheit anzutasten: 

Das Mädchen hatte den Heiratsantrag mit einem einfachen Nicken angenommen. Der König wird der Königstochter zur Seite gestellt, um sie an ihren Animus und damit an ihre Vollständigkeit zu erinnern. Heilung geschieht nicht in der passiven Stille, die die Emotionen verdrängt, sondern es muss ein Raum der aktiven Stille bereitet werden, in dem die Emotionen betrachtet, angenommen und integriert werden können. Wenn die weise Schwester diese Integration für ihre Brüder, die wiederum stellvertretend für die Menschheit stehen, leisten will, muss ihre Anima die Gefühle mitfühlend bezeugen und muss ihr Animus jene Kraft zur Verfügung stellen, mit der die Ereignisse schließlich transformiert, also verkraftet werden können. Reines Abwarten und Nichtstun leistet die in der Welt so dringend notwendige Schattenarbeit nicht. Daran erinnert die Hochzeit, die ganz märchenuntypischerweise in der Mitte des Märchens und nicht an dessen Schluss stattfindet.

Und doch erzählt das Märchen explizit, dass das Ehepaar „vergnügt“ miteinander lebt. Interessanterweise sind alle Elternfiguren in diesem Märchen Schattengebende. Der ursprüngliche König wird aus pervertierter Wertschätzung zum Tyrannen. Die ursprüngliche Mutter setzt aus ihrer Passivität ihrem Ehemann keinen stärkeren Widerstand entgegen als zur Fluchthelferin zu werden, was ihre Kinder seelisch keineswegs rettet, sondern in höchste Not bringt. Und nun kommt die Mutter des Königs noch auf den Plan, die fremde Mutter, die der neuen Königin gegenüber aus dem Schatten der Eifersucht und des Neides heraus entgegentritt: 

Geschulte Märchenhörer/Innen – und das waren frühere Märchenhörer/Innen vielleicht sogar intuitiver als heutige Märchenhörer/Innen, zu Zeiten nämlich, als die Symbolsprache noch sehr viel geläufiger war als heute – erkennen den Vorgang der Projektion des eigenen Unbewussten und verborgenen Bösen. Auch Kinder würden hier vielleicht ganz intuitiv dazwischenrufen: Aber das ist die böse Frau doch selber! Menschen aber, die innerhalb ihrer Sozialisierung auf den gesellschaftlich üblichen Etikettenschwindel konditioniert wurden, erkennen die Projektion nicht, weisen sie weder zurück noch nehmen sie sich ihrer mitfühlend an. Statt angemessen mit ihr umzugehen, folgen sie vielmehr mit ihrem Blick dem ausgestreckten Finger, der verleumderisch auf andere zeigt, spätestens dann, wenn ausreichend manipulativer Druck erzeugt wurde und die Präsenz und das Unterscheidungsvermögen nicht stabil vorhanden sind. In diesem Märchen sind die Kinder aufgefordert, über die Fehler der Eltern hinauszugehen, sich zu emanzipieren und Heilung herbeizuführen. Die Reaktion des Königs zeigt einmal mehr, wie schwer diese Emanzipation zu bewerkstelligen ist, wenn die Konditionierungen immer wieder greifen:

Der Sitz im Leben dieser Metapher des Todesurteils ist wohl nicht schwer zu erkennen. Es erfordert ein hohes Maß an Reife und Integrität, um die Präsenz aufzubringen, den Schmerz und die Angst einer geliebten Person hinter ihren verurteilenden Aussagen zu erkennen und diese Emotionen mitfühlend zu inkludieren, statt sie verurteilend auszugrenzen, aber auch statt die Diskriminierungssehnsucht resultierend aus der eigenen Leblosigkeit zu übernehmen und blind auszuführen. Die Leblosigkeit, Erstarrung und Traumatisierung der Mutter des Königs verurteilt die Schwiegertochter, das geliebte Wesen, zum Tode. Der männliche Gefährte scheitert zugleich an der elterlichen Schattenprojektion, genau wie die männlichen Geschwister zuvor. Einzig die neue Königin bleibt sich selbst und ihrer Intention treu. Ihr Ziel ist die Schattentransformation und das schafft nur die Liebe, die auch dann bestand hat, wenn ihr jeder Grund entzogen wird. Die grundlose Liebe ist die bedingungslose Liebe der mystischen Zahl 13. 

Die Wirkung der Zeit

Ab hier wird ein Motiv aus jenem Märchen wieder aufgegriffen, das in seinem Ausgangspunkt die dreizehnte Fee verbannt hatte: das Momentum der vergehenden Zeit, das zu jener irreführenden Verkürzung im Sprichwort geführt haben mag, die Zeit heile am Ende alle Wunden. Genau wie die Hecke in „Dornröschen“ sich teilt, einfach weil die hundert Jahre des Fluchs um sind, sind just die sieben Jahre des verordneten Schweigens um, als die Flammen des Scheiterhaufens schon nach den Kleidern der Königin greifen. Allerdings ist es nicht wirklich die Zeit, die die Wunden geheilt hat, sondern die innerhalb dieser Zeit geleistete Transformationsarbeit. Sie wird in diesem Märchen von der Schwester durch ihr Schweigen geleistet und im anderen Märchen von Dornröschen durch ihren Schlaf. Die Brüder sind erlöst von ihrer Scheingestalt der Raben. Sie nutzen noch die Gestalt der Raben, um herabzufliegen, nutzen also das Potenzial des Schattens, was immer die Transformation einleitet, die positive Bewusstwerdung der Schattenressource im Aktivpol: Als Rabe kann ich immerhin fliegen. Dann aber gehen sie in der Zurückverwandlung in ihr Menschsein über den Schatten hinaus, transzendieren also ihr Ego, um nun zum wirklichen Menschen zu werden. Der Transformationsprozess verleiht ihnen neue Kräfte. Die Brüder wirken nun wie der Archetypus des Kraftmenschen: 

Wenn das Geschehen in seiner Ursache-Wirkungskette nun rekapituliert wird, findet dasjenige Momentum an der Integration und Heilung statt, das für die Ausbildung der Weisheit und die Rückkehr zur Liebe entscheidend ist. Es ist die Reflexion des Geschehens, die Erkenntnis, Erhellung und Verständnis bringt: 

Wir brauchen das reflektierte Erzählen, damit andere verstehen und sich im Erzählten erkennen und spieglen können. 

Die nun hergestellte „Einigkeit bis in den Tod“ spricht von der erfolgten Integration. Sie schließt im „alle zusammen“ zwar die erlösten Brüder ein, nicht aber die nicht erlöste Schwiegermutter, der nun der Titel der Stiefmutter, des nicht integrierten Fremdartigen also, zugeschrieben wird. Der heiligen Geometrie nach ist das Dreieck mit der abgeschnittenen Schattenspitze ein Symbol der Heilung. Das, was wir nicht sind, kann aus dem Bild unseres Lebens verschwinden. Wir dürfen uns abwenden und es wird verschwinden, wenn es keine Funktion mehr erfüllt, wir an ihm nicht weiter selbst heilen können aber auch nicht dienend und heilend tätig werden können, also auf keiner Ebene mehr von ihm gespiegelt werden: 

Eines bösen Todes stirbt ein Mensch, der sich aufgrund seiner Geisteshaltung keinen anderen Tod vorstellen kann als jenen, den man als böse bezeichnen würde. Eben aber seine Vorstellung, sein Todesmythos, der dem Lebensmythos analog oder entgegengesetzt sein kann, wird sich, wiederum dem Mythos nach, wohl für ihn persönlich verwirklichen.

Für die andern gilt:

Diesmal wird also nicht, wie sonst in den Märchen üblich, die Hochzeit zwischen Yin und Yang erzählt, sondern die Vereinigung der inneren Familie. Das Schattenkind wird durch Präsenz und durch Unterscheidungsvermögen erlöst: Was ist real und was ist Konstruktion? Was ist das Ich und was ist das Selbst? In der aktiven Stille werden die Trennungen, Abspaltungen und Entfremdungen geheilt und integriert und mit dem unbeschadeten Lichtanteil, dem göttlichen Kind, den im Ego gebundenen Ressourcen, vereint. In der Ambivalenz der Dinge entscheidet die aktive Stille sich für die Schöpferkraft, mit der den Dingen Bedeutung gegeben wird. Sie entscheidet sich jenseits von konditionierten Urteilen, von Schmerz und von Angst für Heilung und Wahrheit. In der aktiven Stille, die aus der inneren Vereinigung von Animus und Anima entsteht, wird die persönliche Wahrheit geboren, der heilende und geheilte Mythos. Das Weltenkind hat seinen Platz in der Mitte dieser so vereinten Kräfte aus Yin und Yang.

Die Kinder dieser Welt, die vor den Parlamenten stehen und ihre Eltern, ihre Lehrer und ihre Politiker angesichts des brennenden Hauses darum bitten Vernunft anzunehmen, bitten genau darum: Die Welt möge die Essenz dieses Märchens verwirklichen. Jeder einzelne Mensch möge in die aktive Stille gehen, möge seine im eigenen Nervensystem gespeicherten Rachegelüste heilen, möge mit sich selbst identisch werden, indem der eigene Animus und die eigene Anima miteinander vereint werden. Innerhalb dieser Vereinigung wird das Weltenkind automatisch in die liebende, fürsorgliche Obhut genommen. Der Kreislauf, in dem Traumatisierungen weiter und weiter gegeben werden, an die Kinder und an die Erde, wird unterbrochen, wenn die Weisheit der Liebe Einlass erhält. An jedem einzelnen beruhigten, friedvollen Nervensystem kann das Weltenkind sein Nervensystem regulieren, so wie die Menschheit es umgekehrt bisher am Nervensystem von Mutter Natur konnte und im Moment auch noch kann. Die Kinder der Welt fragen danach, wann die Erwachsenen endlich mit der inneren Arbeit beginnen wollen, mit dem Aussetzen von Urteil, von Gier, von Rache und wann sie endlich mit dem heilenden Schweigen beginnen wollen, damit auch sie, die Kinder, noch eine Chance haben würden, in die Allverbundenheit und in den Einklang mit der Natur zu finden. Gerade versuchen die Kinder, sich von den Fehlern der Eltern zu emanzipieren. Aber sie merken, dass ihnen die Zeit davon läuft und dass eben die Zeit, ohne, dass die notwendige Transformation geleistet wird, keine Wunden heilt. Und doch sind unter diesen Kindern wie auch unter den derzeit Erwachsenen einige Vertreter der Märchenfiguren zu finden, die einen Stern auf der Stirn tragen. Das sollte uns Hoffnung geben. Die Entscheidung allerdings, ihre Kräfte in Anspruch zu nehmen und zu seiner wahren Gestalt zurückzufinden, liegt in den Händen jedes einzelnen verwunschenen Wesens.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein