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Hochsensibilität als Gabe: das Potenzial des Lebens erfassen

Von Elaine N. Aron ist sinngemäß die Feststellung überliefert, dass sich eine Temperamentsvariante wie die Hochsensibilität wohl kaum hätte in unserem Genpool halten können, wenn sie nur Negatives und nicht auch Positives mit sich bringen würde. Das Negative, so bescheinigt uns die Psychologie, wird vom Menschen allerdings seit Urzeiten stärker bemerkt als das Positive. Das Negative versetzt uns in Alarmbereitschaft, es fordert Aufmerksamkeit, zeigt vielleicht Handlungsbedarf an. Das Positive macht das Leben leicht und einfach und es darf sein, wie es ist, ja wird für selbstverständlich genommen. Mit dem Positiven sind wir zutiefst einverstanden. Dem Negativen gegenüber gehen wir in Abwehrhaltung. Was dazu führen kann, dass das Positive leicht übersehen wird. Wie im Fall der positiven Aspekte der Hochsensibilität. Unter Botschaftern für Hochsensibilität nennen wir sie Stärken, diese positiven Aspekte, und diese Artikelserie in acht Teilen will acht von diesen Stärken mit einiger Kühnheit beleuchten.

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Illustration: Christiane Rösch

Teil eins

Kühn? Ja, warum kühn?

Weil wir von der Vorsicht mehr als genug umgeben sind, wenn wir hochsensible Persönlichkeiten sind. Weil Vorsicht ganz natürlich von uns ausgeht und in der Regel zu unserem Wesen gehört. Weil Vorsicht nunmal die Mutter der Porzellankiste ist, und damit ist feines Porzellan gemeint, besonderes Porzellan, Tassen aus dünnen Wänden und Teller, die leicht zu Bruch gehen. Bevor eine hochsensible Person einem Mitmenschen zu nahe tritt, ihn mit seinen persönlichen Wahrnehmungen konfrontiert, mit intuitiven Deutungsangeboten zu unterstützen versucht, wird sie sich das lange und gut und reiflich überlegt haben. Hochsensible Personen wissen aus Erfahrung, dass ihnen Erkenntnisse aus ihrer Empathie und Intuition, ja sogar reine Schlussfolgerungen aus ihrer  erwiesenermaßen detailgenauen Beobachtungs- und Kombinationsgabe als Spekulationen, Projektionen und Überidentifikationen ausgelegt oder als bloße Einbildung abgetan werden. Damit sind sie groß geworden. Darin kennen HSPs sich aus. Darum ist die Mahnung zur Vorsicht im Umgang mit der eigenen Hochsensibilität nicht das, was einmal mehr doziert werden muss. Sie ist allerorten in der Fach- und Sachliteratur nachzulesen, wo die Gaben benannt und dann die Handbremse wieder angezogen wird. Nein, diese Artikelreihe schreibt sich kühn und sie will mit kühnem Geist gelesen werden, offenen Geistes und staunend. Und dann will sie zur Kühnheit anstecken. Sie will auffordern, in sich zu gehen und zu erlauschen, welche der beschriebenen Stärken die eigenen sein könnten. Manche werden schon geliebt und gelebt. Manche wollen noch ins Bewusstsein gehoben werden, wie Schätze, die auf dem Meeresgrund liegen. Und manche wurden mit ziemlicher Sicherheit bisher für selbstverständlich genommen und noch gar nicht als Gaben erkannt und gewürdigt. So ging es mir bei der Recherche zu diesem Artikel. Und am Ende des Artikels fühlte ich mich, als sei ich selbst der Schatz am Meeresgrund, der jetzt einen wundersamen Auftrieb erhalten hat. So möge es auch dir ergehen, wenn du diesen Artikel liest. Zu erkennen, dass du selbst der Schatz bist, um den es geht und dessen Hochsensibilität jener Glanz ist, der durch die Ritzen der Schatzkiste scheint. Betrachten wir also die mögliche erste glanzvolle Seite von hochsensiblen Menschen.

Der erste Teil spricht über jene, 

…die das Potenzial des Lebens erfassen

Weisheit kommt nicht alleine aus unseren unbeschwerten und sorgenfreien Zeiten. Weisheit hat ihre Wurzeln vielleicht sogar viel stärker in den Misserfolgen, in den geplatzten Träumen und in dem, was auf den ersten Blick wie eine Fehlentscheidung aussieht. Das Bewusstsein für die Schwierigkeiten, die überwunden wurden vertieft in Wahrheit unser Mitgefühl weit mehr, als die leicht verlebten Tage. Bewusst erfahrene Schwierigkeiten vertiefen unser Verständnis für das Leben und für die Welt, wie sie nun einmal ist. Sie prägen unsere Fähigkeit aus, uns in Andere hinein zu fühlen, zu erahnen, wie es jemandem geht, der Leid zu tragen hat. Und manchmal wird die eigene Erfahrung zu einer Kraft, mit der wir auch Anderen helfen können, ihr Leben zu verändern, wenn sie es möchten. Es ist die Fähigkeit zur tiefen Introspektion, die hochsensiblen Menschen so oft eigen ist und die Zugang zu dieser Weisheit findet. In der Auswertung der Lebensereignisse braucht es manchmal einen sehr scharfen Blick für die winzigsten Details, um der Fülle des Lebens in den meisten Lebenslagen gewahr zu werden. Mit einem Blick, der oft geprägt ist von Dankbarkeit, wird eine Erkenntnis gewonnen, die mehr sieht. Da werden Fehler in Stärken verwandelt. Wo andere Menschen Schuld zuweisen und im Zorn verharren, in die Abwehr und in den Kampf gehen und mit dieser Haltung nur weiteren Misserfolg manifestieren, haben Hochsensible die Fähigkeit, den Riss in der Mauer zu entdecken. Der Riss mag fein sein und Andere mögen sagen: Hier ist nichts weiter zu sehen als eine Mauer. Aber dem hochsensiblen Blick entgeht die feine Linie im Beton nicht, durch die Licht schimmert. “There’s a crack in everything, that’s how the light get’s in” singt der Singer-Songwriter Leonard Cohen. Cohen spricht davon, dass die Umstände den Menschen trotz allem nähren und ihm zur Kraftquelle werden können. Manche bringen von sich aus oder durch einen liebevollen Schubs des Lebens den Mut auf, die Hände genau dort anzulegen, wo Andere nichts sehen, und reißen den Riss so groß, dass sie selbst hindurchpassen, um aus der Dunkelheit hinaus zu treten.

Was aber bedeutet dieser Riss in der Mauer und was bedeutet es, ihn zu sehen? Es ist ein Gespür für Synchronzität, mit dem die Details bemerkt werden, die genau zum anvisierten Ziel passen. Zeichen werden zur Inspiration, die zur Idee wird, dann zu einem Plan und zum nächsten wahrhaften Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Scherben, die die Vorsicht nicht immer verhindern kann, gerade auf das Ende des Traums hindeuten. Aber welches Ende? Hochsensible sind fähig, die Schönheit im Ende wie im Anfang zu sehen, denn HSPs begleitet vom Hause ihres Herzens aus ein tiefes Gefühl für den Kreislauf des Lebens und die Weisheit, dass im Ende der neue Anfang schon schimmert. Und gerade für Schönheit wiederum haben so viele Hochsensible einen Blick, dafür, wie die Welt zum Spiegel ihrer eigenen Innenwelt wird. Mit jenem Auge fürs Detail, das die feinen Möglichkeiten sieht, sind HSPs als Meister der Ästhetik nicht nur in der Lage, Schönheit zu bemerken, wenn sie ihnen begegnet. Sie sind auch meisterhaft darin, sie selbst herzustellen. Es ist die Fürsorge für uns selbst und Andere, die wiederum aus der Empathie jener Lebensweisheit erwächst, mit der schon Kleinigkeiten in unseren Händen die gedeckte Tafel zum Kunstwerk machen, den Raum zur Ruheoase, den Garten zum Paradies. Ja, HSPs haben die Fähigkeit, in allem, was ihnen begegnet, das Potenzial zu erkennen, dass Dinge doch noch erblühen, dass sie ihren vollen Glanz entfalten, dass ihre Schönheit schließlich bemerkt wird. Denn das Bemerken von Schönheit im Anderen spricht auch über die eigene Schönheit. Das wissen HSPs. Und wenn sie glaubten, es noch nicht zu wissen, dann wissen es jetzt einige mehr. Wir bemerken im Außen nur, was auch in uns selbst liegt.

Zu Teil 2

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 7. Oktober 2016 in Hochsensibilität im Alltag

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