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Instinkt, Empathie, Intuition: über Telepathie an für sich

Von Albert Einstein heißt es, er habe große Ideen, wenn sie sich für ihn ankündigten, von ihm erfasst zu werden, zuerst als Körperempfinden wahrgenommen. Es habe in seinem Innern, an seinen Organen und Muskeln gezuckt, gekribbelt und vibriert und dann sei das Neue einfach durch ihn hindurch geflossen. Leider weiß ich nicht mehr, wo ich es gelesen habe, dass Einstein sich so über seine Wahrnehmung der Inspiration gegenüber geäußert haben soll.

Transzendenz

Einstein gilt als Genie, darüber ist die Welt sich einig. Er gilt nicht nur als kompetent auf seinem Fachgebiet, sondern er gilt als Genie. Das ist ein Unterschied. Ein Genie wie Beethoven, wie Van Gogh, wie DaVinci, wie Michelangelo, wie Proust, wie Edison. Wie all die Menschen, die etwas vollbracht haben, das über sie selbst hinausgeht und auf etwas verweist, das größer ist als sie selbst. Diese Genies haben sich nie geschämt zuzugeben, dass auch die Quelle ihres Schaffens größer war als sie selbst. Damit allerdings, diese Quelle zu benennen und den Zugang zu ihr, damit müssen wir wohl ewig in die Bredouille geraten. Je nach persönlicher Tradition mag hier Gott genannt werden, das kollektive Unbewusste, die kosmische Intelligenz, die Liebe, das Universum, das höhere Selbst, die Seele, das Christuslicht. Und so weiter. Kein Begriff stimmt und zugleich stimmen alle. Fein raus sind wohl die, die einfach von Transzendenz sprechen, das Überschreiten. Überschritten wird das Alltagsbewusstsein und der limitierte Raum unseres persönlichen Wissensrahmens, aber wohin überschritten wird, wird nicht gesagt – und kann auch nicht gesagt werden, ohne albern zu wirken. Es muss im Mysteriösen bleiben, um ernsthaft zu wirken. Interessant, oder? Denn diejenigen, die sehr konkret werden und sich eine Seelenfamilie oder einen Geistführer, ihre kosmischen Eltern, Engel oder verstorbene Verwandte als Lehrer vorstellen, werden vielleicht von ihrer eigenen Szene bejubelt, vom Rest der seit dem 18. Jahrhundert aufgeklärten und säkularisierten Welt aber eher belächelt. Das Einzige, worauf man sich einigen kann, ohne zu lächeln oder belächelt zu werden, ist die im Mystischen eingekuschelte Aussage, man überschreite eben die Grenzen der Wahrnehmbaren Welt. Hier wird dann auch von den unmystischsten Menschen gerne noch Shakespeare zur Entlastung der Gesprächsatmosphäre herangezogen: “Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio” (Aus: William Shakespeare: “Hamlet”). Wenn die Grenzüberschreitenden dann zu Methoden der Transzendenz befragt werden, geraten auch sie in Schwierigkeiten. Sie können nur beantworten, wie es für sie persönlich funktioniert, aber das muss kein Weg für andere sein, schon gar kein allgemeingültiger.

Verbindung

Und doch ist die Zahl der Menschen, die ihrem Bedürfnis nach Transzendenz nachgehen und an etwas glauben, das größer ist als sie selbst wiederum größer als die Zahl der Menschen, die den Menschen für das Größte in der Welt halten. Viel mehr Menschen legen die Demut und das Vertrauen an den Tag, zu meinen, dass sie von einer höheren Macht gehalten und geleitet werden, als Menschen herumlaufen, die glauben, sie hätten die Allmacht in Händen und würden hier alles alleine machen. Ich hoffe, diese Annahme stimmt. Sie könnte aber auch eine rein subjektive, ja hoffnungsvolle Sichtweise sein.

Manche Psychologen kategorisieren die Transzendenz als ein Grundbedürfnis des Menschen. Meiner Erfahrung nach wirken Menschen, die sich niemals ins Lauschen nach höherer Führung begeben haben, seltsam kalt und abgeschnitten von sich und der Welt. Sie lauschen nicht sich selbst, weil sie da so wenig “zu holen” vermuten wie auf höherer Ebene, und sie lauschen nicht ihren Mitmenschen und Mitwesen, wie den Tieren und der Natur, weil es sie manchmal schlicht nicht interessiert, was es dort zu erlauschen gäbe, aber manchmal glauben sie auch einfach nur nicht daran, dass es dort etwas zu hören geben könnte. Ihre Hunde werden konditioniert, damit sie funktionieren, ihre Kinder erhalten Regeln, die zu befolgen sind und dem ehelichen Betrug gegenüber haben sie keine Bedenken, auch nicht dem gegenüber, das Konto abzuräumen und sich mit der Geliebten in die Karibik abzusetzen, ohne sich auch nur eine Sekunde zu fragen, was sie damit anrichten. Sie hören ja nicht hin, weder hinein in ihr Herz noch in das der Anderen. Auf seltsame Art fehlt ihnen die Verbindung zu sich und zum Anderen.

Instinkt

Welche Verbindung aber vorhanden ist, ist die zu den persönlichen Instinkten. Der Instinkt informiert uns über unsere Grundbedürfnisse und schlägt Alarm, wenn sie bedroht oder verletzt werden. Von den Psychologen werden fünf genannt: 1. Kontrolle, 2. Lustempfinden und Schmerzvermeidung, 3. Selbstwertsicherung, 4. Bindung, 5. Autonomie. Der Empirie nach ist die Transzendenz zwar ein menschliches Grundbedürfnis, aber nicht eines jeden Menschen. Deshalb wird sie nicht immer aufgelistet. Ich würde die Konsistenz noch hinzuzählen, das, was Jean-Paul Sartre innerhalb seiner Existenzphilosophie als Übereinstimmung von Essenz und Existenz erläutert hatte. Konsistenz wäre an und für sich durchaus für jeden Menschen ein Grundbedürfnis, aber kaum jemand erreicht es und an ihrem Nichterreichen krankt die Welt. Die Inkonsistenz manifestiert sich in Gier, Geiz und Suchtverhalten. Mit den fünf anderen aber kann jeder etwas anfangen. Wir Menschen fühlen uns einsam, haben immense Angst, wertlos zu sein, fürchten uns davor, unser Leben aufgrund mangelnder Fähigkeiten nicht unter Kontrolle zu haben und streben nach innerer und äußerer Freiheit, in der wir unsere Grenzen und unser Tun möglichst selbst bestimmen können. Wenn einer unserer Grundbedürfnisse also bedroht ist, setzt der Überlebensinstinkt ein. Eine Mutter oder ein Vater drückt ihr oder sein Kind an sich, wenn jemand die Bindung kappen will. Der Beziehungspartner weist dem Eindringling, der die Aufmerksamkeit des Partners auf sich ziehen will, die Tür. Auch wenn Eifersucht zu den niederen Instinkten gehört, ist Eifersucht ein normaler, gesunder Instinkt, solange das Gefühl von Eifersucht reflektiert und gesund kommuniziert wird, ohne die Grundbedürfnisse von Partner, Kind oder Nebenbuhler/in zu verletzen. Wenn das Gefühl – eigentlich: die Emotion – aber über die erhöhte Wachsamkeit hinausgeht und zu Angst, ja sogar zu Panik wird, gerät der Instinkt aus der Balance. Er gerät in eine Schieflage, in ein Extrem. Hier geschieht das, was Hannah Arendt “das Böse” genannt hat, und von dem sie sagte, es könne niemals radikal sein, sondern immer nur extrem. Radikal, sagte sie, weil absolut, könne nur das Gute sein. Das wahrhaft Schöne und Gute ist ohne Gegenteil. Das Böse aber hat immer seinen polaren und sogar ins Extreme hineinreichenden Gegenpart. Der Selbsterniedrigung steht die Selbsterhöhung gegenüber. Wer sich selbst überhöht muss Menschen um sich haben, die ihm diese Selbstüberhöhung gestatten, indem sie sich selbst erniedrigen und der Selbstüberhöhung somit einen Resonanzboden liefern.

Im Märchen sperrt die Zauberin, deren Instinkt aus der Balance geraten ist, Rapunzel in einen Turm, wird ein Prinz in einen Eisenofen verbannt und nervt ein Frosch solange mit seiner emotionalen Abhängigkeit, bis man ihn –  zu seiner Emanzipation – an die Wand wirft. Das Böse wäre dann der Freiheitsentzug durch Turm und Eisenofen und auch das Stalken. Das An-die-Wandwerfen ist dagegen ein Ausdruck von Liebe, weshalb hier im Nachgang der Rezeption der Kuss an die Stelle des Wandwerfens gesetzt wurde. Berauben wir anderer ihrer Freiheit, ist ein angstvoller Akt und in seiner Wirkung kriminell oder böse. Berauben wir uns selbst der Freiheit, gilt es eher als tragisch denn als böse oder kriminell. Das Gleiche gilt für die Entwertung und ist nochmal anschaulicher darstellbar: Wenn wir uns selbst zum Aschenputtel machen, erhalten wir Mitgefühl. Das tapfere Schneiderlein aber, das zur eigenen Selbstwerterhöhung andere betrügt (den König und vor allem die Königstochter) wird vom Betrüger auch leicht zum terroristischen Mörder oder Diktator, um seine Macht zu erhalten. Er wird verurteilt, hätte aber eigentlich das gleiche Mitgefühl nötig wie das Aschenputtel, weil es sich um die gleiche Angst handelt, nur der Instinkt schlägt in die andere Richtung aus.

Empathie

Im Taoismus zielt die dort gelehrte spirituelle Praxis der Meditation darauf, die niederen Instinkte zu veredeln. Dazu lauscht man nicht mehr den Grundbedürfnissen, denn für ihre Erfüllung hat man bereits achtsam (Yin) und sorgfältig (Yang) Sorge getragen. Man selbst und nicht Andere! Das Ziel des Lauschens verschiebt sich vielmehr: Zuerst ist da die Empathie.

Wenn die eigenen Bedürfnisse durch unser Selbst, die Verbindung aus Yin, Yang und dem inneren Kind, erfüllt sind, können unsere Instinkte aufhören, andere Menschen auf das Potenzial ihres Nutzens für unser Leben hin abzuscannen. Wenn wir von einem anderen Menschen nichts mehr existenziell oder essenziell brauchen, können wir ihn fragen, was er von uns brauchen könnte – und können ihm lauschen, was und auf welche Art er antwortet. Die Empathie ist dabei kein Tante-Emma-Laden. Es wird so wenig eine Wunschliste an uns herangetragen, wie wir sie an andere herantragen. Wir hören auf, uns gegenseitig in unsere Drehbücher zu schreiben. Stattdessen kommuniziert die (scheinbar) fremde Seele mit unserer. Die fremde Aura, die fremde Energie, das von uns getrennte Verhalten, die Gesten und Mikroausdrücke und die Worte, die scheinbar über etwas ganz Anderes sprechen aber in ihrem Subtext gut verständlich sind, kommunizieren mit uns. Die Verständigung findet von Selbst zu Selbst darüber statt, auf welche Art man sich gegenseitig die Möglichkeit bieten kann und möchte, dass wir und der Andere, dass jeder sich als liebendes Wesen verwirklichen kann. Das ist es, was jede Seele in Wahrheit will, auch wenn die Ichs, die Egos, die Instinkte und die Ängste laut schreien: “Nein, stimmt gar nicht, ich will geliebt werden!” Wenn unsere Instinkte aber beruhigt sind, weil sie die Liebe von unserem Selbst erhalten haben, nach der sie so sehnlichst verlangen, lassen sie uns Raum, uns mit der Welt zu verbinden, mit ihr mitzuschwingen, mitzufühlen oder zu mentalisieren, was Andere durchmachen, was sie zu tragen haben, wie man ihre Last erleichtern könnte, wo man sie in ihren Herausforderungen unterstützen könnte. Dazu gibt es unsere Empathie. Sie gibt uns von Herz zu Herz eine passende Frage im richtigen Moment ein, die auch schon mal zu emotionalen Ausbrüchen rühren kann, was dann “triggern” genannt wird, je passender sie empfunden wird und je genauer sie in ihrem Wesen den Kern des Problems trifft, je empathischer sie also ausfällt, diese Frage. Da allerdings, wo noch die Instinkte im Weg stehen, wo das innere Kind noch ohne die Verbindung zur Vernunft (= innerer Erwachsener aus Yin und Yang) auskommen muss, da wird die Emotion missverstanden und die Frage abgewehrt und zwar instinktiv durch Rückzug oder durch Aggression. Hier ist die Zeit noch nicht reif. Empathie muss dann in die Akzeptanz gehen und dem anderen Menschen die Freiheit lassen, eine Einladung auch auszuschlagen.

Intuition

Die Intuition verbindet uns dann, so meine Erfahrung, mit unserem höheren Selbst. Hier kommt die Transzendenz ins Spiel und das, was wir individuell darunter verstehen. Voraussetzung dafür, dass wir Zugriff auf unsere Intuition haben, ist die gleiche Präsenz wie, um unserem Instinkt zu folgen oder um unseren Mitwesen zu lauschen. Sie braucht jedoch etwas mehr Intensität und so landen wir bei der Achtsamkeit oder der Meditation. Eine meditative Haltung im Alltag führt die Energie von Achtsamkeit mit sich, eine Form intensivster Präsenz. Während der Instinkt uns aber auf die Frage nach unserer Einsamkeit und dem Gefühl von Verlorensein die Eifersucht oder den Rückzug als Weg vorschlägt, antwortet die Intuition ganz anders. An der Intuition ist unsere Vernunft beteiligt, unsere erwachsenen Ressourcen inklusive unserer Resilienz, die Widerstandskraft.

Die Intuition antwortet vielleicht mit Konkretisierungen der Begriffe Entspannung (Yin) und Wärme (Yang). Vielleicht haben wir Lust auf Musik oder ein gutes Buch, auf eine Tasse Tee, ein Bad in der Sonne am großen Fenster oder auf unsere Lieblingsdecke. Die Intuition kann auch für Andere antworten. Wir haben vielleicht empathisch die Einsamkeit eines Menschen wahrgenommen, aber der Mensch steckt im Eisenofen und kann auf unsere Frage, nach dem, was er braucht, nicht antworten. Unser Instinkt würde vielleicht damit antworten, die Nähe zu intensivieren, dem Anderen auf die Pelle zu rücken, was ihn instinktiv auf Distanz gehen lassen wird. Unsere Intuition aber verfeinert die Idee des Instinkts. Vielleicht holen wir einen Schal herbei und legen ihn dem Anderen wortlos um die Schultern, lassen unsere Hände einen Moment mit sanftem Druck dort liegen und ziehen uns dann einladend lächelnd zurück. Oder wir laden zu einem frisch gekochten Schokoladenpudding ein, reichen eine duftende Tasse Tee, legen entspannende Musik auf. Ganz unserer Intuition folgend. Die Quelle dieser Intuition kann unser eigener innerer Erwachsener sein, unsere eigene Vernunft oder unser höheres Selbst, unter dem ich die Verbindung aus innerem Kind, innerem Erwachsenen und einer Instanz X verstehe, die die Liebe schlechthin oder das Göttliche sein könnte.

Diese Verbindung wird von jenem inneren Kind hergestellt, das sich von den Ängsten und dem instinktgesteuerten Verhalten befreien konnte. Das innere Kind, das nicht mehr Sklave der Ängste und des instinktgesteuerten Verhaltens ist, hat eine ganz eigene Quelle für seine Informationen, die es per Intuition kommuniziert. Zu erreichen ist sowohl das Selbst als auch das höhere Selbst über unsere eigene Mitte. Die Hinwendung nach innen bringt uns dem Geheimnis näher, das zwar vom Wesen her mystisch bleibt, aber uns dennoch unendlich nährt.

Inspiration

Die Inspiration ist göttliches Kind pur. Hannah Arendt nannte es die “göttliche Frechheit” als Ideal gegenüber der Abschottung vor einer Gesellschaft oder der Anpassung an eine Gesellschaft, die das Genie, das den Äußerlichkeiten nach als unpassend empfunden wird, nicht erkennt und anerkennt. Die Anpassung kann dabei in zwei Varianten gedacht werden: Entweder versucht man sich der Gesellschaft gleich zu machen oder man versucht, per Rebellion und Revolution, die Gesellschaft an das eigene Wollen anzupassen. Die Abschottung dagegen ergeht sich in der bloßen Verweigerung und versucht möglicherweise darin noch Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, falls nicht gänzliche Resignation und Hoffnungslosigkeit dominiert.

Für die Intuition sind Sollbruchstellen vorgesehen. Wenn der Schmerz der Angst, die von den Instinkten letztlich nicht gelöst werden kann, zu groß wird, tritt eine Krise ein. Hier kann die Intuition sich entwickeln. Wobei “entwickeln” das falsche Wort ist. Normalerweise ist sie mit einem Schlag da, wenn die Krise überwunden ist. Nach der Krise ist das Denken verändert. Man will die alten Denkmuster nicht mehr denken. Die Komfortzone ist ohnehin verlassen worden, weil sie zerstört wurde und man muss sich ohnehin neu einrichten. Warum also nicht in neuen Denkmustern einrichten, auf reiferem Niveau?

Die göttliche Frechheit steigt aus aus der Polarität des Extrems. Hier kommen wieder Albert Einstein, Van Gogh, Proust, Edison – Hannah Arendt nannte hier explizit Heinrich Heine – und so weiter ins Spiel, jeder Künstler, jeder Forscher, jeder Erfinder, der ein Werk zu erschaffen sich angeschickt hat und noch anschicken wird. In die Werke fließt die Erfahrung aus einem Leben unter Instinkt, Empathie und Intuition ein, und sie gehen um jenen Teil darüber hinaus, den wir dann Inspiration nennen. Künstler sagen, inspiriert zu arbeiten fühle sich an, als schriebe man nicht selbst, sondern werde geschrieben.

Telepathie

Was auf allen vier Kommunikationswegen – Instinkt, Empathie, Intuition, Inspiration – geschieht, ist Verbindung. Sie basiert, damit sie gelingt, auf unserem Bewusstsein für das Allganze und dass wir alle Teil von ihm sind. Dass das Allganze wir ist, aufgeteilt auf uns, die Individuationen, das ist die Basis der Telepathie. Es ist die Übertragung von Informationen über die Wege der Liebe, über die Energiebahnen zwischen uns und unseren Mitwesen, aber auch zwischen uns und dem kollektiven Unbewussten und zwischen uns und der kosmischen Intelligenz. Senden tun wir darüber ständig und ohne Unterlass, aber um sie zu empfangen ist eine erlöste, erwachsene, reife Sensibilität notwendig, die für meine Begriffe aber schulbar ist.

Eine vom Lärm der Angst erlöste Sensibilität zeigt sich in der Fähigkeit zur Achtsamkeit, einer intensiveren Form von Präsenz, bei gleichzeitig ausgeprägter Gelassenheit, eine intensivere Form von Unterscheidungsvermögen. Manchmal firmiert diese besondere Empfänglichkeit unter dem Begriff der Hochsensibilität, aber das ist es noch nicht ganz und noch nicht alleine. Die Hochsensibilität kann sich noch taub stellen gegen die ihr als Potenzial innewohnende Medialität, dann nämlich, wenn die Angst vor Verletzung noch groß und der Instinkt, sich doch bitte, bitte, bitte zu schützen, noch laut ist. Der hochsensible Instinkt, wenn er aus der Balance gerät, pendelt dann zwischen den Polen Überempfindlichkeit in der Manifestation von Misstrauen und Hochmut in der Manifestation von Arroganz. Die Intuition aber würde den Instinkt verfeinern zu einer meditativen Achtsamkeit, die dem Moment, dem Gesagten, dem Subtilen Aufmerksamkeit schenkt und zu einem aktiven Nichtstun, das gelassen sein lassen kann, was eben ist, und sie würde so das innere Kind zu einem Gefühl von Sicherheit führen, so dass die Psyche nicht mehr verletzt werden kann. Die Psyche entspricht dem, was in manchen psychologischen Richtungen “Schattenkind” genannt wird. Das in dieser Modelltradition benannte “Sonnenkind” dagegen ist jener erlöste Teil der Psyche, der in Verbindung steht mit der Seele. Im Grunde müssten wir uns nur der Präsenz unserer Empfindsamkeit öffnen, dem inneren Lauschen, um stets den besten Weg vorgeschlagen zu bekommen, auf dem wir stets sicher unterwegs sind, wenn wir ihn nicht verfehlen und aus Versehen beim inneren Kritiker landen. Und ein guter Weg dahin, den Weg nicht zu verfehlen, ist Bildung. Je besser wir über die Zusammenhänge des menschlichen Wesens Bescheid wissen, desto mehr verändert sich unser Denken und also unser Fühlen. Neues Denken aufgrund neuer Einsichten bringt die Energie auf neue Art in Schwingung und verändert sogar die Struktur unserer Eiweißmoleküle in unserem Körper, so dass eben auf lange Sicht – die so lang nicht mal anzusetzen ist, wie Forscher längst berichtet haben – sogar unsere Gene verändert werden. Bildung also, das hatte auch Hannah Arendt schon als Mittel gegen das Böse vorgeschlagen, und eine Gedankendisziplin – sie hatte es schlichtweg das Selbstdenken genannt, aber ich würde die Disziplin noch hinzufügen wollen, eine Gedankendisziplin also, die dem neuen Gedanken konsequenten Vorrang einräumt gegenüber dem alten Muster, das bisher zu nichts weiter geführt hat als zu mehr vom Alten.

Wir sind zur Telepathie befähigte Wesen. Wir wissen es nur nicht. Und wenn wir es ahnen, wissen wir oft nicht, wie wir diese in uns liegende Fähigkeit aktivieren können. Es ist Bildung und Übung. Und zwar die Herzensbildung, die “éducation sentimentale” (Flaubert). Sie veredelt den Instinkt und hebt ihn auf die Ebene der Intuition.

Posted on 26. September 2018 in Die Drama-Dreiecke, Hochsensibilität im Alltag

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