loading please wait..

Humor und Souveränität – ein Musterschreibspiel

 

img_0671

Was ich mit dem Schreibspiel zum Beruf gemacht habe, ist im Grunde eine schon immerwährende Leidenschaft für das Briefeschreiben gewesen. Als Hochsensible war ich schon immer fähig, zwischen den Zeilen zu lesen (falls zwischen den Zeilen etwas geschrieben stand) und habe es immer schon geliebt, schreibend zu erzählen. Als Kind waren es Entschuldigungsbriefe an meine Eltern, als Jugendliche Briefe aus den Ferien an meine Großmutter, als Erwachsene Briefe über die Erkenntnisse gegenüber der Liebe und dann noch später Briefe mit meinen Freunden über das Leben. Es waren Briefe, die meine Sehnsucht nach den in der Ferne Lebenden ausdrückten und Briefe an mein Innerstes, mit dem ich mehr als alles Andere über die Feder immer in Kontakt stand. Immer. Ich vermutete es auch bei den Autoren, deren Bücher meine Lieblinge waren: „Weltbeste Briefe von Felix“ (Annette Langen), „Persische Briefe“ (Montesquieu), „Gefährliche Liebschaften“ (Choderlos de Laclos). Oder zum seelischen Versinken: „Briefe aus meiner Mühle“ (Alphonse Daudet): „Von hier aus schreibe ich dir, meine Türe weit geöffnet beim schönen Sonnenschein.“ Die neueren Entsprechungen konnten völlig mithalten: „Gut gegen Nordwind“ (Daniel Galttauer). Mein Kinderbuch, das ich am liebsten schrieb war „Yasmin und Paula“, ein Kinder-E-Mail-Roman.

Womöglich inspirierten mich aber am Ende die Kinder, für die ich „Das eingebildete Aschenputtel“ schrieb zu dem, was jetzt das Schreibspiel ist: Ein Tagebuch, das antwortet. Denn das sagen die Klienten manchmal über ihre Arbeit mit dem Schreibspiel, es sei wie ein lebendiges Tagebuch. Und hier ist es, ein Muster zwar nur, kein Original, eine Fiktion, da die echte Zweistimmigkeit fehlt, aber dennoch galt während des Schreibens und gilt immer während meiner Arbeit: „Von hier aus schreibe ich dir, meine Türe weit geöffnet…“


Frage 1: Was beschäftigt dich gerade?

Was mich beschäftigt ist Folgendes, und ich weiß schon, dass es mit dem Grenzensetzen oder besser gesagt, einem Mangel im Grenzensetzen zu tun hat. Menschen gehen immer wieder über meine Grenzen. Ich gehe über meine Grenzen, indem ich es ihnen erlaube. Natürlich erlaube ich es nicht wirklich. Ich verbiete es nur nicht. Im Erleben ist es aber das Gleiche. Da maßregelt mich meine Schwiegermutter, wieso ich ihren Rat nicht annehmen wolle, da belehrt mich eine wildfremde Hundebesitzerin, was ich ihrer Meinung nach an meiner Hundeerziehung verbessern sollte und drückt mir ihre Erwartung an einen gut erzogenen Hund auf, die sich mit meiner gar nicht deckt. Da nötigt mich ein Gastgeber, zu essen, obwohl ich dankend abgelehnt habe. Da zwingt mich eine Tierärztin jetzt sofort die Notfalltropfen zu nehmen, die sie mir mit schon gefüllter Pipette hinhält, weil sie schlechte Schwingungen im Raum wahrzunehmen meint. Und was mache ich? Ich kooperiere. Wie das Kind, das zwar sieht, dass hier gerade etwas ganz schief läuft, das aber keine Mittel hat, sich zur Wehr zu setzen. Mir fehlen auch die Mittel. Doch, ich sage, “Ich will es nicht hören, danke, ich mache es eben anders, aber danke”. “Ich möchte nicht essen”, sage ich, “danke, ich habe jetzt keinen Hunger”. “Dein Rat passt nicht zu meinem Problem”, sage ich, “aber danke”. Wenn meine höfliche Ablehnung übergangen wird – und das wird sie mit erstaunlicher Regelmäßigkeit, stehe ich danach mit leeren Händen da. “Entschuldigung, aber ich habe doch gerade gesagt…” Das ist kein Mittel, dessen Energie zu mir passt, finde ich. Oder: “Was von der Wortkombination “nein, danke” ist nicht verständlich?” Das passt auch nicht zu mir. Es hat eine Energie von Widerstand, von Pampigkeit, ja Trotz. Unsouverän. Ich will mich da hinein nicht manövrieren lassen. Am liebsten wäre es mir, mein erstes höfliches “Nein, danke…” würde einfach akzeptiert und die Sache sei erledigt. Ich würde akzeptiert in dem, was ich sage, das wäre mir das Liebste. Ich würde ernst genommen und akzeptiert mit dem Wortlaut dessen, was ich sage.

Was denkst du, wie kommt es zu solchen Situationen, dass du ungefragt belehrt oder gemaßregelt wirst?

Es sind Stresssituationen. Etwas funktioniert nicht, wie es soll. Der Hund hört nicht. Mein Buch verkauft sich nicht. Zwei Auffassungen von Höflichkeit treffen aufeinander und geraten in Konflikt miteinander. In mir ist dann der Zweifel, ob ich überhaupt fähig bin, meinen Hund verantwortungsvoll zu führen, Autorin zu sein, ob ich den Anderen auch nicht verletze. Es sind diese Stresssituationen, die meine Energie herabsetzen, meine Präsenz mindern, mich nervös machen und unsouverän agieren lassen. Da entsteht eine energetische Lücke. Ich bin nicht ganz bei mir. Ich kann etwas nicht, bin nicht ganz kompetent. Mir fehlt das Argument des sichtbaren Erfolgs. Und damit fehlt mir die Kraft, in Opposition zu gehen, mich zu widersetzen. Ich antizipiere, der Andere könnte sagen: “Na das sehe ich ja, wie gut es bei dir läuft.” So kenne ich es von früher. Meine Eltern haben so etwas ständig gesagt und das war derart beschämend.

Gibt es dazu ein Körpergefühl? Wo sitzt dieses Phänomen im Körper? Und wie fühlt es sich dort an?

Ich fühle es im Bauch sitzen. Immer, wenn über meine Grenzen gegangen wurde oder wird – manchmal ist es auch ganz präsent und tritt auf, noch während etwas geschieht – oft aber meldet es sich später, nämlich dann, wenn “das Fass voll ist”. Und es fühlt sich an, als würden Fäuste nach meinen Eingeweiden greifen und sie fest umklammert halten. Als würden sie sogar wütend geknetet und als müsste etwas aus ihnen herausgepresst werden, was freiwillig nicht hergegeben wird. Jemand will etwas von mir haben, was er scheinbar nicht bekommt. Vielleicht will er gesehen werden oder anerkannt für etwas, das er gut kann. Und weil er es nicht bekommt – egal, ob von mir oder von denen, um die es eigentlich geht, nämlich seine Eltern – versucht er es mir auf seltsame Art zu entreißen. Indem er meine Selbstzweifel nährt, was jemand tut, der ungefragt Ratschläge erteilt, indem er mich implizit also für nicht kompetent erklärt, meine Probleme selbst zu lösen, erhöht er sich selbst und bekommt für den Moment scheinbar, was er will. Er fühlt sich besser und dem Anderen überlegen. Das spürt man leicht, wenn man neben so jemanden geht. Er fühlt sich größer und ich fühle mich klein. Das kommt zu meinem Körpergefühl hinzu: Ich fühle mich klein.


Dein Ziel

Und wenn du jetzt die Verbindung ziehst zwischen deinem Körpergefühl und dem, was in deinem Leben geschieht, was möchtest du, was stattdessen geschieht?

img_0192

Ich möchte die Fäuste abschütteln. Sie dürfen überhaupt nicht da sein, diese fremden Fäuste, die versuchen mich auszupressen und herunterzudrücken. Ich möchte sie von mir nehmen, aber ich merke, dass sie ihren Griff sogar verstärken, wenn ich das versuche. Dann gehen sie in den Widerstand und ich treffe sogar noch mehr von diesen Leuten oder sie werden noch lauter und noch vehementer. “Wieso sagst du denn dauernd nein und behauptest, es passt nicht?”, sagen sie zum Beispiel. Dann will ich eigentlich sagen: “Weil du mir doch gar nicht zugehört hast und es dir nur darum geht, dich selbst von dem Problem zu befreien und dich besser zu fühlen in dem tollen Gefühl, einen nützlichen Rat erteilt zu haben. Aber du weißt gar nicht, was mich wirklich bewegt und was daher das Richtige für mich sein könnte. Deshalb sage ich nein.” Aber ich sage dann nichts, sondern bleibe im Gegenteil beim Anderen, sage lieber etwas Versöhnliches, damit der Andere sich nicht peinlich berührt fühlen muss. So eine Zurechtweisung wäre ja peinlich und die wollte ich selbst ja auch nicht erleiden müssen. 

An solchen Tagen aber, an denen ich nichts gesagt habe, habe ich dann Bauchschmerzen. Die fühlen sich auch an, als stünden sie für die Lüge, die ich da an mir selbst begehe. Ich will also aufhören zu lügen und will stattdessen mich selbst beschützen und vertreten. Für mich eintreten will ich. Aber da kommt schon die Schwierigkeit auf mich zu: Wie? Was ich nicht will, ist zur Unhöflichkeit gezwungen werden. Ich will nicht genauso sein, wie diese Menschen, die über meine Grenzen gehen. Wenn ich unhöflich oder gar massiv werde, gehe ich auch über Grenzen Anderer. Ich provoziere eine Verletzung. Das will ich nicht. Mir wäre das Mittel des Humors recht, wenn ich den einsetzen könnte zur Distanzwahrung. Wenn ich mir den Anderen und dessen Übergriffigkeit einfach durch sanften Spott vom Leib halten könnte. Das würde zu mir passen, so eine treffende, aber nicht verletzende Ironie, die den Anderen nur aufmerken lässt, zu erkennen, was er da gerade tut. Vielleicht lässt er dann ab und es muss nicht zum Streit kommen und doch bin ich klar und deutlich zu verstehen, dass ich mir diese Anmaßung verbitte. Ich will meine besondere Art von Humor, die ich eigentlich habe, leben. Immer. Und nicht nur manchmal.

img_0097


Frage 2: Und was bräuchte es, damit du die Fäuste mit Humor abschütteln könntest?

Souveränität. Ich müsste in der Lage sein, diese höhere Ebene, von der aus ich durchaus sehe, was da gerade wieder geschieht, nicht nur als Ebene der Wahrnehmung zu behandeln, sondern ich müsste dort bleiben und von dort aus agieren können. Ich sehe zum Beispiel, dass jemand mir nicht zuhört, mein Problem gar nicht erfassen kann, dass er es aber auch nicht stehen lassen und mir einfach empathisch beistehen kann, weil ihn das selbst nervös machen würde. Derjenige mag auf dieses übliche Positivdenken konditioniert sein, mit dem ein Problem immer nur dazu da ist, um gelöst zu werden. Und das schnellstmöglich. Dann ist alles wieder gut, und wenn man selbst auch noch zu der Lösung beigetragen hat, umso besser, dann ist man auch noch so etwas wie ein Held. Die meisten Menschen fühlen sich unnütz, wenn sie ein Problem sehen und nicht zu seiner Lösung beitragen können. Und die meisten Menschen wollen sich stattdessen nützlich fühlen. Jeder hat dafür seine ganz eigenen Gründe und sie haben alle mit Liebe zu tun und der Angst, nicht geliebt zu werden. Ich sehe das alles, und statt dann in die Defensive zu gehen und meine Position zu verteidigen, zum Beispiel, dass ich glaube, dass der Hund das in spätestens einem Jahr alles beherrscht, dass meine Methode vielleicht länger braucht, aber nachhaltiger ist und dieser Führungsstil mehr meiner Persönlichkeit entspricht und so weiter, oder dass ich eben eine andere Art von Büchern schreibe, die sich nicht so leicht verkaufen lassen und überhaupt im Leben etwas anderes vorhabe, dass sich mit anderen Erfolgskategorien messen lässt als in Geld auf dem Konto, hätte ich gerne einen Spruch parat wie: “Darf ich Ihnen wohl Ihre Nase zurückgeben? Sie steckt gerade in meinen Angelegenheiten und ich denke, sie gehört da nicht hin.” Aber dazu bräuchte ich eben, dass ich trotz der offenbaren Imperfektion souverän und bei mir bleibe und die Selbsterhöhungswünsche des Anderen, die auf seinem mangelnden Selbstwert basieren mögen, bei ihm lasse. Aber es bleibt die Frage: Wie?

Gibt es auch ein nichtübliches Positivdenken?

Für mich schon. Für mich gilt zwar “Das Gute daran ist…”, aber nicht um jeden Preis und auf-Teufel-komm-raus. Ich will Dinge nicht umdeuten und mich selbst überlisten. Wenn es regnet, dann regnet es eben. Dann ändert es nichts, dass ich behaupte, die Sonne scheine. Und wenn ich in diesem Regen friere, dann friere ich und dann will ich das genau so zur Kenntnis nehmen dürfen und mir eine Jacke holen oder zuhause bleiben, statt mir “warme Gedanken machen” zu sollen. Nein, ich will keine warmen Gedanken, ich will eine Jacke. Und nur, wenn ich auf der Flucht bin und kein Rankommen an eine Jacke ist, dann will ich sehen, ob meine mentale Stärke der Autosuggestion ausreicht, um mich zu wärmen, obwohl es regnet und ich friere. Aber zuerst mal will ich mich nicht selbst hypnotisieren, sondern sehen, was ist und handeln. Und dann kann ich sagen: Das Gute am Regen ist, dass man diese schönen kuscheligen Jacken wieder tragen kann, die den ganzen Sommer so unnütz im Schrank hängen.

Ich verstehe. Und du hast es perfekt erläutert. Genau so geht echtes positives Denken. Und ich zitiere dir – rein affirmativ – einmal aus dem Kinderbuch “Sara und die Eule” von Esther Hicks: 

Zitat aus: Esther Hicks: "Sara und die Eule"

Zitat aus: Esther Hicks: „Sara und die Eule“

Und noch einmal einen Schritt zurück: Gab es diese Souveränität schon, von der du sprichst? Gab es Momente, in denen du auf sie zugreifen konntest?

Dann, wenn ich mich als Freund fühlte und den Anderen auch als Freund empfand. Das musste keine tatsächlich existierende Freundschaft sein. Es genügte das Gefühl, jemand habe das Potential zum Freund. Dann konnte ich aus der Situation draußen bleiben, statt dessen bei mir, und war nicht verstrickt. Der Unterschied zu jemandem mit einer nichtfreundschaftlichen Haltung ist die der Erlaubnis. Der Nichtfreund strahlt für mich keine Erlaubnis aus, schon gar nicht die, auch Fehler machen zu dürfen und unvollkommen zu sein und dass ich damit dennoch akzeptiert werde. Bei ihm, dem Nichtfreund, fühle ich mich gezwungen, etwas Bestimmtes zu sein oder zu tun, keinen Fehler zu machen, es richtig zu machen, was immer das in den Augen des Anderen dann heißen mag, wann ich es richtig mache. Der Nichtfreund sagt mir aber meistens klar, was er will, was ich anders machen soll: 

  • “Schneid nicht das Fleisch auf einem Holzbrettchen!”
  • “Iss noch ein Stück Kuchen! Du musst es wenigstens probieren!”
  • “Sie müssen Ihren Hund mit Futter belohnen, anders geht es nicht.”
  • “Du musst es so und so machen, damit du mehr Bücher verkaufst.”

Der Freund dagegen erteilt mir die radikale Erlaubnis, alles zu sein und es ganz so zu machen, wie es für mich jetzt richtig ist, wissend, dass es ohnehin morgen schon anders sein kann. Er stellt den Kuchen auf den Tisch und macht eine einladende Geste. Wenn ich sage nein danke, akzeptiert er es. Wenn es ihm dann aber passiert, dass er, um sich selbst besser zu fühlen, darauf besteht, dass ich ein Stück nehmen soll, ist da dennoch diese grundsätzliche Haltung: Alles darf sein. Dann fällt es mir leicht, einen Scherz zu machen: “Du bist wie eine Großmutter zu mir, mein Lieber! Ich danke dir!” Die Ironie schadet nicht, aber sie wird verstanden und meine Grenze gewahrt, ohne, dass ich eine andere überschreiten muss. Ich ernte ein Lächeln und werde höchstens im Scherz noch mal genötigt: “Großmütter fragen immer dreimal: Also?” Wir können dann beide lachen und es ist dennoch geklärt, meine Integrität gewahrt und seine auch.

Wieder habe ich ein wunderbares Zitat für dich dazu aus eben jenem schon erwähnten Kinderbuch “Sara und die Eule” von Esther Hicks:

Zitat aus: Esther Hicks: "Sara und die Eule"

Zitat aus: Esther Hicks: „Sara und die Eule“

 

 

 

 

 

 

 

Und wie könntest du diese Haltung der radikalen Erlaubnis bekommen, auch wenn sie nicht von deinem Gegenüber kommt? Wie könnte man sich da unabhängig machen von der Fähigkeit des Anderen, auch die Imperfektion zu erlauben und zu akzeptieren?

Ich müsste sie also in mir selbst herstellen. Sie müsste meine Grundhaltung mir selbst gegenüber sein. Ich müsste mir die radikale Erlaubnis selbst geben, dass alles sein darf, was ich fühle und für mich für richtig halte zu tun oder nicht zu tun. Ich fühle, ich will mit dieser Frau nicht darüber diskutieren, wie ich meinen Hund erziehen soll, selbst wenn mein Hund jetzt gerade nicht auf mich hört. Dann darf beides genau so sein, wie es ist. Der Hund gehorcht jetzt nicht und es darf so sein. Ich will es nicht diskutieren und auch das darf sein. Ich fühle, ich will nicht stundenlang jemandem zuhören, der gar kein Gespräch mit mir führt sondern nur mich als seinen Resonanzboden missbraucht. Dann darf das Gefühl, hier weg zu wollen, genauso sein. Ich muss mir von dem Anderen dann nicht sagen lassen, dass die Bewertung der Situation jetzt aber an meiner falschen Wahrnehmung läge, die von meinen Glaubensmustern geprägt sei. Darauf muss ich sagen dürfen: “Stimmt. Kann sein. Ich kenne das noch von früher, da war ich auch immer fürs Zuhören zuständig. Und jetzt will ich es nicht mehr.” Ich muss mir die Erlaubnis geben, dass mein Wunsch, im Wald allein sein zu wollen, zählt. Die Erlaubnis muss von mir an mich ergehen, zu registrieren und ernst zu nehmen, dass ich mich von schnellen und unüberlegten Ratschlägen übergangen fühle, so als sei das, was ich sage, nur eine schnell lösbare Lappalie, zu deren Lösung meine Kompetenz nicht ausreicht. Und wenn jemand mir dann sagt: “Du bist ja auch immer so heikel, dir kann man nicht mal was sagen”, erlaube ich mir zu fühlen, dass mir gerade Gewalt angetan wird, indem jemand seine Verantwortung für die nicht geglückte Kommunikationssituation auf mich abwälzen will. Ich muss es mir erlauben, als Freund. Als Freund mir selbst. Auch wenn der Andere kein Freund ist, bin ich dann, wenn mir das gelingt, immer von Freundschaft umgeben. Und in der Energie der Freundschaft liegt die Erlaubnis an mich, die ich brauche. In dieser Energie kann ich alles akzeptieren, was ist und denken, dass es okay ist, weil es sonst nicht wäre, sowohl das, was geschieht als auch das, was ich fühle. Aber wie werde ich mein Freund?

Die nächste richtige Frage, die du bereits stellst. Lass mich dir eine andere Frage vorab stellen. Wenn wir mal davon ausgehen, dass man mit sich selbst identisch, ganz bei sich seiend auf die Welt kommt: Wann bist du dir als Freund dann verloren gegangen? Seit wann hast du das Gefühl, deine Gefühle seien nicht erlaubt?

Irgendwann als Kind. Als ich ganz schwer nur Freunde finden konnte, wahrscheinlich aus verschiedensten Gründen. Da haben meine Eltern immer gesagt, mit mir sei irgendetwas wohl nicht ganz in Ordnung. Mit mir wolle ja scheinbar niemand befreundet sein. Wenn überhaupt tauge ich nur zum Lückenbüßer. Wenn absolut kein Anderer Zeit habe, dann erinnerten die anderen Kinder sich noch mal an mich. Ich sei einfach nicht genauso wertvoll, wie die anderen Kinder, haben sie auf viele verschiedene Arten gesagt. In ihren Augen gab es ganz viel, worin ich schlechter als die anderen Kinder war. Ich glaube, da konnte ich dann verstehen, dass keiner mein Freund sein wollte und wollte es auch selbst nicht. Man ist nicht mit jemandem befreundet, der nicht wertvoll ist. Das ist Zeitverschwendung. Und wenn der auch noch ein Außenseiter ist, dann macht man sich doch nur lächerlich, als einziges mit dem befreundet zu sein. Ich war oft mit den Außenseitern befreundet. Ich weiß, wie beschämend das ist, wenn die Anderen einen fragen: “Was willst du denn mit dem?”, und man kann es nicht beantworten, weil es wirkliche Außenseiter sind, mit denen irgendwas ist. Mit mir war auch irgendwas. Ich war immer viel zu empfindlich und das hat alle genervt. Ich musste “immer jedes Wort auf die Goldwaage legen” und habe “immer alles so persönlich genommen”. Bei mir musste man “immer so schrecklich aufpassen, was man sagt”, da konnte man nicht “auch mal einfach was sagen, was man vielleicht nicht genauso meint, wie man es sagt.” Später sagten mir ehemalige Klassenkameraden auch mal: “Mit dir konnte man nicht einfach mal abhängen und was rauchen, du musstest immer über wichtige Dinge nachdenken und wolltest dann auch noch darüber reden. Du warst immer so anstrengend.” 

Und dann wollte mich auch keiner besuchen kommen, weil fremde Kinder bei uns immer als störend empfunden wurden. Das haben sie auch deutlich gespürt. Das war so eine Atmosphäre bei uns, die einem gleich an der Haustür gesagt hat: “Hau bloß so schnell wie möglich wieder ab.” Ich habe sie auch gespürt. Und man hat sie oft zu hören bekommen: “Mach die Tür zu. Am besten von außen.”

Und ich hatte nie etwas abzugeben, Süßigkeiten oder besondere Butterbrote oder Kuchen. Ich hatte nur langweilige Brote, die keiner wollte. Ich auch nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

Und von den meisten Spielen war ich gelangweilt und wollte lieber auf einem Baum sitzen und reden oder zusammen Bücher lesen. Aber jeder sollte ein Buch für sich lesen, weil ich mein eigenes Tempo wollte und nicht auf jemanden warten und auch nicht gehetzt werden wollte. Ich denke, ich war das langweiligste Kind, das man sich vorstellen konnte. Langweilig und kompliziert zugleich. So eine Mischung. Nur meine Geschichten waren ganz spannend. So ein bisschen gruselig von einer prügelnden Mutter und einem brüllenden Vater und dann dieses Schweigen zu Hause, das immer eingesetzt wurde, wenn ich doch mal mit Leuten etwas unternommen habe, das schön war: ein Zeltlager oder eine Party oder mein erster Freund und wie ich mit ihm heimlich in den Zirkus und auf den Jahrmarkt gegangen bin, weil mein Vater ihn nicht für würdig erachtet und mir keinen Freund erlaubt hat. Aber da war ich schon 17. Wenn irgendwas mit Freunden war, das Spaß gemacht hat, gab’s danach immer ein Donnerwetter wegen irgendwas. Oder gleich das Eisschweigen. Ich glaube, ich habe das mit den Freunden dann irgendwann ganz unbewusst auch aufgegeben. Ich hatte es immer schwer, Freunde zu finden und wenn ich Erfolg hatte, dann stimmte mit ihnen irgendwas nicht. Leute, die voller Selbstsabotage waren, waren das meistens. Dann brauchte ich die Sache nicht selbst wieder zerstören. Sie haben es zuverlässig für mich erledigt. Oder Leute, die alles blockiert haben, die nie ehrlich waren in ihren Gefühlen. Und in diesen Beziehungen sind auch Gefühle nicht erlaubt. Alle Gefühle und deren Ausdruck werden sofort als total kompliziert gewertet und dazu benutzt, um die Beziehung zu sabotieren. 

Ich habe immer gesagt: Um mich und um die Freundschaft zu mir kämpft nie jemand. Sobald Schwierigkeiten auftauchen, schmeißt der Andere hin. Seit ein paar Jahren mache ich das selbst auch so. Mir ist da nichts mehr wichtig. Jemand sagte mal zu mir, nachdem er mir eine Verabredung kurzfristig abgesagt und ich die Absage völlig gelassen hingenommen hatte, dass er das gut fände, wie es heute sei. Früher hätte man mir deutlich schwerer absagen können. Da hätte ich mich immer aufgeregt. Und ich habe da in mich hinein gespürt und gemerkt: Ja, das stimmt. Früher war es mir wichtig, denjenigen auch wirklich zu treffen. Aber heute ist es mir völlig gleichgültig. Vielleicht ist es mir sogar einen Tick lieber, denjenigen nicht zu treffen und den ganzen Aufwand zu vermeiden. Deshalb macht mir eine Absage heute gar nichts mehr aus. Im Grunde hoffe ich sogar regelrecht auf die Absage nachdem die Verabredung getroffen wurde.

Das Kind von damals, dem gesagt wurde, dass es keiner Freundschaft wert sei, wie hat sich das gefühlt?

Das Kind hat komischerweise immer das Gefühl gehabt, das sei gelogen, was die Eltern ihm da gesagt haben. Es hat sich immer irgendwie und auf eine seltsame Art besonders gefühlt und das hat es daran gesehen, dass es in einem neuen Umfeld nie alleine und für sich geblieben ist. Die Leute haben sich immer für das Kind interessiert, Kinder und Erwachsene auch, die Lehrer zum Beispiel oder Betreuer von Ferienfreizeiten oder Sporttrainer. Das Kind wurde immer zuerst gemocht. Aber das hat nicht angehalten. Etwas ist immer geschehen, weshalb das Kind sich trotz der Aufmerksamkeit alleine gefühlt hat. Da war zuerst dieses Gefühl von Alleinsein, dann hat es sich auf eine bestimmte Art verhalten, die ihm hinterher so ausgelegt wurde: “Du machst dich aber auch selbst einsam. Man weiß gar nicht, wie man an dich herankommen soll”, und dann haben die Menschen sich auch tatsächlich abgewandt und das Kind stand dort für sich alleine. Ja, es hat sich wahrscheinlich einsam gemacht, entsprechend dem Gefühl, das es vorher schon hatte, während es noch von den Menschen umgeben war. Da hatte es immer das Gefühl, dass es auf eine bestimmte Art unsichtbar sei, obwohl die Menschen mit ihm gesprochen haben und ihm zugewandt schienen. Aber etwas wurde immer übersehen. Nach etwas wurde nie gefragt und es wurde auch nicht benannt, aber das Kind wusste nicht, was das war. Es hat nur gespürt, dass noch etwas in ihm war, das noch nie jemand zu Kenntnis genommen hatte und mit dem wahrscheinlich auch niemand würde umgehen können oder wollen.

Kannst du es heute benennen, was das war, das, was nicht gesehen und nicht benannt worden ist?

Es müsste vielleicht meine Hochsensibilität und die ganzen Folgen davon gewesen sein. Ich hatte Phasen, in denen konnte ich überhaupt nicht essen. Ich konnte nichts herunterschlucken und das wurde nicht als Symptom angesehen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, sondern als zu korrigierendes Fehlverhalten bestraft. Drakonisch bestraft, ehrlich gesagt. Und ich konnte immer schon in einen Raum kommen und wusste einfach, welche Stimmung hier vorlag. Ich konnte Stimmungen spüren. Als Kind war es überlebensnotwendig für mich, Stimmungen so schnell wie möglich zu erfassen. Aber ich konnte es eben auch. Ich hatte die Fähigkeit, und es hat mich zutiefst verwirrt, wenn mir dann gesagt wurde, ich würde spinnen. Das wurde mir aber an allen Ecken und Enden ständig gesagt. Es sei nicht wahr. Ich würde mir das einbilden. “Einbildung ist auch ne Bildung”, war so ein Lieblingsspruch, den ich zu hören bekam, wenn ich über meine Wahrnehmung gesprochen habe. Und hinterher hat sich herausgestellt, dass ich absolut richtig lag. Über unserer Familie lagen so fette Lügen, die von so vielen Stellen aufrecht gehalten und die Lügner gedeckt worden waren. Die Geschichte erzählt, glaubt nie jemand. Mein Vater hat es sogar später, da war ich Anfang zwanzig, mal bestätigt. Er hat gemeint, ich sei noch so klein gewesen, dass er dachte, es sei besser, nicht daran zu rühren, dann würde ich es schon vergessen. Tolle Strategie. Falls ich davon hätte Integrität und Souveränität lernen sollen, ist es nicht gelungen.

Kannst du das Gefühl des Kindes in deinem Körper jetzt noch finden oder dich erinnern? Und wenn du ihm eine Stimme geben würdest, was würde es dir sagen?

Wie ein Boxen im Bauch fühlt es sich an. So ein wütendes, empörtes Boxen über diese Lüge. Ihr lügt doch, schreit das Kind da im Bauch. Ihr elenden Lügner. In Wahrheit seid ihr das nämlich selbst. Ihr habt keine Freunde und niemand kommt euch besuchen. Niemand bleibt länger in eurem Haus, als er unbedingt muss. Niemand. Nicht mal an Ostern oder Weihnachten. Wenn die Zeit um ist, die er bleiben muss, dann geht er schnell wieder und die Kinder haben alle Angst vor eurem Haus. Ein Kind hat mal gefragt, ob ich mit einer Hexe zusammen wohne. Und mir geht es ja genauso. In eurem Haus hatte ich immer Angst. Immer konnte im nächsten Moment etwas Schreckliches passieren, ein mächtiger Ärger konnte über mir herein stürzen oder eine harte Strafe niederprasseln. Und eigentlich ging es immer nur um etwas, was ein Kind eben tut: Eine Lüge aus Angst vor Strafe. Ein Verstecken von etwas aus eben dem Grund. Ein Zuspätkommen oder weil ich dein Rufen nicht gehört habe. Manchmal habe ich etwas vergessen, eine neue Toilettenpapierrolle ins Bad zu stellen oder meine Wäsche wegzuräumen, vielleicht habe ich deiner Meinung nach das Geschirr nicht ordentlich gespült oder beim Fensterputzen sind Flecken auf der Scheibe geblieben. Ich habe nie eine richtige Anweisung bekommen, was ich machen sollte, und deine Lieblingsmachtausübung war, mir hinterher, wenn ich falsch geraten hatte, was für heute meine Aufgabe sei, die Hölle heiß zu machen. Du hast dann immer gesagt, ich sei das Dümmste, was dir jemals in deinem Leben begegnet sei. Das hat immer so weh getan in meinem Bauch. Da, wo die Lüge hingekommen ist. Wenn man dumm ist, ist man einfach nichts wert und darum kann man auch gar keine Freunde haben. Was sollen Freunde denn mit einem dummen Menschen? Der begreift doch so wenig, dass man sich immer über ihn ärgern muss. So wie du, die du immer unendlich wütend auf mich warst und gesagt hast, ich sei an deinem ganzen Unglück Schuld. Und ich hätte dich dafür boxen und treten wollen, dass du behauptet hast, ich sei Schuld, dass du unglücklich bist. Du hast gesagt, du hättest mich nicht haben wollen. Du habest meinen Vater geheiratet und mich habe es eben dazu gegeben, ohne, dass man dich gefragt habe. Aber weißt du was? Ich bin auch nicht gefragt worden. Du warst einfach irgendwann da und egal, wieviel ich auf meine Art geboxt habe, ich bin dich nicht wieder losgeworden. Ich hatte jeden Tag Angst vor dir und hätte nie mit dir alleine bleiben wollen. Das waren schreckliche Tage, als ich noch nicht im Kindergarten war und jeden Tag deine schlechte Laune aushalten musste. Irgendwann habe ich mich dann für deine Laune verantwortlich gefühlt und versucht, dich milde zu stimmen. Da war ich aber noch klein und meine Mittel waren sehr begrenzt. Denn eigentlich bin ich dir ja mit meinem ganzen Sein auf die Nerven gegangen. Und abends kam Papa nach Hause und dem hast du dann erzählt, was für ein furchtbares Kind ich den ganzen Tag gewesen sei. Ich fand immer, du lügst. Lügnerin!, hat es in mir gerufen. Aber Papa hat dir einfach geglaubt. Statt mich zu fragen, hat er mich ausgeschimpft und weggeschickt, wenn ich auf ihn zugelaufen kam und mich in seine Arme werfen wollte. Ich wollte, dass er mich beschützt, aber er hat mich ein böses Kind genannt und gesagt, dass er mit mir nichts  zu tun haben will und du warst zufrieden. 

Warum eigentlich? Was wolltest du denn? Das weiß niemand. Ich wusste es nie. Ich wusste nie, was du wolltest, wenn du plötzlich tagelang nicht mit mir gesprochen hast. Das war ein Terror, der so schwer auszuhalten war. Ich hab dann immer gekämpft, um deine Stimmung wieder einzufangen. Ich war dafür verantwortlich. Du hast mich verantwortlich gemacht. Du hast immer klar gemacht, dass ich Schuld sei an deiner schlechten Laune und dann habe ich mir selbst gesagt, dass ich es wieder gerade biegen muss, weil ich dieses kalte, verachtende Schweigen nicht ertragen konnte. Erst, wenn ich deine Themen angeschnitten habe, das aufgeworfen habe, worüber du immer so gerne gesprochen hast, dann konnte ich dich aus diesen Stimmungen herausbringen. Und ich war immer der Verlierer. Wenn ich mich geweigert habe, mich um dich zu kümmern, war ich in Gefahr und wenn ich mich zur Verfügung gestellt habe, bin ich langsam zu Grunde gegangen und erstickt. Ich war nicht dein Kind, sondern irgendwie eine Freundin – oder das, was du wohl dafür hältst. Und vielleicht war mir das auch genug an Freundschaft. Wenn Freundschaft so anstrengend ist, kann sich doch niemand viel davon leisten. Deine Fäuste waren da immer wie Krallen. Und die sind auch heute manchmal noch in meinem Bauch und verursachen mir große Schmerzen.

Illustration: Nizar Jafar

Illustration: Nizar Jafar

Dieses Herz wurde mir ironischerweise von jemandem gezeichnet, für den ich, glaube ich, so etwas wie ein Freund bin. Aber ich bin nicht sicher, ob ich mich an ihn als Freund wenden könnte, wenn ich etwas bräuchte. Ich glaube, im Grunde waren Freunde für mich immer wie du: Ich musste nützlich sein und ihre Erwartungen erfüllen und sonst haben sie mich fallen gelassen. Das geht mir heute noch so. Da lässt sich vielleicht auch nur ein Pflaster drüber kleben, aber unter dem Pflaster ist bis jetzt noch die Wunde. Und ich glaube, nicht nur bei mir. Ich glaube, deshalb machen wir alle die Erfahrung, wie schwer es ist, echte Freunde zu finden. Imitationen von Freundschaft, die kann man kriegen. Die gibt es leicht. Aber die echten? Die sind schwer zu finden und selten. Weil letztlich doch immer die Schatten kollidieren.


Frage 3: Was braucht das Kind in dir jetzt, damit es zu sich selbst zurück findet?

Wenn du nun als heutige Erwachsene imaginativ in die Situation von damals zurück gehst und dem Kind in dem beistehst, was es dir gerade erzählt hat, wie sähe das aus? Was würde geschehen?

Und ich erläutere dir auch kurz den Mechanismus dahinter, wenn du magst. Zunächst  unterscheiden wir einige innere Instanzen. Die beiden großen Kategorien, um die es eigentlich geht sind: Das Gefühl und der Verstand. 

img_0586

Das Gefühl umfasst alles Gegenwärtige und alle Erinnerungen, die in unserem Gefühlshaushalt oder unserem Energiekörper abgelegt wurden. In manchen Modellen wird es darum als das innere Kind bezeichnet, weil hier vor allem emotionale Erinnerungen aus der Kindheit abgelegt sind. Es wird durch Auslöser aufgerufen und äußert sich in Affekten. Affekte können positiv und negativ gesehen werden. Die Bewertung unterliegt ohnehin dem Beobachter und seiner subjektiven Wahrnehmung. Und auch die Abwesenheit von Auslösern kann das Gefühl und die Affekte aufrufen. Die Einsamkeit und dass nichts geschieht, kann zum Beispiel extreme Gefühle auslösen und Affekte von Trotz oder Zorn oder Ungeduld oder Angst hervorbringen. Natürlich könnte es auch das Gefühl von Freude auslösen. 

Der Verstand ist die Instanz, die dann für das Gefühl Verantwortung übernimmt. Im Idealfall. Es ist die Vernunft, die gerade in diesen Tagen wieder dringend auf den Plan gerufen gehört und doch an so vielen Orten schmerzlich fehlt. An so vielen Stellen werden Gefühle projiziert, auf Randgruppen, auf Minderheiten, auf Fremde, statt dass jemand für sie Verantwortung übernehmen würde und zumeist sind es Gefühle der Angst. Wie aber sieht dieses viel zitierte Verantwortung-Übernehmen aus?

img_0233

Zunächst mal: Wie sieht es nicht aus? Oder: Wie sieht es aus, wenn es nicht vorhanden ist, dieses Ideal? Dazu hat die Psychologie eben jene schon erwähnten Modelle eingeführt, um diese sperrigen Einheiten “Gefühl” und “Verstand” sichtbar und begreifbar zu machen. Für den Verstand wurde das Konstrukt des inneren Erwachsenen bemüht und er kann liebevoll und lieblos sein. Er setzt sich zusammen aus unseren weiblichen und männlichen Wesensanteilen, für die die Begriffe Anima und Animus eingesetzt werden oder auch Yin und Yang. Ihre Verteilung sieht so aus:

img_0579

 

Und für das Gefühl wurden alle möglichen Konstrukte gewählt, vom Dämon, Ego, Psychovampir über das innere Kind das in Schattenkind und Sonnenkind unterteilt wird und dazu noch zusätzlich in die Instanzen des inneren Kritikers, des Rebellen und des Wächters. Je nach Modell werden sie noch mal unterschiedlich zugeordnet. Kind ist Kind bei Freud. In der auf Freuds Theorie basierenden Transaktionsanalyse, aber werden Kritiker, Rebell und Wächter dort als Eltern eingestuft. Das kommt daher, dass diese drei Instanzen Schutzmechanismen darstellen, die sich gegen Verletzungen zu behaupten versuchen, die damals – in den meisten Fällen durch die Eltern – entstanden sind und heute an damals erinnern. Das Eltern-Ich kann der innere Kritiker oder der ins außen projizierte Kritiker sein, der die Elternstimme von damals imitiert. Damals war es eine probate Überlebensstrategie, sich durch die Imitation so kooperativ wie möglich zu verhalten. “In deinem Alter solltest du wirklich weiter sein als das.” Es klingt wie die Eltern. Darum ist es das Eltern-Ich. “Traust du dir das jetzt wirklich zu? Ist das nicht eine Nummer zu groß für dich?” Die scheinbar wohlmeinenden Eltern, die das Kind, und in der Imitation von Innen oder Außen, auch den Erwachsenen noch klein machen. Aber in Wahrheit ist es eine kindliche Instanz, die die Elternstimme imitiert. Es ist eine kindliche innere Haltung, die einem Außen suggeriert, dass so ein Kleinmachen gerechtfertigt sei. Man macht es ja selbst unbewusst auch. 

Die Transaktionsanalyse kennt demgegenüber auch den Erwachsenen und das wiederum ist der gleiche Erwachsene, wie in den Modellen zum inneren Kind: der innere Erwachsene. Er ist anwesend oder abwesend, wie der Vater im Märchen, der Verantwortung übernimmt oder geschehen lässt, was geschieht. Darin übrigens ist er liebevoll oder lieblos: In seiner liebevollen Präsenz oder seiner Abwesenheit. Er ist nicht derjenige, der selbst demütigt, kleinmacht oder angreift. Das wird manchmal verwechselt. Und zwar fatalerweise, weil man exakt wissen muss, worum es sich handelt, um ihm richtig und angemessen begegnen zu können. 

Fehlt in einer Situation diese erwachsene Instanz, also die bewusste Wahrnehmung dessen, was hier gerade geschieht und das heißt die Präsenz des Erlebenden, dann geschieht, was eben gerade geschieht: Der Erlebende wird je nach innerem Muster reflexartig reagieren aus seiner Wut, seiner Verletzung, seiner Angst heraus und so weiter. Er wird beleidigen, verletzen, um sich schlagen – und er wird nicht merken, was er da gerade tut. Selbst wenn er es merkt, wird er es nicht stoppen können. Er wird den Schmerzauslöser für den Verursacher des Schmerzes halten und wird versuchen, sich zu retten.

img_0230Wo aber kommt der innere Erwachsene überhaupt her? Für die Anwesenheit des inneren Erwachsenen braucht es zunächst innere Präsenz. Das viel zitierte “Bei-Sich-Sein” ist gemeint, damit man eben nicht so schnell aus der Fassung gerät. Bei sich zu sein bedingt eine innere Haltung der Gelassenheit, der Ruhe, des Friedens. Und diese Haltung generiert man über ein grundsätzliches Einverstandensein mit dem, was ist. Akzeptanz ist es, worum es geht. 

img_0276

Alain Robbe-Grillet, ein französischer Romancier, verkündete ziemlich passend in den 60er Jahren: “Die Welt ist weder absurd noch ist sie sinnvoll. Sie ist ganz einfach nur.” Und diesem Einfach-Nur-Sein begegnen manche mit einem inneren Widerstand. Das sind Menschen, die ständig kämpfen und jammern und kritisieren und unzufrieden sind. Oder man begegnet dem, was einfach nur ist, mit einem inneren Ja, einer Haltung aus Vertrauen in die Richtigkeit dessen, was ist und der eigenen Existenz darin. In dieser Grundhaltung des Ja oder der Gelassenheit oder der Akzeptanz existiert auch der innere Erwachsene. Es ist der Verstand, der sich dann, wenn man gelassen ist, einschalten lässt. Es leuchtet leicht ein, dass in einer Stimmung von Angst, Panik und Hysterie der Verstand nicht greifen kann. Es herrschen destruktive Gedanken vor, die von den inneren kindlichen Instanzen (Wächter, Kritiker, Rebell…) produziert werden, statt der konstruktiven Gedanken eines Erwachsenen, der die Führung übernimmt. Es verhält sich wie mit richtigen Eltern. Haben die Eltern bei sich aufgeräumt, haben sie ihre Schatten und emotionalen Verwundungen bearbeitet, können sie die Aufgabe der Führung ihren Kindern gegenüber übernehmen. Mit dem Schreibspiel bist du also grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Ziel des Schreibspiels ist es, diese inneren Schatten zu beleuchten und darüber den inneren Erwachsenen auf den Plan zu rufen, den Verstand, die Vernunft und ihre heilsame Kraft  zu entfalten und so zu Gelassenheit und innerem Frieden zu finden.

img_0244

Und wenn es diesen inneren Erwachsenen gibt, was geschieht dann? Oft wird an dieser Stelle geargwöhnt, man würde zum kontrollierenden und kontrollierten Etwas, das keinen authentischen Ausdruck mehr fände. Aber mal ehrlich: Halten wir Wutausbrüche, Beleidungen, Demütigungen, infantiles Eingeschnapptsein, Märtyrertum und so weiter wahrhaft für einen authentischen Ausdruck unserer Selbst? Wut kann immer noch stattfinden, aber ihr Ausdruck verändert sich. Eine nicht authentische Wut ist die, die ohne inneren Erwachsenen stattfindet und die blind um sich schlägt und für Beteiligte und Unbeteiligte manchmal sogar lebensgefährlich werden kann. Eine Wut unter Anwesenheit des inneren Erwachsenen äußert sich verbal: “Ich bin jetzt wirklich wütend.” Ich kann den Satz sagen, “ich bin jetzt wirklich wütend” und ich kann erklären weshalb ich wütend bin, ohne meine Wut ausagieren zu müssen. Und wenn ich sie doch ausagieren muss, weil die Energie sich wie gestaut in mir anfühlt, dann kann ich einen Ausdruck finden, der keinen anderen verletzt und nichts zerstört, keine Beziehung, kein Porzellan und kein Herz. Was auch immer das dann sein mag von auf den Boden springen, auf den Tisch hauen, ein Kissen durchs Zimmer schleudern, um den Block rennen über in ein Tagebuch schreiben, ein Gedicht schreiben, ein Bild malen bis musizieren (und ein Stück mit ordentlich Dampf spielen) oder trommeln, die Fenster putzen, staubsaugen. Rennen ist, ehrlich gesagt, keine schlechte Methode, Wut abzubauen. Aber zu Schreiben ist es auch nicht.

Was also geschieht, wenn der innere Erwachsene anwesend ist?

img_0231

Es geschieht das oben schon erwähnte Ideal. Deine Gefühle finden statt. Sie befinden in deinem Sinne über die Situation, in der du dich gerade befindest. Sie unterscheiden die Situation in dienlich und nicht dienlich. Deine Gefühle sind die erste Grundlage für deine Unterscheidungskompetenz oder das, was mit Urteilsvermögen gemeint ist. Urteilsvermögen meint nicht, dass wir Dinge beurteilen oder gar verurteilen, sondern dass wir für uns unterscheiden, ob sie uns gut tun oder nicht. Und weil zu der Summe dessen, was wir sind, auch unsere Erfahrungen gehören, spielen sie selbstverständlich in die subjektive Bewertung einer Situation hinein. Das dürfen sie auch. Sie sind willkommen. Alle Gefühle. Und das sagt der Verstand. 

Oder im Modell des inneren Kindes: Das innere Kind kommuniziert mit der inneren Stimme unserer Gefühle, wie es ihm geht und der innere Erwachsene nimmt sie wahr. Er ist präsent. Er nimmt wahr, wie es dem inneren Kind geht, ob es gerade unter Druck gerät, sich unwohl oder bedrängt fühlt. Und dann handelt er. Der innere Erwachsene übernimmt es, für sich, für den Menschen, in dem inneres Kind und innerer Erwachsener zuhause sind, in dem Gefühl und Verstand sich die Hand geben, für diesen Menschen Konsequenzen zu ziehen. Wir nennen diesen Teil Verantwortung übernehmen, dabei ist das Handeln in Wahrheit nur ein Teil der Verantwortung. Die Verantwortung, die jemand für seine Gefühle übernimmt, beginnt bereits bei der Präsenz, setzt sich fort über die Wahrnehmung und endet bei demjenigen Handeln, mit dem du für dich selbst eintrittst.

img_0245

Oder anders ausgedrückt, quasi alles zusammen betrachtet: 

img_0229

Wenn das innere Kind einer Situation gegenüber mit dem inneren Wächter, der Stimme des inneren Kritikers oder als zwanghafter Rebell auftritt, nimmt der innere Erwachsene liebevoll wahr, was gerade vor sich geht. Er wirft einen Blick auf seine Gefühle, dann auf die Situation im Außen und sagt dem inneren Kind: “Ich hab’s gesehen. Und du darfst fühlen, was du fühlst. Ich kümmere mich darum.”

Und das kann auch für vergangene Situationen jetzt noch geschehen. Es kann auch jetzt noch Verantwortung für Gefühle übernommen werden, die damals entstanden sind. Und es wird im Jetzt etwas verändern, das zu tun.

Was also geschieht, wenn du imaginativ zurück gehst in die Situation, von der dein inneres Kind dir erzählt hat, und ihm beistehst?

Stopp! Sofort Stopp! Komm her Baby. Komm zu mir. Ich bin da. Ich habe es gesehen. Und ich kümmere mich darum. Und ihr: Macht eine Therapie! Wenn ihr jemanden braucht, der euch zuhört, dann sucht euch jemanden, der dafür geeignet ist. Das ist nicht dieses siebenjährige Kind. Das Kind ist auch nicht für eure Gefühle verantwortlich und schon gar nicht für euer Unglück. Es ist aber auch kein Paartherapeut, der zwischen euch vermitteln könnte und es ist kein Prellbock, bei dem ihr alles abladen und eure Seele trösten lassen könnt. Es ist euer Kind. Ihr sollte ihm zuhören. Und ihr solltet es wirklich einmal tun, damit ihr überhaupt wisst, mit was für einem Kind ihr es zu tun habt, statt es nur für eure Zwecke zu missbrauchen. Sucht euch Freunde oder sucht euch einen Therapeuten. Und wenn ihr keine Freunde findet, dann werft diesen Schatten nicht auf das Kind und redet ihm ein, was ihr in Wahrheit über euch selbst glaubt. Ihr glaubt, keiner Freundschaft wert zu sein. Und so inszeniert ihr auch euer Leben. Alles ist unordentlich und ungastlich. Eure Herzen sind verschlossen. Es gibt Gründe dafür, natürlich. Aber dafür ist nicht dieses Kind verantwortlich. Die Verantwortung könnt nur ihr selbst übernehmen. Und jetzt lasst das Kind frei.

Komm her zu mir. Was sie dir erzählen, ist Unsinn. Ganz großer Unsinn. Selbstverständlich will jemand mit dir befreundet sein. Ich will es. Ich wäre liebend gerne mit einem so wundervollen Mädchen wie dir befreundet, das wie die Sonne ist. Das Wärme ausstrahlt, auch wenn es selbst nur Kälte zu spüren bekommen hat. Das strahlt, auch wenn die Dinge es traurig stimmen. Dessen Leuchten andere aufmerken lässt, sobald es in einen Raum kommt. Aber dieses Leuchten macht manchen auch Angst. Es schüchtert sie ein. Es erinnert sie an ihr eigenes Leuchten, das sie vergessen haben. Und es macht sie nervös. Aggressiv sogar. Mich aber nicht. Mich macht es mutig. Mich erinnert es daran, wer ich in Wahrheit bin. Und leider muss man sagen, dass es auch den anderen so geht. Dein Leuchten lockt die anderen Sonnenkinder hervor und sie melden sich und randalieren und fordern, freigelassen zu werden, weil sie mit dem Sonnenkind, das du bist, spielen wollen. Das Randalieren der eingesperrten Sonnenkinder aber verursacht Schmerzen. Manchmal große Schmerzen. Es ist dieses Boxen im Bauch, das ich auch kenne und das du verursacht hast, um mich aufzuwecken. Die anderen aber wissen nicht, was das für Schmerzen sind und woher sie kommen. Sie wissen nicht, was die Schmerzen verursacht. Es ist deine Lebendigkeit, die sie hervorruft. Hervorruft, aber nicht verursacht. Verursacht haben sie die Schmerzen selbst, als sie ihr Sonnenkind eingesperrt haben. Dass sie es nicht mehr beachtet haben, verursacht Schmerzen. Dass sie ihm nicht zuhören und ihm nicht vertrauen, tut weh. Und natürlich haben sie ihr Sonnenkind aus einem guten Grund eingesperrt. Sie haben es eingesperrt und eine Wache vor die Tür gestellt und das Sonnenkind wurde langsam zum Schattenkind, wie eine Weintraube sich in eine Rosine verwandelt. Die Rosine ist noch immer die Weintraube. Aber im Gegensatz zur Realität der Rosine, ist die Metamorphose des Schattenkindes umkehrbar. Es kann sich an seinen Kern wieder erinnern, wenn man es ihm erlaubt. Es ihm nicht zu erlauben, es ihm zwanghaft zu verbieten, verursacht den Schmerz. 

Sich um ihr Sonnenkind zu kümmern, ist aber ihre Sache. Sie tun es vielleicht irgendwann. Vielleicht sogar, weil du in ihren Raum gehüpft bist und sie daran erinnert hast, dass auch in ihnen ein Sonnenkind lebt. Vielleicht tun sie es auch nicht. Aber das muss dich nicht kümmern. Das ist allein ihre Verantwortung. Und wenn sie Dinge sagen, mit denen sie dich klein machen wollen, damit sie dich besser handhaben können, dann musst du ab jetzt nicht mehr hinhören. Menschen machen andere klein, weil sie sich selbst klein fühlen. Sie könnten daran arbeiten, sich größer zu fühlen. Das tun sie aber nicht. Stattdessen machen sie andere kleiner, um sich so größer zu fühlen. Das fällt ihnen leichter. Vor allem bei Kindern. Kinder, die ihnen mit ihrem Licht und ihrer Klugheit Angst machen, müssen sie klein machen, wenn sie sich ihnen nicht gewachsen fühlen.

Gib mir deine Hand. Komm jetzt mit mir. Bei mir darfst und wirst du ganz viele Freunde haben. Und du darfst spielen so viel du willst. Und du darfst all deine Klugheit zeigen. Niemand wird deswegen Angst vor dir haben und dich klein machen und dir sagen, dass du dumm seist. Das bist du nicht. Und ich werde mich immer vor dich stellen, wenn jemand noch einmal so einen Unsinn zu sagen versucht. Ich werde da sein und mich darum kümmern. Ich werde ihm sagen, dass er sich überlegen soll, ob es wirklich das ist, was er sagen will. Ob er wirklich einem anderen Menschen sagen will, er sei dumm und nicht wertvoll. Und ob er nicht merkt, dass er in Wahrheit über sich selbst und seine eigenen Gefühle spricht. “Aber das ist es, was du über dich denkst, oder?”, werde ich sagen, und dann werde ich ihm entweder meine Hand reichen und ihm zeigen, dass es in Wahrheit auch für ihn nicht stimmt oder ich werde ihn stehen lassen.

Sie haben wir jetzt stehen lassen, weil sie unsere Hand nicht wollten. Das ist in Ordnung. Wir akzeptieren das. Aber was sie sagen, ist nicht die Wahrheit über dich. In Wahrheit danke ich dir, dass du mit all deiner Klugheit und Weisheit bei mir bist und in mir lebst und mich leitest. Du bist es, die mich mit wunderbar klugem Geist inspiriert und mir den richtigen Witz eingibt zur richtigen Zeit. Wenn ich dir beistehe und gesehen habe, was hier gerade geschieht und worauf du mich aufmerksam machst, bist du diejenige, die mir sagt, wo dennoch etwas Lustiges in der Sache steckt, damit ich es auch sehe. Dann, wenn du dich sicher fühlst, weil du fühlst, dass ich da bin und dich sehe und dich beschütze, dann kannst du das. Dann strahlt dein wunderbar kluger Humor aus dir heraus und du gibst mir eine lustige Bemerkung ein, mit der wir unsere Grenze wahren können, ohne jemanden zu verletzen. Mit dir bringe ich Menschen zum Strahlen und sorge mit deiner Hilfe dafür, dass sie sich selber wieder leuchten sehen. Dass sie sich an ihre Sonnenkinder erinnern, dafür sorgst du. Wir beide, du und ich, sind ein so gutes Team. Wir beide, du und ich, sind die wahren Freunde. Ich bin glücklich, dass du da bist. Kleines, kluges Sonnenkind! Was wäre ich nur ohne dich! Eine Rosine. Bitte erzähl mir, was du von mir brauchst, damit wir eine süße Weintraube sein können. Ich höre dir zu, wannimmer du mir etwas erzählen möchtest. Ich höre zu und nie musst du mir zuhören. Ich bin die Erwachsene und ich sorge für dich, nicht umgekehrt. So machen wir das ab jetzt.

Lausche einmal hin, ob die Kleine antwortet. Ich denke, sie wird es auf ihre Art tun. Was sagt sie?

img_0247

Und was bedeutet das für dich konkret? Weißt du, was die Kleine, die wirklich bemerkenswert klug ist, dir sagen will?

Sie spricht von mehr als Spiel, oder?

Ich denke ja. Würdest du gerne einmal die Begriffe “Eros” und “Thanatos” recherchieren? Und dann geh zu deiner nächsten Frage.


Frage 4: Was könnte konkret getan werden, damit Humor und Souveränität durch dein Sonnenkind zur Verfügung gestellt werden kann?

Hast du herausgefunden, was dein Sonnenkind dir mit seiner Aufforderung sagen will?

Im Hineinlauschen in mich selbst und im Erlauschen dieser inneren Stimme des Kindes (und im Recherchieren im Internet) ist für mich diese Skizze entstanden:

img_0254

Nach meinem Verständnis bewegen wir uns, während und indem wir leben zwischen den Polen Lebendigkeit und Stillstand. Wenn Eros für den höchsten Ausdruck des Lebendigen steht, steht Thanatos nicht eigentlich für den physischen Tod, sondern für den todesähnlichen Zustand. Leben ist Bewegung, Evolution und Wachstum. Ein Mensch, der dem Stillstand verfällt, der sich seiner Entwicklung verweigert, gleicht einem Toten. Das heißt aber nicht, dass in diesem Pol keine Existenz mehr stattfinden würde. Sie findet nur in niedriger Schwingung statt. Es heißt noch nicht mal, dass derjenige seine Entwicklungsaufgaben nicht verwirklichen würde. Er verwirklicht sie nur im Zustand der Angst, des Festhaltens, der Blockade. Er erfährt, was es für ihn zu erfahren gilt unter dem Schatten von Leid und Schmerz. Er führt ein kompensatorisches, kleingeistiges, verlogenes Leben, das nicht mal an seinem Potenzial zu kratzen vermag und könnte sich doch jederzeit dazu entscheiden, den Modus zu verändern. Er könnte sich entscheiden, seine Entwicklungsaufgaben, die ihm jede Gelegenheit stellt, die ihm in seinem Leben begegnet, so nah wie möglich am Pol von Eros zu absolvieren. 

img_0442

Mich zwischen 0 und + zu bewegen, ist wahrscheinlich ideal. Und ich kann es bewusst tun, indem ich meine Gedanken prüfe. Dann frage ich danach, wo das kreative Potenzial der Gelegenheit liegt, wie ich sie gestalten kann, was an Liebe machbar ist und welcher Ausdruck meines Lichts passen könnte. Hier gehört dann auch der Humor hin. Hier tritt das Sonnenkind auf den Plan und flüstert mir mit Schalk in der Stimme ein, was das Gute daran ist und wo Lachen zu realisieren ist. Vielleicht trotz allem oder vielleicht gerade weil… 

img_0675

Mir ist aufgefallen, dass es genau das ist, was mit der viel beschworenen Wahlfreiheit gemeint sein könnte: “Du hast immer die Wahl.” Wie sehr hat mich dieser Satz immer genervt. Mein Job ist unerträglich, mein Boss neurotisch, die Kollegen feige und ich bin völlig unterbezahlt und die Antwort der Besserwisser auf mein Gejammer ist: “Du hast immer die Wahl.” Ich dachte immer, damit sei gemeint: zu bleiben oder zu kündigen. “Nein, habe ich nicht!”, war also meine zwangsläufige (und meistens patzige) Antwort, wenn ich auch mit noch so gutem Willen keine andere Stelle finden konnte. Jetzt wird mir klar, dass etwas Anderes gemeint ist. Und solange ich das nicht begriffen hatte, konnte ich sogar noch so oft die Arbeitsstellen wechseln, sie veränderten sich im Grunde nicht. Die nächsten Chefs waren wieder neurotisch, die Mitarbeiter noch immer feige oder wahlweise nicht vorhanden und bei erhöhtem Gehalt waren meine unbezahlten Überstunden so hoch, dass die faktische Unterbezahlung blieb. Und ich hatte überhaupt keine Wahl, sagte ich mir. Bis ich das Sonnenkind stark werden lasse, habe ich auch tatsächlich keine Wahl. 

Das Sonnenkind gibt mir mit Übermut vor, wo Lustiges zu sagen passt, wo Hilfreiches zu tun verbindet, wo Ermutigendes beide stärkt, den Ermutigten und den Ermutigenden, weil man am Anderen nur bemerkt, was in einem selbst steckt. 

Das Sonnenkind. Ich muss es stark machen und dann muss ich ihm die Erlaubnis zu spielen geben!

img_0269

Und ganz konkret? Wie könnte es stark gemacht werden? Worin ist dein Sonnenkind vielleicht auch jetzt schon stark? Lass uns zuerst schauen: Wer ist dein Sonnenkind? Was macht es aus? Was macht es glücklich?

Das hier ist mein Sonnenkind. So sieht mein Sonnenkind aus und das macht es glücklich und darum stark.

img_0173

Und wie könntest du es noch stärker machen? Einmal aus der Erinnerung und der Fantasie zusammengetragen: Wie sieht ein Sonnenkindtag aus?

img_0164

Es war für mich komplett erstaunlich, dass ich das alles zusammentragen konnte. Und noch viel mehr Punkte wären möglich gewesen. Das sind echte Erinnerungen für mich, für die ich sehr dankbar bin.

Und wenn du jetzt überlegst, welche Entsprechungen es dazu in der Gegenwart geben könnte, wie könntest du dem Sonnenkind eine stärkende Sonnenmutter sei? Wie könntest du ihm die innere Erwachsene an die Seite stellen, so dass ihr beiden eine tragfähige Allianz eingehen könntet?

Es ist das hier:

img_0589

Manches davon mache ich bereits ganz unbewusst und schöpfe daher nur die Hälfte des Potenzials aus, zum Beispiel, indem ich die Spaziergänge mit dem Hund als zeitraubend und meine Arbeit unterbrechend betrachte, statt in ihnen bewusst die Stärkung des Sonnenkindes zu sehen. Ich gehe schnell und versuche mich zu beeilen, was höchstens eine Zeitersparnis von 10 Minuten bringt, statt zu schlendern und gegen Blätter zu treten, wie ich es als Kind getan habe, nur, um sie rascheln zu hören oder statt neue Wege zu erkunden und zu finden. Ich setze mich nur selten in meinen Hängesessel, um eine Pause zu machen, nicht täglich auf jeden Fall, wie es sein sollte, um mein Sonnenkind zu belohnen und zu entlasten, denn es hat mir in meiner Arbeit den ganzen Tag beigestanden. Stattdessen fordere ich es auf, noch mehr zu arbeiten. Über die Teddyfelljacke habe ich mich zwar immer gefreut, aber mir war gar nicht klar, dass ich damit explizit dem kleinen Sonnenkind eine Freude mache, sie zu tragen. Ich höre ihm jetzt morgens bewusster zu und lasse es auch nicht ausfallen, ihm lauschend in mein Gedanken-Tagebuch zu schreiben. Und wir müssen mal wieder Waffeln backen und dazu süßen Kinderkaffee trinken. Und wir laden dazu ein anderes Sonnenkind ein. Eines, mit dem wir ganz eng befreundet sind.


Frage 5: Und steht dir Humor und Souveränität jetzt zur Verfügung?

Ich kopiere dir dein Ziel noch einmal hierher: “Mir wäre das Mittel des Humors recht, wenn ich den einsetzen könnte zur Distanzwahrung. Wenn ich mir den Anderen und dessen Übergriffigkeit einfach durch sanften Spott vom Leib halten könnte. Das würde zu mir passen, so eine treffende, aber nicht verletzende Ironie, die den Anderen nur aufmerken lässt, zu erkennen, was er da gerade tut. Vielleicht lässt er dann ab und es muss nicht zum Streit kommen und doch bin ich klar und deutlich zu verstehen, dass ich mir diese Anmaßung verbitte. Ich will meine besondere Art von Humor, die ich eigentlich habe, leben. Immer. Und nicht nur manchmal.” Und wenn du es auf dich wirken lässt, was fühlst du, wo du gerade stehst?

Ich habe schon eine Menge herausgeholt. Heraus oder herauf. An die Oberfläche geholt. Was ich jetzt schon mache, ist, für mich sorgen. Ich gehe voller Freude mit meinem Hund raus. Ich gehe lange mit ihm, weil wir beide diese langen Spaziergänge so mögen. Ich betrachte sogar ihn, den Hund, manchmal als Vertreter meines inneren Kindes, wenn er mich an einer Weggabelung bittend ansieht, damit wir doch noch zum Wasser hinuntergehen oder wenn er mir seine Decke bringt und damit fragt, ob nicht eine Pause möglich und ein kleines Spielchen drin ist. Wenn ich darauf einsteige, ist etwas in mir wirklich zufrieden. (Egal, was die Hundeschulen dazu sagen!)

Ich schaffe diese Basis, indem ich mein Sonnenkind innerlich anspreche und es beobachte. Ich folge viel öfter Impulsen, von denen ich merke, dass ich sie früher nicht mal wahrgenommen habe. Kleinigkeiten eigentlich. Ein Eis zu kaufen. Ein Kinderbuch, zu dem ich wie üblich auf unerklärliche Weise hingeführt wurde. Das Kinderbuch anderen Kindern zu schenken. Einen Märchenfilm anzusehen. Mir einen neuen Pullover zu kaufen und zu wissen, dass etwas in mir sich einfach sehr über neue Pullover freut. Die Lieblingsfüller zu wechseln und dann wochenlang nur mit dem einen Füller schreiben zu wollen und mit keinem anderen. Mit dem schreibe ich dann aber flüssig und zügig Artikel um Artikel.

Ob der Humor jetzt wirklich da ist, auch in kritischen Situationen, das weiß ich noch nicht. In unkritischen Situationen ja. Da kann ich ihn beobachten. Da hilft er anderen Menschen. Letzte Woche beklagte sich ein Freund über seine Vermieterin und deren ungebührliches Verhalten. Ich habe ihm nichts geraten, sondern ein paar lustige Bemerkungen gemacht und er ist eingestiegen und sagte später, das sei genau das gewesen, was er gebraucht habe. Er habe keine Hilfe gebraucht, sondern einen Hinweis darauf, wie man die Sache auch leicht nehmen könne. Ihm die Leichtigkeit vorzumachen, sei dabei aber besser gewesen, statt zu sagen: “Nimm es doch leicht.”

Ich selbst bin jetzt noch nicht wieder in solche kritischen Situationen, wie ich sie eingangs geschildert habe, geraten. Ich treffe diese Leute kaum noch und wenn, dann kommt es nicht mehr zu solchen Äußerungen. Oder ich sehe sie früh genug und kann den Kontakt souverän verhindern. Ich kann meine neue Fähigkeit also noch nicht testen.

Wobei ich nicht abgeneigt wäre zu behaupten: Du testest sie bereits und zwar erfolgreich. Die neue Haltung, von der du sprichst, ist wahrnehmbar: Sichtbar, fühlbar und vermutlich auch hörbar. Wenn du einem anderen Menschen mit einer Haltung der inneren Präsenz entgegentrittst, die auf liebevoller Selbstfürsorge basiert, dann wagt er es gar nicht, deine Grenzen zu überschreiten. Es gibt automatisch eine unsichtbare Barriere. Es müsste sich schon um einen enormen Fall von Ignoranz oder Provokation handeln, wenn der andere deine souveränen Signale übergeht und dich dennoch belehrt oder maßregelt, dich also klein zu machen versucht. An dieser Stelle hast du zwei Möglichkeiten:

Prüfe, was dein Gefühl dir sagt: Stehst du noch in Resonanz mit dem unangemessenen Verhalten des Anderen? Wenn ja, dann: Zurück an dein Notizbuch und in die Innenschau. Welche Verletzung wird noch immer angetriggert? Lässt sie sich liebevoll an die Oberfläche holen und heilen? 

Wenn du nicht in Resonanz stehst, das heißt, wenn du zwar zur Kenntnis nimmst, was gerade geschieht, dich aber nicht übermäßig emotional involviert fühlst, dann kannst du die Sache komplett beim Anderen lassen und du selbst bleibst bei dir. Ein einfaches Genervtsein ist mit der übermäßigen emotionalen Involviertheit übrigens nicht gemeint, denn jedes lieblose Verhalten Anderer wird für uns auch zum Energieräuber, worauf ein Gefühl des Genervtseins uns zu Recht hinweisen darf. Das Destruktive zieht uns Energie ab, während uns das Konstruktive, das Ermutigende stärkt. Der Mechanismus gehört zum Menschsein dazu, auch wenn die Gurus uns zu erklären versuchen, wir müssten uns gänzlich unabhängig machen von anderen Menschen. Meine Frage wäre dann: Wozu also auf die Welt kommen? Wieso dann nicht im Nirwana bleiben? Darauf hat mir noch kein Guru eine mich befriedigende Antwort geben können und bis ich doch eine erhalte, gilt dieses Schema: 

img_0569

Über die Handlungsmöglichkeiten kannst du dir durchaus vorher einmal Gedanken machen, ohne fürchten zu müssen, an Spontaneität zu verlieren. Im Fall der Schwiegermutter und einer neuen Belehrung in deine Richtung, im Fall von Hundebesitzern, die das Gleiche versuchen, im Fall von Kollegen, die versuchen, dir Kompetenz abzusprechen oder im Fall von Gastgebern, die dein Nein zu ihren Angeboten nicht akzeptieren können. Mach dir ruhig eine Liste.

img_0258

Lass die Liste gemischt sein von Vernünftigem und von Dingen, die du auf den ersten Blick als Blödsinn abtun würdest. Lass dein Sonnenkind mitmachen. Und die letzte Entscheidung liegt bei dir als innerer Erwachsene. Die Führung übernimmt dein Verstand aber Hand in Hand mit deinem Gefühl. Mach ein simples Ausschlussverfahren: Schließe nacheinander aus, was absolut nicht in Frage kommt und was übrig bleibt, ist die Lösung. Hast du dazu mal ein Beispiel?

Voilà: 

img_0259

Perfekt!

img_0097

Und wenn das jetzt alles ist, was über das Thema Humor und Souveränität zu sagen ist, ist das hier dann der richtige Zeitpunkt, um mit dem Schreibspiel aufzuhören?

Hier findet für gewöhnlich ein ganz individueller Abschied statt. Für dieses fiktive Modell aber bleibt es bei einem Platzhalter: So ist es. Ich danke dir.

Und ich wünsche dir alles Gute und würde mich gerne mit diesem Song von dir verabschieden: Johannes Oerding: Wenn du lebst.

Posted on 2. Dezember 2016 in Allgemein

Share the Story

About the Author