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Neuroplastizität oder: Das Gehirn im Dreieck

Vorab zu diesem Artikel würde ich gerne eine Übersicht über die Zuordnung von Gehirnbereichen, Chakren und Dreieckskomponenten liefern, damit wir uns im folgenden Artikel gut verständigen und verstehen können, worüber jetzt gerade gesprochen wird. Der Artikel an sich dient der meditativen Betrachtung der Frage, weshalb es so schwierig ist, emotional gesteuerte und instinktiv ausgeführte Reaktionen zu unterbrechen und sie stattdessen von der Vernunft steuern und ausführen zu lassen. Er bemüht sich mit der Beschreibung der Neuroplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu verändern, um einen Lösungsansatz. In den Begriffen, die wir bisher in der Dreieckstheorie verwenden, würde die Frage so lauten: Weshalb ist es so schwierig, dem Schattenkind und seinen Schutzinstanzen die automatische und impulsive Reaktion aus der Hand zu nehmen und die Regie über die Reaktion auf ein Ereignis dem inneren Erwachsenen zu übergeben? Weshalb also gewinnen Habgier, Zorn und Eifersucht so leicht die Oberhand über Großmut, Konsequenz und Selbstfürsorge? Der Grund, ganz grob vorweggenommen, liegt darin, dass wir nur einen kleinen Teil unseres Gehirns nutzen. Und die Lösung ist: Das tun wir nur solange, bis wir entscheiden, den Rest auch zu benutzen. Dazu gibt es ganz verschiedene Methoden, die von Stromzufuhr über DNA-Strang-Aktivierung und Grundtongesang bis zur humanistischen Bildung reichen können, worunter ich auch alle Arten von Coachings und therapeutischen Ansätzen zählen möchte – also im Idealfall. Die einfachste Methode zur Aktivierung der brachliegenden Gehirnbereiche allerdings ist die, die Gehirnbereiche einfach zu benutzen. Ja wirklich: Wir aktivieren unsere brachliegenden Hirnteile, indem wir sie benutzen. Die Dauerhaftigkeit der Aktivierung stellen wir durch Wiederholung sicher. Und in der Wiederholung liegt das Versprechen auf zukünftigen inneren Frieden und sogar auf neue Dimensionen des Denkens. Schauen wir uns die Sache also im Detail an, das Gehirn und wie es sich im Dreieck abbilden lässt. Ich benenne zunächst in einem Dreischritt jeweils den Gehirnbereich, dann das dazugehörende Chakra und dann die passende Dreieckskomponente, plus eine kurze Beschreibung der Funktion des Gehirnbereichs. Die letzte Skizze in der Reihe, das gesamte Dreieck mit den hellblauen Verbindungen zwischen den Einzelkomponenten, entspricht im menschlichen System dem Körper, dem Kehlkopfchakra und allen manifesten Erscheinungen. Das Kronenchakra, was in der Dreieckstheorie als die Gesamtheit aller – bei uns sieben – Dreiecke gelten kann, würde sich etwa wie die letzte Skizze der Reihe darstellen.

Stirnchakra

Herzchakra

Solarplexus

Sakralchakra

Wurzelchakra

Kehlkopfchakra

Kronenchakra

Von der Matschkiste zum feudalen Esszimmer

Die naturgegebene Leserichtung des Dreiecks in der heutigen Zeit, in der eine potenzielle Bedrohung kaum noch physisch-existenzieller Natur, viel häufiger aber psychisch-essenzieller Natur ist, beginnt in der Dreiecksfläche. Im limbischen System, wo die psychische Logik vorherrscht, “sitzt” das innere Kind. Das innere Kind setzt sich zusammen aus Erfahrung, Konditionierung, Temperament und Konstitution. Zur Konstitution gehört die Beschaffenheit des Nervensystems, die von wenig über normal bis hoch sensibel reichen kann oder wir sagen auch: robust bis feinsinnig. Gerät das limbische System aufgrund der spezifisch persönlichen Auswertung einer Reizaufnahme aus der Balance, reagiert gewöhnlicherweise der evolutionsälteste Teil des Gehirns, das Mittel- oder Reptilienhirn, auch Hirnstamm genannt, und nimmt den motorischen Kortex in Anspruch. Das Mittelhirn sitzt an der Verlängerung des Rückenmarks und ist für das Überleben des Organismus zuständig: “Hunger, Pipi, kalt, einsam, müde”. Bekannt vom Autorücksitz bei langen Urlaubsfahrten, zusammen mit: “Wann sind wir denn da?” Im Chakrensystem kann das limbische System dem Sakralchakra zugeordnet werden, von wo aus uns unser Bauchgefühl erreicht. Das Mittelhirn entspricht dem Wurzelchakra. Im Dreieck sind hier die Schutzinstanzen von innerem Wächter bis innerem Antreiber angesiedelt, die das innere Kind instinktiv schützen. Sie pendeln in einem Repertoire aus polaren Extremen, das heißt, sie bewegen sich zwischen Deprivation und Aggression hin und her, zwischen Erstarrung oder Kampf- und Fluchtverhalten.

Obwohl es in unserem Beschreibungsinstrumentarium der Dreiecke vierzehn Ausprägungen sind, aus denen die Schutzinstanzen Wächter, Saboteur, Kritiker, Rebell, Bettler, Sensibelchen und Antreiber ihre Reaktionen wählen, sind am offensichtlichsten in der Welt wahrzunehmen die Reaktionen Wut (Kritiker) und Sucht (Bettler). Ihre Auswirkungen sind Gewalt und Habgier. Etwas weniger offensichtlich, aber die treibende Kraft hinter allem, ist die Suche nach Liebe, oder eigentlich: die Suche nach dem Geliebtwerden (Rebell). Diese Suche äußert sich am wahrnehmbarsten in der eifersüchtigen Manipulation. So arbeiten diese drei Hauptinstanzen in den Orten Solarplexus, Herzchakra und Kehlkopfchakra an den Themen Selbstwert, Bindung und Konsistenz und versuchen dort mögliches Ungleichgewicht auszugleichen. Sie bemühen sich nach Kräften darum, die Balance wieder herzustellen, sobald das limbische System oder das innere Kind über unsere Gefühlswelt ein Ungleichgewicht angezeigt hat.

Die beiden Instanzen Kritiker und Rebell pendeln zwischen den instinktiven Ausgleichsversuchen von (Selbst)herabwürdigung und (Selbst)erhöhung, wenn das Selbstwertempfinden aus der Balance geraten ist, sowie zwischen der kontrollierenden und erpresserischen Distanznahme und manipulierenden Anhaftung, wenn das Gefühl von Bindung und Zugehörigkeit in die Schieflage geraten ist. Wer jetzt sagen möchte: “Aber so fühle ich mich doch ständig, wenig wertgeschätzt und irgendwie ungeliebt”, hat das ganze Problem der Welt schon erfasst.

Dass zur Lösung des Problems in der Hauptsache nur auf zwei von fünf Hirnbereichen zugegriffen wird, das emotionale Zentrum und den Instinkt, bzw. auf drei Hirnbereiche, indem das motorische Zentrum vom Instinkt verpflichtet wird und dass der Organismus aus den polaren Extremen heraus gar nichts tut oder in den Krieg zieht, ist der zweite Teil der Geschichte des Problems, wie sie sich in der Welt schon so lange so hartnäckig erzählt. Das Problem besteht darin, dass die zur Vernunft begabten Hirnareale wie ein feudales und nicht sehr wohnliches Esszimmer behandelt werden, das man wirklich nur zu ganz besonderen Gelegenheiten aufsucht. Das Zimmer wird an normalen Wochentagen nicht geheizt und überall liegt auch ein bisschen Staub herum. In der Regel aber trifft man sich in der Matschkiste. Räume aber werden wohnlich, indem man sie bewohnt und das Gleiche gilt für die nicht aktivierten Hirnbereiche. Sie werden aktiviert, indem man sie benutzt.

Kinderstube

Um im Bildspendebereich Immobilien zu bleiben, ist die Kinderstube derjenige Ort, an dem die Aktivierung am allereinfachsten hätte stattfinden können. Das erwachsene Vorbild an Präsenz, Wertschätzung, Empathie und Güte, das den motorischen Kortex anstelle der Instinkte beansprucht und ihn zu einem gesunden Unterscheidungsvermögen, zur erwachsenen Konsequenz, zur Fürsorge und zu einem integeren, authentischen Verhalten verpflichtet, statt den Oberarm zu veranlassen, die Muskeln spielen zu lassen, wäre der einfachste, schnellste und leichteste Weg das Hirnareal der Großhirnrinde, vielleicht sogar des präfrontalen Kortex zu aktivieren und den motorischen Kortex mit diesen beiden Bereichen in eine stabile Verbindung miteinander zu bringen.

Gehen wir für die leichtere Verständlichkeit nochmal zum Instanzenmodell, würde das bedeuten, dass der innere Erwachsene sich am leichtesten durch das Vorbild eines emotional, mental und physisch erfahrbaren Erwachsenen bildet. Ein Kind, das Ermutigung, Präsenz, Wertschätzung, Empathie und Güte erfährt, vielleicht sogar eine tiefgehende Achtsamkeit seiner Person gegenüber, aktiviert durch die eigene Wahrnehmung dieser Wohltat gegenüber, durch die Verarbeitung der Erfahrung also, automatisch jenen Bereich, den wir in der Dreieckstheorie mit Yin bezeichnen, unsere Anima oder das weibliche Prinzip in uns. Ein Kind, das ein erwachsenes Vorbild an Lernwille, Urteilsvermögen, Konsequenz, Fürsorge und Integrität, vielleicht sogar an tiefer Gelassenheit im Hinblick auf sein eigenes Tun erfährt, wächst automatisch in die Gewohnheit hinein, sein Yang, seinen Animus oder das männliche Prinzip in sich auf eben diese Art zum Aufbau von Lebenszufriedenheit zu verwenden, statt zur Erfüllung der eigenen Sehnsüchte auf kriegerische und ausbeuterische Handlungen zurückzugreifen.

In der Bildungsforschung ist schon lange bekannt und anerkannt, dass Kinder von lesenden und vorlesenden Eltern auch selbst zum Buch greifen, weil sie dem Vorbild vertrauen und nacheifern. Das tun sie, weil das Beobachten des Vorbildes das entsprechende Hirnareal aktiviert, so dass eine Sehnsucht nach der Imitation der geliebten und vorbildhaften Person entsteht.

 

Den Gang mit einem einladenden Teppich auslegen

Die gute Nachricht mitten in die traurige Nachricht hinein, dass den meisten Menschen diese Vorbilder in ihrer Kinderstube in der notwendigen Vollständigkeit wohl eher gefehlt haben, lautet: Kinderstube lässt sich nachholen!

Für das innere Kind im erwachsenen Menschen geht Bildung noch immer am leichtesten über ein Vorbild, weshalb sich so viele Menschen einem Guru, Lehrer oder Coach anschließen. Es wäre allerdings notwendig, bereits ein gut ausgeprägtes Unterscheidungsvermögen aufzuweisen, um das Verhalten des Gurus, der sich zur Verehrung zur Verfügung stellen möchte, auf dessen Grad an Integrität hin einschätzen zu können. Jemand, der sich selbst als Gott bezeichnet, spricht zwar grundsätzlich die Wahrheit, weiß aber nicht unbedingt, was er da sagt. Wie auch schon im Fall der Kinderstube ist als Vorbild nur ein vollständig integerer Erwachsener geeignet. So ein Mensch muss nicht erleuchtet sein und er braucht sich selbst nicht als inkarnierten Gott zu deklarieren – solange er nicht alle Mitwesen ebenfalls als inkarnierte Götter ansieht, aber auf der Klaviatur der erwachsenen Eigenschaften von Yin und Yang, Anima und Animus, Präsenz und Konsequenz muss er einwandfrei spielen können, um als Vorbild zu taugen. Selbstüberhöhung und Selbstbereicherung würden nicht dazu gehören, ebenso wenig wie das Überstülpen der eigenen spirituellen oder nichtspirituellen Grundsätze, geistigen Limitationen und Ängste.

Spirituell sicherer verläuft der Weg der Ausbildung der eigenen Anlagen und mithin das Nachholen der Kinderstube über die Führung durch die inneren Lehrer und Meister. Sie zu kontaktieren wäre die einzige Fähigkeit, die wir von einem äußeren Lehrer erläutert bekommen müssten, falls wir den Zugang nicht intuitiv finden. Es steht uns eine unermessliche Menge an geistiger Produktion zur Verfügung, Literatur aus mehreren Jahrhunderten und aus aller Welt. Viele wichtige Werke werden für heutige Leser sprachlich geglättet und inhaltlich aktualisiert vorgelegt, und auch digital, als Hörbuch und zu erschwinglichen Preisen. Manches wird sogar verfilmt oder weiterhin auf die gute alte Bühne gebracht. Bildung ist kein Luxusgut mehr, sondern Notwendigkeit. Meiner Erfahrung nach führt der Beginn von Bildung, der Entschluss, sich zu bilden, zur Aktivierung des motorischen Zentrums (“Ich nehme das Buch zur Hand”) unter der Anleitung der Großhirnrinde (“Lass uns etwas für unsere Bildung tun!”) und sogar zur Inspiration durch den präfrontalen Kortex, das Stirnchakra (“Wir sollten den Horizont unseres Denkens erweitern”). In einem Buch werden oft schon die nächsten Bücher erwähnt oder es wird das Interessengebiet abgesteckt oder erweitert und in der gedanklichen Beschäftigung mit den Biografien von Vorbildern oder mit Wissen, in der meditativen Praxis, die das Lesen ebenso darstellt, wie die Verehrung eines lebendigen Vorbildes oder wie das Lauschen nach innen, werden Herz-, Kehlkopf- und Stirnchakra aktiviert. Indem wir die Lektüre nicht nur konsumieren und passiv an uns vorbei rauschen lassen oder uns nur ein paar Sätze zum späteren Zitieren merken, sondern uns um eine aktive Rezeption bemühen, selbstreflexiv lesen, uns inspirieren lassen zu einem veränderten Denken und Verhalten, aktivieren wir nicht nur die bisher brachliegenden Gehirnbereiche, sondern legen Bahnen im Gehirn an, die unsere Wahrnehmung wie auch unser auswertendes Denken und Fühlen fortan automatisch beschreiten kann. Ein Gedanke, der einmal gedacht wird, aktiviert das Hirnareal, mit dem er in Resonanz steht. So aktiviert ein mitfühlender Gedanke die Großhirnrinde. Ein Gedanke, der wiederholt gedacht wird, legt eine Spur. Wird dieser Gedanke ausgeführt, führt die neue Spur von der Großhirnrinde zum motorischen Zentrum. Mitgefühl löst einen Akt der Fürsorge aus. Wird die Erfahrung positiv wahrgenommen, wird zum Beispiel ein Gefühl von Wärme und Freude erzeugt, geht diese Bahn zum limbischen System, zum inneren Kind weiter.

Das innere Kind, das in dieser Dreiecksverbindung eine angenehmere Erfahrung gemacht hat als in der Dreiecksverbindung zwischen ihm, den Instinkten und dem motorischen Kortex, wird lernen, sich zukünftig zuerst an Yin zu wenden, statt an seine Instinkte, einfach, weil diese Bahn ihm näher liegt und leichter erreichbar geworden ist. Diesen Prozess nennt man in seiner Gesamtheit dann Umdenken. Das Gehirn hat sich selbst verändert. Statt instinktiv zu reagieren, übernimmt die Güte von Yin im Großhirn. Güte umfasst bereits alle weiblichen Wesensmerkmale von Ermutigung über Präsenz, Wertschätzung bis Empathie und Akzeptanz.

Licht im Raum einschalten

Indem Yin sich seinerseits sowohl dem inneren Kind im limbischen System, dem Bauch- und sonstigen Körperempfindungen zuwendet, “wo im Körper spüre ich die Disbalance auf welche Art?”, als auch, wenn möglich, über den präfrontalen Kortex, dem höheren Selbst im Stirnchakra, etabliert sich als gänzlich revolutionärer Weg im Gehirn das meditative Gewahrsein oder die Achtsamkeit als individuelle Grundhaltung. Dadurch wird das innere Licht eingeschaltet, das den bisher unbedachten Raum einladend macht. Man hat festgestellt, dass Menschen, die aufgrund einer Verletzung plötzlich erblinden, alle Kraft aus ihrem Körper verlieren. Offenbar müssen sie erst lernen, eine innere Lichtquelle zu aktivieren, bevor sie auch ohne physisches Augenlicht wieder zu Kräften kommen und ihre Kraft halten können. Um dieses innere Licht geht es auch, wenn das innere Kind sich in die Räume der inneren erwachsenen Präsenz eingeladen fühlen soll. Hier muss Wärme und Freude herrschen. Es muss sich eingeladen und willkommen fühlen. Dieses Willkommen wird hergestellt, indem wir uns uns selbst zuwenden mit Fragen nach unserem Wohlbefinden und unserer Freude. Hier ist zunächst Gedankendisziplin und eine konsequente Selbstbeobachtung notwendig, um die alten Bahnen von innerem Kind zu seinen Schutzinstanzen konsequent im Auge zu behalten und das innere Kind sofort an die Hand zu nehmen, wenn es die falsche Richtung eingeschlagen hat. Das Ziel wird ab jetzt das mollig warm geheizte und gemütlich helle Kaminzimmer sein, in dem vielleicht Käsekuchen und heißer Tee gereicht wird, und nicht mehr die alte Matschkiste. Dort im Kaminzimmer müssen Dinge bereit stehen, echte, manifeste Dinge, die dem inneren Kind Freude bereiten, womit es sich gerne beschäftigt und in dessen Beschäftigung es sich zuhause fühlt. Das könnte eine Werkbank sein, eine Staffelei, eine Handarbeit oder was auch immer. Möglicherweise gibt es vom Kaminzimmer aus noch eine Treppe zu einer Bibliothek in einem höher gelegenen Turmzimmer.

Leben im Haus

Und welche Auswirkungen hat diese Belebung der bisher ungenutzten Zimmer? Es hat Auswirkungen auf den Solarplexus, also auf unser Selbstwertempfinden. Die Frage, die das innere Kind stellt, lautet: “Wozu bin ich überhaupt hergekommen?” Diese Frage muss ihm im Kamingespräch, eingekuschelt in die Arme des inneren Erwachsenen, beantwortet werden: “Du bist hergekommen, damit ich dich lieben kann. Ich, nicht die Welt da draußen. Sondern ich, hier drin.” Von der Mitte an sind wir ganz anders da, wenn unsere Mitte oder unsere bewegende Kraft Yang von unserm Yin und von unserem höheren Selbst und darüber von der kosmischen Intelligenz in den Dienst genommen wird als wenn diese Kraft von unseren Ängsten, Befürchtungen, Glaubenssätzen und negativen Emotionen motiviert und von unseren Instinkten zur Beseitigung des Ungleichgewichts gesteuert wird.

Die Yang-Kraft im Dienst der Yin-Kraft und der kosmischen Intelligenz der Liebe lässt das Ich, den Menschen, das Individuum von der Mitte an anders agieren: Zorn wird in gesunde Konsequenz, Schutz und Grenzsetzung verwandelt, die das Seilende der Schatten einfach niederlegt. Man hört auf im Spiel aus Überhöhung und Abwertung mitzumachen, um den Selbstwert zu sichern. Im Kaminzimmer ist der Selbstwert gesichert und das Agieren geschieht nicht mehr zur Selbstwertsicherung, sondern aus der Selbstwertsicherheit dieses hellstrahlenden Zimmers heraus. Eifersucht wird in Selbstfürsorge verwandelt, indem das motorische Zentrum von Yin, unserem Mitgefühl, unserer Güte und unserer Akzeptanz in Anspruch genommen wird, statt dass der innere Rebell auf unser Yang zugreift und es dazu benutzt, die Mitwesen für das eigene Liebesbedürfnis zu instrumentalisieren und zu manipulieren und Rivalen aus dem Weg zu räumen.

Und die Speisekammer ist immer voll

Der dritte wichtige Lebensbereich, in dem das Handeln ganz anders ausfällt, wenn es von Herz- und Stirnchakra, von Yin und der göttlichen Essenz geführt wird oder eben von der Großhirnrinde und dem präfrontalen Kortex, ist das Geben und Nehmen schlechthin. Aus dem Kehlkopfchakra sind wir völlig anders in der Welt unterwegs, wenn der innere Bettler nicht mehr angstvoll die Regie führt über das Drehbuch mit dem Titel: “Ich komme zu kurz!”, dessen Untertitel lautet: “Es ist ja schließlich nicht genug für alle da!” Der innere Bettler hat sich bisher zu jeder einzelnen milden Gabe bitten lassen und hat sich jedes Geben zweimal überlegt. Alle Bettler machen ihrer angstvollen Natur nach das Gleiche: Sie raffen an sich und geben nichts ab, mit allen Graustufen dazwischen, die eine Imitation von Großzügigkeit darstellen mögen. Dasjenige limbische System, das unter der Führung von Yin steht, bietet dagegen an, lädt ein, leistet unaufgefordert Ausgleich oder seinen Beitrag zum Gelingen einer Sache und wird darin zum Vorbild an Freigebigkeit, Großmut und Integrität. Yin oder die Güte und Yang oder die Großzügigkeit sind die besseren Regisseure, und zu ihrem Drehbuch ändern sie als erstes den Titel in: “Das Leben ist voller Fülle!” Der kleinliche Geiz ist Sache des Reptiliengehirns, das das menschliche Überleben sichern sollte. Damals. In grauer Vorzeit. Als wirklich noch nicht genug für alle da war. Oder als es noch hieß: “Hunger, Pipi, kalt, müde, langweilig.” Großmut gehört dagegen zu heutigen erwachsenen Menschen, die wissen, dass man so schnell nicht verhungert, wie der innere Bettler glaubt, schon gar nicht in jenen Kontinenten, in denen die Gier paradoxerweise zu den äußeren Verhältnissen am größten erscheint, sondern dass vor dem Verhungern eine Menge erwachsener und intelligenter Ressourcen liegen, die nur aktiviert werden müssen. Diese Ressourcen liegen unter anderem in der Sensibilität des Nervensystems, das, unter die Führung der Großhirnrinde gestellt, zu einer neuen Art von Wahrnehmung fähig ist. Und sie liegen in der Medialität des präfrontalen Kortex, der das Denken in eine neue Dimension führt, weg vom Kramen und Kruschteln im Alten, hin zum Lauschen auf komplett Neues. Der Weg dahin ist der, die Bereiche einfach zu gebrauchen, und zwar zur Bildung, durch die Betrachtung von Vorbildern und durch den Abschluss der eigenen Individuation. Es ist das reflektierende, auch das selbstreflexive Nachvollziehen dessen, was man liest, hört, betrachtet oder nachahmt, was die Bereiche im Gehirn aktiviert. Sich einfach mal in einer großmütigen Geste zu versuchen und dann genau zu beobachten, was diese Aktion mit einem selbst gemacht hat, wäre ein Anfang, ein möglicher erster Schritt. Sich selbst einen kleinen Akt der Fürsorge zukommen zu lassen, wäre eine weitere Möglichkeit. Und sich einmal in einer Haltung der Wertschätzung und Dankbarkeit zu versuchen, wäre eine dritte Alternative. So wird man doch glatt sich selbst zum Lehrer.

Das Tagebuch als Raum der inneren Begegnung

Die dauerhafte Aktivierung erreicht man dann über den Weg der Gedankendisziplin oder auch der Achtsamkeit, als Maßnahme des Moments, und über die Psychohygiene als konsequente Form der Selbstbeobachtung. Die Psychohygiene ist jenes Yin, das dem inneren Kind täglich zuhören und für dessen Sorgen und Nöte ansprechbar sein sollte. Diese Funktion würde von jeder Art von selbstreflexivem Schreiben übernommen, in der auch die Versuche, im Alltag in neuen Bahnen zu denken, zu fühlen und zu handeln, betrachtet werden könnten und sollten. Die Gedankendisziplin setzt über die Absicht, was man zu tun gedenkt und welches Ziel man verfolgt, im aktuellen Augenblick an. Es ist die konsequente Selbstbeobachtung, das Abgleichen zwischen Absicht und Handeln (wobei Denken dem Handeln vorausgeht und damit Teil des Handelns ist). Zu dieser Selbstbeobachtung gehört die Disziplin, sich selbst liebevoll zu hinterfragen, sich im Fall einer wahrgenommenen Dissonanz sanft, aber konsequent auf die richtige Gedankenbahn zu setzen, und sich selbst dann einen Schubs zu geben, diese neue Gedankenbahn zu Ende zu gehen. Zu wenden und die richtige Bahn zu nehmen, ist Aufgabe der Achtsamkeit im Alltag, der das Innehalten und Schauen gute Dienste leistet, wenn man wirklich die Absicht hat, der bestmögliche Mensch zu werden, der man sein kann. Das wäre ein Mensch, der auf mehr als nur zwei seiner Hirnbereiche zugreift. Ein vollständiger Mensch – und das wäre unter dem Superlativ von “gut” zu verstehen, bestmöglich = vollständig, bringt seine gesamten Anlagen in sein Leben ein und bereichert sich und andere durch ihre Manifestationen. Konkret hieße das wohl, dass es mehr Einladungen in warme Kaminzimmer geben würde und dass weniger mit Schüppchen gehauen wird.

 

 

Posted on 18. November 2018 in Die Drama-Dreiecke, Hochsensibilität im Alltag

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