loading please wait..

Nummer 13: Von dem Fischer und seiner Frau

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im fünften Dreieck 
zum Thema Konsistenz und Integrität

Limitationen

Ein Mann und eine Frau wohnen zusammen in einem alten Topf. Es handelt sich um einen Nachttopf. Im Mundartoriginal heißt es „Pisspott“. Der Eingang des Märchens ruft das Bild von Mangel auf. Es mangelt an Raum, an Schönheit, an Sauberkeit. „Es ist eklig und stinkt“, sagt die Frau über ihre Wohnung. Erwartungsgemäß. Der Mann sagt nichts dazu. Er scheint ein genügsamer Mensch zu sein, ohne große Ambitionen und Vorstellungsvermögen. Von Zufriedenheit ist hier keineswegs die Rede, wie manche gedacht haben mögen, sondern eher von der Einfältigkeit des personifizierten Passivpols, der nichts wahrnimmt, nichts fühlt und sein Leben an sich vorbeilaufen lässt oder vielleicht läuft auch er neben dem Leben her. Jedenfalls involviert in das, was in seinem Leben geschieht, scheint er nicht zu sein. Es existiert sich eben so vor sich hin, in diesem Leben, wie es eben ist, in ewiger Wiederholung dessen, was eben ist: 

Das Stilmittel der Wiederholung wird gleich darauf noch einmal eingesetzt, um anzuzeigen, dass dem Fischer in seiner Fantasielosigkeit auch wirklich nichts anderes einfällt, um seine Situation zu verbessern, falls er sie überhaupt als verbesserungswürdig zur Kenntnis genommen hat, als zu warten: 

Nichts bewegt sich in diesem Leben. Nichts wächst oder entwickelt sich. Nichts wird ausgedrückt und verwirklicht, was im Innern an Lebendigkeit vorliegen mag. Man angelt und angelt und sitzt und sitzt und offenbar nörgelt und nörgelt man noch und erduldet und erduldet den Gestank. Die Wiederholung der Verben deutet die Langeweile der Ereignislosigkeit dieses gänzlich ungelebten Lebens an, das sich in einem stinkenden, ekligen Topf abspielt. Hier drückt sich kein schöpferisches Wesen auf seine individuell kreative Art aus. Hier entzieht sich ein Wesen dem Leben, enthält der Welt seinen authentischen Ausdruck vor, so dass ganz einfach rein gar nichts geschieht, als hätten die Menschen schon längst resigniert. Der alte Topf fault und modert vermutlich vor sich hin und das ist noch die größte beobachtbare Bewegung im Leben dieser beiden Menschen, der Verfall. 

Blockaden und mangelndes Vorstellungsvermögen

Das Ereignis, dass eines Tages die Angel des Fischers auf Grund geht und der Fischer einen Butt herauszieht, versetzt den bewegungslosen passiven Mann derart in Überraschung, dass seine Fantasie nun erst Recht nicht mehr in Gang kommt. Der Butt spricht zu ihm, womit er sich als reichlich außergewöhnlich unter den Fischen auszeichnet, und seine Sprache ist ziemlich flott:

Ein verwünschter Prinz? Versierte Märchenleser fragen hier sofort: Was ist dem Prinzen geschehen? Weshalb wurde er verwünscht? Wer hat das getan? Und warum? Was ist die Bedingung, unter der der Prinz erlöst werden kann? Aber nichts dergleichen kommt dem Fischer in den Sinn. Er nimmt die Information einfach hin. Ihm fehlt die Präsenz, sich für die näheren Umstände der Verwünschung zu interessieren und das Urteilsvermögen, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Man fühlt sich an den Protagonisten aus dem Märchen “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen” erinnert. Ihm sind der Worte jetzt schon zu viel, als sei dieser Mensch ganz vollgestopft und blockiert mir irgendetwas, das keinen Raum zum Widerhall mehr lässt:

Darauf setzt er ihn wieder ins Wasser. Ende der Geschichte, wenn es nach diesem Helden hier ginge. Kein Staunen. Kein Wundern. Kein Verhandeln. Keine Forderung nach Ausgleich für das immerhin entgangene Abendessen. Der Fischer wird mit leeren Händen nach Hause kommen und es ist anzunehmen, dass die Eheleute für diesen Tag nichts zu essen haben werden. Aber darüber scheint der Mann sich keine weiteren Gedanken zu machen. Und zwar nicht deshalb, weil er sich innerlich voll und reich fühlt und des Abendessens leicht entbehren kann, sondern weil ihm der Zugang zu seinen Empfindungen fehlt, um die Situation überhaupt angemessen wahrnehmen zu können. Er hatte ja geangelt und er hatte etwas gefangen und jetzt hat er halt nichts im Eimer, weil er den Fisch ja wieder hat schwimmen lassen. So erzählt der Fischer es seiner Frau und die mag mit Jean-Jacques Rousseau denken: “Was man Tugend nennt, ist oft nur die Unfähigkeit, ein Vergnügen zu fühlen.” Ob er sich denn nichts gewünscht habe, fragt sie 

ihren Mann. 

Ist dem Mann bisher entgangen, dass der Topf, in dem die beiden leben, kein Vergnügen darstellt und einiges zu Wünschen übrig ließe? An dieser Stelle benennt die Frau die Realität für sie beide: 

Dem widerspricht der Mann durchaus nicht. Er hält nicht dagegen, dass er den Topf ganz anders wahrnehme und dass diese Umgebung vielleicht aus karmischen oder anderen persönlichen Gründen ganz ihm entspreche. Er stimmt also im Prinzip mit der Frau überein. Er kann sich nur nicht vorstellen, dass man etwas daran ändern könnte, selbst dann nicht, als die Frau ihn bittet, nochmal zu dem Fisch zu gehen und für Ausgleich für den ihnen entgangenen Gewinn zu sorgen.

Gegenpole Gier und Geiz

Die Frau muss ihrem Mann daraufhin erst nahe bringen, wie der gewöhnliche Mechanismus von Geben und Nehmen oder auch von entgangenem Gewinn aufgrund einer barmherzigen Geste und angemessenem Ausgleich funktioniert:

Wer noch immer an Tugend in der Figur des braven Fischers glauben möchte, wird spätestens jetzt seiner Illusion beraubt. Tugend immerhin würde sich selbst vertreten, weil sie von der Rechtmäßigkeit ihrer Haltung aufgrund eines gesunden Bewusstseins für den eigenen Wert überzeugt wäre. Der Mann und die Frau aber sind einander gegenpolige Projektionsflächen. Die Frau agiert das unterdrückte, weil nicht wahrgenommene  Begehren des Mannes aus. Das fünfte Dreieck verbindet sich thematisch hier mit dem zweiten Dreieck, dem Thema der Lebendigkeit und Kreativität. Wir kennen das Phänomen vielleicht noch aus unserer Kindheit: Das Kind, das sich aus Angst vor Kritik, Maßregelung und Bestrafung keine Forderungen bei den Eltern erlauben konnte, hat eines der beliebteren und zumeist jüngeren Geschwister geschickt, um nach Eis zu fragen, und hat selbst so getan, als begehre es nichts. Denn sein Begehren musste in den Schatten verdrängt werden, weil es sie an sich selbst als eine unerwünschte, kritisierte und abgelehnte Eigenschaft erfahren hat. Bei einem Einzelkind gab es nicht mal einen Kanal, der noch hätte zum Ausdruck der eigenen Wünsche instrumentalisiert werden können. Um der oft von den Eltern eingeforderten (Schein-)Harmonie zu genügen, hat das Kind sich selbst darauf konditioniert, seine Wünsche nicht mehr wahrzunehmen, also Wunschlosigkeit vorzugeben, um vielleicht die Finanzkraft der Eltern nicht zu überfordern, sei nicht in Bedrängnis zu bringen und keinen Konflikt zu provozieren. Beim Fischer und seiner Frau läuft es zwar überkreuz, aber der psychologische Mechanismus ist dergleiche: Der Fischer erscheint vor dem Butt als derjenige, der ja nur den Wunsch der gierigen Ehefrau vorträgt. Er selbst glaubt von sich, keine Wünsche zu haben und er meint, er trage den Wunsch der Frau nur vor, um seiner Frau nicht zuwider zu sein. 

Deutung

Was in der Interpretation des Lesers verbleibt, ist der Aspekt der korrespondierenden und sich im Laufe des Märchens deutlich verändernden Atmosphäre. Schon beim ersten Erscheinen des Fischers ist die See nicht mehr klar. Wessen Emotionen werden hier gespiegelt? Der Butt erscheint eigentlich gänzlich emotions- und urteilslos. Das Meer könnte aber durchaus sein Kommunikationskanal sein. Ist ihm das Nachkarten des Fischers zuwider, weil ihm die Freiheit schließlich bedingungslos gewährt worden war? Oder ist das Meer eine weitere Projektionsfläche des Mannes, der sich seine Gefühle in keiner Lage eingestehen und sie angemessen zum Ausdruck bringen kann? Ist er vor lauter Geiz und Verzicht aus der Scheinbalance geraten, weil eine Bitte vorzutragen nicht der Selbstbildkonstruktion eines Mannes entspricht, der scheinbar nichts vom Leben erwartet? Entspricht die aufgewühlte See seinem inneren Aufruhr? So schiebt er sein Auftauchen am Seeufer auch ganz klar auf seine Frau. Er selbst gibt zu verstehen, dass das nicht seine Idee war: 

Verschweigen und Verstecken: Selbstablehnung

Wäre der Butt ein Therapeut, würde er jetzt hellhörig werden und zuerst nach dem einen und dann nach dem anderen Umstand fragen. Und was ist es denn, was du willst, lieber Fischer? Aber ganz der Energie des Passivpols entsprechend, zu dem statt Transparenz und Klarheit das Verschweigen und Verstecken gehören, erfahren wir das ganze Märchen lang nichts darüber, was es ist, was der Mann gern will. Aus seinem Zögern gegenüber Frau und Butt ist lediglich abzuleiten, was er nicht will. Auf jeden Fall will er keine Wünsche aussprechen und will nicht sagen, was er vom Leben will, will nicht für sich oder seine Frau eintreten müssen und will sich nicht zeigen müssen.

Der Butt aber ist ein verwunschener Prinz und kein Therapeut und so fragt er nach dem Offensichtlichen:

Die Antwort des Mannes ist wieder ganz Projektion, ganz alle Verantwortung von sich weisend. Was er jetzt vortragen wird, ist nicht seine Meinung, sondern nur die seiner Frau:

Es bleibt beim Geiz

Auf die Frage der Ehefrau, ob die kleine Hütte, die die beiden daraufhin vom Butt erhalten haben, nicht nett sei, stimmt der Fischer immerhin zu: 

Nach einem kleinen Vorwagen an zustimmender Positionierung versucht der Fischer sich mit dem nächsten Satz gleich wieder in den Passivpol zurück zu ziehen, damit das Leben – oder seine Frau – nicht noch mehr Forderungen an ihn stellen können, denen er sich nicht gewachsen fühlt und auch nicht erwachsen genug, ihnen eine Grenze zu setzen. Gleichzeitig liegt auf einer tieferen Ebene in dieser Aussage aber durchaus Zustimmung. Obwohl ihm das Vorstellungsvermögen gefehlt haben mag, sich selbst eine andere Realität als die in einem ekligen, stinkenden Topf vorzustellen, gefällt ihm die neue Gegenwart gut und er würde nicht etwa sagen: Ach, Ilsebill, der alte Topf war doch das bessere Wohnen für mich und hat besser zu mir gepasst, meinst du nicht? Dieses Häuschen hier scheint doch völlig überdimensioniert und überflüssig für uns zwei. Stattdessen stimmt er Ilsebill zu, ja, es sei nett, und er stellt sich vor, vergnügt darin wohnen zu können, auch wenn er selbst sich nie ein Häuschen gewünscht hätte.

Gier und Kompensation

Jetzt verschiebt sich der Fokus des Märchens, das ja vom Fischer UND seiner Frau handelt, auf die Ehefrau, die für den Mann völlig überraschend, aber für ihre Positionierung innerhalb der Paardynamik vorhersehbar antwortet:

Übersetzt bedeutet diese Antwort so viel wie: “Mal sehen.” Wenn Kinder, denen man gerade einen Wunsch erfüllt hat, auf die Frage nach ihrer Zufriedenheit “mal sehen” antworten, gehen bei den Eltern alle Alarmglocken an. Neben den Alarmglocken würde bei verantwortungsvoller Führung auch die Frage gestellt werden, die vom Butt immer wieder gestellt wird: “Na, was will sie denn?”, in der Bedeutung: Worum geht es dir denn wirklich?

Acht oder vierzehn Tage, heißt es im Märchen, glaubt die Frau, mit ihrem Profit zufrieden zu sein und offenbar ging es in dieser Zeit so, wie auch der Fischer gern wollte. Dann aber sind der Ehefrau Häuschen und Hof und Garten zu klein. Die Kompensationswirkung lässt nach. Auch Frau des Fischers geht nicht in sich und hat keinen Zugang zu ihren wahren Wünschen, spürt aber immerhin, dass sie Wünsche hat. Statt das wahre Wesen der Sehnsucht zu erkunden, versucht sie über das Material Zufriedenheit zu erreichen, was ihr nicht gelingen kann. Sie will sie ihren Raum ausdehnen und zwar, weil sie ja schon einmal erfahren hat, dass es grundsätzlich möglich ist und weil sie kurzzeitige Beruhigung ihrer Sehnsucht schon einmal gespürt hat. 

In einer therapeutischen Praxis würde man jetzt die Frage stellen, was dieser Raum denn bieten sollte. Ziel wäre es, aus den genannten Aspekten auf das wahre Anliegen schließen zu können, das, was wahrhaft zum Ausdruck gebracht werden soll und was vielleicht nicht in einer Ausweitung des Raums und in einer Anhäufung von Mobiliar und Prestige, sondern nur in einem Verlassen des Raums und Aufsuchen eines ganz neuen, vor allem geistigen Raums zu finden sein mag. 

Die Frau jedenfalls will ein Schloss. Es soll aus Stein sein. Vielleicht will sie Sicherheit verwirklichen. Mit einem Ehemann, der einen verwunschenen Prinzen ohne Gegenleistung wieder aussetzt und stattdessen an diesem Tag ohne einen Fang nach Hause kommt, fühlt sie sich vielleicht nicht besonders sicher in ihrem Leben. Vielleicht will sie auch Liebe verwirklichen. Wenn der Ehemann die eigenen Bedürfnisse und Gefühle kaum wahrnimmt, könnte es gut sein, dass es auch in der Paarbeziehung an echten Gefühlen und deren Ausdruck mangelt. In beiden Fällen würde sich das fünfte Dreieck nun auf das vierte Dreieck und das Thema Bindung und Selbstvertrauen beziehen. 

Das Phänomen des Bovarismus

Die Frau übernimmt aber offenbar auch keine Verantwortung dafür, in ihrem Innenleben das Gefühl von Sicherheit herzustellen und im Außen zu einer Situation beizutragen, die ihrer Sehnsucht entsprechen würde. So wünscht sie sich jetzt, wie die literarisch ähnliche Figur der Emma Bovary in Gustave Flauberts Roman “Madame Bovary” es sich ebenfalls wünschen würde, ein steinernes Schloss. Und wie Charles Bovary, Emmas Roman-Ehemann, reagieren würde, schwach und profillos, so ist auch die Weigerung des Fischers der Forderung gegenüber, die Bitte dem Butt vorzutragen, keine entschiedene Ansage. Es sind stattdessen nur weiche, unpositionierte Ausflüchte:

Von einem erwachsenen Menschen würde man eine Ansprache über Angemessenheit, Verhältnismäßigkeit und Integrität erwarten und einen Hinweis darauf, dass ihr Wunsch ausreichend erfüllt wurde. Wenn es nicht der richtige Wunsch war, muss sie die Verantwortung für ihre jetzige Realität dennoch tragen, denn sie ist das Produkt ihrer eigenen Wahl. Außerdem könnte man eine Absage an die Forderung erwarten, sich weiter als Erfüllungsgehilfe einspannen zu lassen. Nichts würde die Frau daran hindern, jetzt selbst aktiv zu werden, außer, die Passivität des Mannes, die es ihr gestattet, nicht für sich selbst eintreten zu müssen und den Mann stattdessen zu instrumentalisieren. An dieser Stelle verbindet sich das fünfte Dreieck nun mit dem dritten. Die Frau des Fischers nimmt den passiv-aggressiven Part ein, der zwischen Märtyrer und Narzisst liegt. Für sie scheint, wie für Emma Bovary, die Forderung nach einem romantischeren, werthaltigeren Leben ausreichen zu müssen, statt Selbstverantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Die Forderung wird an den Mann gestellt und der soll sie erfüllen. Wahlweise werden Gelüste nach Reichtum, Bedeutung und Ruhm auch an eine höhere Macht deligiert, die die Verwirklichung von Lebensträumen bewerkstelligen soll. Das ist das Wesen des Bovarismus, wie er aus der Literatur entlehnt in die Psychologie eingegangen ist und manchmal auch als “Cinderella-Phänomen” bezeichnet wird. 

Selbstverantwortung

Nichts spricht gegen den Traum von Fülle, von Sinn, von Bedeutung und von Wohlstand, und dabei auf eine höhere Macht zu vertrauen oder irdische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn es in einer kooperativen Interdependenz geschieht, ist in Ordnung. Vergessen werden darf dabei aber nicht, dass auch die höhere Macht, die das Individuum zur Hälfte mit den notwendigen spirituellen Fähigkeiten wie der Manifestationskraft beehrt, zur anderen Hälfte auf ganz handfeste Kompetenz zugreift, durch die sich das Genie zum Beispiel ausdrücken oder der Reichtum realisiert werden kann und die jeder Mensch selbstständig erwerben muss. Ein gefeierter Künstler oder wahlweise eine Schlossherrin, ein König, ein Kaiser oder ein Papst wird man durch innere und äußere Arbeit, durch die Bewusstmachung und Integration von Fähigkeiten, durch die Ausbildung von Fertigkeiten, durch Wissenserwerb und durch ein stetiges Verfeinern und Erweitern der Kompetenzen, wie auch des erstellten Werkes. Im Prozess der Heranreifung selbst erfährt der Mensch dann, wenn er sich dem Prozess mit der Hingabe absoluter Überzeugung widmet, auf dem richtigen, dem eigenen Weg zu sein, jene innere Fülle, nach der die Märchenfigur der Frau des Fischers wie auch die literarische Figur der Emma Bovary eigentlich suchen. Sie suchen nicht nach äußerer Kompensation, sondern nach innerem Reichtum.

Ein erwachsener Gegenpart wäre nötig zum Wachsen

Genau wie Charles Bovary es formulieren würde, sind aber auch alle folgenden Repliken des Fischers weich und konturlos: 

Mit der Einschätzung, wozu der Fisch vermeintlich nicht in der Lage sei, projiziert der Fischer seine eigene Hilflosigkeit und seine Ohnmachtsgefühle auf den Butt. Denn statt der Ehefrau eine Grenze zu setzen und ihr ein Vorbild an Integrität zu sein, trabt er los und hat die Gedanken, die der Frau gelten sollten, nur in seinem Kopf: 

Der Fisch aber dient gar nicht als Projektionsfläche. Er ist viel mächtiger als der Fischer vermutet und entgegen der Mangel- und Unfähigkeitsvermutung, es könne im Reich nur einen Kaiser geben und der Butt könne aus der Frau keinen Kaiser machen, hat der Butt die Macht, die Ehefrau sehr wohl zum Kaiser zu machen und dann auch noch zum Papst, von dem es nun wirklich nur einen auf der Welt geben sollte. Der Butt aber hat mit solch einem limitierten und limitierenden Denken nichts am Hut und seine Macht ist ausreichend groß, zumindest eine lebensechte Illusion herbei zu zaubern. Und zwar reicht seine Macht in beide Richtungen.

Der überspannte Bogen

An der Stelle, an der in Gustave Flauberts Romanklassiker aus dem 19. Jahrhundert die Protagonistin Emma Bovary den Bogen überspannt und die Familie finanziell ruiniert hat, so dass sie keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr sieht, nimmt der Butt den Fischersleuten alle gewährten Reichtümer wieder ab. Dieser Totalverlust ist vergleichbar mit dem Motiv des Selbstmordes, denn es ist das neue Leben, das den Fischersleuten wieder genommen wird. Die Ehefrau wollte in absolutem Größenwahn, der nun den Aktivpol des sechsten und fünften Dreiecks bespielt, “werden wie Gott”. Sie überspannt, wie Emma, den Bogen. Verlangt es sie in Wahrheit nach Transzendenz?

Denn dafür, werden zu wollen wie Gott, gibt es jetzt mindestens zwei Lesarten: Der aristotelischen Idee der Entelechie nach ist die Frau wie jeder Mensch im Kern göttlich, und wie der liebe Gott zu werden ist an sich kein unvernünftiger Wunsch, zumal diesmal das Verb “werden” verwendet wird, den Prozess also meint und nicht das Verb “sein”. Die andere Lesart ist die von purer Hybris, und Hochmut kommt vor dem Fall. Die zweite Lesart geht von einem Gott außerhalb unserer selbst aus. 

Egal, welche Lesart zugrunde gelegt wird, nach beiden Lesarten muss die Frau wieder im alten Topf landen. Als Konsequenz auf ihre Hybris ist es ihre Strafe. Als Antwort auf ihren potenziell ernstzunehmenden Wunsch nach Transzendenz ihres Egos aber, muss sie am Anfang anfangen und den ganzen Weg gehen. Sie muss ihre Göttlichkeit durch Erfahrung und innere Arbeit entwickeln, indem sie ihre unbewussten Anteile integriert, ihre Werte kultiviert und ihre charismatischen Fähigkeiten in der Welt, wie sie ist, verwirklicht. In ihrer persönlichen Welt.

Kein gutes Ende

Jetzt ist es allerdings so, dass das Märchen „Von dem Fischer und seiner Frau“ das andere Märchen in der Märchenauswahl zur Illustration der Dreiecke ist, das nicht „gut“ ausgeht. Das erste war “Das tapfere Schneiderlein”. Zwar haben wir hier nicht, wie in der Figur des tapferen Schneiderleins, am Ende einen sozialen Hochstapler auf dem Thron sitzen, den keiner leiden kann oder hätten in diesem Fall sogar einen gierigen Papst in der Welt, aber per Definition und aus Sicht der Protagonisten ist es dennoch kein gutes Märchenende. Ein Märchen, dessen Ende wir als “Ende gut, alles gut” empfinden, hätte uns von der Reise des Helden erzählt, von seinem vernommenen Ruf, von seinem Aufbruch, von seiner Reifung, von seinem errungenen Schatz oder dem Bezwingen des Gegners und dann von seiner Rückkehr und dem Wirksamwerden seiner neuen Reife in seiner Welt. Der gereifte Held, der während des Abenteuers eine Menge über sich selbst erfahren hat, macht seine neue Weisheit in der Welt geltend, aus der er aufgebrochen ist und leistet so seinen Beitrag zur spirituellen Evolution der Menschheit. Er kehrt also auf einem höheren Bewusstseinsniveau zurück oder übernimmt ein Königreich, das er fortan zum Gedeihen bringen wird. Hier im Märchen aber ist niemand gereift. Der Bogen wurde einfach nur überspannt und das hat Konsequenzen, die eine Manifestation der unterlassenen inneren Entwicklung sind. Im realen Leben könnte man hier zum Beispiel die Frau im Bovarismus oder Cinderella-Phänomen und den Mann im Typ des Workaholics erleben, der sich selbst über seine Gehaltshöhe und seine Potenz als Versorger definiert. Beide wechseln aus Unzufriedenheit vielleicht noch die Partner, aber im Innern bleibt alles beim Alten. Vielleicht wird ein riesiges Vermögen angehäuft. Vielleicht wird sich aus verspekuliert und irgendwann wird das Leben zumindest versuchen, für ein Aufwachen zu sorgen, indem die Ehe scheitert, der wirtschaftliche Bankrott eintritt oder etwas anderes das Leben aus den Angeln hebt und Entwicklungsaufgaben stellt.

In diesem Sinne eines guten Märchenendes geht das Märchen also nicht gut aus. Die Fischersleute landen wieder im alten Topf und es heißt am Schluss: 

Veränderungsverweigerung

Es machen sich viel zu wenig Menschen aktiv auf den Weg zu sich selbst und hinein in ihr Leben, das für sie gedacht ist. Gedacht von sich, ihrem höheren Selbst, ihrer Seele. Denn es ist ein Irrtum, zu denken, der alte, eklige, stinkende Topf, der Pisspott, sei von irgendwem für die beiden Leute vorgesehen worden, außer von ihnen selbst. Der zugrunde liegende und unbewusst wirkende Glaubenssatz, sie seien nur eines stinkenden Topfes würdig, entspringt ihrem Wertlosigkeitsempfinden, wie auch ihrer mangelnden Kreativität und inneren Leb- und Lieblosigkeit. Tatsächlich wären für sie, wie für jeden Menschen, Fülle und Glück gedacht. Aber Fülle kommt nur zu einem kleinen Teil aus einer nicht beeinflussbaren Instanz, die dennoch zu einem selbst gehört. Innere Fülle ist das Ergebnis von Konsistenz, von einer Übereinstimmung zwischen Essenz und Existenz. Es sind die Koinzidenzen, die uns Gelegenheit geben, unserer Essenz gewahr zu werden, indem wir in genau diesem Augenblick unserem Inneren, unseren Wünschen, Sehnsüchten, Ideen und unserem Bauchgefühl lauschen. So eine Koinzidenz war dem Mann in Form des Butts immerhin über den Weg gelaufen. Jetzt hätten die beiden Eheleute mit Vernunft, also im Verbund aus Präsenz, Angemessenheit und ihren Gefühlen, etwas daraus machen müssen. Das hätte zunächst ein Erschaffen sein müssen, das nicht auf Gier basiert, sondern im Einklang mit ihrer Essenz geschieht, und dann hätten sie ihren Garten bestellen müssen, wie es am Schluss des französischen Romans “Candide” von Voltaire heißt, in dem auch die Frage nach dem Anteil von Schicksal und persönlicher Macht gestellt wird beim Erschaffen des eigenen Lebens. Ganz sicher liefert das nicht beeinflussbare Schicksal Gelegenheiten, in denen die Angel auf Grund geht. Unsere persönliche Macht liegt dann darin, mit der so entstandenen Situation weise und respektvoll aber auch kreativ schöpferisch umzugehen. Maßvoll, aber dennoch kühn. Fantasievoll und darin wach und lebendig mitwirkend, statt nur zu konsumieren, was das Schicksal einem hinstellt. Eben den kleinen Raum des eigenen Gartens gestaltend und bestellend, den die Frau sich ja mit dem ersten Wunsch erbeten und auch erhalten hatte.

So eine Haltung würde die Enge beider Räume, der Kontrolle und der Kompensation, verlassen, für die der Topf symbolisch steht, und würde einen dritten Raum eröffnen, ja neu erschaffen sogar, in dem Ausgeglichenheit und Wohlstand herrschen, weil hier die persönliche Essenz so in der Existenz verwirklicht wird, dass Konsistenz und Integrität vorliegen. Von Glückseligkeit würde Aristoteles an dieser Stelle sprechen. Aber das ist nicht das Ende dieses Märchens.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein