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Nummer 5: Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im zweiten Dreieck 
zum Thema Selbstbewusstsein und Lebendigkeit

Titelbild: Annette Greiner

Illustration von Annette Greiner

Was genau ist eigentlich das Wesen von Dummheit? Im Märcheneingang heißt es, der Junge könne nichts begreifen und lernen. Begreifen und lernen sind Fähigkeiten eines offenen Geistes. Ein Geist im Naturzustand, weit, grenzenlos, beständig, kann aufnehmen, selektieren und verarbeiten, was sich ihm darbietet. Dieser Geist entscheidet, wem oder was er Aufmerksamkeit schenken will, was er behalten und integrieren will und was er weiterziehen lassen, also loslassen will. Behalten und Loslassen geschehen zwar vor dem Hintergrund des persönlichen Interesses, wir könnten es Spirit nennen, in den alles einfließt, was uns ausmacht. Darunter fallen unsere Erfahrungen der Vergangenheit, unsere bisherige Bildung, unsere Neigungen, unsere innere Fülle also, aber auch – und das in viel entscheidenderem Maße, weil es schon am Aufbau der bisherigen Fülle beteiligt war und in unseren Neigungen zum Ausdruck kommt: die Lebensstrategie unserer Seelenagenda. Bevor wir das erste Mal in unserem Leben “hm” oder “bäh” gesagt haben, das erste Mal gelächelt oder das Gesicht verzogen haben, war diese Seelenagenda schon da, von der abhing, was wir instinktiv für annehmenswert und was wir für ablehnensnotwendig gehalten haben. Was für relevant oder irrelevant gehalten wird, hat schon lange vor jeder Erfahrung mit der ganz eigenen Agenda zu tun, die unserem Wesen an sich inhärent ist: Unser Warum und unser Wozu wir auf der Welt sind. Das sollte uns nicht von außen gesagt werden. Das wissen wir aus unserem Innern heraus. Erziehung und Bildung sollten nur Hilfsmittel sein, mit denen wir unser Wissen freilegen können. Die Aufgabe, das Wissen freizulegen, übernimmt unser Geist. Ein hoffentlich offener, unblockierter, neugieriger Geist. Während dieser Geist die Erscheinungen auf Relevanz prüft, ist er aufnahmebereit wie ein leeres Gefäß, aufnahmebereit für das, was von ihm als relevant eingestuft wurde. So geschehen begreifen und lernen. Der Modus dieses Vorgangs ist die Präsenz, die mentale Aufnahmefähigkeit.

Im Vergleich mit dem älteren Bruder wird ein weiterer zur Intelligenz gehöriger Aspekt aufgerufen: der angemessene Umgang mit manifesten Phänomenen. Dieser Angemessenheit liegt ein klares Unterscheidungsvermögen zugrunde, mit dem Scheinbares von Offenbarem unterschieden werden kann, eine Imitation zum Beispiel nicht mit dem Original verwechselt wird, ein Abbild nicht mit dem Gegenstand selbst und eine Schattenkonstruktion nicht mit dem dahinterstehenden Wert. Aus diesem Unterscheidungsvermögen heraus entsteht eine Angemessenheit im Umgang mit den Phänomenen, die Überreaktionen wie Unterlassungen gleichermaßen zu vermeiden hilft und stattdessen kreatives und lebendiges Agieren ermöglicht. 

Intelligenz setzt sich also zusammen aus dem Yin-Aspekt der Präsenz und dem Yang-Aspekt der Angemessenheit. Mangelnde Intelligenz käme demnach zustande, wenn Konditionierungen und Blockaden das Gefäß derart füllen und den Raum besetzt halten würden, dass keine weitere Aufnahmefähigkeit bestünde. Aufgenommen würde dann nur, was sich unter den Konditionierungen einreiht und so die Blockade passieren kann. Wenn das Wesen einer Situation aber nicht erfasst wird, sondern nur konditionierte Gedanken und Verhaltensmuster eingebracht werden, der frühkindlich angeeignete und aufoktroyierte Inhalt des überfüllten Gefäßes also, kann das Handeln nicht der Situation angemessen erfolgen, weil es vergangenheitsbezogen und unauthenisch ist. Höchste Intelligenz bestünde darin, im gegenwärtigen Moment offenen Geistes zu lauschen und dann der geistesgegenwärtigen Wahrnehmung entsprechend zu handeln.

Weshalb die Leute im Märchen sagen, dass der Vater mit dem als unintelligent geltenden Jungen noch seine Last haben werde, hat den Grund, dass mangelnde Präsenz und unangemessenes Handeln in der Regel Unordnung stiften und stören, statt Dinge zu erleichtern und sinnvoll zu ergänzen. So jemand sabotiert sein eigenes Leben, weil er oder sie die Situationsbedeutungen nicht erfasst und also unangemessen handelt, Chancen nicht ergreift oder übermäßig greift oder sie aus den Konditionierungen heraus zerstört. Auf lange Sicht gelingt einem derart blockierten Menschen das Leben nicht und statt mit seinem Leben und den sich bietenden Situationen mitzuschwingen, zu lernen und zu wachsen, bleibt der Mensch erfolglos und abhängig von anderen, sei es vom Elternhaus oder vom Staat oder in ewiger Unzufriedenheit von sich selbst und den einmal getroffenen Entscheidungen. Statt dem Vater kann man bei fehlendem Mit-dem-Leben-mitfließen also auch sich selbst zur Last fallen und zum Beispiel in Lebenssituationen, Beziehungskonstellationen und Jobs feststecken, die einen nicht auszufüllen vermögen. Das Ausfüllenkönnen und die Fülle fehlen, wie schon erwähnt, weil das Gefäß voll ist mit Vorgedachtem. Dieses Vorgedachte fühlt sich leer an, weil es fern der Essenz konstruiert wurde. Es ist eine Ansammlung von unpassenden Selbstbildkonstruktionen, inhaltsleerer Gesten und scheinbarer Notwendigkeiten, die zwar auf den echten Wert verweisen, die aber nicht der Wert selbst sind. So verweist das Helfersyndrom zwar auf das Wertepaar Wertschätzung (Yin) und Hilfsbereitschaft (Yang), ist aber seinerseits nur ein Abbild, also eine Imitation des Einstellungswertes und des schöpferischen Wertes. Es ist die kindliche oder rein emotionale (und bedürftige) Nachahmung des mental-rationalen Verhaltens eines Erwachsenen. In der Konsequenz wird ein Empfänger sich vom mental-rationalen Verhalten echter Hilfsbereitschaft beschenkt fühlen, während er dem Helfersyndrom keinerlei Dankbarkeit entgegenzubringen vermag obwohl scheinbar im einen wie im anderen Fall das Gleiche getan wurde. Offenbar gab es aber energetische Unterschiede. Es ist der gleiche Unterschied wie der zwischen dem Ausdruck von Liebe und dem gewalttätige Begehren, das so viele Menschen auf Empfänger- und Geberseite fälschlicherweise, konditionierterweise (!) für Liebe halten.

Ein Jahrhundert später (1929) als das Märchen aufgeschrieben worden war, entstand unter dem Pinsel des französischen Malers René Magritte ein Gemälde, dem er den Titel „Der Verrat der Bilder“ („La trahison des images“) gegeben hat. Dieses berühmteste seiner Gemälde zeigt das Abbild einer Pfeife und darunter steht der Schriftzug „Dies ist keine Pfeife“ („Ceci n’est pas une pipe“). Der Schriftzug ist Teil des Bildes. Als im Jahr 2013 in Potsdam das neue Landtagsgebäude in historischer Imitation des Potsdamer Stadtschlosses, wie es im 18. Jahrhundert im Besitz Friedrich II. stand, fertiggestellt wurde, wurde an seiner Fassade ein goldener Schriftzug angebracht, der aussagte: „Ceci n’est pas un château“ („Dies ist kein Schloss“). Die Potsdamer Künstlerin Annette Paul verabreichte der Schlossimitation damit eine ironische Distanzierung von der vermeintlichen Gebäudebedeutung. Es hat überhaupt nichts Majestätisches. Kein König hat es erbaut und wird in ihm leben. Finanziert wurde es unter anderem durch Spenden von Unternehmern und Showmastern, und belebt und bespielt wird es von Politikern und Touristen. Kein Schloss also, sondern nur die Imitation, das Abbild eines Schlosses. Und müsste man nicht bei dem aktuellen Phänomen der Influencer/Innen ebenfalls dazu schreiben: Dies ist nicht Leben? Sondern nur inszeniertes (und kommerzialisiertes) Abbild von Leben. Und müssten wir es nicht auch dem aktuellen Phänomen der Emojis beigeben, die wir anstelle von Sprache verwenden, mit der wir ein echtes Gegenüber darstellen könnten, die wir aber aus welchem Mangel auch immer heraus durch das energieleere Abbild von einer Geste so großzügig ersetzen? Es gibt einen Grund, weshalb uns ein Emoji nicht anrührt: Es ist nicht die Geste des Dankes, sondern nur das Abbild der Geste. Oder wie die Buddhisten sagen: “Der Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond.”

Als nächstes erzählt das Märchen die Begleiterscheinung der Vorstellungskraft: 

Obwohl das Märchen nun den Begriff des schaurigen Ortes wie eine Tatsache behandelt, unterliegt der Eindruck von Schaurigkeit und die Emotion des Gruselns unserer Vorstellungskraft als Bestandteil der Intelligenz. Es ist unsere Fähigkeit der Bedeutungszuschreibung, mit der jeder Mensch einen Ort individuell wahrnimmt, und zwar abhängig von seiner grundsätzlichen Mentalität, aber auch von seiner aktuellen Gemütsverfassung. Ein Kirchhof ist an sich nur ein Kirchhof, in der Nacht genauso wie am Tag. In der Nacht fehlt ihm lediglich das Licht. Die Vorstellungskraft bringt aber die meisten Menschen dazu, sich nachts auf einem Friedhof zu gruseln und ihn lieber zu meiden. In diese Vorstellungskraft fließen individuelle Ideen und Projektionen genauso ein wie kollektive Ideen und Mythen.

Als eine Kunst wird das Gruseln hier bezeichnet, eben weil es ohne Vorstellungsvermögen nicht möglich ist. Denn beim Gruseln handelt es sich nicht um die Angst vor einer realen Gefahr, sondern um eine Art von Furcht den eigenen Fantasiegebilden gegenüber. Diese Fantasiegebilde erscheinen wie verdrehte Abbilder der Wirklichkeit. Das ist das Wesen von Projektionen und Einbildungen. Der jüngste Sohn zeigt sich also blockiert sowohl äußeren als auch inneren Eindrücken gegenüber, sowohl Vorstellungen gegenüber, die von außen an ihn herangetragen werden und die er ermessen und lernen soll, als auch Vorstellungen gegenüber, die er selbst produzieren könnte. Der Sinn von Projektionen ist ja eigentlich der, dass sie uns unsere unbewusste Innerlichkeit bewusst machen, was ihnen auch gelingt, sobald den Projektionen und ihrem Konstruktionsvorgang Aufmerksamkeit geschenkt wird. 

Auf einer höheren Ebene steht die Fähigkeit, sich zu gruseln aber als Metapher für das Fühlen an sich und die Fähigkeit, sich einzufühlen, sowohl in sich selbst als auch in andere oder in eine Situation. Jenseits der Metapher geht es nicht darum, Furcht erzeugen zu können, sondern Furcht als Emotion zu fühlen, überhaupt also fühlen zu können. Die lebenswirkliche Relevanz oder den Sitz im Leben erhält dieses Märchen in der Beobachtung, dass sehr viele Menschen davon sprechen, sich selbst nicht fühlen zu können, die Liebe nicht zu fühlen und Mitgefühl nicht zu empfinden. Viele Menschen fühlen sich aufgrund dessen, dass kaum einer von uns allen nicht traumatisiert ist, innerlich taub, wie abgestorben in der Wahrnehmung ihrer Innenwelt und fühlen sich darum derart in einem Gefängnis, wie Rotkäppchen im Bauch des Wolfes. Durch Eingrenzungen, Maßregelungen, Belehrungen und immer wieder die Unterdrückung eigener Gefühle und Empfindungen ist das Gefängnis entstanden, das Gefängnis blockierter Emotionalitätswahrnehmung. Die Emotionen sind da, aber sie werden nicht wahrgenommen. Das innere Kind ist eingesperrt in einem dunklen Raum der Empfindungslosigkeit, weil der Empfindung gegenüber die Wahrnehmung fehlt. Es ist also seines Wesens beraubt, denn die Kunst des Fühlens, darunter auch des Gruselns, gehört essenziell zum inneren Kind. Die Kunst, das Gruseln wahrzunehmen gehört zur Yin-Kraft, zur Präsenz. Und nur beide Aspekte zusammen ergeben eine Gefühlsverlässlichkeit.

Das Kind aber wurde verbannt in jene Ecken, in die dem Rotkäppchen explizit verboten wurde, herumzuschauen. Bezeichnenderweise sitzt der Junge hier im Märchen offenbar auch vornehmlich in Ecken, von wo aus er Dinge mit anhört, sich Gedanken macht, sich sehnt und wo er nur hin und wieder angesprochen wird: 

Vom zweiten Dreieck gibt es eine grundsätzliche Verbindung zum ersten Dreieck: Das Kind wird in seinen Wurzeln schon nicht gestärkt, indem ihm, dem Dummling im Märchen „Die goldene Gans“ zum Beispiel, nichts an Fähigkeiten zugetraut wird und jede Kompetenz sogar abgesprochen wird. Indem der Dummling für seine Aufgabe schlechter ausgestattet wird, wird ihm auch die angemessene Förderung seiner Talente versagt. Wie der Junge hier in der Ecke, wird auch der Dummling gar nicht erst als er selbst gesehen. Die jeweils älteren und für klüger gehaltenen Brüder in beiden Märchen allerdings auch nicht. Bei Kategorien von Kindern dienen nur als Projektionsfläche für die elterlichen Selbstverwirklichungswünsche. Die einen werden dazu überhöht, die anderen abgewertet, aber in ihrem Eigenwert wahrgenommen wird niemand. Auf diese Art zum Objekt degradiert kann ein Kind keine Bewusstheit für das eigene Selbst entwickeln und wird nicht lernen, sich selbst zu fühlen.

Dass der Junge von einem derart gefühllosen Vater nicht gelernt hat, zu fühlen, leuchtet sofort ein. Wann wäre ihm wohl durch diesen Vater Fühlbares angeboten worden? Und auch die Empfindungsfähigkeit des Bruders scheint ganz auf den Bruder selbst gerichtet geblieben zu sein und hat sich nicht zu einem Mitgefühl ausgeweitet, das dem jüngeren Bruder Angebote fühlbarer Liebe gemacht hätte: 

Und nun erhält der Junge die alles vernichtende Antwort, wie sie die Welt seit ewigen Zeiten gibt, wenn fühlende Wesen nach der Verwirklichung ihrer ursprünglichsten Lebendigkeit fragen:

Dem Wunsch, das Fühlen und Gruseln zu lernen, werden dem Jungen zumindest keine Steine in den Weg gelegt und der Vater schickt sich, wenn auch eher unbewusst, an, einen Lehrmeister für den Jungen zu finden. Er klagt dem Küster sein Leid über den unsinnigen Wunsch des Sohnes, und der Küster erklärt sich „bereit“, die Aufgabe zu übernehmen. Tatsächlich antwortet er: 

Man mag ahnen, dass der Junge unter diesen Umständen zwar lernen wird, wie man abhobelt, nicht aber, wie man sich gruselt. Und die Reaktion des Vaters erfolgt ganz im bisherigen Ansinnen, das das Fühlen nun gerade unterbunden hatte: 

Zugestutzt, gesellschaftskonform gemacht, angepasst… Nicht gerade wenige Familientherapeutinnen und -therapeuten berichten öffentlich davon, wie oft Eltern ihre Kinder mit genau diesem Anspruch zu den Therapeuten schicken würden, wenn man sie ließe. (Diejenigen Therapeutinnen und Therapeuten, die öffentlich darüber sprechen, lassen sie natürlich nicht.)

Der Küster aber lässt den Vater den Sohn mit eben jenem Ziel schicken, ihn gesellschaftskonform zurechtzustutzen und inszeniert nun ein Gruselstück, das jeder Authentizität und Wahrheit entbehrt. „Dies ist kein Gespenst“ könnte der Titel des Stücks sein. Manchmal sagen Menschen, sie fühlten nichts, wenn sie umarmt würden und glauben, es läge an ihnen. In Wahrheit fehlt so erstaunlich vielen Umarmungen etwas, das gefühlt werden könnte, weil sie nur Imitationen echter Umarmungen sind. Die meisten Alltagsumarmungen sind bedeutungslos und leer und schaffen es auf beiden Seiten nicht, die Oxytocinausschüttung zu aktivieren, so dass Liebe und Wärme tatsächlich gefühlt werden könnten. Die Umarmungen bilden die Liebesgeste nur ab. Genau das veranstaltet der Küster. Er imitiert eine gruselige Situation, die ihrem Wesen und ihrer Energie nach nicht gruselig ist. Für den Jungen bleibt die Inszenierung in gewissem Sinn sogar durchschaubar, denn er reagiert nur auf die Oberfläche und an der Oberfläche: Eine weiße Gestalt, die hier nichts zu suchen hat. Der Junge ruft die weiße Gestalt, die der Küster zur Gespensterimitation abgibt, an, den Glockenturm zu verlassen. Er kündigt Konsequenzen an, die der verkleidete Küster fatalerweise nicht ernst nimmt, die der Junge nach der dritten Ansprache aber prompt ausführt, weil er die Inszenierung dann doch nicht vollständig durchschaut: 

Dem Jungen fehlt das Vorstellungsvermögen nun in beide Richtungen: Der weißen Gestalt kann er keine gruselige Eigenschaft abgewinnen oder zuschreiben. Er kann sich aber auch nicht vorstellen, dass ausgerechnet der Küster dieses Theater inszeniert haben könnte, weshalb er nicht auf die Idee kommt, er könnte gerade den Küster die Treppe hinuntergestoßen haben, der nun schwer verletzt Hilfe braucht. So bleibt er völlig emotionslos im Pol der Unterlassung, nachdem er den Stoß aus dem Aktivpol der überzogenen Reaktion ausgeführt hat. In der unterlassenen Hilfeleistung gerät sein Verhalten weiter unangemessen und unintelligent: 

Keineswegs aber ist der Junge empathielos, wenn er einen Grund zur Empathie erfassen kann. Als die Frau des Küsters den Jungen aufweckt, um ihn nach dem Verbleib ihres Mannes zu befragen, weil er nämlich, wie sie dem Jungen berichtet, vor ihm auf den Turm gestiegen sei, antwortet der Junge in vollem Verantwortungsbewusstsein, er habe den Küster nicht gesehen,… 

Auch wenn seine Barmherzigkeit nicht so weit geht, einen Spitzbuben unter eine generelle Schutzwürdigkeit zu stellen, hätte er einen unbescholtenen Menschen durchaus nicht zu Schaden kommen lassen wollen, wenn er nur so viel Vorstellungsvermögen gehabt hätte, sich zu überlegen, dass es sich bei der vermeintlichen Gespenstererscheinung um den Küster handeln könnte. Das aber hatte er sich nicht vorstellen können und so findet die Frau des Küsters ihren Mann nun, 

Für den Jungen nimmt das Missverständnis noch seinen Lauf. Die Frau des Küsters beklagt sich beim Vater des Jungen. Der fragt nur rhetorisch: 

Der Junge versucht völlig vergeblich, sich zu verteidigen und um Gehör und Mitgefühl zu bitten: 

Dem Vater kommt es nicht in den Sinn, dass die Wahrheit eine Synthese ist und beide Perspektiven darin ihren Platz finden müssten, wenn das Urteil gerecht und barmherzig ausfallen soll. Stattdessen antwortet der Vater unbarmherzig und einmal mehr als Vorbild gänzlicher Gefühllosigkeit: 

Wie viele Kinder erfahren diese Art von Replik, wenn ihr Fühlen und ihre Reaktion nicht den an sie gestellten Erwartungen entsprechen! Statt die Perspektive der Kinder einzunehmen, mit der Intention, sich einzufühlen und ihr Handeln zu verstehen, werden sie auf irgendeine Art ausgegrenzt (bestraft, gemaßregelt, belehrt, beschämt, weggeschickt) mit der impliziten Aufforderung, sich zu ändern und sich anzupassen. In der Konsequenz verdrängen und verstecken sie den scheinbar nicht gewünschten Wesensanteil und so geht das Fühlen und das Gruseln verloren. Der Junge reagiert ganz analog. Er nimmt sich selbst aus der Welt des Vaters heraus: 

Wie genau ihn das Gruseln als Kunst wird ernähren können, bleibt zwar unklar, aber der Junge strebt mehr an, als sich nur fortan zu verstecken. Er nimmt nicht nur sich selbst als unpassendes Element aus der Welt des Vaters heraus, sondern verlässt zugleich eine für ihn unpassende Welt, die ihm bisher nichts über die Fähigkeit, sich zu Gruseln hatte beibringen können, weil ihm von dort nichts weiter als Ignoranz entgegen geschlagen war: 

So sieht es aus, wenn Kinder und Eltern sich voneinander trennen, weil die Basis der Liebe fehlt. Wie hätte der Junge hier etwas über sich, seine Gefühle, sein Selbst, sein Dasein in der Welt erfahren können, auch wenn ihm dieser Mangel nun gerade vorgeworfen wird? Der Vorwurf, soviel werden wir wiederum ein Jahrhundert später von Sigmund Freud erfahren, aber die Märchen wussten es schon viel früher, ist die Projektion der eigenen Unzulänglichkeitsgefühle. Wessen der Vater sich in der Tiefe seines Unbewussten schämt, ist die eigene Gefühllosigkeit.

Der Auszug

Der Märchenheld versucht nun also das Gruseln auf eigene Faust zu lernen. Was manche Kinder vor allem mit der eher altmodischen Kinderliteratur, die auch noch erwachsene Vorbilder erzählte, einigermaßen (und in manchen Fällen auch sehr gut) zu bewerkstelligen wussten, versucht der Junge nun durch seinen Auszug aus dem Elternhaus.

Das macht dieses Märchen zu einem Aktivpol-Märchen: der Held, der den Pol wechselt, der auszieht, um seinen Horizont zu erweitern. Auch wenn wir aus Bequemlichkeit gerne und auch erstaunlich ausdauernd behaupten, Intelligenz habe nichts mit Bildung zu tun, so erweist sie sich bei näherer Betrachtung von Reife und von spiritueller Verwirklichung am Ende doch als essenzieller Bestandteil von Intelligenz. Menschen können eine Erfahrung tausend Mal auf die gleiche Art machen – immer wieder der gleiche Typ Partner/in, der gleiche Fehler, die gleiche Falle… Sie können dann grübeln und grübeln und die Gedanken sich in ihrem Hirn kreisen und überschlagen lassen, solange sie sich keine Referenzpunkte zulegen, mit deren Hilfe sie die Erfahrung ordnen und wirklich reflektieren können, solange werden sie aus Schaden keineswegs klug, wie das Sprichwort frohlockend in Aussicht stellt, sondern sie werden eher aus Erfahrung lernen, dass sie nichts aus Erfahrung lernen, wie George Bernard Shaw es für die Menschheit feststellte. Mit solchen Menschen können wir stundenlang telefonieren, tagelang miteinander redend auf der Couch sitzen und uns jahrelang mit ihnen im Kreis drehen, ohne dass eine Weiterentwicklung stattfinden würde. 

Worum es bei der Bildung aber geht – und ich spreche von einer humanistischen Bildung, die uns Werte als Referenzpunkte vermittelt – ist, dass wir sie als Spiegel verwenden. Indem wir uns vor allem in der Literatur, aber auch in Märchen, in der Philosophie oder in der Psychologie entdecken, aktivieren wir unser ganz eigenes Potenzial. Die Reflexion des Gelesenen aktiviert die entsprechenden Hirnareale und baut neuronale Verbindungen auf. Das allerdings schafft wirklich nur ein aktives Lesen, kein passives Konsumieren von Texten. Wir bringen in der Folge unseren Horizont in die Welt ein und verschmelzen die beiden Horizonte miteinander, unseren persönlichen und den der Welt, wie wir zuvor unseren persönlichen Horizont mit dem Horizont der aktiv gelesenen Texte verschmolzen haben. Auf die Art kommt mit jedem Stück Bildung und Selbsterkenntnis, wobei Selbsterkenntnis das Ergebnis von Bildung und am Ende deckungsgleich mit ihr ist, ein Stück mehr unserer Essenz in unsere Existenz hinein und werden wir mit uns selbst mehr und mehr identisch, je mehr wir uns erkennen und folglich verwirklichen. Der Aufbruch des Helden im Märchen dient dieser Horizonterweiterung, die wir Bildung und Selbsterkenntnis nennen.

Nach seinem titelgebenden Auszug, um das Fürchten zu lernen, wird sein Wunsch, es möge ihn doch endlich gruseln, von einem Mann beantwortet, den er zufällig auf dem Weg trifft. Der Mann zeigt dem Jungen eine Stelle, an der Leichen an einem Galgen hängen. In einer bloßen Projektion der eigenen Gefühle auf den fremden Jungen, unterbreitet der Mann ihm folgenden Vorschlag: 

In seiner Hoffnung, diesmal wirklich zu ernten, stellt der Junge schon jetzt den Ausdruck seiner Dankbarkeit in Aussicht: 

In der nächtlichen Szenerie kommt wieder das grundsätzliche Mitgefühl des Jungen zum Ausdruck, auch wenn dieser Ausdruck wegen seines ungeschulten Geistes noch reichlich fehlgeleitet umgesetzt wird. 

Soweit die Erzählung über einen Mitfühlenden, dem das geeignete Gegenüber für sein Mitgefühl fehlt. Das Mitgefühl gerät dadurch unangemessen, dass der Held es hier mit leblosen Menschen zu tun hat, an denen der Einsatz keinen Nutzen stiften kann, weil sie nicht in der Lage sind, die Wohltat anzunehmen. Die Leichen stehen metaphorisch für all die Unfähigkeit in der Welt, die mitfühlenden Angebote anderer zu erkennen und anzunehmen. Aus innerer Erstarrung, die ihre Ursachen im Verdrängen und Kontrollieren von Empfindungen, Gefühlen und persönlichen Bedürfnissen hat, erkennen so viele Menschen weder, was sie wirklich brauchen, noch wenn es ihnen angeboten wird. Ihr Geist ist blockiert und verschlossen und das Leben fließt nicht mehr durch sie hindurch. Wohltaten, die ihnen erwiesen werden, werden sogar auf unangemessene Weise behandelt, mit Misstrauen, Ablehnung oder Zorn belegt. In ihrer Ablehnung schaden sie sich in der Regel auch selbst. So geschieht es auch dem Märchenhelden als Wohltäter und denen, denen er wohl zu tun beabsichtigt: 

Die Leichen benehmen sich, wie es Leichen völlig gemäß ist. Sie geben nicht Acht und sie sorgen nicht für sich selbst. Sie verhalten sich unangemessen, wobei die Unangemessenheit im Grunde keine Kategorie ist, in der sie zu bewerten sind. Ihr Nichtkönnen ist ihrem leblosen Wesen inhärent. Sie sind darin der Spiegel für die Unfähigkeit des Jungen, sich selbst zu fühlen. Die Konsequenz der Selbstfürsorge kann nur der Held ziehen und er zieht sie der Leblosigkeit gegenüber und grenzt sich von ihr ab. Auch hilfsbereite Menschen müssen Konsequenzen ziehen, wenn ihr Einsatz sich als vergeblich erweist, selbst wenn es hier eher zu einer Ablehnung als zu einer Abgrenzung kommt, weil die gesamte Szenerie unangemessen ist: 

Mehr ist nicht zu tun. Nicht auf manifester Ebene an tatsächlichen Leichen und nicht auf spiritueller Ebene an in sich erstarrten Menschen, die nicht mitarbeiten wollen an ihrer geistigen Befreiung. Man muss sie lassen, denn ihrem Wesen nach wäre jede andere Erwartung an sie eine Illusionsbildung oder eine Projektion, wie sie sich auch für den Helden herausstellt. In Wahrheit hatte er seine Bedürfnisse nach Wärme auf die Gehenkten projiziert und keinesfalls deren Bedürfnis nach Wärme nachempfinden können, denn als Leichen hatten sie kein Bedürfnis nach Wärme. Aus diesem Grund gerät also auch diese Nicht-Gruselgeschichte unangemessen. Im aristotelischen Spannungsbogen befinden wir uns im zweiten Akt der Erzählung: Scheitern eines Lösungsversuches. Im therapeutischen Setting ist das der Moment, in dem Klientinnen und Klienten motiviert werden, vom bisherigen Passivpol in den Aktivpol hinüber zu wechseln. Über das, was dann in ihrem Umfeld passiert, wissen manche Angehörigen zu klagen, während sie darauf hoffen, dass auch die Emanzipation von diesem Aktivpol noch erfolgt und der Klient/ihr geliebter Mitmensch über den Aktivpol hinaus auch noch in die Verwirklichung echter Werte hineinfindet.

