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Nummer 18: Der treue Johannes

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im sechsten Dreieck 
zum Thema Transzendenz und Transformation

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Die verbotene Kammer

Der treue Johannes ist des Königs liebster Diener und hat seinen Namen, weil er dem König ein Leben lang treu ergeben gewesen war. Treue im Sinne von Loyalität. Johannes ist ein Diener, dessen Loyalität der König sich gewiss sein konnte und die umgekehrt auf dem Vertrauen basierte, das Johannes in seinen König setzte. Auf seinen König konnte der Diener sich verlassen. In dessen Raum hat er sich gehalten und geachtet gefühlt. Eine gelungene Interdependenz also. Zwei Herzen, die sich in gegenseitiger Fürsorge miteinander verbunden fühlen. So vertraut der alte König zu Beginn des Märchens dem Diener das Leben und die Bildung seines Sohnes, des Kronprinzen an, um sich dann aus dem Leben zurückzuziehen, loszulassen und zu sterben.

Johannes wird vom alten König aufgetragen, dem jungen nachfolgenden König das Schloss zu zeigen, alle Kammern, Säle, Gewölbe und Schätze. Wenn man die Symbolik auflöst, soll der Kronprinz also durch den Diener, hier in seiner archetypischen Funktion als Lehrer, eine humanistische Ausbildung erhalten und in den Wert des Menschseins und den Sinn des Lebens eingeführt werden. Kammern, Säle, Gewölbe und Schätze stehen für die Lebensqualitäten, die von jedem von uns gleichmäßig verwirklicht werden müssen. 

Wir könnten sagen, diese Ausbildung geht bis zum vollständigen Erwachsensein, bis zur Integrität und bis zur Dreiecksfläche des fünften Dreiecks. Indem aber die letzte Kammer der königlichen Anordnung gemäß vorenthalten werden soll, findet die Einweihung in das höhere Selbst des Königssohnsm, in die Transzendenz des sechsten Dreiecks, nicht mehr statt.

Eine verbotene Tür erinnert an die verbotene Frucht, die zu essen dem christlichen Mythos nach Adam und Eva von Gott untersagt worden sein soll. Lässt man das Attribut “verboten” weg, würde es um die Frucht, also um die Lebensqualität der Ernte gehen, die in der Tat dem Spätherbst (des Lebens) und damit dem sechsten Dreieck zugeordnet ist. Bei der Ernte oder der Frucht geht es um das Gold, das durch Wissen und Bildung und Verstehen und Verständnis und durch Transformation und Selbstevolution, durch das Leben und das Menschsein aus dem Stroh geworden ist, das die Müllerstochter im Märchen Rumpelstilzchen noch vergeblich zu verwandeln versucht hatte, während es dem König Drosselbart bereits gelingt. Das Stroh als Symbol für unser eigenes unbewusstes Sein verwandelt sich durch die Lebensqualitäten, indem man sie erkenntnisvoll durchläuft: Stille, Frieden, Aufbruch, Neugier, Strategie, Aktivität, Begegnung, Fülle, Intuition, Ernte. In der Bibel war es der Baum der Erkenntnis, der das Auseinanderfallen der Einheit mit Gott oder des All-Eins-Seins bewirkte. Im Erkennen nämlich, dass es nicht nur das Absolute, sondern auch die Relativität gibt werden Adam und Eva zu Vertretern von Gegensätzen. In den Gegensätzen aber sind auch die Extreme dessen vorhanden, von dem im Absoluten, im Zustand der Stille oder im Zustand von Licht in Licht, nichts zu spüren ist und die wir die Abwesenheit von Liebe oder das Böse nennen. Indem Gott sich selbst, so vermittelt es die Mystik, aufgespalten hat in seine (zwölf) Einzelaspekte oder in Individuationen seiner Selbst, verließ er/sie den Zustand Licht in Licht zu sein, konfrontierte Licht mit der Abwesenheit von Licht und so kam die Dualität in die Welt. Die Abwesenheit von Licht bekam den Namen Dunkelheit, aber auch Vergessen oder Unbewusstheit. Wessen wir uns unbewusst sind, ist unsere Teilhabe am Licht. In der Bibel war das der Sündenfall, mit dem das Gute und das Böse sichtbar wurden und scheinbar das Böse erst in die Welt kam. Die dann einsetzende Sehnsucht zurück zum Absoluten, die auch in der kanonisierten Literatur so oft thematisiert wird, wird in der Bibel als der Fluch Gottes erzählt, das Leben fortan in Arbeit und Mühsal zu erleben und sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen zu müssen. Wenn das Brot ebenfalls als Lebensfrucht betrachtet und gedeutet wird (das verarbeitete Korn), meint die Anstrengung jenen Weg, der uns die zwölf Lebensqualitäten von der Stille bis zur Rückkehr in die Stille, in die Weisheit nämlich, durchlaufen lässt. Dieser Weg, der nun die manifeste Form transzendieren soll, damit die Seele sich in ihrer Bewusstheit für ihren Anteil am Licht wieder mit der Ganzheit des Lichts verbinden kann, entspricht unseren Inkarnationserfahrungen und wird in der Tat die meiste Zeit als mühsam und anstrengend erlebt. Von dieser Mühsal würde die Königstochter in König Drosselbart zu berichten wissen. Leichter wird das Leben allerdings, sobald man die letzte Kammer betritt oder die Frucht der Erkenntnis noch einmal zu sich nimmt. Über die Relativität wurde das Absolute vergessen und muss wiederum ins Bewusstsein zurückgeholt werden. Wenn das Absolute die Liebe ist, dann unterliegt das Extrem der Dualität ihrer Abwesenheit. Indem wir das Licht zurück integrieren, Stroh also in Gold verwandeln oder Stille in aktive Stille, wird die Mühsal aufgehoben. Aus der nun einsetzenden höheren Perspektive wird das Leben als leicht, schön und gut wahrgenommen – wie es später von der Königstochter vom goldenen Dache erzählt wird.

Die Sehnsucht nach dem Absoluten

Der Grund, weshalb dem Prinzen nach dem Willen des Vaters das Abbild der Königstochter vom goldenen Dache vorenthalten werden soll, ist genau jene Sehnsucht, in der der Vater eine große Gefahr sieht. Die Sehnsucht nach dem Absoluten verursacht uns Leid und Schmerz. Zumindest gilt das für sehr sensible Menschen, solange sie ihren Zugang zum Absoluten noch nicht gefunden und verwirklicht haben. Offenbar traut der König dem Sohn also diese Verwirklichung – oder die Kunst der Alchemie, sich selbst als Stroh betrachtend in Gold zu verwandeln – noch nicht zu. Vermutlich traut er es dem Sohn nicht zu, weil er die Transformation selbst nicht geschafft hat und darum im sehnsuchtsvollen Schmerz steckengeblieben war. Vielleicht hält er ihn auch einfach für zu jung und  zu unreif, wie er sich seinem Diener gegenüber äußert. 

Ein herausragendes Wesensmerkmal hochsensibler Menschen ist die Fähigkeit, tief über sich und die Welt nachzusinnen. Mit diesem Nachsinnen sind sie auf der Suche nach dem Absoluten, und alles, was dem Ideal des Absoluten nicht entspricht, verursacht ihnen nur zu leicht Schmerz, solange sie ihre Schutzmechanismen noch nicht aktiviert und sich dem Gefühl der kosmischen Sicherheit noch nicht angenähert haben. Solche Menschen, die in der Psychologie auch “Orchideen-Kinder” genannt werden, sind stets auf der Suche nach Wahrheit und Schönheit (dem platonisch Wahren, Schönen und Guten) und das Nichtfindenkönnen schmerzt sie, auch wenn sie ahnen, dass der Zugang zur Transzendenz ihnen den Weg weisen könnte. Bis sie sich diesen Zugang selbst gestatten, dauert es manchmal eine halbe Ewigkeit und bis dahin sind ihre Gemüter sehr leicht zu beeindrucken und zu erschüttern. Der Wahrnehmung des Vaters nach trifft das auf den jungen Thronfolger zu. Es ist das Leid des Bewusstseins für das Getrenntseins, getrennt von dem absolut Guten, der Wahrheit, der Liebe, das der Vater für seinen Sohn fürchtet, während er zugleich annimmt, dass der Sohn die Fähigkeit zur Transzendenz nicht besitzt oder nicht besitzen sollte. 

Das Leid entsteht im gewöhnlichen Leben im Sich-Verstricken-Müssen mit dem, was man dann für lange Zeit für Liebe hält. Nach dem Sündenfall kennt die Menschheit zwei Pole und hält das eine für gut und das andere für schlecht, das eine für weiß und das andere für schwarz. Dass die Absolutheit, die Unipolarität, nicht aufgeteilt wurde in nur eine Bipolarität, sondern in eine Multipolarität, wurde übersehen. Und zwar wurde es übersehen, weil die Bipolarität für die meisten Menschen (wenn auch nicht für alle) der Ausgangspunkt ihrer Erfahrung ist. Sie wird als Dualismus aus Schwarz und Weiß betrachtet und erlebt. Mangelerleiden (Deprivation) und Habenwollen (Aggression) und dann auch um das Bekommen zu kämpfen sind mit Emotionen verbunden und prägen sich – über die Produktion von Botenstoffen – im Zellgedächtnis ein. Die Emotionen sind mit Stress verbunden, manchmal mit so großem Stress, dass sie zu Traumatisierungen werden. So werden sie ganz bestimmt nicht vergessen, diese beiden entgegengesetzten Pole und es kommt zu Einstellungen und Verhaltensweisen, die zur Erinnerung passen und zu dem, was im Zellgedächtnis abgelegt wurde. Man nennt das Konditionierung.

Im Satt- und Zufriedensein sind die Emotionen völlig ruhig und es entsteht keine explizite Erinnerung. Aber es wäre der dritte Pol, die Nähe zum Absoluten, wobei hier zuerst noch die Dreiecksfläche gemeint ist, um die es für den Königssohn das ganze Märchen über gehen wird. In der Dreiecksfläche des sechsten Dreiecks herrscht das Gefühl von kosmischem Gehaltensein, von Sicherheit, von innerem Frieden und Urvertrauen. Hier ist alles in einem und darum still und ruhig. Manchmal findet es eine Manifestation im Gehaltensein in der Sippe. Manchmal aber liegt es im reinen innern Wissen um das Gehaltensein durch das Absolute. Die Liebe kann dann als Prinzip wirken, ohne, dass es von Menschen erzeugt werden müsste. Was die Menschen befähigt, sich in der Idee von Liebe gehalten zu fühlen, sich mit dem Kosmischen so verbunden zu fühlen, dass sie Sicherheit empfinden, ist wissenschaftlich noch nicht einwandfrei festgestellt worden, auch wenn die positive Psychologie sich um die Erforschung der positiven Grundeinstellung und der Resilienz bemüht. Es gelingt auch nur wenigen Menschen, sich subjektlos geliebt zu fühlen. Die meisten Menschen brauchen jemanden, der sie liebt, um sich geliebt zu fühlen. Mit der Königstochter vom goldenen Dache aber verhält es sich anders. Sie gehört zu jenen wenigen Menschen, die ihr eigenes goldenes Dach über sich fühlen, dessen Kraft in ihr zu fließen und sie zu umgeben scheint. Darum macht der König sich Sorgen um seinen Sohn.

Solange man nie einen Blick auf die reine Liebe werfen konnte, hält man die dualistische Abhängigkeit und die Bedingtheit für Liebe und leidet unter ihrer vermeintlichen Abwesenheit. Ihre vermeintliche Anwesenheit stellt das Gemüt eine zeitlang ruhig, bis sie es nicht mehr tut, weil es sich nur um eine Kompensation und nicht um echte Sättigung gehandelt hat. Nahezu die gesamte Menschheit aber gibt sich mit diesen Liebesimitationen zufrieden. Das, so wird es weiter und weiter kolportiert, sei das Wesen des Menschseins und der Liebe. 

In dem Moment aber, in dem man auch nur einmal einen Blick auf die wahre Liebe werfen konnte, in dem man auch nur einmal erfasst hat, was das Wesen wahrer Liebe ist und was wirkliches Menschsein bedeutet, kann man nicht mehr zurück. Hat man das Gold gesehen, will man kein Stroh mehr, auch nicht metaphorisch. Dann leidet man an dem Bild der Dualität, in dem das Leben einen bisher verstrickt gehalten hatte. Der König fürchtet, der Sohn würde den Weg des umgekehrten Sündenfalls gehen, sollte er das Bild von der Königstochter vom goldenen Dache erblicken. Würde er erwachen, würde er sich zwangsläufig nicht mehr zurechtfinden in der Welt:

In Ohnmacht niederzufallen ist nicht nur der Überreizung des hochsensiblen Nervensystems des “Orchideen-Kindes” zuzuschreiben, sondern zeigt im Märchen stets auch den Moment der beginnenden Transformation an. Goldmarie springt in den Brunnen, der Spindel hinterher, erlebt eine Ohnmacht und muss in der anderen Welt zunächst zu sich selber kommen, wie es im Märchen heißt. Dornröschen und Schneewittchen erleben transformierende Ohnmachten als extrem langen Schlaf. Würde der Prinz nun in Ohnmacht fallen, würde seine Transformation des Bewusstseins eingeleitet und der Vater fürchtet um die Ruhe und das Seelenheil seines Sohnes. (In Wahrheit überträgt er seine eigene Überforderung im Umgang mit den hohen und niederen Frequenzen auf den Sohn.) Das Erkennen der wahren Liebe und ihres wirklichen Wesens gegenüber den Polen Einsamkeit und Abhängigkeit, würde der väterlichen Meinung und dem späteren Märchenhergang nach sofort dunkle Mächte auf den Plan rufen, um den Träger der Erkenntnis an der Verwirklichung seines Wissens zu hindern. Diese Wahrheit darf nicht vorgelebt und so verbreitet werden, denn sie würde die Menschheit befreien und den dunklen Mächten jede Macht über die Menschen nehmen. Die dunklen Mächte aber ernähren sich von den Emotionen, die aufgrund der Illusion von Liebe erzeugt werden. Drachen, listige Rumpelstilzchen, böse Stiefmütter mit Linsen und giftigen Äpfeln, Zauberinnen mit Türmen zum Einsperren, verführerische Wölfe und diebische Zwerge und nicht zu vergessen all die verwünschenden Hexen, sie alle profitieren und nähren sich von Angst und Zweifeln und von Illusion und Abhängigkeit.

Die Wahrheit über das Menschsein jenseits der Illusion der Angst zu erkennen und zu offenbaren, würde den Königssohn in ernste Gefahr bringen. Der König weiß um die sensible Natur seines Sohnes und wie empfindsam er auf die hohen Schwingungen von Liebe, Schönheit und Wahrheit reagieren würde und zugleich will er ihn schützen vor den niederen Schwingungen und Gefahren, die er mit der Entdeckung des Bildes auf seinen Sohn zukommen sieht.

Der treue Johannes gibt dem alten König die Hand darauf, dass das sensible Gemüt des Königssohns vor derlei Verletzung bewahrt werde. Er will dafür sorgen, dass er das Bild nicht zu sehen bekomme. Und so stirbt der König beruhigt.

Ahnungen

Jetzt verhält es sich mit hochsensiblen Prinzen aber wie mit hochsensiblen Kindern: Ihre Sensibilität lässt sie das Vorhandensein eines Geheimnisses unfehlbar erspüren.

Der getreue Johannes versucht seinem Versprechen dem Vater gegenüber treu zu bleiben und will den jungen König beschützen: 

In sehr verkürzter Form unter Umkehrung von Ursache und Wirkung könnte man die Warnung gelten lassen. Hochsensible Prinzen aber haben einen guten Zugang zu ihrer Intuition und lassen keine Warnungen gelten, und abwimmeln lassen sie sich auch nicht, denn sie sind gewöhnlich auch mit Beharrlichkeit ausgestattet. Das gehört zu ihrem Wesen als König und Archetyp des Herrschers. Im Übrigen geht es in diesem Märchen darum, dass der König unbedingt in sein Vertrauen in die Transzendenz hineinfinden muss, um ein guter Herrscher zu werden.

Nach einem letzten Versuch der Geheimhaltung durch Johannes, schwingt der Königssohn sich zu seiner ganzen von Neugier (zweites Dreieck) und Suche (erstes Dreieck) und Ungeduld (siebtes Dreieck) getragenen Macht auf und antwortet: 

Hochsensible Menschen, die den Archetypus des Herrschers in sich aktiviert haben, die innere Königin oder den inneren König, sind in Kontakt mit ihrer Yang-Energie und spielen sie aus, um die Welt und das Leben vollständig zu erfahren. Sie lassen sich von verschlossenen Türen und von an Andere erteilte Versprechen nicht aufhalten. Der Apfel muss gepflückt und gekostet werden und die Türe geöffnet und sei es im Modus purer Ungeduld und Unvernunft.

Da die Treue des Johannes der titelgebende Aspekt des Märchens ist, darf ruhig noch erwähnt werden, dass Johannes sich der Hartnäckigkeit des jungen Königs nur “mit schwerem Herzen und unter vielem Seufzen” ergibt. Und es geschieht, wie die Prophezeiung des alten Königs es vorausgesehen hatte: Der empfindsame König erliegt der überwältigenden Wirkung der Wahrheit und Schönheit, obwohl Johannes noch versucht, sie vor ihm abzuschirmen: 

Die Prinzessin vom goldenen Dache

Also auch hier das Motiv der Ohnmacht. Die Transformation ist in Gang gebracht worden, was vom treuen Johannes als Unglück bezeichnet wird. 

Der junge König kann nicht mehr hinter die erlangte Erkenntnis zurück, dass es jenseits der Dualität eine Polarität gibt, die sich aus dem Absoluten, aus der Liebe also speist. Der Schleier wurde gelüftet und der junge König hat sich auf den Weg gemacht, auf den Rückweg zu seinem wahren Selbst. Er hat die Unbewusstheit soeben verlassen. 

Gut, wenn man bei seiner Suche nach dem Absoluten einen getreuen Johannes an seiner Seite hat und sich jetzt nicht etwa in den Glauben verirren muss, man habe es mit einer gewöhnlichen, in der Dualität verstrickten Königstochter zu tun, die man mit dualistisch manipulativem Ausdruck erreichen könnte. Die üblichen Spiele und Tricks, wie sie in Passiv- und Aktivpol-Verstrickungen gespielt werden in einem Pendeln zwischen Fordern und Rückzug, Drängen und Verstecken, vorenthalten, berauben und manipulieren, werden, so ist es dem treuen Johannes klar, bei dieser Frau, der Königstochter vom goldenen Dache, nicht fruchten.

Kleines verwöhntes Mädchen, das schon alles hat? Ja… und zwar auf spiritueller Ebene! Die Königstochter vom goldenen Dache ist die Weiterführung des Sterntaler-Mädchens. Was dem Diener Johannes in seinem langen Besinnen, seiner Meditation also, völlig klar wird, ist, dass diese Königstochter in sich selbst ganz und vollständig ist. Sie ist nicht eine jener Prinzessinnen, die auf Rettung warten oder auf einen Prinzen hoffen, der sie erwählt und auf sein Schloss führt. Ihr Animus ist bereits mit ihrer Anima verbunden und in der Vereinigung der humanistischen Einstellungswerte und der schöpferischen Werte wurde das göttliche Kind geboren, das höhere Selbst, das sich nun im sie umgebenden Gold manifestiert. Darum ist es nicht möglich, auf eine materialistische Art zu ihr zu gelangen. Für sie ist es vollkommen in Ordnung, nicht zu ihr zu gelangen, sie stattdessen in ihrer Ruhe und Balance für sich sein zu lassen, wo sie alles hat, was sie braucht und alles ist, was sie sein will. Wer zu ihr gelangen will, so ist es dem treuen Johannes in seinem langen Besinnen durchgegeben worden, der muss mindestens in der Lage sein, mit ihren Schätzen mitzuhalten, am besten aber vermag so jemand ihnen noch etwas Neues hinzuzufügen, etwas noch nicht Vorhandenes, etwas Überraschendes und Inspirierendes. Deshalb empfiehlt Johannes nicht die ganzen fünf Tonnen Gold zu verarbeiten und durch Quantität zu beeindrucken, sondern nur eine Tonne zu verwenden, dafür aber mit Vögeln, Gewild und wunderbaren Tieren über die schon vorhandenen Gefäße und Gerätschaften im Palast der Königstochter hinauszugehen und so zur Inspiration von Neuem zu werden. 

Ein Mann, der das Herz einer Frau erreichen will, die in sich selbst und in ihren Sternen zuhause ist, das weiß Johannes intuitiv, muss göttliche Inspiration bringen, sonst wird er gar nicht erst vorgelassen. Was soll sie sich mit langweiligem Tand abgeben, wo sie gar nichts braucht, keinerlei Bedürfnis hat, von nichts abhängig ist? Sie wählt höchstens aus Vergnügen und ihre Wahl wird immer eine Präferenz sein, aber nie eine Notwendigkeit. Diesen Hintergrund begreift auch der junge König intuitiv und darum häuft er nicht einfach die Schätze seiner Schatzkammern zusammen, sondern:

Mit den herrlichsten Dingen hat man eventuell eine Chance, die Aufmerksamkeit der Dame zu erlangen, denn im Bild der Herrlichkeit steckt der schöpferische Funke der göttlichen Inspiration, die vielleicht zu überraschen vermag, so dass die Königstochter entscheiden könnte, dass es sich für sie lohnt, ihre wertvolle Zeit zu opfern. Die Zeit ist für die Königstochter natürlich nicht knapp, sie lebt, dem Golde nach, ja außerhalb der Limitationen durch Raum und Zeit, sondern sie ist ihr unendlich wertvoll und teuer, weil sie, dem Golde nach, voller Schönheit ist. Darum tauscht sie sie nur ungern, und wenn, dann nur gegen eine Zeit, die ihr eine andere, noch unbekannte Schönheit bietet. Ansonsten aber bleibt sie auch gerne – und vielleicht sogar noch lieber – allein und für sich.

Einen neuen, frischen Himmel aufspannen

Um diesem Verständnis der nun also ebenfalls hochsensiblen Königstochter Rechnung zu tragen, weist der treue Johannes den König an, sich als Kaufmann auszugeben und mit seinem Schiff einen neuen Raum aufzuspannen, quasi einen neuen, frischen Himmel für die Königstochter.

Johannes wählt dann gezielt einige Kostproben des goldenen Geistes seines Herrn aus, um sie der Königstochter zu zeigen und sie neugierig zu machen. Was die Königstochter dann auch tatsächlich begeistert, ist nicht der Wert des Materials, sondern die Schönheit der Gestaltung: 

Der Köder funktioniert und Johannes holt ihn vorsichtig ein, ohne zu drängen, ohne überzeugen oder überreden zu wollen:

Der kluge Fuchs (hier in völlig positiver Konnotation) spricht noch davon, dass der Inhalt des Schiffsraums nicht in die Räume des Palastes passe, dass es also keine Überschneidung der Rauminhalte gebe, sondern dass die Schätze alle Erwartungen würden übertreffen können, und dass das, was der Prinzessin geboten würde den bisher bekannten Raum übersteigen würde: 

Und er hat wiederum Erfolg mit dieser Verheißung, dass die Königstochter jemanden treffen könnte, dessen Horizont noch weiter ist als ihr eigener und der sie darum zu inspirieren und ihren Horizont zu erweitern vermögen könnte: 

Vollkommenheit

Von Angesicht zu Angesicht jetzt bestätigt sich, was bisher nur spekuliert und erahnt werden konnte: die Vollkommenheit dieser Königstochter:

Nun, Abbilder aller Art haben ihre Grenzen und stellen, wie von Renée Magritte an den Pranger gestellt, nie die Wirklichkeit dar. Die Grenzen der Abbildungen liegen an den Grenzen des Abbildenden. Es zeigt sich hier also, dass der Geist des Königssohns so hoch ist, dass er mehr an Schönheit noch wahrzunehmen vermag als einst der Künstler. Wobei nicht auszuschließen ist, dass die Königstochter sich auch einfach weiterentwickelt haben könnte und daher gegenüber der viele Jahre alten Abbildung noch schöner geworden sein mag.

Jetzt geschieht eine Wendung im Märchen, die anmutet wie ein Schurkenstück, ausgeführt von dem treuen Johannes, dessen Treue seinem Herrn gilt. Oder gilt sie einer höheren Macht? Gilt sie dem Prinzip der notwendigen Verbindung alles Weiblichen und Männlichen, aller polaren Kräfte, der Verbindung von Künstlerschaft und Schöpferkraft und dass die Göttlichkeit sich trotz aller Vollkommenheit und Ganzheit eines Individuums, trotz aller Meisterschaft und Liebe und innerem Gehaltensein, was sich in goldener Schönheit manifestiert, dass die Göttlichkeit sich einzig und allein im schöpferischen Funken selbst zur Welt bringt, jenem Funken, der in der Verbindung der gegensätzlichen Prinzipien entsteht, von denen außer in Gott selbst, in der Welt der Relativität immer noch eine Trennung besteht? Selbst wenn die Prinzipien Yin und Yang im Individuum vereint sind, was sich im unermesslichen Reichtum und einem Leben unter goldenem Dache zeigt, bleibt stets dennoch die Dominanz eines Teils der Polarität, der Anima oder des Animus, der sich mit der gegensätzlichen Dominanz eines anderen Individuums wieder verbinden kann und muss und will zu noch mächtigerer Schöpferkraft. So bleibt die polare Anziehungskraft bestehen, die allerdings kein Vergleich mehr ist zum dualistischen Getriebensein. Die polare Anziehung gleicht jenem einladenden Tanz, den der treue Johannes für die Königstochter aufgeführt hat und den der König nun vollendet. Die polare Anziehung setzt ganz auf das Licht der Inspiration, während die Dualität motiviert ist von Gier und ihrerseits im Drängen und Manipulieren zu motivieren statt zu inspirieren versucht. Vielleicht war der Diener von der Idee vollkommener Vereinigung ereilt worden, wenn er nun den Befehl gibt: 

Inspiration

Im Innern des Schiffes findet zur gleichen Zeit hingebungsvolle Inspiration statt und auf diesem Weg, indem das göttliche Werk präsentiert und angenommen wird, werden alle Grenzen überwunden. Das ist Transzendenz: 

Trotz aller Hingabe, um die es im sechsten Dreieck ebenfalls geht, die sich verpflichtende Hingabe an einen gemeinsamen Wert, braucht es, wie sich zeigt, dennoch Ebenbürtigkeit der Partner. Die Königstochter dankt dem Kaufmann dafür, dass er sie habe an seinem Reichtum teilhaben und sie habe Neues erfahren lassen. Danach aber verlangt sie zu gehen. Es ist die geistige Differenz, die sie im unterschiedlich gesellschaftlichen Stand vermutet, die sie trennt. Sie vermutet in dem Kaufmann einen Künstler, der zu seiner eigenen Bereicherung erschafft, nicht jemanden, der seine Schöpferkraft (Yang) um der Kunst (Yin) Willen verwirklicht. Hier zeigt sich ihre eigene Angst vor Verletzung, der sie mit der Flucht in den Passivpol begegnet, wobei ihre Argumentation zunächst dem Hochmut im Aktivpol entspringt. 

Glücklicherweise hat der Königssohn Ebenbürtigkeit durchaus zu bieten, so dass die Königstochter sich beruhigen und wieder sicher fühlen kann:

Wir lieben, was uns liebt, wenn es wahre Liebe ist. Wir nehmen die Offenbarungen eines anderen mit offenem Geist an, wenn sie das wahre Selbst offenbaren. Unter Ebenbürtigkeit und wahrer Liebe kann die Königstochter sich mit dem König verbinden. Sie muss dazu nicht von ihrem goldenen Dach herabsteigen, sondern verbindet sich auf gleicher Ebene, verbindet ihre Liebe mit der des Anderen, ihre Macht mit der anderen Macht. 

Inspiration muss eine gegenseitige sein, damit nicht nur ein dargebotener Resonanzraum ausgenutzt und missbraucht wird. Diese Gegenseitigkeit hat in der Offenbarung des Königs und in der Annahme der Offenbarung durch die Prinzessin stattgefunden.

Dunkle Mächte

Nun nimmt das Märchen keineswegs, wie man erwarten würde, sein (gutes) Ende. Stattdessen tritt jene weitere Wende ein, von der der alte König zu Beginn des Märchens gesprochen hatte, die eigentliche Gefahr, vor der er seinen Sohn hatte bewahren wollen. Immer, wenn ein neues Licht in die Welt hinein will, vor allem, wenn es eines ist, das eine hohe Macht und Kraft an Gutem, Schönem und an Wahrheit mit sich führt, sind dunkle Kräfte nicht fern (die Stiefmütter, die tapferen Schneiderlein, die Froschkönige, die Eisenofenprinzen, die diebischen Zwerge, die Turmzauberinnen und verwünschenden Hexen…), die die Geburt des Lichts noch zu verhindern suchen. Licht würde immer ihre Pläne vereiteln, die Menschheit (oder die Vertreter ihrer Gegenpole) in Angst, Abhängigkeit und Sklaverei zu halten und ihre eigenen niederen Energien von den Gegenpolkonflikten nähren zu lassen. Das tapfere Schneiderlein braucht ein selbsterklärtes Aschenputtel, um existieren zu können. Ein/e Froschkönig/in muss einem/r Eisenofenprinzen/-prinzessin hinterherhüpfen können. Wie sollten wir andere noch in unsere Drehbücher hineinschreiben, wenn alle Menschen frei wären? 

Der alte König hatte Johannes gebeten, er möge seinen Sohn vor genau diesen Gefahren behüten, in die der Blick hinter den Schleier und das Erkennen von bedingungsloser Liebe ihn stürzen müsse.

Das Besondere an dem treuen Johannes, so zeigt es sich jetzt, ist, dass er offenbar ebenfalls eine starke Verbindung zur Transzendenz hat und vermutlich seine Treue genau auf seinem Vertrauen in die Transzendenz basiert. Er hat nicht nur intuitive Fähigkeiten, sondern er scheint ganz den Archetyp des Magiers zu verkörpern. Darin erweist er sich als die sechste Figur in unserer Märchenversammlung, die selbst keiner Transformation bedarf, aber anderen bei ihrer Transformation beisteht. Er verfügt über jedes Maß an Medialität, um sich über die verschiedenen Kanäle von Instinkt, Empathie, Intuition und Inspiration bis zur Telepathie mit Menschen und Tieren seiner Umgebung zu verbinden und diejenigen Informationen zu erhalten, die er benötigt, um wiederum dem ihm anvertrauten jungen König Sicherheit zu verschaffen. Jetzt gerade lauscht er drei Raben, Geschöpfen der Weisheit und Boten der kosmischen Intelligenz, die womöglich geradewegs beabsichtigen, von Johannes in seiner Treue belauscht zu werden. Sie fungieren als Propheten und bereiten Johannes auf die Herausforderungen vor, die bereits am Horizont aufziehen und das Königspaar noch bedrohen, bevor es zu einem glücklichen Ende kommen kann. Die drei Raben benennen, ganz Ratgeber der Lüfte, nicht nur die potenziellen Katastrophen, sondern auch die Mittel und Wege, sie zu verhindern. Genau dazu ist die Meditation gut, die der treue Johannes so perfekt beherrscht. Es ist das lauschende Sichverbinden mit den höheren Mächten, worin auch immer die höheren Mächte bestehen und was auch immer sich das Individuum darunter vorstellt: eine kosmische Intelligenz schlechthin, die eigene Seelenfamilie, ein Geistführer, ein innerer Lehrer, ein Krafttier, ein Engel oder eben die Weisheit der Liebe hellhörend oder hellwissend im eigenen Innern vernommen. Für Johannes sind die Raben Boten und Medium, wie es für uns die Märchen sind. 

Das Dilemma der Magie

Im Lauschen gegenüber diesen Botschaftern der kosmischen Weisheit vernimmt er Rat und Hilfe, die er unbedingt braucht, um seine Treue wirksam werden zu lassen und seinen König vollends zu unterstützen, damit die Geschichte ein gutes Ende nehmen kann. In diesem Rat, den Johannes empfängt, sind zugleich Prüfungen an ihn selbst und an seine Integrität enthalten. Seine Medialität darf nicht seiner Selbstgefälligkeit und seiner Eitelkeit unterliegen, nur dann kann er sich als wahrer Magier erweisen. Über Art und Sinn der Rettungsmaßnahmen und auch über ihre Quelle muss geschwiegen werden. Die Rettungsmöglichkeiten dürfen dem König nicht benannt werden. Es darf keine Belehrung, keine Anleitung, kein Missionieren geben, sondern es muss ein aktives Nicht-Tun erfolgen, das den König und seine Braut vor dem Unheil bewahrt. Gerade weil die Rettungsmaßnahmen aber in ihrer Durchführung kompromittierend sein werden besonders die letzte, würde Johannes umsomehr seine Treue beweisen, falls er es schafft, ohne auf seinen Ruf zu achten, einzuschreiten, aber über sein Tun zu schweigen, statt sich zu erklären, zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Ging es bisher im Kontext des sechsten Dreiecks um die sich verpflichtende Hingabe an eine (höhere) Sache, die man um ihrer selbst willen liebt – zu lieben, um zu lieben – wechselt es nun zu einem weiteren Aspekt, der den Märcheneingang erweitert: Sicherheit wird nicht erlangt durch Deprivation, sondern durch Vertrauen in das kosmische Gehaltensein. Die Generationen früherer Märchenerzähler nannten es Gottvertrauen (“fromm und gut”). Dieses Gehaltensein wird im sechsten Dreieck erfahrbar, auch wenn es nicht erklärbar ist und es in der Regel auch nicht vorgesehen ist, dass man von dem Wunder dahinter erfährt. Der Archetypus des Magiers weiß dann zwar Bescheid, er hat ja den Raben (oder einem anderen Medium) zugehört, aber es ist nicht Sache des Herrschers, die Geheimnisse des Magiers explizit zu kennen. Er hat andere Aufgaben mit anderen Anforderungen, die er umso besser erfüllen kann, je integrierter der Magier in ihm ist, je selbstverständlicher er sich auf ihn verlässt, je sicherer er sich in dessen Händen fühlt. Deshalb muss Rumpelstilzchen verschwinden, sobald die Kunst der Alchemie der Müllerstochter bzw. der Königin zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Das Dilemma des sechsten Dreiecks am Ende des Gesprächs der Raben bezieht sich auf die Handlungsmöglichkeiten, die Johannes hat: Er kann sein Wissen entweder verschweigen, dann würde das Unglück für den König notwendig eintreten. Oder er kann sein Wissen mit dem König teilen, dann würde ihn selbst das Unglück ereilen. In der Praxis würde die Belehrung durch den Diener nämlich als Hochmut ausgelegt werden, zumal er seine Behauptungen nicht belegen könnte. Er würde zwar versuchen, den König vor Verletzung und Schaden zu bewahren, das aber, indem er sich über ihn stellen und ihn bevormunden müsste. Es könnte ihm sogar als Fanatismus ausgelegt werden, wenn er auf seinen Behauptungen bestehen, sogar in den Kampf ziehen würde, während niemand nachvollziehen kann, worum es bei diesem Kampf geht. Es geht in diesem Dreieck also nicht darum, zu sprechen, sich zu ereifern oder zu missionieren. Das Mittel der Wahl ist es, in seiner Hingabe zu bleiben, Vorbild zu sein in der Verwirklichung der humanistischen Werte und das ist in Johannes Fall die Verwirklichung des Einstellungswertes der Empathie im schöpferischen Wert der Treue:

Die Treue des Johannes

Als das Schiff anlegt, geschehen die Dinge so, wie die Raben sie prophezeit hatten: Der feurige Hengst, der den Bräutigam entführen würde, das vergiftete Brauthemd, die unerklärliche Ohnmacht der Braut beim Brauttanz. Der getreue Johannes bleibt sich und seinem Entschluss treu und bewahrt den König konsequent vor jeglichem Schaden, indem er sich selbst in die Waagschale wirft. Er schweigt über seine Inspiration, um die Mission nicht zu gefährden. Als man versucht, ihn vor dem König zu verunglimpfen und Zweifel und Zwietracht in der Beziehung zwischen dem König und seinem Diener zu säen, beweist der König seinerseits Loyalität und Vertrauen. Er bleibt also ebenfalls bei sich, auch wenn ihm das Geschehen momentan noch gänzlich unverständlich erscheint. Sein Urteilsvermögen aber basiert auf seiner Erfahrung mit Johannes, die sich dem jungen Herrscher gemäß und der Königstochter würdig, in Weisheit verwandelt: 

Wer weiß, wozu das gut ist. Mehr Vertrauen in eine höhere Macht wie auch in einen Getreuen kann nicht erbracht werden. Allerdings besteht die Prüfung hier für beide, den Magier und den Herrscher. Während der Magier seine Prüfung zunächst besteht, drei Mal seiner sich auferlegten Verpflichtung nachkommt, ohne sich zu offenbaren, hält der Herrscher der Prüfung nur zwei Mal stand. Beim dritten Mal sieht er seine Autonomie verletzt, als er abermals nicht versteht, weshalb Johannes handelt, wie er handelt, während er diesmal aber der Braut übermäßig nahe gekommen ist und sie scheinbar selbst verletzt, indem er ihr drei Blutstropfen aus ihrer rechten Brust zieht und ausspuckt. Über das Unverständnis und die empfundene Grenzüberschreitung gleitet der König ab in den Schattenpol des Tyrannen (7. Dreieck) oder des Racheengels (6. Dreieck). Er lässt Johannes ins Gefängnis werfen und zum Tode verurteilen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als meistere Johannes diese weitere Prüfung nicht mehr, indem er das Privileg der letzten Aussprache eines zum Tode Verurteilten nutzt, um sich dem König gegenüber doch noch zu erklären. 

Zu “das alles”, was der getreue Johannes hatte tun müssen, gehört auch, was er als letztes tut: sich zu opfern. Auf manifester Ebene würde er mit der Aussprache seine Begnadigung bewirken, würde damit auf spiritueller Ebene aber den König unerlöst lassen. Aufgrund einer klaren Information zu begnadigen ist nicht das Gleiche wie aus vollem Urvertrauen heraus gerecht zu handeln. Das Abbild und Vorbild der Königstochter vom goldenen Dache aber spricht von diesem Verbundensein mit den höheren Mächten, das auch der König, will der seiner Gemahlin ebenbürtig und ein guter und gerechter Herrscher sein, erreichen muss. Würde er den Diener hinrichten, bekäme er keine Gelegenheit mehr, in sein Vertrauen hineinzufinden. 

Es sieht so aus, als würde Johannes als Konsequenz für seinen Hochmut, sich eben doch verteidigen zu wollen, in den anderen extremen Pol, der Deprivation von allem Leben verfallen: Er wird zu Stein. Dem Bibelgleichnis ähnlich, in dem Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, als sie sich Gottes Verbot widersetzt und sich nach der zerstörten Stadt Sodom umdreht, erstarrt auch Johannes, als er sich dem Verbot widersetzt, die Magie zu offenbaren. Im Bibelgleichnis soll Lots Frau die alte Welt loslassen, um die neue Welt zu erreichen, schafft es aber nicht. Johannes aber hat die andere Welt bereits erreicht und steht mit ihr in Verbindung. Indem er nun festhält, verlässt er die Welt, in der ihm das Vertrauen entzogen wird, und er wusste, dass diese Versteinerung geschehen würde. Indem der Diener sich aber aus eigenem Antrieb zu Stein verwandeln lässt, besteht die Chance auf Erlösung für den König weiterhin. Im weiteren Märchengeschehen, das erst durch die scheinbare Zuwiderhandlung des Johannes herbeigeführt wird, erhält der König eine weitere Chance, in sein Vertrauen hineinzufinden und sich stabil und sicher darin zu verankern.

Vertrauen und Prüfung

Wie schon im Rapunzel-Märchen, in dem zwei erleuchtete Herrscher sich miteinander verbinden, bringt auch dieses Königspaar Zwillinge zur Welt. Der literarischen Symbolik nach stehen Zwillinge für die Komplementarität, Harmonie und Vollendung, für die Beziehung zwischen Immanenz (dem In-der-Weltsein) und Transzendenz (dem Überschreiten der formgebundenen Welt), aber auch für die Identitätskrise (vgl. G. Butzer und J. Jacob: “Metzler Lexikon literarischer Symbole”). Das astrologische Zwillingssymbol stilisiert außerdem die Zahl zwei als römische Ziffer und damit die Weggabelung und Verzweigung. Zwei Möglichkeiten und Richtungen tun sich auf. Den richtigen Weg kann nur derjenige wählen, der sich seines inneren Seelenplans bewusst ist. An dieser Stelle steht der König: Vollendung und Harmonie sind nun möglich, wenn er die richtige Entscheidung trifft. 

Nun wird das Vertrauen des Königs und der Königin noch einmal biblisch geprüft. Wie in der Erzählung des Alten Testaments, in der Abraham von Gott aufgefordert wird, seinen Sohn Isaak zu opfern, fordert der als versteinerte Statue im Gemach des Königs stehende treue Johannes den König auf, zur Erlösung des Dieners seine Kinder zu opfern. 

In der jüdischen Tradition wurde das Opfer, das Abraham zu erbringen bereit war, als Bindung an Gott gedeutet. Hier muss es als Vertrauen in die Transzendenz oder in das Absolute oder ebenfalls in Gott oder die Liebe gedeutet werden. Um das innere Verbundensein mit einer höheren Macht geht es hier im Märchen wie im Bibelgleichnis, wenn Johannes präzise Anweisungen gibt, wie mit den Kindern zu verfahren ist, um den Treuebruch durch den König auszugleichen und Johannes durch den unbedingten Beweis von Vertrauen ins Leben zurück zu holen. Johannes war immerhin Christus gleich für den König gestorben. Allerdings geht es hier auch um die spirituelle Entwicklung und um die Überwindung der Angst vor Verletzung der seelischen Integrität. Während Christus Auferstehung den christlichen Glauben an die Allmacht Gottes begründet, vollbringt der getreue Johannes das Wunder der Auferstehung an sich selbst und an den geopferten Kindern und begründet so das eben gleiche Vertrauen in die Macht und Weisheit der Liebe. Alle drei Auferstandenen erhalten allerdings, wie Lazarus durch Jesus, ihren alten Körper zurück, um in der Welt weiterzuleben. Sie werden also nicht, wie Christus, der einen transzendenten Körper erhält, gottgleich, sondern erweisen sich als ein individuierter Teil von Gott oder ein Teil des Lichts. Es wird der Wert ihres Menschseins als Teil der Göttlichkeit bestätigt, während alle Beteiligten zugleich berufen werden, ihrer Teilhabe am Licht zu vertrauen und sie zu verwirklichen.

Die Königin wird vom König nun ebenfalls geprüft, aber für sie bleibt es bei der hypothetischen Idee, der die Königin gedanklich zustimmen soll. Da die Königin dem König von Anfang an ein Vorbild an transzendentem Vertrauen geliefert hatte, denkt die Königin selbstverständlich wie der König und erklärt sich bereit, die Verantwortung für die Geschehnisse zu übernehmen und sich der höheren Macht zu übergeben. Sie würde die Kinder ebenfalls opfern, wenn sie Johannes dadurch dessen Treue vergelten könnte. Ein wahrer Herrscher ist der, der Fehler eingestehen kann und nach Kräften für ihre Wiedergutmachung sorgt. 

Indem der König Johannes nun durch eigene Kraft ins Leben zurückgeholt hat, hat er den Archetypus des Magiers, der von Johannes repräsentiert worden war, in sein eigenes Leben vollständig integriert. Er wird dem Herrscher von nun an ganz im Vertrauen und sehr selbstverständlich zur Seite stehen. Der Schatten der Angst ist überwunden. Weise Herrscher fürchten sich nicht vor der Transzendenz, sondern lassen sich von ihren (inneren) Magiern beraten und leiten. Das tun sie ganz ohne Hokuspokus, sondern in unaufgeregter Souveränität, indem über die Quelle ihrer Weisheit nicht explizit gesprochen werden muss (und sogar darf). Man stelle sich einen Herrscher in einer dunklen Hexenküche über dampfendem Gebräu magische Sprüche schwadronierend vor! Für den treuen Johannes aber, den Archetypus des Magiers, ist es essenziell wichtig, dass sein Herrscher ihm vertraut, denn Treue und Vertrauen bilden über das Herz eine lebensnotwendige Interdependenz. Der treue Johannes, der nun für die spirituellen Kräfte steht, kann seiner Essenz nach nur wirksam werden, wenn man seinen Fähigkeiten vertraut. Der Herrscher kann wiederum von der Treue nur profitieren, indem er der Medialität seines Magiers (also seiner Intuition, dem inneren Magier) ebendieses Vertrauen schenkt. Nur dann kann er Führung, Heilkraft, Meisterschaft, Telepathie und Manifestationskraft als persönliches Charisma erfahren und dieses Charisma in seiner dienenden Aufgabe als Herrscher verwirklichen. Der treue Johannes wurde also zur dienenden alchemistischen Kunst im Innern des Königs, jener Kunst, die die intuitive Veredelung einem Volk gegenüber in voller Freiheit ausübt. Dazu war es notwendig, dass der König in sein Urvertrauen hineingefunden hat, jederzeit von guten Mächten geführt zu sein, einfach aus seiner Teilhabe als Licht am Licht heraus.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein