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Nummer 15: Rapunzel

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im fünften Dreieck 
zum Thema Konsistenz und Integrität

Titelbild: Annette Greiner

Mangelverkettungen

Am Anfang des Märchens wird atmosphärisch das Thema skizziert: Es geht zunächst, repräsentiert durch die Eltern der späteren Märchenheldin, um den Verzicht, den Mangel, die Entbehrung, die Vergeblichkeit. 

Dem vergeblichen Warten auf ein Kind (Passivpol), was innere Leere verursacht, steht ein prächtiger Garten gegenüber (Dreiecksfläche; Innerlichkeit):

Mangel und Fülle am gleichen Ort. Im Bild der Fülle wird das Motiv der Entbehrung und des Mangels zugleich betrachtet. Mangelempfinden im vergeblichen Warten – zu betrachtende Schönheit – Deprivation durch eine Mauer. Man könnte also sagen: Das Mangelempfinden lenkt den Blick statt auf den prächtigen Garten auf die Mauer, die den Zugang zum Garten versperrt. 

Zu sehen wäre der Garten und mit seinem Betrachten könnte der Geist genährt werden, aber die Emotion des Mangelempfindens geht mit dem physisch fehlende Zugang zum fremden Gelände in Resonanz und weckt die Gier, das Angstmerkmal, das aus dem Mangelempfinden erwächst: 

Überfluss und Gier treffen dualistisch aufeinander. Weil der Überfluss im Außen aber nicht auf innere Fülle trifft, was rein die Anerkennung und Wertschätzung der gesichteten äußeren Fülle zur Folge hätte, ohne, dass ein Verlangen entstehen würde, sondern weil im Innern Hunger und Leere herrschen, entsteht das Gefühl von Leid im Mangelgefühl mit der Gier als Kompensationsversuch. Die Rapunzeln zu verspeisen ist nicht nur eine Präferenz der Frau, ein nice to have, sondern wird, aufgrund der inneren Leere und des Mangelempfindens, das offenbar von der Hoffnung auf ein Kind noch nicht getilgt werden konnte, zum must have, zum allergrößten und mächtigsten Verlangen:

Die Frau erkrankt und siecht dahin, weil sie nicht bekommt, wonach es sie verlangt. Das sind Symptome der Sucht. Die Sucht, selbst wenn die Substanz oder die Idee noch nicht einverleibt wurde, aber bereits zur Fixiertheit wurde, ist die stärkste Form der Gier und des Versuchs, einen als eklatant empfundenen inneren Mangel zu kompensieren. Im Alles oder Nichts liegt das Wesen der Sucht: 

In der dualistischen Leben-oder-Tod-Haltung manifestiert sie sich und findet ihren emotional destruktiven Höhepunkt in der so oft anzutreffenden “Erst-wenn-dann-Haltung”. Bis hierher gab es in der Märchenerzählung ein reines Pendeln zwischen den Extremen:

Aktivismus

Ganz Krieger im Aktivpol und koste es, was es wolle, wiederum im Extrem also denkend und handelnd, beschließt der Ehemann, seiner Frau die Rapunzeln zu beschaffen. Er muss den Hausfriedensbruch und den Diebstahl wählen, um das extreme Mangelempfinden seiner Frau zu kompensieren, jetzt ein manifestes Extrem also, das er gegenüber dem als extrem empfundenen Mangel für gerechtfertigt hält: 

Der Gedanken, „es mag kosten, was es will“, ergänzt die Pendelkette zwischen den Extremen um das Verbrechen. So eben geht es zu in der Welt:

Suchtverstärkung

Dass die Frau die gestohlenen Rapunzeln voller Begierde isst, wird im Märchen explizit erzählt. Wie es mit einer Sucht aber nun einmal ist, vermag der Genuss der Substanz die Gier nicht zu befriedigen, sondern verstärkt sie gerade noch. Das Motiv wird schon im Märchen Von dem Fischer und seiner Frau in seiner extremen Ausprägung auserzählt.

Die Frau des Fischers will an dieser Stelle ein noch größeres Haus und noch ein größeres und noch eins, einfach, weil es möglich ist, sich im Außen zu verschaffen, von dem man hofft, dass es die innere Leere, die echte Sehnsucht, das, worum es eigentlich geht, erfüllen könnte. Sowohl der Wunsch nach einem immer größeren Haus wie der Wunsch nach einem Kind sollen dem Leben Sinn und Bedeutung verschaffen, was in Wahrheit kein Gegenstand und kein Lebewesen zu erbringen vermögen. Indem der wahre Wunsch nur annähernd berührt, nicht aber erfüllt wird, vergrößern sich die Sucht und das Siechtum.

Co-Abhängigkeit und Kollaboration

Beim nächsten Einbruch in den Garten wird der diebische Ehemann vom Zorn der Zauberin getroffen, und der wiederum als extrem empfundene Raub wird mit seinem Gegenpol, dem extremen Verlust, bestraft, auch wenn er in der Maske des Tauschs und der Gnade erscheint. Die Zauberin gewährt dem Mann, so viel von den Rapunzeln mitzunehmen, wie er will, im Tausch gegen das Kind, das die Frau bald auf die Welt bringen wird. Sie verspricht, das Kind zu lieben und ihm eine gute Mutter zu sein. In seiner Todesangst stimmt der Mann der Bedingung zu, statt die Liebes- und Fürsorgefähigkeit der Zauberin auch nur in Frage zu stellen. 

Das Böse, sagt die Philosophin Hannah Arendt, sei immer extrem, aber es könne nie radikal sein. Nur das Gute, sagt sie, könne radikal sein, also die Wurzel betreffen. Man könnte auch den Begriff des Absoluten einsetzen anstelle von Radikalität. Während die Radikalität die erdverbundene Wurzel des Lebens und des Lebendigen meint, meint das Absolute die göttliche Wurzel des Lebens und des Lebendigen. Demnach hat das Gute keinen Gegenpol, weil es aus der Überwindung der Dualität des Extrems heraus entsteht. Das macht es absolut. Die Angst ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern ihre Abwesenheit. Dunkelheit ist nicht das Gegenteil von Licht, sondern nur die Abwesenheit von Licht. Das Böse dagegen entspringt der Abwesenheit der Liebe und der daraus resultierenden menschlichen Angst. Ein Angstmerkmal hat und braucht, um wirksam zu werden, jeweils einen Gegenpol, ist also immer relativ. Der Selbstüberhöhung steht die Erniedrigung eines anderen gegenüber. Die Selbsterniedrigung räumt der Selbstüberhöhung Macht ein. Beide Extreme sind verbunden über die Angst vor der Wertlosigkeit. Die Abwesenheit von Wertschätzung und Wertempfinden, von Liebe also, provoziert die Angst, wertlos zu sein. In dieser Relativität kann das Ausagieren der Angst sogar extrem werden, weil die Lieb- oder Gottlosigkeit, das Böse also, destruktiv agiert und anderen Lebewesen schadet oder sie sogar tötet. 

Der Gegenpol zur Feigheit, in dem der Mann potenziell aus Angst, und nicht aus wohlweislicher Überlegenheit, nicht über die Mauer gestiegen wäre, war dann nicht sein Mut, sondern die Tollkühnheit. Genau in dieses aktivische Angstmerkmal ist er hineingegangen: In das andere Extrem gegenüber der passivischen Feigheit. Es ist tollkühn von ihm, in den fremden Garten einzubrechen. Mutig und jenseits der Dualität gelegen wäre es gewesen, seiner Frau zu sagen, aus welchen vernünftigen Gründen er diese Beschaffungskriminalität gar nicht erst beginnen wird, und ihr zudem beizustehen, die eigenen Emotionen zu klären, die zu ihrer Sucht geführt haben. Der Mann aber steigt über die Mauer, wird zum Komplizen und Co-Abhängigen der Ehefrau. Es ist in dann der Widerstand gegen die Übermacht der Zauberin (Tollkühnheit im Aktivpol), der sich angesichts der Lebensgefahr durch diese Übermacht sofort in sein Gegenteil, die Kollaboration mit der Übermacht verkehrt hat. Er gibt das Kind ab, um sein eigenes Leben zu retten, landet also im gegenüberliegenden Extrem, sobald die Gegnerin stärker erscheint als er selbst. Im Kontinuum der Dualität wird zwischen den Polen je nach den akut herrschenden Dominanzverhältnissen gependelt. 

Hannah Arendt schrieb, im Kontext des politischen System, auf das ihre Theorie sich bezog, nämlich den Antisemitismus und den Nationalsozialismus, dass Widerstand in terroristischen Regimen nur selten möglich ist, die Kollaboration aber nicht die Lösung sein könne. Später brachten ihr auch die Begriffspaare der inneren Emigration im Passivpol und der Assimilation im Aktivpol innerhalb einer Gesellschaft, die einem jüdischen Individuum keinen Platz zugestand, keine zufriedenstellende Lösung. Das gesellschaftlich nicht anerkannte Individuum, schrieb sie, dürfe nicht nur wählen zwischen den dualistischen Polen, sich entweder selbst und die eigenen Talente aus der Gesellschaft herauszuhalten (Passivpol) oder sich komplett anzupassen und die Individualität der Talente verloren zu geben (Aktivpol). Es müsse stattdessen einen dritten Pol geben, der von einem innerlich freien Individuum aufgesucht werden könne, von wo aus es seine Talente quasi „trotz allem“ einbringen und eine Veränderung jener Gesellschaft bewirken könne, die ihm keinen Platz zubilligt, weil sie emotional und mental noch nicht in der Lage dazu ist. So ein Individuum nennt Hannah Arendt eine „göttliche Frechheit“. Die göttliche Frechheit basiert auf wahrem Mut und auf innerer Freiheit. Es darf gerade keine Gier nach Teilhabe bestehen, damit der Mensch aus der inneren Freiheit heraus mutig zu seinen Werten stehen und sich trotz aller Limitation im Außen selbst verwirklichen kann.

Mut wäre hier im Märchen eine ausgeglichene Position gewesen, die weder kollaboriert noch in den Widerstand gegangen wäre. Wir werden ihn in der Figur der Rapunzel, der Tochter dieser beiden Eltern, erleben. Im Vater allerdings erleben wir ihn nicht. Die Frage an dieser Stelle ist eine theoretische: Wäre die fatale Kette bis zum Kindsverlust zu verhindern gewesen, wenn die Frau sich auf ihre eigene Frucht besonnen hätte, statt die Frucht im nachbarlichen Garten zu begehren? Wäre sie eine göttliche Frechheit gewesen, hätte sie sich dann auf ihr Kind als schöpferischen Ausdruck ihres Selbst in der Welt besinnen können? Von dieser Frucht als Ergebnis der polaren Schöpferkraft des Paares ist bis zu diesem Zeitpunkt der Erzählung überhaupt nicht mehr die Rede gewesen. Erst die Zauberin nimmt die Schwangerschaft der Frau wieder ins Visier, indem sie, wie Rumpelstilzchen, per Machtmissbrauch den Besitz am Kind fordert. Diente das Kind also bereits der Frau nur als Kompensation von Leere und nicht der Verwirklichung eigener innerer Fülle?

Transzendenz

Rapunzel dann, nachdem es in die Fänge der Zauberin geraten ist, steigt von Anfang an aus dem Bösen und seinen Extremen aus. Seine Schönheit, die im Märchen explizit betont wird, steht für die Erhabenheit dieses Geschöpfes jenseits der Dualität. Rapunzel ist eine der Märchenfiguren, die ihrerseits keiner Transformation mehr bedürfen, sondern zum Wohl und zur Transformation der Welt leben.

Alles an dem Kind ist so üppig und im Überfluss geraten, wie es vorher vom Garten der Zauberin berichtet wurde:

Indem es in einen Turm gesperrt wird, führt die Zauberin die Kette der elterlichen Gier fort und versucht Rapunzel zur Projektionsfläche für das wiederum auch hier vorhandene Mangelempfinden an Liebe und Wert zu machen.

Interessant ist, dass Rapunzel ihre Einsamkeit in dem Turm, in den die Zauberin das Kind gesperrt hat, wahrnimmt, ihr gegenüber aber selbst kein Extrem aus Kontrolle oder Kompensation aufsucht, sondern mit seinem Gesang für einen Ausgleich zu seiner Isolation und für innere Freiheit sorgt: 

Statt in die innere Isolation und Leere zu gehen und ihre Talente brach liegen zu lassen, wählt Rapunzel den persönlichen Ausdruck in der Kunst des Gesangs und scheint darin inneres Gehaltensein zu finden. Es ist, als habe bereits das Kind die Pendelbewegung der Suche nach Sinn und Fülle zwischen den Extremen Kontrolle und Kompensation beendet, indem es Sinn und Fülle in sich selbst findet. Auch wenn es zunächst sein eigenes Publikum ist und sich darin selbst genügt, ist sein Gesang so authentisch und vollendet, dass er später einen anderen Menschen, dessen Herz offen ist, zu berühren und zu motivieren vermag, still zu halten und zu lauschen. So verbindet der Gesang der nunmehr jungen Frau nicht nur sie selbst, sondern auch einen anderen Menschen mit der Transzendenz, dem Absoluten, dem Numinosen oder der Liebe in der jede Suche und jedes Extrem endet. Hier ist das Gute, von dem Hannah Arendt sagt, dass es alleine radikal sein könne. Und hier ist die göttliche Frechheit, die sich die Freiheit nimmt, sich für sich selbst zum Ausdruck zu bringen und von hier aus die Gesellschaft in kleinen Schritten zu erreichen, und sei es nur in der Person eines einzigen anderen Menschen.

Bedingungslosigkeit

Die Begegnung zwischen Rapunzel und dem Prinzen findet in Reinheit, Bedingungslosigkeit und im Geist absoluter Liebe statt. Sie überwindet wiederum das Extrem der Abhängigkeit und der Verlustangst der Zauberin, deren Ergebnis das Böse, nämlich die Freiheitsberaubung und damit Rapunzels Isolation hervorgebracht hat.

Im Märchen symbolisiert die Hochzeit, die normalerweise am Ende des Märchens stattfindet, das Erreichen der inneren Ganzheit. Dass die Hochzeit hier in der Mitte des Märchens angetragen wird, zeigt, dass Rapunzel und der Prinz, beide, bereits in innerer Balance sind, selbst wenn sie dazu keinen Ruf vernehmen und keine Reise unternehmen mussten. Angesichts der limitierten und limitierenden Situation, in der Rapunzel einsam in einen Turm gesperrt wurde, verhalten die beiden Individuen sich einander gegenüber als polare Kräfte kooperativ und unterstützend. Sie wählen ihren persönlichen Ausdruck, um ihre Liebe zu manifestieren: 

Nicht der Prinz nimmt ihre Hand und würde damit wiederum eine Geste des Besitzergreifens vollführen, sondern er bietet Rapunzel seine Hand an, bietet sie dar, so dass sie frei entscheiden kann, ihre Hand in seine zu legen. Damit wird das Extrem der Unfreiheit, in der Rapunzel und mit ihr der Prinz sich befinden, innerhalb der Freiheit schaffenden Paarkonstellation überwunden.

Weltwirksamkeit

Rapunzel, die ihre innere Freiheit gegen jedes Extrem bewahren und ihre Ganzheit jenseits der aufgezwungenen Beschränkungen verteidigen konnte, will jetzt ihre Seele auf die Erde kommen lassen. Die Zeit ist reif. Die junge Frau will nicht länger in einem Turm eingesperrt für sich selbst leben und sich nur selbstbezogen ausdrücken, sondern sie will ihre Liebe und ihre Schönheit in der Welt wirksam werden lassen. Das entspricht dem Motiv des Heimwehs im Märchen Frau Holle. Rapunzel hat Heimweh nach der Welt und nach dem Leben und der eigenen Selbstwirksamkeit. Indem sie den Prinzen trifft, wird angezeigt, dass die Zeit reif ist und die Welt bereit, Rapunzel zu empfangen. Deshalb verabredet Rapunzel mit dem Prinzen, er möge ihr abendlich einen Seidenstrang mitbringen, aus dem sie eine Leiter flechten könne. Die endgültige Befreiung und der Eintritt in die eigene Sichtbarkeit in der Welt sollte möglichst ein langsamer Prozess sein, der, wenn er stabil und nachhaltig sein soll, Schritt für Schritt stattfindet statt in einem revolutionären Akt. Gebäude sollen nicht zum Einsturz gebracht werden, sondern ihre Benutzung soll transformiert werden. Dazu werden sie zunächst verlassen und möglicherweise später neu bezogen und auf andere Art verwendet. 

Jedenfalls findet dieser Prozess auch nicht alleine und in Isolation statt, sondern bereits mit einem beiderseits entwickelten Herzchakra in der Anerkennung der Interdependenz zwischen Rapunzel und dem Prinzen. Die Emanzipation von der Unfreiheit und das Sichtbarwerden in der Welt wird von beiden Energien kooperativ eingeleitet. Das männliche Prinzip schafft das Material heran, schafft also die Infrastruktur, mit der das weibliche Prinzip die Leiter zur Freiheit herstellt. Rapunzel würde sich nicht selbst an ihrem Haar den Turm herablassen können. Für ihre Befreiung ist die Einsicht notwendig, dass nur gegenseitige Fürsorge und Kooperation in die gedankliche Freiheit führen und etwas Neues in der Welt verankern können. Es braucht Kooperationspartner und Fürsprecher. Allerdings können im emanzipierten Individuum die beiden Kräfte vereint wirken, die hier im Märchen auf zwei Figuren aufgeteilt sind. In der erfolgreichen Emanzipation wird entweder, wie hier von Rapunzel, aktiv und bewusst um ein Pferd gebeten oder es wird der innere Prinz aktiviert, mit dem Pferd zu erscheinen. 

Selbstentzug als Projektionsfläche

Wie bei allen Befreiungs- und Wachstumsplänen kommt es in der Regel darauf an, sie unter Geheimhaltung gedeihen zu lassen, damit feindliche Kräfte das Feuer nicht vorzeitig austreten und den Plan vereiteln können. Die angeeignete Tochter an ihre Souveränität zu verlieren, käme für die Zauberin nicht in Frage zu akzeptieren. Sie betrachtet Rapunzel als ihren Besitz und ihre Projektionsfläche. An Rapunzel übt die Zauberin ihre vermeintliche Fürsorge aus, für die sie sich in der Welt nie passende Abnehmer gesucht hat. Dort immerhin war sie eine gefürchtete Zauberin, mit der niemand es gewagt hätte, Umgang zu pflegen. Sie übt also an Rapunzel jene Fürsorge aus, die die Eiskönigin in der Figur der Zauberin uneingestandenermaßen so dringend selbst bräuchte. 

Man könnte sich in der überraschenden Wende des Märchens fragen, ob Rapunzel sich in der Zauberin hoffnungslos täuscht, ob sie sich Illusionen über deren großzügige Akzeptanz und soziale Kompetenz gemacht hat oder ob sie sich in noch zu kindlicher Naivität und Unschuld zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lässt, mit der sie das Vorhaben am Ende sabotiert. Tatsächlich ist keins von beidem der Fall. In Rapunzels Geständnis der Zauberin gegenüber stehen sich zunächst die beiden Archetypen des Unschuldigen und des Verwaisten gegenüber. Der Verwaiste in der Person der Zauberin will angstvoll festhalten. Der Unschuldige demgegenüber besetzt entweder den Pol der Illusion, weil er es unbedingt braucht, an das Gute im Menschen zu glauben oder er besetzt in der erlösten Form den Pol des grenzenlosen Vertrauens, der keine Rücksicht mehr auf die Befindlichkeiten Anderer nimmt, sondern sie konsequent für kompetent hält, mit den eigenen Emotionen angemessen umzugehen. Damit würde der Unschuldige entweder weiter den Gegenpol besetzen oder sich der Dualität entziehen. In dieser zweiten Variante nimmt der Archetyp des Unschuldigen negative Konsequenzen in Kauf, sollte er sich in seiner Einschätzung der Kompetenz des Gegenübers geirrt haben. Dieser zweite Typ wird hier von Rapunzel verkörpert. 

Dieser Archetyp der wahrhaftigen Unschuld bleibt in seiner erlösten Form in dem, was Hannah Arendt das radikal Gute genannt hat, und bleibt sich selbst radikal treu. Keine Selbstverleugnung und keine Kollaboration. Somit vertritt Rapunzel im Bewusstseins der eigenen Integrität ihr Recht auf die bevorstehende Freiheit und die Liebe, ohne auf negative Konsequenzen zu achten, die aus der Inkompetenz ihres Gegenübers heraus entstehen könnten. Sie zieht die mögliche Inkompetenz nur insofern ins Kalkül, wie sie die Konsequenzen bereit ist zu tragen. Der Archetyp des Verwaisten in der Figur der Zauberin besetzt den Pol des Zweifels und des Misstrauens, archetypisch auserzählt im Märchen Der Eisenofen. Seine innere Isolation hat ihn von der Welt getrennt, so wie die Zauberin sich selbst und in der Projektion dann auch Rapunzel von der Welt isoliert hält. Sein erlöster Pol würde bedingungslose Liebe bedeuten, die den Anderen frei sein lässt und ihm die Möglichkeit bietet, sich selbst lebendig zu entdecken und auszudrücken. Der Weg dorthin führt, wenn er wiederum über den Weg der Emanzipation beschritten werden wollte, über die weibliche Energie der Empathie und der Akzeptanz und über die männliche Energie der Solidarität und der Authentizität. Hier im Märchen stehen einander aber das radikal Gute, die innere Freiheit – oder nach Hannah Arendt die „göttliche Frechheit” – und der Archetyp des innerlich Verwaisten in seinem dysfunktionalen und extremen Schatten gegenüber. Rapunzel vertritt nicht mehr den dualistischen Gegenpol, sondern ist seit ihrer Kindheit ein Resonanzraum, in dem ihre Werte durch den Gesang zum Klingen gebracht werden.

Emotionale Inkompetenz

Inhaltlich erzählt die Frage der Frau Gotel natürlich bereits eine Menge über die Qualität der unterschiedlichen Liebesarten. Die emotionale Abhängigkeit der Zauberin ist viel schwerer zu ertragen als die Leichtigkeit wahrer Liebe. Den von Frau Gotel empfundenen Betrug zu untersuchen, dürfte interessant sein. Wie kann sie sich betrogen fühlen, wenn sie selbst aus purer Verlustangst die Bedingungen der Unfreiheit diktiert, denen Rapunzel nie zugestimmt hat, sie zu akzeptieren? Das Verhältnis zwischen den beiden basiert auf der emotionalen Abhängigkeit der Zauberin, auf Bevormundung und auf ihrer Angst, Rapunzel zu verlieren. Sie erhebt dem Kind gegenüber Besitzansprüche, wie sie es vorher der gleichnamigen Pflanze gegenüber getan hatte. Und auch ihre Schutzmaßnahme ist die gleiche: Sie umgibt das, was vermeintlich ihr gehört, mit einer Mauer. Hier verbindet sich das fünfte mit dem vierten Drama-Dreieck und der empfundene Betrug wird für die Zauberin zum emotionalen Verlust, basierend auf Rapunzels Versuch der Selbstbefreiung. Wie eine betrogene Ehefrau oder ein gehörnter Ehemann führt die Zauberin sich auf, die doch in Wahrheit keinerlei Ansprüche an Rapunzel gehabt hätte. An ihre Eltern vielleicht, weil sie die Rapunzeln aus dem Garten gestohlen hatten, aber nicht an das Kind der Diebe. Frau Gotels Wut aber ist so unermesslich wie die Wut eines eifersüchtigen Menschen eben ist, der nicht kompetent ist, für sich selbst zu sorgen: 

In ihrer Zerstörungswut vernichtet sie das Utensil der Verbindung zur unerwünschten Außenwelt. In der Realität einer besitzergreifenden Beziehung wird an dieser Stelle der Kontaktabbruch und die vollkommene Unterwerfung verlangt, zum Beispiel, indem alle Intimitäten der betrügerischen Beziehung offengelegt werden müssen unter dem Vorwand, auf diese Weise das Vertrauen wieder herstellen zu wollen. In Wahrheit geht es um einen übergriffigen Voyeurismus, der dem Haareabschneiden als Symbol des abosluten Freiheitsentzugs gleichkommt. Hatte Frau Gotel nicht dem Vater des Kindes versprochen, es solle dem Kind gut gehen bei ihr und sie wolle für es sorgen wie eine Mutter? Nun, es gibt solche Mütter, die ihre Kinder einzig als Projektionsfläche ihrer uneingestandenen Ängste und ihres Mangelempfindens benutzen und in einem unseligen Rollentausch von ihnen verlangen, ihnen die Liebe zu geben, die sie sich selbst und auch dem Kind nicht geben können. Es gibt derer alle Arten von Erwachsenen, die von den Kindern ein Entgegenkommen und eine Würdigung erwarten, zu denen sie selbst keinerlei Vertrauensbasis gelegt haben und kein Vorbild waren. Es gibt aber auch Freundschaften und Partnerschaften dieser Art und auch in diesen vermeintlich erwachsenen Beziehungen werden Türme errichtet und Haare abgeschnitten. 

Rapunzel jedenfalls fühlt sich zwar gebraucht, aber absolut nicht geliebt, was auch ihr  Beweggrund war, die Hand des Prinzen anzunehmen: 

Frau Gotel befindet sich nicht in der Liebe, sondern pendelt nur zwischen den Extremen ihrer Verlustangst, zwischen der Isolation und der Abhängigkeit. Da sich Ängste in der Regel manifestieren, weil das innere Muster nach seiner Verwirklichung drängt, erlebt Frau Gotel nun die Verwirklichung ihrer Angst, nämlich den Verlust des Kindes. Weil sie einen Schuldigen braucht und sich weigert, Verantwortung für ihre Realität zu übernehmen, interpretiert sie den Verlust als Betrug, mit Rapunzel als Betrügerin, geht dem vermeintlichen Betgrogenwordensein gegenüber in den Aktivpol des dritten Dreiecks und setzt in ihrem Zorn das Mädchen in seinem Wert herab. Wenn sie nicht bekommt, was sie will, hat sie kein Problem damit, Rapunzel zu verstoßen und zu zerstören. Soll das Liebe sein? Die Liebe einer Mutter?

Dem Königssohn ergeht es durch die Rache der verletzten Frau nicht besser. In seinem Schmerz stürzt er sich allerdings selbst vom Turm und zersticht sich in den Dornen die Augen. Die Radikalität des Guten nimmt zuweilen keine Rücksicht auf die Verletzlichkeit der Materie. Unter die Herrschaft der Zauberin jedenfalls wird sich der Prinz nicht ducken, dokumentiert sein Opfer. Es ist der Verlust der Liebe, der das Tor zu seiner Seele sich verschließen und ihn erblinden lässt, aber ohne Liebe will er die Welt eben nicht sehen.

Liebe und innere Freiheit

Getrennt voneinander erfährt das Paar wieder den extremen Pol von Verzicht und Isolation, indem beide unter Hunger und Elend in der Welt sind und das mehrere Jahre lang. Manchmal gerät das Leben in eine Schieflage und der Aufgabe des fünften Dreiecks gemäß stellt sich dann nicht so sehr die Frage danach, was man getan haben könnte, um die missliche Lage herbeigeführt zu haben, sondern vielmehr, welchen Ausdruck man nun wählt, um mit der misslichen Lage authentisch, das heißt der inneren Wahrheit gemäß, umzugehen. Wie schafft man es, seiner Wahrheit, angesichts von Unglück und Elend, treu zu bleiben? Wie schafft man es vielleicht sogar noch, Kraft und Licht für Andere zu sein, obwohl die Zeiten um einen herum dunkel geworden sind? Wie schafft man es, in schweren Zeiten eine göttliche Frechheit zu bleiben? 

Im Fall von Rapunzel und dem Prinzen ist diese Wahrheit die Liebe und ihre göttliche Frechheit ist die innere Freiheit. Wie können sie den Archetyp des Unschuldigen und des Liebenden weiter verkörpern? Im Angesicht der Dunkelheit und dessen, was sie nicht sind, sind die beiden Liebenden nun aufgefordert, ihr Selbst authentisch zum Ausdruck zu bringen und auf diese Weise einmal mehr und klarer zusagen, wer sie in Wahrheit sind. Und sie sind Könige. Der Prinz nimmt sein Schicksal ergeben an, verbindet sich mit der Natur und ernährt sich von Wurzeln und Beeren. Rapunzel bringt Zwillinge zur Welt und hat nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder zu sorgen. Die Tatsache, dass die beiden Erwachsenen einander wiederfinden, deutet darauf hin, dass keiner von ihnen in eines der Angstextreme abgeglitten ist. Nur so konnte das Band zwischen ihnen erhalten bleiben und die Resonanz sie wieder zueinander führen. Nur, indem beide in der Liebe und im Vertrauen geblieben sind, ist ihre Schwingung einander ähnlich geblieben und konnte zum inneren Kompass der polaren Anziehung werden. Die Liebe ist immer ein Kompass, aber die Angst ist es nie. Die Liebe führt Liebende selbst durch Blindheit und Wüstenei zusammen.

Es ist zunächst Rapunzels Stimme, die die Annäherung wieder herbeiführt. Schließlich sind es Rapunzels Tränen als authentischer Ausdruck der Dankbarkeit, wie es vormals ihre Stimme und ihr Gesang waren, die den Prinzen erreichen und seine Heilung bewirken. Die Dunkelheit weicht liebendem Mitgefühl.

Rapunzel jetzt in sein Reich zu führen ist jene Rückkehr, vor der die Helden zwar keinem Ruf gefolgt, sondern vertrieben worden waren, die ihnen dennoch äußeren und inneren Reichtum bringt nach bestandener Prüfung. Indem die beiden ihrer Wahrheit treu geblieben sind, haben sich nicht nur Yin und Yang miteinander verbunden, sondern im authentischen Ausdruck durch die Dunkelheit hindurch haben sie sich an ihr inneres Licht angeschlossen. Indem sie die Dunkelheit transzendiert haben, wurde ihr Licht, symbolisiert durch das Überwinden der Blindheit, fest in ihrer Persönlichkeit verankert. Sie kehren darum zurück mit dem göttlichen Kind in ihrer Obhut, einem Jungen und einem Mädchen, kehren zurück als vereinte Familie mit einem klaren Bewusstsein für ihren lebendigen göttlichen Aspekt, der sich nun in purer Freude und Manifestationskraft äußert. Freude ist die Natur des Göttlichen, und die Natur der göttlichen Frechheit ist die Manifestationskraft, die die Realität nicht nur hinnimmt, sondern sie erschafft. Sie existiert aus sich selbst heraus und für sich und bringt so die eigene Seele in die Welt. Hoffentlich berührt sie dort in der Welt wenigstens eine andere Seele, die ihrerseits ebenfalls, inspiriert durch die Berührung, zum Ausdruck eines göttlichen Aspekts wird. Für Rapunzel wird sicher der Gesang das Medium ihrer Manifestationskraft und Weltwirksamkeit sein, wie er bereits das Medium ihrer inneren Freiheit war.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein