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Nummer 20: Schneewittchen

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im siebten Dreieck 
zum Thema Souveränität und Autorität

Symbolik

Der Winter als korrespondierende Atmosphäre führt in dieses Märchen ein. Winter wird assoziiert mit Schlaf, Starre, Stille, mit Lethargie auch, dem Passivpol des Lebens schlechthin. Als literarisches Symbol steht er für Alter, Tod und soziale Repression. Die Naturerscheinungen des Winters wie Schnee, Eis, Nebel und Kälte stehen symbolisch für Verfolgung und Bedrängnis und für die Grundverfassung des erlösungsbedürftigen Menschen. Seit der Romantik, in der auch die Märchen niedergeschrieben wurden, radikalisiert sich der Winter zur symbolischen Darstellung existenzieller Einsamkeit, Sprachlosigkeit und Heimatlosigkeit. (Quelle: Günter Butzer und Joachim Jacob: Metzler Lexikon literarischer Symbole).

Es könnte aber auch Ruhe sein, die mit dem Winter assoziiert wird, eine Ruhe, die Kontemplation und inneres Wachstum erlaubt. Reinheit und Frieden wären ebenfalls denkbar, die mit einer weißen und unberührten Schneedecke assoziiert werden. Hier im Märchen fallen Schneeflocken wie Federn vom Himmel, was auf eine positive Passivität hindeutet. Dinge geschehen ohne ein menschliches Zutun. Sie geschehen aus Gnade, indem sie vom Himmel herabfallen. Sie geschehen als Gabe, so wie die Chariten, die griechischen Göttinnen der Anmut, den Menschen Charisma verleihen oder es nicht tun.

Zum Winter- und Schneesymbol kontrastiert das Element Ebenholz. Es steht für Erdung oder auch für die Erde an sich. Das Fenster dient der Verbindung zweier Welten, innen und außen und symbolisiert die Grenze zwischen zwei polaren Kräften oder Sichtweisen, aber auch zwischen der Immanenz und der Transzendenz. Wenn jemand am Fenster sitzt, ist er sich der Grenze, aber auch der Möglichkeit der Grenzüberschreitung bewusst. Beide Welten sind gleichermaßen für ihn zugänglich. Es müsste nur das Fenster geöffnet werden, das auch als Symbol für die Öffnung zur Seele steht. Durch das Fenster findet eine Gegensatzvereinigung statt. Das Diesseitige und das Jenseitige werden miteinander verbunden. So wird auch die Ambivalenz des Winters in der Königin vereint und ausgeglichen. Sie nimmt aus einem eigenen inneren Gleichgewicht heraus beide Seiten des Winters wahr. Das Aufblicken der Königin nach dem Schnee ist eine bewusste Kontaktaufnahme und Hinwendung zu den Geschöpfen des Himmels und der Transzendenz. Das einfache Aufblicken signalisiert, dass die Transzendenz hier ein selbstverständlicher Bestandteil der Immanenz ist. Gott oder die Liebe könnte als ein in der Welt seiendes Prinzip gefühlt werden. 

Der Schnee seinerseits steht symbolisch noch konkreter für die Isolation, den Tod und für eine umfassende Erstarrung oder Verwirrung, aber auch für die Reinheit, die Unschuld, die Schönheit, den Schutz und die Sphäre der Erkenntnis (Quelle: Butzer/Jacob: Metzler Lexikon literarischer Symbole). Beides ist zugleich in der Welt und hat seine Gültigkeit und nichts wird mehr ausgeschlossen. In diesem Märchenanfang herrscht bis einschließlich der Deutung der Verletzung durch den Nadelstich ein vollkommenes Einverständnis mit dem Leben.

Die Königin selbst ist eine Person, die nicht mehr Mutter oder Frau allein ist, wie in einigen anderen Märchen, sondern sie ist eine Königin. Sie ist bei sich, lebt in einem Gleichgewichtszustand, aus dem heraus Märchenköniginnen, wenn sie sich ein Kind wünschen, sich dieses Kind um des Kindes wegen wünschen und nicht mehr, um eine innere Leere zu kompensieren oder das eigene Leben vollständig zu machen. Die Königin nimmt den Winter in seiner Ambivalenz wahr und gelangt aus dieser Wahrnehmung heraus zu ihrem überaus besonderen Kinderwunsch. Sie wird sich dieses Kind der Fülle und der Vollkommenheit für die Welt wünschen.

Indem das Blut in den Schnee fällt, wird die geistige Verbindung zwischen den Welten manifest. Das irdische, menschliche Blut verbindet sich mit dem himmlischen Schnee zur Wahrnehmung von Vollkommenheit. Die Grenze wurde von der Transzendenz her (Schnee) zur Form (Blut) hin überschritten, was der Inkarnation und der Geburt entspricht. Die Aufgabe des Menschseins wird darin bestehen, innerhalb der Inkarnation über die Form hinauszugehen und den Zugang zum Transzendenten zurückzuerlangen. Wenn das Selbst in der Inkarnation dem Ego geopfert wurde, besteht der Sinn des Lebens darin, zu leben und im Laufe des Lebens das Ego dem Selbst zurückzugeben, Stroh also in Gold zu verwandeln. 

Der Archetypus des Bodhisattvas

Das Kind lebendiger Schönheit wird seinerseits eine Manifestation dieser mystischen Vollkommenheit, mit den Eigenschaften aller beteiligten Welten sein: Himmel = Schnee, Blut = Mensch und Ebenholz = Erde. Die Dreifaltigkeit klingt an, wird aber diesmal nicht als Gottes Sohn oder Tochter inszeniert, sondern kommt als Archetyp des/der Bodhisattvas in der Welt. Der oder die Bodhisattva ist ein Archetypus, der, wie alle Archetypen, in jedem Menschen schlummert, aber nicht in allen aktiviert wird, jedenfalls nicht zur jetzigen Zeit, in der nur wenige den Ruf vernehmen und ihm auch folgen. Es ist eine archetypische Figur, die dem Mythos nach versprochen hat, nicht eher in Himmel einzugehen, bis der letzte Mensch erleuchtet und aufgestiegen ist. Der Soziologe und Psychologe Chuck Spezzano schildert den Archetypus des Bodhisattvas so: „Sie wirken, um die gesamte Menschheit zu erheben. [Ihr Wirken] führt zu Mitgefühl und Weisheit. […] Der Himmel wirkt durch einen Bodhisattva, um zu heilen. Mit jedem Akt der Liebe und des Dienstes [verbindet ein Bodhisattva] die Welt wieder mit sich selbst und [bewegt] Menschen, Einheit zu erfahren. Das Licht des Himmels leuchtet durch [ihn] und erinnert andere an das, was wirklich Wert besitzt.“ (Quelle: Chuck Spezzano: „Karten der Seele“.) 

Mit dem Archetypus des Bodhisattvas, den wir hier weiblich denken dürfen, ist der Archetypus der lebendigen Schönheit direkt verbunden. Bei Spezzano heißt es: „Die lebendige Schönheit ist ein Archetyp, der berückende Schönheit verkörpert. Das kann jemand mit großer äußerer Schönheit sein, dem eine atemberaubende innere Schönheit entspricht. Dies ist ein friedvoller, freundlicher Archetyp, der liebevoll auf andere eingeht. Jemand, der die Anmut der lebendigen Schönheit besitzt, verbindet sich mit anderen in inniger Nähe. Es sind liebliche und liebevolle Menschen, die den Stress der modernen Welt irgendwie hinter sich gelassen haben. Ihre Schönheit öffnet Menschen und berührt sie tief im Innern. Die lebendige Schönheit hat Inspiration, die das Herz bewegt und andere Menschen empfänglich und zärtlich macht“ (Spezzano: „Karten der Seele“). 

Die Aufgabe der lebendigen Schönheit und des Bodhisattvas ist es demnach, Menschen in einen mystischen Zustand zu erheben, sie in ihre Seele einzuweihen und sie in die Lage zu versetzen, das, was sie bisher in anderen Menschen zumeist vergeblich gesucht haben, in ihrem eigenen göttlichen Innern und universalen Geliebtsein zu finden. Ihre Aufgabe ist es, in anderen den Homo deus zu erwecken.

So ist Schneewittchen eine Verkörperung der Göttlichkeit, ohne allerdings die Absolutheit eines Christus oder Buddhas zu vertreten. Ein Bodhisattva ist dem Mythos nach ein Erleuchtungswesen, von „Bodhi“ = Erleuchtung oder Erwachen und „Sattva“ = Wesen, aber sie werden nicht als solche auserwählt oder deklariert, sondern bekunden selbst den Willen, den Weg zu gehen, allen anderen Menschen bei ihrer Befreiung aus dem Reinkarnationszyklus behilflich zu sein. In der westlichen Welt wird der Bodhisattva anthroposophisch betrachtet und als eine Christus zugewandte Lehrerfigur angesehen.

Ein Bodhisattva kommt, der Logik des Mythos nach, ohne Karma und ohne Machtanspruch auf die Welt. Solche Menschen haben nur noch die Aufgabe, einen Ort zu finden, an dem sie Liebe und Schönheit verwirklichen können. In so einem Menschen wird ein wahrer König oder eine wahre Königin geboren, der oder die seinen oder ihren eigenen Inkarnationsweg bereits abgeschlossen hat und nur noch aus Liebe zur Menschheit inkarniert, um anderen auf ihrem spirituellen Weg beizustehen.

Der Tod der Mutter

Der Tod der Mutter wird in diesem Märchen besonders schnörkellos erzählt, so als würde lediglich eine logische, ja sogar vorhersehbare Komponente berichtet und als sei kein anderer Fortgang der Erzählung denkbar. Er wurde auch erst in der zweiten Auflage des Märchens aufgenommen, also bewusst hinzugefügt. In der ersten Auflage von 1812 war es noch die leibliche Mutter, die zur bösen Königin wird. Zur Stiefmutter wird sie erst in der Auflage von 1819. Eine bewusste literarische Entscheidung also, die folglich auch gedeutet werden muss. 

Normalerweise wünschen Eltern im Märchen sich einfach nur ein Kind, wie im Dornröschen-Märchen zum Beispiel. Einfach ein Kind, unspezifisch, die Verwirklichung eines Teils ihres eigenen Selbst. Diese Königin aber hatte ganz konkrete Vorstellungen von diesem Kind und es ist keine Reproduktion eines eigenen Anteils. Ihr Wünschen, ist im Grunde ein Sehen. Sie deutet die Symbolik des Winters und setzt ihr eine Vorahnung oder auch einen Wunsch, vielleicht eine Vision gegenüber. Dieses besondere Kind will auf die Welt kommen, und ja, diese Mutter steht bereit, das Kind auf die Welt zu bringen. Aber es wird nicht ihr Kind sein. Das Kind gehört sich selbst, dem Himmel, der Erde und den Menschen. Es erhält auch keine Anweisungen vor dem Tod der Mutter, fromm und gut zu sein, und keine elterliche Macht versucht den Lebensweg des Kindes zu lenken, wie es in anderen Märchen geschieht, wo zum Beispiel andere Familienmitglieder zunächst aus dem Weg geräumt werden (Die zwölf Brüder). Es wird ganz und gar unaufgeregt berichtet: Das Wunschkind, das ein Wunsch für die Welt war, ward geboren und die Königin stirbt, denn es ist eine Erzählung der Vollendung. Was in die Welt gebracht werden sollte, ist in die Welt gebracht worden und die Aufgabe ist erfüllt. Das Kind kennt seinen Weg. Dieses Kind wird mit seinem Seelenplan verbunden sein, denn es wurde am Fenster sitzend erwünscht. Über Symbolik des Fensters wird das Kind die beiden Welten lebendig in sich fühlen, die Wahrheit der Welt, in der es lebt und die Wahrheit der jenseitigen Welt, aus der es seinen Seelenplan mitgebracht hat.

Schönheit und Konkurrenz

Schneewittchens Gegenspielerin zieht in dessen Leben ein. In ihr gesellen sich zueinander äußere Schönheit, Stolz und Hochmut, Neid und Missgunst. Ihre Schönheit ist keine von den Chariten verliehene Schönheit, keine charismatische Eigenschaft also, sondern ein angemaßtes äußeres Merkmal, dessen Alleinstellung eifersüchtig und misstrauisch, sogar narzisstisch bewacht werden muss, weil es noch keine innere Entsprechung und Verankerung gefunden hat.

Mit sieben Jahren übertrifft Schneewittchen dann, der Märchenerzählung nach, diese rein äußerliche Schönheit:

Der Schönheit der Königin gegenüber wird es zur Konkurrenz. Schneewittchens Kundalinienergie ist erwacht. Die ersten sieben Lebensjahre und der erste Lebens- und Entwicklungszyklus ist abgeschlossen. Und so berichtet der Spiegel von der erwachten Schönheit: 

Diese Nachricht bringt auch die Stiefmutter in die Aktion. Während sie vorher nur überempfindlich darüber gewacht hatte, dass ihr niemand zu nahe käme und sie an Schönheit überböte, geht sie nun in den aktivischen Neid und Hochmut hinein, indem sie Schneewittchen von nun an als klare Konkurrenz ansieht. Ihre Angst um ihren Selbstwert und um die Schönheit als Ausdruck ihrer seelischen Integrität ist aktiviert worden. Sie fürchtet um beides, den Selbstwert und die seelische Integrität, die sie an einen Alleinherrschaftsanspruch gekoppelt hat. Vielleicht folgt sie jener Variante des Bodhisattva-Mythos, nach dem es nur einen Bodhisattva auf der Welt geben könne. Diesem anthroposophisch basierten Mythos nach soll es zwölf Bodhisattvas geben, von denen nur einer in der Welt inkarniert sei. Die anderen elf wirkten als göttlich-geistiger Beistand auf die Welt ein. Das schafft Konkurrenz um den Titel des lebenden Bodhisattvas und damit der einzigen lebendigen Schönheit, denn die Anthroposophen sollen sich ständig genau diese Frage stellen: Wer ist der derzeitige Bodhisattva? (Quelle: Wikipedia)

Da aus der Schattenperspektive heraus der Bodhisattva und die Schönheit mit Macht verbunden wird, wachsen beide Emotionen, Neid und Hochmut, wie Unkraut in ihrem Herzen, ein Gewächs also, das mit falscher Qualität, im falschen Maß am falschen Ort wuchert und den Blick auf zarte Pflanzen von Wert bald verstellen wird, wenn es sie nicht sogar tötet. Denn die Frau ruft den Jäger und gibt mitleidlos den Befehl, das Stiefkind zu töten. Das innere Getötetsein und die Leblosigkeit der Stiefmutter, die sich in der Angst um Macht und Schönheit manifestieren, werden über den Aktivpol nach außen projiziert.

Der Jäger gehorcht und bringt Schneewittchen in den Wald, wo es ganz einfach und ehrlich um sein Leben bittet. 

Das Wesen der Schönheit

Um welche Art von Schönheit geht es hier, die Mitgefühl in anderen zu wecken vermag, gerade wie es einer Bodhisattva zu eigen ist? Der Spiegel der Königin gibt Auskunft darüber. Er wird zu Beginn des Märchens als „wunderbarer Spiegel“ eingeführt, von dem die Königin weiß, dass er die Wahrheit sagt. Spiegel, die die Wahrheit sagen, wahrsagende Spiegel also, beziehen sich nicht auf äußeren Tand, wenn sie die Wahrheit sprechen. Der Spiegel der Königin sieht innere Schönheit auf der Basis von Reinheit und Vollkommenheit. Angenommen die Königin habe, wie jeder Mensch, die Anlagen der inneren Schönheit in sich, sie lägen aber im inneren Winter unter Eis und Schnee verborgen, könnte der Spiegel sie dennoch wahrnehmen. Im Vergleich mit allen anderen Menschen im Land mag jemand, der sich seiner Anlagen zumindest bewusst ist, ohne sie kultiviert zu haben, spirituell immer noch weiter entwickelt sein als jemand, der nicht mal eine Ahnung von seinen Anlagen hat, weil sie unter einem dunklen Berg und nicht nur unter Schnee und Eis verborgen liegen. Heißt es nicht, jemand der weiß, dass er nichts weiß, weiß immer noch mehr als jemand, der nicht weiß, dass er nichts weiß? Darum kann der Spiegel also auch bei unkultivierten Anlagen von Schönheit sprechen, zumindest dann, wenn er lediglich nach dem Vergleich gefragt wird: „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“, und er sagt die Wahrheit, wenn er sagt: „Also wenn Sie mich so fragen, dann Sie, Frau Königin“. 

Schneewittchen aber zeigt nun mit ihren sieben Jahren eine Schönheit, die in anderen als Mitgefühl gespiegelt wird. Die Schönheit, wie sie von den Chariten, den Göttinnen der Anmut, verliehen und von Menschen und Spiegeln reflektiert wird, basiert auf humanistischen und göttlichen Werten. Toleranz ist der Wert, der den Jäger trifft, Toleranz und Akzeptanz dem Sein des Jägers gegenüber. Schneewittchen verurteilt den Jäger nicht in seinem Vorhaben, den Befehl der Königin auszuführen und es töten zu wollen. Es akzeptiert die Berufswahl des Jäger und das Wesen seines Tuns. Es spricht nicht davon, dass der Jäger kein Recht habe, dem Kind das Leben zu nehmen und setzt ihn damit nicht ins Unrecht. Schneewittchen akzeptiert und toleriert, dass die Welt sich noch mitten im Winter befindet, in dessen Zustand hinein die Königin sich ja dieses außergewöhnliche Kind gewünscht hatte, so wie Dornröschen in den Zustand der Unfreiheit der Welt hineingeboren wird. In den Winter der Welt hinein hatte sie sich das Kind gewünscht, das die Werte, die das Eis zum Schmelzen bringen könnten, verkörpern würde. Wie wir am Ende des Märchens sehen werden, ist es die Verkörperung, das lebendige Sprechen und Handeln, das die Werte erfahrbar vertritt, was diese Schönheit ausmacht. Denn wenn Schneewittchen totengleich im Glassarg liegt, wird explizit erzählt, dass seine Schönheit noch immer ungebrochen sei, der Spiegel erkennt sie aber nicht mehr und deklariert für diese Zeit des Rückzugs aus der Welt wieder die Schönheit der Schattenkönigin als unübertroffen. Im Bibelgleichnis des heiligen Samariters wird genau diese Botschaft erzählt: Das Verdienst eines Menschen wird nicht nach seinen moralischen Ansichten und philosophischen Theorien bemessen, sondern nach seinem tatsächlichen Verhalten und praktischen Handeln.

Der Jäger nun beantwortet die verkörperten Werte des Mädchens und spiegelt sie. Er schenkt dem Mädchen die Freiheit. Später wird Schneewittchen den Zwergen gegenüber davon berichten, der Jäger habe ihm „aber das Leben geschenkt“. Es erweist sich also als dankbar und sieht sein Verschontwerden durch die Entscheidung des Jägers nicht als selbstverständlich an. Schneewittchen weiß, dass der Jäger gegenüber seinem Handeln die freie Wahl hat, und dass er sowohl aus seinem inneren Winter der Angst heraus handeln könnte, wie aus einem neu erwachten Frühling, den Schneewittchens Schönheit eben erst belebt hat. Dass der innere Frühling der essenziellen Wahrheit des Jägers und jedes Menschen entspricht, muss dem Jäger derzeit noch nicht bewusst sein und Schneewittchen erwartet es offenbar auch nicht. Sobald ein Mensch aber, bewusst oder unbewusst, menschliche Werte verwirklicht, wird er es in seinem Herzen spüren.

Der Jäger, der sich zuvor noch unter dem Zwang durch die Angst sah, fühlt sich nun innerlich befreit. Er nimmt sich die Freiheit zum Mitgefühl und dazu, das Leben und die Freiheit dieses Kindes zu achten.

Da er vor der Königin nicht auf Akzeptanz und soziale Kompetenz hoffen kann, muss er seine Entscheidung dort vertuschen, alles andere wäre nicht mutig, sondern tollkühn, und darum betrügt er die Königin mit der Lunge und der Leber eines Frischlings als Ersatz für die geforderten Beweisstücke für Schneewittchens Tod.

Lunge und Leber

Die Stiefmutter lässt sich nicht das Herz servieren, wie es so oft lapidar nacherzählt wird. Stattdessen fordert sie die Lunge und die Leber. Im 19. Jahrhundert war man sich der Organsymbolik vermutlich noch bewusster als heutige Märchenleser es sind. Die Lunge steht der Symbolik nach für das Einatmen, mit dem man das Leben zu sich einlädt, und für das Ausatmen, mit dem man dem Leben etwas schenkt. Sie steht für das Lebensprinzip Merkur oder die Lebensqualität “Aktivität” mit den Komponenten Handel(n), Austausch, Kommunikation und Interaktion. (vgl. Ruediger Dahlke: “Krankheit als Symbol” und “Die Lebensprinzipien”). Wenn Schneewittchen später bei den Zwergen ist, zeigt es genau diese ihr eigene Schönheit, die es so liebenswert macht: Ganz ihrem natürlichen Wesen nach, das es so selbstverständlich verwirklicht wie Einatmen und Ausatmen, schenkt es den Zwergen, ihnen zu dienen und den Haushalt zu führen und es lädt gegen alle Vorsicht immer wieder das Leben zu sich ein und öffnet der Stiefmutter in ihren verschiedenen Gestalten die Tür. Weder hält es sich zurück, noch schließt es etwas aus seinem Leben aus und diese Vollständigkeit macht Schneewittchens Vollkommenheit und Schönheit aus, die das Kind „schön wie der klare Tag“ wirken lässt. Nichts wird versteckt, verborgen, verdreht. Schneewittchen ist da, lädt das Leben ein, spricht seine Wahrheit und bittet um das, was es sich wünscht, klar und transparent. Es schenkt sich mit seinem Wert dem Leben und verleiht anderen endlich ein Gefühl von Wert, indem es an ihren Wert und ihre Werte erinnert, wie es das mit dem Jäger tut. Es öffnet immer wieder die Tür, um die Welt in ihrem Wert hereinzulassen. Das gute Herz also wäre nicht das, was die Schönheit der Königin von der Schönheit Schneewittchens unterscheidet. Ein gutes Herz hätten theoretisch beide, denn durch das Angstmerkmal des Hochmuts scheint schließlich eine hohe Sensibilität und auch ein gutes Herz hindurch. Der Ausdruck aber macht den Unterschied, das, was durch den Austausch mit der Welt geschieht, für den symbolisch die Lunge steht. Bei Schneewittchen sind Geben und Nehmen im Einklang. Bei der Schattenkönigin herrscht dagegen ein großes Ungleichgewicht, das von Hochmut getragen wird und sich in unendlicher Gier manifestiert. Sie will sich die Lunge einverleiben statt ihre Symbolik zu verwirklichen.

Ebenso ist die Leber nicht nur etymologisch mit dem Leben verbunden. Symbolisch steht sie für die Weltanschauung und die Werte und dient der Entgiftung. Mit der Leber wir psychosomatisch die Frage nach dem Sinn des Lebens verbunden. Lebt man das eigene Leben der eigenen Seelenintention nach und hat es daher Sinn? Mit der Leber wird das Jupiter-Prinzip zusammengedacht, das Prinzip höchster Weisheit und Souveränität. Hier ist die Funktion des Brückenbauers gemeint, die weit über Fenster und Türen hinausgeht (vgl. Dahlke: “Krankheit als Symbol” und “Die Lebensprinzipien”). Wenn Schneewittchen auf die Welt gekommen ist, um Himmel (Schnee), Erde (Ebenholz) und die Menschen (Blut) miteinander zu verbinden, und wenn dieser Sinn über seine Schönheit nicht nur sichtbar, sondern über ihn auch verwirklicht wird, muss die Königin diesen Lebenssinn vernichten, wenn sie wieder die alleinige Schöne im Land sein will. Nicht auszudenken, welchem neuen Konkurrenzdruck die Königin sich aussetzen würde, wenn Schneewittchen seine Aufgabe auch noch erfolgreich ausführte und andere Lebewesen mit sich selbst verbinden in ihre Erleuchtung führen würde.

Von der Mutterliebe gesegnet

Der Jäger hat Schneewittchen nun verlassen und seinem Schicksal überlassen. Den Begriff mutterseelenallein verbinden wir mit existenzieller Einsamkeit. Deutet aber vielleicht gerade die Schreibweise „mutterselig“ darauf hin, worum es bei dieser Art von Einsamkeit geht, die ein Mensch im Laufe seiner Individuation wohl ebenfalls einmal durchlaufen muss und die bei den Einweihungsriten der Naturvölker ins Erwachsensein sogar bewusst herbeigeführt wird? Schneewittchens Verhalten würde diesen Ansatz untermauern: Es schaut alle Blätter an, als würde es Hilfe und Rat von diesem Medium erwarten, indem das Medium Blätter, vielleicht auch das Blätterrauschen, zum Vermittler zwischen der Mutterseele und dem Kind werde. Denn dass ein Kind von der Mutterseele niemals verlassen wird, davon gehen Märchenerzählungen gewöhnlich explizit oder implizit aus. Mutterselig allein heißt: Allein bis auf die Seele der Mutter. Von der Mutterliebe bleibt man gesegnet, auch dann, wenn die ganze Welt sich abwendet. Dabei muss es sich nicht immer um die inkarnierte und leibliche Mutter handeln. Es kann ebenso die Mutterseele der Erde sein, oder die Seele der Mutter, die bereits wieder in den Urgrund der mütterlichen Allliebe eingegangen ist, die einen Menschen dennoch begleitet. Den anderen Begriff, der uns anstelle des Adjektivs mutterselig bekannter ist, ist der Begriff vertrauensselig. Ist das Kind also vertrauensselig allein? Man könnte es im weiteren Märchenverlauf so bestätigt finden.

Schneewittchen also nimmt Kontakt auf mit der Mutterseele in der Natur, der Mutterseele der Erde, und scheint einen Impuls zu erhalten:

Der Ausdruck „da“ der Märchensprache deutet eine Verbindung zwischen zwei Dingen an. Erst geschieht das Eine. Dann geschieht das Andere. Und das Eine hat mit dem Anderen zu tun.

Schneewittchen schaut alle Blätter an den Bäumen an, weil es sich nicht zu helfen weiß. Erhält es von den Blättern den Rat, weiterzulaufen, den Mut nicht zu verlieren, die Richtung beizubehalten? Wir wissen es nicht, was in der Zwiesprache heimlich kommuniziert wird, aber wenn Schneewittchen da anfängt zu laufen, hat etwas sein Laufen inspiriert, wo es zuvor vor Angst stillgestanden hatte. Der Odem der Mutterliebe dürfte das Kind also gestreift haben.

Der Weg ist steinig und dornig und auf den ersten Blick auch gefährlich an wilden Tieren, denn immerhin ging auch der Jäger davon aus, dass Schneewittchen die wilden Tiere nicht überleben würde. Kein Aufstiegsweg ist ohne Mühe, selbst dann nicht, wenn er dem höchsten Prinzip an Weisheit und Schönheit entgegen strebt. Die Inkarnation bringt für jedes inkarnierte Wesen Urängste mit sich, mit denen es sich auseinanderzusetzen gilt und die dem inkarnierten Wesen als explizit zu bewältigende Aufgabe gelten können. Die drängendste und essenziellste Angst vor allen ist die, das Lebensziel, den Grund, aus dem man sich inkarniert hat, nicht zu erreichen und am Ende des Lebens zu glauben, man habe versagt und umsonst gelebt. Während im Dornröschen-Märchen die Yin-Qualität der Freiheit angesprochen wurde, ist hier die gegenüberliegende Yang-Qualität der Schöpferkraft gemeint. Indem die Stiefmutter das Kind töten lassen will, will sie diesen Lebenssinn (Leber) und die Schöpferkraft (Lunge) ja gerade kappen und Schneewittchen spürt die Konsequenz, auch wenn es von dem Jäger am Leben gelassen wurde. Es fühlt sich vom Weg abgekommen und darum voller Angst, den eigenen Lebenssinn und seine Verwirklichung zu versäumen. Die Stimme in den Blättern oder die innere Stimme hat das Mädchen aber ermutigen und inspirieren können, die Hoffnung zu behalten und weiterzugehen, egal, wie schwer der Weg anmuten mag. Und da stellt sich heraus, dass Steine und Dornen gemeistert werden können und die wilden Tiere nur an ihm vorbei springen, es aber nicht auf seine Unversehrtheit abgesehen haben. Wir können davon ausgehen, dass, auch wenn das Märchen den Platz zur Ausschmückung spart, der Hintergrund dieses Umstandes der ist, dass Schneewittchen durch seine friedvolle Ausstrahlung und durch seine innere Bestimmung geschützt ist. Eine Aura der Mutterseligkeit dürfte es umgeben und schützen. Für einen Menschen dieses seelischen Reifegrades ist die Qualität der Mutterseligkeit als ein dem Menschen inhärentes Geliebt- und Gehaltensein spürbar, das unabhängig von der Welt existiert.

Mutterseligkeit und ihr höchster Einstellungswert der Freiheit (Yin) sowie der schöpferische Wert unserer eigenen weltinternen Anstrengung und Disziplin (Yang) bringen uns schließlich an unser Ziel. Je größer oder höher das Ziel, desto immenser mag die Kraftanstrengung sein, die notwendig ist, um das Ziel zu erreichen oder desto mehr Geduld müssen wir für den Weg aufbringen, während wir zugleich wenig weltimmanente Begleitung erfahren. Welttranszendente Begleitung erfahren wir in der Mutterseligkeit und bringen so, wie Schneewittchen die Kraftanstrengung mit größter Geduld auf. Solange die Füße tragen, solange bleibt das Kind in Bewegung, auch wenn es unterwegs noch so oft zweifeln mag, ob es überhaupt ein Ziel gibt und ob es je erreicht werden kann.

Im Zwergenhaus

Aber dann wird es erreicht, wiederum als eine Konsequenz, diesmal nicht auf das innere Lauschen (Yin), sondern auf die äußere Kraftanstrengung (Yang). Schneewittchen erreicht das Zwergenhaus. Die zweite Satzhälfte ist in ihrer Gänze wichtig: Zielerreichung (“ein kleines Häuschen”), Abschluss der Anstrengung (“ging hinein”), Ruhe (“sich zu ruhen”). 

Um den Winter, in dem die Königin sich ein Kind wie Schneewittchen gewünscht hatte, die Lethargie als Dauerzustand zu überwinden, muss ein Gleichgewicht hergestellt werden. Ein Aktionismus ohne Ende, ein endloses Weiterlaufen womöglich über den Zustand hinaus, in dem die Füße noch fortkönnen, würde zur Überhitzung und zum Kollaps führen, aber nicht aus dem Winter hinaus. Es ist gerade die Angst vor der Überforderung und vor dem Kollaps, die die Menschen im inneren Winter ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit verharren lässt. Der Weg aus dem Winter hinaus führt über den Frühling des Säens, den arbeitsamen Sommer des Pflegens in den fruchtbringenden Herbst der Ernte hinein. Im Spätsommer aber braucht es eine Pause, damit die Frucht wachsen kann. Das gilt vor allem für die innere Reifung. Sie braucht eine Phase der Integration, die sich im außen als bewusste Ruhe manifestieren sollte.

Nun hat Schneewittchen also das Zwergenhaus betreten, in dem es alles in siebenfacher Ausfertigung und in sieben Größenvariationen vorfindet. Interessanterweise gibt es unter den sieben Betten der Zwerge durchaus mindestens ein Bett, das dem Kind noch zu groß ist.

Wenn die sieben Betten für sieben Entwicklungsstufen und Lebensthemen stehen, was die Zahl sieben, die Zahl der Mystik und Vollendungskraft als Assoziation zulässt, deutet das Passen und Nichtpassen der Bettgrößen darauf hin, dass einige der Lebensthemen nicht oder nicht mehr relevant oder auch nur aktuell sind, und zwar alle bis auf eines, in das Schneewittchen nach seinem derzeitigen Entwicklungsstand hineinpasst. Es dürfte das Bett mit dem Thema Urvertrauen sein (6. Dreieck), in dem Schneewittchen seine Vollendung bereits gefunden hat, denn sein Umgang mit den fremden Ressourcen, die es im Haus vorfindet, erweist sich als in höchstem Maße achtsam (Yin) und rücksichtsvoll (Yang). Diese beiden erwachsenen Eigenschaften gehören der Drama-Dreiecks-Philosophie nach zum sechsten Dreieck, dasjenige Dreieck, in dem Schneewittchens Ausgangspunkt des Konflikts mit seiner Stiefmutter lag, vor der es geflohen ist. Die Königstochter ist von keinem Hochmut befallen, wohl aber mit einem tiefen Vertrauen in ihr Gehalten- und ihr Willkommensein gesegnet, mit dem das Kind sich im fremden Haus schlafen legt und selbst die Ankunft der Hausbewohner selig verschläft. Es dürften die Zierlichkeit, die Ästhetik und die Reinlichkeit des Häuschens sein, die es mit klarer Intuition zu deuten versteht, so dass es einfach die Gewissheit hat, dass ihm von dieser Umgebung keine Gefahr droht. Das alles gehört zum sechsten Dreieck.

Der neue Weg

Mit der Ankunft der Zwerge und ihrem Kennenlernen macht das Königskind sich nun wiederum auf einen neuen Weg, nämlich auf den Weg, sich seine Königlichkeit zu erschließen. Die erste Pflicht einer Königin, erst Recht im Archetypus der Bodhisattva, ist es, zu dienen. Ein/e Bodhisattva ist nicht auf der Welt, um von anderen bedient zu werden. Dieser Archetypus braucht auch nichts mehr von der Welt zu seiner eigenen spirituellen Entwicklung. Er muss lediglich volles Bewusstsein für seine Essenz aktivieren und sie in seine Existenz einfließen lassen, was Weisheit bedeutet und Zeit braucht. Auch ein/e Bodhisattva erlangt Weisheit erst mit dem relativen Alter. Am besten sitzt dieser Archetypus in dieser Zeit allerdings nicht untätig herum, weil die Selbsterfahrung, die es zur Selbstbewusstwerdung braucht, nun mal Erfahrung und also Bewegung voraussetzt. Aber was so ein Mensch zu erlösen hat, der den Archetypus der/s Bodhisattva in sich aktiviert fühlt und dem Ruf folgt, ist nicht mehr Karma, sondern seine wahre Identität. Darum spielt diese Persönlichkeit zwar eine Weile in den menschlichen Dramen mit und macht diejenige Erfahrung, die sie zum Verständnis der Welt und zur Erfüllung ihrer Aufgabe braucht, aber weder verstrickt sie sich im Sumpf des menschlichen Gefangenseins in den eigenen Konditionierungen, noch macht sie sich von den menschlichen Limitierungen abhängig. Ein Kind der Vollkommenheit in der Verbindung aus Himmel, Erde und Menschheit trägt im Menschsein den Himmel und die Erde in sich und damit alles, was es zu einem Leben in innerer Freiheit braucht. Es wird die Phänomene der Erde himmlisch, also den höchsten Zielen der Lebensprinzipien nach, deuten und sich in den Phänomenen immer aufgehoben und zufrieden fühlen.

Wenn Schneewittchen also zustimmt, den Zwergen den Haushalt zu führen, vergisst niemand dabei, dass Schneewittchen eine Königstochter ist, sondern alle sind sich dessen gerade bewusst. Bei den Tätigkeiten, um die die Zwerge sie bitten, handelt es sich dem Wesen nach auch nicht, wie im Frau-Holle-Märchen, um Projekte, die der Selbstreflexion und der Selbsterkenntnis dienen und die mit dem Goldregen der Integrität belohnt oder dem Pech mangelnder Integrität bestraft werden. Hier handelt es sich um einen Dienst am Anderen, um den die Zwerge Schneewittchen persönlich bitten. Es soll die Ordnung im Haus herstellen. Und das Haus steht symbolisch für die Welt, der Schneewittchen zu dienen versprochen hat. Indem es im Haus Ordnung herstellt, dient es dem Lebensprinzip der Stille, in der Einheitlichkeit, Ordnung und Struktur verwirklicht werden.

Schneewittchen spürt, dass es sich auf den Weg seiner Selbstverwirklichung macht. Der Welt zu dienen, ist seine Aufgabe als Menschenskind von Himmel und Erde und als Brückenbauer zwischen Himmel und Erde.

Schattenrückschläge

Nun beginnt der zweite Teil des Märchens. Die Warnung vor der Stiefmutter ist die vor dem eigenen Schatten. Das Leben hereinzulassen, wie es Schneewittchens Wesen entspricht, bedeutet zugleich die Gefahr, dem Selbstzweifel und der Hoffnungslosigkeit die Tür zu öffnen. Sich im Kontakt mit dem Leben immer wieder mit den Schatten der Welt und ihrer Winterkälte zu konfrontieren, die zu tilgen Schneewittchen doch eigentlich hergekommen war, kann einen einzelnen inkarnierten Menschen, solange er noch nicht in seine Souveränität hineingefunden hat und die göttliche Ordnung noch nicht vollständig durchschaut, in den tiefen Zweifel gegenüber der Machbarkeit seiner Aufgabe stürzen. Alle drei Kontakte mit dem Schatten schicken Schneewittchen in den Passivpol, in die todesgleiche Lethargie, nachdem es das Leben zu sich eingeladen hat, indem es mit seinen hübschen Angeboten in Resonanz gegangen war. Es verwirklicht die Lebensqualität der Neugier: 

Aus zwei Todesstarren können die Zwerge das Kind wieder befreien, indem sie eine traumatherapeutische erste Hilfe der Schockbefreiung von Gürtel und Kamm leisten, aber die Wunde der dritten Attacke können sie nicht finden und nicht heilen, weil sie in Schneewittchens Innern liegt.

Die Angriffe der bösen Stiefmutter erfolgen zunächst auf Schneewittchens Mitte, indem sie den Gürtel so fest schnürt, dass dem Kind der Atem vergeht. Da Schneewittchen kein Thema mehr mit dem Selbstwert hat, kann der Gürtel aufgeschnürt werden. Mehr als der Schreck bleibt nicht im Nervensystem stecken. Dann erfolgt mit dem Kamm eine Attacke auf das Kronen- oder Stirnchakra und seine Verbindung zum höheren Selbst. Auch diese Verbindung ist stabil und kann eine Erschütterung verkraften. Aber schließlich erfolgt mit dem Apfel die entscheidende Attacke auf das Kehlkopfchakra und den persönlichen Ausdruck des Kindes, jener Aspekt, der seine wahre Schönheit ausmacht. Der persönliche Ausdruck einer/s Bodhisattva ist der Dienst an der Menschheit, wie Schneewittchen ihn gerade im Zwergenhaus verwirklicht. Indem die Stiefmutter diesen Ausdruck abschneidet, verhindert sie zugleich den Aufstieg der Erde, ihr Erwachen aus dem Winter, dem sie selbst sich in ihrem Bewusstseinszustand nie gewachsen fühlen würde. Die Erhebung der Welt, wie sie bereits zwischen Schneewittchen und den Zwergen stattfindet, würde noch mehr schöne Menschen und damit eine noch größere Konkurrenz hervorbringen. Die Erhebung der Menschheit, die vordergründigste Aufgabe einer wahren Königin, muss von der falschen und angemaßten Königin verhindert werden, die die Erde nicht erheben, sondern versklaven und ausbeuten will. Denn diese Königin versteht sich auf nichts weiter als darauf, Hexenkünste anzuwenden, zu manipulieren also, statt echte geistige und humanistische Werte lebendig werden zu lassen. In einer Welt der Gleichwürdigkeit, wie Schneewittchen sie schon bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen hergestellt hat, wo ihre Schönheit noch tausendmal stärker strahlt, wäre für eine Schattenkönigin, die nur in Konkurrenz denken kann, kein Platz mehr. Der Apfel spiegelt darum auch ganz das Wesen dieser dunklen Königin und der Welt, die sie zu verteidigen sucht:

Schneewittchen wurde nun quasi mundtot gemacht. Sie junge Königstochter kann ihr Werk nicht mehr vollbringen. Und doch bleibt das Sein dieses Wesens pure Schönheit und die Zwerge erinnern an seinen hohen Wert, indem sie den Sarg aus Glas fertigen lassen… 

Vom Wert der Schönheit

Der Sarg wird auf einen Berg gebracht, in eine erhöhte Position also, vielleicht ein Anklang an die prophetische Empfängnis. Mit sich (und Gott) alleine auf dem Berg wurden schon verschiedene große Erkenntnisse empfangen, heruntertransformiert und auf die ein oder andere Art der Menschheit zugänglich gemacht, sei es als Bergpredigt, als Gebote oder als prophetische Lehren. Zum Betrauern erscheinen dann auch drei Tiere an Schneewittchens Sarg: eine Eule, ein Rabe und ein Täubchen. Das Motiv der Dreifaltigkeit vom Lebensbeginn Schneewittchens wird an der Stelle der Todesgleiche wiederholt. Alle drei Tiere stehen auf ihre Art für die Weisheit aus drei Welten, die Eule für die Erde, die Taube für den Himmel und der Rabe diesmal für die jenseitige statt wie vormals das Blut für die diesseitige Welt. Aus der diesseitigen Welt ist Schneewittchen hinausgegangen und befindet sich mit seinem Geist in der jenseitigen Welt.

Schneewittchen liegt, wie es explizit heißt, lange im Sarg, ohne zu verwesen. Wie bei Dornröschen scheint es sich mehr um einen kontemplativen Schlaf als um einen endgültigen Tod zu handeln. Und doch ist es ein eklatanter Rückzug aus der Welt, denn der Spiegel kann Schneewittchens Schönheit nicht mehr ausmachen, als er erneut zur Konkurrenzsituation befragt wird: 

Tod und Winter scheinen gesiegt zu haben. Und doch befindet sich die Schönheit noch latent in der Welt. Sie ist nicht weg, sie müsste nur wieder geweckt werden. Das ist der Punkt, an dem das Leben auf unserer Erde gerade steht. Die Schönheit ist nicht weg, wir sind uns ihrer nur nicht bewusst. Wir verstricken uns in der Negativität, weil wir die Schönheit nicht wahrnehmen.  Unsere Spiegel scheinen sie uns nicht zu zeigen. Aber: Sie verwest nicht. Im Gegensatz zum Wert des Menschseins an sich, der darin liegt, dass Menschen sich verändern können und die Freiheit haben, sich in beide Richtungen zu verändern, in Richtung Liebe und in Richtung Angst, unterliegt die Schönheit keinem Wandel. Sie ist ein absoluter Wert, und die Hässlichkeit ist keineswegs der Gegenpol der Schönheit. Der Gegenpol der Hässlichkeit ist die Eitelkeit (der Stiefmutter). Die Schönheit aber steht für sich und ist ein reiner Aspekt der Liebe ohne Gegenteil. Darum verändert sie sich nicht, sondern bleibt, wie sie ist. Darin liegt wiederum die Hoffnung der Menschheit.

Wende

Kein Märchen kommt ohne eine überraschende Wende aus. So tritt ein Königssohn in die Geschichte ein, der von Schneewittchens schlafender Schönheit beeindruckt ist. Er erkennt dessen Wert, den Wert der Schönheit, und will den Zwergen den Sarg abkaufen, will den von ihm erkannten Wert also in barer Goldmünze entrichten. 

Die Zwerge haben Schneewittchen seinem essenziellen Wesen nach verstanden. Eine Bodhisattva bereichert sich nicht an der Welt. Sie bringt ihren Dienst zum Geschenk dar. Das heißt nicht, dass sie sich unter Wert verkaufen würde, aber der Gegenpart muss sich der Liebe, die durch die Vermittlerin zwischen Himmel und Erde in die Welt gebracht wird, in seiner Person, nicht in seiner Kaufkraft als würdig erweisen. Dergestalt würdig erweist der Königssohn sich nur, indem er seinerseits Liebe anbietet. 

Erst als er verspricht, Schneewittchen zu ehren und hochzuachten, können die Zwerge sicher sein, dass auch er Schneewittchens Wesen erkannt hat und sich diesem Wesen als würdig und ebenbürtig erweisen wird. Ehre und Hochachtung sind ihrerseits reine Aspekte der Liebe.

Sie haben sich nun ausreichend in ihn eingefühlt, ihm quasi auf den Zahn gefühlt und können ihm den Sarg überlassen, damit die polaren und einander ebenbürtigen Kräfte sich vereinen können.

Das Aufwachen aus der persönlichen Lethargie geschieht im Leben oft durch einen Ruck: ein Unfall, ein Stolpern, eine Erschütterung. Auf einer höheren Ebene dienen solche Unfälle dem Frieden. Etwas, das vorher im Unfrieden war, soll durch Umwälzung, Erschütterung und Revolution in den Frieden geführt werden, indem Diskriminierungen, Unfreiheit und Ungerechtigkeit beendet werden. Genau auf diese Art wacht Schneewittchen auf und wird wieder lebendig. Die Ausgrenzung der Schönheit wird aufgehoben. Sie kann wieder in der Welt wirksam werden. Die Hochzeit ist an dieser Stelle die Metapher für den zurückgewonnenen authentischen Ausdruck, das reintegrierte Yang, das durch die dritte Vergiftung in einer tiefen Erschöpfung abgespalten worden war. Schneewittchen findet nun in seine Kraft zurück, findet sogar auf einem höheren Niveau als vorher zu sich selbst. Denn nun verkündet der wahrsagende Spiegel nicht nur erneut die Schönheit Schneewittchens, die eben an die Ausführung ihres Daseinszwecks gebunden ist und die vom Spiegel nicht verkündet wird, solange Schneewittchen untätig ist, sondern der Spiegel verkündet die Auferstehung einer jungen Königin. 

Schneewittchen hat in sein Wesen, in seine Wahrheit hineingefunden und dient fortan der Welt als die Königin, die es ist, eine Brückenbauerin zwischen den Welten Himmel und Erde und Menschheit. Die lebendige Schönheit lässt die Kälte in der Welt schwinden.

Der bösen Stiefmutter ist zunächst gar nicht klar, dass es sich bei der jungen Königin um Schneewittchen handelt. Sie muss zur Hochzeit gehen, um den Sachverhalt zu überprüfen:

Bei dieser Gelegenheit erhält sie dann auch ihre Strafe, die wiederum, wie in anderen Märchen auch, nur das manifest gewordene Symptom ihrer inneren Zustände ist. Sie wird es als Karma mitnehmen. Rotglühende Schuhe für rotglühenden Neid und Zorn und letztlich rotglühende Höllenangst. Rotglühend ruft den dualen Gegenpol zur Dreifaltigkeit auf, die Hölle, die die Stiefmutter sich in ihrer zwanghaften Not selbst geschaffen und auf andere projiziert hat. Mit dem Wirken der jungen Königin aber wird im Land nun der Frühling anbrechen können, indem sie selbst zum Spiegel der in der Welt verborgenen Schönheit wird.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein