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Nummer 4: Rotkäppchen

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im zweiten Dreieck 
zum Thema Selbstbewusstsein und Lebendigkeit

Der Ausdruck „Dirne“ bezeichnet im Norddeutschen Dialekt ein kleines Mädchen (“lütt Dirn”). Nachdem die Brüder Grimm aber nicht aus dem norddeutschen Raum stammen, könnte es eine interessante Frage sein, wie der Begriff (und die Schreibweise letzter Hand) im Märchen und der Sprachgebrauch, der den Begriff der Dirne für die Prostituierte verwendet, zusammenhängen könnten. Von der Etymologie her wurde das althochdeutsche Wort diorna für „Unfreie“, „Dienerin“ oder „Leibeigene“ verwendet. Ab dem 13. Jahrhundert schon wurde der Begriff der Dirne unter dem Gesichtspunkt ihrer sexuellen Verfügbarkeit thematisiert, aber erst seit dem 15. Jahrhundert auch mit der erwerbsmäßigen Prostitution verbunden. Interessant ist, dass sich die neutrale oder “nur” ständisch abwertende Verwendungsweise als Dienerin neben der Bedeutungsverengung auf „Prostituierte“ nur bis ins 18. Jahrhundert hinein gehalten hatte. Danach wurde die neutrale Bedeutung für „Mädchen“ nur noch mundartlich verwendet. Ab dem 16. Jahrhundert gibt es Wörterbucheinträge, die die Dirne mit der Prostituierten gleichstellen. Ist es dann nicht umso interessanter zu erfahren, dass der Begriff in der Erstausgabe der Märchensammlung 1812, also Anfang des 19. Jahrhunderts und in der späteren Ausgabe von 1819 auch als „Dirn“ auftaucht, in der Verwendung also, die dem Mundartlichen leicht zugeordnet werden könnte, dass aber ab der Auflage von 1837, der Auflage letzter Hand also, der Begriff in „Dirne“ geändert wurde? (Quelle: Wikipedia). Und die beiden Brüder Grimm waren immerhin Sprachwissenschaftler. Sie dürften im Aufschreiben der Märchenversion, die ihnen mündlich von zwei Damen zugetragen worden war, nämlich von den Schwestern Jeanette und Marie Hassenpflug, über jedes Wort nachgedacht haben, insbesondere dann, wenn sie die Schreibweise explizit verändert haben. Lassen wir das mal als interessante Vorabbeobachtung so stehen.

Das kleine Mädchen also scheint in den Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, kein bisschen zu polarisieren, was ein wichtiger Hinweis ist, wie sich im Märchenverlauf zeigen wird. Es handelt sich um ein braves, angepasstes Mädchen. In der Eingangsillustration zum Märchen („Grimms Märchen Gesamtausgabe“, mit Holzschnitten von Ludwig Richter, Dörfler-Verlag, Erscheinungsjahr 2000) legt die Mutter Rotkäppchen die Hand unters Kinn und spricht mit belehrender Geste zum Kind. Wir erfahren später im Text, worin sie das Kind belehrt.

Im anderen Märchen erhält das Mädchen Aschenputtel seinen Namen, weil es in der Asche schläft und das Schlafen in der Asche steht für seine Degradierung durch die Stieffamilie. Rotkäppchen erhält sein namensgebendes Geschenk für seine Wohlerzogenheit und der Hut könnte als Symbol für das Behütetsein oder sogar das Überbehütetsein gedeutet werden. Auf beides greift die Mutter schon im weiteren Märchenhergang zu: Sie schickt das Mädchen mit Kuchen und Wein zur kranken Großmutter hinaus, und das unter sehr klaren, das Kind (über)behütenden Anweisungen: 

Würde ein Kind von Rotkäppchens Beschreibung wohl tatsächlich vergessen können, guten Morgen zu sagen? Rotkäppchen antwortet auch prompt:

Vielleicht denkt man bei der ersten Ermahnung, loszugehen, bevor es heiß wird, noch an eine rein praktisch-vernünftige Empfehlung. Im weiteren Verlauf dieser vielen Maßregelungen aber erscheint die Temperaturangabe rückwirkend eher so, als könnte sie auch metaphorisch aufgefasst werden. Was Rotkäppchen hier abgenommen wird, ist jedes Maß an Neugier und Lebendigkeit. Die Belehrungen schnüren es quasi in ein Korsett ein, in dem es sich kaum noch bewegen kann. Geh hübsch sittsam, geht nicht vom Wege ab, guck nicht in die Ecken. Der natürliche Ausdruck von Aufbruch und Neugier wird in den Passivpol verbannt. Das Mädchen geht nur los, weil es geschickt wird, nicht, weil es von der Neugier motiviert und angezogen würde. „Heiß“ oder lebendig soll es bei diesem rein notwendigen Aufbruch nicht zugehen. Genau zu diesem Extrem wird der Wolf später den Gegenpol einnehmen.

Zunächst aber führt dieses Vorenthalten von Welt und ihrer natürlichen Dualität dazu (was würde man wohl in den Ecken finden, wenn man in ihnen herumschaute?), dass das behütete Rotkäppchen ihre Gefahren gar nicht kennt: 

Ein Mensch, der seine eigenen tiefen Dunkelheiten kennt, erkennt sie auch im anderen Menschen. Hat dieser Mensch diese Dunkelheiten noch nicht angenommen, fürchtet er sich vor der Dunkelheit eines anderen. Hier kommt es zu Ablehnung und Diskriminierung. Hat der Mensch seine eigenen Dunkelheiten dagegen integriert, fürchtet er sich vor den Dunkelheiten anderer nicht mehr, obwohl er sie zur Kenntnis nimmt. Hier kommt es zu Akten von Güte und Mut. Ein Mensch aber, der rein gar nichts über sich und die Welt weiß und der für das Wesen eines anderen nicht präsent ist, weil er für sich selbst kein Bewusstsein hat, handelt gutgläubig und naiv. Manchmal stolpert er blindlings an der Gefahr vorbei, vor allem, wenn die vorläufige Verschonung innerhalb der Agenda des Täters liegt. Es liegt aber keine aktive, präsente und auf einem gesunden Urteilsvermögen basierende Selbstverantwortung vor, die sich in einer angemessen diplomatischen Grenzsetzung zeigen würde. Im Passivpol herrscht ein Nichtwahrhabenkönnen oder -wollen und es herrscht die Wohlerzogenheit der Harmoniesucht. Bloß kein lautes Wort, keinen Streit, keine Aufregung provozieren. Es herrscht die Angst vor, mit dieser Lebendigkeit des inneren Aufruhrs nicht umgehen zu können. Und diese Angst herrscht vor, weil man bisher nicht die Erfahrung gemacht hat, dass man intensive Gefühle aushalten und überleben kann und dass dieses Halten des Raums für die eigenen Gefühle einen stärker werden lässt. Das ist Rotkäppchens Ausgangssitaution. Später im Märchen werden wir im Vergleich dazu die Auswirkung echter Unschuld sehen können. 

Aus völliger Unwissenheit und einem Nichtwahrhabenkönnen heraus zeigt das Kind hier nun eine naive Mitteilsamkeit, die es in höchste Gefahr bringt, wo ein „guten Tag und guten Weg“ deutlich angemessener wäre. Die Textstellen müssen jeweils in einem Wechsel zwischen dem Aktivpol des Wolfes und dem Passivpol des Rotkäppchen gelesen werden.

Wer nun gerade nach Luft ringt: zu Recht! Vielleicht denkt jetzt jemand daran, wie man Kindern immer und immer wieder einschärft, nicht mit Fremden zu reden, keine Süßigkeiten anzunehmen, keine Hundewelpen in Kofferräumen anzuschauen. Experimente haben aber gezeigt, dass man nur das Objekt der potenziellen Begierde wechseln muss und die Kinder gehen dennoch mit. Kinder, die nicht mitgehen, sind dagegen solche, die das Wesen der Ansprache durchschauen und das wiederum sind keine Kinder, die von zuhause aus zum Ja-sagen und Bravsein und Nicht-in-den-Ecken-herumschauen angehalten werden. Kinder müssen gelernt haben, auf ihre Gefühle zu hören und ihnen konsequent und authentisch zu folgen. Dazu müssen sie die Möglichkeit und Freiheit bekommen haben, aus der Kooperation mit den Erwachsenen auszusteigen und in den Widerstand zu gehen, wenn Dinge sich für sie nicht gut anfühlen. Sie müssen ihre Gefühle mit den Gefühlen Anderer abgleichen können, müssen lernen, sie auf Zuverlässigkeit und Relevanz zu prüfen, auch wenn es dunkle Gefühle sein sollten. Sie müssen ihre Gefühle als Helfer kennenlernen, als Kommunikationsinstrument ihres Körpers, über den ihr Geist mit ihnen über ihre Wahrheit wie auch über Abweichungen von ihrer Wahrheit zu sprechen versucht. Und sie müssen ihre Gefühle ausdrücken dürfen, selbst wenn das im Fall von Kindern noch sehr direkt und unmittelbar geschieht und manchmal schwer aushaltbar sein mag, weil es dabei laut und wild zugehen kann. Kinder, denen diese Freiheit nicht zugestanden wird, sind gezwungen, den nicht mit Freiheit bedachten Teil ihrer Emotionen und Gefühle, vielleicht auch der dazugehörigen Gedanken und Körperempfindungen zu kontrollieren, zu verdrängen und zu kompensieren. Zur Regulation sind sie ihrem kognitiven und mentalen Entwicklungsstand gemäß noch nicht in der Lage. Je öfter sie sich allerdings gezwungen sehen, ihre Gefühle zu verdrängen, desto eher erkennen sie irgendwann ihre eigenen Gefühle und deren Botschaften nicht mehr und lernen auch nicht, die Motive anderer zu erkennen. Sie können Phänomene nicht voneinander unterscheiden und verwechseln niedrige Motive mit echten Werten, weil ihnen die unterschiedliche Energie entgeht. Solche Kinder lassen sich locken und manipulieren, während ihr Warnsystem gänzlich versagt, weil es schweigt. Erwachsene, die als Kinder Missbrauchssituationen erlebt haben, sagen in der Aufarbeitung manchmal: – Ich hätte jemanden gebraucht, der mir sagt, ob das, was ich fühle, richtig ist. Ich dachte damals, ich sehe es vielleicht falsch und übertreibe, weil mir das so immer gesagt wurde.

Besonders hochsensible Kinder erfahren oft Limitationen gegenüber ihren Gefühlen und deren Ausdruck, indem ihre Ahnungen und Empfindungen als Unsinn abgetan werden, nur weil andere sie nicht nachempfinden können oder nicht wahrhaben wollen. Oft erscheint es bequemer, die Gefühle der Kinder (oder auch erwachsener Mitmenschen) zu übergehen, weil ein konsequentes Beachten anstrengender wäre oder die eigene Agenda stören würde. Machen die Kinder diese Erfahrung oft, dass ihre Gefühle ignoriert werden, trauen sie ihren Gefühlen irgendwann nicht mehr. Dann steht der Wolf vor ihnen und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Im Fall eines intakten Selbstbewusstseins und damit aktivierter Präsenz könnte diese innere Haltung des Wolfes durchaus als Energie und Aura, wie auch über die Mikroausdrücke, den Tonfall, die Körperhaltung, den Subtext zwischen den Zeilen des Ausgesprochenen oder den Körpergeruch etc. wahrnehmbar sein. Wenn Rotkäppchen später durch die Ansprache des Wolfes die Augen erst aufschlägt, heißt das aber im Umkehrschluss, dass es zum jetzigen Zeitpunkt die Augen noch geschlossen hält, dass es nahezu schläft und sich seiner selbst völlig unbewusst ist. Es weiß nicht, wie es so da ist in der Welt und darum erkennt es auch das Dasein der Anderen nicht. Vermutlich hat es bisher auch in den eigenen Ecken nicht herumschauen dürfen.

Eine typische Masche der Verführer ist es nun, den unbesetzten Gegenpol des Opfers einzunehmen. Absolut geschickte Beobachter mit Jagdinstinkt finden die Leerstellen heraus, das, was wir auch Schwachstellen nennen, und sie besetzen die Lücken derart, dass sie mit der Manipulation leichtes Spiel haben. Da wird durch Schmeichelei ein Helfersyndrom instrumentalisiert und die Schmeichelei wird als Wertschätzung ausgegeben; durch Bevormundung wird eine emotionale Bedürftigkeit bedient und die Bevormundung wird als Fürsorge getarnt; und durch Verführung wird die Leblosigkeit hinter dem Ofen hervorgelockt und die Verführung wird als Weltläufigkeit getarnt. 

Das Kind wird vom Wolf im unnatürlichen Modus erstarrter Lebendigkeit wahrgenommen, entfremdet von sich, der eigenen Kreativität, dem Kindsein, der natürlichen Neugier. Unterschwellig wird er auch die Sehnsucht nach Lebendigkeit wahrnehmen, diese Sehnsucht nach Spiel, die der Verführer bedient und die von Rotkäppchen bestätigt wird:

Die Artigkeit bewerkstelligt Rotkäppchen also nur, indem es die Augen niederschlägt und die Welt ausschließt. Und das ist es, was die aktiven Gegenpol-Menschen an den passiven Menschen leisten: Sie öffnen ihnen die Augen für ihre eigene Unvollständigkeit. Oder genauer: für das unvollständige Bewusstsein für ihre eigentliche Vollständigkeit. Rotkäppchen ist nicht nur gehorsam und pflichtbewusst, sondern es ist auch ein Kind, das Freude an Blumen hätte und die Freude teilen wollte, wenn es dürfte. Aber es weiß nichts von dieser Freude. Bis der Wolf erscheint.

Da das tiefere Hineingeraten in den Wald keine weitere Funktion hat, außer, dass es dem Wolf Zeit verschafft, die Großmutter zu verspeisen, könnte es als Metapher gedacht werden für die zunehmende Verstrickung, der solche dualistischen Gegenpolverbindungen unterliegen. Das gilt für alle Lebensthemen, die mit den menschlichen Grundbedürfnissen verbunden sind. 

Die Schwäche, die dem Gierigen und dem Betrüger im Aktivpol die Tür zum eigenen Haus öffnet und Einlass gewährt wird dann in der Figur der Großmutter noch in ihren Höhepunkt hinein geführt. Dem Wolf genügt es, eine Behauptung über seine vermeintliche Identität aufzustellen und er erhält ungeprüft Einlass.

Ob Rotkäppchen, ausgerechnet das wohlerzogene Rotkäppchen, je so mit der Großmutter sprechen würde?

Es ist die Lethargie, die aus dem Gefühl entsteht, gefangen zu sein in Vorschriften, Vorgaben, Anforderungen des eigenen Alltags und auch in Forderungen der Umwelt an die eigene Person. Die alte Frau, als eine ins Außen verlagerte Instanz eines Bewusstseinsanteils der Heldin, verkörpert hier nicht Reife und Weisheit, sondern Alter, Krankheit und Tod. Die Krankheit der Großmutter stellt metaphorisch das Siechtum eines nicht gelebten Lebens dar, in dem das Selbstbewusstsein verloren geht, das Bewusstsein für das eigene Sosein: das eigene Temperament, die eigene Konstitution, die eigenen Bedürfnisse und den eigenen Rhythmus, weil man viel zu sehr von anderen eingetrichtert bekommen hat, was für sinnvoll zu halten ist und was nicht, welche Bedeutung die Dinge haben, statt dass man seine eigenen Bedeutungen definiert hätte, womit man sich in der Welt beschäftigen möchte, wann man aufbrechen möchte und wozu, wann man vom Weg abgeht oder auf ihm bleibt, ob man Blumen pflücken will oder nicht und ob man in Ecken schaut oder es sein lässt. In dieser Welt funktioniert man und irgendwann schließen sich die inneren Augen, die Augen des Herzens, mit denen allein man das Wesentliche sehen könnte. Der Körper erhält durch geschlossene Augen kein Licht mehr und wird krank. An so einem kranken und schwachen Menschen, der von der inneren Lichtkraft abgeschnitten ist, hat der Wolf leichtes Spiel, seine Agenda durchzusetzen und keine andere Agenda berücksichtigen zu müssen. Er muss nur die Klinke herunterdrücken und er erfährt überhaupt keinen Widerstand: 

Er verschluckt sie einfach und er tut es, weil er es kann. Weil nichts und niemand ihm Einhalt gebietet und zumindest mal fragt: -Was fällt dir ein?

Die Verkleidung entspricht der Verstellung des Täters als Verführer. Manchmal wird ein Verbrechen ausgeführt, indem dem Opfer ohne Wenn und Aber Gewalt angetan wird, manchmal aber wird das Opfer auch durch die Verstellung des Täters zur Kooperation manipuliert, wie es in den meisten Fällen von Kindesmissbrauch geschieht, der sich im persönlichen Umfeld des Kindes abspielt. Wir sprechen aber auch von jeder Art von Korruption im Alltag. Der Täter verstellt sich in einer Form und Variante von „die liebe Großmutter“ und übt zugleich manipulierenden Druck auf die kindliche Psyche aus. An dieser Stelle kommt das Gaslighting des Narzissten ins Spiel, der sein schwaches Opfer ohne Vertun manipuliert und dazu auf der Klaviatur der Grundängste spielt.

Als nächstes kommt Rotkäppchen am Haus der Großmutter an und jetzt geschieht etwas Interessantes. Im Märchen wird zuvor noch explizit von der Freude der selbstvergessenen Glückseligkeit erzählt, die Rotkäppchen mit den Blumen erlebt. Hier ist Rotkäppchen zwar in die eigene Falle der Maßlosigkeit hineingegangen, hat sich darüber aber im Pol der Lebendigkeit als Gegenpol zur bisherigen Leblosigkeit an Verboten und Einschränkungen selbst in seine Mitte gebracht, sich also mit sich selbst verbunden. Der Gegenpol hat einen Ausgleich geschaffen. Das Mädchen findet sich selbst im Modus der Kreativität: 

Während das Kind vorher, in der ersten Begegnung mit dem Wolf, keinerlei Präsenz und Gespür für dessen Wesen aufgebracht hatte, ist seine Sensibilität nun voll erwacht. Jetzt kann es eine ganz neue Präsenz für seine sinnesspezifischen Empfindungen aufbringen: 

Rotkäppchen kann zu diesem Zeitpunkt den Wolf noch gar nicht sehen und doch funktioniert seine Intuition jetzt einwandfrei, die in der ersten Begegnung noch versagt hatte: 

Rotkäppchen nimmt die subtile Wunderlichkeit wahr, obwohl es glaubt, die vertraute Großmutter vor sich zu haben. Und indem es ganz bei sich bleibt, aktiviert das Mädchen nun seine Präsenz und sein Urteilsvermögen und stellt zutiefst relevante Beobachtungen an, die als fragende Beobachtung oder beobachtende Fragen formuliert werden:

Rotkäppchen stellt seine beobachtenden Fragen im Yang-Modus, im Modus des unterscheidenden Geistes. Unterschieden wird nun die Illusion von der Wirklichkeit. Der Wolf antwortet im betrügerischen, illusionsstiftenden Aktivpol. Mit kaum verschleierter Gier will er das Kind in Sicherheit wiegen.

Trotz richtiger Beobachtung und richtiger Fragen hat Rotkäppchen gegen die Gewalt des stärkeren Angreifers keine Chance. Das Kind gibt zu keinem Zeitpunkt nach und wäre mit den Antworten zufrieden, geht auch nicht in die Kooperation mit dem Wolf, sondern es fragt weiter und versucht seinen berechtigten Zweifeln auf den Grund zu gehen. Dadurch produziert es die Energie von (potenziell lebensrettendem) Widerstand. Das entspricht ungefähr der Übertretung des mütterlichen Verbots, in allen Ecken herumzuschauen. Rotkäppchen schaut jetzt in allen Ecken herum und beleuchtet diese dunklen Ecken durch seine gezielte Aufmerksamkeit. Darum wird es nicht unverzüglich gefressen, wie die widerstandslose und schwache Großmutter, sondern seine Stärke des Widerstands hält es am Leben. Da der Jäger aber zu spät kommt, dessen Hilfe das Kind eben doch noch bedarf, nimmt die Katastrophe dennoch ihren Lauf, weil sich manches Leid trotz allem nicht verhindern lässt.

Jetzt taucht ein Wort auf, das dieses Märchen in einen eindeutigen Rahmen stellt: „Gelüsten“. Der Wolf befindet sich nun in der Mitte der beiden extremen Pole, aber nicht in der Dreiecksfläche. Die reine Triebefriedigung besänftigt für einen Moment den Aktivpoldruck, das Gefühl des Getriebenseins also, aber sie hebt den Menschen nicht über den Trieb hinaus. Der Getriebene und der Triebtäter bleiben in ihren ungelösten Schatten, in ihren Mangelgefühlen und in ihren Konditionierungen verhaftet. Mit dem Gewaltausbruch oder auch dem Gefühlsausbruch wurde vielleicht und möglicherweise ein Gefühlsstau entladen oder auch ein vorher unterdrücktes Gefühl bemerkt, aber es wurde nichts in der Tiefe gelöst. Keiner der Grundbedürfnisse, deren Mangelerscheinung zum Angetriebensein geführt hat, wurde in die Obhut des inneren Erwachsenen gegeben. Gewalt und Wut haben nur kompensatorische Wirkung, wenn der so wichtige Weg vom Passivpol über den Aktivpol nicht auf einer höheren Ebene, nämlich auf der integrativen Ebene fortgesetzt wird. Der Wolf jedenfalls sinkt auf den Nullpunkt der befriedigten Gelüste und wird dort als schlafendes Raubtier bleiben, bis die Gelüste sich wieder als erneut unbefriedigt melden.

Heißt es nicht, der Täter kehre immer an den Tatort zurück? Dieser Täter verlässt ihn gar nicht erst und das Überlaute an ihm deutet metaphorisch eine prahlerische Selbstüberhöhung an, die von diesem Grobian ohne jedes Schuldbewusstsein zur Schau getragen wird. Gerade bei sexuellen Übergriffen im persönlich bekannten Umfeld bleibt der Täter ebenfalls an Ort und Stelle und seine Anwesenheit macht dem Opfer das Leben zur Hölle. „Überlautes Schnarchen“ wird zur ständigen Bedrohung dem Opfer gegenüber, sich an die erzwungene Kooperation zu halten und Stillschweigen zu bewahren, weil der Wolf jederzeit mehr Lärm veranstalten kann als das gefressene Rotkäppchen, das nunmehr gar nicht mehr sprechen kann.

Das Jugendbuch „Rotkäppchen muss weinen“ von Beate Teresa Hanika, das 2007 den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis erhielt, erzählt in der Geschichte einer unterstützenden und rettenden Freundschaft die Geschichte des Jägers im Märchen. In der Zugewandtheit der Freundschaft werden die Zeichen des erlittenen Missbrauchs aufmerksam wahrgenommen, gedeutet und es wird stärkende Unterstützung angeboten, bis das Missbrauchsopfer in seine Kraft gefunden hat, Widerstand zu leisten. Alleine würde Rotkäppchen sich nicht aus dem Bauch des Wolfes befreien können. Mit einem aufmerksamen und engagierten Helfer, was eigentlich ein Erwachsener sein sollte und hier im Märchen auch ist, aber geht es. 

Die weitere Geistesgegenwart des Jägers, über die schon gezeigte Präsenz und sein Urtreilsvermögen hinaus, liest sich bemerkenswert: 

Der Jäger lässt dem Opfer, zunächst der Großmutter, die er als Opfer vermutet, das Maß an notwendiger Fürsorge zukommen, das es braucht, um hier möglichst wenig weiteren Schaden anzurichten und um zu retten, was noch zu retten ist. Er befreit nun zuerst das Rotkäppchen, mit dem er gar nicht gerechnet hatte. Damit lässt er sich vorurteilsfrei, völlig im Moment seiend, auf sein heilendes Geführtsein ein. Er vollbringt, was der Situation nach nötig ist, statt sich auf Konzepte zu versteifen und auf das, was er sich vorstellt oder denkt, was zu tun nötig sein könnte oder sollte:

Die Dunkelheit als Metapher für die völlige Leblosigkeit, den Stillstand, die Erstarrung. Einerseits steht sie für die Traumatisierung des Opfers, indem die Schockenergie im Körper stecken bleibt, wenn das Lebewesen nicht kämpfen oder fliehen kann, sondern die Erstarrung der einzigen Weg ist, der ihm bleibt. Die durch die Dissoziation entstandene Dunkelheit umgibt die Opfer ein Leben lang, wenn sie sich nicht irgendwann dem Schmerz stellen, das Ereignis verkraften und dazu den inneren Jäger als Metapher für den inneren Erwachsenen aktivieren, der das innere Kind in seine liebende Obhut nimmt. Zu dieser Dunkelheit der Traumatisierung gesellen sich die weiteren Dunkelheitsaspekte der Schuldgefühle aus dem dritten Dreieck, der Einsamkeitsgefühle aus dem vierten Dreieck plus ein grundsätzliches Gefühl der Unzulänglichkeit aus dem ersten Dreieck. Über allem schweben die Dunkelheit des tiefen Erschüttert- und Verletztseins, wie auch des Autnomieverlustes, der sich als tiefe Hoffnungslosigkeit breitmacht. 

Andererseits ist die Dunkelheit auch etwas, was Täter und Opfer schon vorher miteinander verbindet, bevor es zur Tat kommt. Wenn wir die Eingangsüberlegung der Etymologie des Begriffs der Dirne nochmal in Erwägung ziehen, dann ist es die Passivität, die alle Menschen in den Passivpolen der Unfreiheit und der Verfügbarkeit aussetzt. Sie setzen sich selbst der Unfreiheit und der Verfügbarkeit aus, die im zweiten Dreieck die sexuelle Unfreiheit und Verfügbarkeit sein kann, im dritten Dreieck die Verfügbarkeit als Sündenbock, im vierten Dreieck die Verfügbarkeit als Objekt der Bevormundung und im ersten Dreieck als zu belehrendes Objekt. Gerade wenn die Unfreiheit in die Berufswelt hineingetragen wird, in jenes gedanken- und emotionslose Funktionieren einem als sinnlos empfundenen Job gegenüber, dann fühlt sich das berufliche Dasein für manchen wie geistige Prostitution an.

Nach der Tat weitet die Dunkelheit sich noch stärker aus: Auch wenn die unguten Verführer zunächst vermeintlich augenöffnend wirken, stürzen sie die Verführten anschließend in eine umso größere Dunkelheit aus Drangsal, Abwertung, Demütigung und Tyrannei. Das tun sie, weil sie selbst in dem Gefängnis aus Gier und Greifen und Habenwollen stecken und keine Alternative dazu sehen, als in ihrer Suche nach dem eigenen Selbst nach dem Selbst der Anderen zu greifen. Mit ihrem selektiven Blick sehen die Täter die Blumen nicht wirklich, sehen sie nicht als Symbol der Schönheit, sondern als manipulatives Mittel zum Zweck. So werden Blumen und Poesie oft als Stilmittel verwendet, um einen sensiblen Geist vorzugaukeln und den gierigen Geruch des Wolfes zu übertünchen. Wir müssen zum zweiten Dreieck, in dem die Verführung, die Manipulation oder der Missbrauch stattfindet, das dritte Dreieck als Motor der Untat dazu denken. Vermeintlich vergrößert der Narzisst die Welt des Märtyrers und weitet dessen Blick, mittelfristig aber wird der passivpolige Partner nur in das Drehbuch des aktivpoligen Menschen hinein geschrieben. Er oder sie unterliegt fortan der Agenda, oder hier: den Gelüsten des narzisstischen Verführers, der keinerlei Interesse an den Bedürfnissen des Partners oder der Partnerin hat. So eine Partnerschaft ist eigentlich für beide Partner dunkel. Der Narzisst aber kompensiert das Defizit an Wertschätzung und Liebe und spürt den Schmerz nicht. Er empfindet die Dunkelheit nicht als schmerzvoll, ja nimmt sie im Grunde nicht mal wahr. Wenn überhaupt würde er sie als gegeben hinnehmen, zum Beispiel wenn sie vom Partner oder der Partnerin thematisiert würde. Für den Narzissten ist das nunmal die Welt, wie sie seiner Meinung nach ist und jede andere Vision, so wird er stets behaupten, sei naiver Unsinn. Der Märtyrer aber leidet unter der Dunkelheit. Zuweilen kontrolliert er den Schmerz derart, dass er nach dem „Blumenpflücken“ wieder in den Passivpol zurücksinkt und sich jede Lebendigkeit erneut versagt. Dort redet der nun wieder zurückgesunkene passivpolige Mensch sich die Dunkelheit entweder schön und belegt sie mit Illusionen und zwanghaften Erklärungen oder er geht an ihr zugrunde.

Nach einer solchen Dunkelheitserfahrung kann es für den Geist unendlich schwer sein, wieder zu Atem zu kommen, das heißt, wieder zu sich selbst und in den eigenen natürlichen Zustand zu finden. Selbstheilung herbeizuführen und den Raum für sich zu halten, auch wenn es schwer wird, wenn die Gefühle einen zu überwältigen drohen und der innere Wächter händeringend auf Abwehr geht, ist eine echte und nicht zu unterschätzende Kraftanstrengung. Die anschließende Erschöpfung und der dringende Wunsch, zu schlafen, sind gute Indizien dafür, dass man im Prozess der Heilung durch das notwendige Nadelöhr gegangen ist. Es wäre also normal, eine Zeitlang zu brauchen, um wieder zu Atem zu kommen.

Hier ist es Rotkäppchen, das klarmacht: Trag deinen Kram selbst, aber wage es nicht nochmal, mich für deinen Kram zu instrumentalisieren. Deine Leere zu füllen ist nicht meine Aufgabe. Im Symbol der Steine gibt es die Last an den Täter zurück. Mit diesen Steinen, die Rotkäppchen dem Wolf in den Bauch legt, füllt der Gierige sich normalerweise allerdings schon selbst auf. Da es ihm auf den einzelnen Menschen nicht ankommt, wird ein Partner gegen den nächsten ausgetauscht und wenn die Kompensation nicht genügt, wird der Leib vollgestopft, womit man einen Leib eben vollstopfen kann, wenn man nicht begreift, dass in Wahrheit der Geist Hunger leidet. In den extremen Fällen der Mangelkompensationen in Form von Süchten geht es dann wie mit dem Wolf: 

Er findet sich selbst im größten Extrem des Passivpols wieder, nämlich im eigenen Tod.

Ganz und gar der vorherigen berühmten Märchenversion geschuldet, die zwei Jahrhunderte früher (1695/1697) unter dem Titel „Le Petit Chaperon rouge“ von Charles Perrault aufgenommen und am Hof von Versailles verbreitet wurde, ist der vorläufige Märchenschluss zu lesen. Charles Perrault ging es eindeutig um eine sittliche Warnung an junge attraktive, wohlerzogene Damen, sich vor der Gefahr der Verführung oder auch der Entführung in Acht zu nehmen. Das Märchen wurde danach mündlich weitergegeben und landete zu einer Zeit, als die großen Frauenromane wie „Madame Bovary“, „Anna Karenina“, „Effi Briest“, „Die Präsidentin“ und “Bildnis einer Dame” vorgelegt wurden, auf den Schreibtischen der Brüder Grimm. Die naive, hilflose Position, in der Rotkäppchen am Schluss dennoch verzagt und gefressen wird, entsprach dem Frauenbild des 19. Jahrhunderts, das nun von Autoren wie Gustave Flaubert, Lew Tolstoi, Theodor Fontane, Clarín und Henry James thematisiert wurde. Rotkäppchen jedenfalls schlussfolgert (zunächst) für sich: 

