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Hochsensibilität und Intuition.

Oder: Der innere Erwachsene, weiblicher Wesensanteil

Vor kurzem las ich auf mymonk.de einen Artikel von Ulrike Hensel über die Gaben der Hochsensibilität und deren Kehrseiten. Der Artikel hieß: Die 7 Gaben hochsensibler Menschen.

Unter anderem führte Frau Hensel als Punkt 1 die Feinfühligkeit auf, als Punkt 4 die Empathie und als Punkt 5 die Intuition. Unter Feinfühligkeit versteht Frau Hensel, Autorin und Coach für Hochsensible, dass Menschen feinste Schwingungen und atmosphärische Besonderheiten erfassen können, die von den Emotionen ihrer Mitmenschen erzeugt werden. Das ist nicht das Gleiche wie Empathie. Empathie ist jenes Einfühlungsvermögen, was im Grunde die Konsequenz aus der Feinfühligkeit ist, so dass nach meinem Lektüreverständnis des Artikels Feinfühligkeit und Einfühlungsvermögen erst zusammen die Empathie bilden. Denken wir nur an Menschen, die feinfühlig genug sind, die Schwachstellen Anderer zu erfassen, die das Wissen dann aber ohne jedes Einfühlungsvermögen missbrauchen. So jemand wäre keinesfalls empathisch zu nennen. Wir brauchen hier nicht mal im Konjunktiv zu sprechen. Solche Menschen hat jeder schon erlebt. Als Menschen in Machtpositionen sind sie die fiesesten Zeitgenossen und ganz schwer zu ertragen. Andererseits sollte jeder von uns diese Seite in sich kennengelernt, zumindest einmal ausprobiert und integriert haben, damit sie nicht aus dem Schatten heraus destruktiv wirkt, während wir uns für die reinsten Engel halten. Ich verstehe es also so:

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Ulrike Hensel benennt nun die Gaben und deren Kehrseiten und ich beschränke mich in der Inspiration durch ihren Artikel auf zwei dieser Gaben: Die Empathie und die Intuition. Während Frau Hensel für das Einfühlungsvermögen die möglicherweise fehlende Abgrenzung als Kehrseite benennt, liegen die Schattenseiten der Feinfühligkeit und der Intuition für sie in dem, was man im Allgemeinen eigentlich unter deren Abwesenheit beobachten kann. Die gute Menschenkenntnis, die die Basis der Feinfühligkeit sein soll, würde überlagert von Projektion, das heißt von einer Übertragung dessen, was im eigenen Unbewussten des Beobachters liegt. Und die Lebenserfahrung, die die Basis der Intuition wäre, verkäme zur Spekulation, das heißt zu einem Ratespiel. Dieser Gefahren, so Ulrike Hensel, müssten hochsensible Persönlichkeiten sich bewusst sein und sie müssten, nach ihrem Dafürhalten, lernen “zu erkennen, dass sie trotz erstaunlicher Treffsicherheit wie andere auch der Subjektivität in der Einschätzung unterliegen und dass durch persönliche Vorerfahrungen und Vorannahmen immer Verzerrungen und Fehldeutungen zustande kommen können.”

Liebe Frau Hensel, unterliege ich einer Fehlannahme, wenn ich jetzt annehme, dass Sie das, genau wie fast alle anderen HSP, in Ihrer Kindheit immer wieder und wieder und wieder zu hören bekommen haben? Würden Sie mir jetzt antworten: Sie projizieren da nur, würde ich Ihnen sogar auch zustimmen. Denn ich habe es, wie fast alle HSP, in meiner Kindheit gehört. Wieder und wieder. Und es geht weiter bis zum heutigen Tag.

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Nun, hierin gründet für mich das Bild der angezogenen Handbremse, die mir in der HSP-Literatur schon so oft aufgefallen ist und die wir Coaches für Hochsensible eigentlich lösen sollten. Darin sollten wir Coaches unsere Aufgabe erkennen, statt den HSP zu erklären, was unserer Meinung nach ihre Aufgabe sei. Denn die Aufgabe der HSP sollte doch bestimmt nicht darin liegen, zu erkennen, dass sie vielleicht doch nicht in der Form begabt sind, wie sie immer dachten und es selbst immer wahrgenommen haben und dass sie in Wirklichkeit auch nur mit Wasser kochen. Tun sie natürlich. Aber das Wasser, das HSP benutzen, hat eine andere Qualität. Es ist viel weicher, das Wasser, mit dem HSP kochen, und während ich noch einfügen möchte, dass niemand, schon gar nicht ein Coach für Hochsensible, sich herausnehmen sollte, jemand Anderem dessen Wahrnehmung abzusprechen, bin ich mit meiner Wassermetapher auch schon im Zentrum der Gaben Feinfühligkeit und Intuition. Denn was ist es, woraus unsere Feinfühligkeit und unsere Intuition besteht? Sie besteht aus Yin und unserem inneren Kind!

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Überrascht?

Kann ich mir vorstellen.

Zu schnell?

Auch das.

Gehen wir also Schritt für Schritt vor – oder, wie Beppo Straßenkehrer in Michael Endes “Momo” sagt: Besenstrich für Besenstrich, und bringen Ordnung hinein in die Archetypen und Wesensanteile und deren Begrifflichkeiten bis wir bei der wunderbarsten Gabe von allen landen, die gerade Momo absolut beherrscht.

Die einfachste Unterscheidung, die man für die menschlichen Wahrnehmungsverarbeitunginstrumente vornehmen kann, ist die in Gefühl und Verstand. Ulrike Hensel schreibt, wir nehmen feinfühlig wahr und brauchen dringend unseren Verstand, um das feinfühlig Wahrgenommene kritisch zu prüfen. Und das stimmt zu hundert Prozent. Ohne den Verstand oder die Vernunft einzuschalten stochern wir eher spekulativ im Dunkeln. Und ich meine tatsächlich den Verstand, der uns den Wahrheitsgehalt einer Annahme überprüfen lässt und nicht den inneren Kritiker, der versucht, sie uns auszureden.

Wer oder was in uns aber ist “das Gefühl” und “der Verstand”? Jetzt führe ich noch eine Unterscheidung ein, die zwar keine Revolution ist, die aber, seit ich sie innerhalb meiner Arbeit einsetze, bei einigen Menschen schon zu einiger Erhellung ihrer Eigenwahrnehmung geführt hat. Sie hat sich mir aus der komparatistischen Lektüre der verschiedenen Theorien und Instanzenmodelle ergeben. Mit einem komparatistischen Ansatz landet man leicht bei einem Lektüreergebnis, das weit auseinanderliegende Gedanken zusammenbringt, um zu neuen Perspektiven zu gelangen. Und so landete ich bei den Begrifflichkeiten Yin und Yang, dem inneren Kind, dem Gewahrsein und der Intelligenz.

Von vorne also:

Die beiden einfachsten Einheiten in uns, die an so etwas wie Eingebungen beteiligt sind, sind: Gefühl und Verstand. Natürlich nach unseren fünf Sinnen, die hochsensibel extrem viele Details einer Situation erfassen.

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Wenn wir uns zuerst das Gefühl vornehmen, wird uns klar, dass hier die Quelle der Intuition sitzt. Es ist das innere Kind oder unsere innere Weisheit, die in unseren Zellen gespeicherte Erfahrung, von der die Wissenschaft längst bewiesen hat, dass sie auch genetisch weitergegeben werden kann und dass selbst unsere eigenen Gene im Laufe unseres Lebens durch Erfahrungen verändert werden können. Ganz abgesehen davon, dass im Gehirn ständig neue Verbindungen entstehen und andere sich zurückbilden je nach Lebensführung und -erfahrung. Es gibt ein Körpergedächtnis, in dem die Essenz der gesamten Erfahrungen unseres bisherigen Lebens gespeichert wurde. Ein großer Teil unseres Wissens befindet sich im Unbewussten. Alles an Erlebtem, an Gelerntem, an Gesehenem und dazu noch Gehörtes, Gefühltes, Gelesenes liegt dort. Aus diesem Grund ist Bildung keine schlechte Quelle für diesen Wissensbrunnen. Es liegt also nichts Übersinnliches vor. Hochsensible haben keinen Zugang zum Universum oder zu einer göttlichen Quelle. Außer sie haben ihn doch und wer sollte es ihnen mit tragfähigem Beweis absprechen können? Und hier ist noch ein Schocker für alle Intuitionsskeptiker: Ich könnte jetzt nicht einwandfrei sagen, auf wie viele Leben an Erfahrung dieser Wissensbrunnen an innerer Weisheit zugreifen kann. Einige Weltreligionen hätten da sicher eine faszinierende Antwort. Allerdings ist die Spekulation (jetzt ja!) über die Quelle des Wissens der Wissensquelle nichts, was für unser Leben im Hier und Jetzt irgendwie relevant sein kann. Hauptsache, das Wissen ist da und zugänglich.

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Ulrike Hensel hat also völlig Recht, wenn sie schreibt, dass es leicht passieren könne, dass wir nur projizieren, wenn wir unsere Situationswahrnehmung allein von dieser Instanz bewerten lassen. Die meisten Menschen tun das, nicht nur die 80 Prozent der Normalwahrnehmenden, sondern auch viele HSP. Denn diese innere Weisheit ist noch nicht die Intuition. Sie ist “nur” ihre Quelle.

 

Frau Hensel bittet sehr zu Recht darum, den Verstand zu Rate zu ziehen. Die Autorin erinnert daran, dass es die Aufgabe des Verstandes sei, die emotionale Botschaft kritisch zu prüfen. Ich würde ergänzen: Es geht nicht zuerst um die kritische Prüfung (da landen wir auch allzu schnell wieder beim inneren Kritiker und das ist nicht die Vernunft), sondern es geht zuerst mal darum, die Botschaft überhaupt zu empfangen.

Den meisten Hochsensiblen, die ich kennengelernt habe, wurde in ihrer Kindheit ihre eigene Wahrnehmung konsequent abgesprochen. Das lese ich in fast jeder Arbeit mit dem Schreibspiel an irgendeiner Stelle, dass Kinder für eine hochsensible Wahrnehmung, die einen feinfühligen oder intuitiven Charakter hatte, ausgebremst, kritisiert, ignoriert oder sogar bestraft wurden. Ihnen wurde unterstellt, sie würden sich die Dinge ausdenken, einbilden, zusammenreimen oder -spinnen. Und wenn man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen nicht leugnen konnte oder wollte, wurde den Kindern Angst gemacht. Manche Kinder fühlten sich bedroht. Einige wurden als unheimlich hingestellt. Zuweilen wurde ihnen vorgeworfen, sie hätten etwas an sich, das erwachsene Menschen (!) dazu veranlassen würde, ihnen gegen ihren Willen von sich zu erzählen und ihr Innerstes preiszugeben. In den meisten Fällen wurden die Kinder mit ihrer Erfahrung allein gelassen, statt ihnen zu helfen, ihre Gabe zu verstehen und zu integrieren. Dieses missbräuchliche Verhalten ist auch unter dem Begriff Gaslighting bekannt geworden. Die Konsequenz war zumeist, dass die Kinder aufhörten, ihren Gefühlen zu vertrauen oder dass sie sich sogar selbst ablehnten für die Macht, die ihnen aus ihrer tieferen Wahrnehmung heraus zu erwachsen schien. Niemand aber nahm sich dieser Kinder an und lehrte sie einen verantwortungsvollen und konstruktiven Umgang mit dieser Macht. Als Erwachsene senden ihre Gefühle ihnen weiterhin Informationen. Die Instanz aber, die zuhören könnte, sie aufnehmen, empfangen und verarbeiten, wurde abgeschaltet. Fatalerweise ist es gerade der Verstand, um den es sich bei dieser Abwesenheit handelt. Anwesend ist dann meist noch der schon erwähnte innere Kritiker. Er ist nicht liebevoll, wie es die wahre Vernunft wäre. Aber er ist gefährlich, weil er einen Mangel an Liebe spiegelt, der sich als Vernunft verkleidet. In Wahrheit ist der innere Kritiker die Imitation der kritischen, maßregelnden Elternstimme von damals, die heute noch zu ermahnen beliebt: “Das ist doch reine Spekulation! Das kannst du überhaupt nicht wissen!” Dieser innere Kritiker wirkt nach innen und nach außen.

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Und trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, bei der Verweigerung unseren Gefühlen gegenüber handele es sich um die Vernunft. Menschen, die sich von ihren Gefühlen abgeschnitten haben und sich den ganzen Tag von ihrem inneren Kritiker beschimpfen lassen, halten sich für Verstandesmenschen. Ein hartnäckiger Irrtum, der im 17. Jahrhundert entstanden sein mag, als man die Angst mit der Vernunft verwechselte, weil die zeitgenössische Wissenschaft einen äußerst beschränkten Horizont hatte und sehr vieles als übernatürlich galt, was heute erklärbar und empirisch nachweisbar ist. Allerdings hatte die Aufklärung auch das Gedankengut Lessings hervorgebracht, der in seiner Religionskritik von einer noch zu erschaffenden Vernunftreligion sprach. Diese Vernunftreligion hätte neben einem grundsätzlichen Pantheismus und der Auffassung, dass Gott in uns lebt als Wir, die Bewusstheit und die Handlungsfähigkeit des Individuums eingeschlossen. Unter dieser Maxime würde das Gute um des Guten Willen geschehen. Religiöse Institutionen würden überflüssig werden. Lessing nannte diesen Evolutionsschritt “Die Erziehung des Menschengeschlechts” und meinte seine Emanzipation von allen äußeren Autoritäten hin zur Autorität der individuell inneren Wahrheit des Menschen. Die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt auf dramatische Weise, dass bei Menschen, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben, ganz bestimmt nicht stattdessen die Vernunft einen Platz bekommen hat und wir von Lessings Maxime weit entfernt geblieben sind.

Es wäre, ihre Anwesenheit vorausgesetzt, nicht die Vernunft, die das Zuhören verweigert. Es ist die Angst. Es sind innere kindliche Anteile in Form von Wächtern, Kritikern, Rebellen: Kenn ich nicht, kann ich mir nicht erklären, kommt weg und es lebe die Revolution! Innere, angstvolle Kinder raten: Hör bloß nicht hin, wer weiß, welche Dämonen da alles schlummern! Und sie haben Recht. Wer weiß das schon? So kommt es zu diffusen Bauch-Gefühlen, zu den beliebten Projektionen, zu Spekulationen. Hier wird ein ständiger Abgleich ausgesendet zwischen bereits gemachten und gespeicherten Erfahrungen und dem aktuellen Erleben. Das Ganze geschieht auf einer rein emotionalen Basis. Vom Verstand keine Spur. Und es kommt zu dem unangenehmen Phänomen, dass wir manchmal die Rechnung für Andere zu zahlen haben. Nichts ist darauf trainiert, das, was da ausgesendet wird, zu empfangen und zu überprüfen.

Jetzt sind HSP aber von Natur aus vor allem in ihrem Empfangenkönnen begabt, in ihrem Wahrnehmen. Sie sind begabt durch das, was ganz dem weiblichen Wesensanteil entspricht, ganz ihrer starken Anima, ihrem Yin. Wie Oliver Domröse in seinem Buch “Der sanfte Krieger” schildert, gilt das auch für hochsensible Männer. Auch bei ihnen ist ihre Anima wesentlich stärker als ihr Animus und ihre Qualitäten sind Empathie, Präsenz, Verantwortungsbewusstsein, Tiefe, Vertrauen, Initimität und Bewusstsein. In ihnen liegt die Befähigung zum wahren Gewahrsein.

Wenn wir uns jetzt also der zweiten am Informationsfluss beteiligten Einheit widmen, dem Verstand, sehen wir zwei Seiten vor uns, linke und rechte Gehirnhälfte, die wir hier nicht neurowissenschaftlich betrachten, sondern archetypisch. Denn wissenschaftlich betrachtet würden wir jetzt mit Frontallappen und Stammhirn herumhantieren müssen, Stammhirn als Sitz der Gefühle und Frontallappen mit der Fähigkeit, das größere Ganze zu sehen. Aber bleiben wir dennoch in der Polarität, sind es Kunst und Wissenschaft und es heißt so lapidar: Gefühle (rechts) und Logik (links). Tatsächlich entstehen im Gehirn keine Gefühle. Im Gehirn werden nur Gedanken produziert, die Gefühle aufrufen und damit auslösen, die in unserem Emotionalkörper abgespeichert sind. Oder umgekehrt werden die Gedanken von den Gefühlen eingefärbt. Aber: Gefühle im ganzen Körper, Gedanken im Gehirn. Und doch gibt es dort im Gehirn eine Seite, die für die Gefühle zuständig ist, nämlich, sie zu empfangen, aufmerksam zu sein für sie, präsent zu sein und sie wahrzunehmen, sie auszuwerten: die rechte Seite. Anima. Yin.

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Ihr gegenüber steht unser Animus – in jedem von uns! – der männliche Wesensanteil, Yang. Hier wird alles bereitgestellt von der Logik über die Konsequenz, den Mut, die Willenskraft bis zur tatsächlichen Handlung und der Schaffenskraft, dem authentischen Ausdruck des Selbst. Bei Hochsensiblen scheint es, wenn man Oliver Domröse liest, um ihr Yang zuweilen etwas schlechter zu stehen als bei Normalsensiblen.

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Immerhin aber: Wenn Hochsensible sich ihrer Anima und deren Stärke ganz bewusst sind, üben sie sich vielleicht in der Gedankenstille (Meditation) und sind, wann immer sie es wollen, in der Lage, eine Verbindung herzustellen zu ihrer inneren Weisheit, ihrem inneren Kind, ihren Gefühlen. Die Verbindung, das ist die Intuition. Das echte Gewahrsein ist es. In mancher Literatur wird die Verbindung auch das höhere Selbst genannt. Und an ganz anderer Stelle wird genaus diese Verbindung als die wahre Intelligenz bezeichnet. Es ist nicht der Verstand alleine und es ist nicht das auf sich allein gestellte Gefühl, sondern es ist die Verbindung aus beidem, und zwar explizit dem weiblichen Anteil des Verstandes bzw. des inneren Erwachsenen mit dem Gefühl. (Über den männlichen Teil dieses inneren Erwachsenen wird es einen eigenen Artikel geben.)

 

Diese Verbindung ist allerdings – das ist die Krux – nicht permanent vorhanden. Im Grunde besteht sie sogar nur in absoluten Ausnahmesituationen von Leben und Tod und wenn wir komplett entspannt und in unserer Balance sind. Sobald wir irritiert, aufgeregt, verärgert, angespannt oder angetriggert sind, steht sie uns nicht zur Verfügung, es sei denn, wir sind sehr, sehr geübt darin, unseren Geist auch in Stresssituationen zu beruhigen. Oder wir sind so weit in unserer Schattenarbeit fortgeschritten, befinden uns auf einer so hohen Bewusstseinsstufe, dass wir irritierende Gefühle schnell wieder loslassen können und kaum noch in Stresssituationen geraten. In dem Moment nämlich, in dem wir unsere eigenen Gefühle loslassen, weil wir den Mechanismus, der sie heraufbeschworen hat, inzwischen schnell erkennen und souverän meistern, können wir ganz im Augenblick präsent sein und uns auf das konzentrieren, was wirklich geschieht. Dann findet der Abgleich aus Erfahrung (aus wie vielen Leben auch immer) mit der aktuellen Situation auf einer völlig anderen Ebene statt. In diesem Moment wahrer Präsenz haben wir eine echte Chance, intuitive Einblicke zu bekommen in das, was hier gerade tatsächlich vor sich geht. Wir können die Qualität des Außens wahrhaft erkennen. Der Film “Ohne Limit” zeigt, wie die sensorische Aufnahme und der Abgleich mit dem Wissensbrunnen verläuft und was er bewirkt, wenn er funktioniert, das heißt, wenn der Verstand klar und präsent ist.

Die Kehrseite dieser echten Intuition ist übrigens eine ganz andere als die von Ulrike Hensel benannte. Die Kehrseite echter Intuition ist, dass wir, indem wir nicht zugleich auch die Weisheit entwickelt haben, zu filtern, was wir wann, wem und wie sagen können, äußerst unangenehm wirken können, wenn wir zu früh zu viel Wahrheit in den Raum stellen, für die noch keiner bereit ist. Hochsensible Kinder wissen, wovon ich rede. Man mag jetzt spitzfindig einwenden “es gibt keine Wahrheit” und in einem sokratischen Dialog würde ich sagen: “Okay, geschenkt”. Aber es gibt subtil Wahrnehmbares und das sind Motivationen, Intentionen, Emotionen. Sie liegen gebunden an kleinste Gesten, Blicke, Tonfall, Körperhaltung und Energie. Hochsensible nehmen sie wahr und sie deuten auf vieles hin, was versteckt im Hintergrund abläuft und was uns die Ignoranz, die Intoleranz, die Angst, die Kontrollsucht, die Manipulation, die Lüge, den Betrug durchschauen und verstehen lässt. Auch Ereignisse, die ihren Schatten oder ihr Licht voraussenden, sind wahrnehmbar und je größer die Lebenserfahrung des Beobachters, je gefüllter sein Wissensbrunnen ist, desto besser kann eben jene innere Weisheit kommunizieren: “Achtung, da ist etwas, das deine Aufmerksamkeit braucht.”  Das ist die wahre Intelligenz. Und Hochsensible haben mit ihrem stark ausgeprägten Yin die Fähigkeit dazu, diese Botschaften zu empfangen. Punkt.

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Der gewöhnliche Fall allerdings ist der, dass wir alle – hochsensibel oder nicht hochsensibel – in Stresssituationen eine Menge Gedanken produzieren, die die Aufregung noch vergrößern und mit der Intuition ist es dann Essig. Stattdessen läuft ein Kreislauf aus Gefühlen – Gedanken – Emotionen – reflexartigen Reaktionen ab, wobei hier kein innerer Erwachsener – oder man könnte auch sagen, kein Fünkchen Verstand – anwesend ist. Wenn der Verstand fehlt, geht es eher unintelligent zu. Ein weiterer Irrtum ist nach meiner Beobachtung nämlich der, dass es angeblich einen liebevollen und einen lieblosen inneren Erwachsenen gäbe. Gerüchteweise heißt es, der lieblose innere Erwachsene würde uns beschimpfen und klein machen und innerlich demütigen. Ich weiß jetzt nicht, wo im Wesen des Menschen das Gerücht diesen Anteil ansiedelt, aber nach meinem Dafürhalten handelt es sich hierbei um ein inneres Elternteil, das zu unserem inneren Kritiker geworden ist und eben nicht um einen Erwachsenen. Das würde sich ungefähr mit dem Modell der Transaktionsanalyse decken, in dem das Eltern-Ich vom Erwachsenen-Ich explizit unterschieden wird. Wir müssen uns klar machen, dass dieses Eltern-Ich ein kindlicher Anteil ist, der sich damals (als wir Kinder waren) gemerkt hat, dass Kooperation die beste Art zu sein schien, um zu überleben. Und diese Kooperation reichte auch schon mal bis zu jener Anpassung, die heute eine Imitation ist und mit der wir gar nicht mehr merken, dass wir wie unsere eigenen Eltern reden, was wir nie wollten.

Illustration: Christiane Rösch und Annette Greiner

Der innere Erwachsene aber unterscheidet sich in uns, wie der Vater im Märchen, nur durch seine An- oder Abwesenheit. Seine Anwesenheit wirkt immer vernünftig und damit liebevoll, beschützend, ermutigend, wertschätzend, akzeptierend und besänftigend. Sie ist wahrnehmbar als unsere Präsenz in der Yin-Energie. Seine Abwesenheit aber wird nur dadurch lieblos, weil sie, die Abwesenheit, den inneren Kindern und deren Angst das Feld überlässt: den Saboteuren, Zerstörern, Blockierern, Nörglern, den Pseudoindividualisten und Zwangsrebellen. Ihr Verhalten wirkt äußerst unintelligent.

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Nun also mal angenommen, der Verstand würde tatsächlich bewusst eingeschaltet. Man kann das trainieren. Was geschieht dann? Aus der Stille heraus, die man dazu trainieren kann (das ist das wahre Einschalten des Verstandes, nicht das mühsame Kopfzerbrechen), kann mit starkem Yin aufgenommen werden, was von einem inneren Kind, das sich sicher und geborgen fühlt, auf konstruktive Art aus dem Wissensbrunnen zum Abgleich mit der zu bewertenden Situation, gesendet wird. Hier findet Intelligenz statt. Über die zu bewertende Situation unterrichten unsere fünf Sinne mit allen Details, die sie hochsensibel wahrgenommen haben. Zusammen mit der männlichen Instanz in uns, unserem Yang, wird die Information aus dem Wissensbrunnen auf Logik und Brauchbarkeit geprüft. Dazu brauchen wir wieder unsere fünf Sinne, die die Intuition mit weiteren winzigen Details abgleichen. Da hier in Yang auch der Mut liegt, wird in dieser Gehirnhälfte zur Konsequenz aufgerufen, falls nötig. Hier würden geeignete Maßnahmen erdacht, die beantworten, was per Intuition an Bedarf durchgegeben wurde: Abgrenzen. Schutz bieten. Auf Abstand gehen. Verteidigen. Grenzen setzen. Nichts tun. Weiter beobachten…

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Ist das nicht – trotz des Dangermouse-Diagramms dazu – eine einfach erklärbare Gabe, für die wir Hochsensiblen uns gegenseitig zutiefst bewundern und wertschätzen und lieben sollten, statt sie einander auszureden und der Angst Raum zu geben, man könnte sich auch mal irren? Natürlich können wir uns irren, vor allem dann, wenn die beteiligten Personen ihren freien Willen nutzen und die Situation mit ihrem Verhalten, entgegen des ersten Anscheins, noch in eine andere Richtung lenken. Die Zukunft voraussagen kann nur der, der sie gestaltet. Also eigentlich. Es mag Ausnahmen geben.

 

Ich denke allerdings, was wir HSP tatsächlich an Lernaufgabe haben, hat mit unserer eigenen Angst zu tun, die sich in Ungeduld äußert. Selbst wenn wir unter Einbeziehung aller Sinnesorgane, und damit auch des von Skeptikern so gerne negierten 6. Sinns aus der Verbindung zwischen Gefühl und Verstand, intuitiv wahrgenommen haben, was auf einer tieferen Ebene in einer Situation steckt, sollten wir trainieren, die Preisgabe unseres Wissen wohlüberlegt zu dosieren. Mit starkem und trainiertem Yin nehmen wir zwar auch das Nicht-Wissen-Wollen der Anderen wahr und könnten aus der Erfahrung, die wir schon mit intuitiver Wahrnehmung gesammelt haben, auch wissen, dass alles seine Zeit hat. Aber oft ist es unsere eigene Kontrollsucht, mit der wir uns hinreißen lassen, zu früh zu kommunizieren, was wir wahrgenommen haben. Stattdessen sollten wir lernen, gelassen auf die Zeit zu setzen. Dieser Abgleich von heutiger Intuition mit späteren Ereignissen füllt dann wieder unseren Wissensbrunnen, zum Beispiel mit der Menschenkenntnis, welcher Typ Mensch wahrscheinlich nicht mit unseren Intuitionen umgehen kann und sie zu seinem eigenen Schutz negieren muss. Wir lernen dann nach und nach, solche Botschaften auf dem Selbstoffenbarungsohr zu hören. Die Intuition gibt Menschen mit starkem, souveränem Yin dann schon einen Hinweis darauf, worum es sich bei diesem Schutzbedürfnis handelt. Und darin haben sie, wie Ulrike Hensel schreibt, mit etwas Übung eine “erstaunlich hohe Trefferquote”.

Über die Autorin:

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 27. Januar 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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