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Nummer 3: Der süße Brei

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im ersten Dreieck 
zum Thema Selbstsicherheit und Kompetenz

Die Ausgangslage dieses Märchens setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Erstens, die Märchenheldin wird mit den Attributen „arm“ und „fromm“ eingeführt. Wie schon in anderen Märchen gesehen (z. B. „Die Sterntaler“ oder „Das Aschenputtel“) steht der Begriff “fromm” für ein Urvertrauen, das sich seine Quelle aus der Verbindung zum höheren Selbst und also der Verbundenheit mit der Göttlichkeit erschließt. Für gewöhnlich stirbt zuvor die leibliche Mutter und die von der Mutter dem Kind gegenüber in Auftrag gegebene Frömmigkeit “bleib immer fromm und gut” wird zum intuitiven Kanal für die göttliche Kraft, die fortan durch das Kind hindurchfließt. Die verstorbene Mutter wird zur internalisierten Mutter und damit zur lebendigen Yin-Kraft im Kind. In diesem Märchen aber kommt es gerade darauf an, dass die leibliche Mutter mit dem Kind zusammenlebt und es eigentlich keinen Mangel  leiden sollte, seine Frömmigkeit also nicht extra betont werden müsste. Denn hier geht es nicht um eine Haltung der Dankbarkeit, die mit der Frömmigkeit gemeint sein könnte, sondern mit dem Begriff der Frömmigkeit ist, wie in den anderen Märchen auch, die Fähigkeit, sich führen zu lassen, gemeint. Es geht also darum, dass die Intuition oder die mediale Empfänglichkeit die spätere Ernte vorbereitet. Mediale Empfänglichkeit ist den zwölf Lebensprinzipien nach die Voraussetzung zur Ernte, wenn wir davon ausgehen, dass die Ernte nicht materielle Güter, sondern persönliche, vermutlich charismatische Fähigkeiten sind.

Die zweite Komponente dieses Märchenanfangs aber bildet der Mangel, den Mutter und Tochter leiden. Das Mädchen leidet also Mangel und wird als “arm” bezeichnet, trotz der mütterlich lebendigen Präsenz. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Mangel auf manifester Ebene auf einen Mangel auf psychischer Ebene verweist, muss im Laufe der weiteren Märchenlektüre der materielle Mangel mit einem Mangel an Selbstsicherheit verbunden werden. Mutter und Tochter haben nichts zu essen und die Mutter hat offenbar keine Idee, wie sie diesen Mangelzustand beenden könnte. Ihr fehlt es an selbstsicherer Kompetenz. Im Grunde wird hier die Lebensuntauglichkeit thematisiert, die Manifestation der Angst vor Unzulänglichkeit, die in einer Form der Hilflosigkeit gelebt wird. Im Kontrast dazu zeigt das Kind nämlich, vielleicht geführt von seiner Frömmigkeit und also von seiner Intuition, ein ganz anderes Verhalten: 

Wer nämlich eine Idee hat und in Aktion tritt, das ist das Kind. Das „da“ am nächsten Satzanfang signalisiert den intendierten Aufbruch. Der Aufbruch ist vom vorherrschenden Mangel motiviert, aber auch von der Zuversicht, den Mangel beheben zu können. Indem der alten Frau gegenüber die Situation nicht mehr thematisiert werden muss, wird deutlich erzählt, dass dieses Treffen nicht zufällig geschieht, sondern in der Absicht des Kindes liegt, Hilfe zu suchen. Die beiden treffen sich in der Synchronizität ihrer Schwingungen. Die alte Frau ist eine Personifikation der Güte, die ihrerseits die Yin-Qualitäten Präsenz, Wertschätzung und Mitgefühl einschließt. Hier tritt sie in der konkreten Yin-Qualität der Ermächtigung zur Selbstermächtigung oder schlicht der Ermutigung scheinbar von außen an das Mädchen heran, ist aber in Wahrheit die eigene Weisheit des Mädchens. Auf diese Weisheit erhält das Mädchen durch seine mediale Empfänglichkeit einen Zugang. Durch die passende Yang-Qualität des Edelmutes wird dem Mädchen ein Instrument zur Selbsthilfe überreicht und zwar in der konkreten Manifestation eines selbstkochenden Töpfchens. Das Kind wird also in die Lage versetzt, fortan für sich selbst sorgen zu können, statt nur einmalig einen Almosen in Empfang nehmen zu können, der potenziell in eine Abhängigkeit hineinführen würde. Seine Lebenskompetenz wurde gestärkt.

Die Bedienung des magischen Töpfchens bedarf der Kompetenzerweiterung, für die die gütige Frau in der Form der archetypischen Lehrerschaft Sorge trägt, ebenfalls die Yang-Qualität des ersten Dreiecks mit den Themen Kontrolle, Kompetenz und Selbstsicherheit. Die alte Frau informiert das Mädchen über den Mechanismus des Töpfchens. Vermutlich informiert das Mädchen seinerseits die Mutter ebenfalls über seinen Mechanismus, wenn es das Töpfchen heim bringt: 

In der Mitte dieses kurzen Märchens scheinen die Probleme der Familie kompetent und vollständig gelöst zu sein.

Wie sich herausstellt, ist die Mutter nur halb so kompetent gegenüber der Handhabung des Tröpfchen und damit der Meisterung ihres Lebens als notwendig wäre. Sie bringt das Töpfchen zwar dazu, Brei zu kochen, damit sie ihren Hunger stillen könne, bringt die Dinge also in Gang, weiß sie dann aber nicht zu gestalten und zwar in der hier notwendigen Form, nämlich sie zu beenden. Ihr fehlt das Wissen um die Feinheit der notwendigen Formulierung, um das lebenserhaltende Instrument zu beherrschen. Dinge in Gang zu bringen, ohne sie verantwortlich gestalten zu können, bringt einen gewöhnlich in größte Schwierigkeiten.

Nun führt die Unwissenheit und Ideenlosigkeit vom Anfang erneut in die Manifestation eines Extrems hinein. Zu Beginn war es die Armut, nun ist es das Übermaß, das diesmal aber nicht nur die Familie, sondern weitere Menschen in Not bringt. Die mangelnde Kompetenz erstreckt sich auf die weitere Nachbarschaft, nicht nur in der Konsequenz aus der zu beobachtenden Inkompetenz, sondern auch bereits in ihrer Ursache, denn offenbar weiß niemand im ganzen Dorf über selbstkochende Töpfchen Bescheid. Es mag Desinteresse am Lernen gewesen sein oder Überforderung, was nun das ganze Dorf in Not zu stürzen droht. Offenbar jedenfalls hat die Mutter keine Übung darin erworben, das Töpfchen kompetent zu bedienen und zu beherrschen, was den Schluss zulässt, dass sie ihre Hilflosigkeit weiter auf Kosten des Kindes ausgelebt hat und das Kind bisher vollständig alleine für die Handhabung des Tröpfchens zuständig war. Wie man sieht, agiert die Mutter ja rein nach dem Lustprinzip: Sie hat Hunger und lässt das Töpfchen kochen, isst sich satt und weiß dann nicht weiter, weil ihr das Wissen fehlt, das Töpfchen vernünftig zu handhaben. Sie lässt also ihr inneres Kind entscheiden und agieren.

Und dann ist es wieder die Kompetenz des Kindes, die nun sogar ein ganzes Dorf vor dem Allerschlimmsten bewahrt und die damit zur charismatischen Fähigkeit erhöht wird. Das Besondere an dem Kind ist, noch einmal gesagt, seine archetypische Frömmigkeit, die wir mit dem Vermögen, zu lauschen übersetzen können. Das Kind hat der alten Frau zugehört und hat sich die Formel zuverlässig gemerkt, vielleicht hat es sie auch sorgsam eingeübt und als Fähigkeit integriert. An irgendeiner dieser drei Stellen ist die Mutter nicht mitgegangen. Entweder hat sie nicht zugehört oder hat sich nicht darum bemüht, sich die Formel zu merken oder sie hat die Anwendung der Formel, wie schon gemutmaßt, nicht eingeübt. Es ist jedenfalls das Kind, das nicht nur mit seiner selbstsicheren Kompetenz einschreitet, sondern im letzten Moment und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, wenn nämlich nur noch ein einziges Haus übrig ist, durch das fortan der Zugang zur Stadt überhaupt noch möglich sein wird, bevor alles verloren wäre. Indem das Kind nun mit seinen Fähigkeiten nicht nur sich, sondern auch anderen hilft, wird die Kompetenz zum Charisma, zur spirituellen Fähigkeit der Genialität, die sich definieren lässt als eine aus dem höheren Selbst heraus geführte Kompetenz. Die Kompetenz wurde vom Kind selbst erworben und wird nun von göttlicher Seite aus geführt und eingesetzt.

Scheinbar endet das Märchen mit dieser knappen Zustandsbeschreibung. Interessanterweise fehlt diesem Ende jede Bewertung. Man könnte meinen, dass ein Schluss, der jubelnd begrüßt, dass das ganze Dorf nun nie wieder Hunger zu leiden habe, ein mögliches Märchenende sei. Aber so lautet das Märchenende nicht. Dieser Satz hinterlässt so etwas wie Bauchschmerzen oder wenigstens ein ungutes Gefühl. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten und das Gleichgewicht wurde bisher nicht wieder hergestellt. In diesem einen Satz sind zwei Extreme miteinander verbunden: a) Es gibt Leute, die nun von der Stadt ausgeschlossen sein könnten und b) falls sie wieder Einlass erhalten wollen, müssen sie sich durch ein Übermaß hindurchkämpfen. Deprivation und Übermaß. 

Das Objekt, durch das sie sich durchessen müssen, wird nicht benannt. Wenn es immer noch um den angenehm süßen Hirsebrei ginge, würde das Märchen dann nicht in fröhlichem Ton einer Verheißung das Verb „dürfen“ verwenden? Durch was also muss sich jemand durchessen – und scheint dazu gezwungen zu sein – der wieder in die Stadt hinein gelangen will?

Das Märchen erzählt nun also davon, dass ein Kind die Erfahrung macht, dass die für sein Wohlergehen verantwortliche Ältere nicht in der Lage ist, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Per Projektion der Kompetenz und Übertragung der Verantwortung auf das Kind kehrt sich die Rollenverteilung zwischen Mutter und Kind um. Das Kind sorgt für die Erwachsene. In der Realität kommt es zu diesem Rollentausch in der Regel aus Lernunwilligkeit im erwachsenen Part, seltener aus Lernunfähigkeit. Es kommt dazu, wenn die elterliche Selbstverantwortung bei dem Kind abgeladen wird. Der Grund dafür ist häufig, dass der kognitiv erwachsene Mensch es an mentaler Reife fehlen lässt. Dieser Art des Abladens geht die Passivpolprojektion voraus, in der sich die Angst vor Unzulänglichkeit als tatsächlich erlebbare Inkompetenz manifestiert und die Angst auf das Kind projiziert wird. Die eigene, erwachsene Kompetenz wird verleugnet und die inszenierte, oft über viele Jahre der eigenen Kindheit gelernte Hilflosigkeit drängt das Kind in den Aktivpol. Das Kind übernimmt dabei Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die seinem Alter und Entwicklungsstand nicht angemessen sind. Nicht selten entsteht sowohl ein Abhängigkeitsverhältnis als auch eine Überforderungssituation. Der gleiche Vorgang lässt sich für das Modell des inneren Kindes und des inneren Erwachsenen erzählen. Das innere Kind kann nur impulsiv und emotional agieren, ist aber zur einem wertebasierten Handeln nicht fähig. Dazu braucht es den inneren Erwachsenen in der Kombination aus Mentalität und Rationalität, mit dem zusammen das innere Kind die Vernunft bilden kann. Wenn das Individuum sich weigert seine Werte zu reflektieren und für sie einzustehen, wird das Leben allein aus der Emotionalität heraus geführt. 

Die Aktivpolprojektion agiert stattdessen auf der Basis von klaren Forderungen an die Leistungserbringung des Kindes. Typischerweise soll das Kind den nicht verwirklichten Lebenstraum eines Elternteils nachholen, der aus reiner Selbstverleugnung der eigenen Kompetenz heraus versäumt wurde. Manchmal handelt es sich um einen konkreten Traum, manchmal aber auch nur um einen unspezifischen Begriff von Erfolg. Alles, was in den Augen des fordernden Elternteils nicht dieser Vorstellung entspricht, wird abgewertet und als Versagen und Enttäuschung deklariert. Am Grund der Angst geht es eigentlich um die eigene bisher gescheiterte Selbstverwirklichung und die eigene bisher nicht umgesetzte Begabung. Die Enttäuschung des inneren Kindes eines solchermaßen tadelnden Erwachsenen meint eigentlich das eigene Selbst, den inneren Erwachsenen also, der bisher nicht ausreichend in Erscheinung getreten ist, um dem eigenen Leben Bedeutung zu verleihen. Man hat sich selbst die Unterstützung, die Ermutigung und die Energie versagt, etwas aus seinen Talenten zu machen. Wer einen anderen Menschen als Versager bezeichnet, meint in Wahrheit sich selbst, und sein Unterbewusstsein weiß auch darum. 

Die nicht gelebten aber mit den individuellen Gaben verbundenen Träume verursachen in jeder schattenhaften, also unbewussten Art des Umgangs mit ihnen ungeheuren Schmerz. Außerhalb der Schmerzzone würde die erwachsene Präsenz bei einer anderen Person zwar einen Mangel an Kompetenz ausmachen können, falls er de facto vorliegen würde, würde den Mangel aber nicht verurteilen, sondern würde das Gewahrsein mit der ermutigenden Einladung zur aktiven Kompetenzerweiterung beantworten. Der alten Frau im Wald gegenüber musste das Kind nicht von seinem Mangel berichten und der Mangel wurde auch nicht bemessen oder beurteilt, sondern das Kind wurde mit einem Instrument ausgestattet, das es mit der nötigen Kompetenz versorgte, sich selbst zu helfen. 

Die Verdrängung von Talenten aber verursacht einen ebenso großen Schmerz bei der verdrängenden Person, wie die Projektion bei beiden Personen, der projizierenden Person und derjenigen, die zur Projektionsfläche instrumentalisiert wird. Die Projektion zieht unendlich große Folgeerscheinungen der Unsicherheit nach sich, wie sie mit dem Bild des Breis assoziiert werden könnte, der die ganze Stadt verstopft. Aus der elterlichen Selbstunsicherheit auf Basis eines tiefen Gefühls der Unzulänglichkeit heraus wird dem Kind in seiner Spiegelfunktion oft systematisch jede Kompetenz und Lebenstüchtigkeit abgesprochen bis die Angst vor der Herausforderung an sich, die eigentlich ein Anlass zu gespannter Vorfreude und Neugier sein sollte, tief konditioniert ist und heimtückisch aus dem Unbewussten heraus wirkt, sobald etwas nach Herausforderung riecht. Dann springt sofort die Selbstverleugnung aller bisherigen Erfolge und erworbener Kompetenz als Automatismus an. Es sei denn, die konditionierte Angst wird nicht im Passivpol kontrolliert, sondern im Aktivpol kompensiert, dann springen automatisch die Mechanismen des Beweiszwangs an, mit dem der Konditionierung und der Angst gegenüber in den Widerstand gegangen werden soll. Metaphorisch gesprochen wird hier dann eine ganze Menge Brei produziert. Der Pol in der Mitte der beiden Extreme, der passiv-aggressive Pol, wird von demjenigen Phänomen besetzt, bei dem de facto erfolgreiche Menschen mit gelungenen Lebensentwürfen ein Selbstbild konstruieren, in dem sie die Rollen von Kompetenzhochstaplern zu spielen meinen. Solche Menschen glauben dann, ihr äußerlich erfahrbarer Erfolg habe mit allen möglichen äußeren Faktoren zu tun, nur nicht mit ihrem eigenen soliden Können und der vermeintliche Bluff könne jederzeit auffliegen. Im Innern fehlt die Sicherheit, dass das Können echt ist.

Das Märchen nun scheint die Vorgeschichte zu diesem ganzen Wust an Konsequenzen und Folgeerscheinungen zu erzählen, der sich in den Köpfen von Betroffenen wie lähmender Brei anfühlen kann. Sobald jemand unter Druck gerät (eine Prüfungssituation zum Beispiel oder auch eine selbst konstruierte Bewertungssituation, die im Innern die Frage aufwirft: „Bin ich auch gut genug?“), setzt dass Gehirn und das Denkvermögen aus und es scheint kein Zugriff auf den inneren Wissensbrunnen mehr möglich zu sein. In der so bekannten Prüfungsangst, die sich auch vor neuen Aufgaben einstellen kann, ist die Verbindung zum eigenen Selbst und erst recht zum höheren Selbst unterbrochen. Es ist kein Zugang mehr zu dem möglich, was im Märchen mit der Stadt symbolisiert wird: zur eigenen Lebendigkeit.

Ist es also das, durch das man sich durchessen müsste, wenn man die Stadt wieder betreten wollte?

Immerhin aber signalisiert das Verb „durchessen“ noch eine weitere Geschichte. Es ist keine undurchdringliche Mauer aus Brei, die nicht passierbar wäre, sondern es ist möglich, sich durchzuessen. Zugleich ist es notwendig, denn das Verb lautet “muss“ und nicht “könnte” oder “sollte” oder “darf”. Das ist es, was man unternehmen muss, wenn man die Stadt wieder betreten will, die für lebendige Geschäftigkeit steht, für Expansion, Austausch und Wachstum, wie auch für selbstsichere Kompetenz mit klaren Zuständigkeiten, wie es für eine funktionierende Stadt üblich ist. Mit „wieder“ ist angedeutet, dass es diesen Zutritt jenseits der Metapher früher einmal gab, bevor er von Brei verschüttet wurde. Und immerhin gibt es ihn noch im Ansatz, denn ein einziges Haus ist vom Brei verschont geblieben, weil das Kind rechtzeitig eingegriffen hat. Dieses innere Kind bleibt auch in uns lebendig und ein Teil von ihm bleibt über alle Verletzungen hinweg intakt. Es ist die Frömmigkeit, also die Intuition des Kindes. Dieser intakte und unverletzbare Anteil in jedem von uns ermöglicht den erneuten Zugang, wann immer wir uns dazu entschließen, die Stadt wieder betreten zu wollen.

Man muss sich durchessen und verdauen, was gewesen ist, was man an Suggestionen aufgenommen hat und was sich als Unsicherheit und Schmerz festgesetzt hat. Das Kind im Märchen zeigt eine absolut selbstsichere Kompetenz in beiden schwierigen Situationen, sowohl gegenüber dem Extrem des Mangels als auch dem Gegenpol gegenüber, dem Übermaß. Dieses Kind hat seine Genialität, seine Verbindung an die Führung durch sein höheres Selbst, nicht verloren. Sollte die Konsequenz aus der Geschichte die von mir skizzierte sein, müsste die Vernunft oder der innere Erwachsene, zu dessen weiblicher Qualität die Intuition und zu dessen männlicher Qualität die Ausübung der notwendigen Handlung gehört und der potenziell aus der Stadt ausgeschlossen wurde, sich durch die Schatten durchessen, um die Verbindung zurückzuerlangen. Für manche ist das, was sie da zurückerlangen, eine Inselbegabung, für manche eine Hochbegabung auf einem Spezialgebiet und für manche das tiefe Vertrauen, dass sie jede Herausforderung geführt von ihrem inneren Kompass meistern werden. Selbst wenn Nebenbedingungen einer Herausforderung sie erschrecken mögen – potenzielle Ausgrenzung, Einsamkeit, hohe geistige oder körperliche Belastung, Zeitanspruch und Stress oder Erwartungen und Forderungen von außen – können sie darauf vertrauen, dass ihnen nur zugemutet wird, was ihnen von ihrem höheren Selbst zugetraut wird. Darüber herrscht, wie in dem Kind im Märchen, eine innere Sicherheit. Aus diesem Vertrauen heraus macht sich das Kind ganz einfach auf den Weg in den Wald, als die Not und der Mangel groß sind und was es dort erlebt, ist Kompetenzerweiterung. Unter der Herrschaft der Selbstsicherheit wurde der Mangel zur Bühne für persönliches Lernen, für Wachstum und für Entwicklung.

Manchmal allerdings muss man sich tatsächlich erst durch den Brei durchessen, weil man mit der charismatischen Fähigkeit der Dreiecksspitze auch erst dann respektvoll und verantwortungsbewusst umzugehen weiß, wenn man das ganze Dreieck in all seinen Dimensionen kennt und die notwendige persönliche Reife entwickelt hat. Vor allem das erste Dreieck enthält einiges an Sprengstoff, wenn eine hohe Begabung zu früh in unvorbereitete Hände gelangt und einen unreifen Geist flutet. Hohe Begabungen ohne Selbstverantwortung richten aus dem Aktivpol heraus, dem Beweiszwang, immensen Schaden an, wie es in der Breimetapher angedeutet wird. Und Hochmut käme dann eben vor dem Fall. Was aber würde erreicht nach dem Durchessen?

Wenn wir dem Biologen Rupert Sheldrake und dem Psychoanalytiker Carl Gustav Jung glauben, dann hat das Durchessen eines Einzelnen durch die Schatten der Unsicherheit und der Angst eine Wirkung auf das, was Sheldrake das morphogenetische Feld und Jung das kollektive Gedächtnis nennt. Unsere Kompetenz, der innere Wissensbrunnen also, greift dieser Theorie nach auf dieses Feld oder Gedächtnis zu und jeder Kompetenzerwerb speist es unsererseits. Was als Mythos des hundertsten Affen kolportiert wird, wurde von der Wissenschaft durchaus als real beobachtet, auch wenn die Zahl 100 nicht bestätigt wurde. In seinen Büchern berichtet Sheldrake davon, dass wenn man Tieren an einem Ort der Erde etwas beibringe, einen Trick zum Beispiel, und wenn hinreichend viele Tiere an diesem Ort die neue Kompetenz sicher beherrschten, zu beobachten sei, dass andere Tiere der gleichen Art an anderen Orten der Welt die neue Fertigkeit zwar nicht wie von Zauberhand ebenfalls beherrschten, dass sie sie aber wesentlicher leichter erlernten, sobald sie den Impuls dazu erhielten. Mit allem also, was wir für uns tun, für unsere Selbstsicherheit, unser Selbstbewusstsein, unser Selbstwertempfinden, unser Selbstvertrauen und so weiter, womit wir also unserer Selbstevolution dienen, dienen wir über die morphische Resonanz zugleich der Evolution der Menschheit. Wir versetzen nicht die ganze Welt automatisch in einen erlösten Zustand, aber wir senden Impulse aus, und das offenbar nicht nur im direkten Umfeld, in dem man potenziell als Vorbild wirken könnte, weil man erlebbar ist. Sheldrake und Jung sprechen von einem Wissensbrunnen, der von uns allen durch unser Lernen und durch unsere Entwicklung gespeist wird und aus dem wir alle schöpfen können für unser Lernen und unsere Entwicklung. Unser Durchessen durch unseren eigenen Brei befreit also nicht nur unser eigenes Haus, sondern möglicherweise die ganze Stadt und über die morphische Resonanz profitieren andere Städte von dem Wissen, wie wir’s gemacht haben, dieses Durchessen durch den Brei, um die Stadt wieder betreten zu können.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein