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Nummer 16: Rumpelstilzchen

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im sechsten Dreieck 
zum Thema Transzendenz und Transformation

Titelbild: Annette Greiner

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Das Wesen der Alchemie

Spricht die Konjunktion “aber” hier nicht von einem wahrhaft gelungenen Ausgleich der Gegensätze? Du kannst materiell arm sein, aber wenn du Eltern eines schönen Kindes bist (und auch eines schönen inneren Kindes!), bist du eigentlich nicht arm. Die Schönheit des Kindes mag für seine Klugheit stehen, für seine Freundlichkeit oder für seine innere Unabhängigkeit und Verbundenheit mit seinen Sternen, aber egal, wofür sie steht, wenn du als Eltern ihren Wert erkennst und anerkennst, macht diese Schönheit dich reich. Denn dann ist es so, dass du deine eigenen Talente und Werte in diesem Kind verwirklichen konntest, bewusst oder unbewusst, und zwar nicht, indem du das Kind zu deiner Projektionsfläche gemacht hast (dann würde es kein schönes Kind werden), sondern indem du deine Werte eingesetzt hast, um das Kind zur Freiheit zu erziehen. Nichts trägt mehr zu innerem Reichtum und Fülle bei als die Selbstverwirklichung, die einem anderen Menschen (oder sich selbst) zur Selbstevolution und damit zur Entfaltung der eigenen Schönheit und des eigenen Wertes verhilft. Hier würde – theoretisch – bereits zu Beginn des Märchens von der Alchemie gesprochen, der Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln, und damit würde vom grundlegenden Wert des Menschseins gesprochen, der Fähigkeit, durch eine humanistische Bildung (also dem Unterrichten über den Wert des Menschseins) aus einem Kind ein schönes Kind zu machen. Im Müller allerdings herrscht kein Bewusstsein für diesen humanistischen Wert vor und darum hat er einfach nur eine schöne Tochter, fühlt sich aber dennoch arm.

Dennoch liegt eine Ahnung in ihm.

Von Hochmut und von Illusionsbildung ist hier die Rede, nicht von der Selbstüberhöhung eines Tapferen Schneiderleins, aber auch nicht von der Anerkennung der Fähigkeiten der Tochter. Jedenfalls wird nicht etwas relativ Unbedeutendes aufgebauscht und überhöht, damit es zum eigenen Ansehen gereicht, sondern es wird etwas behauptet, was latent vorliegen mag, aber derzeit noch nicht verwirklicht ist, dessen wahres Wesen man auch noch gar nicht erfasst hat. Metaphorisch wird die schöne Tochter die Fähigkeit, aus Stroh Gold zu machen, schon gezeigt haben, vermutlich zeigt sie diese Gabe ständig. Ein Mensch, der metaphorisch Stroh zu Gold machen kann, ist einerseits mit den spirituellen alchemistischen Kräften vertraut und andererseits mit dem wahren Menschsein zutiefst verbunden. Es sind die humanistischen Werte und spirituellen oder charismatischen Fähigkeiten, die einen Menschen in die Lage versetzen, niedrige Schwingungen in eine hohe zu verwandeln und polare Kräfte fruchtbar zu machen. Im Märchen Frau Holle wurde mit dem Gold der heimkehrenden Tochter der Unterschied zwischen Projektionsfläche und Resonanzraum eingeführt. Das Projektionsflächendasein lässt Stroh wie es ist – oder verschlechtert es sogar noch zu stinkendem Mist. Das Resonanzraumdasein verwandelt Stroh zu Gold, indem der goldene Glanz des Strohs als Hinweis auf sein goldenes Potenzial gesehen wird. Indem das Stroh dann so behandelt wird, als sei es bereits Gold, wird es durch humanistische Bildung und Vorbild, die es auf diese Art erfährt, tatsächlich zu Gold. Denn die Behandlung eines Kindes, als sei es bereits Gold, muss selbstverständlich eine humanistische Bildung beinhalten, die das Kind über den Wert des Menschseins unterrichtet. Hier ist von der jovischen Energie im Verein mit der neptunischen Energie die Rede. Jupiter steht für Sinnfindung und Weisheit und Neptun für das transzendente Wahrnehmen, das Hindurchschauen und Hinüberreichen. Damit bildet Neptun die Verbindung zwischen Pluto und Jupiter, denn eigentlich würde eher Pluto ins 6. Dreieck gehören und Jupiter eher ins 7. Dreieck. Mit plutonischer Energie auf hoher Frequenz wäre aber die Schattenarbeit gemeint, die sich nicht dem Stroh zuwendet, sondern dem, was im chinesischen I-Ging “Die Arbeit am Verdorbenen” heißt und der transformatorischen Tätigkeit fähiger Therapeuten vorbehalten sein sollte. Hier müsste das Stroh zunächst vom Schmutz der Konditionierungen und Traumatisierungen befreit und gereinigt werden, bevor sein goldener Schimmer wieder erkennbar würde. In eingeschränktem Maße ist diese Veredelung auch im Alltag möglich, indem einem Projektionsangebot konsequent ein Wert entgegengestellt und der Projektionsversuch sogar in diesen Wert aufgenommen und eingebettet und darin gewiegt wird wie ein verletztes Kind. Auf die Art verwandelt sich das verletzte und um sich schlagende oder auch sich versteckende und zurückweichende Kind, indem es heilt, in ein goldenes Kind. Bildung und Heilung sind also beides jene Transformationsvorgänge, bei denen auf metaphorischer Ebene das Handwerk der Alchemie ausgeübt und Stroh zu Gold gesponnen wird.

Spirituelles Verbundensein

Dass die schöne Tochter über dieses jovische und neptunische Charisma verfügt, ist anzunehmen. Der Müller nun, selbst wenn er nur metaphorisch spräche und das aus bloßem Hochmut täte, wird jedenfalls als realistisch sprechend verstanden. Der König zollt der Kunst der Alchemie Bewunderung und will die Tochter auf die Probe stellen. Da der Hochmut des Müllers (6. Dreieck) auf manifester Ebene mit der Gier (5. Dreieck) und auf emotionaler Ebene dennoch mit der Selbstüberschätzung verbunden ist (3. Dreieck), selbst wenn seine direkte Motivation der Schutz vor Verletzung seiner seelischen Integrität ist, werden alle Schattenaspekte vom König gespiegelt. Seine Motivation ist Gier. Der äußere Reichtum soll den nicht gefühlten inneren menschlichen Wert kompensieren, was wiederum in seiner Empathielosigkeit der Königstochter gegenüber gespiegelt wird, die keinen anderen Wert für ihn hat, als für materiellen Reichtum zu sorgen, und so wird sie mit der größtmöglichen Verletzung ihrer Person bedroht, sollte sie die Aufgabe nicht erfüllen. 

Es erweist sich nun, dass die Müllerstochter zwar nichts von der materiellen Alchemie versteht, dass sie aber, eben neptunisch, mit der andersartigen, der geistigen Welt verbunden ist. Ihre Angst, die im freien Fluss der Tränen ihren Ausdruck findet, fungiert wie ein Hilfegesuch an die geistige Welt. 

Es bleibt bei dieser Formulierung offen, ob die Müllerstochter meint, sie verstehe nichts davon, also von dieser Kunst, oder ob sie nicht versteht, weshalb diese Forderung an sie herangetragen wird. Beides spricht aber darüber, dass die Müllerstochter sich keiner Fähigkeit bewusst ist, mit der sie die Aufgabe erfüllen könnte. Sie schwelgt dagegen tränenreich in Unzulänglichkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Das Männchen jedenfalls erweist sich als ein magischer Helfer und ist gegen einen angemessenen Ausgleich bereit, die Aufgabe anstelle der Müllerstochter zu erledigen.

Bis zum Morgen ist das gesamte Stroh auch wirklich zu Gold versponnen und kann (dem König gegenüber) zu Markte getragen werden.

Selbstzweifel

Mit dem König kommt es nun aber, wie es kommen muss, wenn jemand glaubt, das Metall sei der Wert, um den es im Leben geht:

Die zweite Kammer, in die die Müllerstochter gebracht wird, ist noch größer und wieder wird die junge Frau mit dem Tode bedroht in der Forderung, auch diese Menge Stroh in Gold zu verwandeln.

Auch in dieser Nacht weint das überforderte Mädchen, das keine Ressource in sich fühlt, mit der es sich selbst helfen könnte, bis das hilfreiche Männchen wieder erscheint. Der Handel wiederholt sich, diesmal mit einem Ring der Müllerstochter als Tauschobjekt. Das Männchen stimmt dem Handel zu und erfüllt den Auftrag zur Gänze.

Hier in der Wiederholung drängt sich die Frage doch auf: Weshalb fragt die Müllerstochter nicht nach der Fähigkeit, die es braucht, um Stroh zu Gold zu spinnen? Weshalb nimmt sie nur durch ihre Tränen als Ausdruck ihrer Verzweiflung Kontakt mit dem magischen Helfer auf, bittet aber nicht um Unterweisung in die Fähigkeit? Die Antwort ist: Ihr Urvertrauen reicht nur zu einem Sich-Anvertrauen, aber noch nicht zum Vertrauen in die eigene Teilhabe an diesem Spirit, dem sie sich anvertraut. Sie glaubt noch nicht daran, dass dieser Spirit, mit dem sie mit der geistigen Welt in Resonanz steht, um sie herbeirufen zu können, auch in ihr, also in ihrem Menschsein, fließt. Und es ist ihr keineswegs klar, was das Identischsein aus universalem und persönlichem Spirit bedeuten könnte. Noch steckt sie, die schöne Müllerstochter, obgleich ihre Grundschwingung von Urvertrauen geprägt ist, im Pol des Selbstzweifels. Dieser Pol verweist in dieser Ausprägung hier auf den Passivpol des ersten Dreiecks und dort auf die Selbstverleugnung. Eine Märchenfigur, die die Fähigkeit, Stroh in Gold zu verwandeln, integriert hat und weltwirksam macht, wird im nächsten Märchen der König Drosselbart sein.

Reichtum

Seine dahinterliegende Motivation muss aus seiner eigenen Perspektive materialistisch und raffgierig gedeutet werden: 

Jenseits der materialistischen Ebene liegt er mit seiner Einschätzung aber richtiger als er auch nur ahnen kann. Die integrativen und transformativen Kräfte eines medial veranlagten Menschen sind die Achtsamkeit und die Toleranz als Einstellungswerte (Yin) und alle Formen aktiver Stille und Rücksichtnahme als schöpferische Werte (Yang). Mit diesen Kräften wird das Stroh zu Gold gesponnen. Frieden und Urvertrauen sind die den transformativen Kräften zugrunde liegenden Ressourcen (Dreiecksfläche, erlöstes inneres Kind). Und vom erlösten sechsten Dreieck aus werden für alle vorherigen Dreiecke die Dreiecksspitzen der charismatischen Fähigkeiten aktiviert: Genialität, Heilkraft, Meisterschaft, Telepathie, Manifestationskraft. Transformation und Transzendenz sind die Lebensthemen des sechsten Dreiecks und eines Menschen mit hochsensibler Konstitution, wie es die Müllerstochter mit ihrer Empfindsamkeit und ihrem Kontakt zur anderen Welt zeigt. Mehr spirituellen Reichtum als er ihn durch die intuitive Veredelung gegenüber allen Aspekten seines Reiches erfahren könnte, kann der König sich kaum für sein Reich wünschen. Das erkennt der König nicht. Muss er aber auch nicht. Die archetypischen Boten, Propheten und Optimisten wirken auch unerkannt in der Welt. Hauptsache, sie erhalten eine Gelegenheit, Stroh in Gold verspinnen zu dürfen – und sind sich ihrer Fähigkeit so bewusst, dass sie sie auch beherrschen. Zum Beherrschen gehört unter anderem, sich nicht als Resonanzraum missbrauchen zu lassen, indem materielles Stroh in materielles Gold verwandelt werden soll, was niemals funktionieren wird, weil ausschließlich die Gier bedient und das Mangelempfinden gefüttert würden. 

Leere Versprechen und das schöne Kind

In der dritten Nacht hat die Müllerstochter kein Tauschobjekt mehr anzubieten. Nun fordert der helfende Geist nichts weniger als ihr verwirklichtes Selbst ein. Wovon hier gesprochen wird, ist das, was die meisten Menschen erfahren, sobald sie in die “Erwachsenenwelt” und ins Berufsleben eintreten. Es ist die Selbstentfremdung: Trenne dich von deinem inneren Kind, damit du materiellen Wert im Übermaß produzieren kannst.

Wie im Froschkönig-Märchen nimmt die Müllerstochter die Bedingungen nicht ernst, allerdings mit einer leichten Frequenzverschiebung. Die Königstochter im anderen Märchen zweifelt an den Fähigkeiten des Froschs, die Bedingungen einzufordern, weil er ihrer Meinung nach seine Welt nicht würde verlassen können. Die Müllerstochter  hier im Märchen zweifelt stattdessen an sich selbst und an ihrem eigenen Schicksal. Wer weiß, ob sie überhaupt ein Kind bekommt. Es ist weiterhin von innerer Not die Rede, aus der heraus sie die Zusage macht: 

…und das Männchen erfüllt noch einmal den Auftrag und spinnt das ganze Stroh zu Gold.

Dass die Konsequenz aus der Hochzeit, nun die Veredelung der jungen Frau zur Königin, explizit noch einmal benannt wird, ist bemerkenswert. Bemerkenswert ist auch, dass mit der Hochzeit der Goldhunger des Königs gestillt zu sein scheint, denn die Königin wird nicht mehr zum Goldspinnen eingesperrt und muss die Dienste des magischen Männchens nicht mehr bemühen.

Hat mit der Hochzeit im König jene Transformation stattgefunden, die im Erkennen des wahren Wertes des Menschseins das dualistische Getriebenseins beruhigen und den materiellen Hunger stillen konnte? In der Liebe der Müllerstochter wird der König die Erfahrung puren Angenommenseins gemacht haben. Das Annehmen der Schwächen in der Haltung der Toleranz, wie sie der hochsensiblen Konstitution als Einstellungswert zugrunde liegt, vermag, wie oben schon ausgeführt, die Schwächen geradewegs zu transformieren. Die Frucht der Transformation ist das schöne Kind, sobald aus der Liebe der Königin auch eine Liebe zur Königin wird.

Etwas beim Namen nennen

Wie die Königstochter im Froschkönig wird die Müllerstochter, nun die Königin, von ihrem leichtfertig gegebenen Versprechen eingeholt. Und genau wie die Königstochter versucht die frischgebackene Königin sich zuerst freizukaufen: 

Das Kind aber steht für die lebendige Verkörperung des (höheren) Selbst, der Verbindung aus innerem Kind und innerem Erwachsenen (und dem eigenen Spirit). Kompensationen bringen uns da nicht weiter, wenn die Zeit reif ist, unser geistiges Erbe anzutreten und unsere Anlagen zu aktivieren, auch die, die wir, wie die Königin das Männchen und seine Forderung, verdrängt und vergessen haben. Und so antwortet das Männchen auch prompt:

Dieses Männchen nun will, im Gegensatz zum Frosch, nicht die Freundschaft der Königin, es will ihre höchste Verwirklichung besitzen und damit unterbinden. Von einem Bewusstsein für den Gegenstand dieser Verwirklichung ist die Königin aber noch weit entfernt. Im Hintergrund fließt ihre positive Kraft und manifestiert sich in der Welt, aber sie kann sie noch nicht steuern. Und so fängt sie wieder an zu weinen und erweicht mit diesem drängenden Ausdruck der Überforderung tatsächlich und erstaunlicherweise einmal mehr das Herz des magischen Helfers, selbst wenn es so erstaunlich nicht ist, weil er nur sein Spiel der Königin treibt: 

Den Namen von etwas zu wissen, etwas benennen zu können, Worte für etwas zu haben, womöglich neue Worte oder auch alte Worte in neuen Sinnzusammenhängen verwendet zu hören oder zu lesen, erweitert den Horizont eines Menschen und bildet seinen Geist, macht Dinge begreifbar, erfassbar, die vorher dem kindlich-magischen Denken unterlagen und unbeschreibbar waren. Wie ist das Stroh zu Gold geworden und was ist der Wert des Menschseins?, sind die eigentlichen Frage hinter der Frage, wer es war, der die Transformation des irdenen Materials in einen Wert bewirkt hat. Im Wer interessiert vielmehr das Wodurch oder Auf-welche-Art, denn von diesem Wissen können wir profitieren und an ihm selbst wachsen, sobald die Zeit dazu reif ist. Diese Art zu lernen bedarf, wie schon im Frau-Holle-Märchen mit dem Sprung in den Brunnen und dem Erwachen auf der jenseitigen Wiese erzählt, zuerst einer Selbstbesinnung und erst dann einer Schulung von außen.

Die höhere Macht, in deren Dienst wir uns mit unseren aktivierten spirituellen Ressourcen und unserem meditativen Lauschen gegenüber den inneren Lehrern stellen, greift mit ihrer himmlischen Führung auf unseren eigenen persönlichen Wissensbrunnen an integrierter Erfahrung, Verstehen, Wissen und Bildung zu.

Echtes Genie, echte Heilkraft, echte Meisterschaft, Telepathie und Manifestationskraft bedürfen eines klaren Bekenntnisses zur Spezialisierung, damit das Wissen gezielt weiter ausgebaut werden kann und die Kraft fortan selbstbewusst und selbstsicher führbar wird. Das eigene Wissen zu sichten und neu zu ordnen und es systematisch mit Wissen von außen zu erweitern schafft die beste Voraussetzung dafür, dass die alchemistische Fähigkeit keine bloße Illusionsbildung oder eben der Wunsch der Vater des Gedankens bleibt – oder der Vater der Gedanke des Wunsches.

Natürlich liegt die Königin mit der Namensnennung zunächst daneben. Es fällt auch im Märchen selten ein Meister vom Himmel und die Haltung der Dankbarkeit nach erfolgreicher Ernte, nachdem also metaphorisch Stroh in Gold verwandelt wurde, meint nicht nur die Helfer aus der jenseitigen Welt, sondern meint auch sich selbst für die Willenskraft, die Ausdauer und die Hartnäckigkeit, ja die Selbstdisziplin, mit der man die innere Freiheit und das ganze Menschsein mit eben der zutiefst menschlichen Fähigkeit, Stroh in Gold verwandeln zu können, im Sinne der Selbstevolution gut genutzt hat. Die Selbstevolution, das ist die Verwandlung von Stroh zu Gold. Das ist der Wert des Menschseins.

Auch hier wieder das Motiv der Rückkehr. Zuerst die Selbstbesinnung und Innenschau, dann das geistige Ausgreifen in die Ferne und dann der Abgleich des in der Ferne gesammelten Wissens mit dem Heimatwissen, vielleicht in der Hoffnung, dass hier auch Wissen aus der Ferne eingeholt wurde das man nun miteinander teilen könnte, um sich gegenseitig zu inspirieren. Denn immerhin:

Der Bote

Wenden wir uns noch einmal der Funktion des Boten zu. Der Bote bringt Kunde von weither und erhellt so den Raum. Er sorgt für Erhellung, man könnte auch Erleuchtung oder Erwachen sagen, genau wie man einen derartigen Boten auch einen Propheten nennen kann. Der Bote oder Prophet ist einer der Archetypen des sechsten Dreiecks. Hier erreicht er die Königin von außen, wie in der Bibel Menschen von Engeln erreicht werden. Denkbar ist aber auch, dass diese Manifestationen des Lichts nur der Erfahr- und Erzählbarkeit dienen, während sich das Licht, von dem wir alle ein Teil sind, eben Individuationen des Lichts, eigentlich nicht als etwas außerhalb von uns Existierendes manifestieren müsste. Es könnten ebenso gut allein unsere Intuition und Inspiration sein, die sich uns in unserem aktiven Zuhören, in unserem Lauschen, unserem Meditieren vermitteln. Der Bote ist dann nur das Medium für die Botschaft, wie auch ein Text, ein Bild, ein Musikstück, die Schrift oder das Blätterrauschen Bote und Medium sein könnten. Unsere Intuition muss die Botschaft dennoch auswerten, ganz wie die Königin intuitiv weiß, wenn ihr der richtige Name vorliegt: 

Die Geschichte, die der Bote erzählt, liest sich im Hinblick auf die Ausbildung und Stabilisierung unseres Urvertrauens in unser Verbundensein mit eben jenem Licht, von dem der Bote berichtet, zusätzlich interessant: 

Also: Einen neuen Namen findet der Bote nicht. Alles ist schon da. Alles ist bereits in uns angelegt. Es braucht im Grunde nichts Neues. Man wacht nicht morgens auf und kann auf einmal etwas, das einem als Fähigkeit vorher völlig unbekannt war. Stattdessen konnte man schon als Kind: gut erzählen, gut singen, hatte ein Händchen für Pflanzen und Tiere und eine Verbindung zur Natur, war ein/e große/r Leser/in, war außerordentlich musikalisch, konnte gut schreiben, hat das Theaterspielen geliebt und so weiter. In irgendetwas war man schon als Kind zuhause („ein kleines Haus“), aus dem manchmal der Wunsch entsteht, mehr damit tun zu können und daraus zu machen. Manchmal bleibt das Talent aber als Talent auch unbewusst und ungenutzt. Manch einen überkommt im Leben etwas zu früh das Feuer, die Beherrschung einer Begabung zu behaupten und sie zu Geld machen zu wollen, wie es der Vater für die Müllerstochter versucht hatte. Das heißt nicht, dass die Gabe nicht tatsächlich in einem brennt, aber in zu frühem Alter bei zu wenig psychischer Reife ist man, wie an der Müllerstochter gesehen, kein reiner Kanal für die Gabe. Die Gefahr, dass man eher noch projiziert, spekuliert, fantasiert und dilettiert statt zu transformieren, Botschaften durch inneres Lauschen zu empfangen (channeln), wahrzusagen oder mit Tieren zu kommunizieren, ist groß. Und dann macht man sich lächerlich wie das lächerliche Männchen, weil man wie das Männchen nur auf einem Bein hüpft und herum schreit. Man hat das andere Bein, wie es das Sprichwort sagt, noch nicht auf die Erde gebracht und hat die eigene Stimme und die Verankerung in der Gabe noch nicht gefunden. Man hat seine Themen noch nicht abschließend bearbeitet und integriert, hat sein Urvertrauen noch nicht vollständig erschlossen, schafft es noch nicht, ein freier und reiner Kanal für die Weisheit der Liebe zu sein. Zu leicht noch drängen sich Felsbrocken davor. Ein zuweilen sogar hoher Berg verstellt noch die Sicht. Manchmal blockiert er auch jeden Zugang. Um diesen Berg müssen wir, wie der Bote im Märchen, zuerst herumgehen und müssen um die Waldecke kommen, wenn der Wald für die Dunkelheit unserer Schatten steht. Aber es brennt ein Feuer vor dem Haus, das wir bewohnen, und um dieses Feuer bewegen wir uns auch manchmal hüpfend und springend (Aktivpol) und manchmal auch schleichend und zweifelnd und ganz in Angst, uns lächerlich zu machen (Passivpol). Ach, wie gut, dass niemand weiß… und von uns erfährt es auch sicherheitshalber niemand. Bis es sich nicht mehr verheimlichen und verstecken lässt und jemand uns sagt: „Sag mal, das ist doch ganz dein Ding!“ Wenn wir dann anfangen, den Spiegeln zu vertrauen, sagen die Zweifler gerne noch: „Das kleine Haus? Das gab’s doch doch schon immer! Dass das mein großes Talent sein soll, das wäre ja gar zu lächerlich.“ Aber irgendwann müssen die Dinge doch beim Namen genannt werden. In Worten für einen selbst und in Taten für die Welt, und die Welt nennt es dann irgendwann wieder selbst beim Namen: Er/sie ist wirklich ein Genie, ein/e Heiler/in, ein/e Meister/in, ein/e Hellseher/in, ein/e Philosoph/in, ein/e Prophet/in. Ganz oft wird es anfangs sogar vorsichtig als Frage formuliert: „Kann es sein, dass du… kannst?“ Und so lautet die Frage hier im Märchen, in dem die Königin die Frage an eine externe Instanz stellt, die in Wahrheit ihr eigener Spiegel ist:

Die Selbstverständlichkeit der Magie

Das Männchen gerät daraufhin völlig aus der Fassung. Die Magie und das Geheimnis sind dahin. Eine integrierte spirituelle Fähigkeit wird zur Selbstverständlichkeit und verliert jede Mystik und jeden Anschein von Besonderheit. Die Fähigkeit wird zur reinen Dienerin dessen, wofür der Mensch in der Welt eintritt. Mit wahrhafter Integrität der Gabe gegenüber wird die Gabe nicht als Geschäftsgegenstand instrumentalisiert, wie das Männchen seine alchemistische Kraft noch vermarktet hatte und der Müller es hätte tun wollen. Mit einer integren Haltung der Gabe gegenüber wird die Gabe dankbar in das integriert, womit man sich im Leben beschäftigt, wofür man sich verantwortlich fühlt, es zu veredeln und worin man seinen Beitrag im Leben leisten möchte, um die Menschheit in ihrer spirituellen Evolution zu unterstützen und das Leben auf der Erde wertvoll gelingen zu lassen. Vielleicht ist es die Beraubung um die geheimnisvolle Geschäftsgrundlage, die das Männchen so in Rage versetzt. Vielleicht geschieht hier aber auch einfach nur auf etwas theatralische Art das Verschwinden des Mediums, dessen man automatisch nicht mehr bedarf, wenn man erkannt hat, dass man selbst Teil des Lichts ist: 

Die rechte Körperhälfte, die männliche Kraft, wird in die Erde gestampft. Die linke Körperhälfte, die weibliche Kraft, wird in Richtung Himmel gerissen. Es wird das Männliche und das Weibliche aus der manifestierten Form entlassen und der Erde und dem Himmel zurück übergeben, weil eine Seele in ihre eigene spirituelle Kraft hineingefunden hat und des geistigen Helfers nicht mehr bedarf. Wenn das Ziel ist, mit der spirituellen Gabe eine Brücke zwischen Himmel und Erde zu bauen und auf diesem Weg das irdene Stroh in himmlisches Gold zu verwandeln, braucht es, dass aus einer Müllerstochter eine wahrhaftige Königin wird und dass sie für ihr Kind, das für ihr (höheres) Selbst steht, gut sorgt, damit es stark und flexibel wird und der Welt eben als König/in in vollkommener Weise dienen wird. Die Aufgabe der Königin und des Königs wird es sein, den Wert des Menschseins und die Anwesenheit der Liebe, das Gold also, im Leben auf der Erde sichtbar, fühlbar und erlebbar zu machen. Denn derzeit wissen zu wenig Menschen vom Wert des Menschseins und von der Anwesenheit der Liebe und hungern darum viel zu sehr nach dem materiellen Gold, das sie essenziell unterernährt sein lässt. Interessanterweise könnten gerade die Märchen, die in ihrem Symbolgehalt so sehr vom Wert des Menschseins sprechen, während zwischen den Zeilen die Anwesenheit der Liebe hervor strahlt, dieses unentbehrliche Nahrungsmittel liefern und diese transformative Kraft darstellen, die das Stroh im Kopf in Gold des Geistes verwandelt, um einen Menschen wahrhaftig zum Menschen werden zu lassen. Vorausgesetzt man schaut nicht, wie der Müller bei seiner Tochter, am wahren Wert der Märchen vorbei.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein