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Nummer 1: Der gute Handel

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im ersten Dreieck 
zum Thema Selbstsicherheit und Kompetenz

Um diesen Märcheneingang richtig deuten zu können, muss der Begriff des Haberfeldschreiens betrachtet werden. Dabei handelt es sich um eine antiquierte Form der Pseudogerichtsbarkeit, ein sogenanntes Rügengericht, das es in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein gab und dann verboten wurde. Es hat sich dabei um ein Ritual gehandelt, das in der Regel auf Wiesen oder Hügeln in Dorfnähe stattgefunden hat. Die Beschuldigen, die zumeist Mitglieder der Obrigkeit waren, bekamen von verkleideten Dorfbewohnern, den Haberfeldmeistern, ihre Verfehlungen vorgehalten. Der Vortrag geschah in Form von ins Feld hinein gerufenen Versen und es wurden sittliche, soziale, aber auch wirtschaftliche Vergehen gerügt. Verteidigen konnte der Beschuldigte sich gegen diese Rügen nicht, die sich im Laufe der Zeit mehr als Spekulationen, Projektionen, Gerüchte und Unwahrheiten erwiesen. (Quelle: Wikipedia).

Mit der letzten Einordnung des Haberfeldrufens sind wir mitten im Thema dieses Märchens. Wenn der Bauer nun das Gequake der Frösche als gereimte Rüge empfindet, die ins Haberfeld hineingerufen werde, benutzt er die Lautmalerei des tierischen Lauts als Projektionsfläche für den eigenen inneren Haberfeldmeister, der hier irgendeine Unzulänglichkeit anprangert. Sieben Taler habe er eingenommen, keine acht, wie vermeintlich die Frösche zu behaupten beliebten, verteidigt sich der Bauer, der sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, nicht zählen zu können. Er sieht durch das Gebaren der Frösche seine Kompetenz in Zweifel gezogen, was nur geschehen kann, weil der Bauer sich mit seiner eigenen Angst vor der möglichen Unzulänglichkeit im Passivpol, also im Modus der Selbstverleugnung befindet. Er selbst ist sich wohl nicht so sicher, ob er sicher bis acht zählen kann.

Unter einem Aufwallen der Emotionen, provoziert von der Interpretation des Froschgequakes, schwingt der Bauer in den Gegenpol rüber, will seine Kompetenz nun beweisen und dass er sehr wohl richtig gezählt habe und handelt jetzt vollkommen irrational:

Wer jetzt rufen möchte: Ist der verrückt geworden?!, der möge sich an so manche Kindheitsgeschichte erinnern, in der Kinder ihre gegenseitigen Muster absichtlich ausgenutzt haben, um eine bestimmte Überreaktion zu provozieren. Ganz beliebt darunter war die Provokation des Beweiszwangs. Das ist er auch unter Erwachsenen noch. Will jemand die Aufgabe nicht selbst erledigt, provoziert er einfach diejenige Kollegin oder denjenigen Kollegin, die oder der dem Muster nach unter dem Zwang steht, ihre oder seine Kompetenz unbedingt und prompt zu beweisen. Menschen unter Beweiszwang lassen sich leicht vor den Karren spannen. Wir kennen aber auch das jäh eingeläutete Ende einer anfänglich ganz friedlichen Kooperation, egal um welchen Schauplatz es sich handelt, ob Küche, Baustelle, Wickeltisch oder technische Geräte. Sobald ein Besserwisser einen anderen Besserwisser kritisiert und zu belehren versucht, schmeißt der Typ Besserwisser alles hin und brüllt: „Dann mach du es doch, wenn du es so viel besser weißt!“, statt sich nur die Besserwisserei zu verbitten. Und dann denke ich noch an manche Tischrunden, bei denen man sich schon im Moment des Aussprechen eines Stichwortes auf die Zunge beißen will, weil man sogleich bei irgendjemandem die Muster des Beweiszwangs aktiviert hat und die Belehrung auf einen niederprasselt wie die Groschen auf die Köpfe der Frösche im Teich. Bei all diesen Gelegenheiten verabschieden wir uns aus der erwachsenen Kooperation, aber vor allem verabschieden wir uns aus der Kooperation mit uns selbst, der Kooperation nämlich zwischen unseren Emotionen und unserem Verstand. Wir verabschieden uns aus dem Ergebnis dieser inneren Kooperation, der Vernunft und nichts anderes macht der Bauer. Er hat das Band zu seiner Selbstsicherheit verloren, die ein Siebtel seiner Vernunft ausmacht. Er hat sich verunsichern lassen, weil die Allianz aus Gefühl und Verstand nicht stabil war. Das sinnfreie Gequake der Frösche, das eine Metapher für alles sinnfreie Gerede in der Gesellschaft sein mag, wird von diesem selbstunsicheren Bauern weder inhaltlich überprüft noch wird die hinter der vermeintlichen Widerrede stehende Quelle auf ihre Kompetenz und Relevanz hin abgewogen. Er vergewissert sich aber auch nicht noch einmal der eigenen Kompetenz und der Richtigkeit seines Zählergebnisses. Stattdessen reagiert er wie ein gekränktes und zugleich überfordertes Kind und schmeißt alles hin bzw. in diesem Fall ins Wasser. Das allerdings nicht ohne eine ebenso überzogene und irrationale Erwartung an das weitere Verhalten der Frösche zu haben: Die Frösche sollen zählen und ihm das Geld dann zurückgeben. 

Hier liegt ein klassischer Fall von Delusion vor, über die in der Realität viel zu wenig gesprochen wird, obwohl sie zuhauf vorkommt. Aus dem Modus der Selbstverleugnung heraus projiziert der Bauer sein Licht komplett auf die Frösche, die ihrerseits keinen einzigen Hinweis dafür geliefert hatten, dass die aus der Projektion resultierenden Erwartung berechtigt sein könnte. Der Delusion gegenüber stünde die Illusion, bei der durchaus eine Basis für die Erwartungshaltung vorhanden ist, aber die Dinge sind anders da, als man sie deutet. In der Delusion allerdings ist gar nichts da und alles wird nur hineininterpretiert, nicht aber falsch herausinterpretiert. 

Die Frösche verhalten sich jetzt, wie Frösche sich eben verhalten. Der Bauer wartet vergeblich darauf, dass die Frösche mit dem Zählen fertig werden und ihm die Münzen zurückgeben. Genauso wartet auch ein Mensch vergeblich (zum Beispiel auf seinen Partner oder seine Partnerin), der einem anderen Menschen per Projektion Fähigkeiten zuschreibt, die der andere Mensch gar nicht hat. Ganz häufig kommt es zum Beispiel vor, dass die Frau ihren Animus auf den Mann projiziert und der Mann seine Anima auf die Frau, so dass vom anderen “typisch männliches” oder “typisch weibliches” Verhalten erwartet wird, statt dass jeder seine gegengeschlechtliche Energie und die damit verbundenen Fähigkeiten in sich selbst aktiviert. Zuweilen projiziert aber auch ein Mann seinen Animus auf die Frau und erwartet zum Beispiel, “dass sie auch mal die Initiative ergreift” oder die Frau projiziert ihre Anima auf den Mann und verlangt “dass er sensibler sein soll und besser zuhört”. Projektion bedeutet dabei, dass die vom Anderen erwartete Stärke durchaus nicht selbst kultiviert und gelebt wird, obwohl sie in einem angelegt ist. Die Frau, die mehr Sensibilität von ihrem Partner verlangt, geht gerade nicht sensibel mit sich selbst um und häufig auch nicht mit dem Partner. Der Mann, der männliche Initiative von der Frau verlangt, fühlt sich viel zu ängstlich und unsicher, um den ersten Schritt zu wagen und lässt sich Chancen regelmäßig entgehen, immer in der Hoffnung, die jeweils in Frage kommende Frau möge endlich mal die Initiative ergreifen. Der Bauer also könnte sich seiner Rechenkompetenz durchaus sicher sein, wenn er vielleicht mehr üben würde, bleibt aber stattdessen in seiner Unsicherheit, projiziert seine Stärke auf die Frösche und verlangt von den Fröschen, sie mögen die Leistung erbringen, zu der er sich nicht fähig fühlt, nämlich ein einwandfreies Zählergebnis zu liefern. Zum Schluss muss der Bauer seinen Irrtum einsehen, schiebt den Fehler aber wiederum den Fröschen zu: 

So enden Beziehungen, in denen ungerechtfertigte Erwartungen enttäuscht wurden. Einer wirft dem anderen vor, nicht das Richtige gesagt oder getan zu haben und jetzt sei man des Wartens langsam müde und fühle sich betrogen und so weiter. Häufig kann der Partner oder die Partnerin in der Position der Frösche nur sagen: Aber ich habe nie behauptet, dass ich das kann oder zu tun bereit wäre, was du von mir erwartet hast. Der oder die nunmehr erboste und enttäuschte Expartner oder Expartnerin wird lange Zeit lamentieren, dass er oder sie immer wieder auf dieselben Typen hereinfalle. Immer seien es solche, die zuerst so große Versprechungen machten und dann stecke rein gar nichts dahinter. Man erleide immer wieder dieselben Enttäuschungen.

Würde am Ende der Beziehung eine ehrliche Selbstreflexion stattfinden, könnten Projektionen und Erwartungen zurückgenommen und der Verdruss geheilt werden. Das heißt nicht, dass die Beziehung nicht hätte stattfinden sollen und nicht ihre Berechtigung hatte und womöglich sogar nur unter der Illusionsbildung überhaupt zustande gekommen ist, in ihrem Verlauf auch einiges an Geschenk bereitgestellt hat, aber es muss heißen, dass man nun seinen Teil der Verantwortung an der Enttäuschung übernimmt. Nur, indem man sich klar macht, dass man etwas projiziert hat, kann man die Entdeckung dessen, was man projiziert hat, als Geschenk aus der gescheiterten Beziehung erkennen und annehmen. Der Bauer könnte die Frösche als Frösche erkennen und akzeptieren und müsste sich nicht verdrießlich fühlen, sondern könnte mit den Fröschen und sogar mit seinem Irrtum im Frieden sein, indem er erkennt, dass er selbst die volle Kompetenz des Zählens in sich trägt. Stattdessen aber geht es im Märchen zu wie im Leben: fehlende Selbstreflexion wiederholt den Fehler.

In einer zweiten Episode überinterpretiert der Bauer das Gebell eines Hundes als hoffnungsvolles Geschäftsangebot gegenüber seiner geschlachteten Kuh, mit der er auf dem Weg zum Fleischer ist.

So weit so halbwegs vernünftig. Die Frage ist, was passiert jetzt im Geist des Bauern oder jenseits des metaphorischen Raums mit dem Geist eines Menschen, der das bloße Gebell oder Gerede eines anderen als großes Versprechen auslegt und damit den eigenen, gerade ja noch gezeigten gesunden Menschenverstand verleugnet? Gerade steht das innere Kind noch in gutem Verbund mit dem Verstand, bildet mit ihm zusammen die Vernunft, und im nächsten Moment scheint der Mensch von allen guten Geistern verlassen zu sein:

So überlässt der Bauer dem natürlicherweise inkompetenten Geschäftspartner Hund sein Fleisch wie mancher Autor in der gleichen Hoffnung wie der Bauer sie hegt, nämlich guten Gewinn mit seiner Kuh zu machen, sein gutes Werk einem unpassenden Verlag überlässt oder wie sich manchmal Schauspielerinnen und Schauspieler oder Models oder Bands inkompetenten Agenturen oder Produzenten anvertrauen, oder Unternehmen zuweilen auf ungeeignete Berater aller Art setzen, oder Künstler ihre Werke in die Hände von Galerien geben, die nicht zu ihnen passen, und so weiter. Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen gut gebellt und gebrüllt wird und man könnte die Großtuerei leicht entlarven, zumal das Bauchgefühl mit Hinweisen aufwartet, die auch vom Verstand erfasst werden, aber man will es gar nicht sehen. Aus dem eigenen Passivpol heraus begnügt man sich mit dem Hund des Metzgers statt den Weg bis zum Metzger zu Ende zu gehen, zu dem der Bauer ja eigentlich auf dem Weg war. Aus Angst flüchtet man sich zu schnell unter die Fittiche von jemandem, der eben bellen kann und dessen Gebell man zu seinen Gunsten fehldeutet, aber von dem eigentlich nichts weiter zu erwarten gewesen sein wird, wie sich am Ende herausstellt, als eben hohles Gebell.

Das unterschwellige Gefühl muss eines sein, das der Vernunft zuwiderläuft, denn das ist es, was sich am Ende verwirklicht. Unbewusst muss Angst vorherrschen: Angst, nicht gut genug zu sein, es nicht alleine zu schaffen, auf dem falschen Weg zu sein. Bewusst aufrechterhalten, manchmal auch per mentalem Kraftakt, wird der Angst gegenüber die Hoffnung, dass es diesmal klappen wird, dass es diesmal der richtige Partner, die richtige Partnerin ist, dass dieser Geschäftspartner, diese Agentur, diese Beratungsfirma einem zum Erfolg verhilft:

Affirmationen und Wunschdenken aber manipulieren durchaus keine Mitwesen, das so sehr gewünschte Verhalten zu zeigen, wenn die Sache eben nicht gut eingefädelt ist. Der Schock, den das Bewusstsein erfährt, wenn, wie für den Bauern, niemand kommt und ihn auszahlt oder der Erfolg sich nicht einstellt, weil der Geschäftspartner seinen Teil der Vereinbarung nicht erbracht hat, ist wahrhaftig und verständlich, selbst wenn das Unterbewusstsein durchaus aufgenommen hatte, dass man sich an einen Windhund verkauft hat. Jetzt muss die Schuldprojektion wieder die eigene Entlastung herbeiführen:

Glücklicherweise reißt dem Betrogenen irgendwann die Geduld und die Desillusionierung und Enttäuschung kann heilsam einsetzen.

Die Reaktion des Fleischers, der zunächst mit Humor und dann mit Abgrenzung reagiert, gehört durchaus auf die erwachsene Yang-Seite. Die Reaktion des Bauern allerdings ist vollkommen kindischer Unsinn. Der Bauer, noch immer in seiner Verblendung gefangen, bringt den vermeintlich ungerechten Fall dann sogar noch vor den König. Die Frösche und die Hunde hätten ihm das Seinige genommen, und der Metzger habe ihn dafür mit dem Stock bezahlt. So lautet die Geschichte aus der Sicht des Bauern. Sie lautet so, wenn die Desillusionierung alleine auf das innere Kind trifft und zu einer impulsiven und immer noch irrationalen Reaktion führt, nicht aber vom Verstand, dem inneren Erwachsenen reflektiert wird.

Den kommenden Teil des Märchens kennt man als Motiv aus dem etwas bekannteren Märchen „Die goldene Gans“: Die Absurdität der Geschichte bringt die Königstochter zum Lachen, worauf der König per vorher erlassenem Gesetz die Tochter dem Bauern zur Frau geben will. Der Bauer aber will die Prinzessin nicht. Er habe zuhause schon eine Frau, die ihm gründlich zu viel sei, sagt der Bauer, und den Vorwurf des Königs, der Bauer sei ein Grobian pariert dieser Grobian mit der interessanten Aussage:

Den König besänftigt das Eingeständnis keineswegs, aber im Märchen leitet die Erkenntnis eine Wende ein. Der vorherige Projizierende wurde zum ersten Mal selbst zur Projektionsfläche. Ohne die Agenda des Bauern zu prüfen und zu berücksichtigen – der Bauer wusste nichts von dem Gesetz und hatte ja auch nicht intendiert, die Königstochter zum Lachen zu bringen – hatte der König vor, den Bauern in sein Drehbuch hineinzuschreiben. Jetzt fühlt der Bauer zum ersten Mal am eigenen Leib, wie es ist, wenn andere ihre Kompetenz – hier, die Königstochter zum Lachen zu bringen – bei einem abladen, wie er es zuvor mit den Fröschen und dem Hund unternommen hatte. Im weiteren Märchen wird nun er für andere zur Projektionsfläche und macht nun die gegenteilige Erfahrung zu seinem bisherigen Verhalten. Durch den Wechsel in den Gegenpol vervollständigt der Bauer seine persönliche Erfahrung mit der Angst vor Unzulänglichkeit und kann dann über sie hinausgehen. Genau dazu jedenfalls dienen uns unsere “Schwierigkeiten” mit den Mitmenschen. Sie dienen der Selbstbeobachtung, der Selbstreflexion und der Selbsterkenntnis – und der allmählichen Befreiung von Projektionen. Mit dem Ende der Projektionsneigung holen wir unsere Schattenanteile, in denen negative Einstellungen und Verhaltensweisen wie auch positive Gaben und mentale Stärken verdrängt liegen, in unser Bewusstsein zurück und leben sie selbst aus.

Der Bauer hat nun also, vom Zorn des Königs getroffen, der wiederum seinen Willen nicht erfüllt bekommen hat, eine Strafe auferlegt bekommen. Nach seiner jüngsten Erkenntnis, die Dinge nehmen zu müssen, wie sie sind und ihnen nichts weiter zuzuschreiben, was sie nicht sind, deutet der Bauer die durchaus kryptisch formulierte Ankündigung der Strafe jetzt völlig wirklichkeitskonform: 

Draußen vor der Tür wird der Bauer von der Schildwache angesprochen: 

Jetzt trifft der Bauer in einem anderen Menschen auf sein eigenes vorheriges Verhalten des Wunschdenkens, der Übertragung, der Projektion, der Spekulation, der Illusionsbildung und der unangemessenen Erwartungen. Der Bauer aber weiß das Spiel nun aktiv zu spielen, weil er sich selbst aus seiner Vergangenheit gut kennt. Kennt man die Algorithmen, kann man sie bedienen. Darum kann er jetzt auch seinen Gegenüber erkennen und ihn mit jenem Trick manipulieren, den sich auch das tapfere Schneiderlein im gleichnamigen Märchen zunutze macht. Die Schildwache geht von Geld aus, das dem Bauern ausgezahlt würde, eine Annahme, die der Bauer nicht berichtigt, und die Schildwache bittet darum, etwas von der Summe abzubekommen. Der nun illusionsbefreite Bauer ist sich dessen bewusst, dass es sich in Wahrheit um Schläge und nicht um Geld handelt, was ihm in Aussicht gestellt wurde und geht nun gewitzt und von der anderen Seite aus auf den Handel ein.

Es grenzt an Betrug, könnte man sagen, tatsächlich aber spielt der Bauer nur mit der Gier, die den kompetenten Durchblick verhindert, ganz wie es ihm selbst bisher ergangen war. Anschließend findet sich noch ein aufdringlicher Geldwechsler – die Aufdringlichkeit ist ganz typisch für den Aktivpol des Beweiszwangs in der Manifestation der Gier – der aus dem mitgehörten Gespräch falsche Schlüsse zieht. Er bietet dem Bauern an, die harten Taler in Münzen zu tauschen. Auf den Handel geht der Bauer ebenfalls ein und tauscht die restlichen dreihundert Schläge, die vom Wechsler für Taler gehalten werden, in Münzen ein, die er sich sofort auszahlen lässt.

Am Tag der Einlösung erklärt der nun gewitzte Bauer dem König, er habe seinen Lohn verschenkt und könne ihn nun nicht mehr beziehen. Der König spielt das Spiel mit: 

Interessant lesen sich wiederum die Reaktionen der beiden Düpierten, wie auch die des Königs: 

Der Soldat also übernimmt Verantwortung für seine Illusionsbildung. (In diesem Fall war es keine Delusion, denn es war etwas da, aber es wurde vom Soldaten anders gedeutet, als es da war.) Der Geldwechsler stilisiert sich zum Opfer und wird auf Rache sinnen. Der König reagiert aus der Balance heraus. 

Das Pendeln zwischen den Polen geschieht kontinuierlich, und so wechselt der Bauer vom Aktivpol, in dem er die Projektionen anderer für sich instrumentalisiert hat, zurück in den Passivpol, in dem er sich jetzt den Selbstzweifeln überlässt, sich vielleicht aus der königlichen Schatzkammer die falsche Summe gegriffen zu haben. Er hat ja Probleme mit dem Zählen. Nun projiziert er seine Schuld- und Unzulänglichkeitsgefühle auf den König: 

Noch also fehlt dem Bauern die Selbstsicherheit, selbst einschätzen zu können, was richtig und angemessen für ihn ist, denn die Richtschnur war ja „soviel du willst“.

Der nachtragende Geldwechsler ist wieder zugegen und belauscht diese Selbstrede, die er als gegen den König gerichtet wahrnimmt. Ganz auf Rache und Belohnung aus, also ohne die Projektion zurückgenommen zu haben, schwärzt er den Bauern beim König an. Der Plan geht auf und der Geldwechsler wird losgeschickt, den sündigen Bauern vor den König zu holen. Und nun wechselt der Bauer noch einmal die Position. Etwas hat ihm Selbstsicherheit eingeflößt, womöglich das Geldzählen und womöglich die Höhe der ermittelten Summe, von der er sagen kann, es sei viel. Jetzt spricht der Bauer von Wissen und entscheidet aus seiner selbstsicheren Kompetenz heraus situationsangemessen: 

Könnte man meinen, dass man noch den Mann vom Beginn des Märchens vor sich hat, der vor lauter Unsicherheit sein Geld in den Teich geworfen hatte?

Um die Sache zu beschleunigen, leiht der Geldwechsler dem Bauern einen schönen Rock, was ihm zum Verhängnis werden soll (weil seine Motive unehrlich sind). Der Bauer schafft es, dem König mitzuteilen, dass der Geldwechsler seiner Natur nach gelogen habe (und das von ihm letztlich nicht mehr zu erwarten sei als das).

Der Geldwechsler reagiert prompt, geht wie erwartet und wie kalkuliert in die Defensive und macht sich vollends verdächtig. Seine Selbstsicherheit, wenn er sich der Berechtigung seiner Sache denn sicher gewesen wäre, hätte ihn still bleiben lassen müssen. Wie aber die Unsicherheit und der Beweiszwang zu Beginn den Bauern hat sein Geld in den Teich werfen lassen, geht der Geldwechsler mit gleicher Motivation auf die Barrikaden, nämlich sich selbst zu beweisen: 

Wer den Algorithmus kennt, kann ihn bespielen, wer ihn nicht kennt, wird zu seinem Opfer. Nicht mehr manipulierbar sind nur jene, die aus dem Algorithmus ausgestiegen und von ihm frei sind. Das gilt für alle heutigen Bereiche, in denen Algorithmen uns zu automatischen Handlungen vor allem in Form von Kaufentscheidungen manipulieren wollen. Wer aus dem Algorithmus ausgestiegen ist, weil er weiß, wer er ist, was er braucht, kann und will, ist frei und wer frei ist, ist nicht manipulierbar.

Der König jedenfalls als Autoritätsinstanz hier im Märchen, lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen:

Vermutlich ist der Bauer, wie alle anderen Menschen auch, nicht von Stund an davon befreit, dann und wann in Angst zu verfallen und die Pole der Angstmerkale Selbstverleugnung und Beweiszwang zu bespielen, aber er kennt nun auch den erlösten Pol der selbstsicheren Kompetenz und hat ein Entweder-Oder an die Hand bekommen: Entweder er lässt sich verstricken und zu irrationalem Verhalten hinreißen oder er bleibt bei sich, befragt über seine Intuition seine innere Weisheit und lässt seine innere Stimme anstelle von Fröschen und Hunden oder Geldwechslern antworten. Jetzt hat der Bauer die Wahl und das ist das Wesen eines wirklich guten Handels, wie ihn das Leben uns eigentlich anbietet: Man hat eigentlich immer die Wahl, mitzuspielen, das Spiel zu ändern oder gar nicht zu spielen.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein