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Das Schreibspiel

Oder: Einfach erzählen

Das Dreieck als Symbol

Innerhalb der spirituellen oder auch heiligen Geometrie gilt das Dreieck als Symbol der Heilung. Manchmal wird es so dargestellt, als würde eine der unteren Ecken abgeschnitten, was andeuten soll, dass Heilung darin liegt, dass die Schatten aufgelöst werden.

Man findet aber auch die Darstellung des Dreiecks, das von einem Kreis umgeben ist, bzw. sieben Dreiecke, die von sieben Kreisen umgeben sind, als Zeichen der Vollständigkeit. Die menschliche Inkarnation, die durch das Dreieck symbolisiert wird, ist von einer Aura umgeben und alles ist richtig, wie es ist.

Weitere Darstellung des Dreiecks finden sich in den als Heil-Symbole betrachteten geometrischen Formen, die für die Richtung stehen, die Verbindung aus Yin und Yang, die Entfaltung und das Potenzial:

Die Symbole sind zum Beispiel dem Buch “Heilen mit Seelencodes” von Roswitha Stark und dem Buch “Heilige Geometrie” von Renate Brettschneider entnommen.

Das Symbol für das Potenzial ist zum Beispiel eines, das ich für die Arbeit mit dem von mir entwickelten Schreibspiel, eine Form des therapeutischen Schreibens, in Anspruch nehmen würde, indem ich es unter den guten Stern dieses Symbols stelle. In meiner Arbeit beziehe ich mich aber auf ein sehr konkretes und erfahrbares Dreieck, das aristotelische Drama-Dreieck zur Beschreibung einer Figurenentwicklung. Über den von Aristoteles verwendeten Begriff der “Katharsis”, der Reinigung von den Affekten durch das “Mitleiden und Mitschaudern” gegenüber den dramatischen Ereignissen auf der Theaterbühne und die Identifikation mit dem Helden oder der Heldin steht das aristotelische Drama-Dreieck mit der spirituellen geometrischen Figur des Dreiecks als Symbol der Heilung in Verbindung. Indem der Held sich im Laufe der dramatischen Handlung von seinen Schatten emanzipiert und in seine Ressourcen hineinfindet, erfährt er Heilung, Wachstum und Entwicklung bis hin zum inneren Frieden. Diesen durch den Heilungsprozess erworbenen Frieden trägt er an den Ausgangspunkt der Geschichte zurück und bewirkt so Heilung für das Kollektiv, indem er seine Persönlichkeitsentwicklung zum Wohl Anderer fruchtbar macht. Das geschieht in der Regel durch seine neu erworbene Verbindung mit seinem höheren Selbst, was dem Helden zugleich eine charismatische Ausstrahlung verleiht, die er zu Beginn seiner Reise noch nicht hatte.

Ein typisches Dreieck innerhalb meiner Arbeit könnte zum Beispiel so aussehen:

So ein Dreieck wird in der Arbeit des Schreibspiels anhand der persönlichen Texte des Klienten individuell entwickelt, und zwar in mindestens fünf, oft sechs, manchmal auch sieben Farben.

 

Liebe Emma,

dass das Erzählen eine extrem wichtige Sache ist, das hast du ja auch schon erfahren. Du hast Romane immer geliebt. Haben sie dir nicht von der Welt erzählt, vom Leben und von den Menschen, von all den Möglichkeiten, die das Leben in der Welt den Menschen bietet? Du warst so entsetzlich verzweifelt, weil dein Leben mit Charles nichts von dem bereitgehalten hat, was du in den Romanen vorgefunden hast. Es war trist für dich, langweilig, leer. Oh, diese Leere! Die musste dich ja verzweifeln! Wie sehr habe ich da mitgefühlt, als du von dieser Leere erzählt hast, die du gerade im Unterschied zu dem gespürt hast, was du dir an Nachahmung des Erzählten gewünscht hast.

Siehst du, wenn du das Schreibspiel mit mir machen würdest, würden wir uns diese Leere gemeinsam sehr genau anschauen können und du müsstest dich nicht diesem Rodolphe an den Hals werfen (außer, wenn du es zum Vergnügen tun würdest), müsstest dich nicht hoffnungslos verschulden (außer, du würdest es bewusst tun und hättest einen guten Grund dafür) und auf keinen Fall würdest du dir von Monsieur Homais das Rattengift geben lassen, weil du keinen Ausweg mehr für dich siehst. Das würde nicht geschehen. Vorher hätten wir eine Menge miteinander erzählt, ganz so, wie es zu allen Zeiten gemacht wurde, um sich selbst und das, was zwischen den Menschen geschieht, besser zu verstehen. Das war ursprünglich mal der Grund, weshalb das Erzählen begonnen hat, weißt du? Die alten Erzähler haben Geschichten erzählt, um den Frieden in der Sippe immer wieder neu herzustellen und ihn so zu sichern. Das Erzählen hat Verständnis geschaffen, ohne, dass jemand belehrend und maßregelnd herumgelaufen wäre und die Clanmitglieder zu erziehen versucht hätte. Nein, stattdessen gab es wohl das Lagerfeuer und dort wurden Geschichten erzählt, die klärend wirkten, Dinge bewusst machend und dann auch wieder verbindend und sogar transformierend. Verbunden wurden die Menschen mit sich selbst und mit ihren Mitmenschen, einfach, indem sie erzählten.

Hast du von Aristoteles gehört, der dieses Erzählen so wunderbar beschrieben hat? Er hat genau untersucht, wie es funktioniert und was es überhaupt tut und was durch das Erzählen im Menschen geschieht. Damit arbeiten wir im Schreibspiel. Wir benutzen sein Modell des aristotelischen Drama-Dreiecks, um innere und äußere Konflikte sichtbar zu machen. Bei Aristoteles beschreibt das Drama-Dreieck die Entwicklung einer Figur. Wir benutzen es ganz ähnlich, aber nicht zur reinen Beschreibung, sondern zur erzählenden Gestaltung. Das sieht ungefähr so aus:

 

Im Schreibspiel würden wir in jeden einzelnen Aspekt der “Figuren”entwicklung hineingehen und ihn uns im Bezug auf dein Leben genau anschauen. Welches Grundbedürfnis wurde verletzt? Welche Konditionierung, welches Glaubensmuster oder welche Angst liegt jetzt vor? Wie reagiert das innere Kind darauf? Und dann: Wodurch kann die Emanzipation von den Kindheitsmustern stattfinden, so dass Konsistenz hergestellt werden kann?

Aus dem aristotelischen Modell habe ich dann noch eine Siebener-Form gemacht, bezogen auf die Grundbedürfnisse und Grundängste des Menschseins. Die Psychologen sehen da nur vier Grundbedürfnisse, ich weiß, aber die Erzähler schmücken die Dinge ja gerne ein wenig mehr aus, wenn es dem besseren Verständnis und vor allem der Erlebbarkeit dient. Und ich bin eine Erzählerin. Außerdem ist uns Erzählern die Zahl 7 einfach magisch und heilig und bevor wir uns auf fünf oder sechs Grundbedürfnisse festlegen, schauen wir doch lieber nochmal genau hin und füllen sie bis zu den üblichen 7 auf. So jedenfalls hab ich das gemacht. Du wirst sehen, dass das auch sehr plausibel ist, denn Konsistenz, die von den Psychologen mehr so im Vorbeigehen benannt wird, ist für mich ein Grundbedürfnis und da wären wir schon bei vier. Und Autonomie ist für mich ein ganz eigenes Grundbedürfnis und findet in der Weltliteratur auch seine eigenen Werke, statt sie mit dem Bedürfnis nach Kontrolle zusammenzudenken. Da wären wir bei sechs. Ganz seltsamerweise empfinden nur wenige Psychologen die Transzendenz als ein seelisches Grundbedürfnis, aber das steht für mich völlig außer Frage, dass es eins ist! Wir reden über die Seele und dann soll die Transzendenz kein Grundbedürfnis sein? Das ist ja absurd! Und so kommen wir auf sieben.

 

Wenn du das System der Drama-Dreiecke, wie sie dem Schreibspiel dann zugrunde liegen, nachlesen möchtest, kannst du das in Google Classroom tun. Schreib mir einfach eine E-Mail, dann lade ich dich zu diesem Kurs ein, den ich weiter hinten auch noch genauer erläutere.

Im Schreibspiel jedenfalls würden wir uns diesen sieben Bedürfnissen der Seele widmen. Nicht allen auf einmal, sondern denen, die für dich relevant sind. Und wir würden einen Weg finden, wie du dich von den Ängsten emanzipieren kannst, die sich aus der Nichterfüllung der Bedürfnisse, aus der Inkonsistenz ergeben. Ich würde dich in deine Konsistenz hineinführen, ganz einfach, indem wir miteinander erzählen, wie es der geniale Aristoteles mit seinem Spannungsbogen auch schon beobachtet hat, wodurch gutes Erzählen gelingt. Weißt du, welchen ich meine?

Für die Arbeit im Schreibspiel habe ich auch ihn, den Spannungsbogen, etwas verändert, aber vom Grundprinzip ist er geblieben, was er immer war: eine klare Struktur, die die Heldin oder den Helden in seine Lösung hineinführt. Bei uns sieht der Spannungsbogen, dem wir folgen, dann so aus:

Der Geist des ursprünglichen Erzählens ist noch immer gut erkennbar, oder? Und wenn du dann noch willst, dann würden wir schauen, ob nicht noch ein Tick mehr geht, ein Schritt hinein in die Transzendenz, in der du dich mit deinem höheren Selbst verbinden kannst. Aber das ist keine Notwendigkeit für unsere Arbeit, es ist nur ein Angebot. Dieses kleine Quäntchen mehr noch anzuschauen, das über die erreichte Vernunft, die erreichte Fähigkeit zur Selbstverantwortung hinausgeht, wenn du magst. Es ist die Verbindung mit deinem höheren Selbst, von der ich spreche.

Ich denke, am Ende hättest du eine bessere Lösung für dich gefunden, um die innere Leere aufzufüllen. Wir hätten herausgefunden, wonach du in Wirklichkeit suchst, denn ganz bestimmt waren es nicht die Feste, die Kleider, der Pomp und das Gerede von Rodolphe, wonach du dich in Wahrheit gesehnt hast. Ganz bestimmt hatte es damit zu tun, dass deine Seele auf die Erde kommen, ihren Platz einnehmen und sich verwirklichen wollte. Wenn sie daran gehindert wird, und das war im 19. Jahrhundert für Frauen wohl zumeist so, dann entsteht das Gefühl der Verzweiflung. An anderen Orten als dem Erzählen, wird das Phänomen auch Inkonsistenz genannt und im 19. Jahrhundert nannten sie es einfach Hysterie. Anfang des 20. Jahrhundert wurde es dann ein bisschen zügig zur Neurose erklärt und dabei ist es wohl irgendwie geblieben, wenn auch alles noch hübsch angeordnet in einem Übersichtskatalog. Aber das Ziel, das in der Literatur und bei jeder Art von Erzählen immer verfolgt wird, ist es, Konsistenz herzustellen. Konsistenz ist ein Grundbedürfnis der Seele. Das innere Erleben will mit dem äußeren Geschehen in Übereinstimmung gebracht werden. Und der Mensch will in seiner Existenz identisch sein mit ihrer Essenz. So hat es uns der Philosoph Jean-Paul Sartre mit seinem Existenzialismus erklärt. Die Seele zeigt sehr deutlich an, wenn es hier eine Differenz gibt. Sie zeigt es durch Schmerz und Sehnsucht.

Ich wünschte, liebe Emma, du hättest das Schreibspiel gefunden, und du hättest nicht nur Romane und damit die Geschichten der Anderen konsumiert, sondern deine eigene Geschichte geschrieben. Vielleicht wäre es zunächst eine dunkle Geschichte gewesen, wie sie sich für jeden Helden am Ausgangspunkt seiner Geschichte darstellt. Aber wir hätten sie nach und nach und ganz unerbittlich konsequent in eine strahlendhelle Geschichte verwandelt. Wir hätten sie neu geschrieben, deine Geschichte. Als Erzählerin weiß ich sehr genau, wie das geht. Bei deinem Geist, was für ein wundervolles Leben du hättest führen können, wenn wir nur deine Ressourcen aktiviert hätten!

Ich hoffe, liebe Emma, du wirst noch ins Schreibspiel finden und dann heben wir die Schätze vom Grund deiner Tiefe an die Oberfläche, jene Schätze, die du bisher auf Charles projiziert hast und als der als geeignete Projektionsfläche ausgefallen ist, dann auf Rodolphe und auf Léon und immer auf die Heldinnen deiner Romane. Das ist alles in dir, alles, was du an Licht projizierst, indem du andere beneidest oder sie im Übermaß bewunderst, und du kannst es selbst leben, statt immer wieder Enttäuschungen zu erleben. Ich wünsche dir, dass du noch dahin findest, zu dir selbst und zu deinen eigenen inneren Schätzen, von denen deine Sehnsucht bereits so klar und deutlich erzählt.

Deine Ariela

P.S.: Wenn du dir die Sache nochmal genauer und sehr konkret anschauen willst, würde ich dir in dem Blog-Artikel „Zeit für sich selbst“ gerne die beiden Varianten des Schreibspiels vorstellen.