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Hochsensibilität als Gabe: ein Gespür für Menschen haben

In den ersten beiden Teilen wurde darüber gesprochen, 

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Teil drei handelt von jenen,

…die ein Gespür für die Menschen haben

Illustration: Christiane Rösch

Illustration: Christiane Rösch

Fast sensorisch wie die in Teil zwei erwähnten helfenden Tiere erfassen Hochsensible auf einen ersten Blick, ein erstes Gefühl, ein erstes Hinhören, manchmal auch über einen Geruch oder den Geschmack (geht nicht Liebe über den Magen, mindestens aber über den Kuss?) welche Menschen zu ihnen passen und zu wem sie lieber auf Abstand gehen wollen. Man nennt das Phänomen Resonanz. Etwas, das den anderen Menschen ausmacht, bringt etwas in uns selbst zum Klingen, zum Mitschwingen oder in den Widerstand. Mit diesen feinen Sensoren erfassen wir, mit wem wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen wollen. Wir erfassen vielleicht nicht immer das gemeinsame Thema, aber wir erfassen, wann es beginnt und wann es zu Ende bearbeitet wurde, das, worum es auf diesem Stück Weg ging. Vor der Weiterentwicklung ist niemand gefeit und Weiterentwicklung bringt Wandel mit sich. Menschen verändern sich und wir spüren wiederum seismographisch, wann die Veränderungen das Ende einer Beziehung einläuten. Trotz aller Akzeptanz, die manche von uns dem Wandel gegenüber entgegenbringen mögen, trauern wir allerdings oft tief, selbst dann, wenn das Ende unvermeidlich war und wir es schon lange geahnt hatten. Diese Trauer spricht von unserer Liebe, die wir einstmals gefühlt hatten. Ihrer beider Ausdruck, der der Liebe und der der Trauer, mag auf HSPs umso tiefer wirken, weil Gefühle von ihnen viel intensiver wahrgenommen werden.

Innerhalb der Beziehungen aber sind Hochsensible diejenigen Partner, die in der Lage sind, das Beste in ihren Mitmenschen zu erkennen und es hervor zu holen. Sie erfassen diese verborgenen Schätze an Stärken, sehen das Potenzial in den persönlichen Schwächen und sind mit höchster Sensibilität in der Lage, beim Heben und Polieren der Schätze behilflich zu sein. Auf die ein oder andere Art werden sie unterstützend darin sein, die Bergung des Schatzes, oder wenigstens eines kleinen Teils davon, zu vollbringen. Es mag sein, dass die Ausprägung der Unterstützung nicht immer tatsächlich sensibel erscheint, aber sehr wahrscheinlich wird der gewählte Weg sich irgendwann in der persönlichen Geschichte als der passende erweisen. Das tut er übrigens immer. Hochsensible kennen oft schon die Instrumente, mit denen sie diese Wege beleuchten können. Die Psychologie nennt es Schattenarbeit. Und sie findet statt am Ende der Beziehung. Wird sie geleistet, bleibt das Gefühlt von Dankbarkeit zurück. Dankbarkeit dem Beziehungspartner gegenüber, für angestoßene Themen, die jetzt zur Heilung gelangen durften.

Hochsensible führen dann die besseren Gespräche, wenn sie die Verhaltensweisen beachten, die ihrem sensiblen Gespür so gut liegen und ihm den besten Ausdruck verleihen. Sie hören empathisch zu, stellen gerade solche Fragen, die die Situation oder den Anderen in seinem Anliegen zutiefst weiterführen können. Ihre Beobachtungsgabe schenkt ihnen Einblick in den Gesamtzustand des Gegenübers und lässt sie sensibel erspüren, wo Grenzen sich auftun und wo Möglichkeiten zur Freiheit, wo Zurückhaltung gefragt ist und wo gerade die Forschheit die richtige Gangart sein mag. Sie erfassen das Abschweifen der Gedanken und damit, wann Raum gewährt werden sollte und Stille die bessere Alternative zu kommunizieren ist. Sie reichen die Hand oder bieten die unterstützende Geste, den ermutigenden Blick ganz intuitiv. Sie bauen Brücken. Mit ihrer besonderen Art, zuzuhören, geben Hochsensible den talking stick, wie ihn Naturvölker an ihren Erzählfeuern benutzen,  in die Hände des Anderen, und wer den talking stick in der Hand hält, der darf von Herzen sprechen. In Gegenwart einer hochsensiblen Persönlichkeit kann er sicher sein, dass ihm sorgfältig zugehört wird, nicht nur seinen Worten gelauscht.

Das Gleiche gilt für das Selbstgespräch. Wenn man sich erst mal selbst die Frage gestellt hat: Was geht hier vor?, fällt es Hochsensiblen viel schwerer als Anderen, sich selbst zu täuschen. Sich in die eigene Tasche zu lügen, geht für HSPs kaum. Ihr innerer Leitstern will gehört werden und er verschafft sich in der Regel Gehör auf seine ganz eigene Art. Auf die Selbstlüge werden HSPs von ihrem Unterbewusstsein gnadenlos hingewiesen und das Unterbewusstsein bedient sich der Symptome des Körpers genauso wie aller ihm zur Verfügung stehenden Medien wie Plakate, Bücher, Filme, Artikel, Songs, Gedichte etc. Die Textstelle, die plötzlich ins Auge oder ins Ohr springt, weist auf das ins Tal der Schatten verdrängte Thema hin. HSPs sind mit ihrer Aufmerksamkeit weniger gut darin, die Hinweise zu ignorieren. Oder: Sie sind besser darin, die Hinweise wahrzunehmen und ihnen nachzugehen. Was sie für ein Zeichen halten, lässt sie so schnell nicht wieder los.

Den Kern des Menschen zu erfassen und seine wahre innere Schönheit, das gelingt so vielen Hochsensiblen. Sie geraten dann nicht selten in einen inneren Konflikt, wenn sie wiederum bemerken, dass die von ihnen intuitiv erfasste Wahrheit jetzt noch nicht gelebt werden kann. Oft wird diese Schönheit versteckt, das Licht unter den Scheffel gestellt, von Schatten verdeckt, und ausgelebt, ausagiert, auserzählt wird etwas Anderes. Es sind so oft dunkle Geschichten, die da erzählt werden, die Schattenkinder vorgeschickt, die sabotieren, blockieren und zerstören. Aber durch all das vorgeschickt Dunkle hindurch erkennen Hochsensible manchmal dennoch das Licht. Wenn Hochsensible sich als Portraitfotografen betätigen, erkennt man ihr Erkennen in ihren Bildern, die sie abgeben. Der Portraitierte sagt dann nicht selten: “Ja, da bin ich wirklich einmal richtig gut getroffen, das bin wirklich ich.” Oder: “Ich wusste gar nicht, dass ich so gut aussehen kann.” Uns wird das Herz schwer, wenn wir aber stattdessen zu hören bekommen: “Das bin ich nicht, da auf dem Bild. Ich fühle mich nicht so schön, wie ich da aussehe.” Wir können uns dann nur selten verständlich machen, wenn wir zu erklären versuchen, dass wir genau in dem Moment auf den Auslöser gedrückt haben, als wir die wahre Schönheit im Sucher vor uns sahen. Zu akzeptieren, dass die eigene Schönheit nicht immer gefühlt werden kann, ist schwer. Manchmal bleibt uns nur, die Foto zu behalten und sie nach Jahren noch einmal anzubieten.

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 21. Oktober 2016 in Hochsensibilität im Alltag

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