Das Märchen erhält aber, überliefert aus der zweiten mündlichen Quelle, noch eine Schlussergänzung. Was in der Schlussergänzung erzählt wird, ist, dass die Intuition des Mädchens jetzt völlig sicher arbeitet. Gibt es einen Grund dafür, dass dieser Schluss in den Nacherzählungen irgendwie vernachlässigt wurde und im Gedächtnis der Märchenrezipienten gar nicht so präsent ist? Möglicherweise. Möglicherweise hat es vielen familiären und gesellschaftlichen Machthabern auch durchaus nicht gepasst, diesen Märchenschluss einer Emanzipation vom Gesäusel und von der Gewalttätigkeit des Wolfes fest in unserem kulturellen Gedächtnis zu verankern. Im tatsächlichen Schluss des Märchens jedenfalls gibt es eine zweite Wolfsbegegnung und diesmal erkennt das Kind die Zeichen des schlechten Charakters, nimmt sie also zur Kenntnis, bleibt darüber aber souverän und komplett bei sich: 

Und auch die Intuition und die Selbstverteidigungskraft der Großmutter sind deutlich gestärkt. Sie verschließt nun die Tür, um den Wolf wirksam auszuschließen, und als der Wolf am Ende auf das Dach springt, um auf Rotkäppchens Aufbruch zum Heimweg zu warten, heißt es zum Schluss: 

Die Großmutter steht nun für die integrierte Weisheit und aktivierte Yin-Kraft. Sie lässt Rotkäppchen das Würstchenwasser vom Vortag in den Steintrog vor dem Haus schütten, womit der Verführer zum Verführten wird. Der Wolf reckt sich vom Dach hinab dem Duft des Würstchenwassers entgegen bis er sich nicht mehr halten kann und vom Dach in den Trog rutscht, wo er ertrinkt. Hier sind also keine naiven und hilflosen Frauen mehr am Werk, die auf die Rettung durch den Jäger warten müssen. Diese Frauen haben sich von ihrer Angst vor ihrer Lebendigkeit emanzipiert und wissen nun sich selbst zu helfen. Sie nehmen mit purer Präsenz wahr, was mit den Wesen um sie herum los ist und handeln völlig angemessen, indem sie das Material, das ihnen zur Verfügung steht, gut nutzen. Unter anderem gehört zu diesem Material die schwesterlich-weibliche Kooperation.

Und zwar tat ihm nicht deshalb niemand etwas zuleid, weil es etwa keine Wölfe mehr im Wald gegeben hätte – wir alle wissen, dass es der Wölfe mehr als genug gibt in der Welt, sondern weil Rotkäppchen aufgrund der Erfahrung der Schwesternschaft mit ihrer Großmutter und der Erfahrung, sich selbst helfen zu können, statt klein, naiv und hilflos zu sein nun die mentale Stärke wahren Behütetseins ausstrahlt, die Wölfe auf Abstand hält. Rotkäppchen mit guter Intuition und kreativer Kraft, die ausstrahlen, dass sie ganz bei sich sind, sind keine geeigneten Opfer für Wölfe. Ihnen fehlt die Verführbarkeit, die sich aus der Unvollständigkeit und dem Mangelgefühl ergeben hatte. Die Ausstrahlung eines intakten Selbstbewusstseins schreckt die selbst in Minderwertigkeitsgefühlen steckenden Wölfe ab. Am Ende aber entscheidet jedenfalls nicht körperliche, sondern die mentale Stärke über das Schicksal, das Rotkäppchen und Wolf miteinander teilen. Der Raffinesse des Würstchenwassers hat der Wolf keine mentale Stärke entgegenzusetzen und hat dem Auf-dem-Weg-bleiben des nun mental starken Rotkäppchens auch keine Handhabe der Verführung mehr. Rotkäppchen nämlich wird Blumen pflücken, wann immer es Blumen pflücken will und braucht dazu nicht den Wolf, der es auf die Blumen aufmerksam macht. Die Dirne ist aus der Verfügbarkeit der Verstrickung ausgestiegen und hat sich in die eigene lebendige Freiheit hinein emanzipiert.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein