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Nummer 2: Die goldene Gans

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im ersten Dreieck 
zum Thema Selbstsicherheit und Kompetenz

Titelbild: Annette Greiner

Fremdbild- und Selbstbild-Differenzen

Der Dummling, das schwarze Schaf, der Taugenichts, das Dummerchen, die Enttäuschung… oder auch das Pummelchen, der Unsportliche, das Sensibelchen, der Familientyrann… es gibt so viele Bezeichnungen mit denen diese Familienmitglieder bedacht werden, auf die alle anderen ihre eigenen Unzulänglichkeitsgefühle projizieren. Oft ist es so, dass ein Erwachsener die Projektion vormacht und sie damit salonfähig gemacht wird, und alle anderen ahmen das zweifelhafte Vorbild völlig unreflektiert nach, entweder weil sie zur Reflexion zu jung sind oder weil die Nachahmung zu bequem ist. Nicht selten erweist sich das Vorurteil sogar als gegenstandslos und wurde dem zum Sündenbock stilisierten Familienmitglied nur als Fremdbild übergestülpt, weil es sich in irgendeiner Situation mal angeboten hatte. In eher glücklichen Fällen gehen Fremdbild und Selbstbild dann auseinander. Für gewöhnlich aber – und das sind zunächst die unglücklichen Fälle – passt sich das Selbstbild dem Fremdbild an. “Das kleine Dickerchen”, “der ewige Tollpatsch”, “die naive Träumerin” etc. wird nach und nach dem Fremdbild und der mit dem Fremdbild verknüpften Erwartung gerecht. Der fremde Mythos wird von Klein auf übernommen und das Verhalten dem Mythos entsprechend konditioniert. In der Entsprechung gegenüber der Fremderwartung liegt scheinbar die größtmögliche Stressfreiheit, dann nämlich, wenn für die Anderen alles ist, wie es sein soll. Wenn man immer der Dummling genannt wird, glaubt man irgendwann, das sei die Wahrheit, die für einen gelte. Indem man sich wie der Dummling verhält, sind auch alle anderen beruhigt. Der Fremd- und nun auch der Selbsterwartung gemäß verhält der oder die so Angesprochene sich viel öfter situationsinadäquat, was unintelligent wirkt, als dass er oder sie kompetent auf eine Situation reagieren würde. In Wahrheit wurde, wie es auch hier im Märchen erzählt wird, ein Mythos kreiert, in dem manche Familienmitglieder – hier die erstgeborenen Söhne – als klüger gelten und als wertvoller behandelt werden als andere Familienmitglieder – hier das jüngste Kind, dem in der Familie kein richtiger Platz und keine Daseinsberechtigung mehr zugestanden wird, ganz, als sei der letzte Sohn der Kinderzahl nach überflüssig auf der Welt. In der Realität ist die konkrete Kinderzahl und Geschlechterverteilung für die Projektionsflächenverteilung unerheblich. Da kann auch die Erstgeborene vergöttert, die Zweitgeborene zur Projektionsfläche auserkoren und das männliche Nesthäkchen wieder vergöttert werden. Es könnte auch der Erstgeborene, weil Ergebnis eines ehelichen Fehltritts, zur Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeitsgefühle gemacht werden und der Zweitgeborene zum Unschuldslamm stilisiert werden. Und so weiter.

Die Stilisierung aber hat ganz manifeste Konsequenzen. So wird im Märchen der erste Sohn mit allem Komfort ausgestattet zum Holzhacken ausgeschickt: 

Der zweite, ebenfalls als begütert angesehene Sohn, erhält den gleichen Proviant. Der dritte Sohn, der unter dem Etikett „Dummling“ als minderbemittelt betrachtet wird, erhält eine entsprechend unzureichende materielle Ausstattung und wird weniger genährt. Wie innen so außen, denn zum jetzigen Zeitpunkt noch dürften Fremd- und Selbstbild bei diesem Helden übereinstimmen. Noch befindet sich der Held im Passivpol, wo er die Behandlung von außen passiv empfängt, wie es Kinder in der Regel tun. 

Umgang mit Ressourcen

Jetzt erzählt das Märchen allerdings nicht so sehr von der familiären Zuschreibungsungerechtigkeit als mehr davon, wie jemand mit seinen Ressourcen umgeht und dass es genau auf diesen persönlichen Umgang ankommt. Der erste Sohn will und muss sich beweisen und versagt jämmerlich, weil er seine Ressourcen falsch einsetzt. 

Davon abgesehen, dass man bei Männlein, die durch Taschenwände blicken können immer hellhörig werden sollte, antwortet der eigentlich als so begütert geltende Sohn ganz aus seinem elementaren Mangelgefühl heraus: 

Der Eindruck, begütert zu sein, entspricht also nur dem äußeren Schein und dem vordergründigen, ebenfalls übergestülpten Fremd- und Selbstbild, nicht aber seiner Grundschwingung. Er fühlt sich seiner selbst nicht sicher, was sich auf manifester Ebene als Angst vor Mangel manifestiert und durch Geiz kontrolliert werden soll. Aus dem vordergründigen Selbstbild heraus hatte er in den Wald gehen wollen und zeigen wollen, was er kann. Und jetzt zeigt sich: 

Dem Geiz gemäß verleugnet er sich auf der thematisch tieferen Ebene, um die es hier im Märchen geht, selbst. Das Märchen weist das Versagen als Konsequenz auf den inadäquaten Umgang mit seinen Ressourcen aus: 

In der Wiederholung des sozial inkompetenten Verhaltens durch den zweiten Bruder wird offen von Strafe gesprochen: 

Gemeint ist einfach die logische Gegenbewegung oder der Mechanismus aus Ursache und Wirkung: Bewegt sich das Individuum in einem extremen Pol – hier in der Verweigerung im Passivpol, wird ihm im extremen Gegenpol geantwortet, während seine eigene unbewusste Schwingung der Selbstbildkonstruktion bestätigt wird. Obwohl die beiden Söhne zu Meistern des Holzhauens stilisiert worden sein mögen, schwingen in ihrem eigenen Unbewussten massive Selbstzweifel, die sie die Hilfsbereitschaft verweigern lassen und zum Versagen an der Aufgabe führen. Der extreme Gegenpol zur Verweigerung bricht konsequent in Form der beiden Unfälle in ihr Leben herein, letztlich mit dem Ziel der Selbstbildkorrektur und um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Wechsel in den Aktivpol

Nachdem zwei vermeintlich begabte Männer es nicht geschafft haben, der Aufgabe, Holz zu hacken, gerecht zu werden, kommt nun der Dummling an die Reihe. Allerdings kommt er keineswegs so einfach und freiwillig an die Reihe, wie es in einer Familie geschehen sollte. Auf seine geäußerte Selbstsicherheit hin wird er zunächst wieder in den Passivpol zurückgeschickt: 

Kennen wir diese Sätze nicht allzu gut? „Ganz Andere als du haben es schon versucht und sind gescheitert und da meinst du, es mit links zu schaffen? Ausgerechnet du?“ Dabei ist das, wovon die verglichenen Personen etwas oder nichts verstehen gar nicht vergleichbar. Vom Holzhauen mögen alle gleich viel oder wenig verstehen, im Zuhören aber, im Vermögen, dem Gegenstand intuitiv zu begegnen, seine Bedingungen gelten zu lassen und sich situations- und anforderungsadäquat zu verhalten, liegt der relevante Unterschied bei allem, was wir tun, egal, ob es sich ums Haareschneiden, Menschenpflegen, Kindererziehen oder Holzhacken handelt. Weil aber vorverurteilende Menschen von diesem Unterschied wiederum nichts verstehen, kennen wir ebensogut den Satz, den der Dummling von seinem Vater zu hören bekommt, als er eisern zu sich steht und um eine Chance bittet: 

Kinder kennen hier auch den gewalttätigen Satz: “Mach doch, was du willst, aber komm hinterher nicht angeheult”. Das ist keine Ermutigung, kein Zutrauen von etwas, das sich als schwierig erwiesen hat oder erweisen könnte. Es ist kein Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes und keine Vermittlung von Zuversicht gegenüber dem Mut, den das Kind aufzubringen bereit ist, sondern es ist nur eine Resignation vor dem stetigen Erbitten, in den eigenen Fähigkeiten ebenfalls beachtet zu werden. Es schickt das Kind in den Passivpol zurück, aus dem sich so manches Kind durch die konsequente Gegenpolbewegung in den Beweiszwang hinein, es eben sehr wohl zu können und zu schaffen, zu befreien versucht. Wenn es einmal glückt, diesen Beweis anzutreten oder wenn die Hoffnung bestehen bleibt, den Beweis irgendwann doch noch erbringen zu können und doch noch die gewünschte Anerkennung zu erhalten, bleibt der Mensch in diesem Muster und entwickelt sich zum manchmal lebenslangen Besserwisser, sollte nicht irgendwann eine heilsame Selbstreflexion eintreten. Viele Kinder ziehen sich aber auch in die gelernte Hilflosigkeit und in die Selbstverleugnung zurück, bleiben also in dem Pol, in den sie mit dieser väterlichen Aussage geschickt wurden, und meinen ebenso lebenslang, sie schafften es ja doch nicht.

Anderer Umgang

Auch dem Dummling begegnet nun die schon bekannte Gesamtsituation des Holzhauens, zu der das Erscheinen des alten grauen Männleins gehört, das den jungen Mann um ein Stück vom Kuchen und um einen Schluck aus der Flasche bittet. Indem der Dummling nun antwortet: 

erweist er sich als selbstsicher und der Situation gegenüber kompetent. Er benennt seine Ressourcen und seine Grenzen, bietet an, was ihm möglich ist und überlässt dem Gegenüber die Wahl, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Während er seine Kompetenz anbietet sieht er den anderen zugleich als kompetent an, einzuschätzen, ob die angebotenen Ressourcen seinem Anliegen gerecht werden können, in diesem Fall, Hunger und Durst so zu stillen, wie es dem Männlein genehm wäre. 

In der Einlösung des Angebotes erweist sich dann, dass der Dummling seine Ressourcen bisher unterschätzt hatte. Das Männlein – ganz Vertreter des Archetypus gute Fee – lässt den Dummling dessen Wahrheit jenseits des aufoktroyierten Fremdbildes und Familienmythos nun erkennen: 

Diese Verwandlung findet rein durch die Haltung dem Anderen gegenüber statt. Das einfachste Mahl kann durch die Macht des liebevollen Blicks zum Festmahl werden, indem alles ins Licht der Wahrheit, hier ins Licht der Anerkennung und Achtung gestellt wird.

Ungeahnte Fähigkeiten

Die Konsequenz, die wiederum der Dummling auf seine Freigebigkeit hin erfährt, kann gut und gerne ein wenig übersetzt werden: 

Da es im weiteren Verlauf des Märchens noch immer um Kompetenz und Selbstsicherheit gehen wird, in der Lage zu sein, Holz zu hacken, die Prinzessin zum Lachen zu bringen und die drei Forderungen des Königs zu erfüllen, kann das gute Herz über die Qualität der Güte hinaus mit der Intuition und der medialen Haltung der Achtsamkeit gleichgesetzt werden. Das Mitteilen von dem Seinigen kann mit der archetypischen Kraft der Lehrerschaft zusammen gedacht werden und das in Aussicht gestellte Glück mit der charismatischen Fähigkeit der Genialität. Das Männchen verleiht zur Belohnung Charisma. Die Märchenaussage dazu lautet also: Wenn du Wissen und Kompetenz nicht hortest und nicht hochmütig gegen andere einsetzt, sondern es mit der Welt teilst und es zugleich von deiner Intuition und durch dein höheres Selbst anreichern lässt, erhältst du geniale Fähigkeiten: 

Das Baumfällen glückt diesmal und die titelgebende goldene Gans kommt zum Vorschein. Sie sitzt in den Wurzeln des Baums als Metapher dafür, dass das Genie in unseren Wurzeln liegt, und es hat „Federn von reinem Gold“.

Weiter geht’s: zweiter Teil

Wie schon im Märchen „Der süße Brei“ könnte man meinen, das Märchen habe nun sein gutes Ende gefunden. Die zentrale Frage, ob der jüngste Sohn ein Dummling ist oder nicht und ob er im Gegensatz zu den als begabt geltenden Brüdern mit dem Holzhacken zurande käme, ist beantwortet. Der Dummling hat sich als einzig kompetent erwiesen und über seinen Namen und seine Konkurrenten triumphiert. Interessanterweise geht der Dummling nun aber nicht nach Hause, um  seinen Sieg auszukosten und den Beweis seiner Kompetenz zu erbringen. Er braucht sich nicht zu beweisen. Statt vom Beweiszwang getrieben fühlt er sich vielmehr von seinem Genie gezogen. Er geht schnurstracks in die Welt hinaus, emanzipiert sich damit von seinem Elternhaus, an das er keinerlei Erwartung mehr stellt, ihn anzuerkennen.

Zunächst erzählt jetzt die Geschichte der Gans die Geschichte des ersten Dreiecks. Eine hohe Intelligenz wirkt auf andere ungemein anziehend (Charisma, Dreiecksspitze). Die naseweise älteste Tochter des Gastwirts, in dessen Haus der Dummling sich für die Nacht einquartiert hat, versucht sich der goldenen Federn zu bemächtigen, was im Leben oft durch einen vorgetäuschten Geistesreichtum geschieht. Sie berührt eigenmächtig und unwissend die Gans und bleibt an ihr hängen (Aktivpol). Wenn die Substanz fehlt, entsteht leicht eine emotionale Abhängigkeit von dem, was man bewundert und für sich in Besitz nehmen will. 

Die zweite Tochter will nicht nachstehen, will ebenfalls eine goldene Feder abbekommen und bleibt an der Schwester hängen. Dieses Hängenbleiben ist eine Metapher für die Verstrickung in der Konkurrenz um einen begehrten Gegenstand. Die dritte Tochter lässt sich von den anderen beiden nichts sagen. Obwohl sie sich darum bemühen, die Dritte vor Schaden zu bewahren, meint diese, es besser zu wissen: 

Alle drei müssen die Konsequenz ihrer Besserwisserei und ihres Beweiszwangs tragen und die Nacht bei der Gans zubringen. Am nächsten Morgen müssen sie sogar hinter der Gans und dem Dummling herlaufen, denn der Dummling erklärt sich für den Beweiszwang der Mädchen nicht zuständig. Er bewertet das Verhalten nicht, kümmert sich aber auch nicht darum (Dreiecksfläche). Er macht einfach sein Ding: 

Es ist sein Leben. Er folgt seinem Kompass, seinem Weg und seiner Führung. Wer auch immer ihn noch weiter als Projektionsfläche verwenden und sich mit Aspekten seines Wesens verstricken will, kann das gerne tun, erfährt ihn aber nicht mehr als Verstrickungspartner. Er hat sich seinerseits der Stricke entledigt und bleibt bei sich und in seiner Mitte.

In der weiteren Verkettung tritt dann noch der besserwisserische Pfarrer auf, der die Mädchen zu belehren versucht, ohne sich kompetent ein Bild von der Situation gemacht zu haben:

Und der Pfarrer muss sich seinerseits noch vom Küster bevormunden lassen, die heutige noch anstehende Kindstaufe nicht zu vergessen, und schon hängt der Küster mit in der Reihe der personifizierten Anmaßung und Bevormundung fest. Zwei Bauern gesellen sich dann noch in die Reihe, weil sie vom Pfarrer um Hilfe gebeten werden, ihn und den Küster loszumachen (Passivpol), obwohl der es nun eigentlich besser wissen müsste, dass den Anhängigen offenbar nicht durch Einwirkung von außen geholfen werden kann. Trotz der nun sieben seiner Gans nachfolgenden Menschen bleibt der Dummling stoisch bei sich und in seiner Mitte und auf seinem Weg und er verlässt die Stadt.

Dritter Teil: Höchste Kunst

Im dritten Teil des Märchens geht es nun um die höchste humane Kompetenz, einen anderen Menschen zum Lachen zu bringen. Der Dummling wird von seinen Sternen auf- und herausgefordert, weiter zu wachsen.

Komik entsteht in der Regel daraus, dass eine Situation sich den an sie gestellten Erwartungen widersetzt. Das ist später die Kernkompetenz des Archetypus des weisen Narren. Schock und Komik liegen da auch dicht beieinander. Für die Komik aber zieht der Überraschungseffekt. Also ist Intelligenz, sogar die Intelligenz eines Genies wie der Dummling nun eines ist, die beste Voraussetzung, um ein guter Komiker zu sein. Mit seinem Aufzug der sieben an seiner Gans festklebenden Menschen im Gefolge, denen gegenüber der Dummling sich völlig gelassen positioniert – statt sich erwartungsgemäß aufzuregen – bringt er auch wirklich die Königstochter zum Lachen. Worauf der Dummling der Erfüllung des vom König erlassenen Gesetzes gemäß die Königstochter zur Braut verlangt und das Märchen zu Ende sein könnte.

Vierter Teil: Die vollen Anlagen sind noch nicht voll gehoben

Das Märchen aber verlangt noch mehr von dem Dummling. Das Märchen, in dem es wie im Leben zugeht, sagt: Da geht noch mehr. Höchstes Potenzial verlangt auch höchste Anstrengung, es vollständig zu aktivieren, und die Aktivierung geschieht über höchsten persönlichen Einsatz. Potenzial verpflichtet genau wie Adel. Dass der König den Schwiegersohn nicht annehmbar findet, dient in Form der Hürde und Herausforderung dem, das höchste Potenzial aktivieren und den höchsten Adel beweisen zu müssen. Das ist der Grund, weshalb die Hürden hier nicht in den Passivpol geschrieben werden können. Obwohl der König vom Schicksal benutzt wird, dem Dummling zur Hürde zu werden und mit seinem Verhalten auf manifester Ebene durchaus den Passivpol verkörpert, sind die Hürden in Wahrheit vom Himmel oder von des Dummlings persönlichem Stern geschickt. An den Hürden soll der Dummling wachsen. Es geht, wie schon mit der vorherigen Episode um die Gans und die sieben Menschen erzählt, nicht darum, seinen Weg zu korrigieren, was normalerweise die Funktion von Hürden ist. Denn indem er trotz Ärgernis auf seinem Weg geblieben ist, hat er einen Erfolg erzielt, der seinen Kurs bestätigt hatte. Für den Dummling geht es bei den Hürden also um etwas Anderes.

Statt sich an der gestellten Aufgabe selbst die Zähne auszubeißen, aktiviert der Dummling seine Intuition, seine Fähigkeit also, sich von seinem höchsten Geist leiten und helfen zu lassen. 

Als hätte er einen inneren Kompass, lässt der Dummling sich zum Ausgangspunkt führen, zurück zu den Wurzeln des Baums und damit zu seinen eigenen Wurzeln. Er besinnt sich auf den Ort, an dem er die erste Herausforderung gemeistert hatte und wie der das gemacht hat. Das Männchen hatte nun durchaus nicht zu ihm gesagt: -Und wenn du etwas brauchst, dann kommst du hierher zurück. Der Dummling weiß es trotzdem, dass das Zurückgehen der richtige Weg ist, dorthin, wo man schon einmal eine Lösung gefunden und wo man sich schon einmal als kompetent erwiesen hat, um dann über die bereits gezeigte Kompetenz hinausgehen zu können. Die Gans in seinem Besitz, ihr goldener Glanz, erinnert den Dummling an sein Urvertrauen, ohne dass er sich der Erinnerung und der Führung bewusst werden muss.

An Ort und Stelle findet der Held dann neue Bedingungen vor. Es ist nicht der vorherige Ratgeber, das graue Männchen, den er trifft, sondern er trifft per Resonanz und Synchronizität genau auf einen Mann, der mit seinen eigenen Bedingungen zu den Bedingungen der gestellten Aufgabe passt: 

Diese Märchenwendung entspricht etwa der möglichen Alltagserfahrung, dass wir eine Frage stellen und die Antwort findet uns in welcher Form auch immer, zum Beispiel indem uns genau das richtige Buch in die Hände fällt oder dass in einem Gespräch ganz unbeabsichtigt eine Inspiration ausgesprochen wird. Die einzige Aufgabe, die wir noch zu vollbringen haben, ist es, Fragen zu stellen und zuzuhören oder wie Rainer Maria Rilke es in „Brief an einen jungen Dichter“ ausdrückt: „In die Antworten hineinzuwachsen“. Hier im Märchen fragen jetzt zwei Individuen einander, welche Teile ihrer Drehbücher sie auf konstruktive Art miteinander verbinden könnten, um gemeinsam eine neue Geschichte zu schreiben.

Dummling und Mann helfen einander nun gegenseitig, verwirklichen also Synergiepotenziale und das ist wahrhafte Genialität.

Stark bleiben

Dem Dummling aber haftet noch immer das offenbar über die Stadtgrenze hinaus kolportierte Fremdbild an: 

Der König, obgleich er bereits zwei Beweise für das Gegenteil erhalten hat, lässt sich blenden und benutzt den vorauseilenden Ruf des Dummlings, das Vorurteil also, als Projektionsfläche für seine eigenen Unzulänglichkeitsgefühle. Er selbst hatte seine Tochter immerhin nie zum Lachen gebracht, weshalb er zuletzt ja zu dem Gesetz greifen musste, das denjenigen belohnen sollte, dem das Kunststück gelingen würde. Sein Ärger spricht nun von seiner Angst, mit der Wahl des Ehemanns dem Wert der Tochter nicht gerecht zu werden und wiederum einen Fehler zu begehen, sich also wiederum als inkompetent in der Rolle des Königs und des Vaters zu erweisen. Seine Verachtung dem Dummling gegenüber ist die Verweigerungshaltung sich selbst gegenüber. Würde er gerade in der Anerkenntnis der eigenen Grenzen und der  Bitte um Unterstützung durch den Gesetzeserlass seine eigene Kompetenz erkennen, würden sich die Unzulänglichkeitsgefühle auflösen. Aus dem Beweiszwang heraus, alles selbst schaffen zu müssen, wird der Schwiegersohnanwärter aber zur Bedrohung für die eigene Selbstsicherheit und der König versucht ihn sich so gut es geht auf Abstand zu halten. Er stellt eine neue Hürde auf und wird damit aus der Perspektive des Königs und auf manifester Ebene zum weiteren Hindernis im Passvipol. Aus der Perspektive des Dummlings allerdings muss das Hindernis wieder in die Dreiecksspitze gestellt werden, denn der Dummling begreift einerseits die Angst des Königs, begreift aber auch, dass er genau hier noch ein weiteres eigenes Potenzial zu aktivieren hat. Diesmal bringt er einen Mann an den Königshof, der in seinem Wunsch, sich satt zu essen zur neuen Aufgabe passt, es möge jemand gefunden werden, der “einen Berg voll Brot aufessen könnte.“ In den beiden Metaphern, einen Weinkeller leer zu trinken und einen Berg voll Brot zu essen, geht es um das Verarbeiten und Verdauen und damit letztlich um die Integration von Erfahrungen. Indem der Dummling wie schon im Fall der Gans und ihrem Gefolge Gelassenheit zeigt, aktiviert er das Heilungspotenzial der Situation, die wie ein Hindernis anmutet. Er verschafft sich das Vertrauen des Königs und gibt dem Prozess seine Zeit, die er verlangt, bis der König loslassen kann. Auch wenn die zweite Herausforderung der ersten sehr gleicht und daher ziemlich neurotisch wirkt, vollbringt der Dummling seine Leistung so sorgfältig und souverän, wie es nur die selbstsichere Kompetenz vermag, die nichts mehr beweisen muss. Er ist auf dem Weg, ein souveränes Vorbild und ein archetypischer Lehrer zu werden. Aber auch diesmal gelangt der Dummling noch nicht an sein Ziel. Die nächste Forderung zeigt das ganze Ausmaß der Verängstigung des Königs und Vaters: 

So geht das mit Herausforderungen, die unser Potenzial vollständig aktivieren wollen. In der Seichtigkeit der Wiederholung glauben wir am Ziel angekommen zu sein. Alles sei aktiviert an Gaben und Fähigkeiten, glauben wir. Jetzt könne es doch losgehen, meinen wir. Und dann kommt das Schicksal, das Universum, die Intelligenz der Liebe, Gott, unser höheres Selbst… mit einer ganz neuen, völlig unerwarteten Herausforderung um die Ecke, die uns ungeahnte Fähigkeiten abverlangt und sie folglich entdecken oder uns auch ganz neue Erkenntnisse gewinnen lässt. So sehr uns die Verzögerung nervt und frustriert, so klar erkennen wir am Ende der Herausforderung, wenn wir die Ernte einfahren, dass die neuen Erkenntnisse unerlässlich für unsere Aufgabe waren, die wir in einem viel größeren Kontext als unser kleines Vorstellungsvermögen es uns zu zeigen vermochte, inne hatten. Früher als jetzt hätten wir gar nicht loslegen können. Um hier allerdings keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Märchen erzählt nicht die Geschichte eines Menschen, der seine PS nicht auf die Straße bringt und Seminar um Seminar zur Prokrastination gegenüber dem eigenen Vorhaben vorschiebt. Es erzählt vielmehr die Geschichte eines Menschen, der talentvoll und mit großem Durchhaltevermögen an seinem Werkstück arbeitet und der von Herausforderung zu Herausforderung stärker mit seiner Genialität verbunden wird, um seine vollen Anlagen zu aktivieren.

Jetzt aber

Keineswegs aber muss die Arbeit dem inneren Schüler schwer fallen. Wenn man am Anfang das richtige Knopfloch erwischt, kommt man mit dem Zuknöpfen gut zurande. Der Dummling nimmt den bewährten Weg in den Wald und trifft jetzt auf das graue Männchen vom Anfang. Oft ist es so, dass man nach langen Jahren – oder sogar erst in der Lebensmitte – erkennt, worauf man eigentlich die ganze Zeit zugegriffen hat, ohne es zu wissen. So manches Genie hat die ganze Zeit schon auf geniale Art gearbeitet, ohne der eigenen Genialität gewahr zu sein.

Barmherzigkeit ist eine Yin-Qualität, die auf einer Linie mit der Intuition liegt. „Weil du barmherzig gegen mich warst“ spricht nicht nur von Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft, sondern auch von der eingesetzten Fähigkeit, zu lauschen: sich selbst, anderen Wesen und den Sternen. Den Sternen zu lauschen bringt dem Dummling nun den notwendig letzten Erfolg, denn das Männchen selbst ist mit den Sternen verbunden und holt das Benötigte nicht aus sich selbst und per eigener Kraft, sondern aus dem Raum, wie alle Archetypen von guten Feen es tun: 

Jetzt konnte und brauchte der König sein Kind nicht länger vorenthalten, denn sein inneres Kind war nun selbst ins Urvertrauen zurückkehrt. Wenn ein Mann eine derartige Aufgabe lösen kann, muss er mit den Sternen im Bunde stehen und also kann die Wahl dieses Ehemannes kein Fehler sein. Der Dummling hat das Vertrauen des Königs gewonnen. Jetzt kann der König sich kompetent darin erweisen, seine Zuständigkeit für beendet zu erklären und sie an die nächste Generation weiterzugeben. Der Dummling erbt das Königreich, ohne je nach Hause zurückgekehrt zu sein. Dabei weist der Tod des Königs darauf hin, dass der Dummling sich von seinem Ruf ebenfalls emanzipieren konnte, selbst wenn ihm der von anderen Menschen verwendete Name erhalten geblieben ist. Eigentlich gilt zwar, dass wir nicht die Bedeutung von Worten, sondern die Worte ändern sollten, weil Sprache eine Wirklichkeit erzeugende Funktion hat, aber das Märchen transportiert ja implizit, dass die neue Anrede des Dummlings nun “König” und „Eure Majestät“ sein wird. Er und seine Gemahlin jedenfalls lebten, so erzählt es der Märchenschluss „lange Zeit vergnügt“ und das heißt, dass der bisherige Dummling, jetzt König, von seiner höchsten Kompetenz, die Königin zum Lachen zu bringen, guten Gebrauch gemacht haben muss. Vielleicht im höchsten Archetypus des weisen Narren, dessen Kernkompetenz es ist, den Erwartungen und also auch den Zuschreibungen Anderer nicht zu entsprechen?

Posted on 16. November 2019 in Allgemein