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Nummer 11: Der Froschkönig

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im vierten Dreieck 
zum Thema Selbstvertrauen

Titelbild von Annette Greiner

Schönheit im Märchen

Schönheit wird im Märchen als äußere Manifestation von innerer Schönheit, von Wert- und Geliebtsein betrachtet. Sich geliebt fühlende, in sich selbst sicher gebundene Menschen sind schön. Nicht nur im Märchen. Zu Beginn ihres Lebens geht es dabei um ein von Außen kommendes Geliebtsein, ein Geliebtsein, das von den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen erbracht und von den Kindern empfangen wird. Wenn hier im Märchen von der besonderen Schönheit eines Kindes unter mehreren Geschwistern gesprochen wird, dann ist also anzunehmen, dass hier von einer Bevorzugung der jüngsten Tochter erzählt wird, die etwas mehr Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit erhält als die anderen Töchter des Königs. Darüber wundert sich die Sonne, die als Symbol der unterschiedslosen Wertschätzung, des Lebens, der göttlichen Erkenntnis und der Liebe sich selbst in den Geschöpfen spiegelt und nur dort erkennbar und betrachtbar ist. Weshalb sollte ein Geschöpf liebenswerter und damit schöner sein als ein anderes? Hier also wird von einem kleinen bevorzugten Mädchen erzählt. Man könnte es sich als das Nesthäkchen und Papas kleiner Liebling vorstellen, von dem jede mögliche Enttäuschung bisher ferngehalten wurde, worüber die Sonne sich zu Recht verwundern würde.

Das Märchengeschehen nimmt nun seinen Anfang in einem dunklen Wald, der in der Nähe des Schlosses liegt, und konkret liegt der Ort des Geschehens an einem Brunnen unter einer Linde.

Kernsymbole

Die Linde ist ein Symbol der Heimat, der Liebe und des Heilenden. Man denke nur an die Linde in Astrid Lindgrens Märchen „Klingt meine Linde“, in dem eine wundersam aus einer Erbse erwachsene Linde einem ganzen Armenhaus zu einem Gefühl von Heimat verhilft. Sie schützt hier einen Brunnen. Sie ist aber auch ein Todessymbol, zum Beispiel als Ort des Eifersuchtmordes. In dieser Bedeutung würde mit der Symbolplatzierung eine vorausschauende Andeutung auf das spätere Schicksal des Froschkönigs gemacht, dessen Schatten der Eifersucht durch einen wütend grenzsetzenden Wurf an die Wand getötet wird. Zum Symbol des Heilenden wird die Linde „gegenüber den Stürmen und Wunden, die die Zeit schlägt“, heißt es im Metzler Lexikon literarischer Symbole (Hrsg. Günter Butzer, Joachim Jacob). Auch die heilende Bedeutung wäre eine Vorausdeutung auf den gleichen Sachverhalt, denn der Wandwurf und die Grenzsetzung bewirken die notwendige Transformation zur Erlösung von der verwunschenen Gestalt. Gleichzeitig wirkt auch der Frosch auf die Prinzessin heilend, indem er sie zum Wandwurf überhaupt erst provoziert. Dass der Frosch und die Prinzessin sich unter der Linde zum ersten Mal begegnen, entspricht also einer komplexen Erzähllogik der Gegenseitigkeit innerhalb jeder Dualität, die auch die erotische Komponenten als Antreiber des Geschehens beinhaltet. Nie ist einer des anderen Opfer oder dem anderen Täter allein, sondern immer ist jeder beides. Sowohl in dieser Erkenntnis als auch in den tatsächlichen Begebenheiten liegt ein großes Heilungspotenzial. Die Symbolik ist wichtig, um den Wandwurf am Ende richtig einordnen zu können. Andererseits herrschen erotische Anziehung und Begehren dort, wo Themen dualistisch ineinandergreifen und das Potenzial haben, im Miteinander gelöst zu werden,

Der Brunnen seinerseits ist ein Symbol des Ursprungs des Lebens, der Weisheit und des Schicksals, aber auch der erotischen Begegnung, der Läuterung und ebenfalls der Heilung, wie auch des Unbewussten. Alle Bedeutungen des Brunnens werden im Laufe der Märchenerzählung relevant.

Und dann noch die Kugel als Symbol des Schicksals und des Zufalls. Mit dem Flug der Kugel wird „konnotativ […] das Schicksal einer individuellen Lebenskurve symbolisiert, deren Kontingenz […] nicht  immer teleologisch rückversichert ist“ (Butzer, Jacob: “Metzler Lexikon literarischer Symbole”), wie sich auch für das bisher sicher gebundene und wohlbehütete Königskind zeigen wird, das plötzlich von einem Verlust ereilt werden kann, vor dem es nicht bewahrt werden kann.

Aktivierung der Verlustangst

So ausführlich und konkret, wie der Unfall der Kugel noch weiter auserzählt wird, ist klar, dass es sich hier um eine Allegorie der Verlusterfahrung handelt. Ein behütetes Kind erlebt mit einem Mal, wie etwas Fremdes und Schmerz bringendes in sein Leben einbricht. Dem Kind kommt die Aufmerksamkeit abhanden, die es gewohnt ist und braucht. Der Aufmerksamkeitsverlust wird aktivisch erzählt, denn es ist ein Aufmerksamkeitsmangel, der die Prinzessin versäumen lässt, die Flugbahn der Kugel richtig einzuschätzen, um die Kugel auffangen zu können. Die Konsequenz des Spielzeugverlustes wird passivisch erzählt. Diesen Verlust erleidet die Prinzessin. Dieses Bild hat seinen Sitz im Leben zum Beispiel in einer harmlos anmutenden kleinen Alltagssituation, in der das Aufmerksamkeit bedürftige und gewohnte Kind sich in seiner Erwartung von elterlicher Aufmerksamkeit enttäuscht sieht. Ein kleiner Zufall lenkt die Flugbahn der Kugel um, z. B. indem die Person, die sich gerade auf dem Weg zum Kind befindet, das nach Aufmerksamkeit fragt, abgelenkt wird. Das Telefon klingelt oder es läutet an der Haustür und das Kind erlebt, wie die Person den Weg ändert und nicht mehr auf das Kind zusteuert. Die Erwartungsenttäuschung wird psychisch als Verlust wahrgenommen (die Kugel wird nicht erwartungsgemäß gefangen und fällt stattdessen in den Brunnen). Die vormals als sicher empfundene Bindung wird im Gefühl des Kindes gestört. Das Bild hat seinen weiteren Sitz im Leben aber auch in einer nächst höheren Ebene, in der ein Elternteil ständig die Aufmerksamkeitsbedürfnisse seines Kindes vernachlässigt, sei es, dass das Elternteil durch physische oder mentale Abwesenheit oder durch Krankheit nicht ansprechbar ist. Beim Kind stellt sich die Vorstellung ein: „Ich bin nicht gut genug“ (die Kugel zu fangen). Und schließlich ist der tragische Verlust eines nahestehenden Menschen, womöglich eines Elternteils oder eines Geschwisters oder auch eines geliebten Tieres eine Ablenkung der Flugbahn der Lebenskugel, die traumatisch erfahren werden kann. Der Verlust gehört zum Leben, sagen wir und akzeptieren ihn als solchen. Die Kugel kann auch mal auf den Boden fallen. Das Alleingelassensein mit dem Verlust aber traumatisiert ein Kind, so dass die Kugel in ihrem Rollen nicht gestoppt wird und zusätzlich in den Brunnen fällt. Das Kind alleine kann den Verlust nicht verkraften, weil ihm die Kräfte noch fehlen, die zum Verkraften notwendig sind. Kompetente Erwachsene müssen diese Kräfte bereitstellen und das Kind mit diesen Kräften versorgen. Das wären vor allem die Kräfte Präsenz, Empathie, Fürsorge und Schutz. Jemand muss den Fuß vor die Kugel stellen, und sie am Rollen ins Bodenlose hindern. Es sind die gelebten und verwirklichten erwachsenen, humanistischen Werte, die helfen, das Kind sprichwörtlich nicht in den Brunnen fallen zu lassen und die über diese Erfahrung es Gesichertseins im Kind zur Resilienzressourcenausbildung führen. In diesem Märchen hier ginge es um die Ressource Selbstvertrauen, die Dreiecksfläche des vierten Dreiecks, mit der die Prinzessin womöglich einen schnellen Schritt hätte machen können, um die veränderte Flugbahn der Kugel auszugleichen und die Kugel doch noch auffangen zu können.

Trotzdem wir zu Beginn des Märchens von der Schönheit der Prinzessin berichtet bekommen haben und wir davon ausgehen können, dass dieses Kind alles hat, was es will, scheint ihm dennoch zu fehlen was es braucht. Empathie und Fürsorge scheinen bisher nicht dazu geführt zu haben, dass das nötige Selbstvertrauen ausgebildet werden konnte, den Kugelverlust entweder tatkräftig zu verhindern oder, falls er trotz Anstrengung eintreten sollte, ihn zu verkraften. Die Königstochter verhält sich äußerst passiv.

Bevor man im Brunnen tatsächlich die Quelle des Lebens erreicht, fällt man zuerst durch Emotionen der Wut und der Trauer hindurch, durch Angst und durch tiefen Schmerz. Tiefer und tiefer fällt man also, hinunter ins Unbewusste führt der Weg und jedes Wahrnehmen einer Station – Wut, Trauer, Angst, Schmerz – jedes Halten, Annehmen und Bewältigen der Emotion holt Persönlichkeitsanteile aus jenem Unbewussten ins Bewusstsein, holt es aus dem tiefen, tiefen Brunnen herauf ins Tageslicht, wo die Sonne es bescheinen und wärmen kann. Diese Erfahrung der Integration von unbewussten Anteilen ins Bewusstsein fehlt der Königstochter, weshalb sie sich vor der Tiefe des Brunnens fürchtet. Der Verlustschmerz ist unermesslich, bleibt aber unreflektiert.

Jetzt wäre es wichtig, den Raum für die Gefühle zu halten. Jemand Kompetentes müsste präsent sein, der die Prinzessin ermutigt, die Emotionen zuzulassen, der glaubhaft zu versichern vermag, dass alles gut ist, dass man an Emotionen, und seien sie auch heftig und durchschüttelnd, nicht stirbt, sondern dass man sie überlebt, dass sie vorübergehen und dass man an ihnen wachsen wird. Jemand, der die Erfahrung schon gemacht hat und weiß, wovon er spricht, sollte sagen: „Ja, es tut weh, ich weiß, aber ich bin da, du bist sicher und du kannst weinen.“ Stattdessen hören Kinder so oft: „Nicht weinen, du musst nicht traurig sein“, und ihr Schmerz wird schnell kontrolliert und abgestellt. Es wird Trost genannt, was in Wahrheit nur eine Beschwichtigung ist.

Versuch der Kontrolle

Die Königstochter klagt dem Frosch, der diese kritisierend beschwichtigende Ansprache platziert hat, ihr Leid über die verlorene Kugel, und der Frosch, ganz Aktivpol in der Bindungsthematik des vierten Dreiecks, ganz Gegenpol zur aufkeimenden Verlustangst der Königstochter, antwortet mit einem Kompensationsangebot: 

Die Königstochter spielt das Muster aus ihrem Passivpol heraus mit. Sie versucht noch, den Verlust und den Schmerz zu kontrollieren und wird die Strategie, die sie nun anwendet, verinnerlichen, denn sie wird ihr Erfolg bescheren. Es ist die Methode der Schmeichelei und der falschen Versprechungen. Mit diesem Verhalten befindet sie sich nicht mehr ganz im Passivpol, sondern auf dem passiv-aggressiven Weg des Kontinuums zwischen den Polen: 

Eben ist der Frosch noch „der alte Wasserpatscher“ gewesen, jetzt ist er „der liebe Frosch“. Mit Charme und Schmeichelei versucht das kleine Mädchen seine Welt zu retten, versucht die Kindheit festzuhalten und vor Veränderung zu bewahren, versucht festzuhalten, was gerade verloren gehen will. Sie will keinen Verlust erleiden, keine Veränderung ertragen, keinen Schmerz fühlen müssen – vielleicht nicht einmal dann, wenn sie von Wachstumsschmerz wüsste. Was soll sie mit Wachstum? Wenn die Kugel für den Lauf des Lebens steht, dann kündigt sich ein neuer Lebensabschnitt an, für den ein alter Abschnitt weichen muss, aber die Königstochter will keinen neuen Lebensabschnitt, sie will nicht wachsen. Als kleines Mädchen war sie doch mit aller Aufmerksamkeit und Liebe von außen so gut versorgt, dass selbst die Sonne sich gewundert hat. Wieso sollte dieser Zustand geändert werden? An dieser Stelle bleiben ganz viele Menschen in ihrem Leben stehen: Es ist doch so angenehm, von außen mit Liebe versorgt zu werden. Wozu sich davon emanzipieren?

Während die Königstochter den drohenden endgültigen Verlust zu kontrollieren und abzuwenden versucht, agiert der Frosch im Gegenpol aus der gleichen Angst heraus, mit gleicher Grundschwingung also, aber unterschiedlichem Temperament. Er ist einsam. Er hat den Verlust bereits erlitten, wie wir später erfahren werden. Eine Hexe hatte ihn in einen Frosch verwandelt. Es dürfte die gleiche Art von Hexe gewesen sein, wie die, die im anderen Märchen den Prinzen in den Eisenofen verbannt hat. In einen Frosch verwandelt sich, wer bedingungslose Liebe nicht erfährt und den Verlust der goldenen Kugel aktiv durch Manipulation, Eifersucht und Erpressung zu kompensieren versucht. Dem Frosch geht es um das, wofür die Linde steht, das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat, nicht um kompensatorischen Tand.

Versuch der Kompensation

Hier wird das Stereotyp des eifersüchtigen Liebhabers oder der fordernden Mutter geboren: „Ich sorge für dich, damit du mich liebst. Aber du musst mich dann auch wirklich lieben!“ Es ist nicht das Helfersyndrom des dritten Dreiecks, bei dem der Gegenwert die Stärkung des Selbstwertes durch die vermeintliche Erfahrung von Wichtigkeit, Bedeutung und Macht gestiftet werden soll, sondern es geht um Liebe, Zuneigung und Freundschaft, nach der sich in der Tiefe des Brunnens so sehr gesehnt wird, ohne zu wissen, wie sich Liebe, Zuneigung und Freundschaft in Wahrheit verwirklichen lassen. Aufgrund dessen, dass mit der verwünschenden Hexe die Erfahrung von grundloser Liebe nicht gemacht werden konnte, fehlen dem Gehirn die notwendigen Verbindungen zwischen den Netzwerken limbisches System und Neokortex und wurde zumindest der Neokortex auch nicht aktiviert. Der Frosch will Liebe also nicht bedingungslos und vor allem will er sie nicht geben, sondern haben. Sein Gehirn ist so programmiert, dass er sein Habenwollen als Geben tarnt. Das wird er so früh gelernt haben, wie die Prinzessin gerade lernt – oder auch nur anwendet und bereits früher gelernt hatte, dass sie mit Schmeichelei zum Ziel kommt. Er leistet Unterstützung und Fürsorge, die in Wahrheit er selbst so dringend braucht und wünscht. Er gibt nur, um zu bekommen. Im wahren Leben läuft das viel subtiler ab. Da bleibt die geheime Agenda auch geheim und der  Andere wird in dem Maße ins eigene Drehbuch geschrieben, wie es aufgrund der komplementären Interessenlage unerkannt möglich ist. Die komplementäre, eigentlich dualistische Interessenlage ist die emotionale Bedürftigkeit von Königstochter und Froschkönig. Beide verlangt es nach Liebe, nach Versorgtsein, nach Sicherheit. Die Königstochter wartet dazu im Passivpol, dass jemand diese alten Verhältnisse wieder herstellt und sie rettet. Sie bietet mit der Schmeichelei die Imitation von Liebe an. Der Frosch bietet im Aktivpol an, genau diese Rettung zu leisten und nimmt die Schmeichelei entgegen. Im Leben hieße so eine Formel zum Beispiel: “Ich freue mich ja so, dass du dich meldest, und du könntest dich ruhig mal öfter melden, aber ich würde mich nie selbstständig melden, weil ich es brauche, dass du dich meldest.”

Nun taucht der Frosch in den Brunnen hinab. Er scheint sogar tief zu tauchen, denn er braucht lange, bis er mit der Kugel im Maul wieder herauf gerudert kommt. Aber das Abtauchen nutzt ihm nicht, denn mit der Intention, die ihn antreibt, ist es nicht sein eigener innerer Brunnen, in den er hinab taucht, sondern der der Königstochter. Und der Königstochter nutzt das Hinabtauchen des Frosches nicht, denn sie selbst taucht nicht, sondern bleibt an der Oberfläche. Die Chance auf Wachstum ist vertan. Die Situation hat sich zwischen den Polen im Nullpunkt eingependelt, wurde aber nicht stabil gelöst. Die Kugel liegt in einem instabilen Zustand auf ebener Fläche.

Zugleich wird das gegebene Versprechen auf Bindung nicht gehalten. Der Kompensationsversuch des Frosches ist gescheitert. Indem er „wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste“, wie es im Märchen heißt, zieht er sich in den Passivpol zurück. Der arme, schon wieder verlassene Frosch. Das hier ist eine weitere Stelle, an der im wirklichen Leben für so viele Menschen die Geschichte zu Ende ist. Sie laufen im Leben herum als die Ewigverlassenen, die Hoffnungslosen, die Ungeliebten. Sie sind eine Mischung aus Eisenofenprinz und Froschkönig und zeigen eine passiv-aggressive Grundhaltung mit dem Subtext “keiner liebt mich”, in dem zugleich die Forderung nach Liebe und danach, dass anderes sich um eine Beziehung bemühen sollen, deutlich mitschwingt. 

Im Gegensatz zum Prinz in Eisenofen nimmt der Frosch den Platz im Passivpol nicht dauerhaft ein. Ihn drängt es schließlich, sein Los zu verändern. Ihn drängt es danach, Liebe zu erhalten und sie irgendwie zu ergattern. Die Hoffnungslosen aber wechseln, wie die Prinzessin hier im Märchen nicht mehr den Pol, sondern jammern herum, versuchen subtil zu manipulieren, tragen ihre Hoffnung auf Freundschaft und Liebe als Erwartungshaltung vor sich her, die sensiblen Wesen sofort auffällt und von diesen in der Regel abschlägig beantwortet wird. Sensible Wesen durchschauen die Schmeichelei als bloße Liebesimitation und reagieren entweder kindlich aggressiv-ablehnend auf die subtile Erwartungshaltung oder erwachsen selbstfürsorglich und grenzsetzend. Es sei denn natürlich, das sensible Wesen ist gerade ein Froschkönig oder eine Froschkönigin.

Für den Froschkönig aber ist die Geschichte nicht zu Ende. Er versucht sein Schicksal weiterhin zu lenken, versucht sich über das Außen zu regulieren. Von dort soll ihm Liebe und Bindung zuteil werden. Und so verlässt er den Brunnen unter der Linde, der ihm Heimat bedeuten könnte, wenn er es nur zuließe. Statt sich der Qualität des heimatlichen Brunnens bewusst zu werden, was bereits die Not wendende  Metamorphose einleiten würde, läuft der Frosch der Prinzessin ins Schloss nach. Er heftet sich an ihre Fersen, dringt in ihren Raum ein, um Freundschaft zu erbetteln und zu erzwingen:

Alte Muster

Im Leben erleben wir manches Eheleben, in dem die Partner einander, statt sich selbst und die Beziehung zu reflektieren, darauf festzunageln versuchen, dass vor dem Altar ewige Treue versprochen worden sei und dass dieses Versprechen gehalten werden müsse. Diese Haltung wird von patriarchalen Institutionen, die das nichtreflektierende Alte vertreten, unumwunden geteilt, bestätigt und aufrechterhalten:

Eine erwachsene, integrative Haltung würde dem Frosch und der Königstochter zum Vorbild werden, indem sie dem Frosch aufrichtigen Dank zollen, ihn wertschätzen und respektieren würde (und ihn vermutlich durch diese neue Erfahrung erlösen würde, falls er zuließe, dass die richtigen Hirnareale angesprochen werden) und würde zugleich die Grenzen des eigenen Kindes ebenfalls respektieren. Aus wider den Willen gehaltenen Versprechen aber entsteht kein sicheres Gebundensein, sondern entstehen neue Fesseln. Es werden nicht der Neokortex und der präfrontale Kortex, nicht der innere Erwachsene und nicht die menschlichen Werte angesprochen, sondern weiter das limbische System, in diesem Fall in den Emotionen Ekel und Abneigung, wodurch die Handlung den anderen nicht nähren kann und die Bedürftigkeit bestehen bleibt. Eisenbänder entstehen, die sich über die Herzen beider Beziehungspartner legen und sie aneinanderketten. Diener der Liebe wären die Werte Mitgefühl, Treue und Loyalität. Indem die Eisenbänder der bereits erfolgten und weiter erfolgenden Konditionierungen sich um das Herz des treuen Dieners Heinrich gelegt haben, lange bevor der Frosch die Prinzessin getroffen hat, sprechen diese Fesseln von einem Grundproblem der Menschheit: Die Liebe wird nicht verwirklicht, sie wird nur imitiert. Sie wird imitiert im „Ich-gebe-dir-damit-ich-bekomme“. Der Diener kann seine Arbeit nicht bewerkstelligen, denn sein Herz ist gefesselt. Kein Mensch aber weiß, was echte Liebe ist. Vom überflüssigen Konsum bis zur japanischen lebensgroßen Begleitpuppe werden Dinge herangezogen, die die Liebe ersetzen sollen, die den Menschen so sehr fehlt. Der Mensch ist eine Individuation der Liebe, aber kaum jemand fühlt diese Wahrheit in sich. Kaum jemand fühlt ein inhärentes Geliebtsein und ein sicheres Gebundensein in sich selbst. Kaum jemand hat bisher verstanden, dass im Brunnen unter der Linde seine Heimat zu finden ist, die zuerst verwirklicht werden muss, bevor die Türen zu jedem erdenklichen Schloss wieder offen stehen, weil der Frosch sich in den rechtmäßigen König zurückverwandelt hat. Kaum jemand begreift, dass die Verwirklichung von Liebe Geben und Schenken, Wertschätzen und Akzeptieren, Tolerieren und Freiheitgewähren bedeutet. Freiheit ist mit dem, was wirklich Liebe ist, identisch. Da die in der Kindheit unsicher gebundene und hungrig gebliebene Menschheit aber glaubt, die Liebe sei jedem von ihnen etwas schuldig, bevor sie selbst aktiv lieben könnten, die Liebe müsse sie zuerst sättigen, und weil sie bisher nicht verstanden haben, dass sie selbst Teile der Liebe sind und die Liebe in ihnen fließt, klammern die Individuen sich an andere Individuen, springen ihnen nach und pochen auf abgerungene Versprechen: Du musst mich lieben, mich glücklich machen, mich vervollständigen, bei mir bleiben, dich mit mir teilen… weil du es versprochen hast.

“Heb mich herauf zu dir”, sagt der Frosch, statt etwas dafür zu tun, dass er ihre Augenhöhe erreicht, zum Beispiel, die eigene innere Größe anzuerkennen, sich des inneren Königs bewusst zu werden, der er in Wahrheit ist und diesen König zu verwirklichen.

Leere und Grenzüberschreitung

Bei jeder Entsprechung einer Bitte formuliert das Märchen das Zaudern und die Ablehnung der Prinzessin und erzählt damit von der inhaltlichen Leere der Geste. Sie wird nur der Form nach geleistet. Die Auswirkungen dieser Inhaltsleere der Gesten wird im Märchen “Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen” auserzählt: Es gibt nichts zu fühlen. Nichts leistet die Königstochter aus Freude, sondern nur aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus. Es wird keine fühlbare Liebe verwirklicht, sondern Gefangenschaft produziert: 

Für den Frosch scheint die Kompensation zunächst zu funktionieren, wie jede Ersatzhandlung den oder die Liebeshungrige/n zunächst zu sättigen scheint. Das Suchtverhalten dagegen, das auch der Frosch zeigen wird, indem er mehr und mehr verlangt, deckt die Wahrheit auf. Selbst wenn ein anderer Mensch sich größte Mühe geben würde und selbst wenn er es aus Freude, und nicht wie die Prinzessin widerwillig vollbrächte, würde kein Sättigungseffekt erzielt werden, solange im empfangenden Menschen das Fass ohne Boden, das wir Egoismus oder das ängstliche innere Kind nennen, nicht aber die Werte Selbstempathie und Selbstfürsorge, der innere Erwachsene also angesprochen werden. Der Weg in die Ressource Selbstliebe und Selbstvertrauen, sie zu nähren und zu aktivieren, führt nur über die inneren Werte: die innere Einstellung der Selbstempathie und den schöpferischen Wert der Selbstfürsorge. Zu diesem Haltungswechsel muss der Mensch sich entscheiden. Er muss sich dieser höheren Ebene jenseits des limbischen Systems aktiv bewusst werden, muss sich darüber klar werden, dass er jenseits des Kindseins erwachsen ist und sicheres Gebundensein aus dem Selbst, der Verbindung aus innerem Kind und innerem Erwachsenen gespeist wird und nicht aus dem Außen, wie es für das Kind von damals noch galt. Das ungebundene innere Kind will mehr und mehr Aufmerksamkeit und Liebesbekundungen. Das sicher gebundene innere Kind fühlt sich in seinem inhärenten Geliebtsein verankert und ist bereits satt. Diese Kugel erfährt einen stabilen Gleichgewichtszustand. Wann immer sie in eine Richtung bewegt wird, erlangt sie spielend leicht, der physikalischen Gesetzmäßigkeit nach, ihren stabilen Zustand zurück, denn sie liegt im Innern des Menschen wie in einer Schale oder einem Nest. So ein Mensch mag die Einladung an einen Tisch annehmen, aber er braucht sie nicht notwendig und nicht zu seinem Überleben und würde sie nie einfordern. Stattdessen erlebt man so einen Menschen selbst einladend, großzügig und gebend.

Das Problem des Frosches ist nun nicht, dass diese Fülle als Manifestation des ihm inhärenten Geliebtseins nicht vorhanden wäre. Fülle und Mangel sind im Leben jedes Menschen zu gleichen Teilen und zur gleichen Zeit am gleichen Ort existent. Die Verwunschenheit aber und die Eisenbänder, die der treue Diener, der eiserne Heinrich scheinbar stellvertretend trägt (während der Märchentitel „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ bereits signalisiert, dass es sich um die gleiche Figur handelt), verhindern, dass der Frosch die ihn nährende Fülle erkennt. Er lebt unter einer Linde, die Symbol für Heimat ist und er erkennt nicht, dass er zu Hause ist. Er lebt in einem Brunnen, der Symbol für die Weisheit ist, und er erkennt nicht, dass er mit dem Wasser der Quelle zutiefst verbunden ist. Er erhält Einlass ins Schloss und Zugang zu den Speisen auf dem Tisch, und er erkennt nicht, dass Einlass und Zugang einerseits mit seiner wahren Gestalt korrespondieren, dass beides aber von ihm gestaltet werden müsste, damit er sich je gesättigt fühlen kann. Der Frosch konsumiert nur und häuft an, was er kriegen kann, aber er verwertet nichts. Nichts wird von ihm in einen nährenden Wert umgewandelt, der in diesem Fall Empathie heißen könnte, Dankbarkeit auch als Einstellungswert (Yin) und Fürsorge und authentischer Ausdruck auch als schöpferischer Wert (Yang). Indem das innere Kind die Regie allein führt, blockiert es, dass das Individuum Erfahrungswissen darüber ansammeln könnte, wie nährend Linde, Brunnen, Schloss und Tisch sein können. Es ist der innere Erwachsene, der fehlt, die Geistesgegenwart, die Verantwortung übernehmen und die Blockaden lösen könnte. Alle Werte müsste der Frosch zunächst für sich selbst verwirklichen, für sein eigenes inneres Kind. Danach müsste der von der Fürsorge durch die Prinzessin angesprochene innere Erwachsene beides auch für jemand Anderen erbringen. Am besten für die Prinzessin, indem der innere Erwachsene die Unangemessenheit der eigenen Konsumhaltung und die Unfreiwilligkeit und Kraftanstrengung in der Konsumbereitstellung durch die Prinzessin erkennt und berücksichtigt. Statt das innere Kind sagen zu lassen: „Wozu bin ich denn hergekommen, wenn du mich nicht liebst?“, wie es so oft im Beziehungsdrama zu hören ist, müsste er innere Erwachsene sagen: „Was mache ich hier eigentlich, mich von dir bedienen zu lassen?“ Die einfachste Art der Gestaltung wäre der Ausdruck von Dank, der sich erwachsen entboten völlig anders anfühlt als die kindliche Dankbarkeitsbekundung, die in ihrer Zudringlichkeit an unpassenden Geschenken oder dem Zuleiberücken mit unerwünschten Umarmungen und Küssen womöglich auch noch zusätzlich übergriffig wird und Grenzen verletzt. Jedes Ausbleiben von Mitgestaltung und von immer noch fehlender Emanzipation zeigt sich stattdessen in der anhaltenden Forderungshaltung:

Väterliche Illoyalität

Angesichts des Leids der Königstochter, die sich vor „dem kalten Frosch“ fürchtet und den sie nicht „in ihrem schönen reinen Bettlein“ schlafen lassen will, identifiziert die alte Garde von Vaterinstanz sich erbarmungslos mit dem Frosch.

Man möchte dem Vater zurufen: „Mach um Gottes Willen die Augen auf, öffne deinen Geist und dein Herz und schau hin, was hier vor sich geht! Das war ein Pakt, der die Not ausgenutzt hat!“ Durch den Vater wird der kompensatorische Pakt bestätigt und bekräftigt: „Weil ich xy getan habe oder bin, habe ich ein Recht auf…“ Wahlweise können hier Tätigkeiten, Verwandtschaftsverhältnisse oder Funktionen eingesetzt werden, die zur vermeintlichen Rechte garantierenden Autorität erklärt werden. „Ich bin deine Mutter, ich darf von dir verlangen, dass du…“. Emanzipation von den alten Fesseln und Geben in Freiheit ist so unmöglich. Schaden tragen am Ende beide Parteien davon. Wenn die Prinzessin den Frosch nun voller Ekel und mit zwei Fingern die Treppe hinauf trägt, übergeht sie ihre Grenzen, wofür der Vater sich völlig empathielos zeigt. Man dürfte auf die Symptome gespannt sein, als die sich diese Grenzüberschreitung im Körper niederschlagen wird. Herpes vielleicht? Könnte gut sein. Eine mitfühlende und fürsorgliche Vaterfigur würde auch diese Situation mit der Wertschätzung eines Gästezimmers lösen und dem wohlmeinenden Rat an die Tochter, persönliche Versprechungen in Zukunft vernünftiger zu dosieren. Zum Beispiel könnte dem Kind die Sicherheit gegeben werden, sich in jedweder Not an die Eltern wenden zu können, statt einen dubiosen Handel eingehen zu müssen, um eine Not abzuwenden. Nur dann nämlich, wenn die Grundbedingung von Freiheit geschaffen wurde, kann die Forderung, zu halten, was man versprochen hat, als Verwirklichung von Gerechtigkeit angesehen werden.

Genug ist genug

Schließlich sogar durch seine Manipulation in der Kammer der Königstochter angelangt, spielt der Frosch die letzte Erpressungskarte des Aktivpols aus, den Höhepunkt der kindlichen Manipulation: 

So kennen wir es aus den Kinderstuben mit unpräsenten Eltern, wenn Sätze mit „oder ich sag’s Mama und Papa“ abgeschlossen werden und das erpresserische Kind tatsächlich auf den Beistand der Eltern zählen kann, nicht aber das in Bedrängnis geratene Kind, von dem in der Regel „Vernunft, weil du doch der/die Vernünftigere bist“ eingefordert wird. Und wir kennen es weiter aus all den Situationen des Machtmissbrauchs, der im Jahr 2018 für die #metoo-Debatte gesorgt hatte. Dort enden die Sätze mit „…oder ich zerstöre Ihre Karriere“, „…oder Sie verlieren Ihren Job“, „…oder Sie bekommen die Rolle nicht“, „…oder ich schreibe Ihnen eine schlechte Bewertung.“ Jenseits aller Fassaden sprechen immer Frösche diese Sätze. Froschkönige oder eiserne Heinriche. Und sie können auf die Unterstützung durch das System zählen. Die alten Könige. Die Königstöchter aber können es nicht.

Entgegen der Legende vom Märchenhergang, in dem der Frosch angeblich aufgrund eines Kusses in seine wahre Gestalt zurückverwandelt wird (ist diese Variante dem Wunschdenken eines Froschkönigs entsprungen?), wird diese Metamorphose in Wahrheit durch eine klare Grenzsetzung geleistet:

Das ist das Lehrreiche, das Nährende an allen Märchen: Sie liefern in sehr klarer Sprache die Handlungsanweisung mit, die notwendig ist, um das erzählte Menschheitsmuster zu erlösen. Es sind nur unsere eigenen Musterverstrickungen, die uns vor den Handlungsvorschlägen zurückschrecken lassen und uns stattdessen Jahre lang in Eisenofen- oder Froschkönigbeziehungen festhalten (oder die Märchen umerzählen lassen, so dass aus Wandwürfen Küsse werden). Solcher Wandwürfe bedarf es im wahren Leben gewöhnlich einiger Wiederholungen von unterschiedlichen Königstöchtern, wobei es, wie immer im Märchen, nicht um das biologische, sondern um das energetische Geschlecht geht. Es ist die Yin-Kraft, die sich schließlich mit der Yang-Kraft verbinden muss, um dem unerlösten inneren Kind Einhalt zu gebieten und von dort seine Emanzipation einzuleiten. Die Yin-Kraft alleine, die trotz richtiger Wahrnehmung der eigenen Körperempfindungen und Gefühle auf den Beistand des väterlichen Königs wartet, richtet nichts aus. Erst indem die Königstochter ihre eigene Yang-Kraft aktiviert und eine Grenze setzt, wird Wandel herbeigeführt. 

Den Täter-Opfer-Mythos entlarven

So sehr (männliche und weibliche) Königstöchter sich an dieser Stelle auch als Opfer der (männlichen und weiblichen) Froschkönige sehen möchten, mögen sie doch bedenken, dass diese Sichtweise eine ziemlich luxuriöse und wenig hilfreiche Perspektivverengung darstellen würde. Stattdessen mögen sie sich doch lieber daran erinnern, dass sie erstens selbst im passiv-aggressiven Stil tätig geworden sind und dass zweitens gerade die Illoyalität des Vaters und die überbordenden Forderungen des Frosches zu jenem Übermaß an Zumutung geworden ist, das ihre eigene Emanzipation erst herbeiführt. Ja, Lernen und Wachsen würde auch über ein gutes Vorbild laufen können. Wenn das Vorbild aber fehlt, und davon erzählen die Märchen ja gerade, findet Lernen und Wachsen gerade nicht statt, solange Kontrolle und Kompensation zu funktionieren scheinen. Erst die echte Not, die nicht mehr kontrolliert und kompensiert werden kann, führt dazu, dass neue Kräfte aktiviert werden müssen. Indem die Prinzessin keine andere Wahl mehr hat, weil keine der bisherigen Strategien mehr hilft, muss sie umdenken, muss sie aufwachen und muss sie neue Wege gehen.

Froschkönige der Realität ziehen dagegen lange Zeit zum nächsten Opfer weiter, bis ein handfester Skandal den Wandwurf darstellt, der kommuniziert, dass das alte Muster ab jetzt nicht mehr zieht. Auch sie brauchen den Moment der höchsten Not, in der das alte Wünschen nicht mehr hilft, um aufzuwachen.

Ja, so sind sie eigentlich, die Prinzen in ihrer wahren Gestalt jenseits der unermesslichen Verlustangst und dem Einsamkeitsschmerz und der unerfüllten Liebessehnsucht. Die Konstellation könnte in der Genderbetrachtung aber auch andersherum stattfinden. Der Animus im männlichen Protagonisten könnte der manipulativen Froschkönigin eine Grenze setzen, so dass deren Animus angesprochen wird, sich mit der eigenen Anima zu verbinden. „Nicht mein Animus sorgt für dich, sondern dein eigener muss diese Aufgabe übernehmen“, gilt für beide Geschlechter.

Goldene Ketten und Eisenbänder

Die Pferde, die am nächsten Morgen eintreffen, um das Paar in das Reich des Königssohns zu bringen, was die Emanzipation vom väterlichen Hof der Königstochter und von den alten, die Kindheit durch erlernten Mustern bedeutet, tragen goldene Ketten. Goldene Ketten bedeuten Führung und Verbindung, aber nicht mehr Gefangenschaft. Die Führung muss fortan dem inneren Kind zukommen, indem es sich im eigenen inneren Erwachsenen selbstsicher gebunden fühlt. Das ist das Selbstvertrauen eines Menschen. Dazu muss das erwachsene Paar aus Königssohn und Königstochter, die nun König und Königin sind, sich seiner Werte bewusst sein. Der Ort der Werteverwirklichung ist die Beziehung zu sich selbst und zum anderen. Nun können auch die eisernen Ketten fallen, die Konditionierungen und Glaubensmuster. Der treue Diener Heinrich holt das Paar mit der Kutsche ab…

Das Märchen endet nicht mit der üblichen Märchenformel der Vermählungserzählung. Dass dieser Jüngling nun „nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl“ sein würde, wurde bereits nach der Metamorphose erzählt – zwischen Metamorphose und Einschlafen (ein Schelm, der an voreheliche Verwirklichung dabei denkt ;-). Das Märchen endet dagegen mit der Wiederholung und Überbetonung der Befreiung Heinrichs von den Banden um sein Herz. 

Noch einmal und noch einmal wird es nötig sein, dass es im Leben kracht und dass man sich dem Schmerz stellt, sich der Gefühle annimmt, die Muster erkennt und löst, sich vom Verlustschmerz berühren und verwandeln lässt, bevor ein Herz so frei wie der junge König sein kann, zu lieben und wahrhaft die Liebe zu verwirklichen. Im Wesen des Wandels geht es darum, die Perspektive und die Fließrichtung der Liebe umzukehren und das geht nicht von jetzt auf gleich. Ja, es hört sich an, als ob der Wagen bräche, wenn man die alten Konditionierungen des Greifens, des Forderns, des Festhaltens und des Manipulierens fallen lässt. Es fühlt sich an, als könnte das innere Kind den Schmerz der Einsamkeit nicht überleben. In Wahrheit aber springen mit jeder wieder und wieder reflektierten Begebenheit, bei der die goldene Kugel in den Brunnen fällt, nur jene Bande vom Herzen ab, die bisher die wahre Fließrichtung der Liebe verhindert hatten. Der Herr, das heißt der innere Erwachsene, ist ins Schloss zurückgekehrt, was den Frosch, das innere Kind befreit hat, sich in seinem inneren Zuhause, ebenfalls im Schloss nämlich, einzufinden. Die Grenzsetzung war nur die Initialzündung. Der eisernen Fesseln sind aber viele abzulegen, weil im Laufe der Zeit zum Schutz des Herzens und des inneren Kindes viele angelegt worden sind. Die Banden sollten den Schmerz in Schach halten, solange das innere Kind sich ungeliebt als Frosch im Brunnen sah. Mit den Banden wurde das Herz weggesperrt bis der innere Erwachsene mit den Schlüsseln Empathie und Fürsorge endlich das Schloss zum Selbstvertrauen aufsperren würde. Die Freude des treuen Heinrich ist nun die Freude über das im eigenen Selbst, in der Rückkehr des jungen Herrn sicher gebundene und geliebte innere Kind.

Manifestation und Sitz im Leben

Worüber dieses Märchen nicht spricht, was aber in den drei ausgewählten Märchen des fünften Dreiecks erzählt wird, ist, wodurch dieses innere Angebundensein an die Liebe im Leben manifest wird. Denn dass es manifest, also spürbar und erlebbar wird, ist eine echte Notwendigkeit. An der Figur der “Pechmarie” im Märchen “Frau Holle” und in der Frau des Fischers in “Von dem Fischer und seiner Frau” wird erzählt, wie der künstliche Versuch, Konsistenz zu erschaffen, scheitern muss. Künstlich lässt sich dieser manifeste Raum des inneren Zuhauseseins nicht herstellen. Vielmehr muss das Individuum, wie es in “Rapunzel” erzählt wird, von diesem Raum gefunden werden. Der Trick ist aber: Man muss sich auch finden lassen. Alles ist in der eigenen Lebenswelt schon da, Linde, Brunnen, Schloss, reich gedeckter Tisch, man muss es nur als für sich hilfreich erkennen. Viele Menschen geben den Dingen nicht die Zeit, ihre Wirkung hin zu einem Flow zu entfalten. Sie gehen zum Beispiel 150 Meter in den Wald hinein und sagen: “Ich spüre keinen Biophilia-Effekt. Waldspaziergang ist nicht mein Ding.” Dabei würde sich der Effekt ergeben, wenn man dem Wald eine Stunde Zeit gäbe, uns seine ganze Schönheit atmen zu lassen. In der Umgangssprache sagen wir: Man muss aufhören, sich selbst im Weg zu stehen. Wenn man das Selbst also machen lässt und einfach nur beobachtet, in welchen Lebenszusammenhängen man sich wohlfühlt, sich angebunden fühlt, sich geführt, gehalten und geborgen fühlt, wann man unwillkürlich aufatmet, wann sich der Puls beruhigt, die Hände und Füße warm werden, in welchen Situationen sich neue Perspektiven einstellen und der innere Raum weit wird, wann und auf welche Art einen Impulse und Inspirationen erreichen und man sich authentisch fühlt, dann ist man auch geistig auf seinem Weg angekommen, den man unbewusst physisch schon lange geht. 

In Rapunzel wird die Kunst, im Speziellen der Gesang, als ein möglicher Weg erzählt, über den inneres Verbundensein hergestellt werden kann, der zugleich innere Freiheit ermöglicht trotz äußerer Unfreiheit und äußerem Ungeliebtsein. Dieses Erfahrungswissen deckt sich mit Entdeckungen der Hirnforschung, die schon länger von der regulierenden und Oxytocin bildenden Wirkung von Musik spricht. Für Rapunzel kommt es nicht darauf an, ob die Hexe kompetent ist, zu lieben. Rapunzel fühlt sich aus sich selbst heraus als geliebtes Wesen, indem sie singt, und sie singt, weil sie sich geliebt fühlt.

Wir würden ein großes Versäumnis begehen, wenn wir die Märchenlektüre (und überhaupt das Lesen an sich) nicht als weitere nährende Quelle erwähnen würden, insbesondere die Volksmärchen in ihren Originalsprachen. Während fiktionale digitale Produkte keinen seelisch-psychischen Nährwert bieten, sondern rein der Unterhaltung, der Ablenkung und zuweilen der Kompensation dienen, muss beim Lesen und Schreiben unterschieden werden. 1908 schrieb der Psychoanalytiker Sigmund Freud in seinem Aufsatz “Der Dichter und das Phantasieren”, dass die erzählte autobiografische Geschichte in der Regel von einem Kompensationswunsch gegenüber einer als mangelhaft empfundenen Kindheit motiviert sei. Wenn wir uns die große Literatur anschauen, würde ein differenzierterer Blick vielleicht besser gelingen. Ja, es kann sein, dass wir eine Geschichte schreiben, die kompensieren soll, was wir entbehrt haben und dass wir einen einfachen Roman lesen, der uns ablenken soll. Aber das Lesen und das Schreiben als Metatätigkeit sind wie alle anderen Kunstformen auch, geeignet, uns mit dem Transzendenten, dem Absoluten, dem Numinosen zu verbinden und also spirituell zu nähren. In der Selbstreflexion über die Texte guter Kinder- und Jugendliteratur wie auch über gute Erwachsenenliteratur sind wir im Heranwachsen und im Wachsen in der Lage, unsere Werte zu identifizieren, uns selbst zu erkennen, mit unseren Fragen nicht allein zu bleiben. Davon sprechen die beiden Autorinnen Traudl Bünger und Ella Berthoud ausdrücklich in den Einleitungen zu “Die Romantherapie” und “Die Romantherapie für Kinder”. Literatur und Märchen können uns in unserer Individuation wirkungsvoll begleiten und unterstützen, was auch von dem Psychoanalytiker C. G. Jung explizit betont wurde. Lesende Kinder, echte “Leseratten”, fühlen sich an etwas angebunden, das sie nicht benennen können, aber auch lange, bevor sie den Effekt benennen können, bemerken sie, dass sie sich über Bücher regulieren können. Sie erlangen ein Erfahrungswissen über ihren persönlichen Zugang zum Numinosen und zur inneren Balance, indem sie sich nur beobachten. Manchmal nehmen Leserinnen und Leser unbewusst den Duktus des Autors oder der Autorin an, wenn sie kurz nach der Lektüre selbst einen Text verfassen oder zu jemandem Sprechen. Die Synchronisierung ist also möglich und wird besonders augenfällig, wenn der Sprachstil bemerkenswert ist, wie in den Romanen von Honoré de Balzac oder Jane Austen oder Marcel Proust. Einen Klassiker aufzuschlagen, selbst wenn man sich nicht die Zeit nimmt, ihn zu Ende zu lesen, beruhigt das Nervensystem. Man muss sich nur mal darauf einlassen. Aber ganz besonders schaffen es meiner Erfahrung nach die Volksmärchen, uns an einen höheren Geist anzuschließen, uns mit uns selbst zu verbinden und uns ein kühler Brunnen unter der Linde zu sein. Meiner Erfahrung nach sprechen die Märchen zu uns, wenn wir es ihnen erlauben, und wir erlauben es ihnen, indem wir ihnen Satz für Satz lauschen und die Geduld aufbringen, der Schwingung nachzuspüren, um ihre Botschaft zu erfassen. Dann synchronisieren wir uns mit ihrer Weisheit, nehmen die Weisheit in uns auf, werden Teil der Weisheit, aktivieren die Weisheit in uns, werden uns klar, dass die Weisheit wir ist… und fühlen uns unendlich genährt, gehalten und in uns selbst sicher gebunden.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein