loading please wait..

Hochsensibilität als Gabe: hinter die Dinge sehen

In den ersten Teilen wurde darüber gesprochen,

.

Teil vier handelt von jenen,

…die hinter die Dinge sehen

Hochsensible sind so wenig wie alle anderen Menschen in der Lage, sich immer nur exakt diejenigen Lebensumstände zu erschaffen, die sie sich wünschen mögen. Auch sie unterliegen Sachzwängen oder Begrenztheiten, die sich aus ihren persönlichen Verpflichtungen oder aus ihrem Verantwortungsgefühl heraus ergeben. Worin Hochsensible aber stark sind, ist die Verschiebung des Blickwinkels. Sie sehen und denken selten eindimensional. Ihr Geist ist wendig und aufgeschlossen und es kann ihnen passieren, dass sie jahrelang eine bestimmte Perspektive auf eine Gegebenheit hatten und plötzlich dringt eine Kleinigkeit zu ihnen vor, die alles verändert. Zum Beispiel das Wissen über ihre eigene Hochsensibilität. Aus einem Blickwinkel heraus, der die Mehrheit der Menschheit zur Norm erklärt, erleben HSPs sich bedrängt und eingeengt. Aus der Perspektive einer Gruppe, die etwa 20 Prozent der Menschheit ausmacht, entdecken sie ihr individuelles Temperament ganz neu.

img_0367

Illustration: Christiane Rösch

Hochsensible berichten, dass sie sich wie geführt fühlen, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zu erhalten. Manche dieser Informationen, nach denen sie bewusst oder unbewusst Ausschau halten und die sich anfühlen, als seien sie ihnen zugespielt worden, bringen ganz neue Deutungsangebote. Dann können Hochsensible wählen, welcher der unterschiedlichen Bedeutungen einer Situation sie den Vorzug geben. In dem Artikel Wenn das Leben eine Erzählung ist…, der im Magazin der Vielfühler-Lounge erschienen ist, erwähnte ich schon, dass Hochsensible für meine Begriffe die besseren Erzähler von Leben sind. Indem wir lernen, den Ereignissen nur jene Bedeutungen zuzuweisen, die uns stärken und jene, die uns klein machen, beiseite lassen, werden wir zu Meistererzählern. Wir haben die Gabe, heilende Geschichten zu erzählen, weil wir auch in der scheinbar dunklen Geschichte das heilende Element sehen können. Genau darin, die Bedeutung frei wählen zu können, sehen HSPs so oft die Freiräume in den Zwängen und können darum ein Ja zu den Dingen leben, wo Andere in den inneren Widerstand gehen. Der innere Widerstand ist hilfreich, wenn die ungeliebte Situation der Veränderung bedarf und die Veränderung möglich ist. Dort aber, wo die Veränderung nicht in unserer Hand liegt, ist das innere Ja die einzige Möglichkeit, um die nächste Tür zu sehen. Und Hochsensible sehen sie. Manchmal alleine und manchmal mit Unterstützung. Manchmal auch erst, nachdem sie akzeptiert haben, dass Akzeptanz ein Entwicklungsziel ihres Lebens sein könnte.

Jenseits der Bedeutung, die wir den Umständen zuschreiben, sind Umstände nicht immer das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Negatives, dem man zunächst beim besten Willen keine positive Bedeutung abgewinnen kann, kann sich später als sehr dienlich und damit als “gut” herausstellen und umgekehrt. Hochsensible sind oft souverän darin, nicht alles für bare Münze zu nehmen. Sie blicken so leicht unter die Oberfläche und hinter die Fassade. So können sie schwierigen Situationen noch etwas Humorvolles abgewinnen und Andere sogar mit ihrem feinsinnigen Humor mitnehmen. Der Trick, den HSPs im Laufe ihres Lebens vielleicht zu beherrschen lernen, ist der, aus alten Sichtweisen herauszutreten, sich selbst in der Situation zu sehen, ja zu beobachten. Dann hat man automatisch einen neuen Blick auf das, was einen umgibt. Man wird zum Zuschauer, der mehr sieht: die Gefahr im scheinbaren Glücksfall, die Komik im Missgeschick und das Glück in dem, was man zunächst für den Unglücksfall hielt.

Um im Bereich des Scheinbaren zu bleiben, das sich auf den zweiten Blick als etwas Anderes entpuppt, nehmen wir das Stichwort Gelassenheit. Gelassenheit scheint nicht auf den ersten Blick die herausragende Stärke hochsensibler Menschen zu sein. Sie denken über alles sehr lange nach. Der lange Nachhall versetzt sie immer und immer wieder in Unruhe, nachdem sie von einer Begebenheit zutiefst berührt worden sind. Gelassenheit aber entsteht, indem wir lernen, Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Gerade dieser Unterscheidungskompetenz dient der lange Nachhall. Im Nachhallenlassen wird die Situation detektivisch untersucht und muss dazu wieder und wieder angesehen werden. Mit zunehmendem Alter aber – oder manchmal aufgrund einer kleinen Hilfestellung zum Perspektivenwechsel – finden Menschen in ein neuartiges Vertrauen hinein, das den Nachhall zu verkürzen beginnt. Die Unterscheidung läuft in kürzerer Zeit ab und das Geheimnis ist Vertrauen. Es mag sich zunächst um das Vertrauen in die Mitmenschen handeln, um das in die Gesellschaft und dann in sich selbst, die eigenen Fähigkeiten, auch in die der Hochsensibilität und dass sie, die Hochsensibilität, sie zu dem Menschen macht, als der sie gemeint sind zu leben, zu lieben und Erfahrungen zu machen. An dem Punkt, an dem ihr Erfahrungsvertrauen die verschiedenen Vertrauensvarianten miteinander vereint, kann es zu einem tieferen Vertrauen kommen, dessen Erwachen auch für die begleitende Umwelt zu einem Wunder wird. Es ist ein Gefühl von Gehaltensein, zu dem meiner Beobachtung nach vor allem Hochsensible zutiefst fähig sind. Sie spüren auf einmal ein Im-Fluss-sein und können ihre Energieressourcen auf ganz neue Art nutzen. Kathrin Sohst spricht in der Vielfühler-Lounge in ihrem Interview mit Oliver Pohl davon, wie diese Ressourcen zu aktivieren sind. Alles Störende, sagt sie, müsse abgelegt werden und die frei gewordenen Kraftreserven könnten dann für das Eigene eingesetzt werden. Zu wissen, was dieses Eigene ist, es mit einem Mal ganz genau zu spüren, dazu dient es, sich dem Fluss nicht zu widersetzen, sich ihm vielmehr anzuvertrauen. So kann Vertrauen entstehen. Es entsteht. Es muss nicht als blinder Glaube vorab aufgebracht werden. Es entsteht nach und nach jenes Erfahrungsvertrauen, nach dem Hochsensible im Coaching sich oft sehnen. Es ist das Ergebnis, wenn Chancen und Möglichkeiten erkannt und genutzt worden sind, indem der zunächst wahrgenommenen Begrenztheit mit einem Vorschussvertrauen begegnet wurde. Das Urteil und die Kontrolle wurde aufgegeben. Es wurde nicht gekämpft. Es wurde auf das Innerste gehört, der Intuition gefolgt. Der Trick ist: Annehmen, was ist und wie es ist und nur fragen: Wozu ist es? Und nicht: Warum? Und schon gar nicht: Warum (immer!) ich?

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 28. Oktober 2016 in Hochsensibilität im Alltag

Share the Story

About the Author