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Nummer 14: Frau Holle

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im fünften Dreieck 
zum Thema Konsistenz und Integrität

Titelbild: Annette Greiner

Verkanntes Talent

Die antagonistischen Kräfte im Leben liegen fast immer mit einer beiordnenden Konjunktion verbunden vor, selbst im einzelnen Menschen. Dabei müssen wir gleich bedenken, dass die Aufteilung der Instanzen auf mehrere Figuren nur der Erzählbarkeit des Märchens dient. In Wahrheit und Wirklichkeit ist alles eins. Wir alle sind zugleich schön und fleißig und hässlich und faul. Das indianische Gleichnis von den zwei Wölfen im Menschen, der eine schwarz, der andere weiß, endet mit der Frage des lauschenden Enkels an seinen Großvater, welcher der beiden Wölfe, von denen der weiße für die Gerechtigkeit und den Frieden steht und der schwarze für Angst, Wut und Hass, am Ende siegen werde. Der Großvater antwortet, es käme darauf an, die beiden Wölfe so zu füttern, dass sie in einen Zustand von Balance hinein fänden und miteinander koexistieren könnten. Die Bibel spricht mit der mythologisierten Figur Jesus und dem Symbol des Kreuzes allerdings deutlich von einer Überwindung des schwarzen Wolfes.

Die antagonistischen Schwestern werden nun von der Mutter nicht im Sinne dieser Weisheiten erzogen und geführt. Sie werden mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit bedacht, und zwar: 

Ist das hässliche Gesicht, das wir vor allem in Stress- und Konfliktsituationen zeigen, unsere Wahrheit, die uns rechte Tochter also?, fragen wir uns oft über uns selbst und andere, wenn wir uns selbst und andere kaum wiedererkennen in dem, wie wir schmerzerfüllt und impulsiv reagieren. Jedenfalls ist es die Tochter, die der Mutter näher steht, die sie länger kennt als die Stieftochter. Die rechte Tochter hat sie im eigenen Leib ausgebildet und mit den eigenen Genen ausgestattet. Sie ist ihr von Anfang an vertraut und mit ihr ist sie gewachsen. So wie wir mit unseren frühkindlichen Konditionierungen an Überlebensstrategien gewachsen sind, von denen das hässlichen Benehmen (Aggression/Aktivpole aller Art) und die energiesparende Selbstschonung (Lethargie/Passivpole aller Art) die übergeordneten Kategorien bilden. Ein schönes, auf Werten basierendes Verhalten (Yang) und eine fleißige, weil achtsame Haltung (Yin) müsste erst erlernt werden. Dazu müsste sich das Gehirn erst umstrukturieren, ganz wie es das zum Lesenlernen vollbringt, der ersten großen neuronalen Umstrukturierung. Diese Tochter scheint einem weit weg vom eigenen Wesen zu sein, zumindest dann, wenn man sie nicht durch Erleben und Erfahrung langsam kennenlernen durfte. Sie scheint fremd und nicht die rechte Tochter zu sein. Wenn nichts an Bildung und niemand an Vorbild uns mit dieser uns fremden Tochter vertraut macht, bleibt sie sogar bedauerlicherweise ein Leben lang die ungeliebte Stieftochter. Sie muss in der Asche schlafen, weil man ihren Wert einfach nicht erkennt, solange man sie nicht kennenlernt. Solange man nichts von ihren wahren Fähigkeiten weiß, setzt man sie falsch ein, zum Beispiel (selbst-)ausbeuterisch. Man spürt ihren Wert im Hintergrund rauschen, wie das Blätterrascheln der Pappeln im Wind, aber man kann das Rauschen nicht deuten. So werden bei fehlender humanistischer Bildung durch ein Vorbild die Einstellungswerte Wertschätzung, Respekt und Hilfsbereitschaft verkannt und falsch verkörpert und zum typischen Helfersyndrom herabgemindert, zur Selbstaufopferung also und zur Selbsterniedrigung oder zur Ausbeutung und Erniedrigung anderer: 

Das Leben mit der anderen, mit der noch so fremd scheinenden Stieftochter könnte stattdessen leicht und freudvoll sein, wenn man ihre Talente nicht so missverstehen und stattdessen richtig einzusetzen wüsste.

Führung des Lebens

Wenn die (nächste) Transformation ansteht, greift das Leben ein. Es wäre zu kurzsichtig gefragt, rückwärtsgerichtet nach der Symptombedeutung zu schauen und den Spulenverlust aus dem bisherigen Erleben des Mädchens heraus zu deuten als Hinweis auf Unbewusstes, auf inwendig Verlorengegangenes oder Entbehrtes zum Beispiel, selbst wenn diese Bedeutung erkennbar ist. Auch im Leben lohnt es sich viel häufiger, statt nach dem Warum nach dem Wozu zu fragen. Was steht als nächstes an und wird durch das Unglück eingeleitet?

Das Mädchen geht noch weinend zur Stiefmutter, wo es erwartungsgemäß keinerlei Empathie und Unterstützung erfährt. Stattdessen wird es mitleidlos gezwungen, den Schaden auch unter Lebensgefahr (und keineswegs auf vernünftige Art) zu beheben: 

Das hilflose Mädchen, das an der Schwelle zwischen hilfloser Angst und der Anerkenntnis der eigenen Fähigkeiten und Kraft steht, geht alleine zum Brunnen zurück.

Es springt also mit der bewussten Intention, die alten Verhältnisse wieder herzustellen, die aufgebrachte Stiefmutter zu besänftigen, den Schaden zu beheben. Selbst wenn es sich in Lebensgefahr begibt, springt es nicht, um sein Leben zu beenden. Und doch ist die Angst vor dem, wie sich das Leben für das Mädchen darstellt, verkörpert durch die Stiefmutter, die Personifikation der uns eigenen Unbewusstheit und Selbstlieblosigkeit, größer als die Angst vor dem möglichen Tod.

Zäsur

Die Schwelle wird überschritten. Der Sprung in den Brunnen stellt eine Zäsur dar. Es gibt nun ein Leben vor und eines nach dem Sprung, wie es für manche Menschen ein Leben vor und nach einem Unfall, einer Krankheit, einem Verlust, einer Trennung gibt. Für einige Menschen gibt es auch ein Leben vor und nach einer Entdeckung wie das Lesenlernen, die Aufnahme in die Tanzschule, das lang ersehnte Musikinstrument, der Aufbruch in ein fremdes Land oder sogar vor und nach einer Erweckungs- oder Erleuchtungserfahrung. Eine Zäsur jedenfalls leitet Neues ein. Etwas Neues wir sich entwickeln, für das die Zäsur den Raum freimacht, indem sie den Geist öffnet. Manchmal müssen wir dafür nichts weniger als dieses ewige Besinnen – oder Besonnensein – verlieren.

Die Emanzipation von den Ängsten, dem Mangelempfinden, den Unzulänglichkeitsgefühlen, der Selbstlieblosigkeit, der Selbstentfremdung und Selbstunbewusstheit hat begonnen. Das Mädchen ist zu sich selbst gekommen, ist also seines Selbstes nun gewahr geworden. Nun spiegelt es sich nicht mehr in Mühsal, Schuldzuweisung und blutiger Selbstaufopferung, sondern in einer schönen Wiese, im Sonnenschein und in Blumen. Nochmal zur Erinnerung: Beides ist zur gleichen Zeit am selben Ort verfügbar. Die Frage ist, wohin wir, unserer inneren Verfassung gemäß, unseren Blick lenken. Gespiegelt wird nun nicht mehr das Ego und verlassene innere Kind, sondern das Selbst und das behütete, im Selbst gehaltene innere Kind. 

Durchaus gäbe es die Möglichkeit, vor der Größe und dem Glanz in Panik zu verfallen und wegzurennen oder die Augen zu schließen und sich der Selbsterkenntnis zu verschließen. So wird es die Stiefschwester später machen. Die Ahnung von machtvoller Selbstverantwortung kann eine unvorbereitete und unreife Psyche auch überfordern. Wer sich durch falsche Identifikationen (z. B. mit der Mutter und Stiefmutter der Mädchen, der jedes Maß an Wertschätzung und Mitgefühl fehlt) gar keinen Werten angenähert hat, hat auch keine neuronalen Strukturen ausgebildet, von denen Größe und Glanz verwertet werden könnten. Ideen von Größe und Glanz und damit einhergehender Selbstverantwortung müssen als fremdartig empfunden werden und darum als bedrohlich. Aus diesem Grund wird die andere Schwester jede Erfahrung verweigern, mit der sie ihre Ressourcen aktivieren könnte. Sie erkennt die Ressourcen nicht als zu ihr gehörig.

Der eigene Weg

Die erste Schwester aber, die es, wodurch auch immer, geschafft haben mag, sich nicht mit der Stiefmutter zu identifizieren, sondern die vielleicht noch aus vorheriger Zeit oder auch genetisch bedingt auf einen anderen Wertekanon zugreifen kann, geht den Weg, der sich ihr nun bietet.

Was nun wie eine Reihe von Charakterprüfungen anmutet, ist in Wahrheit die Schule des Lebens und Charakterschmiede. Indem das Mädchen beispringt und hilft, integriert und verankert es seine unbewussten Ressourcen. Es wird sich seiner Werte und bisher unbewussten Einstellung bewusst – „Wer bin ich wirklich?“ – und verwirklicht sie – “Welche Bedeutung hat meine Identität?”. Bewusstwerdung und Verwirklichung zusammen, Yin und Yang im Verbund, verankern die Widerstands- und Liebesressourcen der Dreiecksflächen. Die in der Solidarität verwirklichte Empathie aktiviert das Selbstvertrauen. Vom erlösten fünften Dreieck aus, der Integrität als Ressource, werden die vier Dreiecke davor in ihren Ressourcen Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Selbstwertsicherheit und Selbstvertrauen aktiviert. Der spätere Goldregen, der für die Lebensqualität der Ernte steht, symbolisiert die aktivierten integralen Ressourcen des Mädchens, das noch in der Schwingung von Angst und Mangel in den Brunnen gesprungen ist und in der Haltung von Akzeptanz, Authentizität und essenziell-existenzieller Konsistenz zurückkehrt.

Gerade darauf, alles herauszuholen, kommt es an, alles, was an Unbewusstem vorliegt, zu schütteln und zu rütteln, bis nichts mehr oben ist, was an Frucht und möglicher Ernte noch unaktiviert und damit ungeerntet schlummert, und dann weiterzugehen, um das Entdeckte zu festigen und zu integrieren.

Haus der Introspektion und die Zähne der Frau Holle

Die Zähne werden literarisch als Symbol der Wahrheit und der Lüge gedeutet, des Charakters, der Einverleibung, des Begehrens und der Gier. Mit allen Symbolbedeutungen zusammen ließe sich das fünfte Dreieck und seine Entwicklung beschreiben, vom Schattenpol der Gier (Aktivpol) (oder ihrer Kontrolle im Geiz (Passivpol)), die danach strebt, sich Menschen und Dinge zur Mangelkompensation einzuverleiben, über die Unterscheidung von Lüge und Wahrheit im Prozess der Emanzipation von der Angst vor Mangel, der in der gütigen Akzeptanz mündet (Yin) bis zum im authentischen Ausdruck sichtbar werdenden Charakter (Yang) nach erreichter Integrität aller Schattenaspekte (Dreiecksfläche, inneres Kind in Balance).

Frau Holle stünde demnach für eine Instanz, an der sich die Geister scheiden werden oder um in der Metaphernwelt zu bleiben, an der sich die Spreu vom Weizen trennt: Die einen lassen sich von der Herausforderung der notwendigen Innenschau und dessen, was sie da vorfinden, nicht abschrecken, die anderen aber weichen zurück, werfen die Flinte ins Korn und verweigern sich der Introspektion mit Händen und Füßen, wie man so sagt. Frau Holle gleicht der Dame Aiuóla im Änderhaus in Michael Endes Jugendroman „Die unendliche Geschichte“. Beide Frauen schauen bis auf den Grund der Seele und helfen, Verborgenes, Verdrängtes, Vorbewusstes, Vergessenes ans Licht zu holen, wenn man es wirklich will. Frau Holle wird helfen, zwischen Selbstbetrug und innerer Wahrheit zu unterscheiden, wenn man sie darum bittet. Sie wird den Weg zur Herstellung von Ganzheit aufzeigen, und wird einen dann alleine gehen lassen. Was sie aber nicht tun wird, ist, den Selbstbetrug zu decken. Sie lässt sich ihr Unterscheidungsvermögen, für das die Zähne vor allem anderen stehen, nicht abkaufen. Wer die Arbeit, wie später die Stiefschwester, nur der Form halber erledigt, ohne mit dem Herzen dabei zu sein, der bekommt nicht das Zeugnis von erfolgreicher Transformation ausgestellt. Auf einen Etikettenschwindel braucht man angesichts von Frau Holles Zähnen nicht zu hoffen. Wer ein unreifes Kind bleiben will, kann das tun, und Frau Holle wird kein Urteil darüber fällen. Wer in der Selbstillusionsbildung aber auf Goldregen hofft, der erhält eine hoffentlich doch noch augenöffnende Quittung seiner vermeintlichen Bemühungen. 

Vor den Zähnen also hat sich derjenige nicht zu fürchten, der die Wahrheit hören will und nichts als die Wahrheit. Sich an den Zähnen vorbei zu mogeln aber funktioniert nur scheinbar. In Wahrheit funktioniert es überhaupt nicht.

Individueller Sinneswandel und gesellschaftliche Transformation

Angesichts dessen, dass es später im Märchen heißt, dass es dem Mädchen ausgesprochen gut ging bei Frau Holle, wird hier kein Sklavendienst verabredet. Die Art von Arbeit, um die es hier geht, muss überhaupt keine Mühe bereiten, selbst wenn sie Sorgfalt erfordert und mit ihrer Wirkung bis in die Welt hineinreicht. Der Schnee ist hier besonders in der Symbolik, Träger einer Spur bzw. von deren Auslöschen zu sein, wie auch dessen schalldämpfender und eine friedliche Atmosphäre erzeugende Effekt bedeutsam. Durch den individuellen Sinneswandel werden alte, bedeutungslos gewordene Spuren gelöscht und es können neue gelegt werden. Die Verbindung zur Neuroplastizität des Gehirns scheint überraschend offensichtlich, selbst wenn im 19. Jahrhundert noch absolut keine Rede von neurologischer Plastizität gewesen sein konnte. (Es lebe die Sinnoffenheit der Märchen!) Von Charakterbildung aber dürfte die Rede gewesen sein, und vielleicht ahnten die Brüder Grimm, dass Veränderung im Charakter möglich sein müsse, solange ein Mensch atme. Hat man nicht im Umfeld aller Revolutionen erfahren, wie individueller Sinneswandel durch Vorbilder auch eine gesellschaftliche Transformation einzuleiten vermochte? Das Vorbild schneit als frischer Schnee in die Welt hinein. Bei ausreichend großer Neuschneemenge wirkt die Landschaft wie befreit. Und der Deal geht sofort auf: 

Hier ist von Fülle die Rede. Die Manifestation von innerer Zufriedenheit und Balance, von Identität zwischen Innen und Außen, ist Konfliktlosigkeit und Fülle. Ein dergestalt integrerer Mensch lebt die innere Haltung der Akzeptanz und Güte (Yin). Er akzeptiert, die eigenen Bedingungen wie die Bedingungen anderer und läuft keinesfalls mehr mit Kritiklust und Veränderungswut durch die Welt, was vormals ein großes Konfliktpotenzial mit sich führte, vor allem in dem Versuch, den Spiegel zu putzen, wenn einem das Spiegelbild nicht gefiel. Das Spiegelbild kann man nun lassen, wenn man mit zunehmender Integrität begreift, dass Konflikt und Konfliktlosigkeit sich ausschließlich über die Resonanz steuern lassen. Ab dem vollständigen Begreifen dieses Mechanismus, was von manchen auch als spirituelles Erwachen bezeichnet wird und sich manchmal in dem Gedanken „was mache ich hier eigentlich gerade?“ manifestiert, muss nirgendwo mehr ein böses Wort fallen. Es macht einfach keinen Spaß mehr, dient keiner Kompensation mehr und führt sogar zu zutiefst empfundener Langeweile. Statt durch ein böses Wort, direkt ausgesprochen oder hinter vorgehaltener Hand kolportiert, drängt es einen integeren Menschen danach, Veränderung immer dadurch herbei zu führen, dass das eigene Bett aufgeschüttelt wird. Und zwar, wie Frau Holle es fordert: fleißig aufgeschüttelt, dass die Federn ordentlich fliegen.

Ein Märchen der Ernte

Interessant und von vielen Märchenleserinnen und -lesern wohl mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert, liest sich das überraschende Heimweh des Mädchens, dessen es sich selbst zuerst nicht ganz sicher ist, um welche Art von Melancholie es sich handelt. Von Frau Holle dagegen erntet ihr Gast volle Zustimmung.

Es geht nicht darum, sich in der Introspektion von der Welt zurückzuziehen und sich in der Innenwelt zu verlieren, um nicht mehr am Leben teilnehmen zu müssen, selbst wenn ein temporärer Rückzug notwendig sein mag. Worum es geht, ist, mit den aktivierten Ressourcen und gehobenen Schätzen, den entdeckten inneren Archetypen weltwirksam zu werden, und das aus der Mitte heraus. Man würde mit den Lebensqualitäten sonst in der Mitte stecken bleiben und den Kreislauf nicht vollenden. Notwendig ist es, die Fülle in der Begegnung zu säen, um dann die Ernte einfahren zu können, eben die gesellschaftliche Transformation. Dazu muss nicht jeder Mensch Therapeut oder Therapeutin werden. Den Mitmenschen in der therapeutischen weil achtsamen Haltung der Toleranz zu begegnen verwirklicht die Lebensqualität der Intuition und umweht den als Vorbild fungierenden Menschen mit dem Duft von frisch gefallenem Schnee und der authentischen Einzigartigkeit einer einzelnen Schneeflocke. Das genügt. Es sei denn, der Ausgleich der Welt hält einen Goldregen bereit. Nun, dem sollte man sich nicht ohne guten Grund verweigern.

Dann ist es zusätzlich das strahlende Gold, das wie im Märchen „Die Sterntaler“ einerseits dem sicheren Leben jenseits des Existenzkampfes dient, wie es sich bei überwundener Angst vor Mangel von selbst einstellt, und andererseits das Material liefert, um noch intensiver wirken zu können, zu säen, zu pflegen und zu ernten.

Kontinuität im Wandel

Indem Frau Holle dem Mädchen zum Abschied noch die Spule zurückgibt, die ihm in den Brunnen gefallen war, wird von der Kontinuität im Wandel erzählt. Kein Mensch wird in seinem Wesen ausgetauscht und völlig verändert, wenn innere Arbeit geleistet wird. Vielmehr ist Wandel notwendig, um man selbst bleiben oder auch erst werden zu können. Man kann sich an seine integrierten Schatten gut erinnern und gerade diese Erinnerungen werden der gütigen Akzeptanz als neuer Haltung sehr dienlich sein. Es kommt lediglich, symbolisiert im Goldregen, das vorher unbewusste Potenzial zum Vorschein, das dem Wesen nach aber bereits zum Menschen gehört hatte. Im Änderhaus in „Die unendliche Geschichte“ erinnert die Dame Aiuóla den Protagonisten Bastian daran, wodurch die Schätze verloren gegangen waren und lässt sie ihn durch seine eigene Verjüngung wiederfinden. Im Haus der Frau Holle werden die Schätze durch die Resonanz mit den Handgriffen täglicher Arbeit gehoben. Was bisher im tiefsten Brunnen der Unbewusstheit verborgen gewesen war, wird an die Oberfläche geholt, damit der Mensch überhaupt erst er selbst werden und dann auch bleiben kann. Und so quittiert der Hahn dann auch: 

Das Possessivpronomen „unsere“ und das Adverb „wieder“ zeigen an, dass hier nichts Neues und Fremdes den Hof betritt, sondern etwas ganz Vertrautes und Bekanntes. Womöglich ist der Hahn nicht mal von dem goldenen Glanz überrascht. Als sensibles Tier dürfte er die Wahrheit des Mädchens lange vor deren Manifestation im Außen gespürt haben.

Von der Projektionsfläche zum Resonanzraum

Am Anfang des Märchens war das Mädchen noch Projektionsfläche für die Ängste und das Mangel- und Unzulänglichkeitsempfinden der Stiefmutter. “hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.” Mit der gleichen Mitleidlosigkeit, die die Mutter für sich empfunden hat, schimpfte sie auch ihre Stieftochter aus und schickte sie unter Lebensgefahr in den Brunnen, den Schaden zu beheben, statt dem Kind beizustehen. Die Projektion brauchte ein dualistisches Gegenüber in der gleichen (Ur-)Angst, was sie im noch hilflosen Kind leicht finden konnte. Von der Angst befreit und im Gold des eigenen Wertes verankert, wird das Mädchen nun nicht mehr als Projektionsfläche dienen. Stattdessen wird es zum Resonanzraum. Werte werden zum Klingen gebracht, sobald ein Hauch von Sprache und Bewegung die innere Haltung streift, als würden goldene Glöckchen im Raum hängen, die hoch empfindsam reagieren und Klang erzeugen. In der Funktion der Projektionsfläche sagt jemand „A“ und die Antwort entspringt automatisch dem dualen Gegenpol: Überhöhung – Abwertung; Beweiszwang – Selbstverleugnung; Anhaftung – Rückzug. Gier – Geiz. Und so weiter. Im Wesen des Resonanzraums sagt immer noch jemand ganz unbekümmert oder auch zutiefst bekümmert „A“, aber die Antwort bringt eines oder mehrere von vielen goldenen Glöckchen zum Klingen, über deren Klangabfolge Gestaltungsfreiheit und Gestaltungskraft herrschen: Überhöhung/Abwertung – Wertschätzung, Respekt; Beweiszwang/Selbstverleugnung – Empathie, Ermutigung, Unterstützung; Gier/Geiz – Präsenz, Großmut, Wärme, Humor… Und so weiter. Transzendenz bedeutet an dieser Stelle, die äußere Form des Gesagten zu transzendieren und auf das Wesentliche zu schauen und nur darauf zu reagieren, nur auf das Wesentliche, das Essenzielle, nicht auf den existenziellen (Angst-)Ausdruck.

Während die Reaktion auf den Verlust der Spule zu Beginn des Märchens noch so erzählt wurde, dass Stiefmutter und Stieftochter sich in dualistischen Algorithmen bewegt hatten – Hochmut und Abwertung von Seiten der Stiefmutter, Selbstherabwürdigung und Furchtsamkeit auf der Seite der Stieftochter – würde sich diese Episode nun ganz anders erzählen. Die Beschimpfung der Stiefmutter würde die Stieftochter nun mit Selbstachtung und Würde beantworten. Vermutlich würde sie Empathie für die Angst der Stiefmutter zeigen und einen konstruktiven Umgang mit dem Materialverlust in souveräner Selbstverständlichkeit vormachen, indem wie zum Beispiel beim Krämer eine neue Spule kauft und dafür die wirtschaftliche Verantwortung übernimmt. Die Herabwürdigung würde sie sich in klarem Ton verbitten. Allerdings würde es zu diesem ganzen Märchen hier gar nicht mehr kommen, denn keinesfalls würde die von ihren Ängsten emanzipierte junge Frau noch mal so lange spinnen, bis ihr die Finger bluten und sie die Spule im Brunnen abwaschen muss, sondern sie würde einen vernünftigen, erwachsen-selbstfürsorglichen Arbeitsrhythmus etablieren und sich die stiefmütterliche (Selbst-)Ausbeutung ebenfalls sehr klar verbitten. 

Das ist die Geschichte hinter „gut aufgenommen“. Mit einem Menschen, der nicht mehr Projektionsfläche, sondern Resonanzraum ist, noch in Konflikt zu geraten, ist schwer, also wird so ein Mensch „gut aufgenommen“. Man begegnet dieser Haltung, die als Aura spürbar ist, intuitiv mit Respekt und erhält umgekehrt den gleichen Respekt gezollt. Das äußere Gold steht nun für die innere Haltung der Güte (Yin), die schöpferische Authentizität (Yang) und die Ressource der Integrität (Dreiecksfläche/erlöstes und im Selbst gehaltenes inneres Kind). Das kann wahrlich als Reichtum bezeichnet werden. Es bildet die Fülle eines Menschen und den inneren Reichtum – der sich im Außen manifestieren wird.

Imitation schafft noch keine Emanzipation

Nun will die Mutter auch ihre eigenen Ängste erlösen, geht also in Resonanz mit der goldenen Güte der Stieftochter. Sie steht an der Schwelle, die Dualität potenziell verlassen und überwinden zu können und in die Polarität einzutreten, es sich zumindest zu wünschen, indem wiederum die Glöckchen der Werte in der Stieftochter Glöckchen von Werten in der Mutter zum Klingen bringen konnten. Ganz leicht. Ganz sanft. Sie schwingen bisher nur leise, aber sie schwingen.

Die andere Tochter aber ist weiterhin Projektionsfläche der Mutter, während die Mutter sich noch immer nicht um die eigenen Abgründe kümmert, sondern auf Veränderungen bei anderen wartet und hofft. Sie wird also vor der Schwelle stehen bleiben und in Entwicklungslosigkeit verharren. Die Tochter wird genötigt, alle Erweckungsgelegenheiten zu imitieren, von denen die Stieftochter berichtet hat. Aber das ist gerade die Krux: Reine Imitation und die schon erwähnte bloß funktionale Ausführung von Gesten und Handlungen ohne ein emotionales Involviertsein mögen die passenden Hirnareale zum klingen bringen, verankert wird aber nichts. Der in der Realität erfahrbare grundlegendste Fall des Scheiterns ist vielleicht der Analphabetismus. Fehlen die Motivatoren Neugier und Freude, gelingt keine Bildung, egal worin der Mensch gebildet werden soll, sei es eine formale Bildung oder eine humanistische Herzensbildung. Wie im Märchen Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, erzählt wird, braucht es ein von Blockaden befreites Sakralchakra mit einer frei fließenden Verbindung zum Herzchakra, um lernen und wachsen zu können. Der Mensch muss sich lebendig und geliebt fühlen. Die Blockade allerdings, die Reife verhindert, kann in jedem Energiezentrum des Menschen sitzen. Der fatalste Ort der Blockade wäre, da er sich auf alle anderen inwendigen Orte auswirkt, das Kronenchakra. Wenn eine resignative Lethargie den Willen zur Selbstverwirklichung blockierte, wäre der Mensch – und die Gesellschaft – wahrhaft zu bedauern ob des Verlustes an Potenzial, das im späteren Pech steckenbleiben wird.

Sich nun die Spule in die Finger zu stechen, damit die Spule blutig wird, und die Spule dann künstlich in den Brunnen zu werfen, ist das Gegenteil von freiem Fluss. Keine Angst vor den großen Zähnen der Frau Holle zu haben, weil man von ihnen schon gehört hat und sich vorbereitet fühlt, ist nicht das Gleiche, wie Vertrauen in ihre Wahrsagekraft und in die eigene Wahrheit zu haben. Die Selbstschonung in der Verweigerung der notwendigen Arbeiten, und den mit diesen Arbeiten verbundenen Geschöpfen den gebührenden Respekt, die Empathie und die Solidarität vorzuenthalten, hat rein gar nichts mit einer selbstwertschätzenden Arbeitsethik zu tun. Es führt zu gar nichts außer zur Selbstvergewaltigung, sich zu einer (inneren) Arbeit zu zwingen, deren Sinn und Bedeutung man aus mangelnder psychischer Reife noch gar nicht zu erfassen vermag und mit deren Intention man sich also auch nicht identifiziert.

Wird nicht so manche Therapie im Leben begonnen, um etwas Äußerliches zu erhalten, eine Beziehung oder einen Arbeitsplatz zu retten, Reichtum zu erlangen oder eine Traumfigur? Der gesamte Markt an Ratgeber- und Selbsthilfebüchern lebt von dieser Wenn-Dann-Scheinmotivation und dem selbstauferlegten Zwang, dem die zweite Tochter hier unterliegt. In der Neurologie und im Märchen Belesene wundern sich wohl nicht über die fehlende Nachhaltigkeit dieser Anstrengung: 

Man muss diese Menschen lassen. Man muss sie gehen lassen, wenn keine Resonanz erzeugt werden kann, wenn die Räume sich nicht überschneiden und die Glöckchen des einen Raums im anderen Raum kein Echo erzeugen und keine passenden Glöckchen zum Klingen zu bringen vermögen. Veranlagung, Erfahrung und Entwicklung einschließlich der erfolgten Konditionierungen und verinnerlichten Selbstbilder, Haltungen, Muster und Glaubenssätze sind individuelle Bedingungen, die von anderen zu akzeptieren sind, was nicht heißt, dass sie ausgehalten werden müssen. Die Märchen sprechen eine klare Sprache an Selbstachtung und Konsequenz: 

Diese Aufkündigung der Beziehung ist völlig legitim, denn Frau Holle ist keine Verwahranstalt für verzogene Kinder, sondern ein Haus der Selbsterforschung und Selbstevolution, des Sinneswandels und der Transformation. Wer sich nicht einwickeln möchte, wird in seinem Nichtwollen akzeptiert, kann sich dazu aber einen anderen Ort suchen. An diesem Ort hier gilt diese Einladung und keine andere. Sie kann angenommen oder abgelehnt werden und die eine Entscheidung ist so gültig wie die andere.

Konsequenzen selbst tragen

Welche Konsequenzen allerdings die Wachtumsverweigerung gegenüber dem eigenen Selbst für das Leben hat, darüber gibt Frau Holle, ihren großen Zähnen verpflichtet, klare Auskunft. Die mit Pech überschüttete Tochter wird vom Hahn illusionslos begrüßt: 

War mehr als dieses Verharren in der Nichtentwicklung aufgrund der (genetischen und konditionierten) Veranlagung des Mädchens auch nicht zu erwarten oder war nur die Zeit nicht reif und der Hahn hat es gespürt? Hoffentlich gilt das Zweite, denn sonst fiele die Märchenprognose noch düsterer aus, als sie ohnehin schon klingt:

Wollen wir also gedanklich ergänzen: Solange sie lebte und sich nicht ihrer Selbsterkenntnis widmen wollte.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein