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Das Licht im Dunkel und das Dunkle im Licht – eine Geschichte zu Weihnachten

eine Erzählung

von Ariela Sager

Link zum Podcast von Christiane Rösch

Kapitel 1

Herr Zorn und Frau Sanftmut sind Nachbarn.

Sie wohnen in zwei Häusern, die nebeneinander liegen und die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Besucher bemerkt es gleich beim Ankommen. Im Vorgarten von Frau Sanftmut wachsen Blumen, die strahlen und leuchten und sich an der Sonne erfreuen. Zu drehen und zu wenden scheinen sie sich mit dem Licht, aber ihre Gesichter zeigen ausgerechnet hin zum Vorgarten des Herrn Zorn. „Wie merkwürdig!“, mag der Besucher denken, denn wenn er dem Blick der Blumen folgt und den Vorgarten des Herrn Zorn bemerkt, erstarrt er fast vor Schreck. Der Vorgarten des Herrn Zorn, das sieht der Besucher sofort, ist so ganz verschieden von dem blumenbewachsenen Vorgarten, den man am liebsten gleich betreten würde. Am Vorgarten des Herrn Zorn würde man am liebsten gleich vorbeigehen. Aber es hilft nichts. Wir haben uns für heute vorgenommen von beiden erzählen, darum müssen wir sie auch beide kennenlernen. Drücken wir uns also nicht und beginnen mutig mit Herrn Zorn, und müssen dazu eben durch seinen Vorgarten gehen.

Hier wachsen keine Blumen. Nein, keine einzige. Unkraut wächst hier. Massenhaft Unkraut.

„Na und?“, sagt Herr Zorn zornig zum Postboten, wenn der ihn auf die langen Stiele aufmerksam macht, die den Weg überwuchern, „machen Sie es doch weg, wenn es Sie stört! Mich stört es nicht!“

Tatsächlich stimmt das nur halb, denn Herr Zorn wird jedes Mal zornig, wenn seine Hosenbeine nass werden, weil der Regen an den langen Stielen haften bleibt und seine Hosenbeine im Vorbeigehen benetzt. Nasse Hosenbeine fühlen sich für ihn genauso unangenehm an wie für den Postboten. Aber Herr Zorn achtet wenig auf sich und ignoriert sein Leid genauso, wie er es bei anderen ignoriert.

Heute aber regnet es nicht und die langen Unkrautstiele sind trocken und so kommen wir zwar etwas verheddert, aber mit trockenen Hosenbeinen an Herrn Zorns Haustür an. Wir klingeln. Ein knarzender, kreischiger Ton kündigt an, dass wir vor der Tür stehen. Knarzend und kreischend öffnet und schließt sich die Zwischentür. Ach, wie sehr sehnt der Besucher sich nach dem hellen Glockengeläut an der Tür von Frau Sanftmut. Aber was soll’s. Schlagen wir uns auch die lautlose Zwischentür aus dem Kopf, und das geflötete „Ja-ha, ich bin gleich bei Ihnen“, das das Nahen von Frau Sanftmut ankündigt. Das führt ja zu nichts, wo doch Herr Zorn eben fluchend die Haustür geöffnet hat und uns nun böse anblickt.

„WAS?“, blafft er.

Wir stellen uns vor. Sehr höflich tun wir das. Dass wir über ihn erzählen wollen, erklären wir, und Herr Zorn blafft:

„WIESO?“

„Weil es interessant ist“, sagen wir mutig, „Sie“, sagen wir, „im Vergleich zu Frau Sanftmut zu porträtieren.“ Herr Zorn blickt verständnislos und zornig. „Ihre Nachbarin“, sagen wir zur weiteren Erklärung.

„Ich weiß, dass sie meine Nachbarin ist“, blafft Herrn Zorn, „das lässt sich ja nicht vergessen.“

„Nun, es dürfte unsere Leser interessieren…“

„Was soll sie daran interessieren?“ Herr Zorn lässt uns nicht antworten. „Und was habe ich mit Ihren Lesern zu tun? Die interessieren mich ja auch nicht!“

„Das dachten wir uns schon“, sagen wir, „dass Sie es so sehen würden, aber das macht auch nichts. Und dennoch: Dürfen wir bitte hereinkommen, damit wir uns unterhalten können?“

Herr Zorn scheint verblüfft zu sein. So eine Unverfrorenheit ist ihm ja noch nie untergekommen. Die meisten lassen sich von seinem Zorn gleich vertreiben und nach Herr Zorns Meinung ist das auch gut so.

„Meinetwegen“, knurrt Herr Zorn und tritt gerade so viel zur Seite, dass wir uns durch die Tür zwängen können. Frau Sanftmut würde die Tür weit geöffnet haben, die Tür, die Arme, ihr Herz. Ach, hätten wir doch bei ihr zuerst klingeln dürfen… Aber nein, erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sagt das Sprichwort.

„Was denn für ein Vergnügen?“, kontert Herr Zorn. (Jemand von uns muss wohl laut gedacht haben). „Das Leben ist nur Arbeit, harte Arbeit und Mühsal. Ich konnte nie eine Spur von Vergnügen feststellen. Kommen Sie mir bloß nicht damit.“

Herr Zorn bleibt mitten im Raum stehen und bietet uns keinen Platz an. Das kann er auch gar nicht. Während bei Frau Sanftmut, unserer Erinnerung nach, ein riesiger Tisch mit vielen Stühlen drum herum den Raum beherrscht, besitzt Herr Zorn nur einen kleinen Tisch und einen einzigen Stuhl. Mehr nicht. Wir fragen, ob wir miteinander in den Garten gehen könnten, uns auf die Terrassenstufen setzen, ob es wohl ginge, dass wir uns die Frühlingssonne aufs Gesicht scheinen lassen, aber Herr Zorn sagt: „Von der dämlichen Frühlingssonne kriegt man nur Sonnenbrand und hier drin wird alles staubig, wenn ich die Tür öffne.“

Vielleicht ist es auch besser so, denken wir mit einem weiteren Blick durch die verstaubte Fensterscheibe. Auf den Treppenstufen liegt das vermoderte Laub von Jahren, ganz matschig und grau.

Illustration: Julia

Illustration: Julia

Kapitel 2

Da stehen wir nun mit Herrn Zorn und fragen ihn, ob er seine Nachbarin, Frau Sanftmut, gut kenne.

„Nein“, sagt Herr Zorn, und da lege er auch überhaupt keinen Wert drauf. Menschen im Allgemeinen seien ihm nun mal gänzlich gleichgültig und Menschen, die auch noch Sanftmut hießen, gingen ihm dazu noch gehörig auf die Nerven.

Aber wenn er Frau Sanftmut doch gar nicht kenne, widersprechen wir, und würden gerne auf etwas hinaus wollen wie: dann wüsste er doch gar nicht, wie angenehm das Leben mit sanftmütigen Menschen sein könne, wie friedlich, wie ruhig und wunderbar still und zugleich…, aber Herr Zorn lässt uns gar nicht erst anfangen zu sprechen, sondern unterbricht uns sogleich barsch: „Mit mir will ohnehin nie einer auf Dauer zu tun haben. Das ist auch gut so. Das ist auch Ruhe. Und Frieden in gewissem Sinne. Und auf jeden Fall angenehm. Mir soll hier bloß keiner zu nahe kommen. Und schon gar nicht soll einer fordern, dass ich was mit ihm teilen soll oder abgeben von dem, was mir gehört, falls Sie darauf hinaus wollen. Mach ich nicht. Fällt mir gar nicht ein. Ich behalte lieber alles für mich. Weil, wenn ich das nicht tue, guck ich in die Röhre. Hat man doch gesehen, wie das läuft. Ihre gute Frau Sanftmut, die hat das doch wohl am eigenen Leib eben erst erfahren. Oder besser gesagt: Sie ist gerade noch dabei es zu erfahren. Nee, da hau ich einfach jedem eins auf die Nase, nehme mir, was ich will, dann bin ich den los und hab das Meiste für mich. So soll es sein.“

Wir fragen uns, ob unsere lieben Leser die Ohren gespitzt haben. Also wir haben es, und wir fragen uns, wovon Herr Zorn da nur spricht! Wir fragen es Herrn Zorn: „Was ist das für eine Geschichte mit der lieben Frau Sanftmut, die Sie uns da andeuten? Würden Sie uns davon Näheres berichten, bitte?”

Würde er nicht, bescheidet uns Herr Zorn, er sei doch hier nicht der Nachrichtensprecher. Er habe auch schon lange keine Lust mehr, uns überhaupt von irgendetwas zu berichten, außer davon, dass die Welt insgesamt in einem erbärmlichen Zustand sei, voller unfreundlicher Menschen und voller Betrug und voller Lüge und voller Elend und das alles mache ihn eben zornig, die Nachrichten, die Zeitungen, sogar die Gespräche, die er überall ständig gezwungen sei mitanzuhören. Das alles mache ihn so zornig, zornig, zornig. Jeden Tag. „Und mein Gott!“, sagt Herr Zorn schwer atmend, „wenn Sie noch etwas wissen wollen, besonders von dieser Geschichte um Frau Sanftmut, dann fragen Sie sie doch selbst, statt länger meine Zeit zu stehlen, die für mich, wie für jeden Menschen, ein äußerst, äußerst knappes Gut ist. Und diese Geschichte um Frau Sanftmut“, sagt Herr Zorn noch, „naja, so musste es ja mal kommen. Das war doch letztlich abzusehen.“

 

Kapitel 3

„Was ist denn jetzt mit dieser Geschichte um Frau Sanftmut?“, fragen sich unsere Leser vielleicht. Das fragen wir uns auch. Wir sind gleich aufgebrochen, um Herrn Zorns Rat zu folgen. Auf dem Weg durch den kargen Flur des Herrn Zorn, durch seinen von Unkraut überwucherten Vorgarten, den von Unrat und Schmutz bedeckten Gehweg vor seinem Haus entlang, denken wir an Frau Sanftmut.

Ach, die gute Frau Sanftmut. Wie freuen wir uns schon darauf, ihren sauber gefegten Gehweg zu erreichen. Ihren duftenden Vorgarten zu betreten wird reinstes Vergnügen sein. Und dann die einladend offen stehende Tür, dahinter das Licht, das direkt aus ihrem Garten hereinströmt und das ganze Haus durchflutet. Ein Haus, in dem bunte Sitzmöbel zum Ruhen und Verweilen auffordern und immer frisch gebrühter Tee zum Plaudern einlädt. Wo jedes Gespräch zur Geste einer helfenden Hand wird mit einem sanften Rat, einer Ermutigung, einer lichtvollen Heilung der Seele, immer einem Geschenk an Humor. Ach, schöne Frau Sanftmut, wie eilen wir. Wie sehnen wir uns danach, Ihr Bild wieder und wieder zu zeichnen, damit unsere verehrten Leser sich an ihm laben mögen, von ihm zehren, sich an ihm wärmen, aber… aber… aber was ist das?

Wo sind die Blumen geblieben? Die Blumen in Frau Sanftmut Vorgarten! Sie sind nicht mehr da! Überall liegt Müll verstreut! Was ist geschehen? Wo ist der Himmel geblieben?

Illustration: Julia

Illustration: Julia

Kapitel 4

Oh Graus! Frau Sanftmut sagte uns eben, sie seien gestohlen worden, die Blumen. Direkt unter ihrem Fenster weg, von Lausbuben, von Schurkenjungen, die geschrieen hätten, es sei doch ihre Pflicht zu teilen, weil sie schließlich so viele davon habe. Sie habe doch nichts dagegen, sollen die Bengel gerufen haben, so frech und unanständig und fordernd im Ton, dass Frau Sanftmut nichts mehr zu sagen gewagt habe. Obwohl sie, so müssen wir berichten, ganz außerordentlich dagegen gewesen sei, dass ihre schönen Blumen von Bengeln geplündert worden seien, die nur zu faul gewesen seien, hinaus zu fahren ins Grüne und sich dort zu bedienen.

„Ach hätte ich doch nur meine Stimme gefunden zu widersprechen“, sagt Frau Sanftmut leise, „meine Stimme, mich einzusetzen für meine Blumen.“

„Nun“, erklärt uns Frau Sanftmut beschämt bei einem Glas über dem Feuer gewärmten Wasser, denn Herd und Teekanne und Tee sind abhanden gekommen, ausgeborgt von den Nachbarn, aber nie zurück erstattet, „das hat sich zu einer ganz seltsamen Sache entwickelt.“ Sie sei doch nun einmal bekannt dafür, hilfsbereit zu sein, sagt sie. „Ich helfe immer und teile so gerne, so bin ich doch nun mal und kann es nicht ändern. Und will es auch nicht“, sagt Frau Sanftmut noch. Aber dann seien da diese vielen, vielen Menschen gewesen, denen es am Nötigsten gefehlt habe, ja wirklich an allem, sagt Frau Sanftmut. „Da ist mein Herz zerflossen und natürlich habe ich gegeben, was ich nur konnte. Jeder hätte das getan.“ Frau Sanftmut seufzt und fasst sich ans Herz. „Genug ist das aber nicht gewesen“, sagt sie, denn es seien auch die nicht so sehr Bedürftigen gekommen und hätten gesagt: „Sei nicht ungerecht, wegen denen wollen wir nicht zurückstecken müssen!“ Man könne es sich kaum vorstellen, sagt Frau Sanftmut, was für ein Zorn in den Stimmen und in den Blicken der Menschen gelegen habe. „So eine Gier und so eine Angst zu kurz zu kommen! Sie hätten es spüren müssen. Eiskalt hat es sich angefühlt, ihnen zuzuhören. Und gedroht haben sie. Wenn ich nicht zu gleichen Teilen gäbe, dann passiere aber etwas, haben sie gesagt. Also habe ich versucht zu geben und zu geben, von allem zu geben, was ich besaß, bis nichts mehr zu geben war. Dann hat es von allein aufgehört, das Geben. Als dann ein wirklich armer Mensch das nächste Mal an meine Tür geklopft hat, habe ich mich gefühlt, als sei ich nicht mehr ich selbst. Ich musste ihn wegschicken. Ich hatte nichts mehr zu schenken und nichts mehr zu geben. Meine Freude war dahin. Ich war wie tot und der Himmel mit mir gestorben.“

Wir erleben Frau Sanftmut jetzt selbst ganz elend und traurig und grau. Sie lässt sich schwer auf ihren letzten Stuhl fallen und stützt die Arme auf das letzten Stück Tisch, das nach dem Zersägen und Davongetragenwerden der restlichen Teile übrig geblieben war. „Sie haben gesagt, sie bräuchten ihn dringender als ich“, sagt Frau Sanftmut und deutet mit einer ausladenden aber müden Geste die ehemalige Größe des Tisches an. „Lachen und Spielen ist wohl nicht genauso wichtig, wie Essen“, flüstert Frau Sanftmut, „das haben sie gesagt.“

„Ja, aber…“, werfen wir ein, aber das „Aber“ bleibt uns im Halse stecken, denn Frau Sanftmut sinkt noch weiter in sich zusammen und sieht jetzt ganz elend aus.

„Da habe ich ihnen gleich meinen Kühlschrank auch noch mitgegeben. Und meinen Herd. Die Vorräte auch allesamt. Sie sagten, die Kinder müssten doch wohl dringender essen als Erwachsene und damit haben sie doch auch Recht.“

In uns beginnt etwas zu rumoren, das uns gut bekannt vorkommt, ein Gefühl von etwas oder mehr noch eine Emotion, denn es entsteht aus unseren Gedanken und ist keine Eingebung. Wir denken an Ungerechtigkeit. An das Wort denken wir und mit ihm bewerten wir, was wir sehen.

Jetzt aber folgen wir unseren Gefühlen, die von tiefer aufsteigen als aus unseren Gedanken. Wir folgen der nächsten Intuition, ohne groß nachzudenken tun wir das, folgen ihr einfach, tun, was getan werden muss.

 

Kapitel 5

„Herr Zorn!“, rufen wir, „wir brauchen Herrn Zorn hier. Auf der Stelle!“ Wir klopfen an die Wand, die die beiden Häuser voneinander trennt oder miteinander verbindet, je nachdem, wie man es sehen will. Wir hämmern dagegen, als wollten wir sie zum Einsturz bringen, die Wand.

„WAS IST?“, hören wir es zornig schallen von der anderen Seite, „was soll dieses Getöse?“

„Herr Zorn“, rufen wir, „wir müssen Ihnen etwas zeigen. Gibt es eine Möglichkeit, dass Sie sich das hier ansehen?“

Von der anderen Seite hören wir einen Schlag gegen eben jene Wand. Und noch einen dagegen. Die Wand bröckelt. Noch ein Schlag. Ein wenig fürchten wir uns. Wir wissen nicht, was als nächstes geschieht. Die Tür zu nehmen, das wäre wohl nicht Herrn Zorns Stil, mutmaßen wir. Oder fühlt er sich so gestört, dass er zerstören will?

Plötzlich ist da ein Loch in der Wand, faustgroß gerade noch. Es wird größer und Herr Zorns Gesicht wird sichtbar. Herr Zorn besieht sich die Szenerie auf der anderen Seite der Wand und sein Zorn entflammt.

„Das ist unerhört! Hab ich’s doch gewusst!“, schimpft er, „das ist zum Aus-der-Haut-fahren! Diese alberne Sanftmut! Frau!“, brüllt Herr Zorn, „können Sie denn nicht auf sich aufpassen? Wieso wehren Sie sich denn nicht? Wieso verteidigen Sie nicht, was Ihnen gehört? Ihre Grenzen? Oh, haben Sie überhaupt welche? Sagen Sie mir das! Sie sind doch nicht so ein albern grenzenloses Wesen? Oder sind Sie es doch? Antworten Sie mir!“

„Nein“, kommt es leise und sehr kläglich von Frau Sanftmut. „Ich will es nicht sein, aber ich fürchte…“

„Ich verstehe schon“, ruft Herr Zorn und hämmert das Loch so groß, dass er ganz darin erscheint. „Einen Moment“, blafft er und verschwindet für Minuten. Und nach Minuten ist er zurück und sagt: „Hier, nehmen Sie. Das sind die gleichen Stühle, wie die, die Sie mal hatten. Und ebenso einen Tisch habe ich im Keller stehen. Brauche ich nicht. Können Sie haben.“

„Ja, lieber Herr Zorn!“, jubelt Frau Sanftmut, „ich bin ganz gerührt. Und bitte seien Sie selbst der erste Gast, der Platz nimmt an diesem neuen Ort der neuen Zusammenkunft.“

„Muss nicht sein“, wehrt Herr Zorn ab, „lassen Sie mich mit dem Unsinn in Ruhe.“

„Aber ich denke, ich brauche Sie, Herr Zorn“, flüstert Frau Sanftmut, schon wieder entmutigt. „Zumindest in Ihre Schule müsste ich gehen, denke ich mir, zumindest um ein wenig zu lernen… Ich brauche etwas von ihrer Bestimmtheit und Ihrer Festigkeit und Ihrem Mut, für sich und andere einzutreten. Sonst ist der Tisch hier doch bald wieder verschwunden.“

„Das ist dann aber Ihre Sache, Frau Sanftmut“, sagt Herr Zorn und will sich umdrehen und gehen.

Frau Sanftmut schweigt.

 

Kapitel 6

Es muss so sein, dass das Schweigen ihn im Rücken trifft. Es muss Herrn Zorn berühren, das traurige Schweigen von Frau Sanftmut. Er bleibt stehen, dreht sich um.

„Was noch?“, fragt er. Seine Stimme klingt ungeduldig, aber weniger zornig als sonst.

„Ich kann das vielleicht nicht“, erklärt Frau Sanftmut verzagt.

„Sagen Sie einfach NEIN. So schwer kann das doch nicht sein“, antwortet Herr Zorn. „Sagen Sie: Es ist meins. Und Punkt.“

„Das kann ich nicht.“ Frau Sanftmut schüttelt den Kopf dazu. „Es stimmt ja auch nicht. Es gehört mir, damit ich damit Gutes tue. Es ist sogar für alle genug von allem da, also eigentlich. Ich muss gar nicht sagen das ist meins. Will ich auch nicht.“

„Ja, Sie wollen nicht, das ist es nämlich.“

„Was ist so falsch daran?“, sagt Frau Sanftmut und reckt jetzt trotzig das Kinn. Herr Zorn sieht es.

„Aha“, sagt er, ein wenig frohlockend im Ton. „Aber von allem genug da? Sind Sie verrückt geworden?“

„Nein, das bin ich nicht, Herr Zorn“, sagt Frau Sanftmut mit Bestimmtheit, „das ist es, was ich glaube und das reden Sie mir nicht aus! Es ist für alle genug da, wenn wir teilen und wenn nicht ein paar wenige kommen und sich alles einverleiben. Aber ich…“. Frau Sanftmut bricht ab, von sich selbst entmutigt, wie es scheint.

„Aber Sie sind zu sanft und zu wenig mutig“, beendet Herr Zorn den Satz.

Frau Sanftmut nickt ergeben und gibt es zu.

„Sie wissen gar nicht, wie wertvoll Sie sind und übertreiben es darum ständig, weil sie meinen, dass man Sie sonst nicht liebt. Dabei liebt man Sie doch!“

„Wer?“, fragt Frau Sanftmut überrascht.

„Sag ich nicht“, sagt Herr Zorn, „Sie würden doch nur lachen.“

Noch eine Pause tritt ein. Herr Zorn wirkt verlegen und Frau Sanftmut auch.

„Ich mache es für Sie“, poltert Herr Zorn plötzlich wieder, „das ist ja nicht mit anzusehen. Diese gierigen Schurken sollten in ihre Schranken verwiesen werden, denen werde ich Bescheid geben, wenn Sie erlauben.“

„Ich erlaube“, sagt Frau Sanftmut, „aber nehmen Sie Haltung an, ich bitte Sie, wir sollten einander nicht ohne Haltung begegnen.“

„Pah, Sie sehen ja, wohin Sie das gebracht hat.“

„Und Sie sehen, wohin Ihr Temperament Sie bringt. Mein Tisch ist vielleicht weg, bei anderen Menschen, aber er stiftet dort immerhin Nutzen. Ihrer steht nutzlos im Keller.“

Herr Zorn ist kein ungerechter Mensch, das wissen wir. Er lässt sich die Wahrheit gefallen. Jetzt nickt er langsam.

„Ich war zu grenzenlos in meiner Sanftmütigkeit“, lenkt Frau Sanftmut ein.

„Und ich hatte zu viele Grenzen in meinem Zorn“, erwidert Herr Zorn, „ich hatte es auch übertrieben, sie zu verteidigen. Und Sie haben Recht: Der Tisch steht nutzlos im Keller.“ Herr Zorn deutet mit dem Kopf hinter sich auf die eingestürzte Wand und die leer  und einsam daliegende Wohnung.

„Was folgt daraus jetzt?“, fragt er.

Frau Sanftmut leuchtet schon wieder. Ah, so kennen wir sie. Diese Leuchten, das aus ihrem Innern zu kommen scheint und das direkt aus dem Himmel fließen muss. Sie streckt ihre Hand aus und sagt nichts. Sie lächelt nur. Sie lächelt dieses leuchtende Lächeln der Sanftmut.

Illustration: Julia

Illustration: Julia

Kapitel 7

Herr Zorn greift impulsiv nach der ausgestreckten Hand und dann geschieht etwas, das unsere Leser wohl nur glauben werden, wenn wir es jetzt ganz genau beschreiben, damit sie wissen, dass wir Augenzeugen sind und es uns nicht nur ausdenken.

Ein Licht blitzt auf, als die beiden Hände sich treffen. Schon mit der Berührung der Fingerspitzen flammt es kurz, dann wird es stärker, färbt sich von rot zu rosé zu weiß und wird stärker, strahlender je länger der Händedruck dauert. Und er dauert. Er dauert und dauert, denn weder Frau Sanftmut noch Herr Zorn scheinen sich vom Anderen lösen zu wollen. Sie halten einander weiter, einer die Hand des Anderen und etwas scheint nun auch hin und her zu schwirren. Es sieht wie ein Austausch von Energie aus und dann hört man es im Hintergrund krachen und bröckeln. Die Wand zwischen den Häusern ist gänzlich verschwunden. Es wirkt, als habe es immer nur diesen einen riesigen Raum gegeben und er ist ganz aufgefüllt mit schönen Möbeln, die gerade so sind, als habe Frau Sanftmut sie sich genauso vorgestellt, aber zugleich so, als könnte auch Herr Zorn sich darin sehr wohl fühlen. Frau Sanftmuts Haltung richtet sich auf zu ganzer Anmut und Stärke, und Herr Zorns Gestalt und Züge werden weicher, als wir sie je zuvor sahen. Ganz langsam lösen die beiden ihren Handschlag, aber der sanfte Schimmer bleibt und geht von beiden jetzt aus.

„Oh“, sagt Frau Sanftmut entzückt, „so viel Platz jetzt für Gäste.“

„Langsam“, sagt Herr Zorn, „was für Gäste?“

Frau Sanftmut lächelt verschmitzt. „War das kein Antrag eben?“, fragt sie.

„Was für ein Antrag?“, stammelt Herr Zorn.

„Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand“, fordert Frau Sanftmut und Herr Zorn gehorcht.

„Als Sie eben über die Liebe sprachen, Herr Zorn, da meinten Sie sich, oder nicht? Sie sind es, der liebt und der sich vor der Liebe fürchtet, der fürchtet, sie nicht zu verdienen, ihrer nicht wert zu sein, der es aber in Wahrheit ebenso ist, wie ich und wie jedermann, der seinen Wert aber nicht kennt, seinen Edelmut und seinen Sinn für Gerechtigkeit nicht einzuschätzen weiß.“

„So ist es“, sagt Herr Zorn, ganz schlicht, „mehr sag ich nicht.“

„Ich fühle“, sagt Frau Sanftmut, „dass wir auch unsere Gärten zusammen legen sollten, und dann sollten wir säen. Gerechtigkeit und Bestimmtheit und Güte und Festigkeit, und könnten wir nicht Humor mit hinein säen, den haben Sie doch, Herr Zorn, oder nicht?“

„Und Sie, Frau Sanftmut?“, stottert Herr Zorn verlegen.

„Ein wenig“, antwortet Frau Sanftmut.

„Ich darf sagen“, sagt Herr Zorn schüchtern, „ich habe auch ein wenig Liebe zu säen.“

„Aber ja!“, ruft Frau Sanftmut, „aber ja haben Sie das. Ihr ganzes Wesen gäbe es doch nicht ohne Liebe, wem sollte das denn nicht klar sein? Niemals wären Sie zornig geworden, wären Sie nicht von Liebe bewegt gewesen als sie mich im Elend sahen. Und es ist nicht mal wenig Liebe“, sagt Frau Sanftmut und legt Herrn Zorn die Hand auf den Arm, „es ist nicht gerade wenig Liebe, die so enttäuscht wurde, dass sie in ihr Gegenteil umschlug. Wir nehmen Ihre Liebe und meine, säen ein goldenes Gewächs, dass wohl mit Schatten zurecht kommt, wohl im Lichte wächst, und das beides ausgleichen kann, weil es beides in sich trägt und beides lebt und liebt“

„Was für ein Kind wird das wohl werden?“, fragt Herr Zorn gerührt.

„Eines des Friedens doch wohl, nicht wahr?“, sagt Frau Sanftmut. „Ich meine, es sollte auch diesen Namen führen dürfen, einen ganz eigenen Namen. Es sollte ihn wählen dürfen. Wir nehmen es lieber modern. Denn es könnte auch Güte sein, den das Kind als Namen wählen mag oder Mitgefühl oder…”

“Oder Hoffnung”, sagt Herr Zorn und geht auf die Knie und fragt, ob Frau Sanftmut seine Frau wohl werden wolle.

Und sie will.

Und so stehen zwei Erwachsene im Raum, den sie sich selbst erschufen und versprechen einander, für das Kind zu sorgen, das sie Frieden nennen wollen und das den Zorn nicht mehr in den Schatten verbannt, sondern die im Zorn enthaltene Energie zur Unterstützung der Sanftmut lebt, lebt, lebt.

Posted on 23. Dezember 2016 in Eine Geschichte des Friedens

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