In der Nachbetrachtung, in der der Junge rechtfertigt, dass er den versprochenen Ausgleich nicht leisten wird, weil er auch keine Ernte eingefahren habe, bezeichnet der Held die Leichen als dumm. Auf manifester Ebene müsste man sie einfach als tot bezeichnen. Jenseits der Metapher aber hat er der Eingangsdefinition von Dummheit nach Recht: Mangelnde Präsenz und mangelndes Unterscheidungsvermögen führen zu einem der Situation unangemessenen Verhalten. In der konkreten Situation allerdings trifft diese Bewertung leider mehr auf den Helden zu als auf die Gehenkten und er projiziert einmal mehr, wie er es schon zuhause vorgelebt bekommen hat, seine eigene Unzulänglichkeit auf die anderen. Auf die Frage, ob er nun also wisse, was Gruseln sei, antwortet er: 

Der Held glaubt also, keine Erfahrung gemacht zu haben. Tatsächlich hat er nur nicht die erwartete Erfahrung gemacht, womit er ein wenig den von ihm als dumm bezeichneten Gehenkten gleicht. Denn auch er hat sich nicht vollständig auf das Erlebnis eingelassen und im aktiven Lesen des Geschehens Erkenntnisse aus ihm gezogen. Darum quittiert er sein Erlebnis mit Undank und leistet keinen Ausgleich.

Ungebrochener Lernwille 

Nun erfährt der Junge von einem verwünschten Schloss als weiterer möglicher Bildungsstätte für sein Lernanliegen. In dem Schloss, so heißt es, würden Schätze von Geistern bewacht. Wer es wagte, drei Nächte dort zu bleiben, erhielte die Königstochter zur Frau, die 

Die Vereinigung mit der eigenen inneren Sonne, der Yin-Kraft oder der Anima steht also in Aussicht. Das Fühlenkönnen bzw. die Wahrnehmung seines Fühlens rückt in greifbare Nähe. Aber leider seien schon viele 

In Aussicht steht also die Liebe in ihrer strahlendsten Form, wahr und bedingungslos. Bisher sind aber alle an der Dunkelheit und ihren Dunkelheitsprojektionen, an ihren unverarbeiteten Ängsten also gescheitert. Und der Schatz wird sich als ein auf interessante Art dreigeteilter herausstellen.

Vom König in seinem Ansinnen, es zu versuchen, angenommen, darf der Junge sich noch mit drei Utensilien zu seiner Unterstützung ausstatten: 

Wenn man bedenkt, dass der Junge bisher vermeintlich nichts Handfestes gelernt hat, muss hier die Intuition aus ihm sprechen. Wie sollte er sonst wissen, was ihm nützlich sein könnte, wenn er nicht wissen kann, was ihn erwartet? Jedenfalls formuliert er drei vernünftige Bitten um Gegenstände, die ihn unterstützen sollen.

Schon am ersten Abend in dem verwunschenen Schloss sinkt seine Erwartungshaltung auf ihren Nullpunkt:

Ist es die Erwartungshaltung, die ihn die gewünschte Erfahrung gerade nicht machen lässt? Sabotiert der Held sich gerade selbst? Möglicherweise tut er das auf der bewussten Ebene seiner Ungeduld. Auf der unbewussten Ebene, diejenige Ebene, die sich trotz allem verwirklicht, scheinen aber weiter seine Neugier und sein Forschergeist vorzuherrschen. Daher mutet die erste Schlossepisode so an, als leite ihn weiterhin seine Intuition. Er entledigt sich der spitzbübischen, falsch spielenden Katzen kalten Gemüts und mit Hilfe seiner Schnitzbank und einem gekonnten Wurf aus dem Fenster, der dem Treppenwurf gegenüber dem Küster gleicht, der ihm nun aber das Leben retten dürfte und also diesmal angemessen ausfällt. Das Treiben der anschließend auftauchenden Menge an schwarzen Katzen und schwarzen Hunden, die ihm sein Feuer austreten wollen

Es dürfte gerade das im Text betonte ruhige Gemüt sein, das ihn Erfolg haben lässt, Erfolg im Sinne der extrinsischen Aufgabenstellung, die Nacht zu überleben, nicht im Sinne der intrinsischen Aufgabenstellung, das Gruseln zu lernen:

Anschließend mit den Gedanken und Emotionen nicht länger an der Situation festzuhalten, bringt ihn zurück in den Moment, hinein in seine Präsenz also und von dort in sein Wohlsein und letztlich in den Schlaf:

Dem anschließend in halsbrecherischen Tempo fahrenden Bett gewinnt er zunächst eine komische Seite ab: 

Sobald aber seine Belastungsgrenze erreicht ist, für die er ein gutes Gespür hat, ohne die Ereignisse zu dramatisieren, setzt er eine klare Grenze und steigt aus dem Geschehen aus: 

Aussteigen aus all dem Drama, sich die Inszenierungen und Grenzüberschreitungen zu verbitten, genügt, um Spuk und Schreck und Terror zu beenden. Was sollte es da zu gruseln geben? Wiederum betrachtet der Held allerdings die Dramainszenierung nur an der Oberfläche und hält seine Vorstellungskraft heraus. Dem aristotelischen Spannungsbogen entsprechend, nach dem er sich noch auf dem Weg zum letztendlichen Umschwung befindet, fühlt der Held sich ziemlich entmutigt:

Aber sagen, wie sich Leben anfühlt, kann eben niemand. Man müsste es schon erleben indem man sich wirklich einlässt auf das Sein und auf das Leben, auf die eigenen Empfindungen und Emotionen mit allem, was sie mit sich führen mögen.

Die zweite Nacht

In der zweiten Nacht spielt der Junge mit toten Männern zusammen Kegel mit Totenschädeln, die er zuvor auf seiner Drehbank rundgeschliffen hatte.

Das war’s. Kein Grund sich zu gruseln. Der Aspekt des Grenzsetzens mag allerdings auch hier wieder entscheidend dafür gewesen sein, dass der Junge die Episode lebend überstanden hat, während andere Tapferkeitsanwärter ja offenbar diese Nächte nicht überlebt haben. Als in dieser zweiten Nacht die erste potenzielle Gruselgestalt auftaucht, ein halber Mann, der sich mit seinem zweiten Teil des Körpers erst noch zusammenfügen muss, nimmt diese Gestalt dem Jungen den Platz auf der Bank weg, während der Junge gerade für den Mann das Feuer anfacht. Feuer für eine bei ihm auftauchende Gestalt anzufachen zieht sich sich leitmotivisch durch das Verhalten des Jungen, wobei die Metapher Feuer für das Leben, die Liebe und das wärmende Mitgefühl der Yin-Kraft und die Fürsorge der Yang-Kraft steht. Das ist das Wesen des Jungen in seinem Kern, das bisher noch keinen Raum zur Entfaltung gefunden hat. Jetzt wird ihm der Platz auf der Bank streitig gemacht, und während wir spekulieren können, dass die anderen Tapferkeitsanwärter vielleicht vor Angst klein beigegeben und damit dem Spuk Tür und Tor geöffnet haben, beansprucht der Junge im Vollbewusstsein dessen, wer er ist, seinen vorherigen Platz und erweist sich damit als Herr im eigenen Haus, das er für den Moment der Aufgabe, sich als tapfer zu erweisen, als sein Haus betrachtet: 

Das dürfte die Gruselgestalt, den Hungergeist oder die Manifestation von Mangel, überrascht haben. Der Junge geht mit diesem Projektionsangebot nicht in Resonanz, sieht über die Form hinweg und bezieht sich konsequent auf den transportierten Inhalt, dem gegenüber er Stellung bezieht: Jemand will mir ungerechtfertigterweise meinen Platz streitig machen und das dulde ich nicht. Anschließend bringt er sich aktiv in das Spiel der weiteren toten Männer ein, die vor ihm mit den Totenschädeln herumhantieren. Er dreht die Schädel auf seiner Drehbank rund und leistet somit einen aktiven Beitrag zum Spiel. Statt sich zu gruseln und sich rauszuhalten und zu hoffen, dass man ihn nicht bemerkt (Passivpol) oder das Spiel auf irgendeine Art zu verderben (Aktivpol), wird er also zum aktiven Spielförderer und Mitspieler (Dreiecksfläche): 

Die dritte Nacht

In der dritten Nacht dann hat der Junge eine Begegnung mit einer Leiche, die er für seinen toten Vetter hält, und dann noch eine Begegnung mit einem Geist, der ihn in einen Stärkewettkampf verwickeln will. Der Junge reagiert auf die Absurdität der Situationen wieder mit einer verstörend wirkenden Mischung aus Geistesgegenwärtigkeit einerseits und Fantasielosigkeit andererseits. Den toten Vetter versucht er, dem Leitmotiv treu bleibend, durch seine eigene Körperwärme wieder zum Leben zu erwecken und als es ihm auch gelingt, revanchiert sich die wieder lebendige Leiche mit der Ankündigung, den Jungen nun erwürgen zu wollen. Absurd natürlich. Findet auch der Junge: 

Was hätte der Junge auch sonst tun sollen, als sich der unangemessenen Lage wieder zu entledigen, die höchstens in ihrer Absurdität zum Gruseln geeignet war, nicht aber, um ihn emotional zu berühren, wie der Junge zum wiederholten Male feststellt. Bei dem Wettkampf mit dem Geist geht es auch nur um ein gewöhnliches Kräftemessen und weil der Junge einen kühlen Kopf bewahrt und die tiefere Bedeutung des Geistwesens nicht für voll nimmt oder nicht erfasst (oder der Projektion nicht folgt), kann er seine Geschicklichkeit zu seiner Rettung einsetzen und klemmt dem Alten den Bart ein. Das fürchterliche Aussehen des Mannes wird von dem Jungen als irrelevant betrachtet, denn von dem reinen Aussehen geht keine spezifische Bedrohung aus.

Indem der Junge also stets pragmatisch agiert und die weiteren Bedeutungsangebote ignoriert, die keine praktische Relevanz zu haben scheinen, offenbar nicht mal die, dass der Junge mit den Erscheinungen in Resonanz gehen würde, beraubt er sich selbst der Möglichkeit, emotionale Tiefe zu spüren. Diese emotionale Tiefe würde aber letztlich ohnehin nur auf einer künstlichen Dramatisierung beruhen. Man könnte aber auch sagen, dass die pseudodramatischen Darbietungen das Fantasiepotenzial des Jungen einfach nicht zu aktivieren vermochten, weil sie letztlich nur hohle Gesten, Imitationen und Inszenierungen waren, die kaum jemanden mit gewöhnlicher Fantasie und gesundem Menschenverstand emotional zu involvieren vermochten, unabhängig davon, dass der Junge sich zugleich als äußerst involvierungsresistent erweist. Ohne gesunden Menschenverstand und mit einer reichlich überspannten Fantasie ausgestattet, vor allem mit einer ordentlichen Projektionsbereitschaft versehen, ist der Erzählung nach bisher jeder andere Teilnehmer im Gruselkabinett verrückt geworden oder sogar vor Angst gestorben.

Eine Zwischeneinsicht

Es ist ganz schwer, die Fähigkeit zu entwickeln, Phänomene in aller Klarheit zu erkennen, zu unterscheiden und zu benennen. Dazu darf der Schein nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Es bedarf der Selbstreflexion, um sich nicht der Projektion oder der Illusionsbildung hinzugeben, und zugleich bedarf es der vollen Präsenz, um auch den Vorgang der Erschaffung der Phänomenbedeutung durch den eigenen Geist oder durch den Geist anderer zu berücksichtigen, ohne sich in die Bedeutungskonstruktion an sich verwickeln zu lassen. Und dann erfordert es noch ein gutes Urteilsvermögen, um die Phänomene in ihrem Sosein zu lassen, nicht, indem man sie ignoriert, sondern indem man angemessen mit ihnen umgeht. Dieser angemessene Umgang muss für jedes Phänomen jedes Mal wieder neu erschlossen werden. Eine Lebensaufgabe und eine hermeneutische Spirale zugleich. Genau wie wir in unserem Leben, bekommt der Junge hier im Märchen die potenziellen Gruselgelegenheiten jedes Mal in leicht abgewandelter Form neu vorgelegt und reagiert jedes Mal mit leicht unterschiedlichem Lösungsansatz. Wiederum wie wir im Leben, macht auch der Held viele Male die Erfahrung, dass er in seinem eigentlichen Anliegen, endlich das Gruseln zu lernen, nicht vorankommt. In Wahrheit aber lernt er auf seiner Spirale nach oben ein ums andere Mal, wie es eben nicht geht, was eine unbedingte Notwendigkeit ist, bevor man erfährt, wie es geht. Zu erfahren, was einem nicht entspricht, wer man also nicht ist, gehört unbedingt zum persönlichen Weg der Selbstverwirklichung dazu, jenem Weg, der einen zu der Erkenntnis führt, was einem entspricht und wer man in Wahrheit ist, welche Anlagen man in sich spürt und zur Verwirklichung bringen kann und will.

Der dreieinige Schatz

Der seltsame alte Mann, die letzte vermeintlich gruselige Begegnung des Jungen, zeigt dem Jungen zum Schluss einen Keller mit drei Kasten voll Gold. Seine Erklärung dazu lautet: 

Die Armen, den König und er selbst miteinander im Schatz des verwunschenen – und nun erlösten – Schlosses vereint zu sehen, entbehrt nun wirklich jedes Gruselfaktors. Gruselig ist jedoch die Erkenntnis, dass die ganze Welt herumläuft und nicht bemerkt, dass er oder sie, die Armen und der König eins sind und dass stattdessen jeder um den Schatz konkurriert – mit sich selbst. In diesem fragmentierten Zustand erscheint dem Geist, der alles dualistisch betrachtet und bewertet, potenziell viel mehr gruselig als dem in sich selbst vereinten Geist. Gemeiner Grusel entsteht, wenn der fragmentierte Geist die Armen, als Metapher für die eigenen Schatten, verachtet und den König, als Metapher für den reinen Geist, fürchtet und das Ich, also das Ego, versucht, den Schatz für sich alleine zu ergattern, koste es, was es wolle. Vor allem die Angst, sich den Schatz nicht sichern zu können, führt zu allerlei Gruselgefühlen, die, nach außen projiziert, Grusel auch in anderen auslösen kann. Der mit sich selbst verbundene, sich selbst einige Geist empfindet keinen Grusel vor Phänomenen, egal welcher Art die Welt sie bereitstellen mag. Dieser Geist bleibt einfach ruhig. Ihm entgeht manche Aufregung und vielleicht auch manche Freude am inszenierten Drama, aber er kann auf jeden Fall echte Notwendigkeit von nur dramatisch erzählten Geschichten unterscheiden. Wir könnten auch Übertreibung, Fiktion oder Lüge sagen, was diese Geschichten angeht. Der ruhige und mit sich selbst einige Geist kann sie von der Wahrheit unterscheiden. Mit diesem Unterscheidungsvermögen findet der Junge nun seinen Weg aus dem finsteren Keller wieder heraus, in dem der Geist des starken Mannes den Jungen mit seinem typisch mitternächtlichen Verschwinden zurücklässt. Wieder findet der Junge sich in der Wärme seines eigenen Feuers ein.

Ein histrionischer Geist würde dem König am nächsten Morgen eine dramatisch-wilde Geschichte dessen erzählen, was er in der Nacht alles erlebt habe. Der Junge aber zählt nur die reinen Fakten auf: toter Vetter, bärtiger Mann, viel Gold da unten. Diese Lakonik aber scheint erlösende Wirkung zu haben: 

Ein bisschen gruselig mutet nun vielleicht die Antwort des Jungen an, denn in Märchen geht diese Art von Antwort nicht immer gut aus: 

Glücklicherweise gruselt den König nicht, dass der Junge sein Ziel trotz Hochzeit mit der Königstochter nicht aus den Augen verliert. Er nimmt die Antwort nicht krumm, lässt den Schatz heraufholen und die Hochzeit feiern.

Endlich das Gruseln lernen

Jetzt kann man den Verdruss der Gemahlin gut verstehen, die offenbar eine emotional und mental, vielleicht sogar spirituell gute Beziehung mit ihrem Ehemann aufgebaut zu haben scheint, und der Kerl kommt nicht aus dem Jammern darüber raus, dass es ihm nicht gruselt. Das volle Leben hätte jemand eben auch einfach nicht erfahren, wenn er nur Liebe und Angenommensein erlebt hätte, aber nichts, was nicht auch mal seine Dunkelheit angesprochen hätte. Also kann man verstehen, weshalb der Junge hartnäckig an seinem Ziel festhält. Aufgrund seiner Mentalität einerseits, wie auch aufgrund der Leere hinter den Gesten und Inszenierungen hat er sein Ziel in der Tat bisher nicht erreicht und es ist eine Erfahrungslücke in ihm bestehen geblieben. Aber jetzt treten die Gemahlin und ihre Kammerfrau ins Spiel ein. Die beiden Frauen sind so echt wie sie da sind. Ihre Liebe ist echt, ihre Motivation ist echt. Da ist keine Leere, platte Inszenierung und Profitsucht im Spiel, sondern ihr Handeln basiert auf echter Liebe und echtem Mitgefühl. Und darum ist auch der Gruselgegenstand echt: 

Davon abgesehen, dass es manchen Tierschützer jetzt gruseln dürfte, wacht der junge König nun auf und ruft endlich: 

Denn das hier ist keine hohle Inszenierung einer Geistererscheinung, sondern es ist die handfeste Mischung aus Mitgefühl und Fürsorge auf der Basis von Kreativität und Großzügigkeit. Die Gründlinge sind so echt wie die Liebe, die Wärme und der Humor der Gemahlin es sind und darum gibt es nun auch wirklich etwas zu fühlen, wo bisher in allen anderen Situationen rein gar nichts zu fühlen gewesen war. Dass die Dankbarkeit des jungen Königs immens sein muss, kann man sich lebhaft vorstellen. Immerhin: Es gruselt ihn endlich.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein