loading please wait..

Nummer 17: König Drosselbart

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im sechsten Dreieck 
zum Thema Transzendenz und Transformation

.
Hochmut kommt vor dem Fall

Das ist der Beginn dieses Märchens, das nicht nur eine sensible Problematik sensibel erzählt, sondern auch dem Dreieck der Hochsensibilität zugeordnet werden kann, dem sechsten Dreieck also, und zwar dem Aktivpol dieses Dreiecks. Der Aktivpol beherbergt mit dem Hochmut die Kompensationsstrategie gegenüber der Angst vor Verletzungen an der seelischen Integrität. In diesem ersten Satz sind, wie meistens in den ersten Märchensätzen, alle relevanten Informationen enthalten: Die Königstochter, um die es hier geht, erliegt keineswegs einer Illusion über das Ausmaß ihrer Schönheit. Sie ist schön und ihre Schönheit ist zweifelsfrei anerkannt. Äußere Schönheit im Märchen spricht immer von innerer Schönheit, die ihrerseits allerdings nicht immer ins Bewusstsein des Schönheitsträgers integriert sein muss, weshalb es auch zu bösartigem Verhalten trotz äußerer Schönheit kommen kann. Gerade zu Beginn des Märchens liegt die innere Schönheit oft als Schatten im Unbewussten vergraben, vielleicht verdrängt oder bisher noch nicht entdeckt, weil die einzelnen Persönlichkeitsanteile noch nicht integriert sind, sondern per Projektion auf die verschiedenen Figuren im Außen aufgeteilt erscheinen: Die böse Stiefmutter, der gute König, das arme Stiefkind, die weise Fee, der starke Prinz. Genau so verhält es sich mit dieser Königstochter hier. Ihre Schwäche besteht darin, dass sie sich selbst dieser Schönheit und ihres Selbstwertes nicht sicher ist, dass sie also an sich selbst zweifeln, was sich in Zweifeln an Anderen ausdrückt. Die äußerlich wahrnehmbare Schönheit ist bisher nicht nach innen genommen und als wesentlicher Bestandteil der eigenen Persönlichkeit erkannt worden. Die Königstochter zweifelt an sich selbst, und worauf sich ihr Zweifel richtet, wird im Märchenanfang ebenfalls benannt. Sie hat Angst, nicht gut genug zu sein und projiziert diese Angst auf ihre Bewerber, von denen keiner ihr gut genug ist. Allerdings handelt das Märchen nicht allein von der Angst vor der Wertlosigkeit, wie es die Märchen Das Aschenputtel, Das tapfere Schneiderlein und Schneeweißchen und Rosenrot tun, sondern es handelt von der Angst vor Verletzung der seelischen Integrität aufgrund der Selbstwertunsicherheit. Für diese seelische Integrität haben nur sehr sensible Menschen, eben solche, die die Schwingung ihrer Seele bereits wahrnehmen, überhaupt ein Gespür und können deshalb auf Basis einer Grundangst die weitere Angst vor der Verletzung dieser Integrität entwickeln. Sie fürchten zum Beispiel nicht nur, im Leben anderer Menschen nicht wertvoll zu sein, was bereits eine der schmerzvollsten Urängste ist, sondern sie fürchten zusätzlich, dass die angenommene Wertlosigkeit ihre seelische Präsenz auf der Erde überflüssig machen könnte. Sie fürchten also nicht nur existenziell wertlos und überflüssig zu sein, sondern auch essenziell. Damit müssen sie den Wert ihres Menschseins, ihres Inkarniertseins in Frage stellen und anzweifeln. Es gibt vielleicht kaum einen größeren Schmerz und eine daraus resultierende größere Sehnsucht nach dem jenseitigen Zuhause, das hochsensible Menschen in sich fühlen. So verhält es sich für das Gemüt der Königstochter. Die Königstochter fürchtet für ihre Wertlosigkeitsempfindungen seelisch verletzt zu werden, indem andere diese vermutete Wertlosigkeit bestätigen könnten. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, verletzt sie andere zuerst. Sie erklärt andere zuerst für wertlos und überflüssig, bevor sie es tun können. Auf dieser Motivation basiert ihr Spott und ihr Hochmut. Im Märchen werden die Begriffe Übermut und Hochmut synonym verwendet, auch wenn er aktuelle Sprachgebrauch unter Übermut ein eher schalkhaftes und tollkühnes Verhalten verstehen würde. Hochmut ist also, nochmal zusammengefasst, der aktivische Kompensationsversuch gegenüber der Angst, von anderen auf seelisch erschütternde Art verletzt zu werden.

Niemand ist gut genug

Bei einer Bräutigamsschau, die der König für seine Tochter veranstaltet, kommt es zum Höhepunkt ihrer hochmütigen Verhaltensweise. Die Königstochter hat an jedem Freier etwas auszusetzen. Es sind alles Attribute, die die arme Königstochter insgeheim an sich selbst aussetzt, selbst wenn ihre äußerlich sichtbare Schönheit über jeden Zweifel erhaben scheinen mag. Über ihren eigenen Zweifel an sich selbst ist sie es nicht. Das aber bemerkt kein Außenstehender, der lediglich von ihrem Spott getroffen wird.

Was mag sie selbst erfahren haben oder wie mag sie ihr Umfeld reden gehört haben, dass sie nun meint, nur absolute Untadeligkeit und Vollkommenheit akzeptieren zu dürfen?

Der gute König

Die titelgebende Figur, König Drosselbart, wird als „guter König“ eingeführt. Bei allem, was anschließend geschieht, möge der/die Märchenhörer/in oder -leser/in die Beigabe im Kopf oder besser im Herzen bewahren.

Seine Positionierung im Raum, ganz oben stehend, dürfte kein Zufall sein. König Drosselbart wird sich als kühn und mutig erweisen und darin als großherziger und heilender Gegenpart zu dem Schmerz, von dem die Königstochter bewusst noch gar nicht ahnt, dass er sie plagt, während sie ihn auf ihre Umwelt projiziert. Es ist der Schmerz, nichts Rechtes zu taugen, vielleicht zu nichts zu gebrauchen zu sein, keinen absoluten Wert zu haben, den König Drosselbart als ein quasi spiritueller, dabei aber höchst irdischer Helfer ihr zu ihrer Heilung in den Raum bringen wird. Das Leben führt uns die Manifestation unserer Urängste oft in Form von unangenehmen Menschen zu, damit wir diese Urängste (nicht die Menschen) überwinden und auf diese Art heilen können. Die Emanzipation findet von den Ängsten und Mustern statt, nicht von den Mitmenschen, weshalb es “die Emanzipation der Frau vom Mann” nicht gibt. Die Frau emanzipiert sich von ihrem Elternhaus und von ihren Kindheitsmustern und vielleicht von ihrer Abhängigkeit vom Mann, aber sie emanzipiert sich nicht vom Mann an sich. Das ist keineswegs angenehm zu erleben, wie auch die Königstochter erfahren muss. Wenn wir uns aber der inneren Transformation gegenüber öffnen, werden diese unangenehmen Begebenheiten zu Wachstumspforten für unsere Selbstevolution. Am Ende steht die wahre Schönheit und das Stroh, das zu Gold wurde.

König Drosselbart transformiert die zornige Drohung des Vaters, die Tochter solle den erstbesten Bettler heiraten, der vor seine Türe käme, in ein Heilprojekt, das der Emanzipation von der Angst dienen kann, wenn die Königstochter sich darauf einlässt und sich für ihre Transformation öffnen kann. Ihre Aufgabe wird es sein, durch den Schmerz hindurchzugehen, um so auf den Grund ihrer Wahrheit zu gelangen, der pure Liebe ist. Der gute König ist der einzige, der diese Wahrheit bereits erkannt hat und der ebenfalls den Schmerz erkennt, der die Wahrheit bisher verstellt. König Drosselbart ist damit einen Schritt weiter als die Müllerstochter im Märchen Rumpelstilzchen. Er weiß, wie man Stroh in Gold verwandelt. Dass ein Helfer sich seiner Funktion und seiner zweifachen Sichtweise bewusst ist, nämlich die Wahrheit und den Staub auf der Wahrheit zu sehen, begegnet uns im Leben sehr selten. Normalerweise begegnen uns ihrer selbst unbewusste Helfer, die auf ihre unbewusste Art zwar auch helfen, Stroh in Gold zu verwandeln, ohne aber, dass sie wüssten, was sie tun. Die Königstochter hat mit König Drosselbart das Glück, einen Helfer der ersten Kategorie zu treffen. Der Vater ist vermutlich ein Helfer der zweiten Kategorie. Ob er in den Plan eingeweiht ist oder lediglich auf die Resonanz der Königstochter reagiert und seinen Zorn in drakonischer Manier ausführt, auf ihre Selbstüberhöhung also einfach nur automatisch mit Bestrafung und Erniedrigung reagiert, wird im Laufe des Märchens nicht offenbart. Wir müssen also davon ausgehen, dass er seine Tochter tatsächlich einem bettelarmen Spielmann zur Frau gibt, und zwar zur Strafe und mit allen Konsequenzen der Herabwürdigung.

Bestätigung der Angst

Was die Königstochter nun erfährt, ist, dass ihr persönlicher Wert mit ihrem veränderten Status sofort verlorengeht. Ihre größte Angst, nicht um ihrer selbst, also ihrer Essenz Willen anerkannt, geliebt und für Wert erachtet zu werden und in Glanz und Pracht leben zu dürfen, hat sich erfüllt. Ihr Wert war offenbar nur relativ an ihren Status und an ihre Existenz gebunden, die sich als höchst instabil erweist. Als Königstochter darf sie am Hof des Vaters leben. Als Spielmannsfrau darf sie es nicht, obwohl sie der gleiche Mensch geblieben ist. Als Mensch also scheint sie keinen absoluten, sondern lediglich relativen Wert zu haben. Ihr Urvertrauen in die Absolutheit ihres Wertes wird nicht hier an dieser Stelle erschüttert, sondern die  Erkenntnis ist eine Konsequenz, man könnte sagen, die Manifestation, ihrer geheimen Gedanken und ihres fehlenden Urvertrauens. Dieses fehlende Urvertrauen ist seinerseits allerdings eine Konsequenz aus ihrer Sozialisierung. Niemand hat sich offenbar die Mühe gemacht, das Stroh in Gold zu verwandeln und die Königstochter über den humanistischen Wert ihres Menschseins aufzuklären. Am Hof wird es, wie überwiegend in der Welt, zum üblichen Ton gehören, den Wert eines Menschen an seinem sozialen und materiellen Status festzumachen statt an seiner Fähigkeit, sich selbst, seine Werte und die Liebe, die er in Wahrheit ist, zu verwirklichen.

Auf der Wanderung potenziert sich ihre Erfahrung in Sachen Wertverlust dann noch weiter. Der Spielmann präsentiert seiner frisch angetrauten Ehefrau allerlei Ländereien und deklariert sie ihr als im Besitz des von ihr verschmähten König Drosselbarts liegend. Worauf sie mit tiefem Selbstmitleid reagiert.

Rollenkonflikte

Das neue Leben, das die ehemalige Königstochter, jetzt Spielmannsgattin, in dem winzigen Haus zu führen hat, widerspricht nicht nur ihrer sensiblen Konstitution und allem, was sie am Hof gewohnt war, sondern auch ihrer Essenz. Sie kann sich in die neuen Tätigkeiten, die von ihr verlangt werden, mit ihrer gegebenen Konstitution nicht einfinden und erleidet sogar Verletzungen. Wiederum wird ihre Angst bedient und genährt. Auf physischer Ebene spiegelt die Verletzung ihrer weichen Finger die Verletzung ihrer zarten und sensiblen Psyche. Wem eine zugewiesene Rolle nicht liegt, der kann sie nicht ohne Selbstverletzung ausfüllen, indem er die ihm von seiner Seele geoffenbarte Rolle verleugnet. Das gesamte Setting des neuen Lebensentwurfs spricht, ja schreit von der der Selbstentfremdung der Königstochter, die ihre Königlichkeit nun nicht mehr verwirklichen kann.

So empathisch der Spielmann einerseits reagiert, indem er der jungen Ehefrau am Tag davor noch beim Feuermachen und bei der Essenszubereitung hilft, weil sie nichts vom Feuermachen und Kochen versteht, und indem er sich um eine Alternative zum Weidekorbflechten bemüht, als er sieht, dass sie nicht zurechtkommt, so provokativ ist seine Schlussfolgerung, in dem Augenblick, in dem auch der zweite Versuch scheitert, sich ein Einkommen zu verschaffen: 

Aus der Sicht der ehemaligen Königstochter werden ihre bisher uneingestandenen Selbstzweifel durch diese Provokation ans Licht geholt. Provokation dient somit, wenn sie respektvoll vorgetragen wird, dem Wachstum und der Emanzipation, indem blinde Flecke sichtbar gemacht werden. Jetzt tritt ein, wovor ihr Hochmut sie hätte bewahren sollen: Sie wird durch die Entwertung, die hier eine für sie nicht erkennbar intendierte Provokation ist, verletzt. Das Blut fließt immerhin wirklich und wird nicht zur bloßen Arbeitsverweigerung nur vorgegeben. Durch diese Provokation wird sie allerdings keineswegs aufgefordert, sich beweisen zu müssen, denn das Projekt Weidekorbflechten und Spinnen wird abgebrochen, sondern sie wird aufgefordert, sich ihres wahren Selbsts gewahr zu werden. Darum wird der Schauplatz verlagert und die Gelegenheit zur Selbstwahrnehmung auf neuer Bühne aktualisiert.

Die Angst vor der Verletzung wird allerdings auf dieser neuen Bühne zunächst noch potenziert, als der Spielmann die nächste Idee vorbringt, er wolle einen Handel mit Töpfen und Geschirr aufbauen und seine Frau möge sich auf den Markt setzen und die Ware verkaufen.

Selbsterfahrungen

Bei ihrem ersten Markttag macht die junge Spielmannsgattin, ehemalige Königstochter, eine interessante, ja potenziell heilsame Erfahrung. Niemand achtet auf ihren sozialen Stand und niemand will sie verletzen. Sie wird von absolut niemandem verspottet. Stattdessen gehen die Menschen mit ihrer Schönheit in Resonanz. Da sie nun keine prunkvollen Kleider mehr trägt, muss es ihre wahre, ihre innere Schönheit sein, die die Menschen zu Wertschätzung und Großherzigkeit inspiriert. Sie erfährt zum ersten Mal ihr wahres Selbst und ihren absoluten Wert als Mensch im Menschsein.

Dass der Marktverkauf beim zweiten Mal sabotiert wird und ein betrunkener Husar der Frau alle Ware zerstört, dient einzig und allein dem Forwärtskommen der Königstochter in ihrer Selbstevolution. Es ist nie vorgesehen gewesen, dass sie sich als erfolgreiche Marktfrau einrichtet. In dieser Rolle kann sie sich nicht als wahre Königin verwirklichen. Vielmehr ist vorgesehen, sie ihrem wahren Wesen näher kommen zu lassen. Das geschieht einerseits durch die Erfahrung dessen, was sie nicht ist (eine Marktfrau). Und andererseits geschieht es durch die in dieser unpassenden Erfahrung erhaltenen Selbstwertspiegelung (die Resonanz auf ihre Anmut). Geschätzt wird sie nicht für ihr Verkaufstalent, sondern für ihre Schönheit, nicht also für gewöhnliche Fähigkeiten, sondern für ihre Außergewöhnlichkeit und nicht für ihr Tun, sondern für ihr Sein. Die Sabotage der Zerstörung stellt lediglich den Abbruch des Projekts als Notwendigkeit hin, um den Schauplatz der Geschichte wiederum dorthin verlegen zu können, wo die nächste Stufe der Emanzipation angestrebt werden kann.

Emanzipation

Der Plan des Spielmanns alias König Drosselbarts, der seine eigenen Ressourcen (das Schloss) zur Heilung der Königstochter einsetzt, geht auf. Angesichts des Balls, der zu Ehren des ältesten Königssohns gegeben wird, erinnert die ehemalige Königstochter sich an ihre Herkunft und zwar an ihre wahre Herkunft. Das Anzünden der Lichter steht symbolisch für die Selbstbesinnung und das Erwachen der Königstochter. Sie integriert nun ihre Schattenaspekte Stolz und Hochmut, indem sie Verantwortung für die Konsequenzen dieser Angstmerkmale übernimmt:

Nicht äußeren Umständen schreibt sie die Schuld an ihrem Schicksal zu, sondern allein sich selbst macht sie verantwortlich. Sie empfindet auch nicht mehr das Selbstmitleid vom Anfang ihre Auszugs aus dem Schloss, sondern echtes Selbstmitgefühl. Zugleich ist sie nun aber auch in der Lage, die Schönheit der Anderen, deren Pracht und Herrlichkeit, anzuerkennen und gelten zu lassen, ohne sie bespötteln und herabsetzen zu müssen. Nun hat sie beinahe den vollen Zugang zur Schönheit ihrer eigenen Seele gefunden. Immerhin steht sie schon mit äußerer Pracht und Herrlichkeit in positiver, anerkennender statt in negativer, herablassender Resonanz.

Transzendenz

Ein letzter Eklat bringt ihr nun noch jenes Maß an Spott aus dem Außen ein, an dem die Königstochter ein für alle Mal erfahren und lernen kann, dass sie in der Lage ist, ihn zu überstehen und dass er ihr nichts anhaben kann. Ja, er findet statt in der Welt, der Spott, die Herabwürdigung und der Versuch, andere zu verletzen. Man entkommt ihm nur, indem man seinen inneren goldenen Raum aufsucht. Die Spielmannsfrau wird nun noch ein letztes Mal mit ihrer größten Angst konfrontiert, um sie endgültig überwinden zu können. Der älteste Königssohn, dessen Hochzeit hier gefeiert werden soll, ist ausgerechnet der abgewiesene König Drosselbart. Zielsicher will er mit der Küchenmagd tanzen. Im Text wird explizit auf die Schönheit der Magd hingewiesen, mit der der Königssohn in seiner eigenen Pracht in Resonanz geht.

König Drosselbart zieht die Küchenmagd in den Saal und über ihren Widerstand und ihr Sträuben fallen die Töpfchen mit der Almosensuppe zu Boden. Eine größere Schmach und Scham kann es wohl kaum geben. Und siehe da: Es ist zu überleben. Die Seele stirbt nicht, wenn sie ihren inneren goldenen Raum aufsuchen kann, der durch die Weisheit der Liebe inzwischen eingerichtet worden ist. So erlebt die Königstochter, dass ihre seelische Integrität unverletzbar ist.

Über die Scham des inneren Kindes hinweg stellt sich die vom guten König verkörperte Vernunft aus geistvoller Präsenz und konsequentem Abgrenzungsvermögen an die Seite der Königstochter und steht für sie ein. Er setzt sich für sie über das Wesen der Peinlichkeit hinweg und neutralisiert die Scham, indem er ihrer beider wahre Größe kommuniziert, damit die Größe der Königstochter aktiviert und das Herz der Königstochter erhebt.

Man könnte König Drosselbart als einen großen Heiler und Therapeuten ansehen, wenn er nicht schon König wäre. Obwohl die vordergründige Erklärung der Motivation dieser therapeutischen Intervention die ist, die Königstochter bestraft haben zu wollen, ist die Energie des Erzählten zu keiner Zeit eine strafende, sondern eine rein transformatorische. 

Die Rede passt eigentlich nicht zum Attribut, mit dem der Erzähler den König eingeführt hatte und ihn die Erzählung lang hat handeln lassen. Ein guter König straft nicht und ergeht sich nicht in kleinlichen Belehrungen und Maßregelungen. Stattdessen spricht der König auch hier freundlich und erklärt, dass die Dinge ihr zuliebe stattgefunden haben. Die Königstochter wird von dem Spielmann nicht gedemütigt und nicht misshandelt, wohl aber humanistisch gebildet, über den Wert ihre Menschseins unterrichtet und in ihrem Wachstum gefördert. „Dir zuliebe habe ich mich so verstellt“, sagt der König, und hat immerhin das elende Leben auch selbst auf sich genommen, um der Königstochter die notwendige Lektion zuteil werden zu lassen, mit der sie ihre Angst überwinden könne. Um welche Angst es hinter ihrer Angst vor Verletzung ging, die sie durch ihren Hochmut abzuwehren versuchte, wird nun noch explizit benannt, wo der Beginn des Märchens noch allein von der Projektion der Angst erzählt hatte.

Wir können das Bekenntnis zum Schluss unter die Yin-Qualität stellen, denn es ist nicht mehr der Selbstzweifel, sondern die aufrichtige, selbstreflexive Reue ihrem früheren Verhalten gegenüber, die hier ausgesprochen wird. König Drosselbart nimmt der Königstocher, nun ehemalige Spielmannsgattin und Magd und zukünftige Königin, jede Scham aus der Hand und erhebt sie auf ihren rechtmäßigen Stand:

Die rechte Freude ist die, die sich der eigenen inneren Schönheit gewahr und gewiss ist und die die Feinsinnigkeit ohne Angst vor Verletzung des zarten Gemüts und der seelischen Integrität ausleben kann. Es ist die Freude, die entsteht, wenn sich die Essenz ganz in die Existenz hinein verströmen kann und das Ego jenseits der Angst auf das ganze Seelenpotenzial an Schönheit zugreifen darf, so dass der Mensch die Welt mit diesem Potenzial bereichert und ihr dient auf den Ebenen von Liebe, Evolution und Frieden, gerade so, wie es König Drosselbart der Königstochter gegenüber getan hat. Das nämlich ist die eigentliche Rolle von Königinnen und Königen, einander und anderen in ihrer Bewusstseinsentwicklung hin zum wahren Menschsein zu dienen.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein