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Lettre méditative: Hochsensibiliätstest

Vor kurzem stolperte ich im Netz über diesen Hochsensibilitätstest, der auf den ersten Blick klar und gut strukturiert, durchdacht und einfach anmutet. Die Autoren der Seite weisen darauf hin, dass es natürlich schwierig sei, einen verlässlichen Test zu erstellen, der Auskunft geben könnte über die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand hochsensibel sein könnte. Sie sprechen von “fortgeschrittenen HSP”, deren Psyche sich bereits besser mit den Alltagsbegebenheiten arrangieren konnte, während psychisch belastete Menschen durch ihre Ängste und Schattenaspekte die potenziell negativen Implikationen der Hochsensibilität stärker spüren könnten. Eigentlich sollten – laut Aussage der Autoren – bei diesem Test hier eher psychisch stabile Menschen im Fokus stehen, so dass intensive Geräusch- und Lichtempfindlichkeiten nicht in das Abfragekriterien aufgenommen wurden, da sie zwar auf eine hochsensible Konstitution hinweisen, zugleich aber auf eine (momentane) psychische Überbelastung durch die gegebenen Lebensumstände hindeuten, die eine gleichmütige Reaktionsweise verhindern. Den Hinweis halte ich für sehr relevant. Es muss zwischen einer besonders ausgeprägten Sensibilität und einer Überempfindlichkeit unterschieden werden, selbst wenn beides zugleich vorliegen mag.

http://www.hochsensiblepersonen.com

Wenn ich als eine Person, die von sich selbst inzwischen sehr genau weiß, dass sie hochsensibel ist, die hochsensible Menschen inzwischen gut kennt, gut einschätzen kann, jeden Tag mit hochsensiblen Menschen arbeitet und bisher jedem ihrer Klienten geholfen hat, in die eigene Kraft zu finden, diesen Test mache, komme ich auf eine Wahrscheinlichkeit von 30,43% hochsensibel zu sein. Das hat mich erstaunt. Und deshalb würde ich den Test, der unter HSP derzeit als einer der guten kursiert, gerne einmal auf Plausibilität prüfen.

Die Überschrift des Tests lautet also: “Test für angeborene Hochsensibilität”. Und zur Erläuterung der Interpretation des Testergebnisses heißt es: “Mit jeder Frage, die Sie mit JA beantworten können, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie hochsensibel sind …”

Und jetzt der Fragebogen:

“Litten Sie zumindest in Ihrer Kindheit unter einer ausgeprägten Schüchternheit?”

Nein. Aber Schüchternheit ist auch kein explizites Merkmal von Hochsensibilität. Wenn hier nein angekreuzt wird, verringert sich dadurch keineswegs die Wahrscheinlichkeit, hochsensibel zu sein. Im Umkehrschluss würde es heißen: Wenn du nicht ausgeprägt schüchtern warst, bist du wahrscheinlich nicht hochsensibel? Das kann nicht sein. Und vor allem schränkt der Zusatz “ausgeprägt” die Aussage zusätzlich ein. Was ist mit Menschen, die in ihrer Kindheit kontextbedingt schüchtern waren, also manchmal ja, manchmal nein? Gerade weil sie hochsensibel sind und die feinen Nuancen mitbekommen haben, die ihnen bestimmte Kontexte haben suspekt erscheinen lassen und andere nicht. Sie waren also nicht ausgeprägt schüchtern, sondern sensibel und kontextbezogen schüchtern. Es gibt ebenso schüchterne normalsensible Kinder, wie es hochsensible extrovertierte Kinder gibt. Elaine Aron hat mit ihrer Forschung genau an diesem Punkt angesetzt, als sie sagte, mit Introveriertheit und Schüchternheit habe man im Grunde kein ausreichendes Beschreibungsinstrumentarium für das Phänomen, das sie beobachtet hatte. Und dann kam sie auf die Hochsensibilität.

„Sind Sie in Ihrer Kindheit häufig schlafgewandelt?“

Nie! Aber sollte das wirklich eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit meiner potenziellen Hochsensibilität machen können? Schlafwandeln? Wenn ich das richtig sehe, geht man bei Erwachsenen von 1-2 Prozent chronischen Schlafwandlern aus (was dem Zusatz “häufig” entsprechen würde). Bei Kindern geht man von 10-30 Prozent Gelegenheitsschlafwandlern aus. Unter häufigem Schlafwandeln findet man wohl nur 3-4 Prozent. Es heißt, dass die Neigung in 70-80 Prozent der Fälle bis zur Pubertät verschwinden würde. Deshalb geht man als Ursache für das Phänomen des Schlafwandelns von einem noch nicht ganz ausgereiften zentralen Nervensystem aus. Definitiv aber handelt es sich um eine Schlafstörung und sollte demnach genau wie Geräusch- oder Lichtempfindlichkeit in einem Test, der die Wahrscheinlichkeit, hochsensibel veranlagt zu sein, prüfen will, ausgeklammert werden.

„Konnten Sie sich schon als Kind stundenlang mit sich allein beschäftigen?“

Was ich ganz schwierig finde, sind die Zusätze der Fragen. “Stundenlang”. Welches Kind kann sich schon stundenlang mit irgendetwas beschäftigen, außerhalb einem dahin gesagten stundenlang, das Eltern zum Beispiel benutzen, um zu beschreiben, was Kinder veranstalten, um ihren Willen durchzusetzen? Angeblich konnte ich stundenlang quengeln, wenn ich etwas wollte, ja sogar tagelang. Aber nein, ich persönlich konnte mich nicht stundenlang mit mir allein beschäftigen. Andere hochsensible Kinder können das aber definitiv, wie sich in der Community bereits herausstellte. Nach einer Stunde musste ich etwas anderes tun und am liebsten mochte ich dann auch kurz jemanden sehen. Und ich mochte es immer schon lieber, wenn alle meine Freunde bei mir waren. Das waren sie nicht, weil ich es so gemocht hätte, dass jeder etwas für sich macht, während wir alle zusammen waren. Irgendwie ließ sich das bis heute nicht richtig umsetzen. Ich würde also sagen: Ich konnte und kann mich immer sehr gut mit mir alleine beschäftigen, ich langweile mich auch nie, aber die ganze Frage, so wie sie dort steht, kann ich nicht mit Ja beantworten. Das dritte Nein also für mich. Andere Hochsensible geben hier aber ein deutliches Ja.

„Neigen Sie zu Phasen der Melancholie?“

Oh Gott nein! Zumindest nicht “neigen zu…” Selbst wenn die Melancholie als positive Traurigkeit bezeichnet wird, wird sie dennoch mit Schwermut in Verbindung gebracht. Es reichen kleine Auslöser, um die Tränen fließen zu lassen. Das hat nichts mit Hochsensibilität sondern mit einem konkreten psychischen Zustand zu tun, der jeden Menschen betreffen kann und eher einer temporären Überempfindlichkeit zuzurechnen ist. Es gibt Zeiten, da liegen die Schatten nicht besonders tief und können leichter getriggert werden als zu anderen Zeiten. Daran ist nichts verwerflich und es ist okay, dass sich offenbar 20-30 Prozent der Menschheit zur Melancholie bekennen. Aber ich vermute, diese Zahl ist nicht deckungsgleich mit der Prozentzahl, die für das Phänomen der Hochsensibilität herangezogen wird. Es ist einfach eine weitere Emotion in der breiten Skala der menschlichen Emotionen. Hin und wieder bin ich melancholisch, aber ich neige nicht zu Phasen der Melancholie. Das vierte Nein.

„Gelten Sie in Ihrem Umfeld eher als introvertiert und unnahbar?“

Auf gar keinen Fall. Und da kann ich auch fast nichts weiter zu sagen. Unnahbarkeit wurde mir mal attestiert mit dem Bild einer Eisprinzessin, die einsam auf dem See im Nebel ihre Pirouetten drehe. Das Bild fand ich interessant, aber mir war klar, dass es ein Bild war, das kontextbezogen entstanden war und mit meiner persönlichen Angststruktur zu tun hatte, nicht aber mit meiner Hochsensibilität. Introvertiertheit ist ohnehin kein Ausschlusskriterium für die Einschätzung einer Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer hochsensiblen Konstitution. Es gibt wie, schon gesagt, auch extrovertierte Hochsensible. Wenn wir uns aber unnahbar geben, hat das etwas mit dem Zusammenspiel von persönlicher Wahrnehmung, Bewertung und dem individuellen Gefühl von Sicherheit gegenüber einer bestimmten Situation zu tun. Und das ist eher eine Frage der Angststruktur, betrifft also die Psyche und den Geist, aber nicht die Art und Tiefe Reizverarbeitung. Wenngleich die Urangst vor Verletzung, die zur Haltung der Unnahbarkeit führt, mit der Hochsensibilität in einem Kontext stehen mag. Aber auch Menschen, die Hochmut nicht als Angstmerkmal haben, können hochsensibel sein. Fünftes Nein.

„Spüren Sie einen starken spirituellen oder philosophischen Aspekt in Ihrer Persönlichkeit?“

Das erste Ja. Aber ob das wirklich ein Aspekt der Hochsensibilität ist, weiß ich nicht. Können Normalsensible nicht auch einen starken spirituellen oder philosophischen Aspekt in ihrer Persönlichkeit spüren? Ich für meinen Teil kenne beides: normalsensible Philosophen und nicht an Philosophie interessierte Hochsensible. Auch wenn ich mich über das erste Ja hier freue.

„Fällt es Ihnen in der Berufswelt schwer, sich anzupassen oder Hierarchien zu akzeptieren?“

Okay, da wäre ich natürlich richtig froh, ich könnte hier sagen: Na bitte! Es liegt an der Hochsensibilität! Ich kann gar nichts dafür! Die Antwort ist zwar ja, aber, wenn ich ehrlich bin, weiß ich, dass meine Anpassungsschwierigkeiten Hierarchien gegenüber mehr mit dem zu tun haben, was in meinem astrologischen Sternbild mit Uranus im ersten Haus beschrieben wird und dann auch noch mit der Angst vor Versäumnis und der Angst vor der Unberechenbarkeit als Urangststruktur in meiner Persönlichkeit. Das bedeutet: umwälzlerisch, ungeduldig, starrsinnig. Oder im erlösten Zustand: originell, effizient, beharrlich. In meinen jungen Jahren vertrug sich diese Mischung ganz schlecht mit starren Hierarchien. In meinen mittleren Jahren vertragen sich die starren Hierarchien nicht mit dieser Mischung. Und jetzt gehen wir uns respektvoll aus dem Weg, die Hierarchien und ich, und alle sind glücklich und zufrieden. Also ja, aber es ist eigentlich nur als Korrelation zur Hochsensibilität zu betrachten, wenn man es genau nimmt.

„Arbeiten Sie am liebsten eigenverantwortlich und selbstständig?“

In logischer Konsequenz zur vorherigen Frage antworte ich hier also: absolut, ja! Aber ich kenne auch viele HSP, die keineswegs am liebsten eigenverantwortlich und selbstständig arbeiten, weil das nämlich auch viel mit Selbstdisziplin zu tun hat, mit Risikobereitschaft, mit der Fähigkeit, sich am Markt zu präsentieren, sich Kritik auszusetzen oder dem Ignoriertwerden, seine Preise durchzusetzen, die Zahlungsmoral der Kunden hoch zu halten und ihnen womöglich auf die Füße treten zu müssen, damit Rechnungen zügig beglichen werden, sich vielleicht mit Lieferanten auseinander zu setzen, sich in einem Socialmarketing präsent zu zeigen und so weiter. Sehr viele HSP würden also hier gerade ein Nein setzen und gerade weil sie hochsensibel sind. Eine Frage allerdings, die lauten würde: Arbeiten sie am liebsten unbehelligt, in Ruhe, nach Ihren eigenen Vorstellungen und in Ihrem eigenen Tempo und Rhythmus, könnten sie leichter mit ja beantworten. Das kann dann aber gerne auch auf fremde Rechnung und unter jemandes Führung sein.

„Beschäftigen Sie sich grundsätzlich mit dem „Warum“?“

Warum sollte ich das tun? Aber ja, tue ich. Und ja, nach dem, was man so hört und liest, ist die Beschäftigung mit den tieferen Gründen der Phänomene eine typisch hochsensible Eigenschaft.

„Fühlen Sie sich ungewöhnlich oft nicht mit dem nötigen Respekt behandelt?“

Das ist eine interessante Frage. Hat die Frage mit der Hochsensibilität zu tun oder nicht? Denn sie ist bereits richtigerweise subjektiv formuliert. Wir werden nicht de facto ungewöhnlich oft nicht mit dem nötigen Respekt behandelt, sondern wir fühlen uns nur so behandelt. Die Frage ist jetzt: Woran liegt das genau? Woher kommt dieses Gefühl? Liegt es daran, dass Hochsensible die Messlatte hoch legen, was Wohlanständigkeit und respektvolles Verhalten angeht? Führt ihre Sensibilität automatisch zu einer Feinfühligkeit, die mit Takt und Anstand und Stil in Verbindung steht? Aber dann ist das hier auch einer der Punkte, deren zugrunde liegende Wahrnehmung sich im Laufe des Lebens deutlich verschieben dürfte. In meiner Jugend, als ich jedes Verhalten Anderer auf mich bezogen habe, habe ich mich deutlich öfter respektlos behandelt gefühlt als heute. Heute kann ich einen bedauerlichen Mangel an Kinderstube ziemlich ungerührt zur Kenntnis nehmen, ohne mich persönlich gemeint und damit respektlos behandelt zu fühlen. Ich hätte also vor 10 Jahren ja gesagt. Aber ich würde heute nein sagen. Ich würde sagen, was sich verändert hat, ist meine Empfindlichkeit. Meine Sensibilität aber sollte gleich geblieben sein. Ich nehme Dissonanzen weiterhin zur Kenntnis. Aber Empfindlichkeit und damit meine Resonanz auf das Geschehen hängt mit meiner mentalen Reife zusammen, Sensibilität dagegen mit der Reizverarbeitung durch mein Nervensystem. Außerdem behandele ich mich selbst heute mit dem nötigen Respekt, der anderen nicht mehr so einfach erlaubt, mich respektlos zu behandeln. Ich hätte also eher ein Nein gegeben, um aber doch noch auf eine akzeptable Punktzahl zu kommen, weil ich ja nunmal eigentlich hochsensibel bin, gebe ich ein Ja.

„Werden Ihre Vorstellungen über Umgangsformen, Anstand und Ordnung nur selten erfüllt?“

Hier wäre ein Ja dann wohl folgerichtig. Aber nicht unbedingt logisch. Denn die Wahrnehmung hängt bereits in hohem Maße davon ab, in welchen gesellschaftlichen Kreisen ich mich bewege und welche Kontexte ich innerhalb dieser Kreise aufsuche, wie tief ich mich dort involviere, damit fehlende Umgangsformen, mangelnder Anstand und Unordnung mich überhaupt tangieren würden. In der Regel können Umgangsformen, Anstand und Ordnungssinn sein wie sie sein wollen und sie betreffen mich gar nicht. Erst, wenn die Dinge zwischen den Menschen und mir nah und intensiv und tief werden, werden Umgangsformen und Anstand und Ordnungssinn überhaupt relevant. Aber als HSP werde ich naturgemäß lange brauchen, bis es überhaupt dazu kommt, dass die Dinge nah und intensiv und tief werden. Also ist nur auf den ersten Blick ein Ja drin. Bei tieferer Betrachtung gibt es doch ein Nein. Meine Vorstellungen werden nicht nur selten erfüllt. Sie werden nur selten relevant.

„Wissen Sie meist schon im Vorfeld, ob sich Dinge zum Guten oder Schlechten entwickeln werden?“

Weil alle Hochsensiblen automatisch Hellseher sind? Ich will nicht sagen, dass es nicht definitiv hochsensible Menschen mit medialen Fähigkeiten gebe und dass die mediale Fähigkeit nicht die Hochsensibilität voraussetze, aber ich würde den Schluss nicht umgekehrt ziehen. Wenn hier mit nein geantwortet wird, weil jemand keine hellseherischen Fähigkeiten hat und demnach nicht im Vorfeld schon sagen kann, ob Dinge sich zum Guten oder Schlechten entwickeln, sondern ganz normal abwarten muss wie alle anderen, bis die Dinge sich tatsächlich so weit entwickelt haben, dass man sie bewerten kann, mindert das nicht die Wahrscheinlichkeit seiner oder ihrer Hochsensibilität. Alle Hellseher sind hochsensibel. Aber nicht alle Hochsensiblen sind Hellseher. Und ich bin es übrigens nicht. Ich hab da manchmal so eine Ahnung, aber das ist nicht das, wonach hier gefragt wird. Also Nein.

„Bemerken Sie grundsätzlich, wenn Ihr Gegenüber nicht das sagt, was er denkt?“

Das ist wieder eine dieser Formulierungen: “grundsätzlich”! Natürlich merke ich, besonders, wenn ich jemanden gut kenne, wenn derjenige nicht das sagt, was er denkt. Aber wenn die Frage lautet, ob ich das grundsätzlich tue, kann ich sie nicht mit ja beantworten. Wenn mir der Andere unbekannt ist, wenn er ein guter Schauspieler ist, wenn mir total egal ist, ob er jetzt sagt, was er denkt oder nicht, wenn ich meine eigenen Gedanken im Kopf habe und eigentlich auch gar nichts von dem Anderen wissen will und so weiter, dann weiß ich keineswegs, ob der Andere jetzt sagt, was er denkt oder nicht. Wenn die Frage also so gestellt wird, ob ich das grundsätzlich weiß, bewegen wir uns im Bereich der telepathischen Wahrnehmung und das muss ich mit Nein beantworten. Ich bin sehr, sehr gut im Zuhören und im Lauschen auf die Zwischentöne und im Beobachten von Diskrepanzen im Verhältnis von nonverbaler Kommunikation zum verbal Kommunizierten, wirklich sehr gut!, aber dass mir das grundsätzlich gelingen würde, mein Gegenüber zu entlarven, das ist nicht so. Jetzt könnte man einwenden: „Leg doch nicht jedes kleine Wort so auf die Goldwaage!“ Aber hey, das hier ist ein Test zur Bestimmung der Wahrscheinlichkeit von Hochsensibilität. Wenn man von Hochsensibilität spricht, spricht man auch von Goldwaage!

„Nehmen Sie oft die Stimmungen anderer Menschen in sich auf?“

Ich weiß, was damit gemeint ist und vielen Hochsensiblen passiert das ja auch, dass sie die Stimmungen Anderer aufnehmen und nicht von ihren eigenen unterscheiden, sich also auch nicht von ihnen abgrenzen können. In der Testbeschreibung heißt es aber explizit, der Test richte sich an die eher fortgeschrittenen HSP, die über ein stabiles Nervensystem verfügten und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung etwas weiter seien. Die haben dann allerdings auch gelernt, keine Stimmungen mehr aufzunehmen. Sie nehmen die Stimmungen wahr, aber nicht auf. Das ist ein Unterschied. Ich kann mich zwar durchaus darüber ärgern, dass jemand seine schlechte Laune in meinen Raum trägt und sich womöglich durch all meine Bemühungen nicht befreien lässt, dadurch also die gesamte Stimmung verdirbt – der Griesgram – aber das ist dann kein Aufnehmen der Stimmung des Anderen, sondern meine eigene Folgestimmung. Ich kann nämlich ebenso sagen: „Okay, ich merke, dass etwas mit dir ist, weil ich deine Stimmung spüre, aber wenn du dich mir nicht mitteilen willst, dann bleibt es bei dir.“ Und in meiner Arbeit kann ich mentalisierend wahrnehmen, wie es meinen Klienten geht, aber ich nehme ihre Stimmung niemals in mir auf, weil ich sonst nicht mehr objektiv und hilfreich wäre. Um der Hochsensibilitätswahrscheinlichkeit Willen würde ich also ein Ja geben, und hätte es vor 10 Jahren auch unbedingt geben müssen, aber eigentlich passt heute ein Nein besser.

„Fallen Ihnen Unstimmigkeiten in Aussagen, Sachverhalten oder in ihrer Umwelt sofort auf, können diese aber Dritten nur schwer verbalisieren?“

Kann ich zwei Antworten geben? Ja, mir fallen Unstimmigkeiten in Aussagen, Sachverhalten oder in meiner Umwelt sofort auf und nein, es ist nicht so, dass ich sie Dritten gegenüber nur schwer verbalisieren könnte, wenn sie mir aufgefallen sind. Aber wozu dieser Zusatz? Etwas schwer verbalisieren zu können hat mit unserem Ausdrucksvermögen zu tun. Wenn wir davon ausgehen, dass das Kehlkopfchakra in einer Verbindung mit dem Stirnchakra steht und das Stirnchakra mit seiner Intuitions- und Inspirationsvermutung mit der Hochsensibilität in einer Linie steht, mag der Zusatz an sich gerechtfertigt sein, aber wiederum nicht plausibel, denn Hochsensible sind über ihr Stirnchakra eher inspiriert und zum Sprechen und Schreiben begabt. Man könnte aber auch argumentieren, dass das Kehlkopfchakra mit dem Solarplexus in einer direkten Verbindung steht und dann hat unser Ausdrucksvermögen etwas mit unserem Selbstwertgefühl und unserer Konsequenz und unserem Mut, uns auszudrücken zu tun, und das wiederum hat mit dem Grad an Gewohnheit und Übung zu tun, mit dem wir uns Anderen gegenüber ausdrücken. Das Selbstwertgefühl aber hängt mit unserer mentalen Reife zusammen und damit, wie gut wir unser Selbstwertgefühl von denjenigen Schatten befreit haben, die das Selbstwertgefühl zerstört haben oder es auf einem geringen Niveau halten. Man kann aber nicht sagen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Hochsensibilität und einem geringen Selbstwertgefühl gebe. Auch mangelnde innere Klarheit, die den persönlichen Ausdruck manchmal verwirrt, ist kein Indiz für Hochsensibilität, sondern dafür, dass der innere Erwachsene in der männlichen Energie nicht sehr stark ist oder dass Kehlkopf- oder Stirnchakra blockiert sind und die Konzentrationsfähigkeit fehlt. Hier weiß ich eigentlich nicht, was ich antworten soll. Kein Ja und kein Nein passt.

„Verwenden Sie viel Zeit fürs Grübeln oder sind Sie mit Ihren Gedanken oft nicht bei der Sache?“

Häh? Nee. Wo käme ich denn da hin? Ich kann auf den Punkt genau konzentriert sein und könnte ja auch sonst meinen Job gar nicht machen und wenn ich merke, dass ich grüble oder mit meinen Gedanken nicht bei der Sache bin, schreibe ich die Gedanken in mein Notizbuch, sage mir innerlich “schließen” und falls es wertvolle Gedanken waren, sage ich noch “speichern”, mit der Intention, mich ihnen später zu widmen, atme ein paar Mal tief ein und aus, vielleicht lockere ich meine Muskulatur oder mache zur Not einen Spaziergang bis ich wieder fokussiert bin und kann weiter machen mit der Sache, bei der ich offenbar gerade sein sollte. Außer die Sache langweilt mich, naja. Aber dabei geht es um etwas Anderes. Also nein. Und viel schon mal gar nicht.

„Könnten Sie ewig in den Sternenhimmel, auf den Horizont oder in die Ferne schauen?“

Und dann? Nur weil ich das nicht kann und wieder ein Nein geben muss, vermindert das doch nicht meine Wahrscheinlichkeit, hochsensibel zu sein. Wo ist hier stattdessen die Frage, ob ich ewig in einem klugen Buch versunken sein kann, bei dem ich fühle, dass es mich mit dem Kosmos verbindet und tief einbindet in die Präsenz einer höheren Intelligenz, die auch im Sternenhimmel vertreten ist, während ich ihm aber das Buch vorziehe? Auf diese Frage hier, zu der mir die Alternative fehlt, also ein Nein.

„Haben Sie ungewöhnlich oft das Bedürfnis sich zurückzuziehen, um alleine zu sein?“

Ja. Mein erstes einwandfreies Ja.

„Haben Sie während Sie sich in Gruppen oder in größeren Menschenansammlungen aufhalten plötzlich das dringende Bedürfnis, schnell nach Hause zu gehen?“

Auch das. Ja.

„Sind Sie schon Ihr Leben lang auf der Suche?“

Also mein Leben ist ja jetzt schon 41 Jahre lang und auf der Suche war ich bis ungefähr kurz vor dem, was ich vielleicht als die Mitte dieses Lebens ansehen würden. Auf der Suche nach dem, was meine Aufgabe im Leben sein könnte. Und dann hat es aufgehört. Dann war ich irgendwie angekommen und die Suche war zu Ende und einem Gefühl von Vertrauen gewichen. Die Atemlosigkeit, die mir andere Menschen manchmal genervt oder überfordert gespiegelt haben, hat dann aufgehört, als Existenz und Essenz gefühlsmäßig in Übereinstimmung gekommen sind. Die Atemlosigkeit ist einem ruhigen, tiefen, langen Atem gewichen, den ich sogar gezielt einsetzen kann, wenn ich Antworten brauche (und nicht suchen will). Wie sich in der Diskussion in der Community gezeigt hat, könnte dieser Punkt missverständlich aufgefasst werden, wenn ich sage, meine Suche ist beendet. Meine weiteren Vornamen außer dem meiner Mutter ist immer noch Erforschen und Herausfinden. Aber wenn ich jetzt etwas brauche, landet es von selbst auf meinem Schreibtisch, weil ich eben nicht mehr suche, sondern nur noch bereit stehe, zu empfangen. Das ist ein kleines Geheimnis, das wirklich nur Hochsensible verstehen, alle anderen nennen es Zufall. Wenn ich eine Frage in mir habe, landet innerhalb von wenigen Tagen das passende Buch bei mir, der passende Artikel auf meinem Bildschirm, ein Songtext findet sich ein oder die Antwort fließt aus meiner Tastatur heraus, während ich einem Klienten antworte und meine Gedanken dazu sind dann: „Krass, wo kommt das jetzt her?!“ Und das kommt daher, dass ich mit der Energieverschwendung des Suchens aufgehört habe. Das explizite Suchen hat mich als Kind schon völlig blind gemacht und ich habe die größten Dinge, die direkt vor meiner Nase lagen, nicht gesehen, wenn ich nach ihnen suchen musste. Nachdem jetzt aber diese Mitte erst seit zwei Jahren erreicht zu sein scheint, würde ich derzeit noch ein Ja geben, und sagen, das war mein ganzes bisheriges Leben lang so. Aber was mache ich in 20 Jahren mit der Frage? Dann bin ich ja immer noch hochsensibel, aber werde nicht mehr mein ganzes Leben lang auf der Suche gewesen sein.

„Fühlen Sie sich oft von Ihren Freunden enttäuscht, wechseln diese regelmäßig oder haben aufgehört, Freundschaften einzugehen?“

Also… echt jetzt? Die Frage könnte auch lauten: Sie sind Sie irgendwie sozial inkompetent, können keine Beziehung halten und leben einsam vor sich hin? Und dann ist die Frage immer noch: Könnte das an meiner Hochsensibilität liegen? Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Ich meine, Freundschaften und das Enttäuschtsein an sich hat doch ganz viel mit unserem Wachstum zu tun im Vergleich zum Wachstumstempo derjenigen Menschen, mit denen wir zu tun haben. Wenn einer der beiden Parteien schneller wächst als der Andere, gehen Freundschaften auseinander. Wenn man einander nicht kannte, aber lernt sich besser und besser kennen, offenbaren sich Wesenszüge, die sich als doch nicht so kompatibel erweisen, wie am Anfang vermutet. Und dann geht man wieder auseinander. Manchmal finden Begegnungen auch nur zu einem bestimmten Wachstumsschritt statt. Und dann geht man wieder auseinander. Das sind ganz normale Vorgänge und ihr Auftreten mag mit dem Seelenalter zusammenhängen, mit der mentalen Reife, mit der psychischen Konstitution. Und darüber irgendwie auch mit der Hochsensibilität. Aber so direkt? Ich weiß nicht. Eine zeitlang wird man wohl glauben, man sei von den Menschen enttäuscht, aber irgendwann hört das auf. Dann glaubt man an den Wert der Transformation, an den Wandel, an Wachstum, daran, dass das Leben Veränderung ist und es ohne nicht geht. Aber man ist immer noch hochsensibel.

„Rührt Sie stimmungsvolle Musik sofort zu Tränen?“

Wenn hier nicht wieder dieses “sofort” stehen würde, hätte ich ja gesagt.

„Können Sie sich tief in etwas versenken und dabei Außenwelt und Zeit völlig vergessen?“

Unbedingt. Wie in diesem Test hier. Mit Hingabe konnte ich mich versenken, während ich auf meinen Frisörtermin gewartet habe, konnte sowohl das Gerede als auch das Radio und die Föngeräusche ausblenden. Ich ahne, das gibt mir noch mehr Minuspunkte in der Wahrscheinlichkeit, dass ich hochsensibel sein könnte. Und ich war eh nur bei 30 Prozent.

Aber ich bin hochsensibel. Ich weiß es. Punkt.

 

Posted on 11. August 2017 in Lettres méditatives

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