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Lettre méditative: An meinen Bauch

Mein lieber Bauch,

wir kennen einander jetzt schon seit 40 Jahren, ein bisschen länger sogar, und seit gut 20 Jahren haben wir Probleme miteinander. Das kannst du nicht abstreiten. Ich kann es auch nicht ignorieren, dafür sorgst du. Regelmäßig und konsequent und aufdringlich. So sehr ich auch weiß, dass du mir auf irgendeine verquere Art zu helfen versuchst, so ratlos stehe ich dir gegenüber, mein lieber Bauch. Die Ärzte auch. Seit Jahren schon. Das einzige, was ich weiß, ist, dass du extrem sensibel bist. Natürlich bist du das. Ich bin ja auch hochsensibel.

Wann das Symptom zum ersten Mal genau aufgetreten ist und was sein Auslöser war, das lässt sich schwer sagen. Irgendwann war es da und erst als auch die Wiederholung in bemerkbarer Form da war, wurde ich auf dich aufmerksam. Armer Bauch. Vorher hattest du einfach zu funktionieren und nicht weiter zu stören. Wie immer hat man da keine klare Zuordnung. Es ist Stress im Job. Stress mit dem Studium. Prüfungsstress. Danach die Selbstständigkeit und Stress mit der vielen Arbeit. Existenzieller Stress. Stress in der Beziehung über den Stress mit der Arbeit. Stress gegenüber dem Neuen, das da auf einen zukommt und das man noch so gar nicht kennt und einschätzen kann.

Dass ein Symptom ein Symptom ist, merkt man aber erst, wenn es sich schon eine Weile hingezogen hat, ein Symptom zu sein. Das erste Auftreten lässt sich also oft nicht mehr rekonstruieren und darum tappt man über seine Ursache im Dunkeln. Gerne auch mal 20 Jahre lang. Es hatte irgendetwas mit meiner Sensibilität zu tun, aber was genau? Keine Ahnung. Irgendwann sagte mir dann meine Ärztin, es müsse sich um ein Reizdarmsyndrom handeln. Darüber wisse man aber noch nichts Genaueres, außer, dass es psychosomatische Ursachen habe. Irgendwie käme ich ihr auch sehr sensibel vor, sagte sie, vielleicht hinge das auf irgendeine Art miteinander zusammen, worüber man aber heute noch keine Erkenntnisse habe. Und damit, sagte sie, müsse ich dann wohl jetzt leben. Ich bekam ein paar Tropfen von ihr aufgeschrieben. Die seien aber auch frei verkäuflich in der Apotheke zu bekommen, rein pflanzlich. Später waren es Pfefferminzöl-Kapseln. Und dann noch ein echt widerlich stinkender Teeaufguss aus chinesischen Heilkräutern. Das imaginative Durchtrennen von Lichtschnüren kam auch dazu. Und verschiedene andere Methoden dieser Art. Yoga. Meditation. Ein tägliches Nahrungsmittelprotokoll. Allergietests. Irgendwie schien immer alles ganz kurz zu helfen, bis es doch nicht mehr half. Dann war ich jedes Mal enttäuscht von dir, armer Bauch. Fies, ne`?

Ein Therapeut der traditionellen chinesischen Medizin fragte mich im Zuge der Anamnese einmal, wozu die Bauchschmerzen denn gut seien. Leider konnte ich darauf keine Antwort geben, denn die Frage wurde einfach so gestellt und die Antwort nicht erarbeitet. Ich selbst war als Therapeutin noch nicht ausgebildet und hatte noch nie von einem sekundären Krankheitsgewinn gehört. Der Ansatz lief aber auch später ins Leere, als ich zuerst dachte, da könne was dran sein. Eine zeitlang dachte ich nämlich, lieber Bauch, du schicktest mir die Schmerzen, sobald die Dinge unangenehm zu werden drohten. Ich dachte, du seist mit meinem inneren Kind verbunden und seiest sein Sprachrohr. Auf eine Art bist du das vielleicht auch, aber weil deine Sprache so unpräzise ist, konnte ich bis jetzt nicht verstehen, worauf du mich hinweist. Manchmal dachte ich, du weist mich auf Gefahr hin. Und dann dachte ich, du zwingst mich, aus einer langweiligen Situation raus zu gehen. Manchmal dachte ich auch, es ginge um ein jegliches Zuviel: zu viel fremder Energien, zu viel Informationen, zu viel Präsenz für Andere bei zu wenig Ausgleich, zu wenig Inspiration.

Einmal hatten wir ein Akupunktur versucht. Das war gruselig. Die Nadeln fühlten sich sehr unangenehm an und mir wurde extrem kalt während der Behandlung. Der Therapeut sagte, das könne nichts mit der Akupunktur zu tun haben und so wurde der Punkt nicht weiter verfolgt. Blöd. Denn eigentlich waren wir nah dran und mit einem kompetenteren Therapeuten, einem, der intuitiv zugehört hätte, hätten wir das Rätsel vielleicht schon vor Jahren gelöst.

Fünf Jahre später wurde die Kälte als Metapher wieder aufgenommen, und zwar in einer Methode der Quantenheilung. Hier ging es um soziale Kälte. Es ging um Kälte, die in Räumen herrscht, wo Menschen in ihren inneren Schatten verstrickt sind und einander aus der Verstrickung heraus begegnen, in Konflikte eintreten, auf Distanz bleiben, in Streit geraten, einander völlig gleichgültig sind oder fremd bleiben, sich nicht aufeinander einlassen können. Wie “Frühlingssonne das Eis des Winters schmilzt”, schrieb ich in einem meiner Texte, so solle es sein und ich übte mich selbst in der Meditation auf dieses Bild. Wie gesagt, ich war nah dran.

Dann kam der Sommer 2015 und mit ihm kamen neue Menschen in unser Land. Sie kamen aus Afghanistan und Syrien und sie lebten in ganz Deutschland verteilt, unter anderem aber auch in Berlin, in Notunterkünften. Notunterkünfte sind in der Regel und sogar im Sommer kalte, zugige Gebäude: ehemalige Schulgebäude, Rathausgebäude, Wohncontainer. Als ich den Menschen dort näher kam, luden sie mich auf ein paar Pistazien ein oder auf ein Glas Tee. Manchmal führte die Einladung sogar an einen gedeckten Tisch, um den sich Freunde versammelten. Ich schlug die Einladung fast immer aus, zeigte dabei auf dich, meinen Bauch, und verzog das Gesicht in einer Mimik, die Schmerz zum Ausdruck bringen sollte, damit sie verstünden, dass ich nicht mitessen konnte. Das war, bevor wir eine gemeinsame Sprache hatten. Als wir dann aber eine gemeinsame Sprache hatten, befragten sie mich zu diesen Schmerzen. Am Ende meiner Erklärung hörte ich von den Afghanen und Syrern, die mir zugehört hatten, Erstaunliches. In Syrien und in Afghanistan, so sagten sie, wisse jeder, dass sensible Menschen ihren Bauch warm halten müssten. Sie müssten auch darauf achten, keine kalten Lebensmittel zu sich zu nehmen. Milch zum Beispiel. Milch mache kalt, sagten sie. Hülsenfrüchte seien warm. Bei der so beliebten Zitrone war man sich nicht einig.

Das Wichtigste aber, sagten sie mir, sei die Kälte von außen. Während des Essens erzeuge der Körper Hitze im Innern und wenn dann von außen nur ein winziger Zug eines Temperaturunterschiedes zu spüren sei, ziehe der Bauch sich zusammen und es entstünden genau diese von mir beschriebenen Symptomen. Der Darm werde von der Kälte gereizt, sagten sie. Bei ihnen wüssten das alle Hochsensiblen, sagten sie. Und deshalb dürfe man während des Kauens zum Beispiel nicht sprechen.

Übrigens eine interessante Beobachtung: Syrer und Afghanen benutzen den Begriff der Hochsensibilität völlig selbstverständlich. Männer wie Frauen. Für sie scheint die Hochsensibilität eine nicht weiter erwähnenswerte Tatsache zu sein. Erwähnenswert höchstens im Zusammenhang mit den für Hochsensible unerträglichen Bedingungen von Notunterkünften. Ein junger syrischer Modedesigner erzählte mir zum Beispiel, er habe als erstes seinen Bauchwärmer in den Rucksack gepackt, als er seine Flucht aus Syrien vorbereitet habe. Er habe gewusst, sagte er, dass es aus seiner Hochsensibilität heraus sonst eine Katastrophe gegeben hätte.

Bauchwärmer. Da bist du hellhörig geworden, mein Bauch. Du wolltest auf der Stelle einen Bauchwärmer haben und hast ihn bekommen. Meine derzeitige Ärztin, auf den Vorschlag angesprochen, antwortete, die Erklärung leuchte ihr durchaus ein, auch wenn sie jetzt aus medizinischer Sicht nicht darauf gekommen wäre. “Weil wir so halt nicht denken, in unserer westlichen Medizin”, sagte sie.

In der kalten Jahreszeit trage ich auf Empfehlung einiger hochsensiblen Afghanen und Syrer jetzt einen Bauchwärmer und wärme mir jeden Abend ein Dinkelkissen an, um es zum Schlafengehen um meinen Bauch zu legen. Und ich würde sagen: Das war der entscheidende Tipp. Jetzt gibt es höchstens noch Bauchschmerzen, wenn ich es in irgendetwas wirklich, wirklich übertreibe: zu viel arbeite, zu viel soziale Kälte aushalte, statt mich zurückzuziehen, Energievampiren Raum gebe, Eis esse. Und jetzt fällt mir auch gerade ein, dass mein Großvater früher immer sagte, er würde kein Eis essen wollen, weil er davon Bauchschmerzen bekäme. Hätte ich da mal früher hingehört und nachgefragt.

 

 

Eine Gärtnerin und Kräuterliebhaberin erzählte mir dass es wärmende Kräuter gebe: Kamille, Pfefferminze, Anis, Fenchel, Kümmel, Melisse, Zimtrinde und Ringelblumenblüten. Daraus einen Tee zusammengestellt, helfe, wenn es ganz schlimm sei. Man solle die Tees aber nicht als Dauergetränk zu sich nehmen, sondern eher als Kur und zwischen den Sorten wechseln. Einseitigkeit nämlich sei auch immer ein Problem für den Darm und zu viel von einer Sorte schlage ins Gegenteil um. “Achte einfach gut auf dich”, schrieb sie mir in einer Notiz, “deine Seele braucht Liebe und für den Körper bedeutet das Wärme.”

 

Posted on 31. März 2017 in Lettres méditatives

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