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Hochsensibilität und die Kraft der Verbindung in uns

Ein Überblick

In den nächsten fünf Wochen werde ich eine Artikelserie zum inneren Erwachsenen in seiner Verbindung zum inneren Kind veröffentlichen. In den einzelnen Artikeln gehe ich auf jede der Instanzen einzeln ein, erläutere ihre Funktion innerhalb unseres Seins und ihre Manifestation in unserem Leben. Vorab möchte mit diesem Artikel hier einen groben Überblick geben, worum es sich jeweils handelt und wie die Instanzen zueinander stehen. Manches wird sich dann in den Einzelartikeln deutlich erweitert und vertieft lesen.

Obwohl ich mit dem Multimind-Konzept, wie es sich für mich aus der Lektüre der vielen psychologischen und spirituellen Konzepte, Theorien und Philosophien als Quintessenz ergeben hat, schon lange in meinem Coaching in Form des Schreibspiels arbeite, es auch in Kommentaren und Minirezensionen in meinen Artikelsammlungen zur Hochsensibilität schon oft verwendet habe, scheint mir, dass ich es vorab oder begleitend zu meiner Artikelserie über den inneren Erwachsenen noch einmal erläutern sollte. Die jeweilige Einzelliteratur betrachtend, wird mir klar, dass wirklich jeder sein eigenes Modell verwendet und meines zwar mir persönlich als sehr plausibel erscheint, die Logik sich aber keineswegs jedem erschließen muss. Vor allem dann nicht, wenn er oder sie sich selbst auf ein einzelnes Modell fokussiert hat, meines sich aber als eine Mischung aus mehreren Modellen ergibt.

In meiner Coaching-Arbeit erlebe ich mit meinem Stil- und Modell-Mix ein Erstarken des Selbstbewusstseins bei meinen Klienten. Ich erlebe, wie sie über den Kontakt zu ihren inneren Instanzen zu sich selbst finden und wie sie über den Weg, diese Instanzen in ihrem Leben konkret zu identifizieren, in Kontakt mit ihrer Weisheit und ihrer Macht gelangen. Darum erscheint mir dieses Konzept, das zwar eine theoretische Basis hat aus der Synthese verschiedener, zum Teil auch weit auseinander liegender Theorien und Philosophien, als logisch, weil in der Praxis erprobt, aber dennoch erläuterungsbedürftig.

Mit dem Multimind-Konzept an sich folge ich der Idee Robert Ornsteins, der die menschliche Psyche als in Fragmente aufgeteilt sah. Die verschiedenen Teilpersönlichkeiten haben eigene Funktionen und Aufgaben, aber auch eigene emotionale Fähigkeiten und Begrenzungen.

Die Teilpersönlichkeit, die in der Fach- und Sachliteratur sehr bekannt geworden ist, ist das Konzept vom inneren Kind. Nachdem ich eine Synthese aus der gesamten mir bisher bekannten Literatur zum inneren Kind gebildet hatte, wurde mir klar, dass das innere Kind wohl der Sitz unserer Gefühle sein müsste. Es ist unser Emotionalkörper, dessen Energie sich aus den in uns abgelegten Erfahrungen ergibt, den in unseren Zellen abgespeicherten Erinnerungen. Es wird inneres Kind genannt, weil die meisten dieser abgespeicherten Erfahrungen, die uns geprägt haben, aus unserer Kindheit stammen. Wobei Kindheit hier kein fest umrissener Begriff ist. Alles, was uns emotional beeindruckt und geprägt hat, wird dort abgespeichert. Die Erfahrung kann auch in einem Alter liegen, in dem wir bereits als Jugendliche oder junge Erwachsene gelten, und selbst als Erwachsene erleben wir noch Situationen, die uns neu prägen können, sowohl positiv als auch negativ.

Und das Resultat der Prägung liegt meistens in unserem Unbewussten. Über manche Prägungen sind wir uns im Klaren, vor allem dann, wenn wir uns an das Ereignis gut erinnern, an dem die Prägung entstanden ist, aber viele Prägungen sind uns eben nicht bewusst. Sie werden zu Konditionierungen, die sich als Muster, Automatismen und Neurotizismen bemerkbar machen können. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Traumatisierungen, im besten um Antriebe und Motivationen. Das innere Kind macht sich auch als (Bauch-)Gefühl bemerkbar. Es ist meiner Meinung nach noch nicht gleichzusetzen mit dem, was wir Intuition nennen, sondern es ist erstmal nur eine emotionale Reaktionen auf ein Ereignis im Außen. Es kann ein Kribbeln sein, manchmal im Unterbauch, manchmal am Solarplexus oder auch ein Gefühl in der Herzgegend oder im Bereich der Kehle, vielleicht auch am Rücken oder in der Schläfe. Manche Therapeuten lassen ihre Klienten die Körperstelle lokalisieren, an der sie ihre Gefühle fühlen und das können unterschiedliche Stellen sein für unterschiedliche Gefühle.

Zum Konzept des inneren Kindes gehört, was nicht in jeder Literatur zum inneren Kind aufgeführt wird, sich für mich aber sehr plausibel las, die weitere Fragmentierung dieser Instanz. Zuweilen wird das innere Kind aufgeteilt in ein Sonnen- und ein Schattenkind und dem Schattenkind werden zusätzliche Instanzen wie der innere Kritiker, der Wächter und der Rebell an die Seite gestellt. Sonnenkind und Schattenkind ergeben sich dabei aus der Unterscheidung der Teilpersönlichkeiten in einen heil gebliebenen inneren Kern der Persönlichkeit und einen verwundeten, beschädigten und abgespaltenen Persönlichkeitsanteil. Von dem Ort, an den abgespaltenen Wesenszugs ins Unbewusste verbannt wurde, spricht man auch als dem Bereich des Schattens. Aus ihm heraus entstehen Projektionen, das heißt, es werden Eigenschaften an anderen Menschen entdeckt und abgelehnt oder bekämpft, die man in seiner eigenen Persönlichkeit ablehnt und bereits abgespalten hat. Für das Schattenkind geht man davon aus, dass in diesem Schatten nicht nur negative Eigenschaften verbannt liegen, sondern auch Begabungen, die das Kind ehemals in Schwierigkeiten gebracht haben, weil sie negativ wahrgenommen und bewertet wurden. Kritiker, Wächter und Rebell stehen ab der ersten Verletzung der kindlichen Psyche bereit, um weitere Verletzungen zu verhindern.

Der innere Kritiker ist zum Beispiel eine emotionale Instanz, die unsere Gedanken in einer Weise lenkt und färbt, dass sie zur Imitiation der kritisierenden Elternstimme werden. Imitation mag in einem Moment höchster Gefahr ein adäquater Schutzmechanismus gewesen sein, ähnlich wie die Mimikry in der Natur, bei der sich ein Wesen bis zur Unkenntlichkeit an seine Umgebung anpasst, im späteren Erwachsenenleben aber hindert diese Art der kindlichen Kooperation uns an unserer wahren Entfaltung. Im Gegenteil. Der innere Kritiker tarnt sich als das, was wir für die Vernunft halten und wir machen uns von innen heraus selbst nieder mit den Argumenten, die wir von früher kennen und von denen uns gar nicht mehr klar ist, wer oder was ihre Quelle war.

Vom inneren Kritiker gehen auch Übertragungen aus. Die Muster, die wir in unseren Eltern abgelehnt haben, von denen wir uns bedroht gefühlt haben, suchen oder bekämpfen wir unbewusst in Menschen, die uns heute begegnen. So kommt es zu dem abwehrenden Vorwurf unserer Umwelt: “Ich bin nicht dein Vater.” Und es kommt zu der traurigen Wiederholung von Verhaltensmustern durch Lebenspartner, die wir schon von unserem Elternhaus her kennen und von denen wir uns nicht emanzipiert haben. Die Emanzipation würde gelingen über ein Bewusstwerden den Mustern gegenüber, eine Integration der Erfahrung und eine Distanzierung von der Fremdverantwortung bei gleichzeitiger Annahme der Selbstverantwortung.

Dem inneren Kritiker sehr genau Aufmerksamkeit zu schenken, halte ich für ein unbedingt notwendiges Unterfangen, denn unser innerer Kritiker begegnet uns auch im Außen. Mit dem Ohr des inneren Kritikers werten wir so manches, was uns Andere sagen, als Kritik an uns. Wir erleben Worte als herabwürdigend, als demütigend, als abwertend, die so gesagt und gemeint sein mögen oder auch nicht. Mit einem erlösten inneren Kritiker wären wir frei, die Aussage mit neutralem Ohr zu hören oder, wenn wir die Absicht hinter dem Gesagten hochsensibel erkennen, sie auf dem Selbstoffenbarungsohr zu hören. Wir könnten dann beides, Absicht und Aussage, beim Anderen lassen. Wir müssten nicht in Resonanz gehen, könnten die Aussage nonchalant stehen lassen. Oder kommentieren. Einen Scherz darüber machen. Eine Grenze setzen. Den Anderen mit seinem Verhalten stehen lassen. Der innere Kritiker aber fordert uns auf, das Gesagte auf uns zu beziehen, sofern es die negative Haltung, die wir als Kind immerhin durch andere Erwachsene erfahren haben, bestätigt.

Wie es zur Erlösung des Kritikers kommt, erläutere ich noch. Dazu brauche ich eine weitere Instanz, die ich in meinem Coachingansatz des Schreibspiels eigentlich zuerst aufbaue. Hier fange ich allerdings mit den bekannteren Instanzen an, um den Einstieg zu erleichtern.

Den meisten Menschen ist die Instanz des Wächters wahrscheinlich auf eine komplett verwirrende Art bekannt, aber dennoch wohlbekannt. Wir haben ein Ziel vor Augen. Wir wissen genau, was wir erreichen wollen. Wir wissen, was wir dazu brauchen und tun müssen. Wir haben alles geplant. Und jetzt sollten wir den ersten Schritt tun – und tun ihn in die entgegengesetzte Richtung. Wir führen eine Handlung aus, die komplett unlogisch ist zu dem, was wir uns als Plan zurechtgelegt hatten. Und sei es nur, einen schönen Nachmittag zu verleben. Wir sabotieren ihn, indem wir am Abend vorher zu viel trinken und am nächsten Tag einen Kater haben und die Verabredung absagen müssen. Ich spreche von der Selbstssabotage. Manchmal sagen Menschen dann so etwas wie “Warum mache ich mir nur immer alles selbst kaputt?” Oder: “Ich verstehe nicht, wie ich mir nur immer so sehr selbst im Weg stehen kann!”

Wer da am Werk ist, das ist der innere Wächter. Irgendwann einmal ist etwas geschehen, das wir für uns als klaren Erfolg verbucht hatten, auf das es im Außen, aus der Erwachsenenwelt aber, eine für uns nicht vorhersehbare drastische Konsequenz gab. Wir wurden für etwas bestraft, von dem wir dachten, Andere müssten sich eigentlich mit oder über uns freuen. Die Bewertung des Strafmaßes hängt vom jeweiligen Kind ab. Es kann reichen, dass die erwartete Bekundung von Freude ausblieb. Es kann aber auch sein, dass man für eine Leistung gemaßregelt wurde, weil sie Andere überforderte an Schnelligkeit oder an Qualität. Manchmal äußert sich diese Maßregelung auf eine sehr perfide Art. Da wird ein Kind, dem gerade etwas gelungen ist, was einem Erwachsenen nicht passt, aufgefordert, es dann beim nächsten mal bitte auch ganz alleine zu machen, wenn es ohnehin meint, so erwachsen zu sein. Aus diesem kleinen Racheakt heraus erwächst eine Situation der Überforderung, und abgespeichert wird: Wenn ich eine Sache schaffe, kann es sein, dass danach etwas so Großes von mir gefordert wird, dem ich mich absolut nicht gewachsen fühle, womit ich dann aber ganz alleine dastehe. Denn solche Erwachsenen ziehen ihre Drohung häufig auch gnadenlos durch und stehen dem Kind anschließend nicht mehr unterstützend zur Seite. Dem Kind, das einen ja anscheinend nicht mehr zu brauchen meint. Während Erwachsene Kindern gegenüber selten zugeben können, dass sie sich jetzt gerade überfordert fühlen, maßregeln sie die Kinder, einfach, weil sie es können. Statt die Verantwortung für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu übernehmen, projizieren erwachsene Menschen sie viel zu oft auf ihre Kinder, die sie für die an ihren Gefühlen Schuldigen identifizieren. In den Kindern entstehen schockartige Verletzungen, manchmal auch Traumatisierungen. Die Eigenschaft, die sie derart in Schwierigkeit gebracht hat – meistens war es ein Talent, worunter ich u.a. auch Wildheit, Lautstärke, Vorlautsein, Widerstand, sich helfend einzumischen zähle – wird abgespalten und in den Schatten verdrängt. Und vor die Tür des Schattens wird ein Wächter postiert. Wann immer sich jetzt ein Erfolg androht, wird der Wächter ihn zu verhindern wissen, um die Wiederholung des Schmerzes von dem im Schatten sitzenden Wesensanteil fernzuhalten.

Der Wächter blockiert alles, was nach Erfolg aussieht. Auch Liebe, die von anderen Menschen zu einem hin fließen will. Liebe gegenüber sind solche Wächter extrem misstrauisch, die in ihrer Kindheit Liebe nur unter Bedingungen erlebt haben. Wenn-dann-Formeln, die wir alle kennen und selten identifizieren konnten sind: “Du machst der Mama Kopfschmerzen mit deinen ständigen Widerworten.” “Du bringst mich noch ins Grab mit deiner Unordnung.” “Jetzt habe ich extra für dich… und du…”. Die implizite Bedingung lautet: “Wenn du geliebt werden willst, dann darfst du das alles nicht machen, dann musst du stattdessen …”. Der Wächter, der hier vor die Schattentür postiert wurde, bewacht den liebenswerten Anteil des Menschen und er wird alles dafür tun, dass Liebe nicht nochmal so viel fordert und so gefährlich wird.

Auch hier gibt es eine erlöste Variante des Wächters, zu der ich gleich komme.

Den inneren Rebellen schreiben sich die Freigeister unter uns gerne auf die Fahne. Oder sagen wir: solche Menschen, die sich für Freigeister halten. Sie halten Regeln als grundsätzlich nur für Andere bestimmt, ignorieren jede Bitte, die von einem Mitmenschen an sie herangetragen wird, übertreten jede Vorschrift, rebellieren gegen alle Konventionen, nur weil sie es können und nur, weil es Regeln, Vorschriften oder Konventionen sind. Die Grenzüberschreitung ist ihr Vorrecht, aber auch ihr Zwang. Und gerade in diesem inneren Zwang werden Freigeister wieder zutiefst unfrei, ohne es zu merken, denn sich aufzulehnen, nur um sich aufzulehnen, hat nichts mit Freiheit zu tun. Es ist hochneurotisch.

Der innere Rebell hat, wie die beiden anderen Instanzen, ebenfalls eine Schutzfunktion. Er hat ebenfalls eine kindliche Energie und ist irgendwann auf den Plan gerufen worden, als die Integrität und die Würde des Kindes massiv verletzt wurden und die Auflehnung dem Kind dringend geboten schien. Da es nicht die innere Haltung hatte, die eigenen Grenzen souverän und wirksam zu schützen, hatte es mit seinem gewöhnlichen Widerstand, einem einfachen “Nein” zum Beispiel, keinen Erfolg. Seine Grenzen wurden regelmäßig überschritten, der Widerstand ignoriert oder sogar gebrochen. Es schien nicht wichtig zu sein, wer dieses Kind in seiner Persönlichkeit war und was sein individueller Ausdruck gewesen wäre. Es wurde zur Anpassung gezwungen und die erziehenden Erwachsenen nannten es Höflichkeit. Das berüchtigte Küsschen für die Tante oder brav die Hand zu geben und guten Tag zu sagen, sind die typischen Beispiele. Natürlich gibt es noch drastischere Beispiele der Grenzüberschreitung Kindern gegenüber.

Auch zum Rebellen gibt es eine erlöste Form.

Die erlösten Formen der Schutzinstanzen haben mit dem Sonnenkind zu tun. Das Sonnenkind ist unser innerster Kern. Im Horoskop entspricht dieser Kern unserer Sonne, und das ist unser Sternzeichen und die ihm zugeschriebenen Eigenschaften und Entwicklungschancen. In ihm liegt unser Potenzial, das wir in unserem Leben verwirklichen können, wenn wir es wollen und uns dafür entscheiden, es zu tun.

Müssen die Schutzinstanzen nicht mehr für das Schattenkind arbeiten, sondern können mit dem Sonnenkind kooperieren, dann wird aus dem Wächter eine Instanz, die Reaktionen auf ein aktuelles Erleben in Form von Gefühlen übersetzt in elektrische Impulse und an das Gehirn schickt. Sie signalisieren ein leises “Achtung! Aufgepasst! Etwas braucht deine Aufmerksamkeit!” Und mehr nicht.

Kooperiert der innere Kritiker mit dem Sonnenkind, werden hier die kleinen Details in den großen Strukturen sehr genau ausgewertet. Das Erleben über die fünf Sinne liefert Daten von außen nach innen. Die Daten werden dort, im Innern, abgeglichen mit dem inneren Wissen, das aus der gesamten bisherigen Lebenserfahrung dort abgespeichert wurde. Manche Psychologen schreiben, dass das kulturelle Gedächtnis der Menschheit ebenso Teil dieser inneren Weisheit sei wie über Generationen weitergegebene Konditionierungen und vorgeburtliches Erleben. Spirituelle Philosophien und Reinkarnationstheorien verweisen sogar auf die Erfahrung aus früheren Inkarnationen, die im zellulären Gedächtnis des Menschen gespeichert liegen könnten. Ich halte auch Bildung für einen wichtigen Teil dieses Wissensbrunnens. Auf dieses Gedächtnis greift der erlöste Kritiker zurück und gleicht also aktuelles Erleben mit vergangener, integrierter Erfahrung ab. Das heißt, mit solcher Erfahrung, deren Lektion verstanden und verarbeitet wurde. Hier findet keine Reproduktion von Nichtverarbeitetem mehr statt, wie vom unerlösten inneren Kritiker ausgehend, sondern von hier werden Impulse geliefert, die einen kreativen Vorschlag machen, wie eine aktuelle Situation angemessen betrachtet werden könnte. Der erlöste innere Kritiker wird somit zu unserem größten Unterstützer und Freund. Als Archetyp nach C. G. Jung entspricht er, für mein Empfinden, dem verwundeten (und geheilten) Heiler, der die Erfahrung der Verletzung und die der Heilung gemacht hat und jetzt weiß, wie es geht. Damit bleibt der innere Kritiker eine der beachtenswertesten Instanzen in uns.

Der erlöste Rebell könnte den ganze Tag Frank Sinatra singen mit der leicht abgewandelten Song-Zeile: “I do it my way”. Er ist ganz nah am Sonnenkind dran und lebt dessen Individualität aus, unsere innere Sonne, den Kern, der wir in Wahrheit sind. Aus Konventionen, Regeln und Vorschriften sucht er sich entspannt jene aus, die er für sinnvoll hält, weil sie der Gemeinschaft dienen oder ihm selbst, und beachtet sie aus Überzeugung. Solche Regeln, Konventionen und Vorschriften aber, die ihm nicht gemäß sind, gestaltet er entweder kreativ um oder setzt sich souverän über sie hinweg. Souverän bedeutet aber: nicht kindisch-rebellisch, sondern erwachsen und bewusst.

Und hier ist das Stichwort gefallen, was es braucht, um die kindlichen Schutzinstanzen, unser inneres Kind als Gesamtheit also, zu erlösen. Es braucht einen inneren Erwachsenen. In den Theorien, die nur den inneren Erwachsenen betrachten, kommt es manchmal zu einer seltsamen Zuordnung der Energien und Prinzipien. Da wird vom männlichen und weiblichen Prinzip ausgegangen und die Zuordnung nach der altchinesischen Philosophie erfolgt über Yin = weibliche Energie = Intuition. Und Yang = männliche Energie = Verstand. Anstelle der Begriffe Yin und Yang wird in den europäischen Traditionen auch das Begriffspaar Anima und Animus verwendet. In dieser Darstellung wird der Verstand oft abgewertet, genauso wie es Darstellungen gibt, in denen das innere Kind mit seinen unerlösten Anteilen als Ego oder Dämon verurteilt wird, das oder den es zu bekämpfen gelte. Ich halte diese Betrachtungsweise für unzureichend und nicht vollständig. Wozu sollten wir einen Verstand haben, wenn er kaum einen Wert haben soll, weil er uns angeblich einen schlechten Dienst erweist? Wozu sollte es innere Schutzinstanzen geben, wenn sie keine hilfreiche Funktion haben? Rein evolutionstheoretisch gesehen macht das keinen Sinn. Und es bringt uns in unserer persönlichen Entwicklung auch keinen Schritt weiter, wenn wir noch immer Instanzen definieren, die es abzulehnen und zu bekämpfen gilt. Sind sie in uns, gehören sie auch zu uns und haben ihren berechtigten Platz im Gesamtgefüge. Und allemal der Verstand, ganz ehrlich.

Meine Synthese aus meiner bisherigen Lektüre kommt derzeit zu dem Schluss, dass der innere Erwachsene mit unserer Vernunft gleichzusetzen sein muss. Wahre Vernunft manifestiert sich für uns erlebbar in einem Willen zum Verständnis, zur Toleranz, zur Akzeptanz, aber auch zur Konsequenz, zum Handeln und zum Schutzbieten. Ich würde den Verstand und die Vernunft als zueinander synonym betrachten wollen. Statt voller Aufregung ein unerlöstes inneres Kind an die Front zu schicken, das vor dem Chef in wütende Tränen ausbricht, mag es ein angemessenerer Weg sein, den Verstand einzuschalten und die Situation mit dem zu betrachten, was wir landläufig einen kühlen Kopf nennen.

Manche Therapeuten und Coaches wählen Methoden, in denen der Klient lernt, dazu sein inneres Kind an einen sicheren Ort zu schicken. Auch den Ansatz halte ich für problematisch, weil man im Wegschicken auf das Potenzial des inneren Kindes verzichtet, das einem gerade in akuten Stresssituationen wunderbare Unterstützung liefern könnte. Davon abgesehen: Wann haben sich aufgeregte Kinder je ernsthaft wegschicken lassen? Der Ansatz zielt allerdings berechtigterweise darauf, dass das innere Kind, unsere Emotionalität also, nicht der Entscheidungsträger und Verantwortliche für die Gestaltung der Situation sein kann. Die Verantwortung muss ein Erwachsener übernehmen und somit entspricht der innere Erwachsene auch dem Prinzip Selbstverantwortung.

In meiner Arbeit mit dem Schreibspiel habe ich mich dafür entschieden, die Vernunft in die beiden Wesensanteile des männlichen und des weiblichen Prinzips aufzuteilen. Dadurch will ich keine Trennung erreichen, sondern eine Identifizierbarkeit der Kräfte in uns herstellen. Dem weiblichen Prinzip, für das ich den Begriff Yin beibehalte, den Klienten aber jeweils seine eigene Begrifflichkeit assoziieren lasse, ordne ich die weiblichen Wesenszüge unseres Menschseins zu: die Fähigkeit zu empfangen, aufzunehmen, anzunehmen, zuzuhören, mitzufühlen, zu gebären und zu nähren. Für mich sind diese Fähigkeiten essentiell in der Präsenz eines Menschen verkörpert. Ein Mensch, der im Hier und Jetzt wahrhaft anwesend ist, ist präsent und zwar für sich selbst und für Andere. Er nimmt seine Gefühle wahr und die der Anderen. Er registriert die Bewegung seines inneren Kindes und die Bewegung der inneren Kinder der Anderen. Je nachdem, wie tief die Präsenzfähigkeit eines Menschen ausgeprägt ist, erscheint so ein Mensch manchmal als medial begabt in Form von einem nach innen gerichteten Hören, was man auch als Hellhören bezeichnet, einem nach innen gerichteten Sehen, was als Hellsehen gilt, als ein extremes Mitfühlen, was als Hellfühlen gilt. Eine Sonderform nehmen hier die Intuition ein, die Empathie, die bis zur Telepathie gehen kann und das Hellwissen. Von einigen Coaches und Therapeuten wird die Möglichkeit der Existenz medialer Fähigkeiten rundheraus negiert und als Esotherik abgetan. Es gibt aber auch namhafte Biologen, die Fälle von Übersinnlichkeit bei Menschen und Tieren per Datenbank dokumentiert und ausgewertet haben und auch zu plausiblen Erklärungen der Phänomene gelangt sind.

Für mich ist jene mediale Fähigkeit, die wohl am leichtesten zu akzeptieren ist, die weibliche Intuition und die Empathie, besonders interessant, weil für meine Begriffe an dieser Stelle zwei Instanzen beteiligt sind. Wenn wir davon ausgehen, dass der weibliche Teil unserer Vernunft die Präsenz ist, ein wahrnehmender, empfangender Teil und auch ein gebärender Teil, dann muss es eine Quelle geben, die ihm Wissen in Form von Geistesblitzen zuspielt. Denn das Gebären ist nicht nur als physischer Akt von Geburt möglich, sondern auch als gedankliche und spirituelle Geburt. “Mein Gefühl sagt mir…” ist ein Ausspruch, der uns auf die richtige Spur führt. Wenn wir plötzlich inspiriert sind, plötzlich etwas ganz klar wissen, auch ohne zu wissen woher, plötzlich eine Ahnung haben, wo und wonach wir suchen müssen, ist unser Unterbewusstsein beteiligt, sagen die Psychologen und es klingt etwas profan. Das Unterbewusstsein aber ist: unser inneres Kind, unsere innere Weisheit. Intuition, Empathie, Inspiration und alle Formen potenzieller Medialität entstehen also aus einem Zusammenspiel aus dem weiblichen Anteil unserer Vernunft, der Präsenz, und dem inneren Kind.

In einem starken Yin, der Fähigkeit, präsent zu sein und dadurch sehr viel mehr wahrzunehmen, liegt für mich auch die Hochsensibilität begründet. Es ist im Grunde eine Fähigkeit zur Transzendenz, zum Überschreiten dessen, was normalerweise, also von der Mehrheit der Menschen, wahrgenommen wird. Unter der Hochsensibilität erfassen wir nicht nur rein äußerlich wahrnehmbare Fakten, sondern oft auch die sie umgebenden Energien. Wir erfassen die Stimmungen der Mitmenschen, manche der Motivationen und Beweggründe hinter ihren Handlungen. Manchmal haben wir einen klaren Blick hinter die Masken der Menschen oder auch hinter Ereignisse, zum Beispiel durch prophetische Träume. Wir nehmen die Schwingungen von Pflanzen, Tieren und Orten wahr und manchmal sogar in uns auf, als wären es unsere eigenen Schwingungen oder auch Gefühle.

Bis zum Verstehen und Beherrschen dieser Fähigkeiten, die sich aus der Hochsensibilität ergeben, fühlen sich Hochsensible oft verwirrt oder verunsichert. Deshalb erscheint es mir sinnvoll, dem Phänomen eine integrative Aufmerksamkeit zu schenken, um die Klienten in ihrem Selbstvertrauen ihrer eigenen Wahrnehmung gegenüber zu stärken. Wir Coaches haben dabei nicht in Frage zu stellen, was der Klient wahrnimmt, sondern haben ihn anzuleiten, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen, um zu ergründen, was er braucht, um mit seiner besonderen Art der Wahrnehmung gut umgehen zu können. Hier kommt die zweite Instanz dieses inneren Erwachsenen ins Spiel.

Unter dem Begriff Yang nach der altchinesischen Tradition oder dem Animus in europäischen Traditionen, wird das männliche Prinzip benannt. Ich würde ihm nicht den gesamten Verstand zuordnen, sondern nur den sondierenden Teil, den analytischen, den logisch denkenden Teil. Und dann auch denjenigen, der das Ich zur Handlung antreibt, Schutz bietet, Konsequenz walten lässt, das Innenleben in der Welt zum Ausdruck bringt, dafür sorgt, dass die Essenz erfahrbar wird in der Existenz. Nochmal zur Erinnerung: Der weibliche Teil des Verstandes ist für mich der zuhörende, der empfangende und der gebärende Teil. Was Yin vom inneren Kind aufgenommen hat, wird in meinem Modell von Yin an Yang weitergegeben (die Essenz) und zwar mit einer Handlungsaufforderung: Bitte prüfen. Bitte praktische und konkrete Vorschläge machen. Bitte handeln (die Existenz). Im Idealfall, der bei Hochsensiblen zuweilen erst noch erlernt und trainiert werden muss, erfolgen unter der Aktivierung dieser männlichen Energie Handlungen der ersten Schritte, mit denen Pläne in die Tat umgesetzt werden. Seine Aktionen unterliegen der ständigen Prüfung durch die weibliche Energie, die das innere Kind konsultiert, um zu erfragen, ob das Ich als Ich immer noch auf dem richtigen Weg ist, ob die Existenz noch immer die Essenz des Individuums ausdrückt.

So arbeiten diese drei Instanzen in uns für meine Begriffe zusammen, kooperieren zu unserer Heilung und zu unserem Wachstum und zu unserem ureigenen Ausdruck in der Welt. Sie bilden eine innere Familie, die besteht aus einem inneren Liebespaar, dem männlichen und dem weiblichen Anteil des inneren Erwachsenen, die zugleich ein ideales Elternpaar dem inneren Kind gegenüber sind. Und ganz profan ausgedrückt handelt es sich um eine perfekte Verbindung aus Gefühl und Verstand, eine Verbindung, in der nicht mehr einer den anderen in unserem Innern im Regen stehen lässt, sondern in der die spezifischen Stärken jeder Instanz bestmöglich genutzt werden.

Wenn wir also von Selbstliebe sprechen, dann könnten wir viele Konzepte denken, und das der inneren Familie ist eines der möglichen Konzepte. Ich halte es für entscheidend, dass der innere Erwachsene in seiner Zweisamkeit als Liebespaar gedacht wird. So sind wir selbst mächtig und verantwortlich, die männliche und weibliche Energie in uns zu gleichen Teilen zu würdigen und zu ehren und sie liebevoll zu stärken. Wir tun das konkret in unserem Leben, jeder auf seine individuelle Weise, indem er oder sie den eigenen Körper ehrt, Sorge für seine Gesundheit trägt, gut mit sich selbst umgeht, was der Ehrung der männlichen Energie entspricht. Wir heiligen unsere Existenz. Indem wir zu absolut gleichen Teilen für die Aufrechterhaltung der Präsenzfähigkeit sorgen in Form von Entspannung, Ruhe, Kontemplation und Zeit für sich, dienen wir der Ehrung der weiblichen Energie. So bleibt sie fähig, dem inneren Kind zu lauschen. Wir heiligen so unser Essenz. Indem wir zuerst unser inneres Liebespaar zum Ausdruck bringen, die Energien füreinander sorgen lassen, kann dieser Energiebund für das innere Kind, für unser innerstes Wesen sorgen. Das Ziel ist es, unsere innere Sonne zu wecken und zu leben. Uns selbst zu leben in der Ganzheit, die wir sind. Dem dient mein Konzept des heiligen Bundes, ein Begriff, dessen weitere religiöse Konnotation meinem Konzept in seiner Essenz nicht widerspricht. Und haben wir nicht den interessanten Begriff des Energiebündels in unserem Wortschatz und können wir dessen Bedeutung nicht noch mal ganz anders verorten? War dieser Begriff nicht immer schon mit unserem inneren Licht konnotiert und braucht Licht nicht immer einen Kontakt an Schaltstellen, damit Energie fließen kann?

Illustration: Christiane Rösch

Über die Autorin:

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 20. Januar 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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