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Lettre méditative: Über Wut

Über die Wut gibt es, fürchte ich, ein kleines Missverständnis. Ich lese an verschiedenen Orten und Stellen, und höre es auch immer wieder, besonders von Frauen, wie froh man sein könne, wenn man seine Wut endlich spüren und ausdrücken könne. Das stimmt auch. Das stimmt unbedingt. Unterdrückte Wut ist das Schlimmste. Die Unterdrückung jeder Art von Gefühlen führt langfristig zur Somatisierung durch den Körper oder zur Projektion auf andere Menschen und die Wut kann vielleicht die gefährlichsten Folgen haben. Dass wir von Hunden gebissen werden, die unsere unterdrückte und brodelnde Wut spüren, ist nicht der schlimmste Fall, aber der, der allen am unverständlichsten erscheint, weil der Mechanismus so wenig einleuchten will. Wir werden aber genauso von Menschen gebissen und eben von unserem eigenen Körper, wenn wir unsere Gefühle, vor allem die Wut, nicht beachten.

Das Missverständnis über die Wut, dem dieser so oft ausgeführte therapeutische Ansatz unterliegt, ist aber, dass diese Wut ungefiltert an Anderen ausgelassen werden sollte. Dass es öffentliche Wutausbrüche geben sollte und Menschen in Deckung gehen müssen, weil wir nunmal jetzt wütend sind und ja so froh sind, dass wir unsere Wut endlich spüren und sie nicht mehr verschweigen. Manchmal heißt es dann noch in einem Anflug von Reflexion, mit diesem Ausbruch würde man vielleicht nicht bekommen, was man eigentlich will, aber das würde man mit Schweigen auch nicht. Würde die Reflexion weitergehen, statt hier zu enden, und würde man sich fragen, was das denn ist, was man will, dann käme man zu einem tiefen Bedürfnis nach Respekt, der einem im Leben fehlt. Und das Fehlen begann in der Kindheit und geht weiter bei einem selbst und endet noch lange nicht bei unseren Kindern und Partnern und Freunden.

Und jetzt zur Auflösung des Missverständnisses: Wir sind keine Kinder mehr. Für ein Kind ist der ungefilterte Wutausbrauch gesund und angemessen. Diese Energie und Kraft zu erleben, gehört zu seinem Wachstum. Das Kind hat hoffentlich verständnisvolle, kompetente Erwachsene an seiner Seite, die den Raum halten, auch wenn es völlig austickt. Angemessenheit ist kein relevanter Ausdruck im Zusammenhang mit einem kindlichen Wutausbruch. Der Wutausbruch eines Kindes ist so angemessen, dass man über Angemessenheit nicht zu reden braucht. Der kompetente Erwachsene weiß, dass der Wutausbruch und egal, was in seinem Prozess gesagt oder getan wird, nichts mit ihm als Gegenüber zu tun hat. Der wissende Zeuge des Erwachsenen übernimmt Verantwortung für seine Gefühle und auch für die Gefühle des ihm anvertrauten Kindes. Wütenden Kindern wünschen wir von Herzen, dass sie von souveränen Erwachsenen begleitet werden, die ihnen in Liebe zugetan bleiben, egal, wie die Kinder sich verhalten. Wir wünschen ihnen Erwachsene, die zu reflektieren bereit und in der Lage sind, um die Ursachen der kindlichen Gefühle zu erforschen und angemessen auf sie zu reagieren, zum Beispiel mit einer gesunden Selbstkritik, die erkennt, wo die Ursachen im Verhalten der Erwachsenen liegen.

Für Erwachsene aber hat sich etwas verändert und das wird leider oft vergessen oder wurde genauso bedauerlicherweise sehr oft noch gar nicht zur Kenntnis genommen. Ab dem Alter von 21 Jahren spätestens sollte eine Instanz hinzugekommen sein, die wir Vernunft nennen. Vernunft ist nicht unser konditioniertes Denken und sie hat auch nichts mit unserem inneren Kritiker zu tun oder den anderen uns abwertenden Stimmen, die wir aus der Kindheit übernommen haben mögen. Vernunft ist eine Herzensangelegenheit. Sie ist unsere Fähigkeit, uns selbst zuzuhören und dann konsequente Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen. Zur Vernunft gehört auch die schon erwähnte Reflexionsfähigkeit, die jetzt zu erforschen versucht, wo die eigenen Anteile liegen, wenn eine Situation nicht wunschgemäß verlaufen ist oder nicht dem eigenen Selbstbild entsprechend bewertet wurde. Bei dieser Vernunft handelt es sich um ein Zusammenspiel aus unserem Solarplexus und unserem Herz, das heißt unserem Selbstwert und unserer Selbstliebe. In der Wut allerdings herrscht nur der Solarplexus und zwar in Form des alleingelassenen Egos. Diese beiden Instanzen aus Selbstwert und Selbstliebe aber lauschen dem wütenden inneren Kind und handeln angemessen, wie ein Erwachsener, der wir inzwischen sind, und nicht mehr wie das Kind, für das damals eigentlich Erwachsene im Außen verantwortlich gewesen wären.

Die Problematik besteht darin, dass diese Erwachsenen es früher so erschreckend oft nicht waren. Sie waren nicht mental anwesend und schon gar nicht emotional präsent. Sie haben nicht gefragt, was uns in die Wut hineingeführt hat oder wären einfach nur da gewesen, um uns in unserer Wut zu halten. Sie haben uns verurteilt und ganz schnell wieder in Form bringen wollen, manchmal unter dem Einsatz von Maßregelung und Bestrafung, manchmal unter Ignoranz oder Ausgrenzung oder dem Ausdruck von Missbilligung und Tadel. Wir haben also keine Ahnung, wie Erwachsene sich einem Kind gegenüber verhalten, wenn sie ganz Liebe und ganz Respekt für uns als Kinder sind. Uns fehlt die Erfahrung und das Rollenvorbild.

Und doch dürfen wir da nicht stehen bleiben. Das Bedauern ist nicht das Ende der Therapie. Oder es sollte es nicht sein. Allerdings soll sich C. G. Jung genau an dieser Stelle mit Sigmund Freud gestritten haben, als er bemängelte, dass die Psychoanalyse den Menschen mit einem Haufen analysierter Probleme zurückließe, solange sie nicht auch Sorge dafür trage, dass neue Instanzen im eigenen Innern erschaffen würden. Eine der neuen Instanzen sollte für einen kognitiv erwachsenen Menschen ganz bestimmt der innere Erwachsene sein. Und ich sage deshalb sollte, weil wir als Erwachsene eine Autorität und Macht haben, die uns in unseren ungefilterten Wutausbrüchen zu sehr gefährlichen Wesen macht. Der Wutausdruck eines Erwachsenen verletzt andere Lebewesen in einem ganz anderen Ausmaß, als der Wutausdruck eines Kindes es tut. Allein schon unsere Rhetorik ist wesentlich treffender und unsere physische Kraft kann verheerender sein. Einem prügelnden Menschen darf sein Ausdruck von Wut gar nicht erlaubt werden. Das ist eine Frage der Selbstachtung. Von einem mit Worten oder Taten prügelnden Menschen, der seine Wut zelebriert, dürfen wir uns aus Respekt vor unserer Würde und unserer Integrität distanzieren. Denn wir haben zuerst eine Verantwortung für unser eigenes inneres Kind, bevor wir sie für andere innere Kinder übernehmen können, wenn überhaupt.

Hier sind wir bei einem ganz wesentlichen Punkt. Der Respekt für die Wutempfindung des Anderen schließt den Respekt für meine psychische und physische Unversehrtheit mit ein. Als Erwachsene habe ich keine Verantwortung für das innere Kind eines Anderen, sondern nur für mein eigenes inneres Kind und für mich begleitenden Kinder. Ich muss nicht bei dem Anderen sein und seine verbalen oder physischen Schläge aushalten. Aus Respekt für mein eigenes inneres Kind werde ich das auch nicht tun. Ich werde eine Grenze setzen. Ich werde verständnisvoll sein und sagen, dass ich sehe, dass etwas offenbar zu einer großen Wut geführt hat und dass ich dieses Gefühl respektiere. Für mein eigenes Handeln werde ich dann Verantwortung übernehmen und um Verzeihung bitten. Aber dann werde ich mir die Unangemessenheit eines Ausdrucks der Wut verbitten, der darauf zielt, mich herabzuwürdigen oder zu demütigen. Ich werde dazu einladen, dass jeder sich Zeit und Raum nimmt, sich um seine Gefühle zu kümmern, damit wir uns anschließend über diese Gefühle austauschen können. Denn das ist der Unterschied, an dem das eigentliche Missverständnis entsteht: Ich spreche mit einem Erwachsenen sehr gerne über seine Gefühle, also über sein inneres Kind, aber ich spreche nicht mit seinen Gefühlen und nicht mit seinem inneren Kind. Würde ich das tun, was ich  in dem Moment versuchen würde, in dem ich auf die Wut des Anderen reagiere, würde ich auf fatale Weise eine Beziehungsdynamik in Gang setzen, die das Gefüge der Augenhöhe verlassen wird. Dann spricht ein Eltern-Ich mit einem Kind-Ich. Beides sind in Wahrheit innere Kinder, aber eines setzt sich über das Andere. Eines flieht in den Hochmut aus Angst, von der um sich schlagenden Wut verletzt zu werden. Das eine spricht dem anderen die Kompetenz ab, sich um sich selbst zu kümmern, wenn es versucht, sich der Wut anzunehmen. Das ist es, was im Moment des ungefilterten Wutausdrucks passiert. Wir verlieren den Respekt, nicht vor dem inneren Kind, das da gerade wütet, sondern vor dem inneren Erwachsenen, der durch Abwesenheit glänzt. Wir verlieren die Augenhöhe mit dem Erwachsenen, weil wir von dem Kind im Innern auf die Kindebene gezogen werden, wenn wir der Wut in ihrem kindlichen Ausdruck erlauben, dass sie uns trifft.

Das Missverständnis ist meiner Erfahrung nach, dass ein mentales Erwachsensein mehr bedeutet, als nur die Entdeckung des inneren Kindes. Wenngleich ich die Entdeckung des inneren Kindes in seinen beiden Aspekten des Schattens und der puren Sonne für das wertvollste Geschenk von allen halte. Aber die Entdeckung der Vernunft ist ein ganz genauso wertvolles Geschenk. Die Entdeckung, dass wir in der Verbindung von Vernunft und Gefühl zu authentischen Gefühlsausdrücken gelangen, die uns zu einer ganz neuen Einsichtsfähigkeit führen, ist vielleicht das noch größere Geschenk. In so einer Verbindung aus Gefühl und Vernunft gelingt uns die Selbstreflexion dem wutauslösenden Element gegenüber in der Frage: „Was hat mich jetzt so Wut versetzt?“ Und dann gelingt auch die Selbstverantwortung, mit der wir uns unserer Verletzlichkeit und unserer Subjektivität zugleich sehr bewusst bleiben und auch die alten Muster konsequent im Blick behalten. Uns gelingt einfach eine erwachsene Kommunikationssituation über unsere Gefühle, über unsere Wut, ohne, dass wir sie wie ein Kind gewaltvoll ausagieren müssen. So gelingt uns ein neuer Ausdruck von Respekt für uns selbst und Andere, eine Liebesfähigkeit, die die eigene Freiheit gewährleistet und die Freiheit des Anderen einschließt.

Es ist mir wichtig, dieses Missverständnis über die Wut einmal zu besprechen und vielleicht sogar aufzulösen. Ganz wichtig. Weil unsere Welt derzeit noch von viel zu vielen wütenden und gänzlich alleingelassenen Kindern beherrscht wird, die sich selbst darin feiern, endlich ihre Wut entdeckt zu haben. In Wahrheit müssen sie endlich von inneren Erwachsenen in die Arme und an die Hand genommen werden, damit die Wutausbrüche, die oft sogar mit Waffengewalt töten und zerstören, endlich aufhören können und an ihre Stelle das Bemühen um Verständnis und Frieden treten kann. Das ist dann kein aufgezwungener Frieden aus den kontrollierten Gefühlen einer guten Seele oder eines Pseudospiritualismus heraus, die niemandem etwas zu Leide tun können, sondern einer, der aus der liebevollen Umarmung des Gesehenwerdens an unser eigenes Selbst entsteht. Es ist ein echter Frieden, der dann auch keine öffentlichen Wutbekundungen mehr braucht, sondern im Glanz der Selbstreflexion und Selbstverantwortung eine Vorbildfunktion übernimmt, die wir so dringend brauchen, weil uns echte Erwachsene als Vorbilder noch immer in der breiten Fläche des Feldes fehlen. Mögen viele innere Kinder sich bald weniger alleine zuhause fühlen und damit auch weniger wütend. Denn die Wut überflüssig zu machen, entspricht im Dramadreieck der Fläche zwischen den drei Spitzen. Dort herrscht so eine herrliche Ruhe, in der das Kind einfach spielen und ganz es selbst sein kann.

Posted on 29. Oktober 2017 in Lettres méditatives

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