loading please wait..

Nummer 10: Der Eisenofen

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im vierten Dreieck 
zum Thema Selbstvertrauen

So, wie wir die Märchen bisher analysiert haben, findet sich das komplette aristotelische Abbildungsschema für die Entwicklung einer Figur im einzelnen Märchen verwirklicht. Man könnte die Märchen aber auch so lesen, dass jedes Märchen in seinem Ausgangskonflikt einem der beiden Schattenpole schwerpunktmäßig zugeordnet werden kann. Dann würde das Märchen “Der Froschkönig” eine Perspektive auf das Thema Selbstvertrauen und Selbstliebe eher vom Aktivpol aus einnehmen, wogegen das Märchen “Der Eisenofen” das gleiche Phänomen eher aus der Perspektive des Passivpols erzählt. Der Frosch aus dem Brunnen zeigt sich als Vertreter eines abhängigen unsicheren Bindungsstils, der Prinz im Eisenofen dagegen als ein Vertreter eines distanzierten unsicheren Bindungsstils.

Die Metapher des Eisenofens

Ein Prinz sitzt, von einer Hexe verwünscht (dazu wurde das Wünschen verwendet, als das Wünschen noch geholfen hat?), in einem Eisenofen im Wald. Er kann, so erzählt es das Märchen, von niemandem befreit werden. Wir können nur spekulieren, weshalb der Prinz in den Eisenofen gesperrt wurde. Und wieso in einen Ofen? Der Ofen lässt eigentlich die Assoziation mit Wärme zu, mit dem Mutterleib vielleicht. Das Eisen suggeriert zugleich Kälte und Härte. Wenn wir uns später anschauen, wie der Prinz in seinem Liebesausdruck agiert, könnte die Spekulation an Boden gewinnen, dass die Hexe das vermeintlich Mütterliche in seinem Leben war, eine Mutter, die dem Prinzen beigebracht hat, dass Liebe ihren Preis hat: Liebe gibt es nur unter klaren Bedingungen, die erfüllt werden müssen und sonst wird sie einem entzogen. Der Prinz mag Sätze kennen wie: “Wenn du die Mama wirklich lieb hast, dann bist du jetzt ein braver Junge und tust du, was die Mama sagt.” Wenn der Prinz kein braver Junge war, vielleicht einfach deshalb, weil die Vorstellungen von “brav” zwischen ihm und seiner Mutter auseinander gingen und Bravsein für ihn bedeutet hätte, dass er hätte seine Grenzen übergehen müssen, dann wurde der Liebesentzug vielleicht zur ersten Erfahrung im Leben des jungen Prinzen. Was hätte warm sein sollen (der Ofen) wurde nun kalt und hart (wie Eisen) wahrgenommen. 

Sehr oft setzen Kinder sich diese Bedingtheit auch selbst, und zwar, wenn sie einen Verlust erlitten haben, den sie nicht verstehen und verkraften können. Da verlässt Vater oder Mutter unter welchen Umständen auch immer die Familie, und das Kind, das dieses Verlassenwerden nicht einordnen kann und in seiner Ratlosigkeit nicht aufgefangen wird, sucht die Gründe dafür bei sich selbst. “Ich war sicher nicht genug.” Die Adjektive sind austauschbar und können jede Urangst betreffen, vor allem aber sind die Emotionen höchst gegenwärtig: “Ich bin nicht gut genug.” “Ich bin nicht brav genug.” “Ich bin nicht wertvoll genug.” “Ich bin nicht liebenswert.” “Ich bin Mama oder Papa zu viel oder zu wenig.” “Ich bin selbst Schuld.” Diese Gedanken halten sich hartnäckig, wenn sie sich einmal eingenistet haben. Sie halten sich im Unbewussten bis ins Erwachsenenalter und bilden einen Schmerzkörper aus, der sich nach Kälte und nach Gefangenschaft anfühlt. Oft manifestiert sich diese Kälte im Körper als ständiges Frieren, als eiskalte Hände und Füße oder als Überempfindlichkeit auf äußere Kälte. Wenn ein Kind diesen Schmerz der Entbehrung fühlen muss, die Entbehrung, dass ihm Liebe nur unter bestimmten Bedingungen zukommt, dass es ihm trotz größter Anstrengung aber nicht gelingt, diese Bedingungen zu erfüllen und ihm demnach die lebenswichtige Liebe vorenthalten wird, ist eine von zwei möglichen Reaktionen die, sich an jeden Menschen zu klammern, der das Gefühl von Sicherheit und Liebe vermittelt. Das wäre der Kompensationsversuch im Aktivpol. Von dieser Reaktionsmöglichkeit erzählt das Märchen “Der Froschkönig”. Die andere mögliche Reaktion ist die, sich in sich selbst zurückzuziehen, sich von der Außenwelt abzukapseln, in die Introvertiertheit zu gehen. Das wäre der Kontrollversuch im Passivpol, von dem das Märchen “Der Eisenofen” erzählt. Dazwischen liegt noch der passiv-aggressive Pol des beleidigten und zugleich provozierenden Rückzugs, das plappernde Aufmerksamkeitsheischen, um die bisher entbehrte Liebe doch noch zu erhalten. (Davon erzählt wohl das Märchen “Freunde auf Facebook und Twitter”.) Diese passiv-aggressive Verhaltensweise bedient sich beider Pole zugleich. Die beiden extremen Reaktionsweisen, wie auch die Mischreaktion zielen darauf, die Angst vor einem nächsten drohenden Verlust zu kontrollieren und den Schmerz zu kompensieren. Das Reaktionsmuster des inneren Rückzugs entspräche der Metapher des Eisenofens. Es ist ein Versuch, Kontrolle über den Liebesmangel zu erhalten, Kontrolle auch über den potenziellen Verlust und den Schmerz, indem man sich die Liebeserfahrung selbst vorenthält. Im schlimmsten Fall könnte der Eisenofen eine Metapher für einen dissoziativen Prozess sein, bei dem sogar positive Gefühle aus reiner Kontrollsucht heraus abgeschnitten werden. Es wäre zu schmerzhaft, den Gegenstand, auf den die Gefühle sich beziehen, wieder zu verlieren und die entsprechenden Verlustgefühle oder auch nur die Frustration der anschließenden Leere aushalten zu müssen. Die Schutzinstanz des inneren Rebellen sagt dem inneren Kind stattdessen: “Wir brauchen auch gar keine Liebe, weißt du, wir kommen sehr gut alleine zurecht!” Es ist das Liebesbedürfnis und der Schmerz, das als Kombination in den Eisenofen gesperrt wird. Dieses Liebesbedürfnis wird aber vom inneren Kind verkörpert und folglich wird das innere Kind selbst in den Eisenofen gesperrt. Wann immer es sich meldet und sein Bedürfnis zu formulieren versucht, wird ihm von seiner Schutzinstanz, dem inneren Rebellen gesagt: “Nein, sei still, du brauchst keine Liebe, du hast ja mich. Ich sorge dafür, dass so etwas Schreckliches, wie das, was dir so weh getan hat, nicht nochmal passiert. Bleib du nur hier drin, damit ich meine Aufgabe gut machen kann.” Und letztlich ist es die Empathie für sich selbst und Andere, die auf diese Art weggesperrt wird. “Gut, dann brauche ich eben keinen anderen Menschen”, sagt so ein Kind tatsächlich im Akt, sich selbst metaphorisch in den Eisenofen zu setzen und eine Pseudoautonomie auszubilden, mit der es der Welt den Rücken kehren kann, einer Welt, die es ohnehin nicht gut mit ihm meint. “Gut, dann schaffe ich es eben alleine. Alleine bin ich ohnehin besser dran. Wenn ich von vornherein alleine bin, erlebe ich auch nicht mehr diesen riesigen Schmerz, verlassen zu werden, der Liebe nicht würdig zu sein, weggestoßen zu werden, fallengelassen zu werden.” So mag der Prinz in den Eisenofen geraten sein, verbannt von einer Hexe, die ihm eigentlich hätte Mutter sein sollen. Und da sitzt er jetzt, von aller Welt verlassen und verloren, mitten im Wald. Der Prinz und ganz viele Menschen mit ihm, jeder in seinem eigenen Eisenofen und jeder glaubt, er oder sie sei als einzige/r ein bedauerlicher Eisenofenmensch.

Die Königstochter als Gegenpol

Eine Königstochter verirrt sich im Wald und es wird ausdrücklich betont: Sie “konnte ihres Vaters Reich nicht wiederfinden.” Sie mag also ihre Vernunft eingebüßt oder auch bisher noch nicht erlangt haben, das, was wir mit dem inneren Erwachsenen beschreiben würden. Dabei wäre die Vernunft als die Verbindung aus innerem Erwachsenen und dem inneren Kind zu sehen (das in der Figurenaufteilung einerseits im Eisenofen sitzt (Prinz) und andererseits nach einer Bezugsperson sucht (Königstochter). Es irrt ein inneres Kind alleine in der Welt herum. Mutterseelenallein, sagen wir dazu. Im Märchen “Schneewittchen” scheint diesem Zustand, mutterseelenallein zu sein, eine intuitive Komponente inhärent zu sein, denn Schneewittchen findet gerade in diesem Zustand sicher und geschützt seinen Weg zum Zwergenhaus. Hier aber scheint es keinen intuitiven Zugang zur höheren Mutterinstanz, verkörpert durch die Natur, zu geben. Es findet keine Synchronisierung mit dem Nervensystem der Natur statt, keine Selbstregulierung über die Natur also, wie sie vielen sehr sensiblen Wesen leicht möglich ist. So trifft dieses verirrte und verlorene Kind auf ein anderes verlorenes Kind, das allerdings glaubt, Sicherheit im Eisenofen gefunden zu haben. Zwei verlorene Kinder also: Ein Kind bewegt sich und ist auf der Suche nach Liebe und nach seinem Selbst. Das andere Kind scheint wie gelähmt vor innerer Kälte und kann sich nicht mehr bewegen.

Die Königstochter landet nach neun Tagen des Verirrtseins vor dem Eisenofen, dem anderen verlassenen Kind. Ausgerechnet das andere verlassene Kind, das in seiner Einsamkeit noch stärker gefangen ist als die Königstochter, die sich immerhin im Wald bewegen kann, wodurch immerhin auch etwas Wärme erzeugt wird, was der Königssohn nicht kann, bietet Rettung an.

“In einer kurzen Zeit” will der Prinz der Königstochter wieder nach Hause verhelfen. Aber diese Hilfe ist kein echter Liebesdienst, sondern er ist an eine Bedingung geknüpft. Der gefangene Königssohn macht zunächst klar, dass er ein größerer Königssohn sei als sie eine Königstochter, womit er nicht etwa in die Fußstapfen des Tapferen Schneiderleins tritt, sondern seine Autonomie geltend machen will. Er braucht niemanden. Er empfindet sich selbst als unabhängig, auch wenn seine momentane Situation etwas Anderes spiegelt. Wenn er jemanden heiratet, so seine Botschaft, dann tue er das aus reiner Großzügigkeit, nicht aber aus einem eigenen Liebesbedürfnis heraus. Aber das müsse dem anderen schon auch etwas wert sein. Diese Bedingtheit von Liebe dürfte seiner frühkindlichen Konditionierung entsprechen: Wenn ich tue, was andere fordern, dann kann ich geliebt werden und sonst nicht.

Die Reaktion der Königstochter ist völlig folgerichtig: “Lieber Himmel, was soll ich mit einem Eisenofen anfangen?” Was soll sie mit einem Menschen anfangen, der nicht zugeben kann, dass er liebt und der vor sich selbst versteckt, dass er einen anderen Menschen zur Gesellschaft braucht oder dass dessen Gesellschaft ihm wohltut, sondern der so tut, als sei er sich selbst genug, wo er doch in Wahrheit völlig isoliert von der Welt im Eisenofen sitzt? Was soll man mit so einem Menschen anfangen, der sich Illusionen über sein Dasein macht, statt seinen Schmerz wahrzunehmen, anzuerkennen und sich seiner anzunehmen?

Die Königstochter dagegen ist sich ihres eigenen Bedürfnisses, die Einsamkeit zu beenden, bewusst. Sie nimmt ihren Schmerz zur Kenntnis und sie sucht aktiv nach einem Weg, den Wald zu verlassen und zu ihrem Vater zurückzukehren. Das innere Kind braucht die Obhut eines liebenden Erwachsenen. Wenn kein Erwachsener anwesend ist, klammert es sich allerdings auch an ein anderes inneres Kind, das mehr oder weniger glaubhaft einen Erwachsenen imitiert. “Ich weiß, wo es langgeht”, verspricht der Königssohn, indem er die Pose der Unabhängigkeit und Freiheit einnimmt, die eben nichts weiter als eine Pose ist, denn er sitzt ja im Eisenofen und kann gar nicht wissen, wo es langgeht. Die Königstochter aber, ganz verlassenes Kind, greift nach jedem Strohhalm und unterschreibt die vom Königssohn gestellte Bedingung. Der Königssohn, der sich eben noch als Retter stilisiert hatte, verlangt jetzt, das ist seine Bedingung, seine eigene Rettung durch die Königstochter.

Du sollst: mich retten, mich glücklich machen, mich lieben, dafür sorgen, dass es mir gut geht, dich so verhalten, dass ich dir vertrauen kann, dass ich mich öffnen kann… und so weiter. Genau das passiert in Beziehungen zwischen zwei verlorenen Kindern, denen eine erwachsene Instanz fehlt, die ihre Bedürfnisse befriedigen könnte. Als tatsächliche Kinder haben sie die Möglichkeit entbehren müssen, Erfahrungen des Gehalten- und Geliebtseins zu machen. So fehlt diesen Menschen als Erwachsene der Zugang zu ihren Ressourcen, weil die neuronalen Verbindungen dazu nicht durch die passenden Erfahrungen gelegt und stabilisiert wurden. Es wurden nur solche Verbindungen im Gehirn angelegt, die dem Kind damals das psychische und manchmal auch physische Überleben gesichert haben: greifen, klammern, fordern, jammern, erpressen, manipulieren oder: kontrollieren und kompensieren. Indem Rettung angeboten wird, projiziert der Prinz in Wahrheit sein eigenes Bedürfnis, gerettet zu werden, auf die Königstochter. Er bietet ihr an, was er von ihr haben will.

Seine Rettung müsse nun unbedingt von der Königstochter geleistet werden, fordert er. Er wird keine andere potenzielle Bezugsperson zulassen als diese eine, an die er sich nun angedockt hat wie ein Entenküken, das die erste Gestalt, die es nach der Geburt zu Gesicht bekommt, unabdingbar für seine Mutter hält. Sie ist der auserkorene Elternersatz und darf nicht ihrerseits ersetzt werden. Von dem Prinzen selbst geht weiter nur Unnahbarkeit aus. Der Begleiter, den der Königssohn der Königstochter mitgibt, damit sie ihren Weg nach Hause findet, schweigt zwei Stunden lang. Das ist eine Behandlung, die viele Eisenofen-Menschen aus ihrer Kindheit schmerzhaft kennen: das gänzliche Ignoriertwerden zur Strafe für ein Verhalten, das nicht den elterlichen Erwartungen entsprochen hat. Es ist eine psychische Misshandlung, deren destruktive Qualität den meisten Eisenofen-Menschen gar nicht bewusst ist, wenn sie sie an ihre Umwelt weitergeben.

Das Vorbild der Verlustangst

Zuhause angekommen, bei einem König als Vater, dessen Glaubensmuster offenbar nicht  wie im Märchen “Der Froschkönig” lautet “Was du versprochen hast, musst du auch halten”, sondern der seinerseits kontrollsüchtig in seiner eigenen Verlustangst zu stecken scheint, wird wiederum klar, aus welcher Quelle die Verlustangst der Königstochter gespeist wird.

Der König scheint seine Tochter als Besitz wahrzunehmen, die er um keinen Preis abgeben kann. Dass seine Tochter einen Königssohn heiraten würde, käme doch nun alle Tage vor und wäre an sich nichts Dramatisches. Der König begibt sich auch keineswegs zu dem Königssohn, um ihn zu inspizieren. Stattdessen lehnt er die Verheiratung kategorisch ab, und seine Tochter stimmt ihm unumwunden zu, obwohl die Heirat zum Symbol ihrer Emanzipation und ihrer Selbstevolution würde. Sie lehnt also Wachstum ab, um immer Papas kleines Mädchen zu bleiben, denn das braucht zuerst der Vater und in der Identifikation mit dem Vater braucht es auch die Tochter. Falls die Hexe als Mutter des Königssohn den strafenden Liebesentzug und die emotionale Distanz gezeigt hatte, zeigt der König als Vater der Königstochter die fordernde Bevormundung und emotionale Abhängigkeit. Beide Kinder bleiben in beiden Varianten von unsicheren Bindungsstilen in ihren Bedürfnissen ungesehen und ungestillt, ja völlig vereinsamt und innerlich verloren zurück.

Der König versucht nun die Situation, die ihm die größte Angst bereitet, nämlich potenziell seine Tochter zu verlieren, zu kontrollieren und zu manipulieren, indem er List und Tücke einsetzt, um die Tochter auf diese Art festzuhalten. Der Königssohn im Eisenofen soll mit der Müllerstochter abgespeist, also betrogen werden. Dessen Wünsche werden ganz einfach ignoriert und den Wünschen des Königs untergeordnet.

Jetzt geschieht das Unvermeidliche: Die Müllerstochter kann das Herz des Königssohns nicht erreichen. Sie ist nicht die Richtige. Vierundzwanzig Stunden lang schrappt sie erfolglos an dem Eisenofen herum. Der Prinz lehnt die Müllerstochter rundweg ab, als er erfährt, wer sich da an seine Rettung gemacht hat. Er lehnt sie ab, weil er sich abgelehnt fühlt. Er verlangt weiter nach der vermeintlichen Liebe der Königstochter, denn sie ist sein Gegenpol. Darauf basiert die Anziehungskraft der beiden. Könnte er sein wie sie und wäre er nicht in seiner Distanziertheit gefangen, um seinen Schmerz nicht fühlen zu müssen, würde er es wie der Frosch im anderen Märchen machen und sich an ihre Fersen heften. Dann würde der Schmerz ihn dazu treiben, aktiv zu werden. Aber er kann den Schmerz nicht fühlen, weil er ihn nicht fühlen will, denn der Schmerz würde ihn töten und also bewegt er sich auch nicht aus seinem Eisenofen heraus. Aber die Köngistochter kann sich bewegen und auf sie projiziert der Eisenofenprinz sein Bedürfnis nach erlösender Beweglichkeit und kettet sich energetisch an sie – und an niemand anderen. Diese Ausschließlichkeit wird – auch im realen Leben – für Liebe gehalten und mit Treueansprüchen und -schwüren belegt, ist aber in Wahrheit eine Manifestation tiefer und projizierter Bedürftigkeit.

Beim erneuten Betrugsversuch, diesmal durch die Schweinehirtentochter, verspricht der Königssohn einerseits die Einhaltung seines zuvor gegebenen Heiratsversprechen, zeigt also vermeintlich Verzeihen den Betrugsversuchen gegenüber, andererseits droht er aber mit der Zerstörung des gesamten Königreichs, sollte das durch die Königstochter gegebene Versprechen auch weiterhin nicht eingehalten werden. Jetzt wechselt der Prinz also ein Stück weit in Richtung Aktivpol, wobei er dadurch nur im passiv-aggressiven Pol landet, nicht aber vollständig im Aktivpol, indem er klar formuliert, welche, wenn auch destruktiven, Konsequenzen es haben wird, wenn er nicht bekommt, was er will. Das vermeintliche Verzeihen ist seine Manipulationsstrategie, um doch noch zu bekommen, was er ersehnt. Es klingt nun wie ein Beharren auf seinen Prinzipien und spricht noch nicht über die Gefühle des Prinzen. Es ist noch immer ein “ich-will-haben”, aber kein “ich-will-geben”. Auch wenn kein Wechsel auf die erwachsene Ebene des Gebens stattgefunden hat, ist der Wechsel der Pole auf der dualistischen Ebene innerhalb der Beziehungsdynamik dennoch verständlich. Es geschieht oft, dass ein Eisenofenmensch sich aus der Deckung wagt und sich in Richtung des anderen Pols bewegt oder zuweilen auch den Pol wechselt, wenn der begehrte Mensch sich von ihm zu entfernen droht, zum Beispiel, indem der Andere ebenfalls in den Passivpol und damit in die Distanznahme hinein geht, weil er glaubt, den Eisenofenmenschen ohnehin nicht erreichen zu können oder weil er, wie die Königstocher auch, nicht weiß, was er oder sie mit einem Eisenofen-Menschen soll, dessen Umarmungen leer und kalt sind. Jetzt wird im Eisenofen-Menschen die Verlustangst übermächtig und die innere Schutzinstanz einer frühkindlich konditionierten oder auch instinktiven Gegenmaßnahme vollständig aktiviert, was den Wechsel der Pole auslöst. Dieses Kontinuum zwischen den Polen könnte eher wie ein Umeinanderkreisen vorgestellt werden: Ich will dich nicht, wenn du mich willst, aber wenn du mich nicht mehr willst, dann werde ich dich wollen.

Die Wahrheit jenseits des Schattens

Zum jetzigen Zeitpunkt in der Erzählung des Märchens hat die Königstochter also keine Wahl mehr, wenn sie das Königreich ihres Vaters vor der Zerstörung retten will. Sie übernimmt es, ein Loch in die Wand des Eisenofens zu schrappen und die Bedingung zu erfüllen. Ihrer Beharrlichkeit ist schon nach zwei Stunden Erfolg beschieden und sie kann einen Blick auf den Gefangenen werfen. Jenseits des Schattens liegt die Wahrheit eines Menschen. Der Schatten gehört zwar zu seiner Wirklichkeit und beinhaltet seine Angst, seinen Schmerz und seine Wut, aber die Dreiecksspitze ist sein von Angst erlöster und wahrer Kern, seine Wahrheit. Und was die Königstochter jetzt erblickt, ist: 

Glimmend in Gold und Edelsteinen ist Motivation genug, die weitere Anstrengung zu unternehmen, das Loch so zu vergrößern, dass der schöne Königssohn aus dem Eisenofen heraustreten kann. Die Rettung scheint erledigt. Der Königssohn ist befreit. Er will sich als zuverlässig erweisen und seine Braut gleich mit in sein Reich nehmen, wie es sich für eine erfolgreiche Rettung im Märchen gehört. Außerdem soll gleich Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Alles gut, Ende gut, außer es ist es nicht

Im Gegensatz aber zu anderen Königstöchtern, die sich von ihren Elternhäusern bereits losgesagt haben, wenn sie den Prinzen treffen, fühlt die Königstochter sich noch an ihren Vater gebunden. Für sie hat bisher keine Initiation stattgefunden, die ihre Emanzipation von ihren Kindheitsmustern eingeleitet hätte. Sie hat versucht, sich zu verstecken und dann hat sie die Bedingungen brav erfüllt. Mehr hat sie nicht getan. Für den Königssohn allerdings hat sich auch noch keine Emanzipation eingestellt. Seine Not, die Dinge sofort dingfest machen zu müssen, um sich ihrer verbindlich zu versichern, zeigt, dass die Verlustangst ihn noch immer voll im Griff hat. Er hat also den Passivpol für den Moment verlassen, aber er hat sich nicht von der Dominanz der Angst emanzipiert. Darum kann die Heirat jetzt noch nicht stattfinden, weil die Heirat im Märchen – im Gegensatz zur häufigen Praxis in der Realität – die abgeschlossene Emanzipation und innere Ganzheit jedes der beiden Beziehungspartner symbolisiert und nicht verwendet wird, um Ganzheit herzustellen. Die Märchenbeziehungspartner müssen ihre (Kindheits-)Geschichten zuerst zu Ende erzählt haben, bevor sie heiraten können. Im Grunde würde das auch jenseits der Märchenwelt gelten, wenn die Individuen echte Gelegenheit hätten, ihre Individuation in guter Zeit und mit gesunden Vorbildern abzuschließen. Da in der märchenjenseitigen Welt die Vorbilder aber zumeist wie die Hexe und wie der König hier im Märchen agieren, werden die Individuationen unterbrochen und geraten in einen Stillstand. An diesem Punkt wird in der Wirklichkeit dennoch geheiratet, obwohl der Abschluss der Individuation hin zu einem integeren, konsistenten Zustand der Übereinstimmung aus Ich und Selbst eigentlich zuerst notwendig wäre, um eine erfüllte Partnerschaft leben zu können. Es müssten zuerst alle unbewussten Anteile integriert sein, um eine harmonische Märchenhochzeit mit dem Untertitel “und lebten glücklich bis an ihr Lebensende” zu bewerkstelligen. Alle anderen Hochzeiten münden zumindest mal – und das auch durchaus in einem positiven Sinn – in herausfordernden Situationen, weil die Individuation innerhalb der Beziehung fortgesetzt werden muss. Wenn die Auseinandersetzungen reflektiert erfolgen, kann dieser Prozess durchaus gelingen und die Beziehungspartner wachsen miteinander. Vielleicht schließen sie ihre Individuationen sogar mit gegenseitig spiegelnder Unterstützung ab, vielleicht aber braucht es auch mehrere Beziehungen dazu. In der Regel allerdings zeigt die Wirklichkeit ein Bild, in dem die Reflexion fehlt und es bei der bloßen Projektion des eigenen Unbewussten bleibt, was zu Streit und Kampf und Trennung führt.

Diese Königstochter aber macht es anders. Sie erbittet sich einen letzten Besuch bei ihrem Vater, ein Wunsch, der ihr gewährt wird, aber wieder nur unter Bedingungen. bedingungslose Liebe und Vertrauen sind dem Königssohn, obwohl er doch vordergründig aus dem Eisenofen befreit zu sein scheint, weiterhin fremd. Die Bedingung entspricht wiederum ganz einem Menschen, der die Eisenofenexistenz allzu lange gelebt, ja verinnerlicht hat, der also konditioniert ist auf das Muster, dass Liebe nur als bedingte Zuwendung zu haben ist. 

Die Königstochter dürfe, so fordert es der Eisenofen-Prinz, nur drei Worte mit ihrem Vater sprechen. Es würde wohl für ein “Ich liebe dich” reichen, aber das fällt der Königstochter nicht ein. Sie hält sich nicht an die Bedingung. Leider hat sie es versäumt, nach dem Sinn dieser Bedingung zu fragen, um sich dann reflektiert und erwachsen eine derartige Bedingung zu verbitten und stattdessen eine Rückkehr in Freiheit zu verlangen. Wie ein Kind nimmt sie die Bedingung fraglos hin, und dann ist die Frage, mit welcher Energie und Grundschwingung sie sich der Forderung widersetzt. Entweder lehnt sie sich dann rebellisch dagegen auf und spricht trotzig so viel sie will mit ihrem Vater. Der innere Rebell ist immerhin die innere Schutzinstanz gegenüber der Verlustangst. Oder – und das ist das Wahrscheinlichere, was hier geschieht – sie setzt sich erwachsen und bewusst über die kindische Forderung hinweg, geht also über den inneren Rebellen hinaus und befreit damit sich selbst und den Köngissohn. Denn wie im Märchen “Der Froschkönig” hat das Momentum des Widerstands eine erlösende Kraft. In dem Moment, in dem man sich von sich selbst und von anderen nicht mehr alles gefallen lässt, werden die Fesseln des Unbewussten gesprengt. Im Froschkönig verwandelt sich der verwunschene Prinz in seine ursprüngliche Gestalt zurück, als er als Zeichen des Widerstandes an die Wand geworfen wird und zugleich lösen sich die Eisenbänder um das Herz des treuen Dieners. Und hier im Märchen verschwindet zur gleichen Zeit, als die Tochter mehr als drei Worte mit ihrem Vater spricht, der Eisenofen über alle Berge und der Köngissohn ist befreit. Diese zeitgleiche Befreiung des Animus in der Figur des Prinzen deutet daraufhin, dass die Königstochter aus ihrem eigenen aktivierten Animus heraus agiert und nicht aus ihrem kindlich konditionierten Verhalten. Das kindlich konditionierte Verhalten hätten im Spiegel die erneute Festsetzung des Prinzen im Eisenofen bedeuten müssen. Dass der Königssohn im nächsten Schritt allerdings jenseits des Eisenofen dennoch persönlich verschwindet, hat damit zu tun, dass sich Gewohnheiten nur schwer ablegen lassen, selbst wenn die grundsätzliche Erlösung stattgefunden hat.

Gläserne Berge und schneidende Schwerter

Indem die Königstochter sich aber der Bedingung widersetzt, erkaltet das Interesse des doch nicht so vollständig erlösten Prinzen. Er ist erlöst von der verwunschenen Gestalt, aber noch nicht erlöst von seinen Konditionierungen. Wenn man ihm nicht gibt, was er will, muss es bedeuten, dass man ihn nicht liebt, sagt das an solch eine Bedingtheit gewöhnte innere Kind. Es ist die Wiederholung des Denkmusters, wie es schon um den Versuch der Müllerstochter und der Schweinehirtentochter, ihn zu befreien, erzählt wurde. Der Prinz hält sich zwar vollends für frei, denn der Eisenofen verschwindet ohne ihn, aber er verschwindet “über gläserne Berge und schneidende Schwerter”:

Wie gläserne Berge und schneidende Schwerter erleben wir den Sarkasmus und die kalte Distanz von Eisenofenmenschen, die sich von den begehrten Menschen nicht so angenommen und beachtet fühlen, wie sie es für ihr schmerzendes Herz bräuchten. Scheinbar bewegen sie sich in ihrer Freiheit, geben den unersättlichen Verführer oder auch den aufmerksamen Kavalier, aber diese Freiheit ist noch nicht echt, sondern entspricht nur einer persönlichen Vorstellung von Freiheit. Das Fatale ist, dass die Imitation von Freiheit der wahren Freiheit so ähnlich ist, dass es im Märchen tatsächlich zunächst heißt: “doch der Königssohn war erlöst, und nicht mehr darin eingeschlossen.” “Nicht mehr darin eingeschlossen” ist aber nicht das Gleiche wie “frei”. Es heißt nur, dass man sich von etwas abgewandt hat. Eisenofenmenschen sagen dann gerne mit zynischem Unterton: “Das juckt mich überhaupt nicht mehr”, und halten das für Freiheit. Eine literarische Figur wie Tirso de Molinas Don Juan erzählt von dieser Art von Freiheitsimitation.

Erste erwachsene Schritte: Präsenz und Konsequenz

Bei der Rückkehr in den Wald erweist sich allerdings, dass auch das Erwachen der Königstochter erst an seinem Beginn steht. Den Eisenofen und auch den Prinzen nach ihrer nun freiwillig erfolgten Rückkehr in den Wald nicht mehr zu finden, erweist sich für die Königstochter als genauso existenziell bedrohlich, wie der Liebesentzug der Eltern von einem Kleinkind als bedrohlich empfunden wird. 

Die Königstochter hat nichts mehr zu leben und weiß sich selbst nicht zu helfen. Wiederum scheint es, als wollte sie sich in ihre Ohnmacht ergeben und richtet sich für die Nacht auf einem Baum ein. Dann aber wird sie in der Ferne eines Lichtschimmers gewahr und geht in die Aktion. 

Hier geschehen mehrere integrative Dinge gleichzeitig: Sie wird des Lichtes in der Ferne gewahr (Intuition), vertraut sich dem eigenen Gefühl, dessen, was sie braucht an (Selbstempathie) und klettert noch einmal vom Baum herunter und macht sich auf den Weg, dem Licht zu folgen (Konsequenz). Nun werden also Yin und Yang für das innere Kind aktiv und das Selbst entsteht. Auf dem Weg zu jenem Hoffnungsfunken an Licht betet sie. Damit wird auch noch das höhere Selbst aktiviert. Gott ist kein Elternersatz, auf den die Sehnsucht nach einer versorgenden Instanz projiziert wird, sondern die Königstochter wird sich ihrer göttlichen Verbindung gewahr, die ihr das Gewahrsein für das Licht in der Ferne geschickt hat. Indem sie ihre Füße in die Hand nimmt, kooperiert sie mit dem göttlichen Licht und verwirklicht es. Indem sie betet, überantwortet sie sich der neuen Verbindung aus Ich und höherem Selbst. Ihr Erwachen schreitet also voran.

Zunächst deutet die Königstochter die Konsequenz des mit samt dem Prinzen verschwundenen Eisenofen noch aus ihrer limitierten Sicht als Strafe auf ihren Widerstand. Sie weiß ja nicht, dass der Prinz in Wahrheit dauerhaft aus dem Eisenofen befreit wurde, indem der Eisenofen verschwunden ist. Damit setzt sie ihren Widerstand zunächst ins Unrecht, möglicherweise, weil ihr Bewusstsein im Akt des Widerstandes tatsächlich noch auf ihrer rebellischen Energie beruhte. Ihre noch nicht bewusste, aber schon eingeleitete Emanzipation und neue Grundschwingung hatte aber den Prinzen befreit. Der Spiegel der äußeren Umstände reagiert immer auf die unbewusste Grundschwingung, egal, ob diese positiver oder negativer als die bewusste Gemütsverfassung und Gedankenproduktion ist. Von diesem Zusammenhang aber weiß die Königstochter zu diesem Zeitpunkt nichts. Indem sie nun um Hilfe bittet, dazu ihr Ziel klar formuliert, so dass ihr geholfen werden kann, ist der nächste erwachsene Schritt getan, mit dem sie sich von ihren kindlichen Ängsten emanzipiert: Sie hat Präsenz, Konsequenz und Selbstfürsorge gezeigt.

Ist das Ziel definiert, den verschwundenen Königssohn wiederzufinden, wissen die weisen Helfer, die als Kröten interessanterweise wieder aus der Familie der Froschlurchen stammen, guten Rat. Die Königstochter erhält in der Hütte, zu der sie das Licht geführt hat, jedes Maß an gastlicher Fürsorge, die ihr das Herz zu wärmen und ihren Mut zu stärken vermag, und sie wird mit demjenigen Material ausgestattet, das sie für ihren Weg braucht: drei Nadeln, ein Pflugrad und drei Nüsse.

Wenn wir die Symbolik der drei Geschenke betrachten, könnte eine mögliche Lesart folgende sein : 

Die Nadeln: Mit den Nadeln überwindet die Königstochter den gläsernen Berg. Wenn wir den Berg als DAS Symbol für den Passivpol der Bindungsangst ansehen, der Rückzug und die Abweisung, die der Eisenofenprinz mit seiner Flucht gezeigt hat, dann würden die Nadeln für die Manifestation ihres neu erworbenen Selbstvertrauens stehen, für die Loyalität, die Solidarität und die Treue also. Ohne die Nadeln würde die Prinzessin am gläsernen Berg abrutschen. Sie würde keinen Halt finden. Die Nadeln aber geben ihr die Widerstandskraft und den (inneren) Halt, das Selbstvertrauen also, auf souveräne Art hartnäckig bleiben zu können, sich nicht abweisen zu lassen, ohne weiterhin anhaftend zu sein, bei sich zu bleiben und darum überhaupt erst wirklich beim anderen sein zu können. Auf eine nunmehr erwachsene Art, denn die Nadeln sind eine Ressource und nicht mehr der kindliche Anteil vom Beginn des Märchens, wo die Prinzessin noch Versprechen gegeben hat, die sie dann nicht halten wollte, sich also untreu verhalten hat, auf eine erwachsene Art bleibt sie jetzt dran an der nun tatsächlich geliebten und nicht mehr nur begehrten Person. Sie klammert nicht, sondern geht einfach weiter, ignoriert die abweisende Kälte als bloße Form und schaut durch den gläsernen Berg hindurch auf die Wahrheit hinter der Form. Indem sie durch die Angst hindurch schaut, überwindet sie diesen Berg und verhält sich gerade so loyal sich selbst und dem Prinzen gegenüber, wie es notwendig ist, um Liebe zu verwirklichen. Nadeln also = Selbstvertrauen als Haltung und Loyalität und Treue als Manifestation der inneren Einstellung.

Das Pflugrad: Wenn wir die schneidenden Bretter dann als Symbol für das passiv-aggressive Verhalten des Eisenofenprinzen nehmen, dieses typisch kindische Beleidigtsein aus dem Rückzug heraus, das auf die Erpressung folgt („Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann würdest du nicht mit deinem Vater gesprochen haben!“), dann ist das Pflugrad dasjenige Instrument, das über dieses infantile Gehabe hinweg geht, ohne sich verletzen zu lassen. Denn im Beleidigtsein werden auch schnell verletzende Beleidigungen wie von schneidenden Brettern verteilt. Denen entgeht die Prinzessin, indem sie über den schneidenden Brettern schwebt und auch das große Wasser mit dem Pflugrad überquert, quasi eine Sicht von oben einnimmt und begreift, welcher Schmerz hinter dem schneidenden Verhalten des Prinzen steht, ohne sich darin verwickeln zu lassen. Das große Wasser steht für den Schmerz und die schneidenden Bretter für dessen Ausdruck. Beides aber wird von der Königstochter mitfühlend und selbstfürsorglich zugleich gemeistert. Wir könnten dann vielleicht sagen: Pflugrad = Gleichmut auf der Basis von Intuition und einer höheren Perspektive.

Die drei Kleider würde ich wie im Aschenputtelmärchen deuten. Sie werden hier als Wert eingesetzt, um mit der falschen Braut zu verhandeln. Prächtige Kleider sind für gewöhnlich das Symbol, das die innere Schönheit nach außen bringt, ein Symbol für den Selbstwert. Hier kommt zur Bindungsproblematik dann die Selbstwertproblematik hinzu, bei der die Prinzessin ihren Selbstwert und ihre Integrität, für die die schönen Kleider stehen, einsetzen kann, um zu sich selbst zu stehen, ihre Werte zu vertreten und sich authentisch auszudrücken. Denn wenn sie den Wert der Kleider eingesetzt hat, erhandelt sie sich die Chance, vor dem Prinzen von ihrem Selbstwert zu sprechen und von dem Wert, den sie für den Prinzen hat, aber auch über den Wert zu sprechen, den die Beziehung für sie hat, indem sie aufzählt, was sie alles auf sich genommen hat und worin sie dem Prinzen ein Vorbild geworden ist, um den Prinzen zurückzugewinnen. Das entspricht im Aschenputtel-Märchen dem Haare-Kämmen und Gesicht-Waschen, was die innere Wahrheit hervorbringt. Sie spricht also in einem authentischen Ausdruck über ihre Gefühle und wir könnten sagen Kleider = Integrität und Authentizität. Wobei Authentizität die Manifestation der Integrität ist, denn in der Emanzipation von ihren Kindheitsängsten liegt die Integration der unbewussten Persönlichkeitsanteile in ihr Bewusstsein, was die drei Geschenke an sich sind. Zu Beginn des Märchens hatte die Prinzessin selbst aus dem Aktivpol der Bindungsproblematik heraus (dem Gegenpol zum Eisenofenprinzen) noch falsche und manipulative Versprechungen gegeben und sich dann bei Papa versteckt. Mit den Geschenken erhält sie Zugang zu ihren eigenen erwachsenen Ressourcen.

Alte Wunden und Treulosigkeiten

Und siehe da: Der erlöste Prinz befindet sich in dem Schloss hinter dem gläsernen Berg, den schneidenden Schwertern und dem großen Wasser. Wer hätte das gedacht! Und dieser angeblich erlöste Königssohn, der noch im Eisenofen sitzend auf der Rettung durch diese eine Königstochter bestanden hatte, zeigt nun ein gleichgültiges Herz und ist schon im Begriff, treulos eine Andere zu heiraten. Er dachte, so heißt es im Märchen, die Königstochter sei längst gestorben. Also für ihn gestorben. So radikal fühlt es sich für Eisenofen-Menschen an wenn die alte Wunde des Verlassenwerdens wieder aufgerissen wird. Jeder Abschied fühlt sich wie ein Tod an und nicht nur wie der Tod des Anderen, sondern auch wie der eigene Tod. So schwer wiegt das Verlorenheitsgefühl.

Die Braut an der Seite des Königssohns erweist sich als genauso treulos wie er selbst, wenn auch zugleich von eigener Verlustangst geplagt, die in ihrem Ausmaß die Ängste aller anderen Figuren noch übertrifft. Gegen ein tolles Kleid erlaubt sie der als Dienstmagd verkleideten Prinzessin die Nacht in der Kammer ihres Bräutigams zu verbringen. Welche liebende Braut würde das tun? (Und im Märchen gibt es keine offenen Beziehungen.) Die Braut ist einfach nur käuflich, weil sie keinerlei Zugang zu ihrer Selbstwertschätzung und zu ihrer Selbstempathie hat. Das schöne Kleid dient der Kompensation der inneren Leere. Darum muss sie es so unbedingt haben. 

Sie überlässt die Entscheidung scheinbar ihrem Bräutigam, “das närrische Mädchen” in seiner Kammer schlafen zu lassen. In Wahrheit ist ihre Kontrollsucht aber noch größer als die des Königs es der Tochter gegenüber war. Um jede Verlustgefahr am Besitz ihres Bräutigams auszuschließen, mischt sie einen Schlaftrunk in ein Glas Wein und gibt es ihrem zukünftigen Ehemann zu trinken. Aus dem Grund kann die Königstochter den Königssohn nicht erreichen. Er ist (weiterhin) bewusstlos und hört sie nicht. Die physische Bewusstlosigkeit ist die Manifestation der geistigen Unbewusstheit.

Für sich selbst einstehen

Was die Königstochter in der Kammer des Prinzen unternimmt, ist wiederum eine erwachsene Handlung. Sie steht für sich ein. Sie benennt ganz klar, wie sie die Situation wahrnimmt, was sie für den Prinzen getan habe und wie undankbar er sich ihr gegenüber erweise. Sie konstatiert die Unausgeglichenheit der Situation: “…und willst mich doch nicht hören.” Ihr ganzes Tun ist scheinbar leer und folgenlos geblieben. Äußerlich sieht es so aus, als habe sie den Prinzen in seinem metaphorischen Eisenofen des Passivpols nicht erreichen können. Die versprochene Ehe und die erhoffte Liebe wurden ihr nicht gewährt. Statt dessen hätte sie beinahe sich selbst verloren, indem sie dem Eisenofenprinzen nachgegeben hatte, sich von ihm verbiegen zu lassen. Eisenofen-Menschen brauchen es, andere Menschen nach ihrem Bild zu verbiegen, weil sie selbst es so erfahren haben, das sie verbogen, ja sogar in der Form verwunschen wurden. Sie selbst haben sich verformt gesehen, während jener erste Mensch, der sie nach seinem Bedürfnis verformte, selbst nicht so war, wie das kleine Kind ihn gebraucht hätte: empathisch und fürsorglich. Aus der Erfahrung mit einem weshalb auch immer unerreichbaren Gegenüber ist die Einsamkeit entstanden, die Überforderung und das Misstrauen. Die Königstochter aber durchbricht diesen Kreislauf, indem sie Position bezieht und sich bereits weigerte, sich verbiegen zu lassen. Und jetzt spricht sie Klartext. Auch wenn der Prinz sie zunächst nicht hört: 

In der dritten Nacht hütet der Prinz sich vor dem Wein, den seine zukünftige Braut ihm reicht. Die Bediensteten, die wiederum guten Helfer auf der Seite des Prinzen, die für unser Unbewusstes stehen, hatten die Prinzessin gehört und es dem Prinzen erzählt. Ihnen gegenüber war er bereit gewesen, zuzuhören, hatte seinem Bewusstsein gestattet, seinem Unbewussten zu lauschen. Unsere Seele nämlich, so also erzählt es das Märchen, nimmt Botschaften wahr, auch wenn unser Geist von inneren Wächtern, Kritikern, Saboteuren und Rebellen blockiert wird. Von Seele zu Seele kann dennoch kommuniziert werden und das ist es, was die Königstochter des Nachts getan hat. Den Wein in der dritten Nacht zu vermeiden, um bei Bewusstsein zu bleiben, ist der Moment, in dem die Seele zur Psyche durchdringt und die Botschaften der Wahrheit weiterreichen kann. So bleibt er in der dritten Nacht für die Prinzessin bewusst und ist für sie erreichbar. Jetzt erkennt er sie als die rechte Braut.

Der falschen, kontrollsüchtigen Braut dagegen widerfährt, wovor sie sich am meisten fürchtet. Sie verliert alles, auch ihre Würde, die sie gegen den Tand der Kleider eingetauscht hatte: 

Denn für die falsche Braut haben die Kleider nicht die gleiche Bedeutung wie für die rechte Braut. Der falschen Braut geschieht, was sie im Widerstand gegen ihre Angst für jemand Anderen hatte herbeiführen wollen. Indem es ausgerechnet das begehrte Material ist, an das sie sich so geklammert hatte, das sie jetzt verliert, ist es nicht zu übersehen, dass die falsche Braut ihren Verlust selbst manifestiert hat.

Licht in das Netz der Liebe einspeisen

Interessant liest sich am Schluss des Märchens, dass auch viele andere Wesen, in diesem Fall die helfenden Kröten in dem kleinen Häuschen, durch das Vorbild des Königspaars erlöst wurden. Das Vorbild besteht darin, dass das Königspaar auf seinem Rückweg nach Hause die beiden Ressourcen Nadeln und Pflugrad wieder verwendet, um die schneidenden Bretter, das große Wasser und den gläsernen Berg nun gemeinsam zu überwinden. 

Lösen wir die Metapher auf, heißt das, dass ein echtes Vorbild an Liebe innere Kinder zu beruhigen vermag und ihnen Vertrauen und Selbstvertrauen geben kann, sich selbst in echter und bedingungsloser Liebe zu versuchen und ihr zu vertrauen. Hier scheinen die morphogenetischen Felder eine Rolle gespielt haben, denn das Königspaar hatte vor der Erlösung der Kröten noch gar keinen persönlichen Kontakt zu ihnen. Und doch wirkt die Erlösung des Individuums sich über die Lichtnetze der Matrix der Liebe auf andere Lebewesen aus, wie es schon mit der Erlösung des Prinzen aus dem Eisenofen erzählt wurde, im Moment, in dem die Königstochter sich seinen kindischen Forderungen widersetzt hatte. 

Das Haus aber, in dem die Kröten gelebt hatten, stellt sich als Inbegriff von Fülle heraus. Das krüppelige Krötenhaus hat sich – wie innen so außen – in ein Schloss verwandelt. Es wird sogar betont, dass dieses Schloss “viel größer als ihres Vaters Schloß” war. Mehr Weite also. Mehr Freiheit. Die Emanzipation lässt nicht nur einen begrenzenden Raum als Vergangenheit hinter sich, sondern erschließt einen neuen Horizont von Zukunft.

Toleranz und Inklusion

Die Emanzipation der nun erwachsenen Kinder, die zwar andere verwunschene Königskinder mit befreien konnten, erreicht den alten König allerdings nicht. Darauf müssen wir uns gefasst machen. Wir müssen akzeptieren und tolerieren, dass Fortschritt und Entwicklung erst dann geschehen können, wenn die innere Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung vorhanden ist. Der alte Vater, der die Verlustangst vorgelebt hatte, bleibt in ihr stecken. Im Märchen wird es so erzählt. Das Stehengebliebensein des Vaters, das nicht unbedingt mit Stillstand gleichgesetzt werden muss, weil wir nie wissen können, welche Entwicklung im Innern stattfindet, selbst wenn sie im Außen nicht sichtbar wird, wird von dem Königspaar inkludiert. Es wird wiederum nicht nur integriert, das heißt in seiner Andersartigkeit des Stehengebliebenseins registriert und akzeptiert, sondern dieses Stehengebliebensein wird explizit toleriert und bedingungslos angenommen. Das Verschiedensein aufgrund unterschiedlicher Entwicklungsstufen wird als normal angesehen. Dem Vater wird nun nicht gesagt: “Wir holen dich zu uns, aber du musst an dir arbeiten!”, sondern der Vater wird liebevoll aufgenommen, ohne, dass ihm eine Bedingung gestellt wird. Hierin haben die Königskinder nun eine echte spirituelle Evolution vollbracht. Sie selbst kannten bisher nichts als Bedingtheit und verwirklichen selbst nun echte Freiheit und wahre Liebe. Für das Königspaar lohnt sich dieser mitfühlende Zug, der anerkennt, was eben ist, ohne es kontrollieren und verändern zu wollen. Sie “hatten fortan zwei Königreiche und lebten in gutem Ehestand.”

Posted on 16. November 2019 in Allgemein