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Hochsensibilität und Nonchalance: Die innere Familie an einen Tisch bringen

Im Moment des größten Schocks halten wir instinktiv die Luft an. Das war schon so, wenn wir es im Gestrüpp knacken hörten und fürchten mussten, dass der Säbelzahntiger uns gleich die Pranke auf die Schulter legen würde. Und das ist heute noch so, wenn wir es plötzlich räuspern hören und der Chef uns seine Hand auf die Schulter legt und es uns nicht gelungen ist, die Ebay-Seite schnell genug wegzuklicken. Wir halten die Luft an. Ganz automatisch, ohne, dass uns je jemand gesagt hätte, dass Luftanhalten sinnvoll sein könnte, wenn die Pranke von Säbelzahntiger oder Chef nur Zentimeter über unserer Schulter schwebt. Im Gegenteil. Hilfreiche Menschen erinnern uns explizit daran, das Atmen nicht zu vergessen, wenn wir uns erschrocken zeigen. Wir lernen also explizit vielmehr, dass zu atmen uns entspannt. Warum also halten wir dann die Luft an, wenn es im Gestrüpp knackt? Und was von beidem ist jetzt richtig? Wie so oft in diesen Fragen ist die beste Antwort: Beides! Nur beides gemeinsam, und nicht nur eins von beidem hilft uns, zu überleben. Und wie die Mischung dieser beiden Komponenten wiederum mit der Hochsensibilität zusammenhängt, davon handelt dieser Artikel.

 

Seit Beginn dieses Blogs leiten meine Artikel her, welche Perspektive man einnehmen könnte, um die Hochsensibilität als Gabe oder als eine Form von Intelligenz zu betrachten. Sie zeigen auf, wie die Hochsensibilität im Leben als segensreich erfahrbar sein könnte. Sie verbinden verschiedene Instanzenmodelle miteinander, um Hochsensible über den Weg der Bewusstwerdung ihrer Ressourcen in ihre Kraft hinein zu führen, sowohl die erwachsene Kraft der Vernunft als auch die kreative Kraft der inneren Kindlichkeit. Sie benennen die Integration von Schatten als eine der wichtigsten Komponenten, um die Hochsensibilität als Teil der eigenen Individualität selbstbewusst zu leben und zu vertreten. Eine weitere wichtige Komponente ist die Aktivierung der inneren Instanzen, die ich als die innere Familie bezeichne: Vater, Mutter, Kind. In Wahrheit handelt es sich um eine Großfamilie. Innere Kinder gibt es da viele: vom inneren Säugling über verschiedene Alters- und Entwicklungsstufen, Wesenszüge und Funktionen, unterschieden in Sonnenkind und Schattenkind, als da wären die implizite Erinnerung, der innere Wächter, der innere Rebell, der innere Kritiker, der Tyrann, die Cinderella, das Muttersöhnchen, der Saboteur, der Blockierer, der Verstecker, der Feigling…, aber auch die pure Kreativität, die Spiritualität, der Forschergeist und unsere Essenz.

Der innere Vater entspricht dem männlichen Prinzip, der Yang-Energie in uns auf mentaler Ebene. Er repräsentiert das Prinzip Selbstverantwortung und trägt in unserem Leben Sorge dafür, dass unsere Integrität und unsere Würde gewahrt werden und unser Leben gelingt. Die innere Mutter entspricht dem weiblichen Prinzip, der Yin-Energie. Sie entspricht unserer Präsenz, der unsere Hochsensibilität als Basis zugrunde liegt. Sie empfängt Informationen. Sie nimmt wahr und bezeugt Erfahrungen, unsere eigenen und die Anderer und das im Modus des Mitgefühls. Yin und Yang bilden gemeinsam den inneren Erwachsenen und das, was wir als bewussten Geist, als wahren Verstand, als Vernunft oder als Intelligenz bezeichnen können. Hier liegt unsere Präsenzfähigkeit vor, die Fähigkeit also, im Hier und Jetzt zu sein und wirklich zuzuhören und wahrzunehmen (Yin) und hier liegt unsere Fähigkeit, angemessen zu handeln, konsequent zu sein, Grenzen zu setzen, Dinge umzusetzen, mutig zu sein (Yang). Dabei hat jede Instanz ihr eigenes Wesen, das wir in der Regel gänzlich unbewusst im Alltag ausleben und erleben können. Uns dieser Wesenszüge bewusst zu werden integriert die in den Instanzen liegenden Ressourcen, so dass wir aktiv auf sie zugreifen können. Im Schreibspiel stelle ich dazu die Frage: Wer sind Yin und Yang in dir? Und dann geht es darum, die beiden Instanzen kennen zu lernen und sie miteinander in eine Liebesbeziehung zu versetzen, so dass wir uns auf ihre Kraft verlassen können.

Wenn die beiden Instanzen sich miteinander verbinden, wenn Yang sich von Yin beeinflussen lässt, erleben wir zusätzlich zum Archetyp des inneren Kriegers die Sanftheit und in der Kombination den sanften Krieger, den Weisen sogar, eigentlich den König. Wenn Yin sich von Yang beeinflussen lässt, erleben wir zusätzlich zur (Hoch-)Sensibilität die Stärke und in der Kombination jene starke Präsenz, die nicht mehr kämpfen muss, sondern in der reinen Anwesenheit Wirkung erzielt. Wir erleben die Königin. Beide lauschen dem inneren Kind und verbinden sich mal auf die eine, mal auf die andere Art mit ihm, dem Königreich, das sie aus der liebevollen Kooperation heraus zu voller Blüte bringen.

 

Das innere Kind entspricht unserem unbewussten Geist, unseren Gefühlen und Emotionen und zeigt sich sowohl in unseren Ahnungen als auch in unseren Automatismen. Unsere Automatismen sind uns in der Regel gut bekannt – wenn auch selten bewusst. Es sind unsere Überreaktionen, unser Projektionen, unsere Übertragungen. Unsere Ahnungen dagegen haben nur bei wenigen Menschen einen Sitz im Leben. Es sind unsere kreativen Einfälle aus heiterem Himmel, jeder erste Impuls, die Geistesblitze, unser intuitives Wissen, aber auch unser reiches Innenleben, aus dem heraus echte Empathie möglich ist und wodurch wir mitempfinden können, was in Anderen vorgehen mag.

 

 

Die Empathie gilt aber zuerst uns selbst, bevor sie einem Anderen gilt, und lauscht auf unser eigenes Innenleben. Zumindest wäre das das Ideal. Mit ihr akzeptiert der Mensch, der ganz bei sich ist, alles, was ist, wie er so da ist, er und seine Gefühle und Emotionen. Dieser Mensch registriert seine Wünsche, Sehnsüchte und seine Ängste aus dem weiblichen Pol heraus und erfüllt oder transzendiert sie über den männlichen Pol. Jeder Wandel allerdings und jede echte Transformation beginnt im weiblichen Pol, im reinen Gewahrsein dessen, was ist. Im weiblichen Pol wird bis ganz auf den Grund getaucht und dabei konsequent wahrgenommen, was ist. Und die reine Vernunft hat ihren Ursprung ebenfalls hier, in der (Hoch-)Sensibilität der weiblichen Energie für die Qualität des Moments. Kein Yang stürmt mehr los und handelt im Modus der Kopflosigkeit. Nein, Yang handelt hier im Einklang mit den Gefühlen, mit dem Herzen, mit der Seele, weil ihm, dem männlichen Handeln, jene wichtigen Informationen durch das weibliche Wahrnehmen zugeflossen sind, die vom inneren Kind kommen. Das innere Kind wiederum steht in Verbindung mit Herz und Seele und dem, was wir unser Unbewusstes nennen. Was wir als Schattenkind kennen und was unserer emotionalen Ebene entspricht, kommuniziert mit unserem Unterbewusstsein. Das Sonnenkind, was unserer ätherischen Ebene entspricht, steht in Verbindung mit unserem Überbewusstsein.

 

Dass hochsensible Menschen in ihrem Yin stärker sind als normalsensible Menschen, ist inzwischen zwar noch immer nicht wissenschaftlich belegt, aber hinreichend beobachtet und beschrieben worden. In dem, was ich den unerlösten Zustand nenne, oder “Anfänger in Sachen Hochsensibilität”, leiden Hochsensible unter der Reizüberflutung, die ein stark ausgeprägtes, hochsensibles Yin verursachen kann. Yin als reine Sensibilität ohne die Stärke von Yang, ohne gesundes Urteilsvermögen, Abgrenzungskompetenz, Konsequenz, steht filterlos da. Jedem hochsensiblen Menschen fehlen in seinem Nervensystem die natürlichen und automatischen Barrieren, die die einströmenden Informationen vorselektieren und filtern könnten. Deshalb ist die Wahrnehmung tiefer und intensiver. Es werden viel mehr Details wahrgenommen und zwar akustisch, visuell, olfaktorisch, geschmacklich und sensuell. Ich sage deshalb “Anfänger”, weil man jenes Bewusstsein lernen kann, das es braucht, um sich nicht mehr als Opfer seiner Sensitivität zu fühlen. Man kann es lernen, man kann hineinwachsen und es braucht Zeit und eine reife Selbstbewusstheit um in einer Balance aus Sensibilität (Yin) und Konsequenz (Yang) anzukommen. Die Zeit spielt insofern eine Rolle, als dass mit der Zeit, die wir Lebenserfahrung nennen, jene mentale Ebene erst ausgebildet und dann durch bewusste innere Arbeit ausgeformt und gefestigt wird, die wir von Außen als Reife und Vernunft wahrnehmen können. Sie hat wenig damit zu tun, ob wir kognitiv erwachsen geworden sind.

Wenn Hochsensible mit der Zeit gelernt haben, bei sich zu sein und zu bleiben und sich dann noch mit ihrer Existenz in einem Umfeld bewegen dürfen, in dem sie ihre Essenz ganz zum Ausdruck bringen können, vollbringen sie in der Welt Wunder an Freude und Frieden und Liebe und Heilung. Solche Umfelder sind geprägt von Respekt für ihr hochsensibles Wesen, von Vertrauen in ihre Fähigkeiten und von einem Willen zur Kooperation, zum Wachstum und zur Gestaltung von Zukunft. Die Frage aber ist: Wie kommen wir von A (dem Anfänger) nach B (der Bewusstheit)? Wie aktivieren wir unseren inneren Erwachsenen, der in Wahrheit den Archetypen König und Königin entspricht? Und wie schaffen wir es demnach, in unser höheres Selbst hineinzufinden und dort zu bleiben, unser Leben vielleicht sogar von dort aus zu gestalten und unsere Hochsensibilität quasi als wahre Fähigkeit und Gabe anzusehen? Und die Antwort ist: Indem wir gar nichts tun.

 

 

Indem wir lernen, den Wert des Nichtstuns zu wertschätzen, erreichen wir jene mentale Ebene, auf der Empathie und Vernunft angesiedelt sind, unser wahrer Verstand, der in der Lage ist, die emotionale Ebene zu glätten und zu beruhigen. Indem wir nichts tun, nicht denken, nicht reagieren, nicht beschwichtigen oder rechtfertigen, sondern einfach nur da sind können wir zunächst die Gesamtheit der Situation erfassen. Wir erfassen die Muster, die Dynamiken, die subtilen Energien, einfach, indem wir vorurteilslos präsent sind. Wir nehmen auch unsere eigenen Emotionen wahr und indem wir immer noch nichts tun, sondern sie nur wahrnehmen, kann aus dem Urgrund unseres Selbst die überraschende Erkenntnis oder der neuartige Impuls aufsteigen, der uns zu neuen Lösungen führt, zu besseren Wegen, zu kreativen und weisen Antworten. Denn was hier geschieht, ist Verbindung. Und sie kann erst geschehen in der Stille. Vielleicht in der Stille des gehaltenen Atems. Die Wahrnehmung wird mit der Emotion verbunden und die Emotion mit etwas, das wir reines Sein nennen könnten oder wahres Gefühl. Die Emotion hat ihren Sitz im Unterbewusstsein, das wahre Gefühl im Überbewusstsein. (Das ist nicht zu verwechseln mit dem “Es” und dem “Über-Ich” aus dem Strukturmodell der Psyche nach Freud, bei dem “Es” der Instinkt ist und das “Über-Ich” alles Regelgebende und Zensierende). Hier bei uns, in der Nonchalance dem Leben gegenüber, ist das Unterbewusstsein das Schattenkind: jede vergessene, verdrängte oder auch ganz einfach eine zeitlang nicht verwendete Erinnerung. Das Überbewusstsein dagegen ist etwas, wofür wir keinen Namen setzen sollten. Wir können es nur erfahren. Wir können es erfahren in der halben Sekunde, in der ein Gefühl, ein Gedanke, ein Impuls in uns aufsteigt, der uns souffliert, was wir am besten tun könnten und den wir erhaschen müssen, bevor wir reagieren, antworten, handeln. Meistens gelingt es uns nicht, dem Impuls aufzuwarten, weil wir nicht präsent sind oder weil wir uns nicht trauen. Dann nehmen wir nicht mal wahr, dass er da war. Oder wir nehmen ihn wahr, aber der innere Kritiker ruft schon “Blööööödsinnn!” und wir übergehen ihn, den Impuls, nicht den Kritiker. Aber wenn wir in der Präsenz geübt sind, statt wie aufgescheuchte Hühner in unserem Denken zu wühlen, dann erreicht er uns, dieser Impuls. Wir erkennen ihn als Inspiration, als Intuition, als irgendeine Art von Eingebung. Ihn zu ergreifen und umzusetzen, den ersten aufsteigenden Gedanken, das entspricht einer konstruktiven Aggressivität und ist pures gelebtes Yang. Ihn zu bemerken und ihm zu lauschen, entspricht unserem Yin. Dieser erste Impuls kann uns auch in reines Lachen hinein führen, was schon manchen ernsthaften Konflikt entspannt hat und was Montaigne das eindrucksvollste Zeichen von Weisheit nannte, “die beständige Heiterkeit”. Er kann uns eine witzige Bemerkung auf die Zunge legen, die der angespannten Situation gekonnt die Schärfe nimmt. Und es kann uns auf charmante Art ein Nein zur Antwort geben lassen, wo wir uns sonst innerlich zu einem Ja genötigt hätten, nur weil uns die Kraft zum Grenzensetzen gefehlt hätte. Der Humor liefert diese Kraft und seine Quelle ist die entspannte Heiterkeit.

 

Beständige Heiterkeit, wie Montaigne es nennt. Das ist das Geheimnis des inneren Erwachsenen und der wahren Vernunft. Lach-Yoga und Lächel-Meditationen wollen uns – wie immer per Abkürzung und auf direktem Weg – in diesen Zustand der wahren Weisheit hineinführen. Das ist, als wollten wir uns zur Heiterkeit konditionieren. Zuweilen mag das sogar funktionieren, wenn wir den Bleistift quer zwischen die Zähne klemmen, wie es die Managementtrainerin Vera Birkenbihl in ihrem Vortrag “Wie man in 60 Sekunden wieder lacht” empfohlen hat. Wir fühlen uns dann ausreichend albern, so dass wir über unseren Versuch, Heiterkeit künstlich herbeiführen zu wollen, durchaus ins Lachen verfallen könnten. Wir lachen über den Bleistift und lachen auf Befehl, aber wir lachen eigentlich nicht wirklich von innen heraus. Wir lachen nicht über das Leben. Über das Leben zu lachen, das ist die Basis, auf der wir unseren inneren Erwachsenen erreichen und aktivieren. Über das Leben zu lachen hat eine andere Energie. Es ist die Energie von Freiheit. Der Weise lacht mit der Energie von Freiheit, von Nonchalance, von völliger Gelassenheit. Er lacht wissend. Er lacht, wie ein guter König lacht, der schon alles gesehen hat an Menschlichem und der jetzt über den Dingen stehen und eine ganz andere Energie aktivieren kann. Es ist die Energie von purem Spiel. Und wenn jetzt hier das Spiel aufgerufen wird, haben wir nicht nur den inneren Erwachsenen aktiviert. Denn bei der Freiheit geht es nicht nur um die Freiheit von Zwängen und Beschwernissen, sondern es geht um die Freiheit zu etwas viel Größerem. Menschen, die eine heitere Grundeinstellung haben, sind frei, über ihren inneren Erwachsenen, ihren ätherischen Kern, ihr Sonnenkind oder auch den Archetyp des göttlichen Kindes zu erreichen.

 

In Literatur, Film und Theater kennen wir das Stilmittel des comic relief, was übersetzt “befreiende Komik” bedeutet. Es wird eingesetzt, um eine aufgebaute Spannung wieder zu lösen, um Bewegung in Erstarrtes zu bringen und um dem Geschehen eine neue Dynamik zu geben. Nach dem comic relief geht es in einer anderen Richtung weiter. Im comic relief, würden wir ihn ins Leben einbringen, läge großes Potenzial zur kreativen Gestaltung der meisten festgefahrenen Situationen. Auch der in uns selbst. Die Erstarrung und das krampfhafte Suchen hörten sofort auf, gäben wir der gelassenen Heiterkeit die Chance, uns zu wärmen und gar zum Schmelzen zu bringen. Im Schmelzen geraten wir wieder in den Fluss, werden zu jenem Wasser, das sich sicher seinen Weg bahnt, ganz ohne unser Zutun.

 

 

Denn selbst wenn wir nicht die Gabe oder nicht den Willen haben, ständig in pure Heiterkeitsausbrüche  zu verfallen, bringt uns die innere Haltung von Heiterkeit überall hin, wohin wir wollen. Im Film “Toni Erdmann” (2016, Regie Maren Ade) wird dieses Prinzip preisgekrönt inszeniert und auserzählt. Die Eulenspiegelei des pensionierten Musiklehrers Winfried Conradi, der sich zur eigenen Belustigung als Management-Coach Toni Erdmann ausgibt, führt mit warmherziger und liebevoller, ja sogar respektvoller Skurrilität die gesamte Absurdität einer saturninen, von Scheinvernunft, Starrheit und Gnadenlosigkeit geprägten Berufswelt von Unternehmensberatern vor. Wo die Tochter mit verbissenem Ehrgeiz auf Granit beißt und an die gläserne Decke stößt, verschafft sich der wunderliche Vater mit narrenhafter Possenreißerei Zutritt zu allen Bühnen, wo er allerdings wiederum nichts weiter veranstaltet, als weitere Possen zu inszenieren. Mehr sind dem Kauz diese Bühnen nicht wert, deren unerlöste Dynamiken er jeweils mit einem Blick bis in die Tiefe durchschaut. Und er durchschaut sie mit den scheinbar einfachsten Mitteln: durch sein Zuhören, sein Hinsehen, seine Präsenz. Er wirkt wie das Wasser, das sich seinen Weg bahnt und in Resonanz geht mit dem, was um ihn herum geschieht. Er spiegelt und wirft die Bilder der Muster, die er empfängt, auf seiner Oberfläche zurück. Darin wirkt er künstlich tollpatschig und klug sensibel zugleich. Die Tochter dagegen erscheint in metallener Rüstung. Wenn der Vater sie fragt, ob sie überhaupt ein Mensch sei, meint er in Wahrheit, ob sie sich selbst eigentlich wahrnehme. Ob sie ihre Seele eigentlich höre, will er wissen. Und nein, das tut sie nicht. Es muss schon ein Bettkasten auf ihren Zeh krachen, damit sie sich wahrnimmt und damit sie für einen kurzen Augenblick ihre Seele hört. Die Rüstung wurde irgendwann angelegt, um in Zukunft möglichst wenig Schmerz zu fühlen. Auf die Rüstung wird immerhin vom Vater selbst angespielt, indem er zu bedenken gibt, dass er nicht ohne Verantwortung an dieser Stelle sei. Er stellt seiner Ex-Frau und Mutter seiner Tochter gegenüber die durchaus zentrale Feststellung in den Raum: “Wir haben da was falsch gemacht.” Was genau falsch gemacht wurde, klärt der Film nicht auf. Irgendwann sind Menschen ja auch kognitiv erwachsen und sollten zugleich mental in der Lage sein, Verantwortung für ihr Leben und für ihre Gefühle zu übernehmen. Und diese Verantwortungsübernahme, die idealerweise vor dem psychischen Blackout einer im Film als Überreaktion zu wertenden Nacktparty mit dem Chef, den Kollegen und den Geschäftspartnern stattfindet, wird zum Beispiel durch irgendeine Form der Schattenarbeit geleistet. Es ist egal, welche Form, aber Hauptsache Schattenarbeit. Hauptsache, die tief im Dunkeln liegenden Verletzungen der Kindheit, die Muster und Glaubenssätze werden ans Licht geholt, werden beleuchtet, werden durch die Arbeit des Verstehens und der inneren Verantwortungsübernahme integriert. Dazu braucht es bereits den inneren Erwachsenen. Die mentale Ebene muss aktiviert und präsent sein. Durch die innere Arbeit wird die Schicht der Schatten, die emotionale Ebene geglättet. Und je ruhiger diese Schicht wird, desto mehr scheint hindurch, was wir so lange vergessen haben: unser wahrer Kern. Es ist das, was wir Sonnenkind nennen und was unserer Essenz entspricht.

 

Sind wir in der Lage, unserer Essenz zu lauschen, können wir unsere Existenz nach und nach mit unserer Essenz in Übereinstimmung bringen, zumindest so gut es geht. Darum geht es immer wieder in den arbeitsweltkritischen Filmen, zu zeigen, wie sehr Menschen sich von sich selbst entfernen müssen, um sich möglichst angepasst zu zeigen und das wiederum, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Individualität ist in der Arbeitswelt so gut wie nie gefragt. Es geht um Konformität innerhalb des als begrenzt und begrenzend empfundenen Arbeitsplatzes. Freiheit aber entsteht in dem, was Toni Erdmann dann vorführt. Innerhalb der Begrenzung findet er die Höhlen der Wärme, wie beim traditionellen Ostereiermalen, die Orte des Humors wie in der äußerst bescheidenen Hütte eines rumänischen Arbeiters und die Gelegenheiten des Verstehens, wie in der erzwungenen Gesangsdarbietung seiner Tochter. Darum geht es, wenn wir uns ins Lauschen hineinbegeben. Wir lauschen uns selbst und wir lauschen dem Leben. Und unser Selbst und das Leben spricht jeweils mit uns während wir leben: Unser Selbst spricht durch das Leben hindurch. Während wir bei einem rumänischen Arbeiter in der Wohnung auf der Toilette sitzen und während wir das Osterei bemalen und während wir einem Song zuhören oder den Song singen und während wir einen Film sehen und ein Buch lesen und uns mit jemandem unterhalten und Hunden beim Spielen zusehen oder selbst spielen und ein Blatt beobachten, wie es vom Baum segelt oder einfach die Wege entlang gehen, die sich uns jeden Tag so bieten. Während wir leben, spricht das Leben mit uns und wir verstehen es, wenn wir gelernt haben, ihm zuzuhören.

 

Wie aber lernt man, dem Leben zuzuhören? Wie lernt man, wahrzunehmen, was die Seele einem zu sagen versucht? Wie schafft man es, aus der Vernunft heraus zu reagieren, aus dem höheren Selbst heraus, ohne in automatischen Mustern gefangen zu sein?

Interessanterweise wirkt die Tochter im Film “Toni Erdmann” nach außen hin so, als würde sie extrem vernunftbetont auftreten. In Wahrheit aber versteckt sich ein unsicheres und zugleich maßlos gieriges Kind hinter der Maske der Vernunft. Hier wird nichts gesehen, nichts wahrgenommen, nicht im Außen und nicht im eigenen Innern. Hier wird nur viel gewertet und der innere Kritiker bewegt sich in perfekter Angepasstheit zwischen den Fettnäpfchen, die wiederum von Anderen aus purem Eigeninteresse zu Fettnäpfchen erklärt wurden statt zu Orten der Wahrheit. Die wahre Vernunft aber, die, die wirklich sieht, wie aktiviert man sie?

Es ist die Kunst des Atemanhaltens vom Beginn des Artikels. Natürlich wird nicht einfach wild die Luft angehalten, bis man zu ersticken droht. Es geht vielmehr um ein Innehalten. Hierfür steht das kurze Atemanhalten symbolisch, während wir zum Beispiel meditieren. In einer Variante der Meditation wird nach dem Luftholen tief und langsam ausgeatmet und am Ende des Ausatmens wird der Atem kurz gehalten. Hier wird der Begriff, auf den man meditiert, innerlich präsent gemacht. Wir geben ihm Zeit, in uns zu schwingen, sich zu entfalten. Und erst am Ende dieser Atempause wird mit dem natürlichen Atemimpuls wieder eingeatmet. Diese Praxis steht für die größere Praxis der Entspannung. Wir müssen uns entspannen, damit wir überhaupt präsent sein können. Nur dann können wir unser Unterscheidungsvermögen aktivieren: Tiger, Chef – gefährlich – nicht gefährlich. Und dann auch: Was tun? Wie reagieren? Im Modus der Nonchalance und der Souveränität wird es eine andere Reaktion geben als im Modus von Kampf und Verteidigung. Wie sich herausstellt, scheint das auch für unser Immunsystem zu gelten. Wahrhaft tiefenentspannte Menschen sieht man selten im Kampf mit ihren Allergien. Hier wurde der Kampf in erlöstere Formen transformiert, wird die Aggressivität bereits so konstruktiv gelebt, dass ihre Energie als integriert gelten kann und nicht mehr projiziert werden muss.

 

 

Nach jeder Anspannung, was Arbeit, Konzentration, Fokussierung sein kann, aber auch ein kurzfristiger Kampf, muss eine Entspannung folgen. Hunde sieht man an dieser Stelle, wie sie sich schütteln, sich strecken, die angestaute Energie bewusst loslassen. So, wie wir Menschen es zumeist handhaben, geht es eigentlich nicht. Wir können nicht den ganzen Tag beschäftigt sein, womöglich mit Dingen, mit denen wir uns nicht identifizieren können, und glauben, das habe keinen Einfluss auf unsere Präsenz und auf unseren Flow. Wenn wir die Batterien leeren, müssen wir dafür sorgen, dass sie auch wieder aufgefüllt werden. Wenn wir geerdet sein wollen, um den Alltag jenseits unserer Automatismen und stattdessen bewusst zu schaffen und mit neuen Lösungen aufzuwarten, dann müssen wir uns erden. Wie wir das machen, ist ziemlich gleichgültig und es wird im Laufe des Lebens auch wechseln. In meinen Zwanzigern war es das Joggen durch die Felder, in meinen Dreißigern ging es mit Power-Yoga los, als Kind war es das Buddeln im Sandkasten (aber ohne Strümpfe-schmutzig-machen), heute sind es Spaziergänge mit Hund und ist es das Lesen, unbedingt das Lesen. Da das Lesen im Tagesablauf von Anforderungen aber häufig hinten runter fällt, habe ich mir angewöhnt, auf Vorrat zu entspannen. Doch, das geht. Jetzt könnte man einwenden: Dann schlaf doch lieber zwei Stunden länger, statt dich ab halb sechs zu entspannen. Aber der Einwand berücksichtigt nicht, dass zur Entspannung mehr dazu gehört, als einfach nur zu schlafen oder herumzusitzen und nichts zu tun.

 

Zur echten Entspannung gehört, was in der chinesischen Philosophie bekannt ist als die fünf Aspekte der Seele zu nähren. Die fünf Aspekte entsprechen den Elementen Wasser, Holz, Feuer, Metall, Erde. Diese Elemente korrespondieren wiederum als natürliche Wandlungsphasen, in denen uns das Leben erscheint, mit dem Rhythmus der inneren Jahreszeiten aus Winter (Wasser), Frühling (Holz), Sommer (Feuer), Herbst (Metall) und Spätsommer (Erde). In der Phase der Erde oder des Spätsommers liegt die Entspannung, das Verharren, die Meditation, das Schweigen, die Reflexion und Integration. Auf welche Art und Weise wir allerdings verharren, meditieren, schweigen, reflektieren und integrieren, obliegt unserem ganz persönlichen Naturell und der Lebensphase, in der wir uns gerade befinden. Gestern war es so und morgen wird es anders sein und spirituell gesehen ist nur gefordert, dass wir uns darin respektieren, was unser Gefühl uns sagt, wie es jetzt genau sein soll. Vor kurzem hatte ein Kind in seiner Arbeit mit mir entwickelt, dass es zur Entspannung Musik und Tanzen brauche und dass es am liebsten nach der Schule fünfzehn Minuten wild tanzen wolle, bevor es sich dem Mittagessen widmen würde. Die Arbeit mit mir fand während der Ferien statt und die Idee fühlte sich sehr stimmig an. Sie bekam also ihren Platz in der Arbeits-Collage des Kindes, mit der das Schreibspiel im Präsenzcoaching begleitet wird. Zurück zu Hause und nach der ersten Schulwoche rief ich die Kleine an und fragte nach ihrer Tanzpause und das Kind erklärte mir: “Wie bin ich nur auf diese Idee gekommen? Nach der Schule bin ich so müde, dass ich in Wahrheit nicht mal Musik hören will. Ich will genau gar nichts.” Ich sagte ihr, dann sei gar nichts auch genau das Richtige und sie möge es in ihrer Collage ergänzen, die inzwischen an der Kinderzimmerwand hing. In den nächsten Ferien oder am Wochenende könne dann wieder in den Pausen getanzt werden.

 

 

Egal, was wir zur Entspannung wählen und ob wir uns auf Vorrat entspannen, als Gegenpol zur gesamten Anspannung des Tages oder ob wir wählen, den Tag über keine neue Aufgabe anzufangen, ohne eine Pause zwischen dem Abgeschlossenen und dem Neuzubeginnenden einzulegen, das Wichtigste scheint mir zu sein, dass wir jenen Spannungsbogen aus der chinesischen Philosophie als Ganzes im Geist bewahren. Das Leben an sich und jede noch so kleine Einheit innerhalb des Lebens, folgt immer dem Spannungsbogen des Erzählens, wie wir ihn auch von Aristoteles und in unserer europäischen Erzähltradition her kennen. Was in der chinesischen Tradition Wasser – Holz – Feuer – Metall – Erde ist, ist bei Aristoteles Ausgangssituation – Aktivierung – Wende – Heimkehr – Lösung. Daraus wurde die Reise des Helden, die sich aus Literatur, Film und Theater, ja in allem Erzählten herausarbeiten lässt. Und daraus wurde die Idee, dass auch unser Leben nichts anderes als eine Erzählung ist, nur dass wir Held und Erzähler in einer Person sind, wie es in jedem autobiografischen Roman auch vorliegt. Sobald uns klar ist – ich meine wirklich klar -, dass das Leben uns immer Holz beschert, das sich entflammen muss, weil das Leben ist, muss es auch die Abkühlung geben, weil nichts ewig brennen kann. Die Abkühlung gibt es in der Regel noch automatisch mitgeliefert. Es ist die Desillusionierung, die Enttäuschung, das Ende der Beziehung, der Arbeitsplatzverlust. Dann sind wir aufgefordert, uns Zeit für den Spätsommer zu nehmen. Die Erde muss aktiv genährt werden und die Mitte gestärkt und das geschieht durch das Einfahren der Geschenke aus dem, was gerade zu Ende gegangen ist. Wir nennen es Integration und dabei wird nicht nur die Erfahrung integriert, sondern im idealfall auch der Schatten, der berührt und ins Bewusstsein geholt wurde. In der eben zerbrochenen Beziehung wurden Schatten an die Oberfläche geholt, die unsere eigenen sind und die jetzt zur Heilung reif sind. Verweigern wir die Zeit des Innehaltens, wie es so oft geschieht, indem wir uns ablenken oder uns schnell einen neuen Partner zulegen, verzichten wir auf die Ernte. Wir gehen leer aus. Und darum fühlen wir uns auch leer. Uns kann die personifizierte Schönheit begegnen, aber wir bleiben stumpf. Es kann keine neue Bewegung stattfinden, denn es ist nicht die Zeit für eine neue Bewegung. Wir sind im Metall steckengeblieben, in der Kühle. Von hier aus lässt sich nichts anheizen. Angeheizt wird erst, wenn wir die Phase des ruhigen Wassers erreichen, was mit der Beruhigung unserer Emotionen einhergeht.

 

Was heißt das ganz konkret, ich meine gelebt? Auf die emotionale Ebene wirkt beruhigend die Vernunft. Die wahre Vernunft, jene Ebene, die fragt: Was ist gerade los? Wie geht es mit allem? Was kann ich für mich tun? Es ist die Instanz, die wir weiblicher Teil des inneren Erwachsenen nennen können und die sagt: Ich muss das mal mit mir besprechen. Es ist unsere Sensibilität, unsere Empathie für uns selbst. Im Modus der Selbstempathie erfassen wir, was gerade vorliegt, in welcher Phase des Spannungsbogens das Leben gerade spielt. Und wenn es die Phase der Abkühlung ist, die der Enttäuschung, der Desillusionierung und des Verlustes oder auch ganz einfach die Ruhe nach der geleisteten großartigen Arbeit, das Ende des Lachanfalls oder das Abklingen der Leidenschaft, dann verordnet jene Instanz, die die chinesische Tradition Yin nennt, die Pause und nennt es, die Erde stärken. Die andere Instanz der Vernunft, der männliche Teil, unterstützt uns dabei mit Konsequenz. Es wird die Musik angestellt, es wird die Hängematte aufgehängt, es werden die Schuhe angezogen und die Füße hinausbewegt in die Natur. Das ist Yang und wir befinden uns noch immer mitten in der Phase, die eigene Erde zu stärken, vielleicht, in dem wir uns mit der Erde verbinden. Natürlich dient einfach alles, was uns persönlich Freude macht dazu, diese kurze oder lange Phase der Entspannung einzulegen. Die chinesische Tradition nennt da fünf einfache Aspekte, um die fünf Elemente zu nähren: Freude finden, die Mitte stärken, die Erde nähren, gelassen bleiben, daoistischen Sex praktizieren. So einfach. Und als vernunftbegabte Menschen – die wir unseren inneren Erwachsenen aktiviert haben – braucht es uns jedenfalls nicht mehr einfallen, die Entspannung ausfallen zu lassen.

Gerade der Speicher von Hochsensiblen ist schneller voll, weil mehr in ihn hineinfließt als in den Speicher von Normalsensiblen. Wenn wir da nicht fürs Aufräumen sorgen, was die Entspannung leistet, dann kommt es zu jenen unschönen Symptomen, die, wie ich von meinen Klienten höre, so viele Hochsensible kennen. Der Körper lässt selbst los und wir schlagen uns mit Magen-Darm-Problemen, vor allem dem unter Hochsensiblen offenbar so bekannten Reizdarm-Syndrom herum oder wir reagieren gereizt und aggressiv, was auch eine Art des Loslassens ist, wenn auch eine destruktive. Die destruktive Energie aber kann verhindert werden, indem das Leben in seiner Erzählstruktur respektiert wird. Winter – Frühling – Sommer – Herbst und der Spätsommer als innere Jahreszeit, in der der Sommer noch einmal reflektiert wird. In der Akzeptanz dem natürlichen Rhythmus gegenüber liegt bereits das Potenzial, jene Nonchalance zu erreichen, die uns in unsere Individualität hineinführt. Wir entspannen, um uns mit der Erde verbunden zu fühlen und befinden uns jetzt nicht nur im inneren Erwachsenen, der nur im entspannten Zustand die Führung übernimmt, sondern auch im System der Chakras, den Wohnorten dieses inneren Erwachsenen. Wenn wir ein Wurzel-Chakra-Typ sind und unser innerer Erwachsener sich als diese Art von Wesen zeigt, erschaffen wir uns über die Entspannung das Gefühl, in den Kräften der Natur aufgehoben zu sein, von der Natur genährt zu werden. In der Entspannung wird die Natur zu unserer Verbündeten. Solche Menschen gehen in die Natur um zu entspannen und indem sie entspannt sind, dient die Natur ihnen, ihre Kraftdepots wieder aufzufüllen und sich ganz neu zu stärken, von Immunsystem bis Seele.

Oder wir entspannen im Sakral-Chakra, um die Welt sinnlicher Wahrnehmungen in ihrer Ganzheit erfahren und erfassen zu können. Im entspannten Zustand können wir den Zeichen unseres Körpers lauschen, sie deuten und nutzbar machen und nehmen ebenso die Zeichen in der Welt wahr, ein Phänomen, das wir Synchronizität nennen. Indem wir aber lernen, unserem Körper zu lauschen und indem wir uns mit der Welt sinnlich verbinden, sie berühren und uns berühren lassen über unsere tiefen Gefühle und über unsere Beziehungen, finden wir wiederum jene Entspannung, die uns tief mit der sinnlichen Welt verbindet. Von Sakral-Chakra-Menschen hört man manchmal, dass sie sich danach sehnen, etwas zu berühren, um entspannen zu können.

Entspannen im Solarplexus bedeutet, ins Vertrauen zu gehen, statt einzugreifen und hektisch zu agieren. Aus der Entspannung heraus erlauben wir den Dingen, aus dem Unergründlichen, dem verborgenen Plan unserer Seele, von selbst in Erscheinung  zu treten, zu ihrer Zeit und in ihrer Form, wie sie unserer Essenz gemäß sind. Wu Wei wird diese entspannte Haltung in China genannt und leichthin übersetzt mit arbeiten ohne zu arbeiten. Unseren Mitmenschen dienen wir dann am besten, wenn wir selbst tief im Vertrauen in uns selbst und in unserem Leben verankert sind. Denn aus diesem gelebten Vertrauen heraus können wir Anderen helfen, sich zu entspannen. Indem wir einerseits von unserer Erfahrung berichten und andererseits weitergeben, was wir an vertrauenswürdigem Potenzial im Anderen sehen, tragen wir zur Entspannung unserer Mitmenschen bei, zur Stärkung ihres Vertrauen in sich selbst und in ihr eigenes Leben.

Diese Art, den Anderen zu sehen, gelingt uns besonders als Herz-Chakra-Typen. Als Herz-Chakra-Mensch entspannen wir, um uns in den Anderen hineinzuversetzen. Dieses Potenzial liegt in den meisten Hochsensiblen (wenn sie aus ihrem konditionierten Denken heraus- und in ihre Gelassenheit hineingefunden haben). In diesem entspannten Zustand gelingt uns das intuitive Zuhören, ein Zustand, in dem wir die Bedeutung von allem erfühlen können. Thomas Hübl koppelt die Fähigkeit zur Präsenz an die grüne Phase der Bewusstseinsentwicklung und sie ist gebunden an die Öffnung des Herz-Chakras. Die Präsenz wiederum ist, wie schon erwähnt, die Voraussetzung für eine tiefe Wahrnehmung und die tiefe Wahrnehmung ist die Wirkung der Hochsensibilität. Und wiederum ist es so, dass wir entspannen, je mehr es uns gelingt, im Hier und Jetzt präsent zu sein und wir die Erfahrung von intuitivem Zuhören einem Menschen oder einem anderen Lebewesen gegenüber machen durften. Jedes Mal schließt sich der Kreis: Wir entspannen, um zu… und indem wir… entspannen wir.

Schriftsteller und bildende Künstler sprechen davon, dass sie entspannen, um die Sinne für die Subtilität der Welt und Botschaften höherer Mächte zu öffnen. Für einen Hals-Chakra-Typ, wie den Schreibenden, ist es notwendig, entspannt zu sein, um sich den Worten als Kanal zur Verfügung zu stellen. Wir sprechen dann von Flow, wenn wir die Texte erlauschen, statt sie mühsam aus unserem konditionierten Denken heraus zu produzieren. Und indem wir ausdrücken, was in uns schwingt, was manchmal sogar sehr hartnäckig auf Ausdruck drängt, entspannen wir tief, obwohl wir uns zunächst erschöpfen.

Für den Stirn-Chakra-Menschen ist die Entspannung unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Klarheit sich ausbreiten kann und wir auf alles an Wissen zugreifen können, was der Menschheit zur Verfügung steht: unsere individuelle Bildung, unsere fachliche Kompetenz, das kollektive Unbewusste, womöglich Erfahrung aus zehntausenden Leben und die Botschaften unseres Überbewusstseins. Wir sprechen von Intuition oder dem 6. Sinn, wenn die Verbindung zwischen bewusstem und unbewusstem Verstand über die Entspannung gelingt. Ihre Basis ist das Lauschen nach innen. Es leuchtet wohl ein, dass dieses Lauschen nur im entspannten Zustand überhaupt stattfindet. Entspannen – und gemeint ist entfernen – müssen wir uns dazu von unseren Gefühlsverstrickungen. Selbst wenn die Zeit für uns noch nicht reif sein sollte, bereits zu echter Hellsicht zu gelangen, so erhalten wir doch zumindest eine objektivere Sicht auf die Dinge und können alle Mal von Klarsicht sprechen. Aber im Fall hochsensibler Menschen werden sie im entspannten Zustand immer von subtilen Informationen erreicht, die sie unter Klarsicht ordnen und im Einklang mit Logik und Vernunft verwenden können. Und je öfter ihnen diese intuitive Verbindung und die Auswertung von Subtilem gelingt, desto entspannter werden sie sich in der Welt der Reize und Informationen fühlen.

Mit der bewussten Fokussierung des Kronen-Chakras finden wir hinein in unser elementares Verbundensein. Innen und Außen können sich im entspannten Zustand des Menschen zu einer Ganzheit fügen, die wir dann auch im Leben an allen Ecken und Enden erfahren können. Wir entspannen, um die Erfahrung der Ganzheit und der Verbundenheit in unserem Alltag machen zu können und indem wir die Erfahrung des Einsseins machen, entspannen wir tiefer und tiefer und finden hinein in unsere grundsätzliche Haltung der Gelassenheit, ja der gänzlichen Nonchalance gegenüber allem, was kommen mag.

Aus dieser Erfahrung der inneren und äußeren Ganzheit heraus wird unsere Hochsensibilität, die mit den Chakren oberhalb des Herz-Chakras verknüpft sein mag, zum Verbündeten und wir halten den Atem schon viel, viel früher an, weil wir etwas schon längst wahrgenommen haben: Das Nahen des Tigers oder das Anschleichen des Chefs, und es bleibt noch genug Zeit, im Innehalten zu erlauschen, was der beste Weg und der günstigste nächste Schritt sein mag: Das Weite zu suchen oder das PC-Fenster zu schließen. Jetzt kann der Atem fließen und fließen und fließen und wir mit ihm hinein in die kreative Gestaltung der Situation, die humorvolle und selbstsichere Replik oder die Nonchalance, auf gekonnte Art Fehler zu machen und zu gestehen: “Ich habe Sie gar nicht kommen gehört, weil ich so vertieft war in den Moment”.

Über die Autorin:

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 29. Mai 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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