loading please wait..

„Haben Hochsensible weniger Geld?“

Dieser Artikel hier dient übrigens als Scharnier zwischen unserer geliebten Vielfühler-Lounge, die ihre Pforten schließen musste und meinem neuen Blog, der das gleiche Thema bedient: die Hochsensibilität.

Hast du gesehen?

Wie sich in meinen Artikeln in der Vielfühler-Lounge vielleicht schon herausgestellt hat, lautet meine Lieblingsfrage zu Beginn von Artikeln gerne: Hast du den Film XY gesehen? Man könnte jetzt denken, ich sei einer dieser Fernsehjunkies, die jeden Film zu kennen scheinen. Ist aber nicht so. Für eine gewöhnliche Spielfilmlänge brauche ich vier oder fünf Tage. Immer ein kleines Stück, das Gesehene erst verarbeiten und dann weiterschauen. Typisch hochsensibel. Deswegen aber kann ich mir die Filme so gut merken, weil ich sie geistig und emotional ausschlachte, indem ich sie drehe und wende und über die kleinen Häppchen in meinem Innern nachhallen lasse. Im tiefen Verarbeiten und im Querdenken liegt unsere Stärke, nicht wahr? Und heute lautet meine Frage, wie sie in der Vielfühler-Lounge so oft zu Artikelbeginn lautete: Hast du den Film „Ohne Limit“ gesehen? Der englische Originaltitel lautet: „limitless“. Was hat dieser Actionfilm mit Hochsensibilität zu tun? Sag ich dir. Achtung! Bitte das Set freimachen! Ruhe bitte! Und action…

„Ohne Limit“

Eddie Morra (Bradley Cooper), ein erfolgloser Möchtegernschriftsteller stößt auf eine Superdroge, nach deren Einnahme er hochsensibel und hochbegabt ist. Verrückte Idee, oder? Im Film wird keiner der beiden Begriffe benutzt, aber die Kameraführung gibt die Einordnung unübersehbar vor. Wer sich mit Hochsensibilität auskennt, gerät sofort in Aufregung: Das ist es! Der Protagonist sagt: „Ich war blind und jetzt kann ich sehen.“ Dabei folgt die Kamera seinem Blick, der auf einmal jedes Detail seiner Umgebung aufnimmt und sie sinnvoll mit Erinnerungsfetzen aus seinem Unterbewusstsein verknüpft. An keiner Stelle im Film deutet sich Übersinnlichkeit oder Medialität an. Der Erwachte und jetzt Sehende greift auf seine eigenen Kapazitäten zu. Der Drogendealer Vernon Gant erklärt die Wirkung so: „Es wurden doch im Gehirn Rezeptoren identifiziert, die gewisse Schaltkreise aktivieren und du weißt ja: Es heißt, dass wir nur auf zwanzig Prozent unseres Hirns zugreifen können. Und das Zeug hier sorgt dafür, dass du auf alles zugreifen kannst.“ Eddie braucht dringend einen Zugriff auf weitere Teile seines Hirns, probiert die Droge aus und kommentiert aus dem Off: “Irgendwie hatte mein Unterbewusstsein das ausgegraben. Eine Erinnerung, die ich nicht einmal abgespeichert hatte oder war sie die ganze Zeit da und ich konnte nur nicht drauf zugreifen?” Die Kamera nimmt seine Perspektive ein und lässt den Zuschauer erleben, wie Eddie in jeder Situation plötzlich das kleinste Detail wahrnimmt und jetzt auch bewusst auswerten kann. Eine typisch hochsensible Fähigkeit. Absolut typisch. Eddie nutzt seine neue Fähigkeit, um zu Geld zu kommen. Zu richtig viel Geld. Man könnte es Reichtum nennen. Das scheint weniger typisch zu sein.

Hochsensibilität und Geld

In der Podcast-Folge Nummer 6 (leider nicht mehr vorhanden) sprach Oliver Pohl in der Vielfühler-Lounge über das Thema Hochsensibilität und Geld. Aus verschiedenen Kontexten heraus war er auf das Phänomen gestoßen, dass Hochsensible, obwohl sie doch eigentlich, wie der Protagonist in „Ohne Limit“, über ganz besondere Gaben verfügen, wirtschaftlich weniger erfolgreich zu sein scheinen, als man meinen sollte. Eddie Morra schlägt aus seiner neu erworbenen Begabung Kapital. Er schreibt sein Buch in vier Monaten und steigt dann ins Börsengeschäft ein, wo es darauf ankommt, Details zu bemerken, Stimmungen zu erkennen, Muster und Trends zu erfassen und alle Informationen miteinander zu verknüpfen, um anschließend quer zu denken und völlig unerwartete Schlüsse zu ziehen. Eddie Morra Rolle im Film beantwortet Olivers Frage in der Vielfühler-Lounge positiv: „Wer einfühlsamer ist“, sagt Oliver, müsste doch eigentlich besser in all jenen Berufen sein, bei denen es auf Einfühlsamkeit ankommt.“ Und Oliver nennt den Verkauf. Den Umgang mit Kunden, mit Kollegen, mit Vorgesetzten.

Interessanterweise deckt sich allerdings die Wahrnehmung des Filmprotagonisten im Umgang mit seinen Mitmenschen mit der Wahrnehmung vieler Vielfühler im Forum der Vielfühler-Lounge. Eddie Morra ist ein Einzelkämpfer. Er hat es mit Neid und Konkurrenzkampf zu tun. Er findet keine echte Intimität, weil er Fähigkeiten einsetzt, von denen seine Umwelt sich eingeschüchtert fühlt. Menschen sind von ihm fasziniert, aber Nähe entsteht nicht. (Am Ende natürlich schon, weil der Film ja in Hollywood produziert wurde.) Nähe entsteht selbst da nicht, wo andere die gleiche Erfahrung machen, weil sie die gleiche Droge genommen haben. Die Menschen halten ihre Fähigkeiten geheim, wie Hochsensible es oft tun. Das zum einen. Es gibt aber auch den beachtenswerten Fall, dass sie ihre neue Fähigkeit nicht annehmen. Eddies Exfreundin Lindy schluckt die Droge in einer Notsituation und sagt später: „Das war nicht ich, als ich sie genommen hatte. Die Dinge, die ich getan habe, würde ich niemals tun.“ Obwohl das Ende des Films klar machen wird, dass man mit der Droge nur auf das zugreift, was in einem selbst angelegt ist, steht Lindy ihrer neuen Fähigkeit voller Angst gegenüber. Sie fühlt sich zutiefst überfordert, mit dem, was sich als ihre uneingestandene Seite ihres Temperaments entpuppt und lehnt die Fähigkeit fortan auch bei Eddie ab, mit dem sie, tief beeindruckt von dem neuen Eddie, zwischenzeitlich eine neue Beziehung eingegangen war.

Vielfältige Gaben

Wenn wir jetzt ins echte Leben zurückkehren und diejenigen Menschen betrachten, die, ohne eine Droge nehmen zu müssen, über die Fähigkeiten der Hochsensibilität verfügen, fragen die Vielfühler im Forum der Vielfühler-Lounge zu Recht: „Gibt es besser geeignete Berufe für Hochsensible?“ HSP sind in so vielem begabt, so lauten die Antworten unter diesem Thread, sie haben an so vielem zugleich Freude, so dass es ihnen schwer fallen mag, ihre Bestimmung zu finden. Sinnhaftigkeit und Freiheit sind die Grundvoraussetzungen, nach denen gesucht wird. Sinn fehlt, wenn nur auf den unverständlichen Befehl eines Anderen hin gehandelt werden soll und Sinn fehlt, wenn die Arbeit keine Wertschätzung erfährt. Der Begriff „Herzblut“ fällt. Sinn entsteht, heißt es, wenn etwas mit Herzblut ausgefüllt werden kann. Es handele sich um die Berufe der Künstler, der Seelsorger, der Berater und Therapeuten, der pflegenden Berufe, der Erzieher und Lehrer aller Art. Aber nicht nur. Eine Reinigungskraft kann ebenso Sinn in ihrer Tätigkeit empfinden wie eine Angestellte im öffentlichen Dienst oder eine Finanzbuchhalterin. So ist es im Forum nachzulesen. Ich recherchierte vor kurzem über das Thema intuitive Medizin, für die hochsensible Ärzte prädestiniert sein müssten, denn hier geht es um Empathie pur, um Empfänglichkeit für die Ganzheit des Patienten. Ich vermute, dass hochsensible Dolmetscher es zwar schwer haben dürften, dem Stress standzuhalten, dass sie den Sinn des gesprochenen Wortes aber mit ihrer Feinfühligkeit am hochwertigsten zu transportieren vermögen.

Eine Frage des Selbstbewusstseins

Und der Bezug zum Geld? Haben Hochsensible mehr oder weniger oder genauso viel Geld wie normalwahrnehmende Menschen? Gibt es überhaupt einen Zusammenhang?  Und verläuft er wirklich zwischen Hochsensibilität und Geld oder liegt er woanders? Liegt er in Eigenschaften, die mit der Hochsensibilität vielleicht nur einhergehen, für die die Hochsensibilität aber nicht ursächlich sein muss? Eddie Morra tritt nach dem Erlangen der Kombination aus Hochsensibilität und Hochbegabung extrem selbstbewusst auf. Er strotzt nur so vor Selbstvertrauen – wenn auch zunächst unter der Wirkung der Droge. “Meine ganzen Ängste, meine ganze Schüchternheit: weg!” Aber die Wirkung der Droge ist seine Hochsensibilität, seine Detailwahrnehmung, sein Querdenkertum. Er läuft in der Welt herum, parliert in Fremdsprachen, die er nur nebenher hören muss, um sie zu lernen, holt alle möglichen Daten aus seinem Unterbewusstsein hervor, wenn er sie braucht und überzeugt den Tycoon Carl van Loon von seinen Fähigkeiten und zu einem Gehalt von 4 Millionen Dollar. Der übrigens, hält Eddies Kombinationsfähigkeiten für „eine Gabe Gottes oder Zufall oder ein verirrtes Spermium“und setzt am Ende einiges ein, damit Eddie für ihn arbeitet. Geld spielt dabei keine Rolle, will heißen: fließt in Strömen. Und im echten Leben, wie sieht es da aus?

In einer Diskussion, die ein Mitglied der Vielfühler-Lounge unter dem Titel “Stärke!!!” aufgeworfen hatte, werden ganz ähnliche Fähigkeiten benannt: die Fähigkeiten, sich eine Menge von Daten mit einem fotografischen Gedächtnis zu merken, weitverzweigt zu verknüpfen, Sprachen schnell zu lernen und sprechen zu können, sich in Umgebungen und Individuen tief einzufühlen und das Leben mit Mut und Leidenschaft anzugehen. In den Kommentaren zu Olivers Podcast heißt es zugleich, Geld sei aber einfach nicht das Wichtigste im Leben. Ein gutes Arbeitsklima sei es, ein Vertrauensverhältnis mit dem Kunden, das Wohlergehen Anderer. Fairplay im Umgang miteinander wird benannt. Und obwohl es eigentlich keinen direkten Zusammenhang zwischen all dem und der Leistungshonorierung gibt, ist zu beobachten, dass für all dies das eigene Licht schon mal unter den Scheffel gestellt wird, wo Andere sich hervortun. Die Selbstdarsteller kommen an. Die Zurückhaltenden werden übersehen. Die Zurückhaltung soll dem Arbeitsklima dienen, das Vertrauensverhältnis aufbauen, das Wohlergehen Anderer gewährleisten. Es seien die HSP, heißt es in den Kommentaren zu Olivers Podcast Nummer 6, die nicht ständig das Scheinwerferlicht auf sich richteten, sondern eher Anderen in die Steigbügel helfen.

Die vielen inneren Fragen

Neulich kam mir etwas Überraschendes zu diesem Thema unter. Ein hochsensibler Mann, der Elektroingenieur ist, arbeitet seit kurzem in einer jungen Firma, die sich mit erneuerbaren Energien befasst. Der junge Mann berichtete mir von einem neuen Projekt, bei dem sich ganz unvermutet eine Chance ergeben hatte, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Und er erzählte mir: „Ich habe mir das einfach genommen, weil ich das Gefühl hatte, sie würden mich sonst wieder übersehen. Schließlich hatte ich bis jetzt noch keine Chance, wirklich zu zeigen, was ich kann.“ Von diesem Satz war ich ehrlich überrascht. Sich eine Chance, die man sieht, einfach zu nehmen, statt zu warten, bis sie einem angeboten wird, habe ich bisher selten von einem hochsensiblen Menschen gehört. HSP, die ich kenne – und die über wenig Geld verfügen – sind genauso talentiert wie der junge Mann, von dem ich spreche, aber sie halten sich zurück. Sie fragen sich: Will der Andere wirklich…? Kann er es sich leisten, dass…? Was denkt er wohl über mich? Und dann der schlimmste Gedanken von allen: Ist meine Arbeit das auch wirklich wert? HSP, die ich kenne, sind Lehrende, Begleiter, Pflegende, Dienende, Erschaffende. Sie sind Yogalehrer, Heilpraktiker, Therapeuten, Coaches, Tänzer, Schauspieler, Regisseure… wen kenne ich noch?… junge Dozenten, Forschende, Erzählende. Ein junger Sekretär sagte mir einmal über seinen Chef: „Wenn er nicht sieht, was ich für ihn tue, dann hat es auch keinen Wert, es ihm zu sagen. Sehen würde er es dann trotzdem nicht. Nur hören, aber das geht zum einen Ohr rein und zum anderen raus.“

Die hochsensible Qualität schafft das Besondere

Meine Vermutung auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Geld ist also folgende: Die Leistungen und Produkte von Hochsensiblen haben für gewöhnlich etwas Besonderes an sich, etwas Feines. Sie unterscheiden sich von dem gewöhnlichen Angebot und sie machen den Menschen, die die Leistung in Anspruch nehmen, Freude. Da ist das kleine Theater, das sich so wohltuend von den Plattitüden des Boulevardtheaters abhebt und so wunderbar Überraschendes produziert – und das ums Überleben kämpft. Die Tänzerin, die für ihren Mut bewundert wird, experimentelle und zutiefst berührende Rollen anzunehmen, statt an den großen staatlich geförderten Theatern mitzuschwimmen – und kaum Geld verdient. Der Yogalehrer, dessen Achtsamkeit und Geduld einen individuell besser berät als es die Fitnesstrainer in den Sportstudios können – und für die Einzelstunde kaum das Honorar ansetzen kann, das sie wert wäre. Oder die Heilpraktikerin, die ihr Herz und ihren Geist öffnet und dem Patienten solange zuhört, bis ihre Intuition sich meldet und sie tatsächlich wirksam helfen und heilen kann und dabei fünf Mal so viel Zeit einsetzt, als es jeder krankenkassenzugelassene Arzt je täte – und die die Zeit der Entwicklung nie bezahlt bekommt. Wenn es ans Bezahlen geht, zeigt sich dann, welche Art von Kunden diese wunderbaren Talente angezogen haben oder mit anderen Worten: Wer mit ihnen in Resonanz gegangen ist: Mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit waren es andere HSP. Diese Menschen würden das, was sie empfangen haben, zu gerne mit gleicher Energie zurückgeben – und ich selbst habe es oft erlebt, dass man gleich einen Tausch vereinbaren wollte – aber das Geld zum Tauschen fehlt.

Der Selbstzweifel als Partner des Geizigen

Haben die hochsensiblen Anbieter es dagegen mit Nicht-HSP zu tun, erleben sie nicht selten, dass sie im Preis ganz einfach gedrückt werden. „Komm, wir sagen 50 statt 75 Euro, okay? Letztes Wort.“ HSP empfinden so ein Verhandeln als würdelos, schließlich haben sie sich ihren Preis nicht ausgedacht, sondern ihn wohlüberlegt kalkuliert und gesetzt. Im Moment des Schacherns von der anderen Seite setzen die Selbstzweifel ein. HSP müssen sehr klar in ihren Intentionen und Motivationen sein, um an diesen Stellen bei sich zu bleiben. Sie müssen in der Lage sein, das, was der Andere zu tun versucht, zur Kenntnis zu nehmen und es zugleich stehen zu lassen, ohne es auf sich oder die eigene Leistung zu beziehen. Das gilt in allen Bereichen, in denen es um Grenzen und Grenzüberschreitungen geht, und es gilt auch für die Gehalts- oder Honorarverhandlung. Damit meine ich allerdings nicht diese Affirmationen, die uns suggerieren wollen, dass wir nur deshalb nicht genug Geld verdienten, weil wir nicht daran glaubten, dass wir es verdienten. Dieser Ansatz lädt nur noch mehr Druck auf HSP. Denn damit scheinen wir auch noch selber Schuld zu sein an unserem Dilemma. Ja, es mag sein, dass etwas in uns mit dem Geiz eines Anderen in Resonanz geht. Zum Beispiel der Selbstzweifel. Strahle ich aus, dass meine Arbeit vielleicht noch nicht so perfekt ist, wie sie sein könnte, „schnappt“ der andere diese Energie sofort auf und beantwortet sie: „Stimmt, das könnte perfekter sein. Dann lass uns 50 sagen statt 75, okay?“ Es gibt aber genügend andere Fälle, in denen es nicht um Resonanz geht, sondern in denen der Geiz des Anderen zuerst etwas über den Anderen aussagt, über sein eigenes Mangelempfinden vielleicht oder seine eigene Unfähigkeit zur Wertschätzung, weil er sich selbst noch nie wertgeschätzt gefühlt hat. Vielleicht steht der Andere auch tatsächlich wirtschaftlich unter dem Druck eines knappen Budgets bei gleichzeitigem Druck, eine bestimmte Leistung haben zu wollen oder zu brauchen. Es gibt HSP, die fangen diese Emotionen auf und gehen als Reaktion darauf in ihrem Preis herunter: “Wie wäre es mit 50 statt 75? Wäre das okay?” Uns erreichte in der Redaktion die Frage: Was kann man dagegen tun?

Was lässt sich dagegen tun?

Egal, ob es sich um Gehaltsverhandlungen oder Honorarvereinbarungen handelt, als erstes müssen wir HSP für uns selbst klar haben, was wir wert sind. Wir müssen uns völlig sicher sein, weil wir uns völlig sicher sein können, dass unsere Leistungen den von uns angesetzten Preis wert sind. Wenn wir 75 Euro sagen, haben wir uns die 75 Euro gut überlegt. Wir haben sie mit dem Marktpreis abgeglichen, mit unserer Ausbildung und unserer Erfahrung. Der Preis stimmt überein mit der Einzigartigkeit unseres Angebotes, mit dem Grad der Besonderheit, in die vielleicht sogar unsere Fähigkeiten aus der Hochsensibilität einfließen: Einfühlungsvermögen, Intuition, vernetztes Denken, Detailgenauigkeit, tiefes Verarbeiten von Informationen, Sorgfalt. Sogar die Preisbereitschaft und Zahlungsfähigkeit der Zielgruppe oder Zielbranche haben wir mit ziemlicher Sicherheit geprüft und berücksichtigt. Und dann sind wir nicht auf einem arabischen Basar, auf dem das Feilschen zu einem höflichen Geschäftsgebaren gehört. Dazu, unseren Preis mit Bestimmtheit zu vertreten, gehört allerdings, dass wir uns über mögliche Konsequenzen im Klaren sind, die wir ziehen können. Wir können eine Preisuntergrenze festsetzen und sagen: Dieses Gehalt/dieses Honorar ist das Mindeste, was ich verlange. Darunter arbeite ich nicht für Sie. Und dann können wir konsequent entscheiden, den Auftrag oder die Stelle nicht anzunehmen, wenn die Preisuntergrenze unterschritten wird.

Es lohnt sich, drei Punkte parat zu haben, die den Preis noch einmal untermauern, falls es notwendig sein sollte. XY macht mich besonders kompetent, ich bin seit X Jahren erfahren, ich bringe YZ mit. Auf manchen Websites lese ich erschreckenderweise manchmal das Preisargument: „Ich muss davon leben.“ Das interessiert leider keinen Kunden und ist auch nicht seine Sache. Der Kunde will wissen, was er für seinen Preis bekommt, nicht, wie er zu den Lebenshaltungskosten seines Anbieters beitragen kann.

Bei der Preisverhandlung geht es um Grenzen

Wenn wir klar haben, wer wir sind, was wir zu bieten haben, worin unsere Einmaligkeit besteht und inwiefern unser Preis gerechtfertigt ist, gilt es, genau diesen Preis zu vertreten. Hier geht es auch um Grenzen. Hier geht es darum, dass wir Anderen nicht erlauben, unsere Leistung herabzusetzen. Und das sollten wir auch selbst nicht tun, indem wir uns in unserem Preis weiter drücken lassen, als unsere vorher kalkulierte Schmerzgrenze es erlaubt. Dem potenziellen Chef zu sagen: „Bitte noch einmal zurück. Sind meine Fähigkeiten das, was Sie für Ihr Unternehmen suchen oder sind sie es nicht?“, erfordert Mut und Souveränität im Auftreten, aber es hinterlässt auch Eindruck. Einen Eindruck, der sich in Geld auszahlen sollte, denn die meisten Bosse geben seit Jahren zu Protokoll, dass Frauen nur deshalb weniger verdienten als ihre gleich qualifizierten männlichen Kollegen, weil sie sich schlechter verkauften und sich zu leicht im Preis drücken ließen. Der Preis wird gedrückt, sobald es das kleinste Anzeichen dafür gibt, dass es möglich ist, den Preis zu drücken. Unserem Kunden zu antworten, dass er sich sehr gerne noch Zeit nehmen könne, um Preis und Leistung ganz zu erfassen, entlässt uns aus der Rechtfertigungsposition. An dieser Stelle machen wir klar, dass wir Bedenkzeit einräumen, aber keinen Verhandlungsspielraum. Die nassforsche Frage, die ich schon öfter gehört habe: „Was kannst du verkaufen, um mich bezahlen zu können?“ eignet sich eigentlich für niemanden, aber erst Recht nicht für HSP und kann an dieser Stelle getrost gegen ein souveränes und schweigendes Lächeln eingetauscht werden. Zusammen mit dem Lächeln reichen wir eine Visitenkarte über den Tisch, auf der stehen könnte: “Die einzige Therapeutin, die Sie je brauchen” (Filmzitat aus der Serie “Being Erica”). Oder: “Rufen Sie mich an, wenn Sie sich entschieden haben.” Sollten wir tatsächlich einen Klienten vor uns haben, der sich keine ganze Stunde unseres Angebotes leisten kann, kennt man aus verschiedenen Bereichen die Dienstleistung, die pro bono angeboten wird. Pro bono zu arbeiten steht uns frei und mindert nicht unsere Leistung, wie es Preisminderungen tun. Übrigens ist pro bono zu arbeiten auch nicht das Gleiche wie ein Ehrenamt auszuüben. Wenn wir unsere Fachkompetenz zur Förderung des Gemeinwohls einbringen – sagen wir als Therapeuten in einer Erstaufnahmestelle für geflüchtete Menschen – arbeiten wir pro bono publico und nicht als freiwillige Helfer.

Die Gabe ganz annehmen

Die Lösung scheint in dem zu stecken, was Eddie Morra am Ende des Films erklärt. Er hat es geschafft, die Droge abzusetzen und dennoch auf seine Fähigkeiten zuzugreifen, indem er sich bewusst gemacht hat, dass genau er diese Fähigkeiten besitzt. Indem er sich auf sie verlässt, stehen sie ihm zur Verfügung. Indem er wählt, sie zu haben, hat er sie. Das scheint magisch zu sein, aber dennoch kommt in diesem Actionfilm keine Spur von Magie vor. Der Gouverneur Eddie Morra kandidiert für das Präsidentenamt, indem er seine hochsensible Gabe als zu ihm gehörend annimmt und auslebt. Aber das müssen wir lernen.

Ich hatte vor kurzem den schwierigen Fall eines hochsensiblen Kindes an meinem Schreibort, das mir plötzlich in die Stimmung eines schwarzen Lochs zu entgleiten drohte. Mit dem Verstand und mit Logik kam ich an das Kind nicht ran. Was ich tat, war mir zu sagen: Du bist hochsensibel, jetzt fühl dich ganz ein, fühl ganz mit, fühl, was das Kind fühlt. Und auf einmal war wie ein Geistesblitz die Frage in mir, ob es sich bei dem Loch wirklich um ein Loch oder mehr um einen Berg handelt, in dem es sich genauso anfühlt, als sitze man in einem Loch. Und tatsächlich, so war es. Das Gute an einem Berg ist, dass man ihn besteigen kann, ihn umrunden, ihn abtragen. Man kann ihn auch beschreiben und sich erklären, in welcher Zeit er sich aufgebaut hat und woraus er besteht. Ich war so erleichtert und verneigte mich später vor dem Raum, in dem sich meine Gabe zeigen konnte. Anschließend war es mir ohne jede Diskussion möglich, meine Rechnungsstellung zu vertreten, obwohl ich es in der Person des Rechnungsempfängers mit einem Verhandlungsmeister und Sparfuchs zu tun hatte. Aber was ich per hochsensibler Intuition geschafft hatte, hatten hochbezahlte Professoren vorher nicht geschafft. Und darum blieb mein Preis unverhandelt, einfach, weil ich dachte, dass ich das absolut wert bin. Jeden Cent. Meine Gabe der Hochsensibilität, aus der jene Empfänglichkeit resultiert, die meine Arbeit besonders macht, ist es wert. Das sollte jede hochsensible Person von sich wissen und auch, welcher Teil der Hochsensibilität das ist, der so viel mehr wert ist, dass er eigentlich unbezahlbar ist.

 

Posted on 9. September 2016 in Hochsensibilität im Alltag

Share the Story

About the Author

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.