loading please wait..

Lettre méditative: Über den Schal

Bei der Dichterin Verena Moksha Devi las ich einmal den Satz: “Hülle dich in ein warmes Tuch, Schwester”. Dieser Satz hat mir gut gefallen und etwas in mir angesprochen. Ebenso wie bei der Singer-Songwriterin und Friedensaktivistin Morgaine in ihrem Song “Wolfsliebe” die Songstelle: “Ein Mantel, blutrot, hält ihre Seele warm, wenn es Eiszapfen regnet, auf ihr dunkelbraunes Haar.” Bei der Psychologin Dr. Elaine Aron fand ich zur gleichen Zeit den Tipp, hochsensible Menschen könnten sich mobile Schutzräume kreieren, etwa, indem sie sich in etwas einhüllten, das ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte. Und dann kamen parallel dazu verschiedene Anbieter von neuen Ponchoformen und Meditationsschals auf den Markt. Vielleicht kam es mir auch nur so vor, weil mein selektiver Blick gerade auf Ponchoformen und Meditationsschals eingestellt war. Die Meditationsschals wurden in Produktvideos auf das Gefühl von Geborgenheit hin inszeniert und ich habe mich gefragt, was das Besondere an einem Schal sei, der zur Meditation reserviert wird. Als ich mich auf die Recherche begab, stieß ich auf Fotos von Mahatma Gandhi. Stets trägt er einen Schal auf eine bestimmte Art um die Schultern geschlungen.

Bei der weiteren Recherche erhielt ich die Erklärung, in Indien werde der Schal als Erinnerung an Gottes Umarmung getragen. Das Gefühl, das durch den Schal hervorgerufen werde, evoziere also das Gefühl einer Umarmung. Im Speziellen, so ist mir dann im Selbstversuch aufgefallen, produziert es sogar das innere Bild einer Umarmung durch eine höhere Macht, ganz gleich, ob sie den Namen Gott, Intelligenz oder Liebe erhält. Man muss das nur einmal ausprobieren. Es genügt auch der Begriff der Geborgenheit, die als Gefühl entsteht, wenn man sich selbst einen warmen Schal um die Schultern legt und sich dann noch hineinkuschelt. Vor allem von Kindern wurde mir dieses Gefühl als „es tritt sofort ein“ bestätigt. Wenn ich jemandem Trost spenden will, verschenke ich seitdem gerne einen Schal und ein Tagebuch. Beides sind Instrumente des Bei-sich-selbst-Seins, die Handschrift und die Wärme, der innere Dialog und das innere Zuhausesein.

Und dann stieß ich noch auf den Begriff der Khata, was in China ein traditioneller Begrüßungsschal ist. In Tibet ist er aus weißer Seide als Symbol für das reine Herz des Überreichenden. In der Mongolei ist dieser Begrüßungsschal hellblau, was den Himmel symbolisieren soll. Der Schal steht für Glück, Wohlwollen und Mitgefühl. In der Praxis wird der Schal entweder von einem Gast an den Gastgeber oder umgekehrt überreicht oder auch von einem Lehrer an seinen Schüler oder umgekehrt oder von jemandem, der einen anderen Menschen um Hilfe bittet. So soll die Begegnung unter einen guten Stern gestellt und zugleich kommuniziert werden, dass man frei von Erwartungen, Forderungen und negativen Gedanken ist. Kathas werden auch zu besonderen Anlässen geschenkt wie Hochzeiten, Beerdigungen, Geburten, Schulabschlüssen oder sie werden zum Abschied mitgegeben. Hier schwingt vielleicht der Segen mit: “Mögest du Gottes Umarmung immer spüren.” Neben den beiden häufig verwendeten Farben Weiß und Hellblau gibt es die Khatas durchaus auch in Rot, Grün, Gelb oder Gold, was einen doch sehr an die Chakrafarben denken lässt, oder?

Das Argument, dass ein Mensch sich durch einen Schal gehalten und geborgen fühlen kann, wurde mir von einer Do-it-yourself-Video-Anleitung, die im Internet unter der Überschrift “need a hug?” kursierte, untermauert, in der eine durch Gewichte beschwerte Decke hergestellt wurde. In der FAZ las ich Ende 2017 einen Artikel über Sandwesten, die unruhigen und hyperaktiven Kindern angelegt werden, um sie zu beruhigen. Im Artikel heißt es, in einem sozialen Netzwerk habe es dazu die unmöglichsten Kommentare gegeben und ich hatte sie damals auch gelesen, diese Kommentare, und vermutet, dass die Sandweste an dieser Stelle von den Kommentatoren reichlich fehlinterpretiert worden sei. Sie folgt doch letztlich dem Konzept der Therapiedecke, die es inzwischen in hoch ausgearbeiteter Form mit Samtbezug und Glaskügelchen anstelle von Sand als Innenleben zu kaufen gibt und sich für gestresste Menschen, denen es schwer fällt, sich zu entspannen, als absolute Wohltat herausstellt. Das Gewicht auf dem Körper simuliert das Gehaltenwerden und führt so zur Stressreduktion im Nervensystem. In dem Buch “Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier” berichtet die Autistin Temple Grandin von ihrer Erfahrung, dass eine spezielle eng gewickelte Decke, die sie einmal am Tag benutze, ihr ein Gefühl von Sicherheit gebe. Ihre Arbeit besteht darin, sich in Tiere hineinzuversetzen und den Tierhaltern, vor allem Farmern, zu kommunizieren, wo Lösungsansätze für Schwierigkeiten mit den Tieren liegen könnten. Unter anderem gibt sie für ängstliche Hunde den Tipp, sie mit einem Tuch eng zu umwickeln, damit sie sich sicher fühlen können, ein Tipp, der vor allem jedes Jahr zu Silvester in den Tierhalterforen ausgetauscht wird.

In der preisgekrönten BBC-Serie “Call the midwife – Ruf des Lebens” (wobei die Übersetzung von “midwife” = Hebamme ist), fällt dem Zuschauer bis zur fünften Staffel sonnenklar auf, dass jede Episode damit endet, dass ein glückliches Kind glücklich auf die Welt geholt wird und dass das Glück darin dokumentiert – wenn nicht sogar dadurch hergestellt wird -, dass das Neugeborene in eine Häkeldecke gewickelt im Kinderwagen, Bettchen oder in den Armen der Eltern liegt. Jedes Neugeborene hat seine Häkeldecke und sie liegt zu seinem Willkommen in der Welt schon Monate vor seiner Geburt bereit.

Für Schals jedenfalls hatte ich schon immer eine Vorliebe. Ich mochte dieses grau-schmuddelige Herbstwetter, weil das die Zeit der bunten Schals war. Kisten voller Schals habe ich. Und als Jugendliche habe ich sie auch selbst gefertigt. Lange und breite Schals, in die man sich richtig hineinwickeln kann. Wahrscheinlich habe ich mir sie ganz unbewusst umgelegt, wenn die äußere Kälte im Grunde das innere Frieren gespiegelt hat und ich in Wahrheit eine Umarmung gebraucht hätte, zu der aber kein anderer Mensch zur Verfügung stand. Eine Erfahrung, die in unserer Gesellschaft doch eher zu einem großen Problem geworden ist, als dass es kleiner geworden wäre. Es ist bekannt, dass die meisten Menschen, die an Depression oder sogar unter Süchten leiden, einsam sind und dass ihnen die Oxytocin-Produktion und das Serotonin fehlen. Es fehlen die Neurotransmitter, die zu einem Gefühl von Entspannung, Trost, Sicherheit und von Bindung und Zugehörigkeit führen.

Die Geste aber, sich selbst einen Schal um die Schultern zu legen und ihn sich vor der Brust übereinanderzulegen, hat eine Energie der Selbstfürsorge. Das an einem innerlich oder äußerlich kalten Tag zu tun, egal also, ob das Gefühl der Kälte emotional oder physisch erzeugt wird, produziert ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ein Gefühl von Liebe, ohne, dass es einen anderen Menschen braucht, der liebt. Ein subjektloses Geliebtseinsgefühl. Es erfüllt das Grundbedürfnis nach Bindung, selbst wenn es keine Bindung an einen anderen Menschen ist. Sich den Schal intendiert selbst umzulegen, kreiert die Verbindung mit sich selbst.

Bei diesem Gefühl geht es ganz elementar um das Grundbedürfnis nach Bindung, in dem man sich zuerst unabhängig machen muss von anderen Menschen, die Bindung also zu sich selbst herstellen muss, um sich danach auf gesunde Art und bedingungslos mit anderen Menschen verbinden zu können. Mit gesund ist gemeint: jenseits der Extreme von emotionaler Deprivation und emotionaler Abhängigkeit, sondern stattdessen in einer gänzlichen Bedürfnislosigkeit rein um der Freude an der Verbindung Willen lieben zu können.

Es geht darum, dass wir mit unseren uns innewohnenden Kräften, der Fähigkeit zur Selbstempathie und der zur Selbstfürsorge uns selbst in einen entspannten Zustand versetzen können, in dem Oxytocin doch wohl produziert werden müsste. Das weibliche Prinzip in uns, das auch Yin genannt wird, flüstert uns zu “alles wird gut, entspann dich”, wenn wir uns den Schal um die Schultern legen. Es mag ein inneres Hören sein, das die Botschaft vernimmt, ein Gefühl oder ein Wissen und die Quelle mag unser innerer Erwachsener sein, aus unserer eigenen Erfahrung und Weisheit oder es mag eine höhere Weisheit sein, die da flüstert, eine transzendente Instanz vielleicht, zu der wir eine intuitive Verbindung haben.

Zugleich versorgt das männliche Prinzip, das auch Yang genannt wird, uns ganz manifest und konkret erlebbar mit Wärme und verwendet dazu das Material aus der uns umgebenden Welt. Das kann ein Tee sein, ein Bad, eine Decke, ein Schal. Was wir erschaffen, zunächst in uns selbst und dann mit Anderen, ist Verbindung. Wir haben die Fähigkeit dazu in uns, auch wenn es derzeit nur wenige Menschen gibt, die es schaffen, sich durch jene höhere Macht, die wir vielleicht Liebe nennen, wirklich ausreichend geliebt zu fühlen, um das Gefühl von Einsamkeit und Bedürftigkeit nach einem anderen Menschen, der uns lieben soll, abzulegen. Zumeist herrscht die Bedürftigkeit vor, das Brauchen anderen Menschen gegenüber. „Ich will geliebt werden!“ Von dem, was als Geben erscheinen soll, fühlt sich wiederum ein Anderer so oft nicht gefüllt, weil es sich, wenn man der Energie dieses Gebens auf den Grund geht, so oft doch nur als Nehmen entpuppt. Nach der Umarmung fühlt man sich so leer wie vorher und wir bräuchten eigentlich mehr davon, mehr Umarmung, mehr Liebesbekundungen, mehr Zuwendung. Es ist wichtig, dass wir uns selbst genug sein können, um die Beobachtung dieses als Geben getarnten Nehmens urteilslos beim Anderen lassen zu können.

Mir ist aber noch etwas aufgefallen. Mit einem Schal lassen sich Energien lenken und lässt sich die Aufmerksamkeit fokussieren. Auf diese Art ist man in der Lage, empfundene Disbalancen permanent auszugleichen und die Balance wieder herzustellen. Einen Schal um die Schultern zu tragen statt einer Jacke, mag auf den ersten Blick unpraktisch anmuten, so, als würde dieses ungewohnte Kleidungsstück einen in der Bewegungsfreiheit einschränken. Ständig scheint es zu verrutschen, das gute Stück, und man muss es wieder zurechtlegen. Auf einem langen Spaziergang aber erweist sich gerade diese Beweglichkeit dem Schal oder Tuch gegenüber als Segen, wie ich herausgefunden habe. Dieses unangenehme Taubheitsgefühl in den Händen kennt vermutlich jeder Wanderer, das besonders dann entsteht, wenn es warm ist und die Arme nichts weiter zu tun haben als an den Körperseiten herunter zu baumeln. Nordic Walker arbeiten diesem unangenehmen Gefühl mit Pumpbewegungen an den Stöcken in ihren Händen entgegen. Das Hantieren mit dem Schal erweist uns einen ähnlichen Dienst. Außerdem vertreibt dieses Hantieren Mücken, verschafft uns ein Gefühl fröhlicher Beschwingtheit und wir können auf kleinste Temperaturschwankungen reagieren.

Im Frühling ist das bei einem Feld- und Waldspaziergang ein Segen. Es wechselt der Eindruck von Sonne zu Wind zu Schatten so häufig und für hoch sensible Menschen so spürbar, dass es sich angenehm ausnimmt, diesen Schwankungen gleich begegnen und die empfundene Disbalance ausgleichen zu können. Ein schönes Symbol, diese kleine Macht über die Disbalance, die einzuüben uns auch im restlichen Alltag sehr weiterhilft. Sie basiert auf unserer Präsenz dem gegenüber, was gerade im Außen vor sich geht und was es für uns bedeutet, wie wir uns dem gegenüber fühlen plus, was wir unter den gegebenen Bedingungen brauchen, um uns entspannt und wohl zu fühlen. Dieser Präsenz folgt mit der Veränderung des Schals um unsere Schultern, eine prompte Konsequenz. Wir bieten uns selbst Schutz oder gewähren uns mehr Freiheit, erzeugen Wärme oder legen den Schal ab. Das Symbol der Anpassung des Schals steht für unser Vermögen, stets Herrin oder Herr im eigenen Haus zu sein. Es erfüllt sich das seelische Grundbedürfnis nach Kontrolle und das nach Autonomie. Wir gestalten unser Empfinden, gleichen es aus, wenn es aus der Balance zu geraten droht und zwar reagieren wir sofort, ohne eine zeitliche Verzögerung, in der die Disbalance sich im Alltag so leicht zu einem schwerwiegenden Ungleichgewicht auszuwachsen droht, weil wir zu spät und also nicht angemessen reagieren. Indem wir das Material in den Händen halten, fühlen wir uns kompetent und indem wir es kreativ verwenden, erweisen wir uns selbst die Freiheit der Gestaltung.

Was mir jetzt noch interessant erscheint, ist die Aufmerksamkeits- und damit die Energielenkung, die im Justieren der Schalposition geschieht. Der Schal wird mal vor dem Hals, mal vor dem Herzen, mal vor Herz und Solarplexus gerafft und mal wird er in zwei Lagen vor den Bauch gehalten, um den Bauch gewickelt sogar oder eben als Bahn über die Schulter gelegt. Je nachdem, welcher Körperbereich intuitiv mehr Schutz oder Wärme benötigt, wird die liebevoll fürsorgliche Aufmerksamkeit einfach im Alltag, bei einem Spaziergang oder in einer herausfordernden Situation zu jenem Energiezentrum gelenkt, das zusätzliche Kraft benötigt. Blicken wir dabei gerade auf die Weite eines Feldes, auf die Schönheit einer Blume, auf den Reichtum eines Waldes, lenken wir Weite, Schönheit und Reichtum in unsere Energiezentren. Ganz abgesehen davon, dass die Energie der Schalfarbe auf das jeweilige Chakra einwirkt.

Mit einem Schal ist dieses Handauflegen ganz natürlich und unauffällig möglich. Ohne Schal würde es wie eine Reiki-Behandlung und unter Umständen deplaziert wirken. In Wahrheit aber geschieht genau das, wenn wir unseren Schal raffen. Über unsere Aufmerksamkeit lenken wir die Energie dorthin, wo wir sie brauchen und werden zu unserem eigenen Kanal für die kosmische Liebe. Das ist nichts Anderes als Reiki. Wir regen in uns selbst die Oxytocin-Produktion an, die uns zur Entspannung und zur Heilung zur Verfügung steht.

Ganz davon abgesehen ist die Produktion eines Schals, gestrickt, gehäkelt oder gewebt, solange es in bedächtiger Handarbeit erfolgt, pure Meditation. Die beruhigende Wirkung des Handarbeitens ist schon lange wissenschaftlich belegt. Der Atem reguliert sich, der Blutdruck senkt sich über dieser gleichmäßigen und friedlich-kreativen Tätigkeit. Über den Dialog im Innern, der bei so einer Tätigkeit leicht stattfinden kann, das Lauschen nach Innen, während man die Aufmerksamkeit aus dem Außen abzieht, lohnt es sich ganz genauso zu sprechen, wie über den Schal selbst.

Menschen, die von selbstgefertigten Schals beschenkt werden, schwören auf die Energie der Liebe, die nach dem Schenken noch im Schal stecken soll und die zu spüren sei, wenn man sich diesen Schal liebevoll selbst um die Schultern lege. Man stelle sich nur einmal vor, ein von prüfungsangst geplagter Mensch erhalte am Vorabend zu seinem Examen einen roten Schal, der sein Wurzelchakra anspricht und seine selbstsichere Kompetenz fördert. Vorausgesetzt natürlich, er hat die Kompetenz vorher gefüttert, was Aufgabe seines erwachsenen Yangs gewesen wäre, wird die Stärkung seiner Selbstsicherheit ihn möglicherweise über sich selbst hinauswachsen lassen. Wäre das nicht wundervoll?

Posted on 20. Juli 2018 in Alltagshilfen, Lettres méditatives

Share the Story

About the Author