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Lettre méditative: Hochsensibilität und Sexappeal.

Über das Zuhören

Hast du schon mal an einem Filmset beobachtet, wie sich eine Producerin ganz ihrem Kopfhörer widmet, um zuzuhören, was die Aufnahmeleitung ihr durchgibt? Ich habe es bis jetzt zweimal gesehen und es waren jeweils weibliche Producer, die ich beobachten konnte und dieses Zuhören sah an ihnen höchst attraktiv aus. Einmal sah ich es in einer Gameshow, bei der ich im Publikum war. Und einmal war ich Locationgeberin für eine Filmszene, was bedeutet, unser Haus und unser Garten wurde zum Filmset. Und beide Male sah es so aus: Die Producerin legt zwei Fingerspitzen auf ihren Kopfhörer, fokussiert sich, dreht erst den Kopf weg und dann den ganzen Körper, weg vom Geschehen am Set. Sie wendet sich hier ab und dort ganz zu, um lauschen zu können. Falls sie in diesem Moment von jemandem angesprochen wird, dem Moderator, einem Schauspieler, einem Kollegen oder einer Kollegin, hebt sie kurz die Hand zu einem Stopp. Erst zum Stopp und dann signalisiert ihr ausgestreckter Zeigefinger: Einen Moment bitte. Vielleicht nimmt sie Blickkontakt auf und lächelt kurz und kommuniziert damit noch: Ich habe dich gesehen, ich bin gleich bei dir. Die Stimme aus dem Kopfhörer aber geht vor. Im Kopfhörer hat sie die Aufnahmeleitung und deren Anweisungen haben höchste Priorität. Dieser ganze Vorgang sieht wahnsinnig souverän aus: das Fokussieren, das Lauschen, das Stoppsignal, das Abgrenzen. In dieser Souveränität wirkt ein Mensch attraktiv, anziehend, sexy. Zuhören ist also sexy.

Und angenommen, wir nähmen so ein Filmset als Metapher für unser Leben und die Produktion eines Films als dessen Allegorie. Unser Leben. Das Leben… Wir sind die Producer. Teile in uns, die mit unserer Yang-Energie gespeist werden, sind dafür verantwortlich, Dinge möglich zu machen, genau wie es der Aufgabe eines Producers am Filmset entspricht. Und Teile in uns, die mit unserer Yin-Energie in Verbindung stehen, sind dafür verantwortlich, zuzuhören, den Bedarf zu erfassen. Das ist ebenfalls Aufgabe des Producers. Der Producer in uns wäre dann unser innerer Erwachsener, unser Verstand. Es wäre diejenige Instanz, die die Verantwortung trägt, dass die Produktion, die wir Leben nennen, gelingt. Die Aufnahmeleitung wäre jene Instanz, die wir als unsere Seele bezeichnen. Sie hat den Überblick. Sie sorgt für die übergeordneten Rahmenbedingungen, für das, was wir als Synchronizität in unserem Leben erkennen.

Wir haben das ganze Filmset in uns. Auch den Schauspieler und auch die Bühne. Mit dem Schauspieler treffen wir auf der Bühne des Lebens auf andere Schauspieler, die entweder nach Drehbuch agieren oder in freier Improvisation kreieren, was sich nicht wiederholen lässt. Das Drehbuch sind zuerst mal (bevor wir vielleicht an Schicksal denken) unsere Konditionierungen: Erziehung, Bildung, Muster, Glaubenssätze, Konventionen, Traditionen, Dogmen, Ideologien, Vorstellungen, Erwartungen, Hoffnungen, Visionen. Die freie Improvisation trifft man selten an, denn sie ist die höchste Form der Schauspielkunst. So ein Schauspieler reagiert nur und ausschließlich auf das, was jetzt im Moment vor sich geht. Ihm wird ein Stichwort geliefert und er muss jetzt eine Antwort finden. Er reagiert auf das, was die anderen Schauspieler tun und sagen und nur auf das und auf nichts Anderes. Kein Drehbuch im Hintergrund, keine Regieanweisung. Am besten gelingt ihm sein Spiel wiederum durchs Zuhören, durchs Lauschen auf den Moment, der sich abspielt und von dem er ein Teil geworden ist, indem er sich auf derselben Bühne befindet.

Ganz gleich aber, ob die Schauspieler per Drehbuch oder per freier Improvisation aufeinander treffen, was sie auf der Lebensbühne produzieren, ist das, was eine kolumbianische Theaterrichtung als producción collectiva hervorgebracht hat. Im Leben nennen wir es Co-Kreation. Die producción collectiva, die gemeinsame Produktion eines Stücks entspricht der Idee, dass Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler das Stück gemeinsam kreieren und erschaffen, indem sie es spielen. In so einer Art der Produktion ist der Autor nicht der Textgeber, sondern der Beobachter. Er hält per Text fest, was sich in freier Improvisation auf der Bühne abspielt. Danach dient dieser Text der Bearbeitung. Der rote Faden wird herausgearbeitet, die Themen identifiziert, eine vorläufige Textversion wird produziert, ausprobiert, ausagiert, auserzählt und das neue Beobachten des Geschehens auf der Bühne dient der Verfeinerung: Was funktioniert und was nicht? Das Drehbuch gibt den Schauspielern immer die Freiheit, sich selbst spontan einzubringen. Die producción collectiva. Diese Art, Theater zu erschaffen, stammt aus Bogotá. Die Idee der Co-Kreation stammt aus der Mystik und meint, dass wir jedes Ereignis, egal auf welche Art es sich abspielt, immer gemeinsam erschaffen. So wird eine Rollenverteilung in Opfer und Täter auf einer höheren Bewusstseinsebene aufgehoben zugunsten des Konzepts, dass wir Leben immer gemeinsam kreieren, selbst wenn uns die Ebenen, auf denen wir für unseren Teil am Geschehen verantwortlich sind, nicht immer bewusst sind.

Das spanische Theater des 17. Jahrhunderts kannte das Spiel auf einer Bühne mit verschiedenen Ebenen auch schon. Calderón de la Barcas “Das große Welttheater” (El gran teatro del mundo, 1655) zum Beispiel brauchte eine zweite Ebenen für die Inszenierung des Himmels, die über der Ebene der Welt lag, auf der sich das Stück abspielte. Und die Idee von Lebensdrehbuch, Freiheit innerhalb der Rolle und Co-Kreation wird hier, im 17. Jahrhundert, bereits auserzählt. Es trifft aufeinander, was von C. G. Jung später zu Archetypen ausgeformt wird: Der König, die Schönheit, der Weise, der Reiche, der Landmann, der Bettler, das Kind. Sie alle agieren durch ihre Rolle hindurch, erleben die Welt durch die Augen ihrer Rolle und nehmen durch ihre Rolle hindurch Einfluss auf das Leben der Anderen. Über ihnen herrscht das Gesetz der Gnade und aus dem Hintergrund dringt eine Stimme, die fatalerweise von fast allen ignoriert wird und die versucht, Führung zu bieten.

Bei Samuel Beckett und Jean-Paul Sartre haben wir statt der zwei Ebenen das Element der Mauerschau. Die Schauspieler blicken in imaginäre Räume außerhalb der Bühne und erzählen den anderen Figuren, was sie sehen. Wieder ein Beobachten und Zuhören, diesmal über das Geschehen auf der Bühne hinaus. Die Mauerschau als transrationales Äquivalent. Man könnte es mit unserer Meditationspraxis vergleichen, der wahren Meditation, nicht dem Theater, das manche sich regelmäßig im Morgengrauen geben von quälendem stundenlangen Sitzen bis zum Kopfstand. Nein, ich meine die Meditation als Lebenshaltung der Achtsamkeit. Mit ihr hält ein Mensch inne und lauscht im Augenblick, in dem er innehält über sich selbst und das momentane Geschehen hinaus. So taucht er besonders tief in das Geschehen ein und kann es manchmal erst dann wahrhaft erfassen. Das Geschehen kann Handlung sein, Sprache oder auch Text. Es kann Gestik sein, Mimik, Körperhaltung, Energie. Eben alles, was einem Schauspieler an Ausdrucksformen zur Verfügung steht. So ein Innehalten verlässt den kleinen Raum des konditionierten Denkens, die unmittelbare Bühne und sieht das Dahinter, begreift das Tieferliegende, erfasst den Subtext. Manchmal müssen wir, gerade wie in Sartres “Geschlossene Gesellschaft” (Huis clos, 1944), gar nicht weit schauen, um zu erfassen, was die Bedeutung der Szene ist. Manchmal schauen wir einander, wie die beiden weiblichen Figuren in Sartres Stück, nur in die Augen und indem einer für den Blick des Anderen die Augen schließt und das Hinsehen verweigert, erfassen die Figuren wie wir im wahren Leben: “Die Hölle, das sind die Anderen” (L’enfer, c’est les autres.) Das ist die Co-Kreation. Die Hölle. Unsere Dramen, in die wir uns verstricken und verstricken und verstricken. Wir verstricken uns solange, bis wir es nicht mehr tun. Und wir tun es nicht mehr, sobald wir aufhören, unsere Neurosen auf Andere zu projizieren und in ihnen zu bekämpfen und stattdessen beginnen, Verantwortung für unseren Teil der Kreation zu übernehmen. Wenn wir beginnen zuzuhören und die Fragmente aufsammeln, die einzelnen Szenen und die verschiedenen Filme, die wir im Laufe des Lebens gespielt haben, wenn wir die Drehbücher schließen und aufhören, einander Rollen in unseren Drehbüchern zuzuweisen, dann können wir beginnen, tatsächlich zuzuhören. Denn dann haben wir nichts Anderes mehr zu tun. Dann sind wir nicht mehr mit dem vorgefertigten Stück beschäftigt und mit der Interpretation und der Deutung. Auch einen Dramaturgen brauchen wir dann nicht, der zwischen Originalvorlage und Inszenierung vermittelt, ein Job, der sonst sehr sinnvoll und wertvoll ist.

Zuhören. Wir als Produzenten unseres Stücks Leben sollten der Aufnahmeleitung Seele gut zuhören. Wir, indem wir die producción collectiva erkennen und unser Drehbuch beobachtend verfeinern, während wir spielen. Das genügt. Dabei aber haben wir Zugriff auf ein Filmarchiv, in dem unsere Erfahrungen gespeichert sind, Stücke, die wir schon gespielt haben oder gesehen oder gelesen oder von denen wir gehört und die Kritiken zur Kenntnis genommen haben. Ein guter Regisseur lässt die Theatertradition nicht außer Acht. Zuweilen bedient er sich ihrer gekonnt mit einem Augenzwinkern, zieht sie als Zitat heran oder als ironischen Kommentar und geht ganz sicher über alles je Dagewesene hinaus. Neue Epochen entstehen, indem Theaterschaffende in Opposition gehen zum Vorhandenen und es zu überwinden versuchen. Das ist unser Streben danach, die Verhältnisse zu transzendieren, die uns beengen. Und dieses Archiv, das ist das innere Kind in uns, unser unbewusster Geist. Das Archiv hat nicht nur Zugang zu unseren individuell gespeicherten Inhalten. Das Archiv ist schon lange digital. So hat es eine Verbindung auch zum kollektiven Gedächtnis, zu unseren Traditionen, unseren Mythen, unseren Schätzen an Wissen und Erfahrung und wiederum die Mystik sagt, es habe auch einen direkten Draht zur Aufnahmeleitung, zur Seele also.

Wenn man sich dann die Kontakte der Aufnahmeleitung anschaut, ihr Vernetztseinmüssen, sprengen sie selbstverständlich alle Vorstellungen eines gewöhnlichen Darstellers auf einer einfachen Bühne. Hier landen wir in der Transzendenz – spirituell gesehen – oder auf den Society-Events, den Backstage-Partys, den Oscar-Verleihungen und dem Insider-Geklüngel der Stars. Wie man immer wieder in den Reden der Preisträger hört, darf diese Welt als große glückliche Familie betrachtet werden, die zusammenhält. Was immer das für uns in der Auflösung der Metapher bedeutet.

Das Leben ist eine Bühne. Darüber lässt sich als Metapher schlecht streiten. Theater erleben wir jeden Tag oder fühlen uns, als wären wir im falschen Film. Wenn wir uns aber einmal von der Rolle der Schauspieler lösen und uns der Funktion des Producers zuwenden, desjenigen, der die Kopfhörer trägt, die Aufnahmeleitung im Ohr hat und Dinge möglich macht, dann ist unsere Aufgabe vor allem eines: Wir müssen zuhören lernen. Und es lohnt sich schon deshalb, weil jemand, den wir beobachten, wie er konzentriert zuhört, wahnsinnig anziehend wirkt.

 

Posted on 10. März 2017 in Lettres méditatives

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